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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Heldrik - Eine Erzählung aus Am‘Karta


 

 
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Jota
Erklärbär


Beiträge: 3



BeitragVerfasst am: 10.11.2020 10:29    Titel: Heldrik - Eine Erzählung aus Am‘Karta eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Lesende,

nachdem ich mir ja aktuell eure Texte zu Gemüte führe und dort und da meinen Senf dazugebe, poste ich auch mal etwas, damit ihr mir das alles gebührend heimzahlen könnt wink Das Ganze ist als Roman geplant und hat aktuell einen Umfang von rund 40 Seiten. Die anfänglichen Kapitel sind nicht mehr ganz so frisch, sondern schon ein bisschen abgehangen, also trau ich mich einfach mal, das hier zu posten.

Vorab ein absolut irreführender Pseudo-Klappentext
Eigentlich fühlt sich Heldrik ja zu Höherem berufen – nämlich einem respektablen Soldlehen als Pfründe und wenn‘s schon läuft, warum nicht gleich die Hand der Tochter vom Chef dazu? Der Jüngste ist er schließlich auch nicht mehr und da klingt familiäres Personalmanagement reizvoller, denn der Dienst in der ersten Reihe: mit Kopfabhauen und all den anderen, kleinen Gemeinheiten zwischen den Kollegen der feinen Soldateska.
Da pläsiert es ihn natürlich gar nicht, dass sein Soldherr ausgerechnet ihn aussendet, in einem namenlosen Dorf reinezumachen und ein paar Bauersleute zu beschützen, vor… ja, vor was eigentlich? Das Landvolk fürchtet sich ja ständig vor irgendwas: Ammenmärchen, ächzendes Gebälk, dem Schimmelgeist im Brottopf, Donnerstagen vor Freitagen und Freitagen vor Samstagen. Und überall dieses Federvieh, das ständig alles besser weiß!
Aber gut, was soll’s. Wer das Gold hat macht die Regeln und immerhin ist er ja Profi. Außerdem: So schlimm wird’s schon nicht werden, weil Job ist Job und in drei Tagen bin ich wieder da, stimmt‘s?
„Ne“, schüttelt der Autor den Kopf, „diesma nich, Heldrik. Diesmal so überhaupt gar nich.“


So, jetzt aber:


Ankunft


I

Der ölige Schein einer Fackel, ein karges Lagerfeuer? Jedenfalls ein in der Ferne tanzender Lichtpunkt, inmitten des schwarzen Tuchs der aufziehenden Nacht ¬¬– das wies ihm den Weg, war der Kompass seines Ritts. Ohne diesen hellen Funken wäre Heldrik verlorengegangen. Früh wuchs die Dunkelheit über diesen Landstrichen herauf, rollte wie eine Welle heran. Mit einem Mal versank hier oben das Tageslicht, versickerte regelrecht zwischen den Steinen. Und wer mit dieser ewiggleichen Ansammlung aus gedrungen wachsenden Bäumen, zersprengten Gesteinskluften und trügerischem Sumpfboden nicht vertraut war, ging leicht irr, wanderte oft tagelang umher, ehe er sich wiederfand – oder verschwand für immer, wie in einem Labyrinth, wie in einem See aus Dunkelheit. Tückisches Gelände, ein ungeschicktes Manöver, ein unbedachter Schritt, kopfüber der Sturz vom Pferd auf den steinharten Boden… nicht nur bei Nebel eine Todesfalle.

Selbst der Schall schien von hier oben nicht richtig entkommen zu können. Als der Trab seines Pferdes eine Gruppe äsender Krähen aufschreckte, hallte ihr Geschrei von den Felswänden gebrochen wider und verklang erst, nachdem der Schwarm schon lange außer Sicht war. Heldrik schien es, als tönte eine Frauenstimme aus ihren Kehlen, als riefe dieses Echo mit der Stimme seiner Mutter aus Kindestagen nach ihm: Hel, Hel, Hel, …

Ständig ging Geröll unter den Hufen lose, Steine rollten und fielen, mündeten in dumpfe Einschläge, die aus den Schluchten zu ihm emporhallten. Ihr Rauschen klang wie von Meereswellen. Oder waren es nicht doch Schritte? Nur der Widerhall seiner eigenen? Zweimal lauerte er an gut zu verteidigenden Engpässen den unsichtbaren Verfolgern auf, angestrengt lauschend, die Hand am Griff der Lanze, bereit.
Niemand kam.   

Dennoch ritt Heldrik nicht allein. Die sinkende Sonne stellte ihm einen Gefährten zum Geleit: Sie warf seine Silhouette als Schattenreiter auf die Felswände, vergrößerte sie auf das Zehnfache oder presste sie auf die Größe einer Faust zusammen. Ein trügerisches Spiel der Schatten, das seinen Grauen nervös machte. Das Pferd stampfte schwer unter ihm, behindert vom Rüstzeug und der Last des zusätzlichen Gepäcks. Die letzten zwei Stunden war Heldrik nur noch im Schritt unterwegs, den zunehmend saurer werdenden Schweiß des Hengstes in der Nase. Obwohl das Pferd mehrfach vor Durst bockte, ließ er es nicht aus den kleinen Tümpeln voll Moorwasser trinken, die sich dort und da in dem grauen Moosboden auftaten und in der Kälte dampften. Weiße Rauchsäulen, als koche die Landschaft unter der Oberfläche. Zur Probe tauchte er zwei Finger ein und führte sie in den Mund – und spie angewidert aus. Das Wasser schmeckte unnatürlich süß und hinterließ einen öligen Film auf der Zunge. Unter der schimmernden Oberfläche huschten Schatten, glitten schwarze, schleimige Schlangenkörper entlang, so dachte er. Fast unwillkürlich tasteten Heldriks Finger das Lederband um seinen Hals entlang, fanden den sternförmigen Talisman und umschlossen ihn mit festem Griff.  

Erst als die letzten Tropfen der Dämmerung versickerten, ritt Heldrik durch das offenstehende Tor einer Palisade. Es war mehr dem Instinkt des Tieres geschuldet, als seinen Fähigkeiten als Reiter, dass er sein Ziel nicht verfehlt hatte. Als zöge ein Band das Tier vorwärts, hatte sein Grauer auf dem letzten Teil der Strecke die Kraft wiedererlangt. Eine unsichtbare Hand führte das Tier durch eine Ansammlung aus wilden Haseln und einen versteckten Steigen auf dieses kleine, lose besiedelte Plateau hinauf. Von hier musste das Licht gekommen sein, der Funken, der ihn geleitet, angelockt hatte.

12Wie es weitergeht »


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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichLeseratte


Beiträge: 179
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 10.11.2020 20:04    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile
Schöne Bilder.
Allerdings erfahre ich aus Deinem Klappentext wesentlich mehr über Heldrick als in diesen knapp über 500 Wörtern.
MfG


_________________
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Soki
Geschlecht:weiblichGänsefüßchen


Beiträge: 19



BeitragVerfasst am: 11.11.2020 11:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Jota,
die Bilder, die du mit deinen Worten malst, gefallen mir sehr gut. Ich habe Lust, weiter zu lesen. Ich habe nur zwei winzig kleine Kritikpunkte. Wirklich winzig. Das Wort "jedenfalls" im zweiten Satz gefällt mir nicht. Könnte man das nicht ersatzlos streichen?
Im Satz "Zweimal lauerte er an gut zu verteidigenden Engpässen den unsichtbaren Verfolgern auf, angestrengt lauschend, die Hand am Griff der Lanze, bereit." frage ich mich, was bereit sein soll? Bereit zuzustossen?
Das sind nur Winzigkeiten, vielleicht nur eine Stilfrage, persönliche Vorlieben oder Erbsenzählereien.
Klasse Text, mir gefällt er sehr.
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agto
Geschlecht:männlichSchmierfink

Alter: 61
Beiträge: 91



BeitragVerfasst am: 11.11.2020 11:31    Titel: Re: Heldrik - Eine Erzählung aus Am‘Karta Antworten mit Zitat

Jota, ich habe deinen Text mehrmals gern gelesen.

Jota hat Folgendes geschrieben:
nachdem ich mir ja aktuell eure Texte zu Gemüte führe und dort und da meinen Senf dazugebe, poste ich auch mal etwas, damit ihr mir das alles gebührend heimzahlen könnt wink


Ich finde keinen von dir besenften Text.

Jota hat Folgendes geschrieben:
Der ölige Schein einer Fackel, ein karges Lagerfeuer? Jedenfalls ein in der Ferne tanzender Lichtpunkt


Kurzsichtig?

Jota hat Folgendes geschrieben:
Nacht ¬¬– das wies


Was bedeutet das: ¬¬–?

Jota hat Folgendes geschrieben:
zersprengten Gesteinskluften und trügerischem Sumpfboden


Ist viel gefährlicher als geschlossene Gesteinskluften und zuverlässiger Sumpfboden.

Jota hat Folgendes geschrieben:
Die sinkende Sonne stellte ihm einen Gefährten zum Geleit: Sie warf seine Silhouette als Schattenreiter auf die Felswände


... nachdem:

Jota hat Folgendes geschrieben:
Mit einem Mal versank hier oben das Tageslicht, versickerte regelrecht zwischen den Steinen.


Jota hat Folgendes geschrieben:
Es war mehr dem Instinkt des Tieres geschuldet, als seinen Fähigkeiten als Reiter, dass er sein Ziel nicht verfehlt hatte.


So stelle ich mir einen Helden vor.

Wenn der Autor konsequent wäre, müßte er ihn auf einem Esel reiten lassen.

#

Auf mich wirkt der Text schwülstig, teigig, als wenn es nichts zu erzählen gibt, aber man etwas erzählen möchte.

Warum wurde nicht im Stil der Klappentextes weitergeschrieben? Weil die ganze Geschichte damit schon erzählt ist?

#

Ich habe keine Angst bekommen, keine Erinnerungen an Wanderungen in unbekannten Wäldern, lange nachdem die Sonne untergegangen war, ist aufgestiegen, weil meine Gedanken und Gefühle an der gehobenen Formulierungen festklebten.

Mein Fazit: gut formuliert, aber zu dick aufgetragen und leider nicht mitgerissen.

Anwendung: zur Blutdrucksenkung. Bei mir Bluthochdruckler hat der Text wie ein Betablocker gewirkt, allerdings ohne Zombinebenwirkung. Auch deshalb werde ich weitere Teile des Textes lesen.
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Windes_Urpoesie
Gänsefüßchen

Alter: 24
Beiträge: 25
Wohnort: Europa


BeitragVerfasst am: 11.11.2020 14:37    Titel: Antworten mit Zitat

Muss auch sagen, dass du eine sehr lebendige Landschaft hervorzurufen vermagst. Dein Schreibstiel ist auch weder von gestern, noch von heute, er scheint dir eigen zu sein, und ist wie eine durchgängige Konstante im Text zu erlesen; das finde ich schön.

_________________
Wie ein Irrlicht schwebt die Traumfigur des Windes durch die Weltgeschichte. Folgt seiner alten Weise, und geht mit mir zusammen auf die Reise. Wir treffen uns am Portal der Himmelsschneise.
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Bunt Speck
Geschlecht:männlichEselsohr


Beiträge: 448
Wohnort: Brimm


BeitragVerfasst am: 11.11.2020 16:11    Titel: Antworten mit Zitat

Ich muss leider sagen, dass mich das nicht so gepackt hat. Obwohl der Klappentext mich angesprochen hat, gerade weil es ein wenig wie eine Satire auf ein Fantasy-Helden-Epos wirkt.

Eine Sache störte mich ganz besonders. Erst scheint es dunkle Nacht zu sein (Fackel, Feuer in der Ferne). Dann geht aber die Sonne unter. Es kann also noch nicht total finster sein. Dann geht es durch Gesteinskluften und Sumpf. Ist das geologisch möglich? Keine Ahnung. Dann gehen Steine los und poltern in Schluchten ... das geht mit Sumpf ziemlich sicher nicht einher, denke ich.
Dann gibt es wieder Schatten an den Felswänden. Die Sonne muss also noch irgendwie da sein. Und dann kommen wieder Moorwasser-Tümpel.
Ich finde, da ist zu viel durcheinander, um ein stimmiges Bild vorm geistigen Auge erscheinen zu lassen.

Den Stil finde ich gut. Der gefällt mir ... auch die Bilder (Tageslicht, das zwischen den Steinen versickert).

Aber es passiert halt eigentlich nichts.

Grüße
Bunt


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Jota
Erklärbär


Beiträge: 3



BeitragVerfasst am: 12.11.2020 08:02    Titel: Kapitel 1 - Abschnitt II pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo an alle, danke für die Rückmeldungen smile


Erstmal die Antwort-Box

@Calvin Hobs und @Bundspeck : Richtig, es passiert in dem Kapitel eigentlich gar nix, da das eher als Art Einstimmung gedacht war. Geologisch ist es ganz sicher möglich (durfte mich schon mal durch so eine seltsame Zwitter-Landschaft bewegen), die Frage, ob es literarisch auch sinnvoll ist, hast du ja schon gestellt - vielleicht zuviel? Was die Beleuchtungsverhältnisse angeht: Gedacht war zuerst an einsetzende Abenddämmerung, damit ihm der Lichtpunkt auffällt. Mit Betreten des Dorfes -> Nacht. Bringt aber nix, wenns nur so gedacht war, rüberkommen muss es schließlich. Danke jedenfalls für die Hinweise.

@Soki Das jedenfalls kann ich jedenfalls streichen. Ja, war eigentlich gedacht im Sinne von "bereit sein zum Kampf". Das müsste ich vielleicht in der Tat noch präzisieren.

@Windes Danke dir, bin schon froh wenn der Schreibstil nicht von vorgestern ist smile

@agto Was das Besenfen (nicht mit dem Besenftigen zu verwechseln - der Heilige Kalau stehe mir bei) angeht, bin ich erst beim Zerreiben der Körner - es wird also, berufsbedingt, noch ein paar Tage dauern


Damit jetzt auch langsam an Handlung mal was passiert, leg ich gleich nach:

II

Noch aufrecht im Sattel sitzend sah sich Heldrik mit prüfenden Blicken um und unterzog den vorläufigen Endpunkt seiner Reise einer ersten Musterung. Wie erwartet gab es nicht viel Bemerkenswertes in dem kargen Dorf zu sehen: eine Ansammlung niedriger Holzhäuser, die meisten davon nur kleine Bretterhütten, die mit einfachen Reetdächern aus geschnittenem Stroh gedeckt und dort und da mit schäbigen Verschlägen versehen waren, in denen sich Brennholz oder Werkzeuge für den Ackerbau stapelten. Die Behausungen gruppierten sich um einen kreisrunden Platz aus festgetretenem Erdreich, auf dem jetzt Hühner, Ziegen und ein paar struppige Hunde umherstreiften. Was hätte er anderes auch von einem Dorf erwarten sollen, dessen Namen sein Herr nicht einmal wusste? Es hatte wahrscheinlich gar keinen. Es war das einzige weit und breit, eben „das Dorf“. Das genügte wohl.

Als Heldrik in die Siedlung einritt, wurde es für einen Moment nahezu völlig still. Ein paar Gestalten huschten eilig in die schmalen Gassen zwischen den Häusern davon und verschwanden in den Schatten; andere fanden sich zu kleinen Gruppen zusammen, um ihn aus gebührendem Abstand misstrauisch zu beäugen. Vereinzelt wurden Pechfackeln gehoben, die nervös zuckenden Schein in seine Richtung warfen. Ein anderer Empfang hätte Heldrik ernsthaft verwundert: Die übliche Furcht und Abneigung, mit der man ihm fast überall begegnete. Mit der man wohl jedem Fremden begegnete. Er konnte es ihnen eigentlich nicht einmal verübeln. Schließlich musste seine hochgewachsene Gestalt – wie sie sich gerüstet und zu Ross im Fackelschein gegen den tiefblauen Abendhimmel abzeichnete – etwas Bedrohliches ausstrahlen. Niemand wagte es, näherzukommen.
Einzig zwei magere Kinder standen zu seiner Rechten und bestaunten den Fremden mit offenen Mündern, bestanden nur aus wirrem, ungeschorenem Haar und hervorstehenden Knochen. „Schau, ein Pferd aus Eisen“, murmelte eines schließlich ungläubig beim Anblick seines Rosses. Als sie bemerkten, dass Heldrik sie musterte, fassten sie sich erschrocken an den Händen und liefen davon.

Er dachte in diesem Moment wieder daran, wie er versucht hatte, Wâlrich halbherzig zu widersprechen und den Ritt hierhin abzulehnen:
„Es ist nur ein Dorf, Herr.“
„Ein Dorf ist für seine Bewohner die ganze Welt. Du gehst.“
Seitdem verfolgte ihn eine hartnäckige Beunruhigung, die er nicht näher benennen oder abschütteln konnte, er spürte nur, dass sie mit jedem Schritt, mit dem er sich der kleinen Siedlung genähert hatte, weiter angewachsen war. Er ermahnte sich, trotz der drückenden Müdigkeit und der augenscheinlichen Gefahrlosigkeit der Situation wachsam zu bleiben.
Schwerfällig glitt Heldrik aus dem Sattel und hielt sich für einen Moment am Knauf des Sattels fest, um nicht zu schwanken. Er hatte die Schwere des Ritts völlig unterschätzt, die Widerspenstigkeit der verschlungenen, teils mit Dornengestrüpp verwachsenen Pfade, denen er jeden Meter Fortschritt erst mühsam abtrotzen musste – auf den frostzerpflügten Felskämmen fand er sich ungeschützt den Bissen der Kälte und des scharf pfeifenden Windes ausgesetzt, die seine Glieder steif, seine Finger taub werden ließen. Ringsum die bizarren, scharfkantigen Formen des zersprengten Gesteins, im Halbschatten gemahnten sie ihn an höhnische Gesichter.

Innerlich fluchte er auf das Packpferd, das sich auf nicht einmal halber Strecke unglücklich bei einer Wurzel vertreten hatte und in den Stallungen eines Gehöfts zurückbleiben musste. Schon vor seiner Ankunft der erste Verlust, ein böses Omen? Vielleicht. Jedenfalls führte Heldrik darum nur mehr das Nötigste an Ausrüstung bei sich, Jagdbogen und Fallschlingen hatte er ebenso zurückgelassen, wie einen Großteil seiner Werkzeuge. Um das verbleibende Gewicht besser zu verteilen, trug er die Kettenrüstung unter dem ohnehin schweren Reitmantel und die Haube unter der Kapuze. Vor Erschöpfung brannten seine Muskeln nun wie Feuer, das Kettenhemd schien ihm allmählich Zentner zu wiegen.

Mit ungelenken Schritten führte Heldrik sein Pferd an eine Tränke heran, band es an einen eingeschlagenen Pflock und löste schließlich mit klammen Fingern den Lederriemen um seine Brust, mit dem er sich den ovalen Schild für die Dauer des Ritts auf den Rücken geschnallt hatte. Ächzend ging er in die Knie und wusch seine Hände in dem eiskalten Wasser des Trogs, benetzte sich das Gesicht, bevor er der kleinen Menschenmenge im Hintergrund einen warnenden Blick zuwarf und dann die einzige der Hütten betrat, in der er zumindest aufrecht stehen würde können. Gebäude aus Stein oder ein Haupthaus schien es hier nicht zu geben. Heldrik musste den Kopf einziehen, um überhaupt unter dem Türsturz hindurchgelangen zu können. In solchen Baracken hauste auf der Feste nur das Vieh.

Warme, atemsaure Luft und der überraschte Blick einer ältlichen Frau, die in einer Ecke auf einer niedrigen Bettstatt kauerte, empfingen ihn. Heldrik warf seinen Reitmantel auf einen Schemel und ließ sich im Kettenhemd bei der Tischbank aus den einfach behauenen Brettern nieder. Die Augäpfel der Frau, die jeder seiner Bewegungen aufmerksam nachdrehten, schienen ihm im Dämmerlicht unnatürlich gelb, fast kätzisch. Ihre Miene ließ sich dabei nicht richtig deuten, Schatten huschten unablässig über ihr Gesicht, machten es Heldrik unmöglich, in ihren Zügen zu lesen.
Er nickte in Richtung des Kochfeuers, das im Zentrum der beengten Hütte unter einem rußgeschwärzten Eisenkessel brannte und den knapp bemessenen Innenraum nicht nur heizte, sondern auch notdürftig erhellte: „Bring Essen, Alte“, befahl er, während er seine vom Wind schmerzenden Hände betrachtete, vorsichtig die tauben Finger bewegte, in die langsam und pulsierend das Gefühl zurückkehrte. Über zwei Knöcheln war die Haut aufgerissen, das Blut durch die Kälte schwarz verkrustet.

Die Frau erhob sich schwerfällig und blickte für einen Moment unschlüssig nach draußen, als überlege sie, zu fliehen. Dann aber trat sie vollends ins Licht, goss ihm etwas aus dem Kessel in eine Schüssel und gab einen schmalen Kanten eines fast steingrauen und muffig riechenden Brots dazu. Jede Bewegung quittierte ein leises Stöhnen, als bereiteten ihr die wenigen Handgriffe Schmerzen.
Mit einem gemurmelten Wort, das Heldrik wahrscheinlich zu seinem eigenen Glück nicht verstand, stellte sie ihm schließlich das sparsame Mahl hin, schlurfte zu ihrem Lager zurück, verschränkte die Arme und funkelte ihn aus dem Dunkel heraus feindselig an. Sie hatte sich von ihrer anfänglichen Überraschung offenbar erholt und beschlossen, ihn als unwillkommenen, aber nicht ungefährlichen Eindringling zu behandeln. Diese Mischung aus unverhohlenem Widerwillen und offenkundiger Furcht erfüllte Heldrik mit einer seltsamen Genugtuung, er genoss diese trotzige Willfährigkeit nahezu, die ein warmes Gefühl der Befriedigung in ihm auslöste.
Nachdem er eine Weile wortlos zurückgestarrt hatte, zog er die Holzschüssel zu sich heran, setzte das Gefäß an die Lippen und kostete: gekochter Gerstenbrei, schleimig, mit irgendwelchen Kräutern versetzt, dazu ein leicht fauliger Erdgeschmack wie von Pilzen oder Wurzeln. Heldrik verzog angewidert das Gesicht, erhob sich seufzend, ging die zwei Schritte zum Feuer und goss den Inhalt der Schüssel zurück in den blubbernden Kochtopf.
„Alte“, sprach er dann drohend leise in ihre Richtung, „bring mir Fleisch“ und warf ihr die leere Schüssel in den Schoß.
Wieder blitzen ihre schmalen Augen auf, sie presste trotzig die Lippen aufeinander und für einen Moment erwartete Heldrik, dass sie nur stumm den Kopf schütteln würde, komme was wolle. Er schnaubte ungehalten. Da endlich wich sie seinem auffordernden Blick aus, holte einen verzurrten Jutesack unter ihrem Lager hervor, löste den Riemen und reichte Heldrik widerwillig drei dunkle Brocken Trockenfleisch. Noch im Stehen nahm er einen Bissen. Hart wie Holz, wahrscheinlich gedörrter Hammel oder Esel, registrierte Heldrik wenig begeistert, ganz der zähe und faserige Stallgeschmack, den er befürchtet hatte. Es würde genügen, um ihn zu sättigen. Mehr war nicht nötig.
Während er geräuschvoll kaute, erhob sich seine unfreiwillige Gastgeberin nach einer Weile, entzündete eine kleine Stumpenkerze am Feuer, schlang sich ein Tuch um die Schultern und ging betont langsam dem Ausgang zu – um jemanden zu holen, wie er annahm. Auf halbem Weg rief Heldrik sie zurück. Er war irgendwie neugierig: Würde sie diesmal laufen? Nein, sie blieb stehen und drehte sich langsam zu ihm um, sah ihn gar herausfordernd an, mit vorgerecktem Unterkiefer. Immer noch etwas an Furcht auf den verwitterten Zügen, aber auch unverhohlener Missmut und Trotz. Ein guter Trotz, ein starker, dachte Heldrik anerkennend. Irgendwie gefiel ihm ihre Art, auch wenn er sich immer noch nicht vollends erklären konnte, warum er dieses seltsame Schauspiel mit ihr eigentlich veranstaltete. Er schob es auf die Müdigkeit und Erschöpfung, gepaart mit dem Hunger und der einschläfernden Wirkung der warmen, verbrauchten Luft in der Hütte.
„Die Stiefel“, befahl er ihr dann barsch und deutete auffordernd auf seine Beine.

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Calvin Hobbs
Geschlecht:männlichLeseratte


Beiträge: 179
Wohnort: Deutschland


BeitragVerfasst am: 13.11.2020 07:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo smile
Wie schon in der Einleitung schaffst Du gute Bilder und Atmosphäre. Flüssig geschrieben, kann ich Dir nicht mal Adjektivismus ankreiden. Rechtschreibung und Grammatik gut.
Trotzdem würde ich nicht unbedingt weiterlesen wollen.
Wahrscheinlich bin ein zu ungeduldiger Leser, denn ich empfinde den Text, als würde die Handlung und die Figuren sich wie in Honig bewegen.
Er reitet ein und beobachtet. Dann fallen ein paar Worte. Dann steigt er vom Pferd und lässt nochmal die Vergangenheit aufleben. Er wäscht sich, dann wird das Pferd versorgt, dann zieht er sich teilweise aus.
Dann betritt er eine Hütte und bekommt widerwillig etwas zu essen.
Den ganzen Ablauf empfinde ich (völlig subjektiv) als viel zu träge, denn Heldrick hat einen Grund, diesen Ort aufzusuchen. Offensichtlich aber scheint der nicht wirklich wichtig oder gefahrvoll zu sein, denn die Geschichte vermittelt Lethargie und noch nicht mal etwas Bedrohliches im Hintergrund.
Es geht mir nicht darum, dass der Held gehetzt wird/ist, aber wenn sein größtes Problem ist, dass ihm jemand die Stiefel auszieht, klingt das eher wie ein All-Inc-Urlaub.
MfG


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Bunt Speck
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Beiträge: 448
Wohnort: Brimm


BeitragVerfasst am: 13.11.2020 08:53    Titel: Antworten mit Zitat

Calvin Hobbs hat Folgendes geschrieben:
Hallo smile
Wie schon in der Einleitung schaffst Du gute Bilder und Atmosphäre. Flüssig geschrieben, kann ich Dir nicht mal Adjektivismus ankreiden. Rechtschreibung und Grammatik gut.
Trotzdem würde ich nicht unbedingt weiterlesen wollen.
Wahrscheinlich bin ein zu ungeduldiger Leser, denn ich empfinde den Text, als würde die Handlung und die Figuren sich wie in Honig bewegen.
Er reitet ein und beobachtet. Dann fallen ein paar Worte. Dann steigt er vom Pferd und lässt nochmal die Vergangenheit aufleben. Er wäscht sich, dann wird das Pferd versorgt, dann zieht er sich teilweise aus.
Dann betritt er eine Hütte und bekommt widerwillig etwas zu essen.
Den ganzen Ablauf empfinde ich (völlig subjektiv) als viel zu träge, denn Heldrick hat einen Grund, diesen Ort aufzusuchen. Offensichtlich aber scheint der nicht wirklich wichtig oder gefahrvoll zu sein, denn die Geschichte vermittelt Lethargie und noch nicht mal etwas Bedrohliches im Hintergrund.
Es geht mir nicht darum, dass der Held gehetzt wird/ist, aber wenn sein größtes Problem ist, dass ihm jemand die Stiefel auszieht, klingt das eher wie ein All-Inc-Urlaub.
MfG


Ja, da gibt es meiner Meinung nach nicht viel zu ergänzen. Flüssig, gut geschrieben, aber ein wenig zäh. Ich finde zwar deine Beobachtungen des Moments gut und ich kann alles vor mir sehen, aber es fehlt etwas, dass den Leser vorantreibt ... eben mehr als Atmosphäre. Bei der Alten habe ich das Gefühl, dass noch was passieren wird, aber das wäre auch der einzige Grund, weiterzulesen. Es braucht eine "drohende Gefahr" oder so was (wie Calvin schon schrieb).

Am Anfang ist wieder so eine Sache, die ich schon bei der Landschaft im ersten Teil bemerkt hatte. Heldrik kommt ins Dorf. Es wirkt verlassen, alte Hütten, ein karger Platz und dann noch ein paar Tiere. Und plötzlich sind da Menschen, die davon huschen oder in Gruppen zusammenstehen.
Ich verstehe, dass Du erst das Setting klären und dann die Handlung vorantreiben willst. Aber würde Heldriks Blick nicht zuerst auf die Menschen fallen? Zumindest nach einem groben Setting. Dass der Platz aus gestampftem Erdreich ist und die Hunde struppig sind, würde ihm vielleicht erst auffallen, wenn er die Muse hat ins Detail zu gehen, weil er die wichtigen Eckpunkte schon abgecheckt hat. --- Nur so als Gedanke.

Grüße
Bunt


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