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Wendigo Diner: Eine Horror-Story


 

 
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Muzzlehatch
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Beiträge: 14



BeitragVerfasst am: 17.11.2020 14:34    Titel: Wendigo Diner: Eine Horror-Story eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ahoy zusammen,

ich heiße Marc Busch, bin Amateur-Autor und veröffentliche bereits seit einigen Jahren eigene kürzere Erzählungen als Kindle-ebooks, während ich an meinem eigentlichen ersten Roman-Projekt arbeite.


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--- WENDIGO DINER (AUSZUG) ---

Es war ein später Nachmittag im Februar 1918 und Ardenburg, eine Kleinstadt von weniger als tausend Seelen tief in den Catskill Mountains, versank schon seit Tagen im Schnee. Für einige wenige Stunden hatte der Schneefall etwas nachgelassen, sodass lediglich der um die Häuser streichende Wind blieb, der von jeder Dachrinne und jeder Zaunspitze weiße, zart wirbelnde Schleier wehte, doch die Wetterwarnungen, die man per Telegraphen-Leitung aus New York City empfing, prophezeiten bereits, dass das eigentliche Unwetter noch bevorstehen würde. Ein Blizzard, schlimmer als jener, der fünf Jahre zuvor die Großen Seen heimgesucht hatte, nähere sich von der kanadischen Grenze. Windstärken von mehr als neunzig Meilen pro Stunde seien zu befürchten sowie die damit verbundenen Gefahren von blockierten Straßen, umgefallen Telefonmasten und bitterster Kälte.

Sherriff Monaghan, ein Mann so hager und grau wie der sich verdunkelnde Himmel, glaubte bereits, einen ersten Vorgeschmack zu bekommen, während er sich mit eingezogenem Kopf, hochgeschlagenem Mantelkragen und tief in den Taschen vergrabenen Händen durch die Schneewehen kämpfte. Den ganzen Tag über hatte er die Haushalte abgeklappert, um sich zu versichern, dass die Leute die Sturmwarnung ernst nahmen und ihre Fenster und Türen festverrammelten. Als er die schneebeladenen Dächer des Orten allmählich hinter sich ließ und auf die warmen Lichtern von Murray’s Road Stop zu stapfte, dieser gedrungenen, länglichen Bretterbude, die nun wie eine himmlische Erscheinung am Rande der nebelverhangenen Landstraße erstrahlte, da war es jedoch weniger übersteigertes Pflichtbewusstsein als vielmehr die Sehnsucht, endlich eine heiße Kaffeetasse zwischen die gefühllosen Finger zu kriegen, die seine stapfenden Schritte vorantrieb.

Er konnte die fettigen Küchendüfte bereits riechen. Ein gemütliches Stündchen am Tresen, ein paar alberne Neckereien mit Murrays Tochter, dann ab in die Federn. Der Anblick zweier sich am Ende der Landstraße nähernder Scheinwerfer verlangsamte jedoch seine Schritte.
Der Bus aus Kingston hatte es also doch noch geschafft, dachte Monaghan und schnäuzte die Nase. Ein Glück für diejenigen, die ihre Fahrkarte für Ardenburg gelöst hatten. Pech für alle anderen, die eigentlich bis nach Norwich oder Syracuse wollten. Jetzt würden sie erst einmal in Ardenburg festsitzen – für Gott weiß wie lange.

Fröstelnd sah er zu, wie der Bus wendete und vor dem Diner schnaubend zum Stehen kam, im Schein der Rücklichter wirbelnd vergehende Abgase. Anscheinend hatten es nicht allzu viele Fahrgäste gewagt, den Bus zu besteigen. Als die Tür aufgestoßen wurde, waren lediglich zwei geduckte Gestalten zu sehen, die in das Schneetreiben traten. Die eine gehörte Hank O’Neill, dem Fahrer des Busses, leicht zu erkennen, an seinen ausladenden Umrissen und dem breitbeinigen Gang, mit dem er in die ersehnte Heimeligkeit von Murray’s Road Stop eilte. Vermutlich machte Hank drei Kreuze, dass er es bis nach Ardenburg geschafft hatte und heute in seinem eigenen Bett schlafen konnte, anstatt in einem der Depots der Busgesellschaft übernachten zu müssen. Die andere Person hingegen vermochte Monaghan nicht zu erkennen.

Es war ein großer, dürrer, offenbar bärtiger Mann in einem abgewetzt erscheinenden Militärmantel, der es im Gegensatz zu Hank O’Neill nicht allzu eilig zu haben schien, ins Warme zu kommen. Vor den Lichtern des Diners blieb er stehen, um – wie von einer plötzlichen Wahrnehmung berührt – in das undurchdringliche, heulende Grau des Nebels zu starren.
Monaghan blieb ebenfalls stehen. Argwöhnisch spähten seine schmalen, rotgeäderten Augen durch die angestrengt blinzelnden Lider. Fremde wie dieser bedeuteten meistens Ärger. Er kannte die Art mittlerweile: Aus Übersee zurückgekehrte Soldaten, in aller Regel Kriegsversehrte, die auf dem Weg in eine fremdgewordene Heimat von einem Ort zum anderen Ort irrten, kaum einen Dollar in der Tasche, aber dafür gehörige Probleme und einen unstillbaren Durst im Gepäck. Von der Sorte hatte er schon einige in die Ausnüchterungszelle stecken müssen. Fast immer waren es blutjunge Kerle, kaum dem Schuljungenalter entwachsen, die wie Greise über ihrem Bier hingen und mit niemandem redeten außer sich selbst, bis ein falscher Blick, ein falsches Wort oder auch nur das Klingeln der Registrierkasse sie austicken ließ. Diejenigen, die bloß hemmungslos schluchzten und heulten, waren unangenehm, aber noch relativ einfach zu handeln. Schwieriger war es mit denen, die sich noch immer im Schlamm des Schützengrabens glaubten. So oder so war es am besten, sie gar nicht erst in die Stadt zu lassen, zumindest sofern sie nicht selbst aus Ardenburg waren. Aber der Wetterbericht war nun mal so beschissen, wie er war, und Monaghan konnte diesen Kerl nicht einfach wieder in den Bus stecken. Nicht jetzt und wahrscheinlich auch nicht morgen.

»Was ist dort oben geschehen?«

Monaghan zuckte zusammen. Augenblicklich wurde ihm kälter, da er verstand, dass er es war, den der Mann fragte.

Seinem halboffenem Mund entströmte der Atem als sichtbar verwehender Schleier. Er wollte den Fremden gerade fragen, was er mit dort oben meinte, als er sah, dass der Mann in Richtung des Hemlock Hills starrte, jenes düsteren, von uralten Kanadischen Tannen überwucherten Hügels, der seine kahle Kuppe über der Kleinstadt erhob.

Der Anblick behagte Monaghan ganz und gar nicht. Warum zum Teufel musste von allen Bergen und Hügeln, die Ardenburg umgaben, ausgerechnet dieser so plötzlich aus den Schneewehen auftauchen? Von den restlichen bewaldeten Hängen waren nur die vordersten, schattenhaft verschwommenen Baumreihen zu erkennen, die sich auf der nördlichen Seite bis an den Rand der Landstraße drängten, doch der wundersame Aufbruch des Nebels, der den Gipfel des Hemlock Hills entblößte, ließ es aussehen, als schwebte er über einer verschwindenden, sich in grauer Dunkelheit auflösenden Welt.

Unangenehme Bilder drängten sich dem Sherriff auf und er musste an seinen letzten Besuch in Aldrich Manor denken, dem alten, inzwischen abgebrannten Herrenhaus, dessen geschwärzten Ruine wie der Kadaver eines erfrorenen Tieres aus der Schneedecke dort oben ragte.

»Manche Männer werden durch den Krieg zu Monstern«, erhob er seine Stimme gegen den Wind. »Andere waren es bereits vorher …«

Noch während die letzte Silbe verhallte, bereute Monaghan seine Wortwahl. Es war nicht seine Absicht gewesen, den Uniformierten zu provozieren. Er war durch dessen plötzliche Frage schlicht überrumpelt gewesen und hatte das Erstbeste gesagt, was ihm durch den Kopf gegangen war. Das verächtliche Schnauben, das der Fremde daraufhin ausstieß, verriet jedoch, wie seine Worte aufgefasst wurden.

»Und wieder andere«, erklang die schneidende und doch gleichzeitig merkwürdig genuschelte Antwort, »bleiben wohl lieber daheim, um auf der Main Street den Helden zu spielen …«

Es war nicht nur der misstönende, schwer verständliche Klang der Stimme, der Monaghan überraschte. Es war das Gesicht, das sich ihm bei diesen Worten zuwandte. Die schiefsitzende Brille, der verwilderte Spitzbart, der erzürnte, von offener Verachtung kündende Blick – Irgendetwas stimmte daran nicht. Nicht nur an den einzelnen Elementen, sondern an dem gesamten, mimischen Zusammenspiel, denn während die Muskeln der rechten Gesichtshälfte vor Empörung verkrampften und zuckten, entbehrte die linke jedweden lebendigen Ausdrucks. Starr und reglos blickte das dortige Auge durch das Brillenglas und blinzelte trotz des heftigen Schneefalls nicht ein einziges Mal.

Monaghan brachte keine Antwort heraus, während der Fremde ihn anstarrte. Ein, zwei Mal blinzelte er selbst gegen den heulenden Wind, dann erst dämmerte ihm, dass es eine halbseitige Maske sein musste, die der Fremde trug. Ein bemaltes, mit künstlichen Augenbrauen und Wimpern versehenes Stück Blech, das seiner unbedeckten Gesichtshälfte nachempfunden war, um irgendeine nur zu erahnende Entstellung der anderen zu verstecken. Vielleicht ein weggeschossenes Auge. Vielleicht ein klaffendes Loch, wo ein ganzes Stück Kopf samt eines beträchtlichen Teiles klaren Verstandes weggesprengt worden war. Die linke Hälfte seines Bartes war jedenfalls genauso falsch wie das aufgepinselte Auge und zudem um einiges kürzer als die restlichen, natürlich gewachsenen Strähnen.

Monaghans Hand wanderte an seinen Halfter. Der Wind heulte auf, als wollte er die Spannung noch betonen – woraufhin der Fremde nur den Kopf schüttelte und sich die Schirmmütze aufsetzte, die er unter dem Arm geklemmt hatte.

Der Sherriff ließ die Hand wieder sinken.

»Mein Fehler«, brummte er dem mit langen Schritten auf ihn zumarschierenden Militär entgehen. »Heutzutage hat man es hier oft mit Herumtreibern zu tun. Viele, die aus Europa zurückkommen, machen Ärger. Ich wusste ja nicht, dass Sie Offizier sind.«

»Dann will ich hoffen, dass dies Ihre einzige Wissenslücke ist. Ich bin auf der Suche nach Antworten hier.«

Verdutzt blickte Monaghan zu dem Offizier auf, der so dicht an ihn herangetreten war, dass er dessen keuchenden Atem auf dem Gesicht spürte. Offenbar war eine Verletzung der Kehle schuld an seiner krächzenden Stimme. Jedes einzelne Wort musste ihm gehörige Anstrengung kosten. Die Herausforderung, seinem verärgertem Gegenüber in die Augen zu blicken, ohne allzu offensichtlich den Rest zu begaffen, nahm Monaghan jedoch derart in Beschlag, dass es ihm für einen Moment selbst die Sprache verschlag.

»Antworten?«, erwiderte er schließlich. »Die sollen Sie kriegen. Aber nicht hier in der Kälte.«

Mit einem Nicken wies er zu dem kleinen, in den Schneewehen leuchtenden Diner. Der Offizier stutzte und blickte sich noch einmal zum Hemlock Hill um, dessen von verschneiten Tannen umrahmte Kuppe und die düsteren Ruine bereits wieder im Nebel versanken, dann folgte er dem Sherriff und ließ sich mit einem gemurmelten Dank die Tür aufhalten.

Der Geruch spritzenden Bratfetts empfing die beiden Männer mit wohliger, abgestandener Wärme. Murray’s Road Stop war eine dieser kleinen, aus einem umfunktionierten Speisewagen errichteten Raststätten, wie sie in den letzten Jahren überall entlang der Landstraßen entstanden waren. Schmale, ledergepolsterte Sitz-Nischen drängten sich an die von Fettschwaden beschlagenen Fensterreihen. Die Holzvertäfelungen darüber war übersät mit gerahmten Fotos und Gemälden der provinziellen Umgebung, allerlei blechernen Reklameschildern und dem üblichen, aus Jagdtrophäen, Postkarten und Fähnchen-Girlanden bestehenden Plunder.

Die sechszehnjährige Bedienung, die gelangweilt auf den Tresen lehnte, war gerade mit einem Kreuzworträtsel in der New York World beschäftigt, als sie das Klingeln der Türglocke hörte und aufsah.

Heulend ging der Wind durch das kleine Diner. Servietten, Haare und Hemdkragen flatterten für einen kurzen Moment. Dann fiel die Tür wieder zu und nur noch das kratzige Quäken einer in der Ecke eiernden Grammophon-Platte erfüllte die dunstige Enge.

»Liz, sei so nett und hau uns zwei Spiegeleier in die Pfanne«, gab der Sherriff seine Bestellung ab, während er seinen schweren Mantel abstreifte und eine der Sitznischen warf. »Dazu jeweils einen großen Pott Schwarzen.«

»Nicht für mich«, lehnte der Offizier ab, während er eine prominent aufgehängte Fotographie musterte, die Monaghans schnauzbärtige Gestalt inmitten sechs weiterer Männer zeigte, die breitbeinig und mit doppelläufigen Schrotflinten im Anschlag vor einer gemauerten Polizeiwache standen. »Es könnte für andere unappetitlich sein, wenn ich speise.«
Der Klang seiner Reibeisenstimme und die zynische, halbseitige Parodie eines Lächelns, die er der jungen Bedienung im gnadenlos ehrlichen Licht der elektrischen Thekenbeleuchtung schenkte, ließ ihr eigenes Lächeln augenblicklich gefrieren. Eines war klar: Für den Rest seines Aufenthaltes würde sie ihn nicht mit der Frage behelligen, ob er nicht doch etwas bestellen wollte.

Die Handvoll übriger Gäste tuschelten miteinander, während der Offizier seine Mütze abnahm und dem Sherriff gegenüber in die Sitznische rutschte. Hank O’Neill lehnte sich zu Ed Welker, der am Tresen neben ihm saß; wahrscheinlich um ihm zuzuflüstern, dass dies der uniformierte Sonderling war, den er in seinem Bus mitgenommen hatte. Sie saßen zu weit weg, als dass Monaghan und der Offizier sie hätten verstehen können. Das entnervte Augenrollen des Letzteren verriet jedoch, dass er genau wusste, welcher Art ihr Wortwechsel war.

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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 17.11.2020 17:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marc,

Sieht interessant aus und liest sich auch nicht schlecht. Dein Handwerk scheinst du zu beherrschen, mit ist auf jeden Fall beim Lesen deines Ausszugs nichts aufgefallen, wo ich groß dran rummeckern könnte. Klar gibt es ein paar Stellen, wo man noch Feinschliff anlegen könnte ("auf ihn zumarschierenden Militär" fand ich zum Beispiel einen recht ungelenkte Formulierung, da ich im Deutschen bei "Milität" eher an eine ganze Armee denke). Kleinschrittige Textarbeit mache ich aber im Einstand nicht mehr. Falls du weitere Teile hier einstellst (als Fortsetzungsfunktion) würde ich das sogar gerne weiterlesen. Kindle habe und nutze ich nicht.
Cover finde ich auch interessant, besonders das Geweih und die Größe des Wesens. Wendigo hat ja zwei Bedeutungen, einmal die besessenen Wendigowak (nur der Plural) und das dahinterstehende göttliche/dämonische Wesen (und Ithaqua im Cthulhu-Mythos, wo du Lovecraft erwähnst). Du scheinst dich ja hier auf letzteren persönlich zu beziehen und nicht nur auf die "Männer, die zu Monstern wurden" mit denen der Sheriff anscheinend schon mal zu tun hatte, eben auf jedem Hügel. Sieht auf jeden Fall vielversprechend aus und ich wünsch dir gute "Verkaufserfolge" damit (wobei es ja für 0 Euro drinsteht).

gerne gelesen,
Veith


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Muzzlehatch
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BeitragVerfasst am: 17.11.2020 17:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

V.K.B. hat Folgendes geschrieben:
Hallo Marc,

Sieht interessant aus und liest sich auch nicht schlecht. Dein Handwerk scheinst du zu beherrschen, mit ist auf jeden Fall beim Lesen deines Ausszugs nichts aufgefallen, wo ich groß dran rummeckern könnte. Falls du weitere Teile hier einstellst (als Fortsetzungsfunktion) würde ich das sogar gerne weiterlesen. Kindle habe und nutze ich nicht.
Cover finde ich auch interessant, besonders das Geweih und die Größe des Wesens. Wendigo hat ja zwei Bedeutungen, einmal die besessenen Wendigowak (nur der Plural) und das dahinterstehende göttliche/dämonische Wesen (und Ithaqua im Cthulhu-Mythos, wo du Lovecraft erwähnst). Du scheinst dich ja hier auf letzteren persönlich zu beziehen und nicht nur auf die "Männer, die zu Monstern wurden" mit denen der Sheriff anscheinend schon mal zu tun hatte, eben auf jedem Hügel. Sieht auf jeden Fall vielversprechend aus und ich wünsch dir gute "Verkaufserfolge" damit (wobei es ja für 0 Euro drinsteht).

gerne gelesen,
Veith


Vielen lieben Dank für die netten Worte. Das freut mich wirklich riesig. Auch die Informationen zum Wendigo finde ich interessant. Ich kenne ihn hauptsächlich als Bedrohung in Algernon Blackwoods gleichnamiger Geschichte und bin mit der Mythologie im Detail ehrlich gesagt gar nicht so vertraut. Da ich mir aber bewusst einige Freiheiten herausgenommen habe, was den Wendigo angeht und auch versucht habe, einige Stereotypen zu brechen, ist das vielleicht auch gar nicht so schlimm. Falls du Interesse an der ganzen Geschichte hast, kann ich sie dir gerne auf dem kurzen Dienstweg zu kommen lassen. Bräuchte nur eine Mailanschrift. Hier will ich sie erstmal nicht im Ganzen posten, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich damit gegen irgendwelche Kindle-Bestimmungen verstoßen würde.
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Yves Holland
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BeitragVerfasst am: 17.11.2020 18:03    Titel: Antworten mit Zitat

Oha, eine Wendigo-Story, fein!
Habe ich mir gerade mal gezogen, vielen Dank!


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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 17.11.2020 18:03    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Marc,
oh, zu schnell, ich war noch am editieren. Und der Satz sollte "Klar gibt es ein paar Stellen, wo man noch Feinschliff anlegen könnte ("auf ihn zumarschierenden Militär" fand ich zum Beispiel eine recht ungelenke Formulierung, da ich im Deutschen bei "Militär" eher an eine ganze Armee denke)." heißen, konnte ich aber nicht mehr verbessern, weil du schon geantwortet hattest.
Du kannst mir die Geschichte einfach per PN schicken, kann man auch einen Text anhängen. Ich würde dir auf jeden Fall ein allgemeines Feedback (aber kein Lektorat) geben, wenn ich sie gelesen habe.

Edit: Gegen den freien Umgang mit Mythen habe ich nichts, die sind doch dazu da, ständig neu erfunden zu werden, mache ich auch oft. Blackwood hat ja auch schon eine ältere Legende aufgegriffen und neu verarbeitet (und wenn deine Geschichte von seiner inspiriert wurde, interessiert sie mich umso mehr).


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Muzzlehatch
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BeitragVerfasst am: 17.11.2020 18:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Yves Holland hat Folgendes geschrieben:
Oha, eine Wendigo-Story, fein!
Habe ich mir gerade mal gezogen, vielen Dank!


Gern geschehen! Ich hoffe, sie gefällt und ist keine Zeitverschwendung.
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Muzzlehatch
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Beiträge: 14



BeitragVerfasst am: 17.11.2020 18:15    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

V.K.B. hat Folgendes geschrieben:
Du kannst mir die Geschichte einfach per PN schicken, kann man auch einen Text anhängen.


You got mail Wink
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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 02:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marc,

Zitat:
You got mail Wink
THX!
You got a full review in return ohh

Danke für die Gesamtgeschichte. Da sie frei bei Amazon verfügbar ist, antworte ich hier im Faden, dann können andere bei Interesse auch mitdiskutieren. Da ich die Geschichte/Novelle mittlerweile ganz gelesen habe und mich auf den ganzen Text beziehe (Seitenzahlen dem PDF gemäß), enthalten meine Anmerkungen natürlich SPOILER für diejenigen, die bisher nur den Auszug und nicht das ganze Buch gelesen haben. Das also als Warnung für andere, die das ganze Buch vielleicht noch lesen wollen. Btw, es lohnt sich mMn, soviel schon vorweg.

Hier aber meine direkt beim Lesen geschriebenen Testleser-Anmerkungen für frische Leseeindrücke aus erster Hand:

Seite 8:
Zitat:
eine Frauenschwarm:
ein

Zitat:
Die Aldrichs wohnten
Der Name gefällt mir, btw. Klingt wie eine Mischung aus "eldrich" (eins von Lovecrafts Lieblingswörtern) und "Algernon" (Blackwood). Absicht? So oder so, schön gemacht.

S11:
Zitat:
Der alte Sherriff seufzte
Das Synonym finde ich (besonders durch das zusätzlich distanzierende Adjektiv) sehr ungeschickt, das bringt so viel Distanz rein. Autoren versuchen oft, Synonyme zu verwenden, um ständige Namenswiederholungen oder Pronomen zu vermeiden, aber manchmal geht das auf Kosten der nahen Perspektive und wirft den Leser etwas raus, weil es Distanz aufbaut. Hier wirkt es (auch durch die Absätze) tatsächlich erstmal so, als ob "Monaghan" und "der alte Sheriff" zwei verschiedene Personen wären, und das wirft ungemein raus bzw irritiert. Lass dir da also nicht zu viel von Schreibratgebern reinreden, Synonyme würde ich nie für Perspektivcharaktere verwenden, da reichen Namen und Pronomen, auch wenn sie sich wiederholen. Denn da liest man eh drüber weg, über ein Synonym hingegen stolpert man immer kurz und das unterbricht den Lesefluss. Von Perspektivkiller ganz zu schweigen.

ebd:
Zitat:
Charles war ein richtiger Dandy. Gutaussehenden


ebd:
Zitat:
Doch dieser Anwandlung
diese
Ps: mir fällt gerade auf, ich benutze (meist) die Seitenzahlen, die der Reader anzeigt, die auf den Seiten stehenden sind um 1 verschoben. Manchmal aber auch die anderen, wenn gerade unten auf der Seite sichtbar. Sorry. Du musst dir bei meinen Angaben also +/- 1 denken, wenn du was nicht sofort findest. Ich habe aber immer genug zitiert, dass es auch über Textsuche zu finden sein sollte.

Zitat:
Monaghan schwieg einen Moment und als der Offizier eine Augenbraue
hob und ihn beäugte, war es nun der Sherriff, der sich abgewandt hatte, um
in die wachsende Dunkelheit jenseits der Scheiben zu blicken.
Auch hier wird durch die Formulierung wieder suggeriert, M. und der Sheriff könnten unterschiedliche Personen sein. Am Anfang der Geschichte hat mich das wirklich irritiert, aber wenn man sich gemerkt hat, dass das sein Name ist, geht es. Aber liest sich immer noch störend.

s13:
Zitat:
die ganze Stämme den Untergang bringen.
"ganzen Stämmen" oder "in den Untergang"

ebd:
Zitat:
»Um jemanden, zu seltsamen Zeiten an einem bestimmten Ort anzutreffen
Komma weg. Ich höre jetzt aber auf, wollte ja kein Korrektorat machen. Du solltest die Geschichte aber nochmal korrekturlesen lassen, wie du siehst ist noch einiges an Fehlern drin.

Zitat:
Der Sherriff biss sich auf die Unterlippe, so als sinnierte er über die
Dinge, die ihm schon unzählige Male durch den Kopf gegangen waren.
Aus was für einer Perspektive möchtest du eigentlich erzählen? Ich hielt das bisher für personal mit dem Sheriff als Perspektivträger. Aber der weiß doch, was er denkt, da passt das "als ob" dann nicht. Oder soll das neutrale Perspektive sein?

Zitat:
Lawrence war ein alter Farbiger
Sagt er wirklich "Farbiger", zu der Zeit, als die Geschichte spielt? Aber okay, ich weiß, das ist immer eine Gratwanderung, political correctness und so.

s16:
Zitat:
sein Butler hätte es auch in der Fleischerei von George Fanning &
Sohn, nur zwei Straßen weiter bekommen,
ist das wirklich wichtig, oder hätte auch "in der Fleischerei" gereicht? Ich weiß, du willst hier mit Details ausschmücken, aber das kann auch dazu führen, dass es etwas langatmig wird und möglicherweise bringen Leser heute nicht mehr die gleiche Geduld auf wie zu Blackwoods Zeiten. Mich stört das slow pacing zwar nicht und ich mag es sogar, aber die heutige Lesegewohnheit geht eher zu schnellerem Erzählen. Wenn du die Geschichte also nicht bewusst auf "alt" machen willst, könntest du einiges an eigentlich für die Story unnötigen Details kürzen.

Zitat:
doch während er bislang eher durch seine ungeschickten, unsicheren Umgang
mit dem distanzierten Militär aufgefallen war, schien nun ein grimmiger,
zynischer Ernst von ihm Besitz zu ergreifen.
Hier wirkt die Perspektive auktorial, aber "schien" passt auch nicht zu einem allwissenden, kommentierenden Erzähler. Kann es sein, dass du was Perspektiven angeht noch etwas unsicher bist?

s20:
Zitat:
»Gut. Dann muss ich das wohl nicht näher ausführen.«
Klingt etwas unlogisch, da er das voher (für den Leser?) schon getan hat. Also vielleicht die Beschreibung nicht in wörtliche Rede setzen, so dass der Sheriff nur darüber nachdenkt, es aber seinem Gegenüber nicht beschreibt. Zumal ja auch kein Grund dafür besteht, wenn er die Bilder kennt.

s24:
Zitat:
Völlig verstört war durch die Wälder geirrt.«
Da fehlt ein "er"

s29:
Zitat:
musste irgendein
großes sie Tier zerfleischt haben
Tier sie

Zitat:
Vielleicht, so dämmerte es dem mit veränderten
Blick dasitzenden Sherriff, war es Charles gewesen, der das mit seinem
Gesicht angestellt hatte.
Davon gehe ich die ganze Zeit schon aus.

S34: Erlaube mir, eine Lesevermutung zu äußern, mal sehen, ob ich Recht behalte: Da Charles' Wendigo-Status bei Schneestürmen ansteckend zu sein scheint, und wenn Charles wirklich für die Verletzung des Offiziers verantwortlich ist, dürfte auch dieser infiziert sein. Und die sitzen in einem Diner und ein heftiger Schneesturm zieht auf …
Ich kann mir gerade gut vorstellen, was am Ende der Geschichte passiert, wenn der Sturm da ist.
Zwischenfazit: Die Geschichte beginnt sehr langsam, erscheint herrlich altmodisch (positiv in Bezug auf Blackwood als Vorbild gemeint) und steigert sich kontinuierlich, zieht einen immer mehr rein und ich bin jetzt so gefesselt davon, dass ich die ganze Novelle jetzt erstmal zuendelese, bevor ich mich heute noch selbst wieder ans Schreiben mache. Soviel dann zu dem Vorsatz, ich wolle in Einstandsgeschichten nicht mehr viel Zeit investieren.

S42
Zitat:
Was hat Aldrichs Heimatstadt für von
Interesse? Sie wissen doch, dass er tot ist.«
für Sie

Zitat:
Ein sonderbarer Ausdruck zuckte über das halbmaskierte Gesicht des
Offiziers. Ein Ausdruck, der zwischen schnaubender Wut und unverhohle-
nem Spott schwankte. Monaghan, der zunächst glaubte, sich verhört zu
haben, erstarrte, als er begriff, was das gezischte Geraune seines Gegen-
übers andeuten sollte.
Hier denke ich einen Moment, er selbst könne der gesuchte sein, der zurückkommt, vielleicht gar um den Mörder seiner Tochter zu finden, aber der Sheriff würde ihn doch auch mit nur einer Gesichtshälfte erkennen, also verwerfe ich die Idee (erstmal).

s47
Zitat:
»Für das, was Sie ihm angetan haben?«, erwiderte er schließlich und
blinzelte, als bemerkte er Monaghan erst in dieser Sekunde.
Hier ist die Deixis unklar: Wer ist mit "er" gemeint und spricht gerade? Der Indianer oder der Sheriff? Die Stelle wirft mich raus, ich versuche ein paarmal darüber nachzudenken aber komme zu keinem eindeutigen Ergebnis. Der Indianer könnte ja auch meinen, was der Sheriff Charles angetan hat (und der Leser vielleicht noch nicht weiß, oder er meint die Tötung der Monster-Tochter). Ich denke zwar, das der Sheriff das zu dem Indianer sagt, aber ganz sicher bin ich nicht.

Zitat:
Old Bill warf dem Offizier einen Seitenblick zu. »Sie meinen, was er für
Aldrich getan hat? Für mich und unseren gesamten Stamm?« Er stieß die
Luft aus und blickte wieder in die Leere, die Monaghan für ihn darstellte.
Hier spricht jetzt aber der Indianer und meint den Sheriff mit "er", oder? Einordnen kann ich die Aussage auch nicht.  Der Sheriff hat etwas für Aldrich, den Indianer und seinen Stamm getan? Ironie?

s50:
Zitat:
Die Hufe so breit wie Baumstämme. Die Rippen wie rostige Klingen, die aus der
rissigen grauen Haut des Brustkorbes ragten. Die blutunterlaufenen Augen
tief versunkenem in dem madenzerfressenden Schädel.
Nee, komm, hör auf, du begehst hier gerade einen großen Kardinalsfehler solcher Horrorgeschichten: Never do a close-up on the monster. Die Augen und das Geweih reichen, lass den Leser sich alles weitere selbst denken. Dann wirkt es viel gruseliger.

s53
Zitat:
»Ich schätze, wir reden nicht über Kaffee und Spiegeleier«, murmelte
Monaghan grimmig.
Nein, über die Schweine und später Menschen, denke ich. Ich hoffe, du erklärst das jetzt nicht noch haarklein alles Offensichtliche, mal abwarten. Ich glaube jedenfalls, mir eine Menge selbst zusammensetzen zu können. Edit nach komplettem Lesen: Nein, die Befürchtung hat sich nicht bestätigt, das bleibt interessant und da kommt noch genug Neues.

s57
Zitat:
um für einen schwindend kurzen Moment seine Augen aufleuchten zu las-
sen und sich im von rieselenden Schneeflocken erfüllten Lichtschein des
Diners als ein unschuldiges Reh zu entpuppen.
schöne Finte! Daumen hoch

s60
Zitat:
Old Bill, dieser schlitzäugige, schlechtrasierte, verlauste Indianer
kam nicht mehr heraus aus dem Lachen.
Hier habe ich wieder ein Perspektivproblem. Bisher fühlte sich der Erzähler größtenteils wie ein neutraler an. Und jetzt eine solche Bewertung von ihm? Ich gehe davon aus, es solle die des Sheriffs sein, aber hier wirfst du wieder die Perspektiven durcheinander.

Zitat:
Allerdings
sollte ich wohl Verständnis dafür zeigen, dass Sie mich nicht direkt erkannt
haben.«
Im Gegensatz zu mir. Ich hatte das ja schon vermutet, aber wieso sollte der Sheriff ihm nicht erkannt haben? Der Mann muss ihm doch wirklich im Gedächtnis geblieben sein. Diesen Twist kaufe ich der Geschichte jetzt nicht ganz ab. Ändert aber nichts daran, dass ich sie trotzdem immer noch spannend finde.

s63:
Zitat:
fügte er tief raunend hinzu: »Es war
nicht gelogen: Inzwischen ist es immer unappetitlich für andere, wenn ich
speise!«
Okay, bin gespannt, was jetzt noch kommt. Eigentlich könnte die Geschichte mMn hier zu Ende sein. Edit nach ganzem Lesen: Nein, die kommende "Nachgeschichte" ist interessant genug, ihre Daseinsberechtigung zu haben.

s62
Zitat:
Eine bislang unbekannte Spielart
der Grippe hatte ihren Vater schon eine ganze Woche ans Bett gefesselt,
einen arbeitswütigen Sturkopf, der normalerwiese nicht im Traum daran
gedacht hätte, wegen etwas so Unbedeutendem wie einer schnöden Erkäl-
tung auch nur einen einzigen Tag zuhause zu bleiben. Doch diese Krank-
heit war anders.
Kleine Corona-Anspielung am Rande (auch wenn es nicht in die Zeit passt, aber als Parallele zur Spanischen Grippe, die passen würde)? Twisted Evil

Zitat:
Die ganze Nacht lang hatte sie sich mit ihrem Vater ihr unten versteckt.
hier unten

Zitat:
hatten sich auch die schrecklichen Ähnlichkeiten gemehrt, die es mit den gehörn-
ten Abbildern des Leibhaftigen teilte.
Hörner und Geweih sind da aber schon noch ein großer Unterschied.

s65
Zitat:
und das Mädchen zu seinem Vater geeilt.
Welches Mädchen??? Wenn du Liz meinst, nenn sie nicht "das Mädchen", du bist perspektivisch gerade ganz dicht bei ihr, da kann sie nicht plötzlich nur noch "das Mädchen" sein.

Zitat:
Es war ein Alptraum gewesen, der sich jedem Verständnis verwehrte.
Zitternd wie ihr vom Fieber geschüttelter Vater hatte sie auf dem Kellerbo-
den gekauert, die bebenden Wangen von Tränen und Rotz überflutet, wäh-
rend ihre rasenden Gedanken vergeblich versucht hatten, dem Grauen ir-
gendeinen Sinn abzuringen, sodass sie zunächst gar nicht registrierte hatte
Warum erzählst du das im Plusquamperfekt? Im Präteritum oder Präsens würde es viel lebendiger und damit gruseliger wirken.

s69
Zitat:
Als wollte sie sich beweise,
beweisen – und durch das "als wolle" bist du schon wieder aus der Perspektive

s71
Zitat:
Die junge Frau stieß die Luft aus.
Auch hier wieder ungeschicktes Synonym, und "Luft ausstoßen" finde ich als Schreckensgeste auch nicht stark genug

s72
Zitat:
»Sag bloß, du hast du alles allein wegräumen müs-
sen?«
du hast das

Zitat:
Ihre zitternde Hand hob Monaghans Waffe. Kalt wie Eis berührte der
Lauf ihre Schläfe.
Ihr Zeigefinger suchte den Abzug.
Ihre Lippen ein letztes Gebet.
Dann jedoch regte sich etwas in ihrem Herzen.
Hmmm, weiß nicht, das könnte mMn weg. Wenn sie wirklich so geschockt ist, dass sie sich erschießen wollte, würde sie es tun. Ansonsten würde sie sich gar nicht erst die Waffe an den Kopf setzen. Und "Dann jedoch regte sich etwas in ihrem Herzen." ist mir als Umkehr zu schwach. Es sei denn natürlich, was sich da regt wäre ein H u n g e r… Schließlich hat sie das Blut ja abgekriegt. Aber das wäre ein Standard-80er-Jahre-Horrorfilm-Twist.

So, jetzt bin ich durch. Hölle und Giftzahn, was mach ich eigenlich hier? Jetzt habe ich doch glatt deine gesamte Novelle gelesen und kommentiert. Da muss ich wohl nicht mehr viel zu sagen, ich glaube, du kannst daran selbst erkennen, wie mir die Geschichte gefallen hat.

Ein richtiges Lektorat könnte das Werk gut gebrauchen. Da sind noch einige Menge Fehler drin (ich habe einen Teil, aber lange nicht alles (wäre zuviel gewesen) angemerkt). Auch ein paar Anfängerfehler finden sich noch, besonders was die Perspektive angeht, denn du schaffst es nicht, eine klare durchgängig zu halten. Wenn du daran noch arbeitest, würde das deine Schreibe noch besser machen, als sie eh schon ist.

Sicherlich könnte man auch noch ankreiden, dass du deine Charaktere (bis kurz vor Schluss) größtenteils als Plot Devices (talking Heads) benutzt, und ihre Erzählungen klingen eigentlich vom Stil her auch alle gleich. Die Dialoge sind auch literarisches Plot Device, denn so redet keiner, dafür liest sich das alles zu sehr nach einem sauber formulierten Bericht. Gestört hat mich das allerdings nicht, dafür ist der Inhalt viel zu gut. Und man kann ja durchaus auch sogenannte "literarische Dialoge" statt realistischer schreiben.

Womit deine Geschichte richtig punkten kann, ist die Story, und auch die Spannung geht trotz noch einiger handwerklicher Schwächen nicht flöten. Ich habe sie auf jeden Fall sehr gerne gelesen, aber das brauch ich wie gesagt wohl nicht mehr zu sagen. Da ich die Anmerkungen direkt beim Lesen geschrieben habe, kannst du daraus meine Leseerfahrung rekonstruieren, ich hoffe, das hilft dir, die Wirkung der Geschichte einschätzen zu können.

So, und jetzt hoffe ich doch mal sehr, dass du keine Eintagsfliege hier bist, denn ich habe immerhin gerade einen ganzen Abend in deine Geschichte investiert. Leider verschwinden viele nach ihren ersten Erfahrungen mit Kritik schnell wieder aus dem Forum. so dass ich eigentlich nicht mehr viel Arbeit in Einstandsposts investiere. Bei deiner Geschichte habe ich (wieder mal) eine Ausnahme gemacht, enttäusche mich bitte nicht. Ich denke, deine längerfristige Anwesenheit und Einbringung hier könnte durchaus eine Bereicherung für unser Forum sein.

Ich hoffe auch, du gehörst nicht zu denjenigen, die sich schon für perfekt halten und alle Kritik abbürsten. Was ich kritisiert habe, habe ich nicht kritisiert, um deine Geschichte niederzumachen, sondern um dir zu helfen, sie noch besser zu machen. Das ist also schon Meckern auf höherem Niveau. Ich erwarte nicht, dass du völlig mit mir einer Meinung bist, aber bitte denk über meine Anmerkungen nach, und schieß erst dann das in den Wind, was dir nicht plausibel erscheint.

Aber hier will ich jetzt enden, denn es ist schon wieder fast 2 Uhr nachts und ich wollte eigentlich selbst noch an meinem Buch weiterschreiben.

beste Grüße und SEHR gerne gelesen,
Veith


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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 07:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Überschwänglichsten Dank für das ausführliche Review / Lektorat, Veith! So aufmerksam hat sich bisher kaum jemand mit etwas auseinandergesetzt, das ich geschrieben habe. Es war eine erfreuliche Lektüre gerade beim Frühstück, vor allem da die Kritik auch wirklich bereichernd ist für mich. An einige Aspekte hatte ich ehrlich gesagt nicht allzu viele Gedanken verschwendet (z.B. die Perspektivwechsel), über andere habe ich mir selbst bereits beim Schreiben den Kopf zermartert (z.B. die Erzählung der Vorzeitigkeit im Plusquamperfekt). Die immer noch große Anzahl an Tipp- und Flüchtigkeitsfehlern ist mir natürlich mega peinlich. Aber das erstmal nur vorab. Ich werde im Laufe des Tages ausführlicher antworten.
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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 08:57    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Das Synonym finde ich (besonders durch das zusätzlich distanzierende Adjektiv) sehr ungeschickt, das bringt so viel Distanz rein. Autoren versuchen oft, Synonyme zu verwenden, um ständige Namenswiederholungen oder Pronomen zu vermeiden, aber manchmal geht das auf Kosten der nahen Perspektive und wirft den Leser etwas raus, weil es Distanz aufbaut. Hier wirkt es (auch durch die Absätze) tatsächlich erstmal so, als ob "Monaghan" und "der alte Sheriff" zwei verschiedene Personen wären, und das wirft ungemein raus bzw irritiert.


Ich verstehe deinen Punkt bzw. die beschriebene Distanzierung. Ich mache das auch in anderen meiner Geschichten häufiger. Nicht so häufig wie in dieser, doch ab und an auch tatsächlich bewusst. Eines meiner Idole ist der britische Schriftsteller Mervyn Peake, berühmt geworden u.a. wegen seiner Gormenghast-Trilogie (mein Username und Avatar wecken vielleicht Erinnerungen). Die dortige Hauptfigur Titus Groan wird ebenfalls wechselnd mal als "Titus" mal schlicht als "the boy" genannt. Das finde ich manchmal gar nicht so schlecht. Ich kann es ad hoc gar nicht genau erklären. Aber für mich schwingt bei Synonymen wie der Junge, das Mädchen, der Alte usw. immer auch etwas archaisch, archetypisches mit, und ein bisschen war das auch bei dieser Geschichte mein Hintergedanke. Zum einen haben wir mit dem Sherriff und dem Offizier zwei Charakter die rein oberflächlich recht ähnlich sind. Beide mehr oder weniger uniformierte Angehörige der Sicherheitskräfte; beide nicht hübsch; der eine alt, der andere entstellt, weswegen ich die Synonyme auch zur deutlicheren Unterscheidung beider genutzt habe. Meine Angst war schlicht, das beide allein von der sonstigen Erzählung nicht unterscheidbar genug sein könnten. Zum anderen habe ich aber auch versucht, durch die Synonyme etwas archetypisches (aber nicht stereotypisches) in die Charaktere zu legen:

Monaghan = der alte Sherriff = eine (groß)väterliche Beschützerrolle, rein oberflächlich der typische Western-Raubein-Sherriff, in seinem tatsächlichen Verhalten aber auch nervös und unsicher, eben wie ein etwas schrullig gewordener Opa

der Offizier / Militär = der Soldat = der Krieger / Jäger, der eigentlich viel mehr als der eigentlich auftretende "Indianer" dem Bild des (düsteren) Wilden entspricht, sowohl was seine Taten angeht, als auch sein verwüstetes Äußeres

Liz = das Mädchen / die junge Frau = die Unschuldige; die sich um ihren Vater Sorgende

Aber trotz dieser Absicht gebe ich dir generell recht. Man sollte das wahrscheinlich auf ein Minimum reduzieren bzw. dort, wo es missverständlich ist, einfach sein lassen.

Zitat:
Sagt er wirklich "Farbiger", zu der Zeit, als die Geschichte spielt? Aber okay, ich weiß, das ist immer eine Gratwanderung, political correctness und so.


Die letzte Korrektur, bevor ich das ganze bei Amazon hochgeladen habe, bestand tatsächlich darin, dass N-Wort zu streichen. Authentischer wäre es (bedauerlicherweise). Aber ich habe mit mir gehadert und bin zu dem Schluss gekommen, dass solche Bezeichnungen nicht unnötig reproduzieren muss, besonders wenn es der Geschichte nicht weiter schadet und das große Vorbild Lovecraft den Ausdruck leider auch schon zu Genüge benutzt hat. Ich bin mir gar nicht sicher, aber ich glaube, die Bezeichnung "Farbige" bzw. "colored people" war im damaligen (offiziellen) Sprachgebrauch auch durchaus häufiger als "Schwarze" bzw. "blacks", weswegen ich mich für die obige Variante entschlossen habe.

Zitat:
ist das wirklich wichtig, oder hätte auch "in der Fleischerei" gereicht? Ich weiß, du willst hier mit Details ausschmücken, aber das kann auch dazu führen, dass es etwas langatmig wird und möglicherweise bringen Leser heute nicht mehr die gleiche Geduld auf wie zu Blackwoods Zeiten. Mich stört das slow pacing zwar nicht und ich mag es sogar, aber die heutige Lesegewohnheit geht eher zu schnellerem Erzählen. Wenn du die Geschichte also nicht bewusst auf "alt" machen willst, könntest du einiges an eigentlich für die Story unnötigen Details kürzen.


Allgemein gebe ich dir hier auch wieder recht, aber auch hier wieder der Verweis auf Lovecraft. Beim Schreiben habe ich an "Der Fall des Charles Dexter Ward" gedacht. Dort wird beispielsweise im Detail beschrieben, in welchen Krämerläden und Kolonialwarengeschäften der böse Schwarzmagier Joseph Curwen seine Bedarfe an Chemikalien u.ä. bezieht. Der Unterschied besteht natürlich darin, dass Lovecraft real existierende Lokalitäten, Personen und Gewerbe aus der Geschichte seiner Heimatstadt benutzt hat, was seiner Geschichte ungemeine Tiefe schenkt, aber in meiner Geschichte vielleicht nicht der Fall ist.

Zitat:
Klingt etwas unlogisch, da er das voher (für den Leser?) schon getan hat. Also vielleicht die Beschreibung nicht in wörtliche Rede setzen, so dass der Sheriff nur darüber nachdenkt, es aber seinem Gegenüber nicht beschreibt. Zumal ja auch kein Grund dafür besteht, wenn er die Bilder kennt.


Fair point. Ich glaube, in einer früheren Version stand "dann muss ich das wohl nicht weiter ausführen", was ich dann etwas gekürzt habe. Gemeint war also, "dann muss ich wohl nicht NOCH weiter ins Detail gehen". Das werde ich nochmal umformulieren.

Zitat:
Hier ist die Deixis unklar: Wer ist mit "er" gemeint und spricht gerade? Der Indianer oder der Sheriff? Die Stelle wirft mich raus, ich versuche ein paarmal darüber nachzudenken aber komme zu keinem eindeutigen Ergebnis. Der Indianer könnte ja auch meinen, was der Sheriff Charles angetan hat (und der Leser vielleicht noch nicht weiß, oder er meint die Tötung der Monster-Tochter). Ich denke zwar, das der Sheriff das zu dem Indianer sagt, aber ganz sicher bin ich nicht.


Gemeint ist:

»Für das, was Sie ihm angetan haben?«, erwiderte der Indianer schließlich und blinzelte, als bemerkte er Monaghan erst in dieser Sekunde.

Gemeint ist also das Lynchen seines Sohnes Jeromes nach Stürmung des Anwesens, weswegen der Monaghan zunächst wie Luft behandelt.

Zitat:
Zitat:
Old Bill warf dem Offizier einen Seitenblick zu. »Sie meinen, was er für
Aldrich getan hat? Für mich und unseren gesamten Stamm?« Er stieß die
Luft aus und blickte wieder in die Leere, die Monaghan für ihn darstellte.
Hier spricht jetzt aber der Indianer und meint den Sheriff mit "er", oder? Einordnen kann ich die Aussage auch nicht.  Der Sheriff hat etwas für Aldrich, den Indianer und seinen Stamm getan? Ironie?


Auch hier soll eigentlich wieder der Indianer sprechen.

Mit "was er für Aldrich getan hat? Für mich und unseren gesamten Stamm?" ist die Pflege der mutierten Tochter unter Drohung von seitens Aldrichs gemeint, ansonsten seine Morde den Indianern zuzuschieben.

Zitat:
Nee, komm, hör auf, du begehst hier gerade einen großen Kardinalsfehler solcher Horrorgeschichten: Never do a close-up on the monster. Die Augen und das Geweih reichen, lass den Leser sich alles weitere selbst denken. Dann wirkt es viel gruseliger.


Herrje, du hast absolut recht. Zumal ich meine Beschreibung bis zuletzt wenig überzeugend und originell fand. Meine Befürchtung war jedoch, dass der Wendigo im Gegensatz zu Zombies, Werwölfen, Vampiren usw. (noch) zu wenig bekannt sei, um bei einer vagen Beschreibung zu bleiben. Ich glaube ich streiche es ganz oder nehme stattdessen eine eher schemenhaftere Beschreibung, die das skelettartige, verfaulte, lepröse Äußeres andeutet, ohne zu genau zu werden.

Zitat:

Zitat:
Old Bill, dieser schlitzäugige, schlechtrasierte, verlauste Indianer
kam nicht mehr heraus aus dem Lachen.
Hier habe ich wieder ein Perspektivproblem. Bisher fühlte sich der Erzähler größtenteils wie ein neutraler an. Und jetzt eine solche Bewertung von ihm? Ich gehe davon aus, es solle die des Sheriffs sein, aber hier wirfst du wieder die Perspektiven durcheinander.


Deine Kritik ist berechtigt und deine Vermutung ebenfalls korrekt. Zu den Perspektivwechseln schreibe ich später nochmal ausführlicher.

Zitat:
Im Gegensatz zu mir. Ich hatte das ja schon vermutet, aber wieso sollte der Sheriff ihm nicht erkannt haben? Der Mann muss ihm doch wirklich im Gedächtnis geblieben sein. Diesen Twist kaufe ich der Geschichte jetzt nicht ganz ab. Ändert aber nichts daran, dass ich sie trotzdem immer noch spannend finde.


Auch so ein Punkt, über den ich mir selbst Gedanken gemacht habe. Neben der Entstellung sowie dem im Krieg gewachsenen Bart habe ich das ganze für mich damit erklärt, dass viele Kriegsheimkehrer tatsächlich ihre Verwandten mit ihrer starken, körperlichen Alterung schockiert haben. Ich habe mal entsprechende Vorher- Nachherfotos gesehen. Da sah ein zwanzig-jähriger Bursche nach 4 Jahren Krieg tatsächlich aus wie Ende Vierzig und das ganz ohne sichtbare Verletzungen. Aber das Problem sehe ich trotzdem auch. In dem Punkt muss man der Geschichte wohl tatsächlich etwas Kredit geben.

Zitat:
Okay, bin gespannt, was jetzt noch kommt. Eigentlich könnte die Geschichte mMn hier zu Ende sein. Edit nach ganzem Lesen: Nein, die kommende "Nachgeschichte" ist interessant genug, ihre Daseinsberechtigung zu haben.


Bis vor vierzehn Tagen endete die Geschichte eigentlich auch dort. Meiner Ansicht nach der typische Schlusspunkt, den ein Lovecraft setzen würde. Aber ich glaube deswegen war ich auch irgendwie unzufrieden damit.

Zitat:
Zitat: Eine bislang unbekannte Spielart der Grippe hatte ihren Vater schon eine ganze Woche ans Bett gefesselt, einen arbeitswütigen Sturkopf, der normalerwiese nicht im Traum daran gedacht hätte, wegen etwas so Unbedeutendem wie einer schnöden Erkältung auch nur einen einzigen Tag zuhause zu bleiben. Doch diese Krankheit war anders.
Kleine Corona-Anspielung am Rande (auch wenn es nicht in die Zeit passt, aber als Parallele zur Spanischen Grippe, die passen würde)?


Ja richtig, das ist natürlich eine Anspielung auf Corona bzw. die spanische Grippe, die ich mir nicht verkneifen konnte. Very Happy Die historischen Hintergründe, wo die spanische Grippe tatsächlich ursprünglich ausgebrochen ist, ist wohl immer noch nicht eindeutig geklärt. Deshalb habe ich mir die literarische Freiheit genommen, einen Fall in den Catskills anzusiedeln, wobei das streng medizinisch wahrscheinlich auch problematisch ist. Vermutlich wäre halb Aldenburg auch ohne den Wendigo binnen weniger Tage gestorben.

Zitat:

Zitat:
hatten sich auch die schrecklichen Ähnlichkeiten gemehrt, die es mit den gehörn-
ten Abbildern des Leibhaftigen teilte.
Hörner und Geweih sind da aber schon noch ein großer Unterschied.


Stimmt ebenfalls. Ich hatte eigentlich auf die tierischen Läufe, die Hufe und das Fell anspielen wollen, wie sie bei klassischen Teufelsdarstellungen aber auch antiken Naturgottheiten europäischer Herkunft immer wieder auftauchen. Ob Geweih oder Hörner war mir nicht so wichtig. Aber dein Punkt ist valide. Der Vergleich kann irritieren und ich war mit dem Satz auch beim Schreiben nie völlig zufrieden.

Ich muss jetzt leider Gottes meinem Brotberuf nachgehen. Später schreibe ich mehr. Smile
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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 14:21    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marc,
freut mich, dass du etwas damit anfangen kannst und danke für die Rückmeldung. Freut mich immer zu sehen, dass sich jemand mit meiner Kritik auseinandersetzt und ich mir die Mühe nicht umsonst gemacht habe.

Zitat:
Aber ich habe mit mir gehadert und bin zu dem Schluss gekommen, dass solche Bezeichnungen nicht unnötig reproduzieren muss, besonders wenn es der Geschichte nicht weiter schadet und das große Vorbild Lovecraft den Ausdruck leider auch schon zu Genüge benutzt hat.
Da hast du sicherlich auch Recht. Und nein, Lovecraft sollte da ganz bestimmt kein Vorbild sein, wenn ich an dieses "schöne" Gedicht erinnern darf, das er wohl absolut ernst meinte. Immerhin nannte er den Ku Klux Klan ja auch eine edle Vereinigung, die den Amerikanern nur ein gottgegebenes Recht zurückbringe, das die Regierung ihnen absprechen wollte. Aber diese Seite von Lovecraft kennst du bestimmt auch, oder?

Zitat:

Auch hier soll eigentlich wieder der Indianer sprechen.

Mit "was er für Aldrich getan hat? Für mich und unseren gesamten Stamm?" ist die Pflege der mutierten Tochter unter Drohung von seitens Aldrichs gemeint, ansonsten seine Morde den Indianern zuzuschieben.
Bei dem Satz blicke ich immer noch nicht durch. Wer ist mit "er" gemeint? Jerome?

Zitat:
Meine Befürchtung war jedoch, dass der Wendigo im Gegensatz zu Zombies, Werwölfen, Vampiren usw. (noch) zu wenig bekannt sei, um bei einer vagen Beschreibung zu bleiben.
Genau das ist doch der Punkt. Eine Geschichte über Werwölfe, Zombies oder Vampire hätte ich gar nicht gelesen bzw den Thread überhaupt angeklickt. Diese Wesen wurden schon so viel beschrieben und definiert, dass sie einfach (zumindest für mich) nicht mehr interessant sind. Komplett einschätzbar eben, man weiß, was die können, wie sie aussehen und was die machen. Für Horror sind sie damit obsolet, weil selbiges für Menschen gilt und diese den besseren Schrecken abgeben, es heißt ja nicht umsonst, man müsse Werwölfe und Vampire nicht fürchten, sondern nur das, wofür sie stehen, nämlich was ganz reale Menschen anderen ganz realen Menschen antun. Von daher ist ein nicht-menschliches Monster für Horrorgeschichten nur noch interessant, wenn es sich einem klaren Bild und einer genauen Definition entzieht. Je ungreifbarer und flüchtiger (oder besser das englische elusive in Ermangelung eines passenden deutschen Wortes), desto besser für den namenlosen Schrecken geeignet. Nimm Guy de Maupassants Horla als Beispiel (falls du ihn kennst, sonst unbedingt nachholen), das mMn gruseligste Monster ever, weil eben komplett unsichtbar, ungreifbar und undefinierbar. Es könnte sich genausogut um eine Psychose handeln, man weiß also nichtmal, ob das Wesen überhaupt existent ist. Das macht es gruselig, jedenfalls mMn. Aber Werwölfe braucht doch niemand mehr für Horror, dann doch lieber gleich die Menschen, für die sie stehen.
Der Wendigo ist so interessant, weil er beides kann. Den menschlichen Schrecken des von ihm beeinflussten oder besessenen (vermutlich ursprünglich eine Tollwut-Metapher) und der un(be)greifbare Geist in den Wäldern. Der ist sogar noch gruselig, wenn ich daran denke, dass er eigentlich nur eine Virusmetapher ist. Tollwut ist aber nun auch echt ein fieses und perfides Ding. Wenn du den Wendigo (als Geist) zu genau beschreibst und er zu greifbar wird, würde aber auch er als Monster für Gruselgeschichten obsolet werden.

Zitat:
das ganze für mich damit erklärt, dass viele Kriegsheimkehrer tatsächlich ihre Verwandten mit ihrer starken, körperlichen Alterung schockiert haben. Ich habe mal entsprechende Vorher- Nachherfotos gesehen. Da sah ein zwanzig-jähriger Bursche nach 4 Jahren Krieg tatsächlich aus wie Ende Vierzig und das ganz ohne sichtbare Verletzungen.
Dann erkläre es nicht nur für dich, sondern lass das deine Geschichte auch für den Leser tun. Ein paar Sätze darüber in der Geschichte, vielleicht geschickt vorher und damit auch als foreshadowing eingeflochten, könnten Wunder wirken, den Twist glaubhafter zu machen.

Zitat:
Ich hatte eigentlich auf die tierischen Läufe, die Hufe und das Fell anspielen wollen, wie sie bei klassischen Teufelsdarstellungen aber auch antiken Naturgottheiten europäischer Herkunft immer wieder auftauchen.
Der Teufel ist ja auch nur ein von Christen dämonisierter Pan oder Cernunnos. Diese Wesen waren wild, aber nicht böse, und eigentlich eher sympathisch. Von daher würde ich den Wendigo nicht definitorisch in diese Richtung bewegen. Der Gehörnte Gott ist der sympathische Geist des Waldes und der Natur, der Wendigo eher die Antithese davon.

beste Grüße,
Veith


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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 14:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Zitat: Die Aldrichs wohnten

Der Name gefällt mir, btw. Klingt wie eine Mischung aus "eldrich" (eins von Lovecrafts Lieblingswörtern) und "Algernon" (Blackwood). Absicht? So oder so, schön gemacht.


Haha, ja die Ähnlichkeit mit Eldrich ist natürlich Absicht. An Mr. Blackwood habe ich dabei jedoch gar nicht gedacht. Aber das passt wie die Faust aufs Auge. In Zukunft werde ich einfach behaupten, es sei Absicht gewesen Wink

Zitat:
Zitat: Es war ein Alptraum gewesen, der sich jedem Verständnis verwehrte. Zitternd wie ihr vom Fieber geschüttelter Vater hatte sie auf dem Kellerboden gekauert, die bebenden Wangen von Tränen und Rotz überflutet, während ihre rasenden Gedanken vergeblich versucht hatten, dem Grauen irgendeinen Sinn abzuringen, sodass sie zunächst gar nicht registrierte hatte

Warum erzählst du das im Plusquamperfekt? Im Präteritum oder Präsens würde es viel lebendiger und damit gruseliger wirken.


Sowohl bei dieser Passage als auch der vorherigen, in der Old Bill erzählt, wie sein Sohn Jerome im Wald Aldrich und dem Wendigo begegnet ist, habe ich mich sehr schwer getan. Erst habe ich die in der Vorvergangenheit stattfindenden Ereignisse stur im Plusquamperfekt geschrieben, in der Abnahme, dies habe formal so zu sein. Das jedoch natürlich mit dem Ergebnis, dass sich alles total sperrig las. Also habe ich anschließend alles nochmal ins Präteritum gesetzt, wobei ich mir aus formalen Gründen jedoch sehr unsicher war.

Letztlich bin ich dann wie folgt vorgegangen: Bei der wörtlichen Erzählung von Old Bild, die ja nicht nur das Vorzeitige wiedergibt, sondern auch eine Fremddarstellung aus zweiter Hand darstellt, die streng genommen im Konjunktiv stehen müsste, habe ich Plusquamperfekt, Konjunktiv und Präteritum abwechselnd verwendet, je nach dem, ob es eleganter und weniger sperrig klang, und auch mit der inhaltlichen "Entschuldigung", dass hier ein emotional aufgewühlter Charakter spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Da du dazu keine Kritik geäußert hast, nehme ich an, dass das einigermaßen funktioniert hat.

In der Darstellung von Liz' bisheriger Nacht habe ich stattdessen weitgehend durchgängig das Plusquamperfekt verwendet. Dazu hatte ich mich entschlossen, weil das ganze ja keine wörtliche Rede, sondern einen Einschub des Erzählers darstellt. Hier war schlicht meine Angst zu groß, irgendeine formale Regel zu brechen, was das Berichten von Vorgängen in der Vorvergangenheit angeht. Aber natürlich auch mit dem befürchteten Ergebnis, dass es sich nicht gerade elegant liest. Also hier wäre dein entschiedener Rat, diese Passage noch entsprechend zu ändern, oder?


quote]Zitat: Ihre zitternde Hand hob Monaghans Waffe. Kalt wie Eis berührte der Lauf ihre Schläfe. Ihr Zeigefinger suchte den Abzug. Ihre Lippen ein letztes Gebet. Dann jedoch regte sich etwas in ihrem Herzen.

Hmmm, weiß nicht, das könnte mMn weg. Wenn sie wirklich so geschockt ist, dass sie sich erschießen wollte, würde sie es tun. Ansonsten würde sie sich gar nicht erst die Waffe an den Kopf setzen. Und "Dann jedoch regte sich etwas in ihrem Herzen." ist mir als Umkehr zu schwach. Es sei denn natürlich, was sich da regt wäre ein H u n g e r… Schließlich hat sie das Blut ja abgekriegt. Aber das wäre ein Standard-80er-Jahre-Horrorfilm-Twist[/quote]

Gerade die letzten Sätzen waren ehrlich gesagt eine spontane Verlegenheitslösung. Besonders dieses "Dann jedoch regte sich etwas in ihrem Herzen." Deine Idee mit dem 80ties Twist gefällt mir total, war aber leider auch intendiert. Stattdessen habe ich als Autor eine andere Erklärung für ihren Lebenswillen gefunden. Aber dazu muss ich ausholen.

Der Charakter von Liz stellte ursprünglich einen bloßen Cameo dar, den ich zu meiner eigenen Belustigung eingebaut habe. Liz taucht bereits in meinem (immer noch andauernden) Roman-Projekt als Nebencharakter auf, das in den frühen 40er Jahren spielt. Dort ist sie nach einem bewegten Leben (u.a. als Krankenschwester gegen Ende des Ersten Weltkrieges) wieder als Kellnerin tätig. Da dieser Roman auch an der amerikanischen Ostküste spielt und ich für den Diner einen Charakter für die Bedienung brauchte, bin ich dann einfach ökonomisch sparsam vorgegangen und habe sie recycled ... bzw. Intertextualität reingebracht Wink

Wichtig war es dabei jedoch, ihre Tätigkeit als Krankenschwester irgendwie reinzubringen, was mir glaube ich auch einigermaßen elegant gelungen ist. Und damit würde ich auch ihren erwachenden Lebenswillen am Ende erklären wollen.

Sie ist eine junge, idealistische Frau, die dem Provinznest entfliehen und nach Übersee will, um leidenden Soldaten zu helfen. Am Schluss der Geschichte hat sie zwar pures Grauen erlebt, jedoch gesteht sie sich dann ein, dass es ja im Grunde solche Situationen sind, denen sie sich an der Front aussetzen wollte, wenn auch ohne die persönliche und übernatürliche Komponente. Das steht natürlich nicht alles explizit im Text und ist ehrlich gesagt auch meinerseits eine nachträgliche Rationalisierung. Aber völlig abwegig finde ich es auch nicht. Ideal wäre es wahrscheinlich, wenn ich diesen Gedankengang noch einfügen könnte, ohne das es zu plump würde.


Generelles Thema Perspektivwechsel

Wenn ich es richtig wahrgenommen habe, ist dies neben den leider noch vielen zu findenden Flüchtigkeitsfehlern dein Hauptkritikpunkt. Den muss ich im großen und Ganzen auch vorbehaltlos annehmen, denn bewusst darauf geachtet habe ich ehrlich gesagt nicht. Meine vage Intention beim Schreiben war es, einen allwissenden Erzähler sprechen zu lassen, der jedoch Informationen zurückhält, wenn es der Spannung dient. Wie von dir bemerkt, wechselt die Perspektive dann häufig. Manchmal erfährt man Gedanken, Wertungen und Emotionen von jener Figur, dann von einer anderen. Einige Absätze später erfährt man dann nur etwas darüber, welchen Anschein dieselben Charakter machen, ohne in das tatsächliche Innenleben einzutauchen. Dass dies nicht konsequent und irritierend ist, geht mir nachträglich auf, ist aber auch meinem - ich würde sagen - cineastischen Ansatz geschuldet: Ich habe gar nicht geplant, die Story primär aus Sicht von Monaghan, Aldrich oder Liz zu erzählen. Viel mehr hatte ich immer eine innere Kameraeinstellung im Kopf, die fließend von einem Charakter zum anderen wechselt. In den Diner-Gesprächen, wo der Hauptteil des Gespräches mehr oder weniger wechselt, die erste Hälfte bei Monaghan liegt und die zweite bei dem Offizier, war es tatsächlich sogar bewusst mein Ziel, den Leser immer wieder die Perspektive zu wechseln, weil beide Charaktere als unzuverlässige Erzähler fungieren. Was nicht halten soll, dass es so, wie ich es gemacht habe, optimal ist. Das werde ich mir auf jeden Fall nochmal anschauen und überdenken. Und wenn ich es in diesem Text nicht mehr ändern sollte, dann beachte ich es auf alle Fälle für die Zukunft.

Generelles zur Story

Wie bereits erwähnt, schreibe eigentlich seit einigen Jahren an meinem ersten Roman-Projekt. Das lässt mich zwar nicht mehr los, erschlägt mich jedoch immer wieder mit seinem Umfang. Aktuell bin ich auf S. 800 und erst in der Mitte des bislang geplanten Plots angelangt. Das kann schon ermüden. Zumal das Schreiben in mancher Hinsicht ein undankbares Hobby ist. Ich habe früher auch viel Musik gemacht, auch halb-professionell. Dabei hat man direktes Feedback vom Publikum. Entweder klatschen und tanzen die Leute ... oder eben nicht. Beim Schreiben (als unveröffentlicher Autor) hingegen quält man sich manchmal Nacht für Nacht durch einzelne, quälende Absätze, nur um sich zu fragen: Kann ich das überhaupt? Will das irgendwer wirklich lesen?

Aus diesem Grund habe ich immer, wenn die Frustration gerade am größten war, kleinere Horror-Stories eingeschoben. Wendigo Diner habe ich April/Mai angefangen, also ziemlich mit Beginn dieser unschönen Pandemie-Geschichte, was wie oben bereits thematisiert, am Rande auch in die Geschichte mit eingeflossen ist. Die vielen formalen Fehler, vor allem die zu vermeidenden bzw. leicht zu korrigierenden Tipp- und Flüchtigkeitsfehler sind mir natürlich extrem peinlich, zumal ich das ganze ja so auch bereits auf Amazon hochgeladen habe und sowohl ich als auch andere liebe Menschen mehrmals Korrekturgelesen haben. Aber das ist ja keine Katastrophe und lässt sich alles leicht beheben. Stattdessen freue ich mich einfach, dass die Geschichte an sich auch für Dritte halbwegs logisch und vor allem unterhaltsam ist. Die Unzulänglichkeiten meines Stils kann ich einigermaßen selbst einschätzen. Aber bei einem Plot, in den ich mich rein "technisch" extrem eingearbeitet habe, ist es für mich irgendwann sehr schwierig einzuschätzen, ob er auch spannend oder berührend ist. Von daher bin ich für deine Kritik und auch für dein Lob total dankbar, Veith.

Mich davon stehlen, will ich auch nicht. Ich hatte bislang große Probleme, ausführliches und ehrliches Feedback zu bekommen. Jemandem anderem fiel als einzige Kritik auf den obigen Auszug ein: "Zu viele Adjektive." (Jemals Lovecraft gelesen??) Und in solche Foren habe ich mich vorher auch nicht getraut. Aber dieser Versuch hat mich umgestimmt.

Ich habe noch zwei weitere Horror-Stories aus den letzten Jahren. Eine ungefähr gleich lang. Die andere müsste doppelt so lang sein. Atmosphärisch, inhaltlich sind sie auch ähnlich. Lovecraft'scher Horror im weitesten Sinne. Jedoch ist das Setting bei beiden eine vage mittelalterliche, wenn auch geerdete Fantasy-Szenerie (keine Zwerge, Elben oder Drachen). Beide sind wahrscheinlich merklich schwächer. Aber falls jemand Interesse hat, kann ich Auszüge ebenfalls gerne hier posten oder sie jemandem im Ganzen zukommen lassen.

So, ich hoffe ich habe nichts wesentliches vergessen, außer nochmal: Vielen Dank![/quote]
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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 14:42    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Zitat:
Zitat: Auch hier soll eigentlich wieder der Indianer sprechen.

Mit "was er für Aldrich getan hat? Für mich und unseren gesamten Stamm?" ist die Pflege der mutierten Tochter unter Drohung von seitens Aldrichs gemeint, ansonsten seine Morde den Indianern zuzuschieben.
Bei dem Satz blicke ich immer noch nicht durch. Wer ist mit "er" gemeint? Jerome?


Achso, sorry. Ich glaube, ich habe dein Problem mit dem Satz erst jetzt richtig verstanden.

Gemeint ist: "Was Jerome für Aldrich getan hat?* Für mich und unseren gesamten Stamm?"**

*also die Pflege der Tochter
** dass er die Pflege auf sich genommen hat, um dem drohenden Aldrich zu besänftigen

Zitat:
Genau das ist doch der Punkt. Eine Geschichte über Werwölfe, Zombies oder Vampire hätte ich gar nicht gelesen bzw den Thread überhaupt angeklickt. Diese Wesen wurden schon so viel beschrieben und definiert, dass sie einfach (zumindest für mich) nicht mehr interessant sind. Komplett einschätzbar eben, man weiß, was die können, wie sie aussehen und was die machen. Für Horror sind sie damit obsolet, weil selbiges für Menschen gilt und diese den besseren Schrecken abgeben, es heißt ja nicht umsonst, man müsse Werwölfe und Vampire nicht fürchten, sondern nur das, wofür sie stehen, nämlich was ganz reale Menschen anderen ganz realen Menschen antun. Von daher ist ein Monster für Horrorgeschichten nur noch interessant, wenn es sich einem klaren Bild und einer genauen Definition entzieht. Je ungreifbarer und flüchtiger (oder besser das englische elusive in Ermangelung eines passenden deutschen Wortes), desto besser für den namenlosen Schrecken geeignet. Nimm Guy de Maupassants Horla als Beispiel (falls du ihn kennst, sonst unbedingt nachholen), das mMn gruseligste Monster ever, weil eben komplett unsichtbar, ungreifbar und undefinierbar. Es könnte sich genausogut um eine Psychose handeln, man weiß also nichtmal, ob das Wesen überhaupt existent ist. Das macht es gruselig, jedenfalls mMn. Aber Werwölfe braucht doch niemand mehr für Horror, dann doch lieber gleich die Menschen, für die sie stehen.
Der Wendigo ist so interessant, weil er beides kann. Den menschlichen Schrecken des von ihm beeinflussten oder besessenen (vermutlich ursprünglich eine Tollwut-Metapher) und der un(be)greifbare Geist in den Wäldern. Der ist sogar noch gruselig, wenn ich daran denke, dass er eigentlich nur eine Virusmetapher ist. Tollwut ist aber nun auch echt ein fieses und perfides Ding. Wenn du den Wendigo (als Geist) zu genau beschreibst und er zu greifbar wird, würde aber auch er als Monster für Gruselgeschichten obsolet werden.


Stimme dir 100% zu. Das Geweih im Nebel und die Augen reichen vollkommen. Ich werde das überarbeiten. Wie gesagt, vage oder anschauliche Beschreibung hin oder her, mit meiner bisherigen Version war ich ja ohnehin nicht zufrieden.

Zitat:
Zitat: das ganze für mich damit erklärt, dass viele Kriegsheimkehrer tatsächlich ihre Verwandten mit ihrer starken, körperlichen Alterung schockiert haben. Ich habe mal entsprechende Vorher- Nachherfotos gesehen. Da sah ein zwanzig-jähriger Bursche nach 4 Jahren Krieg tatsächlich aus wie Ende Vierzig und das ganz ohne sichtbare Verletzungen.

Dann erkläre es nicht für dich, sondern lass das deine Geschichte für den Leser tun. Ein paar Sätze darüber in der Geschichte, vielleicht geschickt vorher und damit auch als foreshadowing eingeflochten, könnten Wunder wirken, den Twist glaubhafter zu machen.


Ebenfalls richtig. In diesem Fall finde ich die Umsetzung nur schwieriger. Im Laufe des Gespräches wird erwähnt, dass Aldrich um die 30 Jahre alt ist. Natürlich kann ich bei der ersten Beschreibung des Offiziers erwähnen, dass er aussieht wie 50. Mir fällt nur spontan nicht ein, wie ich das ganze gegen Ende klar und deutlich auflösen soll, ohne dass der Leser denkt "Hmm, ich dachte Aldrich wär ein junger Mann??" oder Letzterer plump äußert: "Schrecklich, wie einen der Krieg altern lässt, oder?"

Zitat:
Zitat: Ich hatte eigentlich auf die tierischen Läufe, die Hufe und das Fell anspielen wollen, wie sie bei klassischen Teufelsdarstellungen aber auch antiken Naturgottheiten europäischer Herkunft immer wieder auftauchen.

Der Teufel ist ja auch nur ein von Christen dämonisierter Pan oder Cernunnos. Diese Wesen waren wild, aber nicht böse, und eigentlich eher sympathisch. Von daher würde ich den Wendigo nicht definitorisch in diese Richtung bewegen. Der Gehörnte Gott ist der sympathische Geist des Waldes und der Natur, der Wendigo eher die Antithese davon.


Insbesondere an Cernunnos hatte ich auch gedacht (bin großer Fan der franz. Netflix-Serie Black Spot, falls die jemand kennt). Meine Überlegung war jedoch auch, dass eine mythologisch-unbedarfte Sechszehnjährige ein meterhohes Ungetüm mit boshafter Fratze, Fell, Hufen, glühenden Augen und natürlich gewachsener Kopfbedeckung sieht und entsprechend diabolische Assoziationen hat. Aber wie gesagt, kann ich den Kritikpunkt verstehen und war beim Schreiben auch schon nicht 100% zufrieden damit.
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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 18.11.2020 15:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Marc,
danke nochmal für die ausführliche Beschäftigung mit meiner Kritik.

Zitat:
Also habe ich anschließend alles nochmal ins Präteritum gesetzt, wobei ich mir aus formalen Gründen jedoch sehr unsicher war.
Ein guter Trick ist da: Beginne ein Rückblende (die ersten paar Sätze) im Plusquamperfekt und wechsle dann ins Präteritum. Am Ende der Rückblende wieder kurz ins Plusquamperfekt wechseln, Dann hast du Anfang und Ende der Vorzeitigkeit deutlich gemacht und kannst die Ereignisse aber in der gewöhnten Erzählzeit bringen.

Zitat:
Beim Schreiben (als unveröffentlicher Autor) hingegen quält man sich manchmal Nacht für Nacht durch einzelne, quälende Absätze, nur um sich zu fragen: Kann ich das überhaupt? Will das irgendwer wirklich lesen?
Das ging mir vor ein paar Jahren (bevor ich hier ins Forum kam) auch so. Jetzt habe ich meine AG für meine Romanprojekte, und das Feedback meiner Testleser bringt mich nicht nur verbesserungsmäßig weiter, sondern vermittelt mir auch, dass ich nicht nur für mich selbst oder eine gesichtslose Masse (ohne Feedback) schreibe. Mir verschafft das auch immer wieder einen Motivationskick. Schon von daher möchte ich das Forum nicht mehr missen. Und es macht auch einfach Spaß, auch bei anderen mitzulesen, in den Dialog zu treten und sich gegenseitig bei seinen Projekten zu helfen. Nemo solus sapit, wie es so schön heißt.

Zitat:
Die vielen formalen Fehler, vor allem die zu vermeidenden bzw. leicht zu korrigierenden Tipp- und Flüchtigkeitsfehler sind mir natürlich extrem peinlich
Weißt du was? Vergiss es einfach. Da muss dir überhaupt nichts peinlich sein. Wenn ich ein neues Kapitel in meiner AG einstelle, habe ich das immer mindestens dreifach korrekturgelesen, und mir schlackern trotzdem jedes Mal die Ohren, was meine Testleser noch alles finden. Ein "mit" statt "mir", doppelte Wörter, vergessene Endungen, etc. Eben genau das, was ich in deiner Geschichte auch gefunden habe. Und das sind keine "einfach zu vermeidenden" Fehler, weil man als Autor betriebsblind ist, das ist einfach der Gehirnfunktion geschuldet. Kennst du den Lilac Chaser?

Schau eine Weile auf das Kreuz in der Mitte, bald siehst du einen wandernden grünen Punkt und nimmst die lila Kreise überhaupt nicht mehr wahr. Erst wenn du deine Wahrnehmung dann vom Zentrum auf den grünen Punkt fokussierst, verschwindet dieser und die lila Kreise kommen zurück. Genauso ist das mitt Tippfehlern, du bist so auf den Gesamttext als Mittelkreuz konzentriert, dass sie wie die lila Kreise aus der Wahrnehmung komplett verschwinden und du stattdessen etwas anderes wahrnimmst, was gar nicht da ist, nämlich was du eigentlich schreiben wolltest (grüner Punkt). Nur kannst du deine Wahrnehmung nicht einfach so vom Zentrum lösen wie bei der Animation. Du hast also so gut wie keine Chance, die Fehler selbst zu finden, weil du weißt, was du schreiben wolltest, und dann automatisch auch das liest, was du schreiben wolltest und nicht das, was da tatsächlich steht. Perception is a bitch, und wie ich schon sagte, nemo solus sapit. Dafür brauchst du Testleser oder Korrektorat, es geht nicht anders. Und das ist Tatsche, da muss einem also nichts peinlich sein.

Zitat:
Jemandem anderem fiel als einzige Kritik auf den obigen Auszug ein: "Zu viele Adjektive." (Jemals Lovecraft gelesen??)
Viele versuchen leider, einem anderen Autor immer den eigenen Stil aufzuzwingen, ich finde, das bringt nichts, man muss sich schon auf den Stil des anderen einlassen. Und "Adjektive meiden wie der Teufel das Weihwasser" steht in vielen Schreibratgebern, die einige für dogmatisch halten. Aber grade wenn man versucht, sich an ältere Vorbilder anzulehnen, bringt das nichts. Ich selbst halte auch vieles, was in Schreibratgebern steht, für Unsinn. Weil es zumindest bei sklavischer Einhaltung der Regeln zu einem seelenlosen Retortenschreibstil führt. Bei Kritik gilt immer: Denk über alles nach, nimm was du gebrauchen kannst aber schieß den Rest in den Wind.

Zitat:
Und in solche Foren habe ich mich vorher auch nicht getraut. Aber dieser Versuch hat mich umgestimmt.
Ich selbst habe hier im Forum sehr viel gelernt. Von Perspektiven hatte ich früher auch keine Ahnung. Aber es lohnt sich, sich mal intensiv damit auseinanderzusetzen.

beste Grüße nochmal,
Veith

Edit/Add:
Zitat:
Ebenfalls richtig. In diesem Fall finde ich die Umsetzung nur schwieriger. Im Laufe des Gespräches wird erwähnt, dass Aldrich um die 30 Jahre alt ist. Natürlich kann ich bei der ersten Beschreibung des Offiziers erwähnen, dass er aussieht wie 50.
Du könntest es an der Stelle einfügen, wo der Sheriff am Anfang sagt, der Krieg mache manche Menschen zu Monstern. Da könnte er auch noch sagen, dass man sie meist sowieso gar nicht wiedererkennt, wenn sie zurückkehren. Und der Offizier könnte ihm dann sogar noch als dramatische Ironie zustimmen. Das wäre ein schönes Foreshadowing, das du dann später aufgreifen kannst ("Du hast mir ja selbst erzählt, dass man Kriegsheimkehrer nicht mehr wiedererkennt" oder sowas in der Art). Dann wäre der Twist richtig rund und wirkt nicht mehr wie aus dem Nichts kommend.

Noch ein Add:
Zitat:
Gemeint ist: "Was Jerome für Aldrich getan hat?* Für mich und unseren gesamten Stamm?"**
Ja, wenn man weiß, dass Jerome gemeint ist, ist es klar. Schreib aber besser auch "Jerome" statt "er", damit es klar wird. Dass sich das "er" auf Jerome beziehen soll, darauf bin ich gar nicht gekommen. Ich dachte, er meint damit den Sheriff, und dann ergab der Satz keinen Sinn.

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BeitragVerfasst am: 19.12.2020 00:10    Titel: Antworten mit Zitat

Zuletzt online 24.11.2020

Damn, wieder nur so eine Eintagsfliege, langsam bin ich echt kuriert, Zeit und Mühe in Einstandstexte zu stecken …


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Yves Holland
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BeitragVerfasst am: 19.12.2020 09:36    Titel: Antworten mit Zitat

V.K.B. hat Folgendes geschrieben:
Zuletzt online 24.11.2020

Damn, wieder nur so eine Eintagsfliege, langsam bin ich echt kuriert, Zeit und Mühe in Einstandstexte zu stecken …


Ich melde mich mal, damit du nicht länger Frust schiebst - ob nun der Autor hier nur kurz vorbeischaut oder länger - zumindest alle Unbeteiligten, die hier reinschauen und deine Kritik lesen, können aus deinem Einsatz dauerhaft was lernen. Von daher vielen Dank von mir an dieser Stelle! Exclamation


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Muzzlehatch
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BeitragVerfasst am: 25.12.2020 13:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

V.K.B. hat Folgendes geschrieben:
Zuletzt online 24.11.2020

Damn, wieder nur so eine Eintagsfliege, langsam bin ich echt kuriert, Zeit und Mühe in Einstandstexte zu stecken …


Noch bin ich nicht tot. Wink

Dein Feedback war/ist für mich enorm wichtig. Deshalb betrachte meine geringe Aktivität nicht als dein Versagen oder dergleichen. Leider stand ich die letzten Wochen beruflich unter großem Stress. Entsprechend habe ich an meinen eigenen Texten kaum eine Zeile geschrieben, geschweige denn in Internetforen.

In ein paar Threads hatte ich mich im November bereits eingebracht. Ich hoffe, nach dem ganzen Weihnachtstrubel wieder Zeit dafür zu finden.

Bis dahin wünsche ich allen trotz der besonderen Umstände schöne Feiertage und ein hoffentlich für uns alle etwas erfreulicheres Jahr 2021.
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