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Sanduhr

 
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a.no-nym
Klammeraffe


Beiträge: 533



BeitragVerfasst am: 27.01.2019 02:16    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo und Moin Smile

Wer wenig Zeit hat: Das hier wird was Längeres... Embarassed

Inzwischen konnte ich Eure Kommentare gedanklich schon mal ein bisschen verarbeiten und möchte gern darauf eingehen. Vorab: Es hat mich sehr (positiv) überrascht und natürlich mächtig gefreut, dass dieses Anfänger-Experiment nicht einfach durchgefallen ist (wie ich durchaus befürchtet hatte). Dass sich sogar Leser gefunden haben, die den Text trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) seiner nervtötenden Eintönigkeit besonders mochten, das ist für mich nicht nur das größte Geschenk, sondern sicher auch Ermutigung zu weiteren Schreibversuchen.

lebefroh hat Folgendes geschrieben:
Dieser Text hätte mir sehr gefallen, wenn er kürzer gewesen wäre. Wenn es nur das Er-Sie-Beziehungsdrama gewesen wäre.

Als der Text in seiner ursprünglichen Fassung fertig war und ich ihn probehalber in das Fenster des Forums kopierte, hatte er genau 5578 Zeichen (!). Das war (nicht der einzige) Punkt des Ganzen, an dem mir Zweifel kamen, ob ich es nicht einfach lassen sollte…
lebefroh hat Folgendes geschrieben:
Wegen der Vorgaben frage ich mich, ist das überhaupt Prosa?

Das ist mir bei meinem Text und bei Flügel/schlag, der ja Ähnlichkeiten im Aufbau hat, auch kurz durch den Kopf gegangen. Da ich von Lyrik jedoch mindestens genau so wenig verstehe wie von E und U, habe ich das gedanklich ausgeklammert. Falls das Lyrik sein sollte, ist es jedenfalls keine absichtlich „hergestellte“ Form von Lyrik - das könnte ich schon deshalb nicht, weil die dort zugrundeliegenden Schemata für mich in all meiner Unwürdigkeit sämtlich böhmische Dörfer darstellen… Vielleicht ist es ja ein Zwischending - und ich darf mich glücklich schätzen, dass die Organisatoren das nicht gleich aussortiert haben. Andererseits, auch wenn die Sätze kurz sind und die Form vielleicht etwas anders: Es ist ja nix gereimt oder gedichtet. Oder merke ich das bloß nicht?

Eredor hat Folgendes geschrieben:
Sorry, leider gar nicht mein Fall. Hatte wirklich Mühe, den Text zu Ende zu lesen - das ist konkret, ohne konkret zu sein, irgendwie. Entschuldige, wenn ich nicht mehr über den Text sagen kann, dazu hat er mich nicht genug gepackt.
Schade, aber so ist es eben. Mir ist es ja mit vielen Wettbewerbstexten genau so ergangen, weshalb ich mich meist gar nicht getraut habe, was dazu zu schreiben. Unter „konkret, ohne konkret zu sein“ kann ich mir leider so gar nichts vorstellen, aber ich danke Dir, dass Du Dich bis zum Ende durchgequält und mir ein paar Zeilen dagelassen hast.


Literättin hat Folgendes geschrieben:
in diesem Stück Prosa, das sich heftig lyrischer Gestaltungsmittel bedient.
  Hm. Das klingt jetzt irgendwie so wie ein Vorwurf. Vielleicht ist es ja auch einer? Das kann ich leider nicht beurteilen, weil ich nicht recht einschätzen kann, was genau gemeint ist.
Literättin hat Folgendes geschrieben:
Es ist hier rückwärts ablaufend in Verse gefasst.
Für mich sind das Sätze. Keine Verse. Ich hätte immer gedacht, dass ein Vers einem bestimmten (Reim)Schema folgen muss, einem Rhythmus. Bei modernen Gedichten wird das allerdings, soweit ich es beurteilen kann, auch gern mal aufgehoben? Du merkst es sicher schon: ich raff hier wieder mal nix. Sad
Literättin hat Folgendes geschrieben:
Was mir fehlt ist die (Un)Haltbarkeit der Gegenwart, es sei denn, man begreift das unhaltbar als nicht mehr zu ertragen. Aber in diesem Sinne hat das unhaltbar für mich etwas "empörtes" in sich. Einen Anklang von untragbar. Ein inneres Aufbegehren - und dann stimmt das sich ergeben, zurückkriechen, das aufgeben nicht. Ich kann mich irren.
Schon wieder bin ich ratlos und würde das, was Du geschrieben hast, gern besser verstehen. Wie hast Du die Un-Haltbarkeit der Gegenwart denn aufgefasst? Und warum wäre, wenn man es denn als „untragbar“ versteht, ein inneres Aufbegehren zwingend? Ist das nicht sehr von der Persönlichkeit abhängig? Und ist es kein Aufbegehren, wenn man da im Sand steckt und „den Erlöser anbrüllt“?

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Die Kriterien: E - ich würde sagen ein experimenteller Versuch von E.
Ich würde sagen, ein experimenteller Versuch, sich überhaupt mit den Vorgaben auseinanderzusetzen Wink Ob der Einzelne das E findet oder nicht, scheint mir so beliebig wie die Antwort auf die Frage, ob jemand einen Türkiston blau oder grün findet.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Das Motto von der gestundeten Zeit am Horizont - ich erkenne es nicht. Es dominiert hier die Flucht und die Wüste als Erlebensort, nicht die Zeit als (un)haltbar oder gestundet.
Das würde ich gern besser verstehen - und mich freuen, falls Du Dir die Mühe weiterer Textarbeit mit mir machen würdest. Was würde denn die gestundete Zeit in Deinen Augen deutlich machen?

Literättin hat Folgendes geschrieben:
zu viel Selbstmitleid des Protagonisten transportiert

Literättin hat Folgendes geschrieben:
in dieser dominanten auf sich selbst Bezogenheit

Mir ist nicht klar, woraus sich das für Dich ableitet. Wo bedauert er sich denn? Oder reicht für die Diagnose „Selbstmitleid/Selbstbezogenheit“ schon die Tatsache, dass er „nicht so enden will“? Selbstmitleid würde in meinen Augen bedeuten, dass er andere dafür verantwortlich macht, dass er nicht zurechtkommt. Macht er das? Tut er sich selbst leid? Wo?

Municat hat Folgendes geschrieben:
Moin Inko smile
Kein Wunder, dass er sich nun selbst in die Wüste schickt und von seiner eigenenBeerdigung träumt
Oder die Erinnerung an die Beerdigung des Bruders ausgräbt?

Municat hat Folgendes geschrieben:
Du spielst mit den Begriffen
Im großen Sandkasten der Sprache, mit wachsender Begeisterung über die unbegrenzten Grabungsmöglichkeiten Wink und immer in der Hoffnung, zu wissen, was ich da eigentlich tue, wenn ich nur lang genug gespielt habe und endlich die Regeln blicke.

firstoffertio hat Folgendes geschrieben:
Der Schöpfer, der Erlöser, scheint wichtig zu sein.
Ja, der hat sich da irgendwie hineingemogelt, nicht nur in die Küchenschublade, sondern in dieses ganze Leben, mit all den Fragen und Zweifeln, die damit verbunden sind.

hobbes hat Folgendes geschrieben:
Außerdem frage ich mich, ob und was es geändert hätte, wenn du "maximal fünf Worte pro Satz" nicht ganz so streng durchgezogen hättest (überlege gerade, meinen Kommentar daran anzupassen smile ). Gab es denn wirklich nichts in diesem Leben, was einen längeren Satz verdient hätte?

Doch, da gab es jede Menge. Aber die Engstelle bei so einer Sanduhr lässt nun mal nix Großes durch. Ganz oben liegt es naturgemäß etwas breiter, aber da, wo es rieselt, tut es eben genau das: Es rieselt, und es ist und bleibt immer nur ein winziges bisschen langweiliger Sand, was da der Schwerkraft entgegenrinnt.

hobbes hat Folgendes geschrieben:
Weil ich trotz allem ein Gefühl für diesen Er bekomme, also, was für ein Mensch das ist.
Hoffentlich keiner, der in Selbstmitleid badet? Wink

Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
auf Dauer ermüdend
So ermüdend wie das Erklimmen einer Sanddüne? Wink Spaß beiseite, ich verstehe hier sehr genau, was Du meinst - und habe fast das Bedürfnis, mich dafür zu entschuldigen, dass dieser Text (zumindest) in der Hinsicht eine echte Zumutung für den Leser ist.
Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
durch die Verknappung zu hektisch
Das wiederum kann ich (noch) nicht so gut nachvollziehen
Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
ertappte ich mich bei diesen endlosen Aufzählungen dabei, wie ich dachte: Fünf Freunde fahren in die Wüste, Fünf Freunde haben ein Kruzifix, Fünf Freunde … Ich denke, diese Wirkung war so nicht beabsichtigt, aber bei mir hat das leider dazu geführt.
Beabsichtigt ist natürlich ein großes Wort, wenn es um die Entstehung eines Textes geht. Aber ich habe dieses ermüdende „er, der“ sehr bewusst durchgezogen, obwohl zu erwarten war, dass das auf breite Ablehnung stoßen würde. Mir erschien es trotzdem wichtig genug, das so durchzuhalten und die kleinen Ausbrüche vorsichtig zu dosieren, denn das stellt für mich den Bezug zur (scheinbaren) Eintönigkeit der Wüste her.

Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
Wellenschatten. Schattenwellen. Gewässerloser Strand.
Bei diesem (und anderen Beispielen) gewinne ich den Eindruck, der Autor/die Autorin reiht einfach alles hübsch aneinander, dreht Worte um, fügte Worte ein, wie es ihm/ihr gerade in den Sinn kommt. Das erzeugt zwar auch Bilder, Das ist mir zu zufallsgesteuert und zu willkürlich – hier fehlt mir die Kontrolle über den Text.
  
Hm. Was für den einen so eintönig und wahllos aneinandergereiht wirkt wie die Dünen in einer Wüstenlandschaft, macht für jemanden wie den Protagonisten, der sich an keinem Ort so aufgehoben fühlt wie in einer Wüste, vielleicht gerade den besonderen Reiz aus?  Es war mir tatsächlich wichtig, der Wüste etwas Raum in diesem Text zu geben, denn sie ist für mich in diesem Kontext weit mehr als der bloße Handlungsort oder der Fluchtpunkt des Protagonisten.


Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
Mann setzt sich in (Flucht)Auto und braust davon, auch nicht sonderlich originell.
Stimmt. Das war und ist aber auch nicht mein Anspruch. Das können andere Autoren besser Smile.

Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
Zumal gerade diese Aufzählungen "absolut" wirken. Absolut in den Sinne, weil man weder die Hintergründe des Protagonisten erfährt, noch seine Gedanken darüber. Er lässt sich ausschließlich über die Behauptungen festmachen und seine Handlungen. Spartanisch, aber es langt.
Zumindest am Anfang sind ja ein paar seiner Gedanken zusammengetragen. Ansonsten stimme ich Dir zu: da ist wenig, das sich greifen ließe - ist vielleicht mehr so wie Sand, der einem immer wieder durch die Finger rieselt. Ich habe versucht, diese - ich nenn es mal weitgehende Distanz - durchzuhalten bis zum Ende (und so Freiräume für den Leser zu schaffen). Dass man das nicht mögen muss, leuchtet mir ein. Immerhin scheint es einigermaßen gelungen zu sein (also das Durchhalten der Distanz).

Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
Die Idee mit dem (Er)Schöper und der Schöpfkelle finde ich gut.
Der Anfang hingegen ließt sich wie der Anfang eines mittelmäßigen Aussteigers. Mann in  den Fünzigern, Midlife Crisis. Setzt sich in das Auto, bleibt stehen, das Kruzifix schunkelt und er ist am Ende. Das passt stilistisch nicht so recht zu dem Rest und fällt meiner Meinung auch sprachlich ab.  
Ich bin so dankbar für all die Kommentare. Sie zeigen mir ja nicht nur, woran ich arbeiten kann, sondern auch, wie unterschiedlich ein und derselbe Text aufgenommen wird. Einer findet den Anfang ganz besonders gut und mag den Rest nicht, Du findest den Anfang (noch) missraten(er) als den Rest, einer mag quasi nur den Er/Sie-Teil, der nächste findet das Ganze nur bis zum Beginn dieses Er/Sie-Teils gut. Ich kann also (weiterhin) machen, was ich will - das ist ein interessantes Ergebnis (und das meine ich ohne jede Ironie).

Tape Dispenser hat Folgendes geschrieben:
Es ist nicht der erste Text in diesem Wettbewerb bei dem ich den Eindruck habe, dass die Erwähnung (oder nebulöse Andeutung) von Mord, Selbstmord, Inzest, tödlichen Krankheiten, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch usw. einen Text irgendwie "literarischer" erscheinen lassen sollen.
Schade, wenn das so ankommt. Ich hatte gehofft, ohne Effekthascherei auszukommen - und habe eigentlich nur versucht, einen Lebenslauf zu skizzieren, wie ich ihn (in ungezählten Variationen) in meinem Umfeld finde.

V.K.B. hat Folgendes geschrieben:
Ein wirkliches E-Gefühl will sich nicht einstellen, dafür sind mir die sprachlichen Kniffe zu wenig und zu überbenutzt.
Yep. Schade. Ist angekommen. Das mit den Kniffen ist für mich eine knifflige Sache, denn darüber weiß ich momentan wenig und sicher noch lange nicht genug. Auch hätte ich Sorge, dass bei zu viel Sprachkniff die Verstehbarkeit des Textes leidet. Die ist mir aber heilig. Die muss sich nicht bei jedem Text beim ersten Lesen einstellen, aber wenn sie sich gar nicht einstellt oder ich vor lauter Kniffen nix verstehen kann - das sind dann die Texte, bei denen ich ratlos bin und bleibe (und das ist kein schönes Gefühl.)

Mardii hat Folgendes geschrieben:
Die Idee der Umsetzung gefällt mir gut. Für das Biographiethema läßt sich das so machen. Nur finde ich den Text etwas monoton.
Yep. Das kann ich wirklich gut verstehen Smile

Heidi hat Folgendes geschrieben:
Der Beginn des Textes ist schön, trotz Erkenntnis. Das Verlangen der Figur, die ich von außen sehe, ist eines, das ich gerne miterlebe.

Den Aufbau des Lebens der Figur empfinde ich als gut gelöst, es ensteht ein sehr intensives Zeitraffergefühl, ich werde förmlich mitgenommen von all den Schlagworten oder vielmehr Schlagsätzen. Diese Frage-Antwort-Sache finde ich faszinierend, da sie rückläufig ist. Als würde ich oben den Tod erleben und in die Geburt hinein lesen.
Der Text ist gut gemacht, er lädt zum nochmal-Lesen ein - es gibt viel zu entdecken - und das werde ich auch weiterhin mit Freude tun. Es bleibt ein Bild haften nach dem Lesen, noch ist es etwas diffus, die Figur erwacht noch nicht gänzlich zum Leben, aber ich komme wieder und gucke mal. Auch, was Motto und Themen-Umsetzung betrifft, muss ich noch mal in mich gehen nach nochmaligem Lesen.

---

Jetzt kann ich sehr genau sagen, ja, das Motto ist deutlich zu spüren - auch im Zusammenhang mit dem Titel - aber auch so. Und das Thema ist auch gut umgesetzt. Zum Zeitraffer hab ich ja schon was gesagt.

Ich finde den Text faszinierend, er ist gut gelöst, auch die Möglichkeit von unten nach oben zu lesen, an manchen Stellen, halte ich für eine spannende Ausdrucksform. So wirkt es, als würde der Sand manchmal nach oben fließen, anstatt nach unten.
Das Bild einer Figur, die ich später noch gedanklich in mir bewege, ensteht allerdings noch nicht. Insgesamt ist es kein Text, der mich lange nach dem Lesen beschäftigt. Die Umsetzung lädt mich zwar ein, im Lesevorgang ein wenig zu spielen, aber später ist der Text nicht weiter im Bewusstsein, was hauptsächlich an der mangelnden Figurenentwicklung in mir liegt, die wiederum mit der Text-Umsetzung zusammenhängt.

Es wird Punkte geben. Sicher.
Dankeschön für so viel Lob! Auf dem Thema „Figurenentwicklung“ muss ich wohl gedanklich noch ein bisschen rumkauen und mal schauen, ob ich eine Idee entwickle, wie ich das besser machen könnte.

d.frank hat Folgendes geschrieben:
Was mich wirklich ärgert an diesem Text: Dass er sich mit seinen ganzen ERs und SIEs und DIEs an die Zeichen heran schummelt, die mit der Vorgabe gefordert waren.
Yep - so wird´s gewesen sein. Oder ganz ähnlich. Pfui… Wer macht denn sowas!
d.frank hat Folgendes geschrieben:
habe ich anscheinend ein Problem mit diesen Gedichttexten. Ich mag sie nicht. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sie ausgeklammert. Embarassed
Deshalb fühle ich mich auch nicht dazu beordert, sie zu kommentieren, also lieber Autor nimm mir das bitte nicht allzu übel.

Nee, das mache ich nicht. Ich verstehe jeden, der von diesem Text genervt ist - und in Deinem Fall entschädige ich mich schlicht dadurch, dass ich Deinen Text lesen gehe Smile

Kiara hat Folgendes geschrieben:
Dies ist eine Standard-Antwort: Vielen Dank für deinen Text! Ich bitte um Verständnis, dass ich (momentan) keine Begründung dafür abgebe, warum du von mir Punkte bekommen hast. Das liegt unter anderem daran, weil die (sogenannte) Klassifizierung von E-Literatur wenigstens teilweise subjektiv ist.

Hallo Kiara, vielen Dank für Deine Zeilen. Falls dafür Zeit und Muße findest, würde ich mich wirklich sehr freuen, wenn Du mir eine Rückmeldung schreiben würdest, von mir aus ganz ohne Ansehen von E oder U Smile

Catalina hat Folgendes geschrieben:
"Weniger Erfolg als ein Walretter", herrlich.
"von Erleichterung beschwert" - starke Worte für ein starkes Gefühl.
Sehr schöne Sprache, sehr angenehmer Schreibstil, liest sich, als ob Du das öfter machst. Smile
Dankeschön. Öhm… Nee. Bis auf meinen ersten Einstandstext, der auch schon so ein Drauflos-Spielen ins Ungewisse war, überhaupt nicht. Aber vielleicht komme ich ja auf den Geschmack Wink

Catalina hat Folgendes geschrieben:
Ein Manko hat der Text für mich: Man kann den Lebenslauf nur sehr, sehr schwer von vorne nach hinten lesen.
Ja, das ist in der Tat sperrig. Da ich ihn tatsächlich genau so aufgeschrieben habe, wie Du ihn von oben nach unten liest, fühlte sich das Schreiben ähnlich widerspenstig an. Ich wollte ihn aber auch nicht einfach „richtig herum“ aufschreiben und dann bloß auf den Kopf stellen. Trotzdem ist er nicht dafür gemacht, ihn vorwärts lesend zu verstehen. Ich habe mir vorgestellt, wie der Protagonist diese Erinnerungen Stück für Stück freilegt/ausgräbt, von oben nach unten, immer tiefer. Aber das macht das Lesen natürlich nicht leichter - und klingt wahrscheinlich wie alles, was ich hier fabriziere, irgendwie nach Textverteidigung, volle Kraft voraus, obwohl es ganz und gar nicht so gemeint ist…

Catalina hat Folgendes geschrieben:
Ein bisschen kommt mir auch der Bruder vor seiner Diagnose zu kurz. Er scheint ihm sehr nahe zu stehen, der Tod nimmt viel Platz ein, davor hat er für die Pflege gekündigt. Die Motivation dafür fehlt mir in seinem Lebenslauf.
Ja. Das stimmt wohl. Ich habe zwar versucht, das sich entwickelnde Verhältnis der beiden anklingen zu lassen: „Der halbe Bruder, der an ihm hing“, „Er, der den halben Bruder be-elterte.“, „Er, der den halben Bruder zur Gänze umarmte.“ und irgendwie gehofft, dass der Zusammenhalt deutlich wird. Allerdings habe ich tatsächlich versucht, möglichst strikt beim Protagonisten zu bleiben. Insofern bleibt da sicher vieles nur angedeutet, auch wenn es in meiner Vorstellung durchaus mehr Hintergrund hat als der Text zeigt.

MoL hat Folgendes geschrieben:
Das gibt Punkte, lieber Inko! Ich habe zwar nicht alles verstanden, lol2, aber was ich verstanden habe, gefällt mir sehr, sehr gut! Da steckt eine Rückwärtskonzeption drin, richtig?
Ja. Rückwärts passt - zumindest beim Ausgraben. Ansonsten las ich kürzlich doch glatt irgendwo… Warte mal…
MoL hat Folgendes geschrieben:
Wenn sich Dir Kleinigkeiten nicht erschlossen haben, einfach nachfragen! Smile
Smile Das ist doch eine gute Idee.

Michel hat Folgendes geschrieben:
Sehr E.
Meinste? Wink

Jenni hat Folgendes geschrieben:
Er, der … - Er, der … - Er, der … - die Monotonie darin macht mich fertig. Das macht aber meine Wahrnehmung, nicht unbedingt dein Text.
Ich glaube, das macht vielleicht doch der Text - und versperrt so den Blick auf das, was Dir gefehlt hat.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:
Das ist sehr berührend, tief und ehrlich und erkenntnisreich geschildert.
Dankeschön. So war es gedacht - und es ist ein sehr besonderes Gefühl, genau das - trotz aller Widerstände, die der Text durch sein So-Sein aufbaut - von jemandem  so wahrgenommen zu sehen.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:
Ein Satz ist durchgestrichen - Absicht? Gültig und ungültig zugleich... "Die Mutter, die verloren ging"
Ja, das ist  absichtlich durchgestrichen - als Hinweis auf ein selbst-auferlegtes Denkverbot des Protagonisten.

lilli.vostry hat Folgendes geschrieben:
Dein Text ist einer meiner drei Favoriten.

Gleiches gilt meinerseits - für Dein Feedback! Smile


nebenfluss hat Folgendes geschrieben:
Ich sehe allerdings auch, dass eine Mischform aus Fließtext und Versen (wenn man's so nennen kann) dem Text nicht gutgetan hätte.
Ich hatte verschiedenes ausprobiert und bin auch genau zu diesem Ergebnis gekommen.

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Da geht einer in die Wüste, um sich selbst zu finden, Jesus-Style. Nach einer selbstmitleidigen Einleitung,  die sich liest wie eine nachträgliche Selbsterklärung zur Schließung einer Klammer
Dabei ist der Text tatsächlich - bis auf kleine Erweiterungen im Er/Sie-Teil genau und bis ins Kleinste von oben nach unten entstanden, was wohl damit zusammenhängt, dass genau diese Umarmungs-Klammer fast das Erste war, was sich (nach mehrtägiger Schockstarre angesichts der Vorgaben) dann doch ins Leben wurmte. Noch davor… war nur Wüste. (Aber die ist eigentlich immer da).
[quote="anderswolf"] ebenso wie im WüstenSand-Thema zeigt sich ein Anklang an nicht nur das Zitat der Vorgabe, sondern auch eine Inspiration durch die restlichen Zeilen (sehr viel deutlicher natürlich im letzten Drittel):
Ingeborg hat Folgendes geschrieben:
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Spätestens ab hier habe ich das Bedürfnis, mir von Dir mal genauer erklären zu lassen, was ich da  eigentlich geschrieben habe Smile
anderswolf hat Folgendes geschrieben:
So RetConig der Text ist
Was mag das bedeuten?

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Die fast lyrische Aufarbeitung des Themas eröffnet einen sprachspielerischen Wortraum, der in einem reinen Prosatext den Lesenden das Gehirn verknotete, dementsprechend findet sich eine Fülle stimulierender Bilder, die das Lesen in beide Richtungen erfreulicher macht als die Einleitung vermuten ließ.
Was bei Literättin noch wie eine Anklage klang, wird hier unversehens zum Kompliment (und ich bin froh, die Kommentare von oben nach unten gelesen zu haben).
 
anderswolf hat Folgendes geschrieben:
Bleibt nur zu hoffen, dass die Resignation zuletzt nicht zu einer Selbstaufgabe führt. Tote in der Wüste zu suchen ist eine undankbare Aufgabe.
Immerhin habe ich dank Deiner Anmerkung nun endlich eine Theorie, woher die üppigen Blütenbüsche ihre Nahrung nehmen, die so hin und wieder mitten im Nichts ihre Pracht aus dem bloßen Sand schieben. Die sind wahrscheinlich alle gut gedüngt - und ich werde künftig mit anderen Augen auf diese  Blütenpracht schauen. Gemeines Protagonisten-Wüstenröschen. Das klingt doch nett?

fabian hat Folgendes geschrieben:
Zusammen mit Flügel/schlag für mich der beste Text.
Dankeschön. Das bedeutet mir viel.

Ganz herzlichen Dank für jedes Wort, das Ihr dem Text gewidmet habt - natürlich auch fürs Befedern, aber eben ganz besonders fürs Sich-Einlassen und die Textarbeit.

Freundliche Grüße
a.

P.S.: Was mich gewundert hat: Kein Kommentar befasst sich mit der Zeile "Er, der ´Prosopagnostiker´ buchstabierte."
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Literättin
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Das silberne Stundenglas Der goldene Roboter
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BeitragVerfasst am: 27.01.2019 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

a.no-nym hat Folgendes geschrieben:
Hallo und Moin Smile

Wer wenig Zeit hat: Das hier wird was Längeres... Embarassed

Inzwischen konnte ich Eure Kommentare gedanklich schon mal ein bisschen verarbeiten und möchte gern darauf eingehen. Vorab: Es hat mich sehr (positiv) überrascht und natürlich mächtig gefreut, dass dieses Anfänger-Experiment nicht einfach durchgefallen ist (wie ich durchaus befürchtet hatte). Dass sich sogar Leser gefunden haben, die den Text trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) seiner nervtötenden Eintönigkeit besonders mochten, das ist für mich nicht nur das größte Geschenk, sondern sicher auch Ermutigung zu weiteren Schreibversuchen.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
in diesem Stück Prosa, das sich heftig lyrischer Gestaltungsmittel bedient.
  Hm. Das klingt jetzt irgendwie so wie ein Vorwurf. Vielleicht ist es ja auch einer? Das kann ich leider nicht beurteilen, weil ich nicht recht einschätzen kann, was genau gemeint ist.
Literättin hat Folgendes geschrieben:
Es ist hier rückwärts ablaufend in Verse gefasst.
Für mich sind das Sätze. Keine Verse. Ich hätte immer gedacht, dass ein Vers einem bestimmten (Reim)Schema folgen muss, einem Rhythmus. Bei modernen Gedichten wird das allerdings, soweit ich es beurteilen kann, auch gern mal aufgehoben? Du merkst es sicher schon: ich raff hier wieder mal nix. Sad
Literättin hat Folgendes geschrieben:
Was mir fehlt ist die (Un)Haltbarkeit der Gegenwart, es sei denn, man begreift das unhaltbar als nicht mehr zu ertragen. Aber in diesem Sinne hat das unhaltbar für mich etwas "empörtes" in sich. Einen Anklang von untragbar. Ein inneres Aufbegehren - und dann stimmt das sich ergeben, zurückkriechen, das aufgeben nicht. Ich kann mich irren.
Schon wieder bin ich ratlos und würde das, was Du geschrieben hast, gern besser verstehen. Wie hast Du die Un-Haltbarkeit der Gegenwart denn aufgefasst? Und warum wäre, wenn man es denn als „untragbar“ versteht, ein inneres Aufbegehren zwingend? Ist das nicht sehr von der Persönlichkeit abhängig? Und ist es kein Aufbegehren, wenn man da im Sand steckt und „den Erlöser anbrüllt“?

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Die Kriterien: E - ich würde sagen ein experimenteller Versuch von E.
Ich würde sagen, ein experimenteller Versuch, sich überhaupt mit den Vorgaben auseinanderzusetzen Wink Ob der Einzelne das E findet oder nicht, scheint mir so beliebig wie die Antwort auf die Frage, ob jemand einen Türkiston blau oder grün findet.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Das Motto von der gestundeten Zeit am Horizont - ich erkenne es nicht. Es dominiert hier die Flucht und die Wüste als Erlebensort, nicht die Zeit als (un)haltbar oder gestundet.
Das würde ich gern besser verstehen - und mich freuen, falls Du Dir die Mühe weiterer Textarbeit mit mir machen würdest. Was würde denn die gestundete Zeit in Deinen Augen deutlich machen?

Literättin hat Folgendes geschrieben:
zu viel Selbstmitleid des Protagonisten transportiert

Literättin hat Folgendes geschrieben:
in dieser dominanten auf sich selbst Bezogenheit

Mir ist nicht klar, woraus sich das für Dich ableitet. Wo bedauert er sich denn? Oder reicht für die Diagnose „Selbstmitleid/Selbstbezogenheit“ schon die Tatsache, dass er „nicht so enden will“? Selbstmitleid würde in meinen Augen bedeuten, dass er andere dafür verantwortlich macht, dass er nicht zurechtkommt. Macht er das? Tut er sich selbst leid? Wo?



Gut, ich versuch's mal. Auch wenn ich denke, dass, da mein Kommentar nicht wie hier, nur aus den herausgenommenen Zitaten besteht, schon einiges erklärt sein könnte.

"Das Stück Prosa, dass sich heftiger lyrischer Gestaltungsmittel bedient", ist in meinen Augen ein Stück Prosa, dass sich heftig lyrischer Gestaltungsmittel bedient. Kein Vorwurf drin. Jedenfalls kein abgeschickter.

Das mit Lyrik und Prosa ist ungefähr so schwierig wie E und U.

Es gibt Definitionen so wie es Definitionen gibt, die besagen, dass es da keine eigentliche Definition gibt. Dennoch gibt es Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmale.

Und richtig, ein minimaler ist die Text-Setzung.

Ein minimales Merkmal von Lyrik ist die äußerliche Textgestaltung, die in der Lyrik darauf angelegt ist, dem Text eine auffallende, ins Gewicht fallende Form zu geben, ohne die der lyrische Text nicht auskäme.

Bei deinem Text, der entweder prosaische Lyrik oder lyrische Prosa genannt werden kann , funktioniert die "mathematische Umkehrprobe" ganz gut: als reiner Prosatext, also Fließtext, würde er nicht funktionieren.

Er bedient sich also lyrischer Gestaltungsmittel. Hier: der Verssetzung.

Du sagst, für dich seien es Sätze. Dass es Sätze sind, schließt wiederum die Verssetzung nicht aus. Die erkenne ich ganz simpel am "nicht-Fließtext" und an der vorhandenen Rhythmisierung: hier einem recht monotonen Stakkato.

Die Sätze variieren weder in Länge und Rhythmus. Als Leser erkenne ich hier aber weder die Ahnungslosigkeit noch die Unbewusstheit, die Du mir jetzt zu deiner Autorenschaft erklärst. Als Leser erkenne ich hinter dieser Formatierung eine Entscheidung: die Entscheidung für die Nutzung eben der benannten lyrischen Gestaltungsmittel.

Die (Un)Haltbarkeit der Gegenwart ist für mich nicht sinngemäß mit Unerträglichkeit eines Lebens, wie ich es hier in deinem Text herauslese.

Die Gegenwart nicht festhalten zu können, die Zeit nicht "nach hinten verschieben, aufschieben, für später aufsparen können" - so habe ich die Vorgabe aufgefasst und nicht als (Un)Erträglichkeit des Lebens oder des Daseins.

In deinem Text deklinierst Du ein Thema durch, was sich in den ersten Zeilen ankündigt:

Zitat:
Die Welt umarmen.
Er hatte es versucht. Jahrzehntelang.
Diese Welt wollte nicht umarmt werden. Weder ganz noch teilweise. Zumindest nicht von ihm.
Fünf Jahrzehnte. Fünf! Verplempert für diese Erkenntnis. Weniger Erfolg als ein Walretter. Das musste man erstmal hinkriegen. Menschen vertrugen keine Umarmungen. Vertrugen keine seiner Umarmungen. Vertrugen sich nicht. Mit ihm. Inkompatibel.


Gefettet von mir.

UNd in diesem "Lebensmotto" des Protagonisten erkenne ich das, was ich Selbstmitleid nenne: er klagt vornehmlich darüber, nicht anzukommen, mit seinem Umarmungsbedürfnis.

Und dies versctärkt sich in diesem ewig wiederholten: Er, der (...).

Es geht um ihn, um ihn, um ihn und um ihn. Und das kommt bei mir allzu deutlich als Selbstbezogenheit und Selbstmitleid an.

Und diese "Schlagseite", des "er, der"  bewirkt, dass diese dominante Selbstbezogenheit auch in die Strophen, in denen es um den und die andere gehen könnte hineinschwappt. So wird er selbst noch zum Opfer des Todes des Bruders. Und zum Opfer der Trennung. So wie er es ja bereits oben ankündigt, wo er selbstgerechtes Opfer quasi der gesamten Menschheit ist, die er im selben Atemzug diagnostisch aburteilt als unverträgliche Masse:  
Zitat:
Menschen vertrugen keine Umarmungen. Vertrugen keine seiner Umarmungen. Vertrugen sich nicht. Mit ihm.


Die ihn nicht will.

Und darum, um dieses ihn nicht wollen, dreht sich der Text in der Hauptsache.

Und nicht um die (Lebens)Zeit, die er nicht anhalten, nicht aufschieben, nicht festhalten kann. Es sei denn, das geht für mich irgendwo im Text unter, der in meinen Augen aber eben so sehr dominiert wird, von dem, was ich dir jetzt vielleicht nachvollziehbarer zu erläutern versucht habe.


_________________
when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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a.no-nym
Klammeraffe


Beiträge: 533



BeitragVerfasst am: 27.01.2019 16:17    Titel: Antworten mit Zitat

Literättin hat Folgendes geschrieben:

Gut, ich versuch's mal. Auch wenn ich denke, dass, da mein Kommentar nicht wie hier, nur aus den herausgenommenen Zitaten besteht, schon einiges erklärt sein könnte.
Ja. Du hast natürlich recht - Du hattest dazu schon was geschrieben. Nur hat sich´s mir nicht erschlossen. Umso dankbarer bin ich, dass Du es nun nochmal ausformuliert hast.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
"Das Stück Prosa, dass sich heftiger lyrischer Gestaltungsmittel bedient", ist in meinen Augen ein Stück Prosa, dass sich heftig lyrischer Gestaltungsmittel bedient. Kein Vorwurf drin. Jedenfalls kein abgeschickter..
Für mich liest sich die Kombination aus "heftig" und "sich bedient" ja schon irgendwie nach erhobenem Zeigefinger, so nach dem Motto "Du Du, das macht man aber nicht". Aber das eigentliche Thema ist wohl eher das hier:
Literättin hat Folgendes geschrieben:
Das mit Lyrik und Prosa ist ungefähr so schwierig wie E und U.
Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, mich überhaupt darauf einzulassen. Ich erkenne noch immer nicht den Sinn in diesen (selbst auferlegten) Trennungen, diesem Schubladendenken, diesem Sortieren, Typisieren, das unablässig versucht, etwas zu einzuordnen und in Kategorien zu zwängen, dem doch eigentlich größtmögliche Freiheit gebühren sollte...  

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Es gibt Definitionen so wie es Definitionen gibt, die besagen, dass es da keine eigentliche Definition gibt. Dennoch gibt es Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmale.

Und richtig, ein minimaler ist die Text-Setzung.

Ein minimales Merkmal von Lyrik ist die äußerliche Textgestaltung, die in der Lyrik darauf angelegt ist, dem Text eine auffallende, ins Gewicht fallende Form zu geben, ohne die der lyrische Text nicht auskäme.

Bei deinem Text, der entweder prosaische Lyrik oder lyrische Prosa genannt werden kann , funktioniert die "mathematische Umkehrprobe" ganz gut: als reiner Prosatext, also Fließtext, würde er nicht funktionieren.
Jetzt verstehe ich wieder etwas besser, was gemeint ist. Auch wenn ich es anders sehe. Es würde sich ganz sicher (negativ) auf die Lesbarkeit auswirken, soweit kann ich mitgehen. Aber "nicht funktionieren"? Für mich "funktionieren" auch klassische Gedichte noch sehr gut, wenn ich die als Fließtext lese. Genau wie auch Geschichten, die nicht einen einzigen Absatz enthalten, trotzdem noch funktionieren. Nur sind sie dann eben anstrengender zu lesen.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Er bedient sich also lyrischer Gestaltungsmittel. Hier: der Verssetzung.

Du sagst, für dich seien es Sätze. Dass es Sätze sind, schließt wiederum die Verssetzung nicht aus. Die erkenne ich ganz simpel am "nicht-Fließtext" und an der vorhandenen Rhythmisierung: hier einem recht monotonen Stakkato.

Die Sätze variieren weder in Länge und Rhythmus. Als Leser erkenne ich hier aber weder die Ahnungslosigkeit noch die Unbewusstheit, die Du mir jetzt zu deiner Autorenschaft erklärst. Als Leser erkenne ich hinter dieser Formatierung eine Entscheidung: die Entscheidung für die Nutzung eben der benannten lyrischen Gestaltungsmittel.
Für mich die Entscheidung, wie der Text am leserfreundlichsten und am wirksamsten gestaltet werden kann. Wenn das reicht, um ihn dem  Verdacht der Lyrik auszuliefern, verstehe ich jetzt nicht nur die vielen Prosa-Fragezeichen besser, sondern ahne auch gleich noch, warum so viele Bücher derart wenig Wert auf Textgestaltung legen Wink...

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Die (Un)Haltbarkeit der Gegenwart ist für mich nicht sinngemäß mit Unerträglichkeit eines Lebens, wie ich es hier in deinem Text herauslese.

Die Gegenwart nicht festhalten zu können, die Zeit nicht "nach hinten verschieben, aufschieben, für später aufsparen können" - so habe ich die Vorgabe aufgefasst und nicht als (Un)Erträglichkeit des Lebens oder des Daseins.
Vielleicht ist es auch hier wie mit E und U oder Lyrik und Prosa: Für manche Leser rinnt hier wohl die un-haltbare (Lebens)Zeit eines ganzen Menschenlebens vom ersten Wort des Textes bis zum letzten so unaufhaltsam und unausweichlich wie der Sand durch eine Sanduhr, bis zum letzten Körnchen. Sie rinnt sogar (fast schon Holzhammer) sprichwörtlich durch die Finger des Protagonisten, während er da auf seiner Düne... unentrinnbar, seinen Plan B fest umklammert, dem Verrinnen seiner Lebenszeit im Zeitraffer zuschaut.  Für andere rinnt offenbar gar nichts. Im Moment ist mir noch nicht klar, wie der Text diesen Aspekt noch deutlicher machen könnte. Aber durch Deine nochmalige Erläuterung verstehe ich jetzt immerhin, welcher Aspekt Dir hier gefehlt hat. Ich war mir nicht sicher, ob es da noch eine dritte Lesart gibt, die mir entgangen ist. Ich habe versucht, sowohl der Unhaltbarkeit im Sinne von Untragbarkeit als auch gerade dieser Unhaltbarkeit im Sinne von Unaufhaltsamkeit viel Raum zu geben. Schade, dass es nicht funktioniert hat.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
In deinem Text deklinierst Du ein Thema durch, was sich in den ersten Zeilen ankündigt:

Zitat:
Die Welt umarmen.
Er hatte es versucht. Jahrzehntelang.
Diese Welt wollte nicht umarmt werden. Weder ganz noch teilweise. Zumindest nicht von ihm.
Fünf Jahrzehnte. Fünf! Verplempert für diese Erkenntnis. Weniger Erfolg als ein Walretter. Das musste man erstmal hinkriegen. Menschen vertrugen keine Umarmungen. Vertrugen keine seiner Umarmungen. Vertrugen sich nicht. Mit ihm. Inkompatibel.


Gefettet von mir.

UNd in diesem "Lebensmotto" des Protagonisten erkenne ich das, was ich Selbstmitleid nenne: er klagt vornehmlich darüber, nicht anzukommen, mit seinem Umarmungsbedürfnis.

Und dies versctärkt sich in diesem ewig wiederholten: Er, der (...).

Es geht um ihn, um ihn, um ihn und um ihn. Und das kommt bei mir allzu deutlich als Selbstbezogenheit und Selbstmitleid an.

Und diese "Schlagseite", des "er, der"  bewirkt, dass diese dominante Selbstbezogenheit auch in die Strophen, in denen es um den und die andere gehen könnte hineinschwappt. So wird er selbst noch zum Opfer des Todes des Bruders. Und zum Opfer der Trennung. So wie er es ja bereits oben ankündigt, wo er selbstgerechtes Opfer quasi der gesamten Menschheit ist, die er im selben Atemzug diagnostisch aburteilt als unverträgliche Masse:  
Zitat:
Menschen vertrugen keine Umarmungen. Vertrugen keine seiner Umarmungen. Vertrugen sich nicht. Mit ihm.


Die ihn nicht will.

Und darum, um dieses ihn nicht wollen, dreht sich der Text in der Hauptsache.
Ich habe den Eindruck, dass Du sehr viel in den Text "hineinliest". Dass Du ihn so liest und nicht anders, ist natürlich legitim und bleibt Dir unbenommen. Allerdings sehe ich das, was Du dem Text da "unterstellst", nicht als zwingende Lesart an. Ich sehe da kein Selbstmitleid. Ich sehe da jemanden, der sehr nüchtern Bilanz zieht, und zwar ganz explizit, ohne irgendwem einen Vorwurf zu machen, andere für etwas verantwortlich zu machen oder sich zu bemitleiden. Du schreibst, er "klagt". Wo klagt er denn? Er urteilt eben nicht ab, sieht sich gerade nicht als Opfer. Es ist erst Deine Lesart, die ihn dazu macht. Oder?

Du kritisierst, dass der Text ewig um das Leben des Protagonisten kreist. Du siehst darin Selbstbezogenheit. Das finde ich schwer verdaulich. Du machst dem Text damit quasi zum Vorwurf, dass er die Vorgabe erfüllt, das Leben einer Figur zu erzählen. Einer. Nicht noch das Leben der anderen, die es natürlich auch gegeben hat. Einer. Daran hält sich der Text (so gut er kann). Dass man da an die gewählte Art der Gestaltung große Fragezeichen dranmachen und die Umsetzung nervtötend bis sterbenslangweilig finden kann - keine Frage. Aber das ist ja nicht der Punkt. Du nimmst die Tatsache, dass der Text eng um diese eine Figur kreist, zum Anlass, der Figur Selbstbezogenheit zu unterstellen. Nüchtern betrachtet sind wir alle selbstbezogen - das scheint sich im Laufe der Entwicklung bewährt zu haben. Manche sind vielleicht selbstbezogener als andere. Oder die einen verstecken es bloß besser als die andern. Dass diese Figur jedoch alles andere als übermäßig selbstbezogen ist, wird m.E. aus dem im Text geschilderten Handeln immer wieder deutlich, genau wie die Tatsache, dass die Momentaufnahme der am Anfang stehenden gedanklichen Bilanz im Widerspruch zu dem steht, was er dann Stück für Stück ausgräbt.

Literättin hat Folgendes geschrieben:
Und nicht um die (Lebens)Zeit, die er nicht anhalten, nicht aufschieben, nicht festhalten kann. Es sei denn, das geht für mich irgendwo im Text unter, der in meinen Augen aber eben so sehr dominiert wird, von dem, was ich dir jetzt vielleicht nachvollziehbarer zu erläutern versucht habe.
Und genau für dieses Erläutern bin ich Dir sehr dankbar und nehme es - sicher weit über meine Antwort hinaus - als Denkstoff und Arbeitsgrundlage. Vielen Dank für Deine Bereitschaft, Deine Gedanken mit mir zu teilen (nicht nur hier, sondern auch in anderen Räumlichkeiten dieser heiligen Hallen)!
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 27.01.2019 17:12    Titel: Antworten mit Zitat

Und ich habe das "sich heftig bedienen" einfach nur als "sich heftig bedienen" geschrieben. Weil dein Text das nun mal tut: heftig sich lyrischer Gestaltungsmittel bedienen. So ungefähr in jeder Zeile. Ist halt so. Ganz ohne Wertung festgestellt. Ich hätte auch "deutlich" statt heftig nehmen können, oder "sehr ausgeprägt", oder "offensichtlich", aber gerade als ich da saß fiel es mir halt so ein, wie es da steht. Weil es eben nicht nur der Zeilenbruch nach jeden Satz ist, sondern auch die Wiederholung am Versanfang.

Sich lyrischer Mittel zu bedienen ist für mich kein Vorwurf.

Aber um noch mal auf dieses Sträuben gegen Kriterien zurück zu kommen: worüber könnte man reden, gäbe es keinerlei Kriterien, Kategorien, Anhaltspunkte, Merkmale, die einem das Einordnen von Literatur ermöglichen?

Das Unterscheiden von Dingen gehört halt zur Natur des Menschen. Als quasi organisches Grundbedürfnis in eigentlich jeder Hinsicht, nicht nur in literarischer.

Gäbe es keinerlei Unterscheidbarkeit in den Dingen, könnte man doch über nichts mehr reden. Dann wäre alles und auch Literatur beliebig.

Dann könnte man einen Wettbewerb wie diesen, der so viel Diskurs ermöglicht, nur noch so starten: Schreib halt irgendwas zu irgendeinem Thema. Wir haben da ein kilometerlanges Podium, da nehmen dann im Anschluss alle Texte nebeneinander Platz.

Es gäbe dann auch keinerlei literarisches Handwerkszeug.

Aber:

Literatur kommt schließlich ursprünglich vom Menschen selbst und hat sich aus ihm selbst heraus entwickelt. Indem er sie rezipiert und diskutiert, vergessen, verworfen oder anerkannt und manchmal so über Generationen zum kulturellen Bestand erklärt hat.

Das ist ja nichts, was brutal von irgendwoher oder von einer anderen Spezies her über die Literatur hineinbricht und sie aller Freiheit beraubt. Das verhandeln und entscheiden Menschen nun mal unter sich: wie geht Literatur und was wollen wir lesen. Und heute immer vorwiegender: was verkauft sich wie warme Semmeln.

Gut. Mensch könnte das auch sein lassen. Aber dann gäbe es wiederum keine Literatur, weil sie beliebig wäre. Dann gäbe es nur noch ein einziges strukturloses, breit gefächertes, eingeebnetes, mündliches, schrifliches, elektronisches Rumoren. Ein "Irgendwas-irgendwie-Geschreibsel". Dann gingen wir vermutlich in den Buchladen und suchten in etwa ein ... äh ... Buch, über ... äh ... irgendwas halt. So in die Richtung: keine Ahnung, will halt was lesen. So Sätze, Wörter, Buchstaben ...

Fiel mir nur noch so ein dazu.


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Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
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Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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Eredor
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BeitragVerfasst am: 30.01.2019 20:46    Titel: Antworten mit Zitat

a.no-nym hat Folgendes geschrieben:
Unter „konkret, ohne konkret zu sein“ kann ich mir leider so gar nichts vorstellen


Ich meine zum Beispiel das hier:

Zitat:
Den Erlöser in die Tasche stecken. Den Rucksack schultern.
Glutluft inhalieren. Nichts begrüßen. Stille bunkern.
Bergauf schwimmen. Den Kamm erklimmen.
Aussichtstrunken.
Varianten von Rot sehen.
Trugluftschlösser. Auf Sand gebaut.
Sich fallen lassen. Steigen. Sinken. Steigen.
Wellenschatten. Schattenwellen. Gewässerloser Strand.


Es ist ein sehr konkreter Inhalt, der ein Leben beschreibt. Und doch habe ich das Gefühl, das ist kein wirklich existierendes Leben, sondern ein Stereotypen-Leben. Ich will damit nicht sagen, dass der Text oder das hier beschriebene Leben kitschig ist - es fühlt sich aber auch nicht ganz authentisch an. Das meinte ich mit "konkret, ohne konkret zu sein". Letztlich, denke ich, hat das viel mit der Form zu tun, die du gewählt hast (sie ist ja schon sehr beeindruckend).


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a.no-nym
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BeitragVerfasst am: 30.01.2019 23:13    Titel: Antworten mit Zitat

Eredor hat Folgendes geschrieben:
Es ist ein sehr konkreter Inhalt, der ein Leben beschreibt. Und doch habe ich das Gefühl, das ist kein wirklich existierendes Leben, sondern ein Stereotypen-Leben. Ich will damit nicht sagen, dass der Text oder das hier beschriebene Leben kitschig ist - es fühlt sich aber auch nicht ganz authentisch an. Das meinte ich mit "konkret, ohne konkret zu sein". Letztlich, denke ich, hat das viel mit der Form zu tun, die du gewählt hast (sie ist ja schon sehr beeindruckend).

Danke, dass Du versuchst, konkreter zu werden (um im Bild zu bleiben... Wink ). Ich versuche mal, mich heranzutasten, bin aber nach wie vor sehr unsicher, ob ich überhaupt in die richtige Richtung denke. Was mir einleuchtet: dass die gewählte Form allein es schon schwer macht, sich auf den Text, auf dieses Leben/auf den Protagonisten einzulassen - und dass der Text dann auch wenig Einladung bietet, sich mit diesem Leben zu verbinden. Stereotypen-Leben - also vielleicht zu beliebig, zu oberflächlich, zu austauschbar; man kommt dem Protagonisten beim Lesen nicht nahe, er wird nicht lebendig, nicht greifbar  (?)

Warum Du aber ausgerechnet diesen Ausschnitt ausgewählt hast, um zu illustrieren, was Du meinst, das kriege ich nicht zusammen. Möglicherweise hilft es mir, wenn Du da den sprichwörtlichen Holzhammer auspackst - Samthandschuhe sind nicht nötig. Mich irritiert Deine Auswahl, weil ausgerechnet dieser Ausschnitt ja nur sehr wenig bzw. höchstens indirekt etwas über das Leben des Protagonisten aussagt. "Den Rucksack schultern" - das ist natürlich schon etwas, was nicht nur den Moment beschreibt, in dem er aus dem Auto steigt und losläuft; da klingt in der Tat auch etwas über ihn an - genau wie aus weiteren Wendungen, die sich nicht nur auf die Landschaft, sondern auch auf das Leben beziehen lassen. Überwiegend und vordergründig ist das doch aber eine Beschreibung der Landschaft (oder besser gesagt sollte sein Embarassed ) - und die ist, wenn ich es richtig verstehe, irgendwie zu schwärmerisch geraten /hat Kitschalarm ausgelöst? Hm. Ich werde mächtig drüber nachdenken.
Was ich bezweckt hatte: nicht nur zu erzählen, wo der Mensch hingefahren ist (dann hätte ja Wüste gereicht), sondern was er für diese Landschaft empfindet, was sie ihm bedeutet; dass die Wüste für ihn nicht ein touristisches Highlight oder ein Ort der Erholung ist, sondern der Ort - im Sinne eines Ortes, an dem man plötzlich das (bis dahin unbekannte) Gefühl hat, eins mit der Welt zu sein (oder überhaupt zu sein - und nicht nur zu funktionieren  (wobei, wenn ich so drüber nachdenke - vor der ersten Begegnung mit meinem persönlichen Sehnsuchtsort hätte ich das, was ich da gerade geschrieben habe, auch für total kitschig gehalten... *hüstel*).
Auf die Wüste ein bisschen intensiver einzugehen, schien mir auch deshalb angebracht, weil sie in diesem Text nach meinem Verständnis viel mehr ist (also mehr sein sollte Wink) als nur die Kulisse für einen (Sonnen)untergang...
Aber gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht.
Raum für Wachstum ist also auf jeden Fall da, das ist mir sonnenklar - danke fürs Gießen!
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anderswolf
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BeitragVerfasst am: 30.01.2019 23:35    Titel: Antworten mit Zitat

a.no-nym hat Folgendes geschrieben:

anderswolf hat Folgendes geschrieben:
ebenso wie im WüstenSand-Thema zeigt sich ein Anklang an nicht nur das Zitat der Vorgabe, sondern auch eine Inspiration durch die restlichen Zeilen (sehr viel deutlicher natürlich im letzten Drittel):
Ingeborg hat Folgendes geschrieben:
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Spätestens ab hier habe ich das Bedürfnis, mir von Dir mal genauer erklären zu lassen, was ich da  eigentlich geschrieben habe Smile

Genau kann ich Dir das natürlich auch nicht sagen (nicht dass Du noch den Geheimcode für E-Wettbewerbe knackst und nächstes Jahr alles abräumst). In Bachmanns Gedicht gibt es aber die zitierte Passage, die eingerahmt von Beschreibungen der Geliebten vor allem der Beleuchtung/Wahrnehmung des LERs dienen. Die von mir genutzte Interpretation nennt das die "Auslöschung der Geliebten", die "zum Verstummen gebrachte Frau". Dein Text wiederum malt mit der Er-Sie-Passage ein Bild der Abschottung des LERs von allen anderen Menschen, die Verwüst(lich)ung der Seele gewissermaßen.

Zitat:
anderswolf hat Folgendes geschrieben:
So RetConig der Text ist
Was mag das bedeuten?

RetCon ist die Abkürzung von Retroactive Continuity und bezeichnet die Umdeutung von Kontinuitätsfehlern in Erzählungen. Entsteht meistens dann, wenn Autoren mehrteiliger Geschichten sich nicht mehr daran erinnern, was sie sich einmal ausgedacht haben und die aktuelle Wahrheit, die besser zum Gesamtbild der Geschichte passt (weil sich nach zehn Jahren Arbeit am Projekt bestimmte Schwerpunkte verschoben haben können), zu einer eigentlich schon immer so stattgefundenen Wahrheit erklären. Manchmal werden diese Widersprüche von Fans dann großartig als tiefere Wahrheit ausgedeutet, manchmal hat einfach auch niemand im Verlag aufgepasst.

In Bezug auf Deinen Text und meinen Kommentar meine ich also: Da war eine Wahrheit und eine Geschichte über die Wahrheit und beide sind nicht kongruent. So wie es klingt. Und dann kommt das Jesus-Ding, was ich für einen Knaller-Witz gehalten habe, aber so ist das eben manchmal mit Dingen, die im Kopf super aussehen.

Zitat:
P.S.: Was mich gewundert hat: Kein Kommentar befasst sich mit der Zeile "Er, der ´Prosopagnostiker´ buchstabierte."

Dem Zeitmangel geschuldete GesichtsBetriebsblindheit vermute ich.
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Eredor
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BeitragVerfasst am: 31.01.2019 12:30    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, das ist jetzt spannend: Ich merke gerade, dass ich an dieser Stelle ein Missverständnis mit dem Text hatte. Natürlich geht es um einen Besuch in der Wüste, aber gerade durch die an Gedichte erinnernde Textform sehe ich das nicht nur als Beschreibung des Ortes aus der Wahrnehmung des Protagonisten, sondern symbolisch für einen Lebensablauf: „Den Rucksack schultern“, „Bergauf schwimmen“, „sich fallen lassen“ - das klingt in meinen Ohren wie ein Knigge für den Backpackerlifestyle. Vielleicht gefiel mir der Text deshalb nicht: ich habe eine höhere Ebene vermutet, wo keine gedacht war; das spreche ich vor allem der Form zu. Weniger Zeichen pro Zeile bedeutet: jedes Wort wiegt exponentiell mehr. Jedes Wort nimmt mehr Bedeutungsräume ein, um die Zeile zu füllen. „Den Rucksack Schultern“ zum Beispiel bekommt so ein riesiges Gewicht, also auch ein symbolisches, dass ich mich nicht mit einer reinen Beschreibungsfunktion zufrieden geben kann. . Und so kommt es, dass ich hinter den Zeilen keine Beschreibung, sondern vordergründig eine Allegorie suche. Vielleicht erklärt das meine Gedanken zum Text? Falls nicht: später kann ich mehr und genauer schreiben, wenn du willst, bin gerade nur in Eile. LG

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BeitragVerfasst am: 31.01.2019 23:00    Titel: Antworten mit Zitat

Eredor hat Folgendes geschrieben:
Oh, das ist jetzt spannend: Ich merke gerade, dass ich an dieser Stelle ein Missverständnis mit dem Text hatte.
Das konntest Du ja nur haben, weil ich den Text missverständlich gestaltet habe. Dank Deines Kommentars ist mir das jetzt erst richtig bewusst geworden. Dieser Abschnitt "Endlich" sollte tatsächlich weniger über das bisherige Leben des Protagonisten erzählen - das wollte ich eher im nächsten Abschnitt, in Gestalt der Ausgrabung, verarbeiten - und hatte mir vorgestellt, dass die Ebene, die Du in dem "Endlich"-Abschnitt gesehen hast, nur im Hintergrund mitschwingt.
Eredor hat Folgendes geschrieben:
Natürlich geht es um einen Besuch in der Wüste, aber gerade durch die an Gedichte erinnernde Textform sehe ich das nicht nur als Beschreibung des Ortes aus der Wahrnehmung des Protagonisten, sondern symbolisch für einen Lebensablauf: „Den Rucksack schultern“, „Bergauf schwimmen“, „sich fallen lassen“ - das klingt in meinen Ohren wie ein Knigge für den Backpackerlifestyle.
"Den Rucksack schultern" - das habe ich mir durchaus mit  zweierlei Bedeutung vorgestellt - er nimmt sein ganzes Leben ja quasi mit auf diesen Dünenkamm. Das Bergauf-Schwimmen illustriert (so hoffte ich) vordergründig die Mühsal, so eine Sanddüne zu erklimmen. Dass sich diese Art des Vorwärtskommens (die sich oft wie Rückschritt oder zumindest nicht wie Fortschritt anfühlt) auch auf das Leben übertragen lässt, habe ich durchaus gesehen - nur stand es eben nicht im Vordergrund. Auch, dass er sich dann "fallen lässt", habe ich mir  zum einen als ein Niederlassen auf dem Gipfel vorgestellt, gleichzeitig aber auch als ein inneres "Sich-Fallen-Lassen". Auch die auf Sand gebauten Luftschlösser oder die Varianten von Rot (und sicher noch mehr Uneindeutigkeiten) lassen sich gedanklich sowohl auf das Leben als auch auf die Sinneseindrücke übertragen, die die Wüste bietet. Wobei man natürlich nicht in jeder Wüste Varianten von Rot sieht (in der, an die ich dachte, aber schon).
Ich bin gerade irgendwo im Netz über eins von diesen Kippbildern gestolpert, auf denen die einen Betrachter einen Kelch sehen und andere erkennen zwei Gesichter im Profil. Das scheint mir ganz passend - und mir ist durch Deinen Kommentar erst bewusst geworden, dass das bei der Betrachtung meines Textbildes ganz und gar nicht so laufen muss, wie ich mir das vorgestellt hatte. Mir eröffnet dieses Teilen von Leseeindrücken noch mal ganz neue Horizonte. Vielen Dank!
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anderswolf
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BeitragVerfasst am: 28.10.2020 16:46    Titel: Antworten mit Zitat

anderswolf hat Folgendes geschrieben:

Genau kann ich Dir das natürlich auch nicht sagen (nicht dass Du noch den Geheimcode für E-Wettbewerbe knackst und nächstes Jahr alles abräumst).


Wo ich hier gerade in alten Beiträgen stöbere, fällt mir auf, dass es letztlich doch so gekommen ist.
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