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Diese Werke sind ihren Autoren besonders wichtig Beginn des ersten Kapitels - Orans verlorene Prinzessin


 

 
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Mellicent
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 21
Beiträge: 23
Wohnort: Heidmühle, Niedersachsen


BeitragVerfasst am: 07.12.2019 21:59    Titel: Beginn des ersten Kapitels - Orans verlorene Prinzessin eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Verzweifel gerade ein bisschen, da ich nicht genau weiß, welche Variante die bessere ist bzw. welche am besten geeignet ist. Hoffe sehr, mir kann hier nochmal jemand helfen. Embarassed
In meiner Geschichte kommen eine handvoll verschiedener Charaktere zusammen, deshalb tendierte ich erst zur Erzählerperspektive. Jetzt aber überlege ich, ob eine Ich-Perspektive vielleicht doch besser geeignet ist, da man so nochmal eine ganz andere Bindung zu den Charakteren aufbauen kann.
Die beiden Texte sind der Beginn des ersten Kapitels, das ich eben erst geschrieben habe. Ich möchte gerne wissen, welcher Stil mir besser liegt und was ihr darüber denkt. Haut einfach mit Kritik raus, daran wächst man ja bekanntlich. Rolling Eyes Und entschuldigt Grammatikfehler, das ist nicht wirklich meine Stärke.

Ich-Perspektive:
Menschen sind eigenartige Wesen. Sie verfallen allzu leicht der Gier, sehen nur, was sie sehen möchten und blenden die Rufe ihrer Götter aus, als wären sie das Wichtigste dieser Welt.
Manche von ihnen laufen der Zeit hinterher, hoffend, sie einholen zu können. Andere befinden sich in einem ewigen Wettstreit. Die meisten aber sehen nur sich selbst, haben ihr Ziel klar vor Augen. Und die, die keines haben, bekommen eines zugeteilt. Dabei ist die Freiheit das kostbarste Geschenk, das man haben kann. Viel zu früh muss man es abgeben. So zumindest kommt es mir immer vor, wenn ich die Menschen auf der Straße beobachte.
Der Plaza an der Kirche ist dafür bestens geeignet. Von den Treppenstufen aus hat man einen guten Blick auf die Menschenmassen.
Amüsiert betrachte ich das Treiben. Es ist Wochenmarkt und Bauern versuchen ihre Ernte an die Leute zu bringen. Einem kleinen Mädchen fallen Äpfel aus den Händen. Sie rollen über die Backsteine. Eine Frau eilt, um sie einzusammeln, bevor sie zertrampelt werden. Dann reicht sie dem Mädchen die Hand.  
An einem Stand handelt ein vominulöser Mann mit einem Burschen um das beste Gemüse, an einem anderen stehen die Menschen Schlange um noch Brot vom Bäcker zu ergattern.
Ich bin froh, in einer Stadt wie dieser leben zu können. Die meisten Leute kennen sich untereinander und gerade an Tagen wie diesen hat man das Gefühl, die Zeit stehe still. Es ist ein Bedrängnis, jeder möchte alles haben, doch wenn man lauscht, hört man nichts weiter, als die Rufe der Passanten und das Blätschern des Brunnens.
Mein Blick wandert weiter, bis sie an zwei vertrauten Augen haften bleiben. Blau mit einem grauen Ring um die Pupille. Mein Herz macht einen Hüpfer, überschlägt sich und endet in einem Purzelbaum. Doch kaum blinzele ich, sind sie wieder verschwunden. Seufzend frage ich mich, zu wem dieses sagenhafte Augenpaar gehört, das mich schon seit Wochen verfolgt. Zu Beginn meinte ich, den Verstand verloren zu haben. Doch als sich die Begegnungen häuften, glaubte ich an das Gegenteil. Hin und wieder konnte ich sogar einen Blondschopf zu dem Augenpaar ausfindig machen.  
Wie kommt es nur, dass sie genauso schnell verschwinden, wie sie auftauchen? Aus dem Alter, an dem ich an Magie glaubte, bin ich schon lange raus. Dennoch hat das ganze etwas Magisches. Unheimlisches.
Ich knipse mein Handy an, um festzustellen, dass es Zeit ist, meine Mutter einzusammeln. Jetzt in den Ferien warte ich den Tag über in der Stadt. Manchmal auf dem Plaza, manchmal in einem Café, in dem ein guter Freund arbeitet.
Meine Mutter ist immer ganz wild darauf, ihren Feierabend mit mir gemeinsam anzugehen. Es gibt nichts Entspannenderes als über die Felder zu laufen. Manchmal halten wir an, um die Schönheit einer Blume zu betrachten oder das Brummen einer Hummel zu lauschen.
Als ich einen Zitronenfalter entdecke, erinnere ich mich an das Gefühl zu fliegen. Oft träume ich, über den Wolken zu schweben, ganz losgelöst von der Erde. Solche Träume müsste man in ein Marmeladenglas verschließen, um sich daran zu erinnern, wann man möchte.
"Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken, meine Kleine?"
Meine Mutter streicht mir über das goldene Haar, das in keinster Weise ihrem ähnelt.
"Im Himmel", seufze ich und lege den Kopf in den Nacken.
Sie tut es mir gleich und zeigt auf eine Elephantenwolke. Wir sehen zu, wie sich das Tier in eine Blume verwandelt.
Wären die Menschen doch auch nur so wandelbar...

Erzählerperspektive:
Menschen sind eigenartige Wesen. Sie verfallen allzu leicht der Gier, sehen nur, was sie sehen möchten und blenden die Rufe ihrer Götter aus, als wären sie das Wichtigste dieser Welt.
Manche von ihnen laufen der Zeit hinterher, hoffend, sie einholen zu können. Andere befinden sich in einem ewigen Wettstreit. Die meisten aber sehen nur sich selbst, haben ihr Ziel klar vor Augen. Und die, die keines haben, bekommen eines zugeteilt. Dabei ist die Freiheit das kostbarste Geschenk, das man haben kann. Viel zu früh muss man es abgeben. So zumindest kommt es Mell immer vor, wenn sie die Menschen auf der Straße beobachtet.
Der Plaza vor der Kirche ist dafür bestens geeignet. Von den Treppenstufen aus hat man einen guten Blick auf die Menschenmasse. Es ist Wochenmarkt und Bauern versuchen ihre gute Ernte an die Leute zu bringen. Sie beobachtet, wie einem kleinen Mädchen Äpfel aus den Händen fallen und die Mutter sie wieder einsammelt.
An einem Stand handelt ein bärtiger Mann mit einem Burschen, an einem anderen stehen die Menschen Schlange um das gute Brot vom Stadtbäcker zu ergattern.
Mell liebt ihre Stadt und die Menschen, die hier leben. Die meisten Leute kennen sich untereinander und gerade an Tagen wie diesen hat man das Gefühl, die Zeit würde still stehen. Es ist ein großes Bedrängnis, jeder möchte alles haben, doch wenn man lauscht, hört man nichts weiter, als die Rufe der Passanten und das Blätschern des Brunnens.
Mells Blicke schweifen über die Menschenmasse, bis sie an zwei vertrauten Augen hängen bleiben. Sie sind blau mit einem grauen Ring um die Pupille. Ihr Herz macht einen Hüpfer, überschlägt sich und macht einen Purzelbaum. Kaum blinzelt sie, waren sie auch schon wieder verschwunden. Zu gerne wüsste sie, zu wem diese sagenhaften Augen gehören. Seit Wochen verfolgt sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Am Anfang dachte sie, sie würde sich das nur ein bilden. Doch diese immer wieder auftauchende Person überzeugte sie schließlich vom Gegenteil. Hin und wieder konnte sie einen Blondschopf zum Augenpaar ausfindig machen. Doch sobald sie den Unbekannten näher betrachten wollte, verschwand er. Aus dem Alter, in dem Mell an Magie glaubte, ist schon lange vorbei und dennoch hat es etwas Magisches. Unheimlisches.
Seufzend schaut sie auf ihr Handy. Es ist Zeit, ihre Mutter einzusammeln. Jetzt in den Ferien wartet sie den Tag über in der Stadt, manchmal auf dem Plaza, manchmal in einem Café, bis ihre Mutter Feierabend hat.
Für Amélie gibt es nichts Entspannteres, als ein Heimweg über die Felder, gemeinsam mit ihrer Tochter.
Seit dem Tag der Adoption sind die beiden Frauen unzertrennlich.
Während sie über die Wiesen laufen, sprechen sie über dies und jenes. Manchmal halten sie an, um die Schönheit einer Blume zu betrachten oder das Summen einer Hummel zu lauschen. Ein Zitronenfalter gerät in Mells Blickwinkel und sie erinnert sich an das Gefühl zu fliegen. Oft träumt sie davon, über den Wolken zu schweben, ganz los gelöst von der Erde. Sie fliegt so hoch, dass sie nur noch das Weiße und Blaue sieht. Es sind ihre schönsten Träume und manchmal wünsche sie sich, sie könne sie in ein Marmeladenglas einschließen, um es zu öffnen, wann sie wolle.
"Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken, meine Kleine?", fragt Amélie und streicht ihre Tochter über das goldene Haar.
"Im Himmel."
Verträumt legt sie den Kopf in den Nacken. Ihre Mutter tut es ihr gleich und zeigt auf eine Wolke.
"Sie sieht aus wie ein Elephant."
Die beiden Frauen schauen zu, wie sich der Elephant zu einer Blume verformt. Wären die Menschen doch auch nur so wandelbar...

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"Weißt du was? Normal zu sein ist keine Katastrophe", sagt er.
"Stimmt", sage ich, "sondern nur ein Zeichen dafür, dass man keine Courage besitzt."

- Katie Kacvinsky
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Maunzilla
Hobbyautor


Beiträge: 387



BeitragVerfasst am: 08.12.2019 01:26    Titel: Antworten mit Zitat

Mir persönlich gefällt die zweite Variante besser. An das Erzählen im Präsens muß ich mich allerding etwas gewöhen, da das nicht so häufig vorkommt und daher zunächst etwas irritiert.

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Mellicent
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 21
Beiträge: 23
Wohnort: Heidmühle, Niedersachsen


BeitragVerfasst am: 08.12.2019 12:23    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Maunzilla hat Folgendes geschrieben:
Mir persönlich gefällt die zweite Variante besser. An das Erzählen im Präsens muß ich mich allerding etwas gewöhen, da das nicht so häufig vorkommt und daher zunächst etwas irritiert.


Was genau gefällt dir denn an der zweiten Variante besser?
Mir sagt es in Geschichten mehr zu, wenn sie im Präsens stattfindet. Da habe ich dann immer das Gefühl, aktiv am Schauspiel teilzuhaben.


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- Katie Kacvinsky
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Amarenakirsche
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Alter: 26
Beiträge: 227
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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 13:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Mellicent,
mir gefällt die erste Variante besser. smile Glückwunsch, jetzt hast du direkt zwei gegenteilige Meinungen.
Ich fühle mich der Protagonistin näher und habe noch mehr das Gefühl, direkt in der Situation zu sein. Aber das ist natürlich Geschmacksache.
Was sagt denn dein Bauchgefühl? Und was passt besser zum weiteren Verlauf der Geschichte?

Eine Kleinigkeit ist mir im ersten Teil aufgefallen:
Zitat:
An einem Stand handelt ein vominulöser Mann mit einem Burschen

Das müsste "voluminöser" heißen, oder?

Liebe Grüße
die Kirsche
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Mellicent
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Alter: 21
Beiträge: 23
Wohnort: Heidmühle, Niedersachsen


BeitragVerfasst am: 08.12.2019 13:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Amarenakirsche hat Folgendes geschrieben:
Hallo Mellicent,
mir gefällt die erste Variante besser. smile Glückwunsch, jetzt hast du direkt zwei gegenteilige Meinungen.
Ich fühle mich der Protagonistin näher und habe noch mehr das Gefühl, direkt in der Situation zu sein. Aber das ist natürlich Geschmacksache.
Was sagt denn dein Bauchgefühl? Und was passt besser zum weiteren Verlauf der Geschichte?

Eine Kleinigkeit ist mir im ersten Teil aufgefallen:
Zitat:
An einem Stand handelt ein vominulöser Mann mit einem Burschen

Das müsste "voluminöser" heißen, oder?

Liebe Grüße
die Kirsche


Ähm... ja. Buchstabenverdreher gehören zu meinen geheimen Talenten. Sich kaputt lachen

Mein Bauchgefühl ist sich nicht ganz sicher, aber eigentlich tendiere ich auch mehr zur Ich-Perspektive.
Im Laufe der Geschichte kommen noch sechs weitere Charas hinzu. Allerdings möchte ich den Großteil der Geschichte aus der Sicht des Mädchens erzählen. Habe mir dann gedacht, dass ich zumindest im ersten Teil zwischen zwei Personen hin und her switschen kann. Das Projekt umfasst bisher drei Teile, die ich parallel zueinander schreibe, da ich eine Chaotin bin und immer sofort aufschreiben muss, was mir in den Sinn kommt. Rolling Eyes Vielleicht wäre es dann am sinnvollsten, wenn ich in jedem Teil zusätzlich zu der Hauptprotagonistin einen Charakter herauspicke, der mit ihr eine große Rolle spielt. Wobei das schon ab Teil zwei eigentlich zwei weitere Charas sind.


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- Katie Kacvinsky
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Maunzilla
Hobbyautor


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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 13:19    Titel: Antworten mit Zitat

In der ersten Person werden eher kürzere Erzählungen verfaßt. Bei Romanen ist das schwer zu handhaben und beschränkt den Autor m.E. zu sehr. Es erfordert eine absolut lineare Erzählweise, und der Erzähler muß immer und in jeder Szene anwesend sein (es sei denn er ließe sich das Verpaßte von jemand anderem berichten, was dann zu langatmigen Monologen führt.)
Zwischen mehreren Ich-Erzählern zu wechseln, ist m.E. kein guter Stil. Das kann man allenfalls machen, wenn mehrere Leute um ein Lagerfeuer sitzen und nacheinander eine Geschichte erzählen. wink
Ich will es dir auch nicht ausreden. Wenn du das Gefühl hast, daß du damit zurechtkommst, und es für deine Geschichte paßt, dann mache es ruhig.
Ich selbst bin weder als Autor noch als Leser ein Freund dieser Erzählweise. Aber ich bin auch altmodisch und vielleicht ist das jetzt auch modern... ich weiß es nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht an viele Romane erinnern, die durchgehend in der ersten Person erzählt werden.


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Mellicent
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber

Alter: 21
Beiträge: 23
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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 13:37    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Maunzilla hat Folgendes geschrieben:
In der ersten Person werden eher kürzere Erzählungen verfaßt. Bei Romanen ist das schwer zu handhaben und beschränkt den Autor m.E. zu sehr. Es erfordert eine absolut lineare Erzählweise, und der Erzähler muß immer und in jeder Szene anwesend sein (es sei denn er ließe sich das Verpaßte von jemand anderem berichten, was dann zu langatmigen Monologen führt.)
Zwischen mehreren Ich-Erzählern zu wechseln, ist m.E. kein guter Stil. Das kann man allenfalls machen, wenn mehrere Leute um ein Lagerfeuer sitzen und nacheinander eine Geschichte erzählen. wink
Ich will es dir auch nicht ausreden. Wenn du das Gefühl hast, daß du damit zurechtkommst, und es für deine Geschichte paßt, dann mache es ruhig.
Ich selbst bin weder als Autor noch als Leser ein Freund dieser Erzählweise. Aber ich bin auch altmodisch und vielleicht ist das jetzt auch modern... ich weiß es nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht an viele Romane erinnern, die durchgehend in der ersten Person erzählt werden.


Katie Kacvinsky hat mich davon überzeugt. Ihre Trilogie von Maddie Freeman wurde ausschließlich in der Ich-Perspektive erzählt und in ihrem Buch "First Comes Love" switscht sie zwischen zwei Personen hin und her. Finde es wirklich gut geschrieben. Ich probiere es einfach mal aus. Probieren geht schließlich über studieren. Pfiffig Blinzeln
Ich kann ja auch beide Versionen abspeichern, um zu testen, welche mir letztendlich besser gefällt.


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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 13:44    Titel: Antworten mit Zitat

Maunzilla hat Folgendes geschrieben:
In der ersten Person werden eher kürzere Erzählungen verfaßt.

Mit Verlaub zu sagen, nein, echt nicht. Zum Beispiel Melvilles 'Moby Dick', H.G. Wells' "The war of the worlds", S. Lenz' "Die Deutschstunde", etc. Ließe sich beliebig fortsetzen, ganz besonders natürlich die meisten (mehr oder weniger) autobiographischen Romane.


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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 14:26    Titel: Antworten mit Zitat

Maunzilla hat Folgendes geschrieben:
Zwischen mehreren Ich-Erzählern zu wechseln, ist m.E. kein guter Stil. Das kann man allenfalls machen, wenn mehrere Leute um ein Lagerfeuer sitzen und nacheinander eine Geschichte erzählen. wink
Ansichtssache. Oft finde ich das auch ungeschickt, aber wenn man es kann, kann das auch richtig gut werden. Hat Stephen King zum Beispiel in "From a Buick 8" so gemacht, und da hat es mich nicht im geringsten gestört, im Gegenteil.

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Rapunzel
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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 17:58    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde die Ich-Perspektive besser. Daumen hoch

Beim anderen Text wirft es mich an der Stelle raus, an dem der Erzähler über die Adoption berichtet und über Amelies Psyche spricht. Ist aber Ansichtssache und nur meine persönliche Meinung. Wie gesagt bin ich aber durch den Ich-Erzähler mehr dabei.
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Mellicent
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BeitragVerfasst am: 08.12.2019 19:13    Titel: Erstes Kapitel pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hier mal ein Einblick, wie ich das mit dem switschen meine. Das ist nun das erste Kapitel, noch komplett unbearbeitet und heute erst geschrieben. Also seid nett zu meinem Baby, ja? Rolling Eyes Der Text ist nun in der Ich-Perspektive. Achso, und das Mädchen hat nochmal einen anderen Namen verpasst bekommen.

Unruhig wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Sobald ich die Augen schließe, wandern meine Gedanken zu der mysteriösen Gestalt. Der Statur entsprechend handelt es sich um einen Mann. Aber was will er von mir? Warum beobachtet er mich? Meine Gedanken spielen Roulette und kommen nicht zum Stillstand.
Frustiert schlage ich die Decke zur Seite und tapse zum Fenster. Mondstrahlen fluten das Zimmer. Ich nehme einen Zug von der frischen Nachtluft und schaue zum Mond hinauf. In Nächten wie diesen fühle ich mich ganz und gar. Jeder Winkel meines Körper kribbelt. Genüsslich strecke ich die Zehen und setze mich auf den Sims. Nocheinmal schließe ich die Augen, um die Strahlen auf meiner Haut zu spüren. Die Härrchen strecken sich dem Mond entgegen, als könnten sie von seiner Energie kaum genug bekommen.
Die warme Nachtluft sucht sich ihren Weg ins Zimmer, rüttelt an meiner Decke und Vorhängen, um dann wieder nach Draußen zu verschwinden. Damit sagt die Natur "Hallo, ich bin auch noch da."
Natürlich ist sie da. Jeden Morgen gebe ich dem Baum vor meinem Fenster die Hand. Meine Großmutter sagte immer, wir sind nur Besucher, die auf dieser Erde wandeln. Die Natur erlaubt es uns nur solange, wie sie uns erträgt. Eines Tages wird sie uns befehlen, fortzugehen. Mutternatur war der Gott, an den meine Großmutter glaubte. Ein Teil von mir hat diesen Glauben übernommen, als sie starb. Damals brachte ich ihr keine Blumen ans Grab. Sie hätte es nicht gewollt. Trennt man Blumen von der Erde, schneidet man ihnen das Herz heraus. Sie welken bis sie sterben. Trennt man sie mit den Wurzeln, hängt man sie an eine Maschine, die sie am Leben erhält. Ich bezweifel, dass Großmutter einem Lebewesen beim Sterben zu sehen möchte.
Langsam schließe ich die Augen, um sie wieder ruckartig zu öffnen. Da ist er wieder. Jemand beobachtet mich. Meine Augen schweifen durch die Eiche an meinem Fenster, über das Gras im Garten, bis sie am Bordstein haften bleiben. Eine Gestalt steht regunglos an der Straße und sieht zu mir hinauf. Durch das Mondlicht kann ich endlich einen Blick auf sein Gesicht erhaschen. Mein Herz setzt einen Moment lang aus, als ich einen honigfarbenen Bart zu dem Augenpaar erkenne. Dazu passend gibt es ein kugelrundes Gesicht, welches aber kaum Emotionen zeigt. Sein blondes Haar ist von einer Kapuze bedeckt.
Ich halte dem Blickkontakt stand und zwinge mich, nicht zu blinzeln. Lange halte ich es nicht durch, bis mir die Augen tränen. Schnell reibe ich sie mir. Als ich zur Straße schaue, ist er bereits verschwunden. Gefrustet puste ich mir eine Strähne aus dem Haar. Wie ist so etwas überhaupt möglich? Kein Mensch kann sich innerhalb einer Millisekunde in Luft auflösen. Es sei denn, er ist kein Mensch.
Das zumindest, würde mir mein jüngeres Ich sagen. Einmal habe ich einen ganzen Tag an einer Trauerweide verbracht, aus Überzeugung, dort Feen gesehen zu haben. Mit einer Anleitung aus einem Kinderbuch baute ich deshalb ein Feenhaus nach und wartete darauf, dass die kleine Glocke läuten würde. Ich wartete, bis meine Mutter mich mit Keksen in die Wärme lockte. Am nächsten Morgen war das kleine Haus verschwunden...
Auf die Frage hin, ob die Feen es sich geholt hatten, gab mir meine Mutter nie eine Antwort.
Kopfschüttelnd schließe ich das Fenster und steige unter meine Decke. Magie gibt es nicht, und wenn doch, dann nicht auf dieser Welt.

Am nächsten Morgen werde ich mit einem Kissenschlag aus meinen Träumen katapultiert.
"Aufstehen du Schlafmütze!"
Ein Knurren huscht durch meinen Rachen, zwischen die Zähne.
"Hast du vergessen, was heute für ein Tag ist?", will meine Mutter wissen.
Ich wälze mich zur Wand und ziehe die Decke über den Kopf.
"Lass mich schlafen", murre ich.
"Sechzehn Jahre."
"Hä?"
"Sechzehn Jahre bist du heute bei mir."
"Uuähh."
Meinetwegen könnte heute die Welt untergehen. Die Queen abdanken oder Donald Trump ein zweites Mal die Wahlen gewinnen. Hauptsache ich kann weiterschlafen.
"Mellicent!"
Passt auf. Gleich folgt ein Spruch, den jede Mutter mindestens einmal im Leben ihres jeden Kindes sagt.
"Raus aus den Federn oder ich komme mit einem Eimer Wasser wieder."
"Sollte ein Kind an seinem Geburtstag nicht ausschlafen dürfen?"
Zumindest an seinem Adoptionstag. Denn wann ich geboren wurde, das weiß niemand. Das Jugendamt fand die Art meiner Entdeckung ebenso rätselhaft wie die Farbe meines Haares und das Muttermal auf meinem linken Unterarm. Kaum jemand hat ein vergleichbares Muster tätowiert, geschweige den bei der Geburt geschenkt bekommen. Deshalb gingen die Polizisten auch zuerst von einer Kindesmisshandlung aus. Erst nach mehreren Untersuchungen konnte man diesen Fall ausschließen.
Noch heute prahlt meine Mutter damit, wie Menschen nacheinander in Ohnmacht fielen, beim Anblick meines Haares. Es war einfach zu enzückend. Kotz. Würg. Brech.
Ich selbst würde mich eher als wandelnden Senffleck bezeichnen. Seit Kindheitstagen starte ich immer wieder Versuche, sie ansehnlicher zu gestalten. Von Straßenkreide bis hin zur kopfzerfetzenden und schleimhautverbennenden Blondierung. Dabei blieb das Ergebnis immer gleich: Gold... Gold. Gold. Gold.
Manchmal frage ich mich, wer auf dieser Welt (abgesehen von Rapunzel) meine Haarprobleme nach empfinden kann. Bürsten werden gnadenlos verschlungen (von Kämmen möchte ich gar nicht erst anfangen), Kuren inhaliert und wieder ausgespuckt, Haarbänder zerspringen in alle Richtungen. Es ist fast wie... Magie. Oder ein Fluch, der seit meiner Geburt auf mir lastet.
"Ich will schlafen", verteidige ich meinen Willen erneut.
"Nichts gibt's."
Gnadenlos entblößt meine Mutter meinen halbnackten Körper. Im Hochsommer eignet es sich nicht besonders, in langer Wäsche zu schlafen. Besonders nicht in einem Dachgeschosszimmer.
"Mama!"
Erniedrigt zuppel ich meine kurze Hose zurecht und richte mein Top. Doch sie interessiert sich gar nicht für die Probleme ihrer Teenietochter.
"Raus jetzt. Unten wartet Kuchen."
Ich keife. Knurre. Belle. Am Arm zerrt sie mich ins Badezimmer, wirft mir noch frische Kleidung hinterher. Wie viele blaue Flecken wohl als Kindesmisshandlung durchgehen?
Im Spiegel schaue ich einem verschlafenen Etwas entgegen und greife zur Bürste. Mit Nachdruck rate ich ihr, heute nicht zu zerspringen. Sonst wird es ihrem Nachfolger schlecht ergehen. Zu meinem Glück fügt sie sich und entknotet zumindest ein Teil meiner Haare. Den Rest verstecke ich einfach unter der Glätte. Dann springe ich unter die Dusche und genieße das kühle Nass. Im Sommer ist die Hitze kaum ertragbar. Während andere Kinder plantschten, spielten und die Sonnenstrahlen genossen, kam es mir immer so vor, als würde ich am lebendigen Leibe verglühen.
Klar gibt es Menschen, denen die Hitze ebenso zuwider ist. Doch ich schwitze nicht. Als Kind besuchte ich deshalb unzählige Ärzte. Eine Mutter hat Angst um ihr Kind, wenn es nicht die von der Natur vorhergesehenen Eigenschaften besitzt, um sich zu schützen. Aber ich bin nie dehydriert. Nur eine Verbrennung nach der anderen habe ich mir zugezogen. Meinen Körper zieren zwei handvolle Narben. Einmal habe ich mich an einem lauwarmen Bad verbrannt. Seitdem dusche ich nur noch kalt. Heißes Essen verbrennen mir die Zunge und Mundschleimhäute. Die Sonne lässt mich bruzeln wie ein Hähnchen, doch ich werde weder braun noch rot. Sommersprossen suche ich ebenso vergebens. Die Logik dahinter ist mir ein Rätsel.
Trotz der heißen Luft, fühle ich mich der Erde auf unerklärliche Weise verbunden. Weshalb es mich immer nach Draußen zieht.
Nach der Dusche schlüpfe ich in ein trägerlöses Kleid mit Himbeerfarben. Die Augen betone ich mit Wimperntusche und lege mir eine Perlenkette um den Hals. Dann segel ich die Treppe hinunter. Die Stufen ächzen und knarren unter meinem Gewicht. Unten bleibe ich stehen und strecke dem Holz die Zunge heraus. Über den letzten Winter habe ich mir eine gute Speckschicht angefressen, weshalb ich ein, zwei Hosen entsorgen musste. Lange kein Grund, beleidigend zu werden.
Als ich durch die Nische trete und sehe, wer mich erwartet, möchte ich am liebsten wieder umkehren.
Ich werfe meiner Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu, als mich mein Onkel in seine Arme drückt. Hilfslos schnappe ich nach Luft.
"Da ist sie! Mellicent, komm her, mein Geburtstagskind!"
Oh Jesus.
Meine Tante war eine schrullige alte Dame. Schnurstracks kommt sie auf mich zu und drückt ihre feuchten Lippen auf meine Wangen. Mit der Hand rubbel ich mir die hinterlassene Farbe aus dem Gesicht. Tante Odette trägt immer einen Dutt, der sie viel älter wirken läßt, als sie eigentlich ist. Mit ihrem langen Kleid und dem Hut sieht sie aus, als wäre sie dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts entsprungen.
Mein dicker Onkel lässt sich langsam auf einen Stuhl nieder.
"Mensch, bist du groß geworden!", lacht er aus vollem Hals.
"Komm Kind, die Torte wartet."
Mit einer Handbewegung fordert Tante Odette meine Mutter auf, die Kerzen anzuzünden.
Ich hole kräftig Luft, um alle sechzehn Kerzen zu erwischen und wünsche mir, meine Großmutter wäre heute hier.
Nachdem ich alle Geschenke ausgepackt und die Torte bis zur Hälfte vernascht ist, schlüpfe ich in meine Ballerinas.
"Zum Abendessen bist du aber wieder hier", ermahnt mich meine Mutter.
Genervt rolle ich mit den Augen, war ich doch nun wirklich kein kleines Kind mehr.
Trotz der brennenden Hitze, renne ich den Hügel und die Felder entlang. Die dabei entstehende Luft tut mir gut. Auf den Wiesen bleibe ich einen Moment lang stehen und lausche dem Zirpen der Heuschrecken.
Als ich weiterlaufen möchte, erschrecke ich mich fast zu Tode, als ich plötzlich in das vertraute Augenpaar blicke. Mein Herz setzt kurz aus, überschlägt sich und beginnt einen Hürdenlauf. Ich fasse mir an die Brust, um sicher zu gehen, dass es nicht jeden Augenblick herausspringen könnte. Es ist nicht unbedingt ratsam, einen Typen anzusprechen, von dem man seit Wochen auf unheimliche Weise verfolgt wird. Doch ich bin neugierig und der Drang nach einer Erklärung ist größer, als meine Angst.
"Wer bist du?", frage ich ihn.
Er steht einen halben Meter von mir entfernt, wenn überhaupt, und schaut mich regungslos an. Seine Augen funkeln im Sonnenlicht.
"Es ist sehr unhöflich, Menschen nachzuspionieren", stelle ich klar.
Wieder antwortet er nicht. Er blinzelt nicht einmal. Als wäre die Zeit eingefroren. Um sicherzugehen, dass er lebt, hebe ich eine Hand und wedele sie vor seinem Gesicht. Er lächelt mich an. Ich blinzele. Er ist verschwunden.
Fassungslos starre ich auf die Fußabdrücke am Boden. Ich bin verrückt. Verliere den Verstand. Die Sommerhitze tut mir einfach nicht gut. Einen Augenblick bleibe ich noch stehen, knie mich hin und fahre mit den Fingern die Fußspuren nach, um sicherzugehen, dass ich mir das alles nicht einbilde. Dann laufe ich weiter.
"Ich bin ein Freund", höre ich eine tiefe Stimme sagen und drehe mich erneut um.
Doch da ist niemand. Mein Blick schweift über die Wiesen und Felder. Keine Menschenseele weit und breit.
"Das bezweifel ich", flüstere ich und gehe weiter.
Als ich die Stimme abermals höre, zucke ich zusammen.
"Vertrau mir."
Wie soll ich Jemanden vertrauen, der auf geisterhafte Weise verschwindet und aus dem Nichts mit mir redet.
"Niemals", rufe ich und setze mich in Bewegung.
Ich sprinte über die Felder, ohne zurückzublicken. Doch ich spüre, dass mich Jemand verfolgt. In der Ferne sehe ich bereits die Stadt und lege an Tempo zu. Hoffend, dort in Sicherheit zu sein.


Matze

Eines muss ich ihr lassen: Rennen kann sie.
Trotz meines Trainings, fällt es mir schwer, an ihr dran zu bleiben. Dabei muss ich aufpassen, dass mir der Umhang nicht davon fliegt.
Ich hechte bis in die Stadt. Dann muss ich kurz innehalten, um nach Luft zu schnappen. Wie schafft sie es bei dieser Hitze soweit, ohne Pause, zu rennen? Und dann auch noch in ihrem Zustand. Unglaublich.
Ich reiße mich zusammen und laufe weiter. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass sie mich beeindruckt. Ruhigen Schrittes folge ich ihr auf den Plaza, an dem sie sich die meiste Zeit aufhält. Aus einem Rucksack holt sie eine Flasche und trinkt in vollen Zügen. Dann schaut sie sich um, scheint mich aber nicht zu bemerken. Mein Blick fällt auf ihre lackierten Nägel. Ihre Augen sind betont, die Wangen gerötet von der Hitze. So herausgeputzt war sie gestern nicht. Ist heute ein besonderer Tag?
Durch das Sonnenlicht schimmern ihre Augen wie ein Smaragd. Von diesem Anblick kann ich kaum genug bekommen. Hastig erinnere ich mich daran, warum ich hier bin und wähle Caillous Nummer auf dem Pam.
"Sie ist wieder am Plaza", lasse ich ihn wissen.
Ich erkläre ihm, dass sich das Portal wohl in der Nähe befindet, da sie durch ihr besonderes Mana davon angezogen wird.
"Halte mich auf den Laufenden", sagt er und legt auf.
Sie erhebt sich und und geht über den Plaza. Als sie um eine Ecke biegt, folge ich ihr. Kurz bleibt sie stehen und schaut sich um. Schmunzelnd behalte ich sie im Auge. Mehrmals konnte ich schon feststellen, dass ihre Instinkte für ihr Alter sehr ausgeprägt sind. Bisher hat es niemand geschafft, mich in meinem Mantel zu enttarnen. Schon gar nicht mit eiserner Willenskraft. Meistens sieht sie mir direkt in die Augen. Ich halte ihren Blicken stand, so gut ich kann, doch sie zwingt mich immer wieder in die Knie.
Sie setzt sich abermals in Bewegung und ich bleibe weiter an ihr haften. Eine Glocke läutet, als sie einen Laden betritt. Ich bleibe draußen. Das Geschäft ist nicht besonders groß, sodass ich sie durch das Schaufenster im Auge behalten kann.
Sie unterhält sich mit einem älteren Mann. Als ich das Amulett um seinen Hals widererkenne und schließlich auch ihn, kann ich mir ein lächeln nicht verkneifen. Ich schaue zu, wie er ihr ein Kästchen überreicht und sie es freudig annimmt.

Mell

Franz trägt eine Nickelbrille auf seiner Nase. Mit seinem Karohemd, der Schlaghose und den zerzausten Haaren auf dem Kopf, ist er die einmaligste Figur, die ich kenne. Vielleicht habe ich ihn deshalb von Anfang an ins Herz geschlossen.
Seit Jahren besuchen Eltern und Kinder sein Geschäft, um Schuleinkäufe zu erledigen. Sein Laden ist ebenso chaotisch, wie er selbst. Doch seine Herzlichkeit macht die ewige Suche nach dem geignetsten Ordner wieder wett.
Ich rufe in das Lager und warte ab. Als ich ein weiteres Mal rufe, höre ich Schritte. Dann ein Husten.
"Ja? Wer möchte etwas von mir?"
Seine Stimme ist rau, als hätte er lange nicht gesprochen. Er lehnt sich nach vorne und schiebt seine Brille zurecht.
"Ah, das Geburtstagskind. Na, aber du magst keinen Trubel."
"Ganz genau."
Er lacht und stellt mir trotzdem ein Schächtelchen vor die Nase.
"Du kannst es öffnen, wenn du magst. Du kannst es aber auch sein lassen, wenn du magst."
"Du bist gemein."
"Nein, ich kenne dich."
Verschlagen zwinkert er mir zu und ich greife nach der Schachtel. Nichts weckt meine Neugierde mehr, als ein schwarzes, nichtssagendes Geschenk.
"Du weißt, dass du mir nichts schenken musst."
Seine knochigen Wangen färben sich rot. Hastig wedelt er mit den Händen.
"Ich weiß, ich weiß. Aber es wäre zu schade, wenn mir diese Gelegenheit entginge."
Vorsichtig ziehe ich die Schleife auseinander und nehme den Deckel ab. Hervor kommt ein Bettelarmband. Ich nehme es zwischen die Finger, um es genauer zu betrachten. Daran hängen Schatztruhen und Schlüssel in allen möglichen Formen. Besonders gefallen mir die winzigen Diademe mit den noch winzigeren Steinchen daran.
Für mich ist es das schönste Geschenk, was ich bisher bekommen habe.
"Gefällt es dir?", fragt Franz.
Ich nicke.
"Es ist wunderschön."
Ich schenke ihm ein Lächeln und drehe mich im Kreis, wobei mein Kleid im Wind flattert.
Seit ich denken kann, ist Franz die gute Seele unserer Stadt. Er vergisst nie einen Namen, das dazugehörige Gesicht oder einen Geburtstag. Mit seiner herzigen Art hat er etwas ganz Zauberhaftes an sich, was mich immer wieder in seinen Laden lockt.
"Was sucht denn die junge Dame?", fragt er.
"Eigentlich nichts", sage ich, "oder vielleicht doch."
Kurz denke ich darüber nach, ob ich ihm von meiner Begnung erzählen soll. Franz wäre die letzte Person, die mich für verrückt halten würde. Doch mein plötzlich aussetzendes Herz hat andere Pläne. Ich drehe mich zum Schaufenster und starre in seine Augen. Wie konnte ich bloß davon ausgehen, in der Stadt vor ihm sicher zu sein? Schließlich habe ich ihn oft genug auf dem Plaza gesehen. Zumindest das vertraute Blau seiner Augen.
Entschlossen öffne ich die Ladentür und gehe auf die Straße. Dabei lasse ich ihn keine Sekunde aus den Augen. Als ich vor ihm stehe, nimmt er, zu meiner Verwunderung, die Kapuze ab. Ich rechne damit, dass er jeden Augenblick verschwindet.
"Wer bist du?", stelle ich ihm erneut die Frage.
"Das sagte ich dir bereits", antwortet er.
"Was willst du von mir?"
"Dich kennenlernen."
Ich lege die Stirn in Falten und mustere ihn. Von Kopf bis Fuß ist er in einen schwarzen Mantel gehüllt. Er wirkt nicht gerade wie ein Mensch, der bei Kaffeekränzchen neue Freundschaften schließt.
"Du hast eine interessante Art, Menschen kennenzulernen."
"Ich wollte nicht auffallen", sagt er.
"Daran habe ich keinen Zweifel."
Er kommt einen Schritt auf mich zu. Ich gehe einen Schritt zurück. Kurz denke ich darüber nach, um Hilfe zu schreien. Warum hat meine Mutter mich nie in einen Verteidigungskurs gesteckt?
"Komm mir nicht zu nahe."
Ich versuche mutig zu klingen, doch das Gegenteil ist wohl der Fall. Er versichert mir, dass ich keine Angst zu haben brauche.
"Das ist sicher alles merkwürdig für dich."
Nein, nein. Von einem verhüllten Mann verfolgt zu werden ist total normal.
"Wenn du mich misshandeln willst, dann nur zu."
Seine Kinnlade klappt herunter.
"Denkst du das wirklich?"
"Was soll ich denn sonst denken, wenn mich ein Irrer in eine Seitengasse verfolgt und mich durch ein Schaufenster beobachtet?"
Er sammelt seine Kinnlade wieder ein und schaut mich durchdringend an. Zu meiner Überraschung entschuldigt er sich.
"Meine Vorgesehensweise hat dich verschreckt."
"Oh, wirklich."
Wie aus dem Nichts stößt er mich zur Seite und zieht ein Schwert aus seinem Umhang. Perplex realisiere ich eine schattenhafte Figur, die sich aus einer Steinmauer löst.
Der Unbekannte befiehlt mir, davon zu laufen. Für gewöhnlich höre ich nicht auf fremde Menschen. Doch in diesem Fall ist mir die Situation zu prikär. Ich laufe durch die Gassen, zurück zum Plaza und wage es erst stehen zu bleiben, als ich mich in einer Menschenmasse befinde.
Ich schlängel mich durch Lücken und drücke mich an Schultern vorbei, bis ich endlich wieder frei atmen kann. Ich stolpere an eine Wand und stütze mich, um einen klaren Gedanken zu fassen. Was war da eben passiert? Hat er wirklich eine Waffe bei sich getragen oder war es etwas Ähnliches, was nur danach aussah? Was war das für eine dunkle Gestalt gewesen?
Verwirrt lasse ich mich auf dem Bordstein nieder. Dieser Tag wird von mal zu mal merkwürdiger.

Matze

Ich verpasse dem Schatten einen Hieb. Noch einen und noch einen. Bis er am Boden liegt und einen schrillen Schrei ausstößt. Aus dem Laden eilt mir Adalgar zur Hilfe. Ein Pfeil aus Eis durchstößt den Schatten und lässt ihn in Schwaden aufgehen.
Ich stecke das Schwert zurück und bedanke mich bei Adalgar.
"Mir war nicht bekannt, dass Sie der Eiskunst mächtig sind."
"Mit Verlaub, Maarkan. Auf der Erde hat man bedächtig viel freie Zeit für ein Studium."
Glücklicherweise hat sie meinen Befehl nicht missachtet.
"Sie ist hier entlang, mein Lieber. Du solltest ihr wohl folgen."
Ich verbeuge mich und laufe die Gassen zum Plaza zurück, wo ich Ausschau nach der Prinzessin halte. Ich bahne mir einen Weg durch die Massen, in der Hoffnung, fündig zu werden. Von irgendwo dringt ein Schrei an mein Ohr. Ich halte inne, um die Richtung ausfindig zu machen und zwenge mich an einer Horde Passanten vorbei. Mein Gehör lotzt mich erneut in eine Gasse, in der die Prinzessin am Boden kauert. Ein zwielichtiger Typ kommt ihr beachtlich nahe. Seine Haare sind nach hinten gegeelt, auf der Nase trägt er eine spitze Brille. Sein Umhang ist durchlöchert, an den Händen trägt er Fingerlosehandschuhe.
Aus der Entfernung warne ich den Erdenräuber, ihr nicht näher zu kommen und zücke meinen Dolch. Er nimmt meine Rufe ernst und verschwindet noch, bevor ich nah genug bin, um ihm seine Brust zu spalten.
Vorsichtig knie ich mich zur Prinzessin und reiche ihr die Hand.
"Alles in Ordnung", sage ich.
Sie schaut von ihrer Deckung auf und nimmt zögerlich meine Hand. Ihre warme Haut auf meiner lässt mich zusammenzucken. Ihr fällt der Rucksack aus der Hand und ich bücke mich, um ihn aufzuheben.
"Danke", piepst sie.
"Nicht dafür."
"Nein, ich meine für deine Hilfe."
"Achso", lächle ich, "auch nicht dafür."
Sie möchte wissen, wer ich wirklich bin.
"Jemand auf der Suche nach Antworten", sage ich.
"Da bist du nicht der Einzige", sagt sie.
Ich schaue ihr in die Augen und kann meinen Blick kaum abwenden. Wie können Augen, ohne jeglichen Lichteinfall, so strahlend leuchten? Ihre Wangen sind noch immer von der Hitze gerötet. Zusammen mit den feucht schimmernden Lippen geben sie ein unwiderstehliches Bild ab. Oh shit.
Ihr Anlitz verschlägt mir den Atem. Unbeholfen räuspere ich mich. Ich wollte etwas sagen, da fiel sie mir ins Wort.
"Wie heißt du?"
Ihr meinen Namen zu verraten, ist zu risikoreich. Deshalb frage ich sie stattdessen nach ihrem.
"Wie heißt du denn?"
Sie kneift die Augen zusammen und presst die Lippen aufeinander. Irgendwie niedlich. Ihre Augen funkeln dabei.
"Mellicent", sagt sie.
Erleichtert darüber, dass sie ihren Namen behalten hat, lächle ich. Im nächsten Augenblick spüre ich mein Pam vibrieren und ich muss mich zwischen dem Anrufer und der schönen Gestalt entscheiden.
"Du solltest nicht alleine durch die Straßen laufen", sage ich zu ihr, ziehe die Kapuze über und verschwinde aus ihrem Sichtfeld.
Verdattert schaut sie auf die Stelle, an der ich eben noch zu sehen war.

Mell

Am Abend liegt mir das Essen schwer im Magen. Ich verkrieche mich in mein Zimmer und versuche mir über die Geschehenisse im Klaren zu werden.
Ich blicke an die Sternendecke, die ich mir bei unserem Einzug in das Haus gewünscht habe. Meine Mutter kratzte damals alles Geld der Welt zusammen, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Sie war Floristin. In unserer Welt verlieren die Menschen natürliche Schönheit aus den Augen. Meine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden, der ihren Laden betritt, zu verzaubern. Sie besitzt das Talent, zu jedem Menschen die passende Blume zu finden.
Eine merkwürdige Erinnerungen aus meinen Kindertagen huscht durch meine Gedanken. Nach dem heutigen Tag ist es kein Wunder.
Als Kind war ich davon überzeugt, hören zu können, wie die Bäume sich bewegen. Besonders die Trauerweide im Stadtpark hatte es mir angetan. Manchmal habe ich mit ihr gesprochen. Als Antwort raschelte sie mit den Blättern.
Ich drehe mich zur Seite und schließe die Augen. Fragen saußen mir durch den Kopf.
Wer ist dieser fremde Mann, der mein Herz zum Stolpern bringt? Warum trägt er Waffen bei sich? Und wie schafft er es, immer aus meinem Blickwinkel zu verschwinden?
Erschöpft vom Tag schließe ich meine Augen und verliere mich in einem blauen Meer aus Träumen.

« Was vorher geschah12



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"Stimmt", sage ich, "sondern nur ein Zeichen dafür, dass man keine Courage besitzt."

- Katie Kacvinsky
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Mellicent
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Beiträge: 23
Wohnort: Heidmühle, Niedersachsen


BeitragVerfasst am: 08.12.2019 19:35    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Rapunzel hat Folgendes geschrieben:
Ich finde die Ich-Perspektive besser. Daumen hoch

Beim anderen Text wirft es mich an der Stelle raus, an dem der Erzähler über die Adoption berichtet und über Amelies Psyche spricht. Ist aber Ansichtssache und nur meine persönliche Meinung. Wie gesagt bin ich aber durch den Ich-Erzähler mehr dabei.


Danke für die Meinung. smile


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