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Isotopien (Aus der Serie Atmen)


 

 
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Ralfchen
Geschlecht:männlichEselsohr

Alter: 73
Beiträge: 256



BeitragVerfasst am: 16.05.2021 23:24    Titel: Isotopien (Aus der Serie Atmen) eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat


Isotopien

(Aus der Serie Atmen)

Die Therapiestunde mit Gizzmu hat etwas in mir über den Haufen geworfen. Allerdings bemerke ich das erst einige Wochen nach seiner Einäscherung. Es war meine erste Session als Therapeut und er mein erster Patient. Vollkommen abgefuckt - irgendwie.

Ich hänge den Job vorerst an den Nagel und lebe dahin.

Vor etwa drei Wochen lerne ich Sepia auf einer Dating-Plattform kennen. Unser First läuft zwei Tage später und wir sehen einander seither fast täglich.

Ich finde ihre Nähe mehr und mehr erfrischend. Sie strömt dazu auch etwas Beruhigendes aus. Mein inneres und äußeres Chaos sinkt ab wie Dreck in einem Eimer voll leichtem Wasser und sammelt sich am Boden. Das Aufgewühltsein ist abgewühlt. Die Isotopen meiner kürzlich aufgeblitzten Geisteskrankheit verlieren ihr grelles Licht und die Neutronen meiner Verlorenheit beginnen sich zu ordnen – teilweise verdampfen sie und nebeln meinen Blick ein - so als würde ich in einem Zug an einer mehr und mehr verschwimmenden Landschaft vorbei rasen. Leider hält dieser Zustand nur so lange an, als sie in meiner Nähe ist. Ohne sie stoppt der Zug und rast zurück in multiples Chaos.

„Man könnte dich auch als ein menschliches Psychopharmazeutikum bezeichnen.“

„Finde ich witzig. Hat mir noch nie ein Typ gesagt.“

„Na ja, man sagt, es gibt immer ein erstes Mal. Erzähl mir doch weiter aus deiner Jugend, Baby.“

„Der Chauffeur meiner Mutter hatte mich als 12-Jährige mehrfach vergewaltigt. Nachdem ich es ihr erzählte, meinte sie: Ach was Kind, ein guter Chauffeur ist schwer zu finden. Damit war das Thema für meine Mutter erledigt.“

„Coole Mom. Was war mit dem Chauffeur?“

„Wir waren mal auf Madeira und dort gibt es das Cabo Girão, ist die höchste Steilküste Europas. Wir parkten den eingeflogenen (!) Bentley, gingen an den Rand und guckten runter. Das war echt magisch. Ich stupste den Scheißer fest von hinten und er segelte mit Gebrüll die rund 560 Meter runter. Er wachelte mit den Armen als wollte er fliegen. War irgendwie lustig.“

„Was sagte deine Mum?“

„Sie schüttelte nur den Kopf und meinte: Irgendwas habe ich bei deiner Erziehung falsch gemacht Kind.

Wir redeten nie mehr darüber.“

„Auch cool. Ich liebe deine Anekdoten.“

Irgendwie ist sie ein Teil meines Universums und ich des ihren. Zwei ineinander verschmolzene Galaxien.

Ich habe immer das Bedürfnis ihr was Besonderes zu sagen. Was Geiles für die Stimmung – irgend was Stimmiges. Aber nix Überschäumendes weil sie mag nix Moussierendes, Auch nicht unter- oder oberkühlt. Also was? Es gibt keinen Anlass für einen Triumphschrei, denn mein Leid ist mir sehr nahe. Andere interessieren mich null-komma-null. Irgendwas Ungenanntes grinst auf einmal in mir. Sicher ein blödes Wort, das ich dann mit versonnener Grimasse rausquieken würde. Nein. Heute ist der 14. November und ein Sonnenstrahl kitzelt die Jalousien. Das genügt.

Ich bleibe lieber wortlos.


Ich denke daran, dass die Isotopenzusammensetzung im Blut bei jedem Menschen - auch abhängig vom Ort der Welt - verschieden und charakteristisch ist. Interessanter Weise kann man bei Lebensmitteln wie Wein oder Käse, die Festlegung des Ursprungsortes verifizieren. Ich denke dabei an Dom Perignot und den Eselsmilch-Käse des serbischen Käsers Slobodan Simic. Da ist nichts zu verifizieren.

Ich liebe diesen Platz mit dem Blick auf die Stadt. Heute ist der letzte Tag, denn ab Dienstag haben wir wieder den totalen Lockdown.

Im Le Bernadine.

Ich bestelle eine Flasche Dom Perignot.

„Nein bitte in Weißweingläsern.“

Der Kellner blickt ein wenig erstaunt, bringt aber sofort die zarten Riedl-Gläser. Sepia lächelt.

„Klar, dass die meisten Typen nicht wissen, dass sich das Aroma im Weißweinglas einfach schneller entwickelt.“

„Ja.“

Die Welt schrumpft ein wenig im Abendlicht und der Anblick der Stadt zieht sich von unseren Blicken zurück. Irgendwie fühle ich nach dem zweiten Glas ein angenehmes Ermatten. Ist das alles Traum oder Realität? Eine Frage die ich mir in meinem Wahn immer wieder stelle.

Sepia mustert mich und lächelt wieder.

„Am Abend träume ich immer vom Morgen. Für mich ist die Zeit wenn die Apfelbäume blühen irgendwie als wenn der Schaum der Meeresbrandung in den Ästen hängen würde.“

„Eh...das hast du schön ausgedrückt Baby. Ich liebe deine romantischen Auswüchse.“

Mit ihrem zerbrechlichen Nymphenkörper sitzt sie da wie eine fragile Porzellanfigurine von Degas. In ihren sanften Augen liegt etwas wie Weisheit. Aber welche Weisheit?

„Warum schaust du mich so eigenartig an?“

„Du erinnerst mich an die Nymphen in den Märchenbüchern meiner Kindheit.“

„Schön, ich hatte ebenfalls solche Bücher. Eine Nymphe war tot – weiß nicht mehr – könnte auch Snow-White gewesen sein, sie sah so süss und verzückt im Tod aus.“

„Ja – ich erinnere mich an die Story in der sie vom achten Zwerg erst vandalisiert und dann umgelegt wurde.“

„Aha – achter Zwerg - kenn ich nicht.“

„Hab ich mal geschrieben. Bei der Gelegenheit: Hast du du eigentlich auch andere Typen ausser dem Chauffeur deiner Mum umgelegt?“

„Hahahahaha...was für eine Frage. Jede Menge mein Süsser.“

„Das klingt nicht gerade entzückend. Aber was solls.“

„Mach dir keinen Kopf.“



In der Hydrologie zieht man aus den Konzentrationsverhältnissen von Isotopen Rückschlüsse auf deren Vorgänge. Irgendwie erinnern mich Sepias Worte an den Zerfallsprozess. Frage mich ob ihr Gedankenlauf die Stoffflüsse der erledigten Typn auch unterhalb der Erdoberfläche verfolgt.


"Wie sind deine Eltern eigentlich auf deinen Vornamen gekommen? Ich habe versucht, den unter Mädchennamen zu finden, aber es ist mir nicht gelungen.“

„Das ist eine gute Frage, dafür habe auch ich keine Erklärung und da die beiden bereits abgekratzt sind, können wir das auch nicht mehr raus finden.“

Unsere Beziehung ist eine ganz eigenartige. Interessanterweise haben wir kaum Sex miteinander und eigentlich fehlt es mir nicht, denn ich bin kein sexueller Mensch. Daher ist es keine Störung unserer Harmonie. Sepia hat eine kühle distanzierte, irgendwie flüssige Art, die mich aber nicht verunsichert. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich jeden Tag mehr und mehr wohl und cool mit ihr.

Nächste Woche werden wir in eine kleine gemeinsame Wohnung übersiedeln. Um es ganz ehrlich zu sagen das habe ich nicht erwartet.

***

Ich frage Sepia nie woher sie ihre Knete hat. Immer wieder erstaunt mich ihre Gedankenlosigkeit im Umgang damit. Vermute, dass sie sich auf Grund einer beträchtliche Hinterlassenschaft ihrer Eltern keinen Kopf machen muss.

Also da ist etwa die kleine Wohnung: Die Zimmerflucht in einem Brownstone in Manhattan misst sicher 550 Quadratmeter.

Sie lächelt verschmitzt während wir durch die Räume latschen. Die Kiste ist voll möbliert, an den Wänden hängen alle möglichen alten und jungen Meister. Ich erkenne mehrere Arbeiten von Sigmar Polke, Frank Stella, Albers, zwei Van Gogh und mehrere Francis Bacon. Na gut, mir fällt kein Wort aus'm Mund. Und das taugt ihr. Sie dreht sich um und schlingt ihre Arme um meinen Nacken.

„Hoffe du kannst dich hier einleben.“

„Echt, Baby du bist voll witzig. Gibts auch einen Koch und Butler?“

„Nein wir haben drei Thailänderinnen, die sich uns kümmern.“

„Fuck ich liebe Thai-Cuisine.“

„Ich weiß.“


Die meisten auf der Erde natürlich vorkommenden Nuklide sind stabil. Ähnlich unserer Beziehung. Einen Zerfall kann man bei uns kaum beobachten. Auch das passt. Wir sind allerdings nicht sinnlich radioaktiv, was die Halbwertszeit unserer Beziehung, wesentlich verlängern könnte. Sepia sagte mal, dass sie so alt sei wie die Erde. Sie wäre also ein primoriales Nuklid.


***


Die folgenden Wochen und Monate vergehen wie im Flug. Der Lockdown wurde vor wenigen Tagen aufgehoben. Wie es weitergehen wird weiß allerdings niemand.

Saomalai ist eine wunderbare Köchin. Manchmal ein bisschen zu viel Knoblauch. Aber als Liebhaber thailändischer Küche – und diese Präferenz teile ich mit Sepia – komme ich damit zurecht.

Wir haben heute ein sechsgängiges Menü aus dem Le Bernadin*) catern lassen. Eine wunderbare Abwechslung. Dieses Restaurant ist uns Beiden das Liebste.

Wir sitzen gemütlich vor dem offenen Kamin. Das Aufflackern der Funken aus der Glut ist beruhigend.

Es gelingt mir in den letzten Monaten immer mehr meine Psychosen und Wahnvorstellungen unter Kontrolle zu halten. Durch meine psychiatrischen Ausbildung kann ich mich - wenn auch ein bisschen unsicher – therapieren.

„Es wird vermutet dass Delfine träumen.“

„Ich habe davon gelesen.“

„Es ist bekannt, dass Delfine ein komplexes akustisches Kommunikationssystem haben. Daraus könnte man ableiten, dass sie träumen. Die Frage die man sich stellen muss, ist, kann man im Halbschlaf träumen?“

„Wir können in einem halbwachen Zustand träumen. Ich habe mich in meinem Studium damit sehr viel beschäftigt. Jung hatte dazu Interessantes geschrieben.“

“ Ich weiß Schatz, ich habe Jung gelesen.“

“ Ah okay. „

“ Ich möchte dir etwas zeigen, was dich überraschen wird.„

“ Das klingt cool, ich liebe Überraschungen.„

Sepia nimmt mich an der Hand. Wir gehen in die Bibliothek neben dem Kamin Zimmer. Am Wandpaneel links neben einer Glas-Stahl-Konsole mit einer Giacometti Skulptur, hängt das Gemälde "Der goldene Fisch" von Paul Klee. Sie nimmt ihr iPhone und sagt:

“ Öffne das linke Paneel.„

Das Paneel dreht sich an einer in der Mitte eingelassenen Scharniere und öffnet sich zu einem unbeleuchteten Durchgang.

“Komm.„

Wir betreten einen gewölbten Gang oder Schacht mit einer Wendeltreppe, in welchem sich sofort eine diffuse blaue Beleuchtung einschaltet. Ich folge ihr in das untere Geschoss und auf einem kleinen Absatz öffnet sich wieder durch einen Befehl in ihr iPhone eine Schiebetüre. Wir stehen am Rande eines Raumes der ebenfalls durch blaues Licht beleuchtet ist. In der Mitte befindet sich ein riesiges, etwa drei Meter hohes und sicher zehn Meter langes Aquarium in dem zahllose exotische Fische zwischen bizarren Korallenbäumen hin und her flitzen. Auf dem sandigen Boden schweben einige große Tintenfische. Der Raum ist erfüllt von Brummen und Summen verschiedener Aggregate zum Betrieb der Anlage.

“ Was sagst du Schatz?„

“ Da…das habe ich ni..nicht erwartet.“

Ich denke an die besondere CO2-Fixierung von CAM-Pflanzen, die in er Lage sind jeglichen Wasserverlust zu vermeiden, daran kann man positive Delta-13C-Verhältnisse in der Natur beobachten. Einen noch höheren Wert haben Plankton und Meerestiere. Anthropologen können anhand dieses Wertes und der Untersuchung von menschlichen Knochen, Rückschlüsse auf deren Ernährung zu ziehen.


*) Anmerkung des Autors: Das Le Bernadin zählt zu den besten Restaurants New Yorks. Hatte dort im Herbst 2013 mehrmals mit meiner damaligen Geliebten - der Nymphe Nicole zu Abend gegessen.

(Fortsetzung folgt)



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Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen. (L. Wittgenstein)
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