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Zwei Reiseskizzen - 2. Unheimliche Begegnungen der Dritten Art


 

 
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Federfuchser
Gänsefüßchen


Beiträge: 24



BeitragVerfasst am: 23.02.2020 12:53    Titel: Zwei Reiseskizzen - 2. Unheimliche Begegnungen der Dritten Art eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Haben Sie das schon mal erlebt: Ein paar harmlose Alltags-Ereignisse verdichten sich zu einem haarsträubenden Geschehen, dass Sie denken, unversehens in eine  Parallelwelt mit unheimlichen Mächten hineingeraten zu sein, die Ihnen zwar berkannt vorkommt. Die aber nicht wirklich die gewohnte ist?
   Mir erging es so...
   Es war in dem Jahr mit dem ungewöhnlich langen und trockenen Sommer. Die Astronauten der europäischen Raumstation funkten unglaubliche Bilder zur Erde. Schon Ende Juni lag Norddeutschland gelb und ausgedörrt, gleichsam erstarrt, unter der wolkenlosen Lufthülle, nur von graugrünen Waldflecken durchsetzt. Das Wasser wurde allmählich knapp. Der Fährbetrieb auf der Elbe musste eingestellt werden, die Kraftwerke am Rhein konnten nicht mehr richtig kühlen, und die große BASF bekam nicht mehr genug Nachschub für ihre Produktion, weil die Lastkähne auf Grund liefen.
   Ein rechter Katastrophensommer.
  Ich erzähle das, weil man sonst nicht verstehen kann, warum mich ein paar an sich harmlose Naturschauspiele so mitnahmen.
   In diesem Jahr also – es war Anfang Mai, und die Wiesen und Rasenplätze begannen schon gelb zu werden – radelte ich den Elberadwanderweg von Dömitz nach Havelberg hinauf. Dort nahm ich Quartier in einer etwas abseits gelegenen Unterkunft unten in der Elbaue.
  Ich will mich jetzt nicht in Einzelheiten verlieren. Was ich berichten will ist folgendes: Als ich mich abends zur Ruhe legte, begann draußen das Konzert der Frösche, und zwar in einer Lautstärke, wie ich sie bis dahin noch nie erlebt hatte. Ich stand wieder auf und trat auf die Terrasse. Es war unbeschreiblich. Aus mehreren Tümpeln lieferten sich die Tiere einen regelrechten Sängerwettstreit. Es hörte sich an, als wollte jeder Tümpel den anderen in Gesangeslust überbieten. Da knurrte und knarrte es bedrohlich, dort läuteten verhalten zarte Glöckchen, hier erscholl ein lautes Quak-Quak, dann wieder ein mundartlich gefärbtes Quork-Quork, und immer wieder ein vereinzeltes, tiefes Dong. Es muss die Stimme des Dirigenten gewesen sein, der die ganze Bande im Takt hielt. Nie hätte ich geglaubt, dass Frösche und Kröten solch einen Höllenlärm machen können.
   Plötzlich war, wie auf ein geheimes Kommando hin, das Konzert beendet. Doch die Ruhe währte nur kurz. Es schien nur eine Generalpause zu sein, denn schon erklangen einzelne schüchterne Stimmen, und dann brach das Spektakel, lauter und herrlicher als zuvor, von neuem los.
   Ich lauschte fasziniert. Es war eine völlig andere Welt, in die ich da hineinhörte. Diese Tiere handelten nach einem Plan, den ich nicht verstand. Unbegreiflich, aber doch real.
   Nun gut, sagen Sie. Das mag zwar beeindruckend gewesen sein, aber nicht sonderlich aufregend, und nichts, um daraus eine Geschichte zu machen.
   Ich denkee doch. Da war nämlich noch ein anderes Geräusch, ein feines Wimmern oder Jammern, das über dem Quakkonzert lag. Es schien von weiter weg zu kommen und klang wie das Singen von Telefondrähten, durch die der Wind geht, nur unheimlicher.
  Noch während ich diese Möglichkeit überlegte, sah ich ein, dass sie nicht stimmen konnte. Zwar kratzte tatsächlich in etwa fünfhundert Metern Entfernung eine Telefonleitung einen dünnen Strich in den Abendhimmel, doch es herrschte zu diesem Zeitpunkt absolute Windstille. Begierig darauf, die Ursache dieser Sphärenklänge zu ergründen, setzte ich mich in Bewegung.
   Um es kurz zu machen, es kam aus einem fast vollständig von blühenden Seerosen bedeckten Teich, und nun war mir auch klar, wer da so erbärmlich jammerte: Es waren Unken. Noch nie zuvor hatte ich Unkenrufe gehört, deshalb kam ich erst darauf, als ich vor dem Teich stand. Jetzt war mir auch klar, warum man nicht 'unken' soll, und warum Unkenrufe angeblich Unheil ankündigen. Es hörte sich an wie das Gejammer hunderter kleiner Kinder, die den Verlust ihrer Eltern beweinen.
Mir kam es vor wie eine unheimliche Begegnung der Dritten Art.
   Anscheinend hatten die Unken mein Kommen bemerkt, denn das Gejammer brach jetzt ab. Ich stand bewegungslos, begierig, noch mehr von der Tragödie, die da gerade gesungen wurde, zu erfahren. Tatsächlich erhob nach einiger Zeit ein Vorsänger seine Stimme, und nach und nach stimmten die anderen mit ein.
   Mittlerweile war es fast dunkel geworden. Eine Wolkenbank hatte sich vor das Abendrot geschoben und verstärkte noch die unheimliche Wirkung. Auf dem Rückweg kam ich an einen Kasten mit öffentlichen Bekanntmachungen vorbei. Ich blickte hinein. Ein Schmierfink hatte etwas auf die Scheibe gekritzelt. Ich entzifferte:

                                                                         Abend

                                                                 einbrechendes dunkel                                                                                                                                                                                                                                                                                       
                                                                  der sterne gefunkel            
                                                                der unken gewimmer                
                                                                der lampe im zimmer
                                                                   vertrauter schein:
                                                                     behütetes sein

   Ich muss sagen: Kein schlechter Platz für die Veröffentlichung eines Gedichts, so ein öffentlicher Glaskasten. Und kein schlechtes Gedicht. Die Stimmung, in der ich mich befand, war gut getroffen.  
 
                                                                       *
  Als ich am anderen Vormittag um zehn Uhr aufbrach, herrschte schon brütende Hitze. Um nicht kochend vom Fahrrad zu fallen, beschloss ich gegen Mittag, eine Badepause einzulegen.
  Ein Wegweiser mit dem Hinweis:

                                                             Rudolsee 3 km

 wies den Weg, und bald war der See erreicht. Auf der vertrockneten Liegewiese legte ich meine Sachen ab; schon lief ich auf den Steg und setzte zum Sprung an. In diesem Moment sah ich sie, doch es war schon zu spät.
Vor dem Badesteg im Wasser schwammen drei dicke, widerlich aufgedunsene Karpfenleichen von unwahrscheinlicher Größe. Drumherum hatte sich bereits ein schillernder Hof gebildet, auf dem Wasser lag starker Verwesungsgeruch.
   Und in diesen Sud sprang ich hinein.
   Vielleicht mache ich mich lächerlich, wenn ich jetzt gestehe, dass ich für einen Moment damit rechnete, nur noch als Wasserleiche aus dem See gefischt zu werden.
   Die Unkenrufe, die toten Fische in dem sterbenden See, das verdorrte Gras, die abartige Hitze – all das verdichtete sich in meiner Fantasie zu einer apokalyptischen Vision. Sie verstärkte sich noch, als ich später über die Brücke bei Dömitz fuhr. Tief unten die schon stark geschrumpfte Elbe, über mir eine gnadenlose Sonne, am Horizont, schwarz und drohend, eine Gewitterfront, die Erinnerung an das Gehörte und Gesehene – ich war fest davon überzeugt, unversehens in eine Parallelwelt hineingeraten zu sein, der bekannten zwar ähnlich, aber von unheimlichen Mächten beherrscht.
 War es da ein Wunder, dass ich damit rechnete, die Brücke könnte sich im nächsten Moment in Luft auflösen, und ich würde in die Tiefe stürzen?
    Ich legte noch einen Zahn zu und war froh, als die Brücke hinter mir lag.   
    Immer noch kein Stoff für eine Geschichte?



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Nina
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Beiträge: 4818



BeitragVerfasst am: 24.02.2020 15:48    Titel: Re: Zwei Reiseskizzen - 2. Unheimliche Begegnungen der Dritten Art Antworten mit Zitat

Lieber Federfuchser,

ich habe mit Freude Deinen hier eingestellten 2. Teil gelesen. Ein bisschen fällt er ab im Vergleich zum ersten Teil. Dennoch gefällt auch dieser Teil mir sehr. Nun will ich durch den Text hindurch gehen und ein paar Anmerkungen dazu schreiben.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Haben Sie das schon mal erlebt: Ein paar harmlose Alltags-Ereignisse verdichten sich zu einem haarsträubenden Geschehen, dass Sie denken, unversehens in eine  Parallelwelt mit unheimlichen Mächten hineingeraten zu sein, die Ihnen zwar berkannt vorkommt. Die aber nicht wirklich die gewohnte ist?
   Mir erging es so...


Dieses Ansprechen von Lesern/innen, finde ich nicht angenehm. Zwar lese ich Deine Geschichte gern, doch ich möchte dies in Ruhe tun, ohne dass Du mich ansprichst. Du da, ich hier. Bitte Leser/innen lesen lassen und nicht ansprechen.
Ich denke, Du kannst diesen Einstieg auch ohne diese Ansprache schreiben, einfach komplett weglassen, denn im nachfolgenden beschreibst Du ja, was Du bzw. der Ich-Erzähler, gelesen und erlebt hat. Wenn man es liest, kann man ja selbst auf diese Gedanken kommen, die Du hier in der direkten Ansprache formulierst. Meines Erachtens braucht es die nicht. Der Einstieg in dieses Kapitel kann direkt mit dem Folgenden beginnen.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   Es war in dem Jahr mit dem ungewöhnlich langen und trockenen Sommer.


Da würde ich empfehlen einfach, zur genaueren Orientierung, das Jahr tatsächlich anzugeben.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Die Astronauten der europäischen Raumstation funkten unglaubliche Bilder zur Erde.


Was meint der Ich-Erzähler mit "unglaublichen" Bildern? Das wird nicht klar. Es könnten ein, zwei Sätze folgen, was damit gemeint ist. Unglaublich, ist das überhaupt das richtige Wort?


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Schon Ende Juni lag Norddeutschland gelb und ausgedörrt, gleichsam erstarrt, unter der wolkenlosen Lufthülle, nur von graugrünen Waldflecken durchsetzt. Das Wasser wurde allmählich knapp. Der Fährbetrieb auf der Elbe musste eingestellt werden, die Kraftwerke am Rhein konnten nicht mehr richtig kühlen, und die große BASF bekam nicht mehr genug Nachschub für ihre Produktion, weil die Lastkähne auf Grund liefen.
   Ein rechter Katastrophensommer.


Ich mag Deine Art zu beschreiben. Sehr schön, leicht und bildhaft.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
  Ich erzähle das, weil man sonst nicht verstehen kann, warum mich ein paar an sich harmlose Naturschauspiele so mitnahmen.


Das kann m.E. ersatzlos gestrichen werden, denn im Folgenden beschreibst Du ja, was geschieht bzw. geschehen ist und welche Wirkung es auf Dich bzw. den Erzähler hatte.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   In diesem Jahr also – es war Anfang Mai, und die Wiesen und Rasenplätze begannen schon gelb zu werden – radelte ich den Elberadwanderweg von Dömitz nach Havelberg hinauf. Dort nahm ich Quartier in einer etwas abseits gelegenen Unterkunft unten in der Elbaue.


Sehr schöne Beschreibung auch hier. Ich mag auch diese Formulierung sehr: Dort nahm ich Quartier. Quartier ist ein schönes Wort.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   Ich will mich jetzt nicht in Einzelheiten verlieren. Was ich berichten will ist folgendes:


Hier vertraut m.E. der Erzähler seinem eigenen Text und Erzählen nicht. Warum will er sich nicht in Einzelheiten verlieren? Das ist schade! Ich möchte nämlich wissen, was er gesehen, erfahren und erlebt hat, deshalb lese ich es ja.
Und "was ich berichten will ist folgendes" kann auch gestrichen werden, weil Du ja im Folgenden berichtest, es also diese Ankündigung nicht braucht. Ergo: Ersatzlos streichen, beides.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
  Als ich mich abends zur Ruhe legte, begann draußen das Konzert der Frösche, und zwar in einer Lautstärke, wie ich sie bis dahin noch nie erlebt hatte. Ich stand wieder auf und trat auf die Terrasse. Es war unbeschreiblich.


Schön, auch dies. Doch das "wieder" braucht es nicht, weil der Erzähler ja vorher noch nicht aufgestanden ist, also sich das "wieder" nicht erklärt. Es kann gestrichen werden. Auch das "es war unbeschreiblich", weil Du es ja im Folgenden erzählst, Dir damit quasi selbst widersprichst, weil Du es ja doch erzählst und beschreibst. Ergo: Gleich hinein in den nächsten Abschnitt.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Aus mehreren Tümpeln lieferten sich die Tiere einen regelrechten Sängerwettstreit. Es hörte sich an, als wollte jeder Tümpel den anderen in Gesangeslust überbieten. Da knurrte und knarrte es bedrohlich, dort läuteten verhalten zarte Glöckchen, hier erscholl ein lautes Quak-Quak, dann wieder ein mundartlich gefärbtes Quork-Quork, und immer wieder ein vereinzeltes, tiefes Dong. Es muss die Stimme des Dirigenten gewesen sein, der die ganze Bande im Takt hielt. Nie hätte ich geglaubt, dass Frösche und Kröten solch einen Höllenlärm machen können.


Auch das hier sehr schön erzählt, so dass ich es hören und miterleben kann. Der letzte Erklärsatz: "nie hätte ich geglaubt", kann gestrichen werden, weil Du schon oben erzählt hattest, dass Du das noch nie erlebt hast. Höllenlärm finde ich außerdem nicht passend in dem Zusammenhang, aber wenn es gestrichen ist, braucht es ja kein anderes dafür.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   Plötzlich war, wie auf ein geheimes Kommando hin, das Konzert beendet. Doch die Ruhe währte nur kurz. Es schien nur eine Generalpause zu sein, denn schon erklangen einzelne schüchterne Stimmen, und dann brach das Spektakel, lauter und herrlicher als zuvor, von neuem los.


Sehr schön.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
     Ich lauschte fasziniert. Es war eine völlig andere Welt, in die ich da hineinhörte. Diese Tiere handelten nach einem Plan, den ich nicht verstand. Unbegreiflich, aber doch real.
   Nun gut, sagen Sie. Das mag zwar beeindruckend gewesen sein, aber nicht sonderlich aufregend, und nichts, um daraus eine Geschichte zu machen.
   Ich denkee doch.


Hier machst Du das wieder mit dem Ansprechen, auch hier würde ich das ersatzlos streichen. Was mich außerdem stört ist, dass der Erzähler wieder seiner Geschichte nicht traut. Das ist nicht gut. Der Erzähler soll erzählen und mir überlassen, wie weit ich ihm folgen möchte. Insofern: Streichen! Ersatzlos. Den nächsten Satz müsstest Du dann entsprechend anpassen.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
  Da war nämlich noch ein anderes Geräusch, ein feines Wimmern oder Jammern, das über dem Quakkonzert lag. Es schien von weiter weg zu kommen und klang wie das Singen von Telefondrähten, durch die der Wind geht, nur unheimlicher.
  Noch während ich diese Möglichkeit überlegte, sah ich ein, dass sie nicht stimmen konnte. Zwar kratzte tatsächlich in etwa fünfhundert Metern Entfernung eine Telefonleitung einen dünnen Strich in den Abendhimmel, doch es herrschte zu diesem Zeitpunkt absolute Windstille. Begierig darauf, die Ursache dieser Sphärenklänge zu ergründen, setzte ich mich in Bewegung.


Sehr schöne Beschreibungen.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   Um es kurz zu machen,


Nicht machen! Ich möchte doch wissen, lesen und hören - nicht kurz machen. Einfach weiter erzählen und diesen Halbsatz streichen. Es klingt, als würde der Erzähler sich selbst nerven mit seinen Beschreibungen, aber das tut er nicht. Also mich nervt er nicht, zumindest nicht mit dem Erzählen und Beschreiben. Ich möchte nur nicht beim Lesen direkt angesprochen und etwas gefragt werden; ich möchte, dass der Erzähler einfach weiter erzählt, was er erlebt hat.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
  es kam aus einem fast vollständig von blühenden Seerosen bedeckten Teich, und nun war mir auch klar, wer da so erbärmlich jammerte: Es waren Unken. Noch nie zuvor hatte ich Unkenrufe gehört, deshalb kam ich erst darauf, als ich vor dem Teich stand. Jetzt war mir auch klar, warum man nicht 'unken' soll, und warum Unkenrufe angeblich Unheil ankündigen. Es hörte sich an wie das Gejammer hunderter kleiner Kinder, die den Verlust ihrer Eltern beweinen.


Sehr schöne Beschreibungen und ich finds gut, dass Du Unken hier auch so bildhaft beschrieben hast, dass ich nachvollziehen kann, wie es war bzw. ist. Denn ich kenne mich mit Unkenrufen bislang nicht aus, d.h. wie sie klingen, jetzt, nach Deiner Erläuterung kann ich mir darunter etwas vorstellen.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Mir kam es vor wie eine unheimliche Begegnung der Dritten Art.


Den Satz würde ich streichen.


 
Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
  Anscheinend hatten die Unken mein Kommen bemerkt, denn das Gejammer brach jetzt ab. Ich stand bewegungslos, begierig, noch mehr von der Tragödie, die da gerade gesungen wurde, zu erfahren. Tatsächlich erhob nach einiger Zeit ein Vorsänger seine Stimme, und nach und nach stimmten die anderen mit ein.
   Mittlerweile war es fast dunkel geworden. Eine Wolkenbank hatte sich vor das Abendrot geschoben und verstärkte noch die unheimliche Wirkung. Auf dem Rückweg kam ich an einen Kasten mit öffentlichen Bekanntmachungen vorbei.


Sehr schön.

Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
  Ich blickte hinein. Ein Schmierfink hatte etwas auf die Scheibe gekritzelt. Ich entzifferte:


Hier würde ich ein paar Worte streichen und nur den einen wesentlichen Satz stehen lassen, der da lautet: "Ein Schmierfink hatte (dort) etwas auf die Scheibe gekritzelt".
Alles andere ist überflüssig und erklärt sich von selbst.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:


                                                                         Abend

                                                                 einbrechendes dunkel                                                                                                                                                                                                                                                                                       
                                                                  der sterne gefunkel            
                                                                der unken gewimmer                
                                                                der lampe im zimmer
                                                                   vertrauter schein:
                                                                     behütetes sein

   Ich muss sagen: Kein schlechter Platz für die Veröffentlichung eines Gedichts, so ein öffentlicher Glaskasten. Und kein schlechtes Gedicht. Die Stimmung, in der ich mich befand, war gut getroffen.  


Das Gedicht gefällt mir. Ich bin nicht sicher, ob es diese Erklärsätze braucht? Nein. Ich würde sie streichen. Eine schlichte Beschreibung bzw. Aussage, warum dem Erzähler das Gedicht gefällt, würde mir reichen. "Das Gedicht beschrieb genau die Stimmung, in der ich mich befand." Alles andere würde ich weglassen.
 
                                                                       *
 
Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
Als ich am anderen Vormittag um zehn Uhr aufbrach, herrschte schon brütende Hitze. Um nicht kochend vom Fahrrad zu fallen, beschloss ich gegen Mittag, eine Badepause einzulegen.
  Ein Wegweiser mit dem Hinweis:

                                                             Rudolsee 3 km

 wies den Weg, und bald war der See erreicht. Auf der vertrockneten Liegewiese legte ich meine Sachen ab; schon lief ich auf den Steg und setzte zum Sprung an. In diesem Moment sah ich sie, doch es war schon zu spät.
Vor dem Badesteg im Wasser schwammen drei dicke, widerlich aufgedunsene Karpfenleichen von unwahrscheinlicher Größe. Drumherum hatte sich bereits ein schillernder Hof gebildet, auf dem Wasser lag starker Verwesungsgeruch.
   Und in diesen Sud sprang ich hinein.


Schöne bildhafte Beschreibungen auch hier. Das einzige was mich hier stört ist, dass da steht, dass die Karpfenleichen eine "unwahrscheinliche" Größe hatten. Was soll das sein? Eine unwahrscheinliche Größe? Das ist nicht das richtige Wort, stimmts? Und wenn sie so übermäßig groß oder klein waren, wäre eine Angabe zur Orientierung hier hilfreich. Vielleicht ein Vergleich oder wie auch immer Du diese Größe definieren möchtest.


 
Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   Vielleicht mache ich mich lächerlich, wenn ich jetzt gestehe, dass ich für einen Moment damit rechnete, nur noch als Wasserleiche aus dem See gefischt zu werden.


Dieses "vielleicht mache ich mich lächerlich", würde ich weglassen. Ich würde es als Aussage stehen lassen (á la: "Ich gestehe, dass ich für einen Moment damit rechnete usw.") und der Leser/in kann dann selbst entscheiden, ob er/sie das lächerlich findet. Ich finde das übrigens nicht lächerlich.

  
Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
   Die Unkenrufe, die toten Fische in dem sterbenden See, das verdorrte Gras, die abartige Hitze – all das verdichtete sich in meiner Fantasie zu einer apokalyptischen Vision. Sie verstärkte sich noch, als ich später über die Brücke bei Dömitz fuhr. Tief unten die schon stark geschrumpfte Elbe, über mir eine gnadenlose Sonne, am Horizont, schwarz und drohend, eine Gewitterfront,


Nach Gewitterfront würde ich einen Punkt setzen und den Satz also da enden lassen.


Federfuchser hat Folgendes geschrieben:
die Erinnerung an das Gehörte und Gesehene – ich war fest davon überzeugt, unversehens in eine Parallelwelt hineingeraten zu sein, der bekannten zwar ähnlich, aber von unheimlichen Mächten beherrscht.
 War es da ein Wunder, dass ich damit rechnete, die Brücke könnte sich im nächsten Moment in Luft auflösen, und ich würde in die Tiefe stürzen?
    Ich legte noch einen Zahn zu und war froh, als die Brücke hinter mir lag.   
    Immer noch kein Stoff für eine Geschichte?


Diese Gedanken mit dem Paralleluniversum würde ich kürzen. Vielleicht so: (ohne Erinnerung usw.) "Es kam mir vor, als hielte ich mich in einem Paralleluniversum auf. War es da ein Wunder, dass ich befürchtete, die Brücke könne sich im nächsten Moment in Luft auflösen und ich würde in die Tiefe stürzen?"
Daran anschließend einfach weiter mit dem Zahn-Satz schreiben. Und bitte auch hier den Fragesatz: "Immer noch kein Stoff für eine Geschichte?" ersatzlos streichen. Wenn mich die Geschichte nicht interessieren würde, hätte ich nicht bis hierhin gelesen. Der Erzähler muss sich also weder rechtfertigen noch erklären, sondern einfach weiter erzählen.

Puh, das war jetzt reichlich, gründlich und ausführlich. Ich schick Dir später die Rechnung. *lach*.
Welchen Umfang hat die gesamte Erzählung?

Liebe Grüße
Nina


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BeitragVerfasst am: 25.02.2020 12:59    Titel: An Nina pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Nina,

womit habe ich es verdient, dass sich jemand so gründlich um meine Texte kümmert? Und auch noch mit so klugen Bemerkunken, die ich alle sehr ernst nehme? Dank, Dank, Dank!

Zitat von Nina:
 Ich denke, Du kannst diesen Einstieg auch ohne diese Ansprache schreiben, einfach komplett weglassen...

Das eben macht die Kunst aus: Alles Unnötige weglassen, um zum Wesentlichen vorzustoßen... Wie sagte doch der schwarze Holzschnitzer? Er sagte: Der Elefant steckt schon drin, ich muss nur alles überflüssige Holz wegschnitzen. Gut, vielleicht habe ich noch nicht alles Überflüssige weggeschnitzt, aber ich denke, der Elefant ist schon zu erkennen. In meinem Fall ist es die verdeckte Wirklichkeit, die sich hinter dem Real-Trivialen verbirgt. Deshalb war ich so sparsam mit dinglichen Beschreibungen, denn die nackte Realität interessiert mich nicht. Und auch, weil ich die Geschichten kurz halten wollte. Aber deiner Aufforderung, mehr zu erzählen, komme ich an anderer Stelle gerne nach.   
Dir gefällt diese Ansprache nicht. Akzeptiert. Ich wollte dadurch eine persönliche Beziehung zum anonymen Leser herstellen, ihn durch die persönliche Ansprache interessiert machen... Aber womöglich hast du Recht, klingt vielleicht zu sehr nach Anmache. Würde trotzdem dazu noch gerne eine andere Meinung hören.

Zitat:
Was meint der Ich-Erzähler mit "unglaublichen" Bildern? Das wird nicht klar. Es könnten ein, zwei Sätze folgen, was damit gemeint ist. Unglaublich, ist das überhaupt das richtige Wort?

Ein, zwei Sätze mehr - okay. Stehen übrigens im Original, sind dem Schnitzmesser zu Opfer gefallen. Nun ja, unglaublich... Wenn ich jemandem, der es nicht miterlebt hat, heute erzähle, dass Norddeutschland damals aussah wie ein Land der Sahelzone in der Trockenzeit, würde er es glauben?

Zitat
Ich mag Deine Art zu beschreiben. Sehr schön, leicht und bildhaft.

Macht mich glücklich und gibt mir die Kraft, weiterzuschreiben, auch wenn´s manchmal schwerfällt.

Zitat:
Doch das "wieder" braucht es nicht, weil der Erzähler ja vorher noch nicht aufgestanden ist

Aber er hat gelegen.
Er legte sich hin und stand wieder auf. Er legte sich hin und stand auf. Ich denke, das 'wieder' deutet eine gewisse Zeitspnanne an. ?Oder?

Zitat:
Nicht machen! Ich möchte doch wissen, lesen und hören - nicht kurz machen. Einfach weiter erzählen und diesen Halbsatz streichen. Es klingt, als würde der Erzähler sich selbst nerven mit seinen Beschreibungen, aber das tut er nicht. Also mich nervt er nicht, zumindest nicht mit dem Erzählen und Beschreiben. Ich möchte nur nicht beim Lesen direkt angesprochen und etwas gefragt werden; ich möchte, dass der Erzähler einfach weiter erzählt, was er erlebt hat.

Alles mit Freuden akzeptiert!

Zitat:
 Ich schick Dir später die Rechnung.

Hoffentlich kann ich sie bezahlen (keuch)!
 
Zitat:
Welchen Umfang hat die gesamte Erzählung?

Es handelt sich um 3 kl. Erzählungen, die dritte handelt von einem Haus, dass vor Einsamkeit zugrunde gegangen ist (Das tote Haus). Ich würde sie gerne im Uf 'Feedback' bringen. Allerdings weiß ich nicht, ob das schon angesagt ist, denn irgendwo in diesem Forum steht, ich soll mit meinen Texten nicht 'herumaasen'...

Liebe Grüße
Federfuchser


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BeitragVerfasst am: 25.02.2020 13:10    Titel: PS pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ich sehe gerade deine Bem. zum Fehlerverbessern. Ich werde eine Neufassung einstellen.

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BeitragVerfasst am: 25.02.2020 17:41    Titel: Rev. Fassung pdf-Datei Antworten mit Zitat

Es war im Jahre 2018, dem Jahr mit dem legendären Sommer. Schon der Mai war ungewöhnlich heiß und trocken, die ausgedörrte Erde lechzte nach Regen. Die Krähen im Stadtpark ließen erschöpft die  Flügel hängen und schwiegen. Von der europäischen Raumstation ESA gelangten unglaubliche Bilder zur Erde. Schon Ende Juni lag Norddeutschland gelb und ausgedörrt, gleichsam erstarrt, nur von graugrünen Waldflecken durchsetzt, unter der wolkenlosen Lufthülle. Das Land sah von oben aus wie ein Stück Sahelzone in der Trockenzeit. In Nordfriesland stiegen die Mittagstemperaturen im August auf sagenhafte zweiunddreißig Grad. Nun gut, einige Leute freute das, andere hingegen wieder nicht. Nach so vielen verregneten Sommern endlich mal ein ordentlicher, sagten viele und packten fröhlich Picknickkorb und Badehosen ein. Die Ernte vertrocknet auf den Feldern, klagten andere mit finsteren Mienen und rechneten den Politikern schon die zu erwartenden Verluste vor. Fakt war: Das Wasser wurde allmählich knapp. Der Fährbetrieb auf der Elbe musste eingestellt werden, die Kraftwerke am Rhein konnten nicht mehr richtig kühlen, und die große BASF bekam nicht mehr genug Nachschub für ihre Produktion, weil die Lastkähne auf Grund liefen.
   Ein rechter Katastrophensommer.

   In diesem Jahr also – es war ende April, die Wiesen und Rasenplätze begannen schon gelb zu werden – radelte ich den Elberadwanderweg von Dömitz nach Havelberg hinauf. Der Weg ist bequem zu befahren, gut befestigt und über weite Strecken sogar asphaltiert, und die Landschaft großartig. In Havelberg nahm ich Quartier in einer etwas abseits gelegenen Unterkunft unten in der Elbaue.
    Als ich mich abends wohlig erschöpft zur Ruhe legte, begann draußen das Konzert der Frösche, und zwar in einer Lautstärke, wie ich sie bis dahin noch nie erlebt hatte. Ich stand auf und trat auf die Terrasse. Es war unbeschreiblich. Aus mehreren Tümpeln lieferten sich die Tiere einen regelrechten Sängerwettstreit. Es hörte sich an, als wollte jeder Tümpel den anderen in Gesangeslust überbieten. Da knurrte und knarrte es bedrohlich, dort läuteten verhalten zarte Glöckchen, hier erscholl ein lautes Quak-Quak, dann wieder ein mundartlich gefärbtes Quork-Quork, und immer wieder ein vereinzeltes, tiefes Dong-Dong. Es muss die Stimme des Dirigenten gewesen sein, der die ganze Bande im Takt hielt. Nie hätte ich geglaubt, dass Frösche und Kröten solch einen faszinierenden Lärm machen können.
   Plötzlich war, wie auf ein geheimes Kommando hin, das Konzert beendet. Doch die Ruhe währte nur kurz. Es schien nur eine Generalpause zu sein, denn schon erklangen einzelne schüchterne Stimmen, und dann brach das Spektakel, lauter und herrlicher als zuvor, von neuem los.
   Ich stand fasziniert und lauschte. Es war eine völlig andere Welt, in die ich da hineinhörte. Diese Tiere handelten nach einem Plan, den ich nicht verstand. Unbegreiflich, aber er musste einen Sinn haben.   
   Doch da waren noch andere Töne, die, in dem Spektakel kaum wahrnehmbar, wie zarter Elfengesang über dem Froschkonzert lagen. Es klang wie ein feines Wimmern oder Jammern und schien von weiter weg zu kommen. Zunächst hielt ich es für das Singen von Telefondrähten, durch die der Wind geht, nur unheimlicher.
  Noch während ich diese Möglichkeit überlegte, sah ich ein, dass sie nicht stimmen konnte. Zwar kratzte tatsächlich in etwa fünfhundert Metern Entfernung eine Telefonleitung einen dünnen Strich in den Abendhimmel, doch es herrschte zu diesem Zeitpunkt absolute Windstille. Begierig darauf, die Ursache dieser Sphärenklänge zu ergründen, setzte ich mich in Bewegung. Bald kam ich an einen fast vollständig von blühenden Seerosen und struppigen Binsenbulten bedeckten Teich, und nun war mir auch klar, wer da so erbärmlich jammerte: Es waren Unken, hunderte, tausende von Unken. Noch nie zuvor hatte ich derartige Laute vernommen! Deshalb kam ich erst darauf, als ich an dem Teich stand und fasziniert in dass blühende Wirrwarr starrte. Unkenrufe! Jetzt war mir auch klar, warum man nicht 'unken' soll, und warum Unkenrufe nach fester Meinung der Großmutter Unheil ankündigen. Unkenrufe! Es hörte sich an wie das Gejammer tausender kleiner Kinder, die den Verlust ihrer Eltern beweinen. Und das Gespenstige war: Nicht ein einziges dieser Tiere war zu sehen! Zwar platschte es hier und da, ein Seerosenblatt bewegte sich, eine Binse bog sich, aber von den Sängern - nichts! Wieder hatte ich das unbedingte Gefühl, in eine andere Welt hineinzuhorchen, in eine Welt, in der ich nicht willkommen war.
   Anscheinend hatten die Unken mein Kommen bemerkt, denn das unheimliche Gejammer brach schlagartig ab. Ich stand bewegungslos, begierig, noch mehr von der Tragödie, die da gerade gesungen wurde, zu erfahren. Tatsächlich erhob nach einiger Zeit ein Vorsänger seine Stimme, und nach und nach stimmten die anderen mit ein.
   Mittlerweile war es fast dunkel geworden. Eine Wolkenbank hatte sich vor das Abendrot geschoben und verstärkte noch die unheimliche Wirkung. Auf dem Rückweg kam ich an einen Schaukasten vorbei. Ich blickte hinein: Amtliche Bekanntmachungen. Unter anderem die Ankündigung der Bekämpfung des Eichenblattwicklers mit chemischen Mitteln. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, sich in den nächsten Tagen von den Alleen fern zu halten. Giftige Chemie im Paradies... Ein Schmierfink hatte etwas auf die Scheibe gekritzelt. Ich entzifferte:

                                                                         Abend

einbrechendes dunkel
der sterne gefunkel
der unken gewimmer
der lampe im zimmer
vertrauter schein:
behütetes sein

   Nicht schlecht, das Gedicht, dachte ich. Die Stimmung, in der du dich befindest, ist gut getroffen.  
 
                                                                       *
  Als ich am anderen Vormittag, nach reichhaltigem Frühstück, gegen zehn Uhr aufbrach, herrschte schon brütende Hitze, wie man sie in unseren Breiten eher im August erwartet – wenn überhaupt. Die Sonne strahlte, als bekäme sie es bezahlt. Um nicht kochend vom Fahrrad zu fallen, beschloss ich gegen Mittag, eine Badepause einzulegen.
  Ein Wegweiser mit dem Hinweis:

                                                             Rudolsee 3 km

 wies den Weg, und bald, an ausgetrockneten Gräben und knisternden Kiefern vorbei, war der See erreicht. Auf der verdorrten Liegewiese legte ich meine Sachen ab; schon rannte ich auf den Steg und setzte zum Sprung an. In diesem Moment sah ich sie, doch es war bereits zu spät.
Vor dem Badesteg im Wasser schwammen drei dicke, widerlich aufgedunsene Karpfenleichen  von – na gut, ich will nicht übertreiben, aber Geigenkastengröße besaßen sie gewiss. Drumherum hatte sich bereits ein eklig schillernder Hof gebildet, darüber lag starker Verwesungsgeruch.
   In diesen Sud sprang ich hinein.
   Es war nicht nur dieser Geruch von Tod und Verwesung, hundertfach verstärkt durch die Endzeitstimmung, die über dem verdurstenden Land lag. Mich verstörte auch die Tatsache, dass einige Badegäste in der apokalyptischen Brühe herumschwammen, anscheinen ohne sich daran zu stören. Warum war bisher niemand auf die Idee gekommen, die Wasserleichen wegzuschaffen? Denn die schwammen nicht erst seit vorhin da herum. Es wäre ein Leichtes gewesen!
   In einer entfernten Badebucht säuberte ich mich so gut es ging, kleidete mich an und radelte davon.
   Was war das?, ging es mir durch den Kopf, bist du, ohne es zu merken, vom richtigen Weg abgekommen und unversehens in einem zukünftigen Jahrhundert gelandet? In eine Zeit hinein, in der Flüsse und Seen der überhitzten Erde zu stinkenden Kloaken geworden sind und die Menschen sich daran gewöhnt haben?
   Die Unkenrufe, die toten Fische in dem sterbenden See, das verdorrte Gras, die abartige Hitze – all das verdichtete sich in meiner Fantasie zu einer apokalyptischen Vision. Diese Traumgebilde verfolgte mich noch, als ich später über die Brücke bei Dömitz fuhr. Tief unten die schon stark geschrumpfte Elbe, über mir eine gnadenlose Sonne, am Horizont, schwarz und drohend, eine Gewitterfront – war es da ein Wunder, dass ich damit rechnete, die Brücke könnte sich im nächsten Moment in Luft auflösen, und ich würde in die Tiefe stürzen?
   Ich legte noch einen Zahn zu und war froh, als sie endlich hinter mir lag.


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