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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Ein guter Song


 

 
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FaithinClouds
Geschlecht:weiblichSchmierfink


Beiträge: 79
Wohnort: Südlich vom Norden


BeitragVerfasst am: 22.07.2021 11:20    Titel: Ein guter Song eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hallihallo! 😄
Ich habe schon einmal einen Text im Einstand gepostet. Die vorliegende Teilgeschichte will daran anknüpfen. Sie spielt 20 Jahre nach "Peek a boo" und soll der Auftakt zu einer größeren Story sein.
Grob gesagt: 15 Jahre nach dem Ende der Karriere der Punkband "Car Crash Century" taucht ein Mixtape aus den letzten Tagen der Gruppe auf. Lars begibt sich daraufhin auf einen Roadtrip nach Spanien und stellt sich der eigenen Vergangenheit. Der folgende Text hat ca. 3000 Wörter.

Ein guter Song

Old Boy, die Originalfassung.
Er liegt auf dem Teppich, sie kniet an seiner Seite und berührt sein Gesicht.
„Ja, wenn du allein bist, siehst du Ameisen. Die Leute die ich getroffen habe, die richtig einsamen, haben alle von Ameisen halluziniert“, sagt sie.
Sie blickt an ihm vorbei.
„Ameisen sind immer in einer Gruppe unterwegs, weißt du. Deswegen, glaube ich, müssen Menschen, die wirklich einsam sind, immer an sie denken.“


Lars hatte nicht gedacht, dass er einmal hier enden würde. Berlin war nie ein Sehnsuchtsort für ihn gewesen. Mit ihrem Dreck, ihrer Unhöflichkeit und ihrer zwanghaft jugendlichen Genusssucht, die das Wort Selbstzerstörung wie in einer Prozession vor sich hertrug, ließ die Stadt ihn manchmal daran glauben, dass Deutschland auf einem ganz anderen Planeten lag.
Und dann hatte sie sich in den vergangenen Jahren auch noch vollkommen gewandelt, der Industrial war einem leichteren Feierabendtechno gewichen, Ökoläden verdrängten das letzte bisschen alter BRD und das KaDeWe war nur noch etwas, über das man mit ironischer Beiläufigkeit zu reden begann, sobald man das Tempelhofer Feld passierte. Berlin war nicht mehr der Schmelztiegel, der es vor einigen Jahren gewesen war, und das letzte bisschen Anziehungskraft, das die Stadt besaß, speiste sich aus den Erzählungen der Überlebenden einer Zeit, die in den vernarbten Unterarmen und trüben Augen verlotterter, aus der Zeit gefallener Punks zu einer Erinnerung geworden war.
Die Stadt separierte sich inzwischen in klar abgrenzbare Zonen. Die Oberschicht zog in den Speckgürtel, in der Innenstadt lebten neureiche Yuppies und Medienmenschen und in den prekären Randbezirken warteten desillusionierte Jugendliche auf eine Fügung des Schicksals, spielten mit ihrem Leben, als sei es bloß ein weiterer blinkender Automat, wenn sie mit geleasten Sportwagen durch enge Straßen heizten, während die Summen, die sie für das bisschen Blech und Geschwindigkeit hergegeben hatten, ihnen gemeinsam mit der Zentrifugalkraft den Magen umdrehten.

Der Mai hatte vor einer Woche noch Schnee in die Straßen getrieben. Es war zu warm, als dass er liegen blieb und das Schmelzwasser verdunkelte den Asphalt und färbte Lars‘ Stimmung ebenso grau.
Als er nun in dem Café saß und auf die Straße starrte, spürte er eine Spannung auf seinen Wangen, die er, hätte er in diesem Moment in einen Spiegel geschaut, als Missstimmung gedeutet hätte.
Mit ironischer Ausdauer klammerte er sich an seine Jugend, kaufte Crèmes und Lotionen, die ihm auf irgendeine magische Weise das Alter aus dem Gesicht streichen sollten, doch im Grunde seines Herzens glaubte Lars nicht daran, dass sie den Tribut, den das viele Grübeln seiner jungen Erwachsenenjahre in den Runzeln seiner Stirn zu fordern schien, ausgleichen könnten.
Er schaute auf sein Smartphone und wartete. Die Kellnerin kam nach einiger Zeit, ihre aufgesetzte Langeweile passte nicht zu der Hektik, mit der sie die Kaffeetassen vor ihn auf den Tisch stellte. Im Inneren des Cafés roch es kalt wie in einer U-Bahnstation. Lars bedankte sich und zog die Tasse näher zu sich. Mit einem hellen Geräusch schabte die Keramik über den Tisch. Er wartete schon seit zehn Minuten.

Irgendwann sah er Robin aus dem hinteren Bereich des Cafés kommen, er lief betont lässig, versuchte möglichst nicht in Eile dabei zu geraten, wie es die Berliner in der Innenstadt immer taten, wenn sie sich von den Touristen und bemitleidenswerten Saisonkräften der Unterhaltungsindustrie abheben wollten.
„Sorry, ich hatte einen Anruf“, sagte Robin, als er sich setzte.
„Kein Problem, ich kenne das“, log Lars. Ihn rief schon seit Jahren niemand mehr an.
„Hast du lange gewartet?“
„Weiß ich nicht, es hat sich zumindest nicht so lange angefühlt.“
„Manche können das nicht.“
„Können was nicht?“
„Warten. Manche haben das nie gelernt, aber es gibt Dinge, auf die es sich zu warten lohnt, und wenn man dazu nicht bereit ist, verpasst man sie.“ Er lächelte Lars an, es war nur ein leichtes Heben seiner Lippen, ganz ausgewogen und Lars glaubte nicht daran, dass es etwas war, was er nicht auf der Schauspielschule gelernt hatte.
Der Nachmittag drückte sich schwer zwischen sie. Vor drei Monaten hatte Lars Robin auf einer Start-Up-Party kennengelernt. Das Unternehmen, das die Feier veranstaltet hatte, gab es schon nicht mehr. Robin sprach ihn zwischen Sekt und Housemusik auf seine Band an und Lars begann eine oberflächliche Unterhaltung, die er nur wegen der sichelförmigen, blauen Augen seines Gegenübers aufrechterhielt. Sie waren das einzige an ihm, das ihn erstaunte, ansonsten war sein Gesicht so ebenmäßig schön, dass man es schon vergaß, wenn man nur kurz wegschaute.

„Was denkst du?“, fragte Robin ihn nun, nachdem er einen Schluck von seinem Kaffee genommen hatte. Er verzog seine Lippen.
„Nicht viel. Ich erinnere mich in letzter Zeit einfach häufig.“
„Vielleicht ist das normal, wenn man so ein Leben wie du hatte.“
„Ja, kann sein, aber irgendwie macht es einem auch Angst.“
„Wovor?“
„Dass sonst nicht mehr viel kommt. Dass ich mein ganzes Leben in diesen paar Jahren gelebt habe, so als wäre all mein Recht zu was Neuem aufgebraucht.“
„Ich weiß nicht.“ Robin blickte zur Wand hinter Lars, fühlte sich gerade wahnsinnig schwer und wichtig. Er glaubte wahrscheinlich, dass alles, was er jetzt sagen würde, eine gewaltige Macht über den Moment hätte. „Ich glaube, so fühlt sich einfach jeder, der nicht mehr jung ist“, sagte er schließlich.
Lars wurde müde, seine Augen brannten und fühlten sich wund an. Obwohl nur ein Tisch zwischen ihnen war, die Platte kaum einen Meter breit, dachte er, dass sie so weit voneinander entfernt saßen, dass sie sich nicht einmal an ihren Armen fassen konnten.
Er könnte jetzt eine Szene machen, einen lächerlich ernsten Ausbruch veranstalten, und schmeckte schon beinahe die metallische Genugtuung, wenn er die Überraschung in Robins schmalen Zehnagelaugen sehen würde. Es hätte etwas Befreiendes, aber Lars schaffte es nicht. Er blieb inzwischen immer häufiger am Morgen in seinem Bett liegen und fühlte sich jedes Mal dabei fürchterlich jämmerlich, wenn er zwischen den muffigen Laken hindurch in den Raum sah, wo Staub in jedem Winkel in der Luft stand und ihm das Gefühl gab, an einem Ort zu sein, den niemand außer ihm mehr finden konnte.
Nur die Kranken durften sich so fühlen, durften so lange im Bett bleiben, bis ihnen die Beine schwach wurden, aber Lars war doch krank, er fühlte es wie eine Übelkeit, die sich nicht nur in seinen Magen, sondern überall in seinen Körper drückte, in seine Muskeln, seinen sauren Atem, bis in seinen Kopf, wo alles mit einem Mal rotierte, als habe er sich sein ganzes Leben lang nur um sich selbst gedreht und spüre nun, da er still stand, diese Bewegung als Nachbild in den Kinetosen seines Gleichgewichtsorgans.
„Was ist?“, fragte Robin ihn, die Sorge in seinem Blick sah beinahe echt aus. Vielleicht war sie es sogar.
„Ich bin einfach müde. Ich bin in letzter Zeit immer so müde.“
„Das klingt nicht gut.“
„Das fühlt sich auch nicht gut an.“
„Warst du deswegen mal bei einem Arzt?“
„Fast. Ich hab’s dann aber sein gelassen.“
Sie sagten nichts, die Kellnerin kam an ihren Tisch und fragte, ob sie ihnen noch etwas bringen könne.
„Nein, danke“, sagte Robin. Sie wollten beide, dass es jetzt endete.
Sie wandte sich an Lars. „Ich weiß, das sagt man Ihnen wahrscheinlich viel zu oft, aber als ich sechzehn war, habe ich alle Songs auf „The last good days in Castle Rock“ rauf und runter gehört.“
„Das ist wahrscheinlich auch das einzige Alter, wo das irgendeinen Sinn macht.“
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ihr habt mir geholfen, als ich verliebt und traurig war.“
„Ja, manchmal ist das dasselbe.“ Er schaute durch das große Fenster zur Straße hinaus, ein müdes Halblicht trudelte ins Innere und bleichte die Häute der Cafébesucher. „Ich habe nicht gedacht, dass Sie schon so alt sind.“
Die Kellnerin lächelte ihn fragend an. „Was meinst du?“
„Wenn Sie damals sechzehn waren, müssten Sie jetzt um die dreißig sein.“
Sie lachte heiter auf, ihre Stimme war klar und ließ Lars an den Bach aus der Bierwerbung denken.
„Ich bin zweiundzwanzig, eure Lieder habe ich erst gehört, als es euch schon gar nicht mehr gab.“
Er wandte seinen Blick ab. Plötzlich kam sie ihm so jung vor, dass er sie nicht mehr ansehen konnte.
„Ich hab nie geglaubt, dass irgendwas davon auch nur ein Jahr danach noch relevant sein könnte. Es war ein furchtbar schnelllebiges Geschäft. Ist es immer noch.“
„Ich weiß nicht“, sagte die Frau. „Ein guter Song ist ein guter Song.“

Auf der Straße verabschiedeten sich Robin und Lars, ohne dass sie viel zu sagen hatten, der Wind zerrte an ihren Kleidern wie ein forderndes Kleinkind, das Klirren von Gläsern und Besteck drang noch aus der geöffneten Tür des Cafés vor ihnen und sie beide fühlten sich darin bestätigt, dass die Welt auch dann weiterlief, wenn sie keinen Platz mehr darin einnahmen.

Lars nahm den längeren Weg zu seiner Wohnung. Es würde bald regnen, der Himmel war eine einzige, hellgraue Wolke und das Ozon lag mit dem Geruch einer Batterie in der Luft.
Seine ledernen Slippers klopften über den Bürgersteig und er fühlte die Härte des Steins durch die dünne Sohle hindurch in seinen Knöcheln pochen.
Das mit Robin war nichts Ernstes. Sie wussten beide, dass ihre gelegentlichen Dates und Kurzbesuche, diese undeutlichen Spannungen in dunklen Räumen, die sich immer seltener in flüchtigen Ficks entluden, nicht ausreichten, um mehr daraus zu machen. Wenn sie nebeneinander lagen, hatten sie sich nichts zu sagen, fürchteten beinahe, dass ihre Worte nur gestohlenes Gut waren, das sich, einmal ausgesprochen, nie wieder zurücknehmen lassen würde.
Wenn Lars, noch den Geruch von Robin in seinen Kleidern tragend, nach Hause kam, konnte er nahezu niedergeschlagen werden, wenn er daran dachte, dass er einen weiteren Tag an jemanden verschwendet hatte, der ihn schon nach dem Schließen seiner Wohnungstür vergessen hatte. Er war sich sicher, dass Robin auf irgendwelchen Partys und Eröffnungsgalas nach jenem unerhörten vierten Glas davon erzählte, dass er gerade diesen Kerl von „Car Crash Century“ datete, und es machte Lars ganz krank, wenn er in seinem leeren Zimmer darüber nachdachte, was man über ihn sagen würde, diese ewig dummen Sätze über vergangenen Ruhm und Jugend, in die sich neben dem verbissenen Hohn auch immer die Traurigkeit über die eigenen verstrichenen Chancen früherer Tage mischten.

Lars bog in einen Park ein, es war ein Umweg und vielleicht wollte er wirklich sein Glück prüfen, schauen, ob der Himmel tatsächlich halten würde.
Der Stoff seiner Hose rieb an seinen Schienbeinen, als der Wind an ihm zog, und er stemmte sich gegen seinen unsichtbaren Druck, lief zügig dagegen an wie ein Mann, der etwas ungeliebt Zurückgelassenes vergessen wollte.

Der Park war leer, die Besucher hatten sich in Erwartung des Regens zurückgezogen. Zu seiner Rechten ließ sich eine Gruppe Stockenten in einen Teich fallen. Sie flatterten mit ihren Flügeln, so wie man einen Regenschirm nach dem Heimkommen ausschüttelt.
Der Kies zu seinen Füßen war dunkel von den langen Schatten, die die Nadelbäume im müden Licht warfen. Der Himmel war so nichtssagend leer, dass man gar nicht erkennen konnte, ob es wirklich regnen würde, und Lars ahnte, dass er diesen Tag nicht erinnern würde, wenn nicht jeden Moment etwas Ungeheuerliches geschehe.
Ein metallischer Duft wie von Safran lag in der Luft, Lars spürte die Bedeutungslosigkeit des Tages in dem zitternden Grau der gesamten Stadt, die Zeit stand für einen Moment still und verdunkelte die Ränder seines Blickfeldes. Es schien mit einem Mal alles so furchtbar fest und vorherbestimmt, so als sei die ganze Welt dickes, grünes Glas, das das Licht der Sonne bleiern beschwerte, und er versuchte, sich an den letzten Zeitpunkt zu erinnern, da er sich so jung gefühlt hatte, dass er sich kaum hatte vorstellen können, es würde irgendwann anders sein.

Vielleicht war es in San Francisco gewesen, 2017, die vorletzte Station ihrer ersten und einzigen USA-Tour. Sam weckte sie damals ganz früh, das Hotel lag noch leer und ruhig im Sommermorgen da.
„Was ist?“, fragte Lars, verschlafen im Türrahmen seines Zimmers stehend, nachdem er auf Sams Klopfen hin geöffnet hatte. Seine Boxershorts hingen weit an seinen Oberschenkeln herab.
„Komm einfach“, sagte Sam nur.
Sie zogen sich an, für ein Frühstück blieb keine Zeit und Lars entschied sich beinahe dazu, in den nächsten Stunden seinen Missmut darüber wie eine Maske im Gesicht zu tragen, denn manchmal war es das wirklich: eine bewusste Entscheidung.
Als sie am Ford Point ankamen, jener klobigen Festung, vor der schon Kim Novak ihren Tod in Alfred Hitchcocks Vertigo zu inszenieren versuchte, ging gerade die Sonne auf und das Rot der Golden Gate Bridge glitzerte purpurn in ihrem niedrigen Licht. Sie schwiegen so lange in den Tag hinein, dass sie sich gegenseitig vergaßen. Lars fühlte sich leicht, lächerlich leicht wie ein Seevogel, so als seien seine Knochen ebenso hohl, als er hinaussah, seinen Blick wie einen Ballon losließ und zu einem unbestimmten Punkt in die Fluten schickte. Die Brandung schäumte an den Felsen unter ihnen und rauschte wie Wind in einem ungeschützten Mikrofon und er glaubte, dass hier gerade etwas geschah, für das ihm später die Worte fehlen würden.
Der Wind nahm ihre Haare auf und blies sie ihnen ins Gesicht. Lars lachte und wusste nicht einmal warum. Es reichte ihm, hier am Rand des Wassers zu stehen und am Leben zu sein. Er spürte seinen Herzschlag zwischen dem Herantreten der Wellen bis in seinen Hals pochen und fürchtete bereits den Moment, da das alles vorbei sein würde.

Kurz blieb er stehen. Er befand sich nun auf halber Höhe der Allee. Hinter den lockeren Ästen einer Platane sah er die bräunliche Fassade eines Altbaus, auf einem der Balkone stand ein gelber, durch die Sonne vergangener Sommer ausgebleichter Schirm. Es schien alles so trostlos, kaum aufzubrechen und Lars stand regungslos inmitten des Parks und kam sich vor wie ein aus einem Kinderwagen fallengelassenes Stofftier.
Als das Smartphone in seiner Hosentasche klingelte, bemerkte er es anfangs kaum. Irgendwie glaubte Lars nicht daran, dass ihn hier überhaupt jemand erreichen konnte.
Als er an den Hörer ging, grüßte ihn eine helle Frauenstimme.
„Hallo, bin ich mit Lars verbunden?“
„Ja, sind Sie.“
Sie schwieg einen Moment.
„Ich bin’s, Emily, von der Plattenfirma.“
Lars lachte, die Leere des Parks schluckte das Geräusch wie ein Baumwolltuch.
„Scheiße, dich gibt’s noch?“, fragte er.
„Uns gibt es alle noch“, sagte sie und er stellte sich vor, wie sie dabei ihre geschminkten Lippen schürzte. „Nur, weil es euch nicht mehr gibt, heißt das nicht, dass das für alle anderen auch gilt. Meine Schäfchen sind noch nicht im Trockenen.“
Lars schaute zum Himmel hinauf, wie man unter Wasser manchmal zur schäumenden Brandung aufschaut. „Keine Sorge, es wird heute nicht regnen“, sagte er. Dann: „Ich hätte nicht gedacht, dass du das so lange noch machen würdest.“
„Irgendwas muss man machen.“
„Ja, aber bei uns sind fünf Jahre wie fünfhundert.“
„Nur für euch Musiker, für alle anderen geht das alles beschissen langsam.“ Sie schwiegen, als sie aneinander dachten.
Irgendwann sagte sie: „Die Kollegen aus Spanien haben Aufnahmen gefunden, von Sam.“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir damals viel aufgenommen haben.“
„Tom haben wir schon angerufen, aber der will nichts davon wissen.“
„Ich hab ihn lange nicht mehr gesprochen, er schickt manchmal was zu Weihnachten.“ Er schnaubte leise. „Eigentlich ist es eher Sarah, die was schickt. Er unterschreibt nur die Karten.“
„Lars, wir brauchen jemanden von euch, der sich die Tapes anschaut, ein bisschen aussortiert, was brauchbar ist und was nicht.“
„Viel Auswahl habt ihr nicht mehr“, sagte Lars und lachte hohl.
„Würdest du für uns hinfliegen? Wir übernehmen die Fahrtkosten und alles.“
„Ich fliege nicht mehr.“
Er hörte sie durch den Hörer hindurch ausatmen.
„Bist du auf einmal in die Riege der Weltretter eingegangen?“, fragte Emily und Lars glaubte, ihren Worten anhören zu können, dass sie sie lächelnd gesagt hatte.
„Nein, ich habe nur Angst vor dem Fliegen.“ Er schnaubte laut genug, dass Emily es durch das Telefon hören konnte. „Komisch, vielleicht gibt es auch dafür ein Alter.“
„Was?“
„Es gibt für alles ein richtiges Alter. Und vielleicht ist das fürs Fliegen schon vorbei.“
„Du kannst auch fahren. Es ist nicht so weit von Berlin.“
„Ich bin seit Jahren kein Auto mehr gefahren, zumindest nicht selbst.“
„Das verlernt man nicht, keine Sorge.“
„Na ja, ich habe es aber auch nie richtig gekonnt.“
„Lars-“
Er unterbrach sie. „Ich weiß, du hast dir das anders vorgestellt, Emily, aber Tom hat recht, es ist vorbei für uns. Was erwartet ihr denn, was ihr dort finden werdet? Sam war total am Ende zu der Zeit. Es wird nichts Brauchbares dabei sein.“ Noch immer hielten die Wolken seinen Blick. „Manchmal glaube ich, wir haben nie etwas Brauchbares gemacht.“
„Du nimmst dich ganz schön wichtig, Lars.“
„Ich war ja auch Rockstar, da gehört das dazu.“
„Es hängen ein paar Stellen davon ab, dass du runterfährst. Meinetwegen kannst du auch zu Fuß auf dem fucking Jakobsweg gehen. Vielleicht kommt dann ja wenigstens noch irgendein beschissen langweiliges Selbstfindungsbuch dabei raus, aber bitte schau dir diese Tapes an.“ Sie war inzwischen ungeduldig, ihre Stimme klang unglaublich müde und entfernt.
„Ich hab seit zwei Jahren nichts mehr von euch gehört, Em. Ich bin jedem egal inzwischen. Und jetzt auf einmal rufst du mich an und willst irgendwas von mir?“
„Die wollen was zu eurem fünfzehnten Jubiläum machen. Ein Mixtape vielleicht. Damit sich die alten Sachen noch mal verkaufen. So wie damals, als die Vice-Doku rauskam.“
„Danke, die Erinnerung hätte ich nicht gebraucht.“
Emily seufzte. „Wirst du’s tun? Sag’s einfach. Ja oder nein?“
Er wartete eine Weile. „Ja.“
Sie dankte ihm. „Wann kannst du los?“
„Wann ich will. Ich habe nichts, was mich hält.“
„Das ist gut.“
„Für euch vielleicht.“ Lars zögerte. „Denkst du noch manchmal an früher?“
„Nur wenn ich dafür bezahlt werde.“
„Ernsthaft jetzt.“
Emily schwieg.
„Ja, doch schon“, sagte sie. „Immerhin war ich auch noch ganz neu.“
„Wir sind zusammen alt geworden.“
Sie lachte. „Vielleicht auch nur du.“
„Du mich auch.“

-

Danke fürs Lesen (wenn ihr denn so weit gekommen seid). Ich hoffe, die Geschichte hat euch gefallen und ich freue mich auf jegliche Form von konstruktiver Kritik.
Habt eine schöne Woche!😺

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UtherPendragon
Eselsohr


Beiträge: 359



BeitragVerfasst am: 23.07.2021 15:02    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe*r FaithinClouds,

was soll ich lügen: Ich liebe es.

10/10 für die Beschreibung Berlins, allein die städtische Atmosphäre ist großartig aufgefangen. Sobald es philosophisch wird, denke ich nach einigen Zeilen, gleich sei es zu dick aufgetragen, aber Du schaffst m.E: jedes Mal den Absprung.
Das einzige, was mich etwas gestört hat ist, dass die Dialoge in ihrem Realismus mit dem Rest der Story noch nicht ganz mithalten können. Manche flapsige Antworten erscheinen mir zu bemüht, manchmal merke ich, dass der Austausch vor allem dem Storytelling dienen soll - dies jedenfalls mein subjektiver Eindruck.
Ich hoffe, ich finde die Tage mal Zeit zu einer konstruktiven Kritik - aber selbst wenn nicht, wollte ich diesen ersten Eindruck schon einmal zurücklassen.
Das ist wirklich gute Lauge hier.

Edit: Dein Text hat es nicht nötig, dass du einzelne Worte (fucking) fett schreibst. Ich find das voll unnötig.

Chapeau
UP


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Calvin Hobbs
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BeitragVerfasst am: 23.07.2021 21:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile
Der Text gefällt mir gut, denn er hat etwas dreckiges, kaputtes und sehr melancholisches.
Ich würde gern weiterlesen smile
MfG


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FaithinClouds
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BeitragVerfasst am: 24.07.2021 14:32    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@UhtherPendragon,

Hey,

danke für das Lob 👍 Es freut mich, dass dir der Text gefallen hat. Ich fände es echt hilfreich, wenn du mir noch ein bisschen konstruktiver Rückmeldung geben würdest (ich weiß aber, dass das auch zeitaufwändig ist und kann nur darum bitten, es aber nicht verlangen 😅). Gerade was deine Kritik bezüglich der Dialoge anbelangt.

Meine Absicht war eigentlich nirgends, dass es "philosophisch" wird, aber wenn das der Eindruck ist, der entsteht, ist das vielleicht auch in Ordnung.

Danke für deine erste Rückmeldung jedenfalls.😄

Hab ein schönes Wochenende!
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FaithinClouds
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Beiträge: 79
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BeitragVerfasst am: 24.07.2021 14:38    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Calvin Hobbs
Hey 👋,

danke auch dir für das Lob. Es ist schön, wenn das, was man glaubt, zu sagen zu haben, auch anderen was wert ist.

Bezüglich des Weiterlesens: Ich schreibe die Story weiter und stelle gegebenenfalls etwas davon rein (vielleicht auch unter einem anderen Thread hier, wenn ich für mich beschlossen haben werde, wie lange die Geschichte werden soll).

Ich weiß es zu schätzen, dass du mir zumindest eine kurze Rückmeldung geben wolltest. 👍 Ich bin hier aber nicht nur, um gebauchpinselt zu werden xD. Wenn du etwas zu kritisieren hast, kannst du das auch jetzt schon gerne machen.
Auch dir ein schönes Restwochenende!😺
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Calvin Hobbs
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BeitragVerfasst am: 24.07.2021 16:06    Titel: Antworten mit Zitat

Joa, anhand meiner anderen Beiträge hier im Forum, kannst Du sehen, dass ich gern und ausführlich meinen Senf zu verschiedenen Beiträgen gebe.
Zu obigem Text fällt mir nur ein: Für meinen Geschmack hast Du alles richtig gemacht smile
MfG


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DLurie
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BeitragVerfasst am: 24.07.2021 21:43    Titel: Re: Ein guter Song Antworten mit Zitat

Hallo FaithinClouds,

Kompliment auch von mir. Sehr gerne gelesen.  
Ich habe mir ca. 2/3 des Textes genauer angeschaut und einige Dinge angemerkt, die ich anders machen würde.  Vielleicht ist ja etwas dabei,  was dir sinnvoll erscheint.

LG
Dlurie



FaithinClouds hat Folgendes geschrieben:

Ein guter Song
...

Der Mai hatte vor einer Woche noch Schnee in die Straßen getrieben. Es war zu warm, als dass er liegen blieb  (um liegen zu bleiben) und das Schmelzwasser verdunkelte den Asphalt und färbte Lars‘ Stimmung ebenso grau.
Als er nun in dem Café saß und auf die Straße starrte, spürte er eine Spannung auf seinen Wangen, die er, hätte er in diesem Moment in einen Spiegel geschaut, als Missstimmung gedeutet hätte.
(Warum gedeutet? Im Absatz davor, sagst du doch klar, dass seine Stimmung grau ist)
Mit ironischer Ausdauer klammerte er sich an seine Jugend, kaufte Crèmes und Lotionen, die ihm auf irgendeine magische Weise das Alter aus dem Gesicht streichen sollten, doch im Grunde seines Herzens glaubte Lars nicht daran, dass sie den Tribut, den das viele Grübeln seiner jungen Erwachsenenjahre in den Runzeln seiner Stirn zu fordern schien ( das finde ich echt zu kompliziert, das kannst du besser!), ausgleichen könnten.
Er schaute auf sein Smartphone und wartete. Die Kellnerin kam nach einiger Zeit, ihre aufgesetzte Langeweile passte nicht zu der Hektik, mit der sie die Kaffeetassen vor ihn auf den Tisch stellte. Im Inneren des Cafés roch es kalt wie in einer U-Bahnstation. Lars bedankte sich und zog die Tasse näher zu sich. Mit einem hellen Geräusch schabte die Keramik über den Tisch. Er wartete schon seit zehn Minuten.

Irgendwann sah er Robin aus dem hinteren Bereich des Cafés kommen, er lief betont lässig, versuchte möglichst nicht in Eile dabei zu geraten, wie es die Berliner in der Innenstadt immer taten, wenn sie sich von den Touristen und bemitleidenswerten Saisonkräften der Unterhaltungsindustrie abheben wollten.
„Sorry, ich hatte einen Anruf“, sagte Robin, als er sich setzte.
„Kein Problem, ich kenne das“, log Lars. Ihn rief schon seit Jahren niemand mehr an.
„Hast du lange gewartet?“
„Weiß ich nicht, es hat sich zumindest nicht so lange angefühlt.“
„Manche können das nicht.“
„Können was nicht?“
„Warten. Manche haben das nie gelernt, aber es gibt Dinge, auf die es sich zu warten lohnt, und wenn man dazu nicht bereit ist, verpasst man sie.“ Er lächelte Lars an, es war nur ein leichtes Heben seiner Lippen, ganz ausgewogen (professionell?) und Lars glaubte nicht daran, dass es etwas war, was er nicht auf der Schauspielschule gelernt hatte. (Vielleicht unkomplizierter:  Wahrscheinlich haben sie ihm dieses Lächeln auf der Schauspielschule beigebracht, dachte er.)Der Nachmittag drückte sich schwer zwischen sie. (?) Vor drei Monaten hatte Lars Robin auf einer Start-Up-Party kennengelernt. Das Unternehmen, das die Feier veranstaltet hatte, gab es schon nicht mehr. Robin sprach ihn zwischen Sekt und Housemusik auf seine Band an und Lars begann eine oberflächliche Unterhaltung, die er nur wegen der sichelförmigen, blauen Augen seines Gegenübers aufrechterhielt. Sie waren das einzige an ihm, das ihn erstaunte, ansonsten war sein Gesicht so ebenmäßig schön, dass man es schon vergaß, wenn man nur kurz wegschaute.

„Was denkst du?“, fragte Robin ihn nun, nachdem er einen Schluck von seinem Kaffee genommen hatte. Er verzog seine Lippen.
„Nicht viel. Ich erinnere mich in letzter Zeit einfach häufig.“
„Vielleicht ist das normal, wenn man so ein Leben wie du hatte.“
„Ja, kann sein, aber irgendwie macht es einem auch Angst.“
„Wovor?“
„Dass sonst nicht mehr viel kommt. Dass ich mein ganzes Leben in diesen paar Jahren gelebt habe, so als wäre all mein Recht zu was Neuem aufgebraucht.“
„Ich weiß nicht.“ Robin blickte zur Wand hinter Lars, fühlte sich gerade wahnsinnig schwer und wichtig. (Perspektivwechsel?) Er glaubte wahrscheinlich, dass alles, was er jetzt sagen würde, eine gewaltige Macht über den Moment hätte. „Ich glaube, so fühlt sich einfach jeder, der nicht mehr jung ist“, sagte er schließlich.
Lars wurde müde, seine Augen brannten und fühlten sich wund an. Obwohl nur ein Tisch zwischen ihnen war, die Platte kaum einen Meter breit, dachte er, dass sie so weit voneinander entfernt saßen, dass sie sich nicht einmal an ihren Armen fassen konnten.(Hier könntest du dir das dachte er m.E. sparen)   
Er könnte jetzt eine Szene machen, einen lächerlich ernsten Ausbruch veranstalten, und schmeckte schon beinahe die metallische Genugtuung, wenn er die Überraschung in Robins schmalen Zehnagelaugen sehen würde. Es hätte etwas Befreiendes, aber Lars schaffte es nicht. Er blieb inzwischen immer häufiger am Morgen in seinem Bett liegen und fühlte sich jedes Mal dabei fürchterlich jämmerlich, wenn er zwischen den muffigen Laken hindurch in den Raum sah, wo Staub in jedem Winkel in der Luft stand und ihm das Gefühl gab, an einem Ort zu sein, den niemand außer ihm mehr finden konnte.
Nur die Kranken durften sich so fühlen, durften so lange im Bett bleiben, bis ihnen die Beine schwach wurden, aber Lars war doch krank, er fühlte es wie eine Übelkeit, die sich nicht nur in seinen Magen, sondern überall in seinen Körper drückte, in seine Muskeln, seinen sauren Atem, bis in seinen Kopf, wo alles mit einem Mal rotierte, als habe er sich sein ganzes Leben lang nur um sich selbst gedreht und spüre nun, da er still stand, diese Bewegung als Nachbild in den Kinetosen (musste ich googlen) seines Gleichgewichtsorgans.
„Was ist?“, fragte Robin ihn, die Sorge in seinem Blick sah beinahe echt aus. Vielleicht war sie es sogar.
„Ich bin einfach müde. Ich bin in letzter Zeit immer so müde.“
„Das klingt nicht gut.“
„Das fühlt sich auch nicht gut an.“
„Warst du deswegen mal bei einem Arzt?“
„Fast. Ich hab’s dann aber sein gelassen.“
Sie sagten nichts( schwiegen), die Kellnerin kam an ihren Tisch und fragte, ob sie ihnen noch etwas bringen könne.
„Nein, danke“, sagte Robin. Sie wollten beide, dass es jetzt endete.
Sie wandte sich an Lars. „Ich weiß, das sagt man Ihnen wahrscheinlich viel zu oft, aber als ich sechzehn war, habe ich alle Songs auf „The last good days in Castle Rock“ rauf und runter gehört.“
„Das ist wahrscheinlich auch das einzige Alter, wo das irgendeinen Sinn macht.“
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ihr habt mir geholfen, als ich verliebt und traurig war.“
„Ja, manchmal ist das dasselbe.“ Er schaute durch das große Fenster zur Straße hinaus, ein müdes Halblicht trudelte ins Innere und bleichte die Häute der Cafébesucher. „Ich habe nicht gedacht, dass Sie schon so alt sind.“
Die Kellnerin lächelte ihn fragend an. „Was meinst du?“
„Wenn Sie damals sechzehn waren, müssten Sie jetzt um die dreißig sein.“
Sie lachte heiter auf, ihre Stimme war klar und ließ Lars an den Bach aus der Bierwerbung denken.
„Ich bin zweiundzwanzig, eure Lieder habe ich erst gehört, als es euch schon gar nicht mehr gab.“
Er wandte seinen Blick ab. Plötzlich kam sie ihm so jung vor, dass er sie nicht mehr ansehen konnte.
„Ich hab nie geglaubt, dass irgendwas davon auch nur ein Jahr danach noch relevant sein könnte. Es war ein furchtbar schnelllebiges Geschäft. Ist es immer noch.“
„Ich weiß nicht“, sagte die Frau. „Ein guter Song ist ein guter Song.“

Auf der Straße verabschiedeten sich Robin und Lars, ohne dass sie viel zu sagen hatten, der Wind zerrte an ihren Kleidern wie ein forderndes Kleinkind, das Klirren von Gläsern und Besteck drang noch aus der geöffneten Tür des Cafés vor ihnen und sie beide fühlten sich darin bestätigt, dass die Welt auch dann weiterlief, wenn sie keinen Platz mehr darin einnahmen.

Lars nahm den längeren Weg zu seiner Wohnung. Es würde bald regnen, der Himmel war eine einzige, hellgraue Wolke und das Ozon lag mit dem Geruch einer Batterie in der Luft.
Seine ledernen Slippers klopften über den Bürgersteig und er fühlte die Härte des Steins durch die dünne Sohle hindurch in seinen Knöcheln pochen.
Das mit Robin war nichts Ernstes. Sie wussten beide, dass ihre gelegentlichen Dates und Kurzbesuche, diese undeutlichen (diffusen?)  Spannungen in dunklen Räumen, die sich immer seltener in flüchtigen Ficks entluden, nicht ausreichten, um mehr daraus zu machen. Wenn sie nebeneinander lagen, hatten sie sich nichts zu sagen, fürchteten beinahe, dass ihre Worte nur gestohlenes Gut waren, das sich, einmal ausgesprochen, nie wieder zurücknehmen lassen würde.
Wenn Lars, noch den Geruch von Robin in seinen Kleidern tragend, nach Hause kam, konnte er nahezu niedergeschlagen werden, wenn er daran dachte, dass er einen weiteren Tag an jemanden verschwendet hatte, der ihn schon nach dem Schließen seiner Wohnungstür vergessen hatte. Er war sich sicher, dass Robin auf irgendwelchen Partys und Eröffnungsgalas nach jenem unerhörten vierten Glas (?) davon erzählte, dass er gerade diesen Kerl von „Car Crash Century“ datete, und es machte Lars ganz krank, wenn er in seinem leeren Zimmer darüber nachdachte, was man über ihn sagen würde, diese ewig dummen Sätze über vergangenen Ruhm und Jugend, in die sich neben dem verbissenen(m) Hohn auch immer die Traurigkeit über die eigenen verstrichenen Chancen früherer Tage mischten.

Lars bog in einen Park ein, es war ein Umweg und vielleicht wollte er wirklich sein Glück prüfen, schauen, ob der Himmel tatsächlich halten würde.
Der Stoff seiner Hose rieb an seinen Schienbeinen, als der Wind an ihm zog, und er stemmte sich gegen seinen unsichtbaren Druck, lief zügig dagegen an wie ein Mann, der etwas ungeliebt Zurückgelassenes vergessen wollte.

Der Park war leer, die Besucher hatten sich in Erwartung des Regens zurückgezogen. Zu seiner Rechten ließ sich eine Gruppe Stockenten in einen Teich fallen. Sie flatterten mit ihren Flügeln, so wie man einen Regenschirm nach dem Heimkommen ausschüttelt.
Der Kies zu seinen Füßen war dunkel von den langen Schatten, die die Nadelbäume im müden Licht warfen. Der Himmel war so nichtssagend leer, dass man gar nicht erkennen konnte, ob es wirklich regnen würde, und Lars ahnte, dass er diesen Tag nicht erinnern würde, wenn nicht jeden Moment etwas Ungeheuerliches geschehe.
Ein metallischer Duft wie von Safran(?) lag in der Luft, Lars spürte die Bedeutungslosigkeit des Tages in dem zitternden Grau der gesamten Stadt, die Zeit stand für einen Moment still und verdunkelte die Ränder seines Blickfeldes. Es schien mit einem Mal alles so furchtbar fest und vorherbestimmt, so als sei die ganze Welt dickes, grünes Glas, das das Licht der Sonne bleiern beschwerte, und er versuchte, sich an den letzten Zeitpunkt zu erinnern, da er sich so jung gefühlt hatte, dass er sich kaum hatte vorstellen können, es würde irgendwann anders sein.

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FaithinClouds
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BeitragVerfasst am: 25.07.2021 22:25    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@DLurie

Hey 😄

danke für die Vorschläge. Einiges davon werde ich ändern. Bevor ich den Text dann überarbeitet hier reinstelle, würde ich aber noch ein bisschen abwarten, ob vielleicht noch mehr Sachen eintrudeln.

Ich freue mich, dass du den Text so weit gelesen hast und dass er dir im Großen und Ganzen gefallen hat.

Hab eine schöne Woche!😸
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FaithinClouds
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BeitragVerfasst am: 02.08.2021 20:05    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hey 😄

ich habe jetzt noch ein bisschen abgewartet, ob noch etwas reinkommt, und wusste auch nicht, ob ich den überarbeiteten Text reinstellen soll, weil ich das bei meinem Einstand auch gemacht hab und dann wahrscheinlich einfach zu viel Fortsetzung drin war.

Ich danke euch auf jeden Fall: @UtherPendragon, @DLurie und @Calvin Hobbs fürs Lesen meines Textes und für die Tipps!

Einiges habe ich übernommen. Ich hab die Überarbeitungen markiert. An der eigentlichen Story ändert sich ja nix dadurch, also müsst ihr den nicht ganz lesen 😅.


Ein guter Song

Old Boy, die Originalfassung.
Er liegt auf dem Teppich, sie kniet an seiner Seite und berührt sein Gesicht.
„Ja, wenn du allein bist, siehst du Ameisen. Die Leute die ich getroffen habe, die richtig einsamen, haben alle von Ameisen halluziniert“, sagt sie.
Sie blickt an ihm vorbei.
„Ameisen sind immer in einer Gruppe unterwegs, weißt du. Deswegen, glaube ich, müssen Menschen, die wirklich einsam sind, immer an sie denken.“


Lars hatte nicht gedacht, dass er einmal hier enden würde. Berlin war nie ein Sehnsuchtsort für ihn gewesen. Mit ihrem Dreck, ihrer Unhöflichkeit und ihrer zwanghaft jugendlichen Genusssucht, die das Wort Selbstzerstörung wie in einer Prozession vor sich hertrug, ließ die Stadt ihn manchmal daran glauben, dass Deutschland auf einem ganz anderen Planeten lag.
Und dann hatte sie sich in den vergangenen Jahren auch noch vollkommen gewandelt, der Industrial war einem leichteren Feierabendtechno gewichen, Ökoläden verdrängten das letzte bisschen alter BRD und das KaDeWe war nur noch etwas, über das man mit ironischer Beiläufigkeit zu reden begann, sobald man das Tempelhofer Feld passierte. Berlin war nicht mehr der Schmelztiegel, der es vor einigen Jahren gewesen war, und das letzte bisschen Anziehungskraft, das die Stadt besaß, speiste sich aus den Erzählungen der Überlebenden einer Zeit, die in den vernarbten Unterarmen und trüben Augen verlotterter, aus der Zeit gefallener Punks zu einer Erinnerung geworden war.
Die Stadt separierte sich inzwischen in klar abgrenzbare Zonen. Die Oberschicht zog in den Speckgürtel, in der Innenstadt lebten neureiche Yuppies und Medienmenschen und in den prekären Randbezirken warteten desillusionierte Jugendliche auf eine Fügung des Schicksals, spielten mit ihrem Leben, als sei es bloß ein weiterer blinkender Automat, wenn sie mit geleasten Sportwagen durch enge Straßen heizten, während die Summen, die sie für das bisschen Blech und Geschwindigkeit hergegeben hatten, ihnen gemeinsam mit der Zentrifugalkraft den Magen umdrehten.

Der Mai hatte vor einer Woche noch Schnee in die Straßen getrieben. Es war zu warm, als dass er liegen blieb (die um zu-Konstruktion geht hier leider nicht, weil solche Kontruktionen erfordern, dass Subjekt von Haupt- und Nebensatz übereinstimmen) und das Schmelzwasser verdunkelte den Asphalt und färbte Lars‘ Stimmung ebenso grau.
Als er nun in dem Café saß und auf die Straße starrte, spürte er eine Spannung auf seinen Wangen, die sein Gesicht zu einer missmutigen Miene verhärtete.
Mit ironischer Ausdauer klammerte er sich an seine Jugend, kaufte Crèmes und Lotionen, die ihm auf magische Weise das Alter aus dem Gesicht streichen sollten, doch im Grunde glaubte Lars nicht daran, dass sie den Tribut ausgleichen könnten, den das viele Grübeln seiner jungen Erwachsenenjahre in den Runzeln seiner Stirn zu fordern schien. (hier habe ich das Prädikat vorgezogen, damit der Hauptsatz nicht durch den Nebensatz unterbrochen wird)
Er schaute auf sein Smartphone und wartete. Die Kellnerin kam nach einiger Zeit, ihre aufgesetzte Langeweile passte nicht zu der Hektik, mit der sie die Kaffeetassen vor ihn auf den Tisch stellte. Im Inneren des Cafés roch es kalt wie in einer U-Bahnstation. Lars bedankte sich und zog die Tasse näher zu sich. Mit einem hellen Geräusch schabte die Keramik über den Tisch. Er wartete schon seit zehn Minuten.

Irgendwann sah er Robin aus dem hinteren Bereich des Cafés kommen, er lief betont lässig, versuchte möglichst nicht in Eile dabei zu geraten, wie es die Berliner in der Innenstadt immer taten, wenn sie sich von den Touristen und bemitleidenswerten Saisonkräften der Unterhaltungsindustrie abheben wollten.
„Sorry, ich hatte einen Anruf“, sagte Robin, als er sich setzte.
„Kein Problem, ich kenne das“, log Lars. Ihn rief schon seit Jahren niemand mehr an.
„Hast du lange gewartet?“
„Weiß ich nicht, es hat sich zumindest nicht so lange angefühlt.“
„Manche können das nicht.“
„Können was nicht?“
„Warten. Manche haben das nie gelernt, aber es gibt Dinge, auf die es sich zu warten lohnt, und wenn man dazu nicht bereit ist, verpasst man sie.“ Er lächelte Lars an, es war nur ein leichtes Heben seiner Lippen, ganz ausgewogen und Lars glaubte nicht daran, dass es etwas war, was er nicht auf der Schauspielschule gelernt hatte.
Der Nachmittag drückte sich schwer zwischen sie. Vor drei Monaten hatte Lars Robin auf einer Start-Up-Party kennengelernt. Das Unternehmen, das die Feier veranstaltet hatte, gab es schon nicht mehr. Robin sprach ihn zwischen Sekt und Housemusik auf seine Band an und Lars begann eine oberflächliche Unterhaltung, die er nur wegen der sichelförmigen, blauen Augen seines Gegenübers aufrechterhielt. Sie waren das einzige an ihm, das ihn erstaunte, ansonsten war sein Gesicht so ebenmäßig schön, dass man es schon vergaß, wenn man nur kurz wegschaute.

„Was denkst du?“, fragte Robin ihn nun, nachdem er einen Schluck von seinem Kaffee genommen hatte. Er verzog seine Lippen.
„Nicht viel. Ich erinnere mich in letzter Zeit einfach häufig.“
„Vielleicht ist das normal, wenn man so ein Leben wie du hatte.“
„Ja, kann sein, aber irgendwie macht es einem auch Angst.“
„Wovor?“
„Dass sonst nicht mehr viel kommt. Dass ich mein ganzes Leben in diesen paar Jahren gelebt habe, so als wäre all mein Recht zu was Neuem aufgebraucht.“
„Ich weiß nicht.“ Robin blickte zur Wand hinter Lars, fühlte sich gerade wahnsinnig schwer und wichtig. Er glaubte wahrscheinlich, dass alles, was er jetzt sagen würde, eine gewaltige Macht über den Moment hätte. „Ich glaube, so fühlt sich einfach jeder, der nicht mehr jung ist“, sagte er schließlich.
Lars wurde müde, seine Augen brannten und fühlten sich wund an. Obwohl nur ein Tisch zwischen ihnen war, die Platte kaum einen Meter breit, schienen sie so weit voneinander entfernt zu sitzen, dass sie sich nicht einmal an ihren Armen fassen konnten.
Er könnte jetzt eine Szene machen, einen lächerlich ernsten Ausbruch veranstalten, und schmeckte schon beinahe die metallische Genugtuung, wenn er die Überraschung in Robins schmalen Zehnagelaugen sehen würde. Es hätte etwas Befreiendes, aber Lars schaffte es nicht. Er blieb inzwischen immer häufiger am Morgen in seinem Bett liegen und fühlte sich jedes Mal dabei fürchterlich jämmerlich, wenn er zwischen den muffigen Laken hindurch in den Raum sah, wo Staub in jedem Winkel in der Luft stand und ihm das Gefühl gab, an einem Ort zu sein, den niemand außer ihm mehr finden konnte.
Nur die Kranken durften sich so fühlen, durften so lange im Bett bleiben, bis ihnen die Beine schwach wurden, aber Lars war doch krank, er fühlte es wie eine Übelkeit, die sich nicht nur in seinen Magen, sondern überall in seinen Körper drückte, in seine Muskeln, seinen sauren Atem, bis in seinen Kopf, wo alles mit einem Mal rotierte, als habe er sich sein ganzes Leben lang nur um sich selbst gedreht und spüre nun, da er still stand, diese Bewegung als Schwindelgefühl in seinem gesamten Körper.
„Was ist?“, fragte Robin ihn, die Sorge in seinem Blick sah beinahe echt aus. Vielleicht war sie es sogar.
„Ich bin einfach müde. Ich bin in letzter Zeit immer so müde.“
„Das klingt nicht gut.“
„Das fühlt sich auch nicht gut an.“
„Warst du deswegen mal bei einem Arzt?“
„Fast. Ich hab’s dann aber sein gelassen.“
Sie sagten nichts, die Kellnerin kam an ihren Tisch und fragte, ob sie ihnen noch etwas bringen könne.
„Nein, danke“, sagte Robin. Sie wollten beide, dass es jetzt endete.
Sie wandte sich an Lars. „Ich weiß, das sagt man Ihnen wahrscheinlich viel zu oft, aber als ich sechzehn war, habe ich alle Songs auf „The last good days in Castle Rock“ rauf und runter gehört.“
„Das ist wahrscheinlich auch das einzige Alter, wo das irgendeinen Sinn macht.“
Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ihr habt mir geholfen, als ich verliebt und traurig war.“
„Ja, manchmal ist das dasselbe.“ Er schaute durch das große Fenster zur Straße hinaus, ein müdes Halblicht trudelte ins Innere und bleichte die Häute der Cafébesucher. „Ich habe nicht gedacht, dass Sie schon so alt sind.“
Die Kellnerin lächelte ihn fragend an. „Was meinst du?“
„Wenn Sie damals sechzehn waren, müssten Sie jetzt um die dreißig sein.“
Sie lachte heiter auf, ihre Stimme war klar und ließ Lars an den Bach aus der Bierwerbung denken.
„Ich bin zweiundzwanzig, eure Lieder habe ich erst gehört, als es euch schon gar nicht mehr gab.“
Er wandte seinen Blick ab. Plötzlich kam sie ihm so jung vor, dass er sie nicht mehr ansehen konnte.
„Ich hab nie geglaubt, dass irgendwas davon auch nur ein Jahr danach noch relevant sein könnte. Es war ein furchtbar schnelllebiges Geschäft. Ist es immer noch.“
„Ich weiß nicht“, sagte die Frau. „Ein guter Song ist ein guter Song.“

Auf der Straße verabschiedeten sich Robin und Lars, ohne dass sie viel zu sagen hatten, der Wind zerrte an ihren Kleidern wie ein forderndes Kleinkind, das Klirren von Gläsern und Besteck drang noch aus der geöffneten Tür des Cafés vor ihnen und sie beide fühlten sich darin bestätigt, dass die Welt auch dann weiterlief, wenn sie keinen Platz mehr darin einnahmen.

Lars nahm den längeren Weg zu seiner Wohnung. Es würde bald regnen, der Himmel war eine einzige, hellgraue Wolke und das Ozon lag mit dem Geruch einer Batterie in der Luft.
Seine ledernen Slippers klopften über den Bürgersteig und er fühlte die Härte des Steins durch die dünne Sohle hindurch in seinen Knöcheln pochen.
Das mit Robin war nichts Ernstes. Sie wussten beide, dass ihre gelegentlichen Dates und Kurzbesuche, diese undeutlichen (hier behalte ich das originale Adjektiv, diffus ist eigentlich dasselbe, bloß halt als Fremdwort) Spannungen in dunklen Räumen, die sich immer seltener in flüchtigen Ficks entluden, nicht ausreichten, um mehr daraus zu machen. Wenn sie nebeneinander lagen, hatten sie sich nichts zu sagen, fürchteten beinahe, dass ihre Worte nur gestohlenes Gut waren, das sich, einmal ausgesprochen, nie wieder zurücknehmen lassen würde.
Wenn Lars, noch den Geruch von Robin in seinen Kleidern tragend, nach Hause kam, konnte er nahezu niedergeschlagen werden, wenn er daran dachte, dass er einen weiteren Tag an jemanden verschwendet hatte, der ihn schon nach dem Schließen seiner Wohnungstür vergessen hatte. Er war sich sicher, dass Robin auf irgendwelchen Partys und Eröffnungsgalas nach jenem unerhörten vierten Glas davon erzählte, dass er gerade diesen Kerl von „Car Crash Century“ datete, und es machte Lars ganz krank, wenn er in seinem leeren Zimmer darüber nachdachte, was man über ihn sagen würde, diese ewig dummen Sätze über vergangenen Ruhm und Jugend, in die sich neben verbissenem Hohn auch immer die Traurigkeit über die eigenen verstrichenen Chancen früherer Tage mischten.

Lars bog in einen Park ein, es war ein Umweg und vielleicht wollte er wirklich sein Glück prüfen, schauen, ob der Himmel tatsächlich halten würde.
Der Stoff seiner Hose rieb an seinen Schienbeinen, als der Wind an ihm zog, und er stemmte sich gegen seinen unsichtbaren Druck, lief zügig dagegen an wie ein Mann, der etwas ungeliebt Zurückgelassenes vergessen wollte.

Der Park war leer, die Besucher hatten sich in Erwartung des Regens zurückgezogen. Zu seiner Rechten ließ sich eine Gruppe Stockenten in einen Teich fallen. Sie flatterten mit ihren Flügeln, so wie man einen Regenschirm nach dem Heimkommen ausschüttelt.
Der Kies zu seinen Füßen war dunkel von den langen Schatten, die die Nadelbäume im müden Licht warfen. Der Himmel war so nichtssagend leer, dass man gar nicht erkennen konnte, ob es wirklich regnen würde, und Lars ahnte, dass er diesen Tag nicht erinnern würde, wenn nicht jeden Moment etwas Ungeheuerliches geschehe.
Ein metallischer Duft wie von Safran lag in der Luft, Lars spürte die Bedeutungslosigkeit des Tages in dem zitternden Grau der gesamten Stadt, die Zeit stand für einen Moment still und verdunkelte die Ränder seines Blickfeldes. Es schien mit einem Mal alles so furchtbar fest und vorherbestimmt, so als sei die ganze Welt dickes, grünes Glas, das das Licht der Sonne bleiern beschwerte, und er versuchte, sich an den letzten Zeitpunkt zu erinnern, da er sich so jung gefühlt hatte, dass er sich kaum hatte vorstellen können, es würde irgendwann anders sein.

Vielleicht war es in San Francisco gewesen, 2017, die vorletzte Station ihrer ersten und einzigen USA-Tour. Sam weckte sie damals ganz früh, das Hotel lag noch leer und ruhig im Sommermorgen da.
„Was ist?“, fragte Lars, verschlafen im Türrahmen seines Zimmers stehend, nachdem er auf Sams Klopfen hin geöffnet hatte. Seine Boxershorts hingen weit an seinen Oberschenkeln herab.
„Komm einfach“, sagte Sam nur.
Sie zogen sich an, für ein Frühstück blieb keine Zeit und Lars entschied sich beinahe dazu, in den nächsten Stunden seinen Missmut darüber wie eine Maske im Gesicht zu tragen, denn manchmal war es das wirklich: eine bewusste Entscheidung.
Als sie am Ford Point ankamen, jener klobigen Festung, vor der schon Kim Novak ihren Tod in Alfred Hitchcocks Vertigo zu inszenieren versuchte, ging gerade die Sonne auf und das Rot der Golden Gate Bridge glitzerte purpurn in ihrem niedrigen Licht. Sie schwiegen so lange in den Tag hinein, dass sie sich gegenseitig vergaßen. Lars fühlte sich leicht, lächerlich leicht wie ein Seevogel, so als seien seine Knochen ebenso hohl, als er hinaussah, seinen Blick wie einen Ballon losließ und zu einem unbestimmten Punkt in die Fluten schickte. Die Brandung schäumte an den Felsen unter ihnen und rauschte wie Wind in einem ungeschützten Mikrofon und er glaubte, dass hier gerade etwas geschah, für das ihm später die Worte fehlen würden.
Der Wind nahm ihre Haare auf und blies sie ihnen ins Gesicht. Lars lachte und wusste nicht einmal warum. Es reichte ihm, hier am Rand des Wassers zu stehen und am Leben zu sein. Er spürte seinen Herzschlag zwischen dem Herantreten der Wellen bis in seinen Hals pochen und fürchtete bereits den Moment, da das alles vorbei sein würde.
Kurz blieb er stehen. Er befand sich nun auf halber Höhe der Allee. Hinter den lockeren Ästen einer Platane sah er die bräunliche Fassade eines Altbaus, auf einem der Balkone stand ein gelber, durch die Sonne vergangener Sommer ausgebleichter Schirm. Es schien alles so trostlos, kaum aufzubrechen und Lars stand regungslos inmitten des Parks und kam sich vor wie ein aus einem Kinderwagen fallengelassenes Stofftier.
Als das Smartphone in seiner Hosentasche klingelte, bemerkte er es anfangs kaum. Irgendwie glaubte Lars nicht daran, dass ihn hier überhaupt jemand erreichen konnte.
Als er an den Hörer ging, grüßte ihn eine helle Frauenstimme.
„Hallo, bin ich mit Lars verbunden?“
„Ja, sind Sie.“
Sie schwieg einen Moment.
„Ich bin’s, Emily, von der Plattenfirma.“
Lars lachte, die Leere des Parks schluckte das Geräusch wie ein Baumwolltuch.
„Scheiße, dich gibt’s noch?“, fragte er.
„Uns gibt es alle noch“, sagte sie und er stellte sich vor, wie sie dabei ihre geschminkten Lippen schürzte. „Nur, weil es euch nicht mehr gibt, heißt das nicht, dass das für alle anderen auch gilt. Meine Schäfchen sind noch nicht im Trockenen.“
Lars schaute zum Himmel hinauf, wie man unter Wasser manchmal zur schäumenden Brandung aufschaut. „Keine Sorge, es wird heute nicht regnen“, sagte er. Dann: „Ich hätte nicht gedacht, dass du das so lange noch machen würdest.“
„Irgendwas muss man machen.“
„Ja, aber bei uns sind fünf Jahre wie fünfhundert.“
„Nur für euch Musiker, für alle anderen geht das alles beschissen langsam.“ Sie schwiegen, als sie aneinander dachten.
Irgendwann sagte sie: „Die Kollegen aus Spanien haben Aufnahmen gefunden, von Sam.“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir damals viel aufgenommen haben.“
„Tom haben wir schon angerufen, aber der will nichts davon wissen.“
„Ich hab ihn lange nicht mehr gesprochen, er schickt manchmal was zu Weihnachten.“ Er schnaubte leise. „Eigentlich ist es eher Sarah, die was schickt. Er unterschreibt nur die Karten.“
„Lars, wir brauchen jemanden von euch, der sich die Tapes anschaut, ein bisschen aussortiert, was brauchbar ist und was nicht.“
„Viel Auswahl habt ihr nicht mehr“, sagte Lars und lachte hohl.
„Würdest du für uns hinfliegen? Wir übernehmen die Fahrtkosten und alles.“
„Ich fliege nicht mehr.“
Er hörte sie durch den Hörer hindurch ausatmen.
„Bist du auf einmal in die Riege der Weltretter eingegangen?“, fragte Emily und Lars glaubte, ihren Worten anhören zu können, dass sie sie lächelnd gesagt hatte.
„Nein, ich habe nur Angst vor dem Fliegen.“ Er schnaubte laut genug, dass Emily es durch das Telefon hören konnte. „Komisch, vielleicht gibt es auch dafür ein Alter.“
„Was?“
„Es gibt für alles ein richtiges Alter. Und vielleicht ist das fürs Fliegen schon vorbei.“
„Du kannst auch fahren. Es ist nicht so weit von Berlin.“
„Ich bin seit Jahren kein Auto mehr gefahren, zumindest nicht selbst.“
„Das verlernt man nicht, keine Sorge.“
„Na ja, ich habe es aber auch nie richtig gekonnt.“
„Lars-“
Er unterbrach sie. „Ich weiß, du hast dir das anders vorgestellt, Emily, aber Tom hat recht, es ist vorbei für uns. Was erwartet ihr denn, was ihr dort finden werdet? Sam war total am Ende zu der Zeit. Es wird nichts Brauchbares dabei sein.“ Noch immer hielten die Wolken seinen Blick. „Manchmal glaube ich, wir haben nie etwas Brauchbares gemacht.“
„Du nimmst dich ganz schön wichtig, Lars.“
„Ich war ja auch Rockstar, da gehört das dazu.“
„Es hängen ein paar Stellen davon ab, dass du runterfährst. Meinetwegen kannst du auch zu Fuß auf dem fucking Jakobsweg gehen. Vielleicht kommt dann ja wenigstens noch irgendein beschissen langweiliges Selbstfindungsbuch dabei raus, aber bitte schau dir diese Tapes an.“ Sie war inzwischen ungeduldig, ihre Stimme klang unglaublich müde und entfernt.
„Ich hab seit zwei Jahren nichts mehr von euch gehört, Em. Ich bin jedem egal inzwischen. Und jetzt auf einmal rufst du mich an und willst irgendwas von mir?“
„Die wollen was zu eurem fünfzehnten Jubiläum machen. Ein Mixtape vielleicht. Damit sich die alten Sachen noch mal verkaufen. So wie damals, als die Vice-Doku rauskam.“
„Danke, die Erinnerung hätte ich nicht gebraucht.“
Emily seufzte. „Wirst du’s tun? Sag’s einfach. Ja oder nein?“
Er wartete eine Weile. „Ja.“
Sie dankte ihm. „Wann kannst du los?“
„Wann ich will. Ich habe nichts, was mich hält.“
„Das ist gut.“
„Für euch vielleicht.“ Lars zögerte. „Denkst du noch manchmal an früher?“
„Nur wenn ich dafür bezahlt werde.“
„Ernsthaft jetzt.“
Emily schwieg.
„Ja, doch schon“, sagte sie. „Immerhin war ich auch noch ganz neu.“
„Wir sind zusammen alt geworden.“
Sie lachte. „Vielleicht auch nur du.“
„Du mich auch.“

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