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Schmierenfink
Geschlecht:männlichVorschüler


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BeitragVerfasst am: 02.05.2019 17:55    Titel: Jetzt beginnt man hier auch schon zu schmieren? eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe Community


Wenn ich am Ende der letzten Seite eines Joseph Roths oder eines Dostojewksijs angelangt war, legte ich das Buch stets mit nicht wenig Eifersucht zur Seite.
Ich war immer fasziniert davon, wie Menschen es zu Stande brachten, eine Lebens- oder Gefühlswelt in mehreren hundert Seiten darzulegen, dass man danach noch
einige Stunden daran zu kauen hatte. Mein Neid bestand oft darin, selbst eine Gesichte hinzulegen. Es ist heute immer noch so. Freilich kann ich allen ernstes nicht behaupten, ich würde auch nur im allerkleinsten Ansatz, den obengenannten Werken an Gefühl und Blut gleichzukommen, das wäre an Vermessung nicht zu überbieten. Jedoch wünschte ich mir nicht selten, wenigstens eine kurze Gesichte abzuhandeln. Ich merkte bald, dass es mir nach den ersten Seiten an Euphorie und Feuer fehlte, das Ding ließ sich nicht mehr heizen und schon ein paar Dutzend Seiten erlosch oftmals die Glut, und ich saß wiederum vergrämt vorm Bildschirm.
Überhaupt bin ich ein Mensch, würde ich sagen, der von Kurzweile lebt. Ich sprühe funken, hab ich ein Körnchen gefasst. Geht's aber darum, Schalen darüberzuspinnen, ja, sich daran abzuarbeiten, gebe ich bald auf. Woher's kommt, das weiß ich nicht. Dazu kommt eine beinahe zwanghafte Zögerlichkeit. Selbst hier musste ich mit mir ringen, mich anzumelden, ja, nur ein Wörtchen hier zu schreiben, obwohl, warum die Bedenken? Niemand auf der Welt hatte mich erwartet. Als Mensch bin ich schwer, was nun jeder mit Leichtigkeit von sich behaupten kann. Als Schreiber bin ich: nicht kalt und auch nicht heiß, sondern lau, die LeserInnen würden mich ausspeien. Mir fehlt die Hingabe, mir fehlt aber auch die Überzeugung, es gleich sein zu lassen. Von meinen ersten Erfahrungen des Schreibens möchte ich euch berichten:
Vor einigen Monaten holte mich die Vergangenheit ein. Es war wie immer Zufall, die Dynamik allerdings verbietet es, die Geschehenisse zu rekonstruieren. Es ließ mich etwas nicht mehr los, und weil ich ohnehin, was mir nun schwerfällt zu sagen, kein emotional stabiler Mensch bin, quälte ich mich tagelang herum. Die Sache in der Vergangenheit, ich muss sie aus Gründen, sage ich jetzt salopp, undeutlich zeichnen, hat völlig neutral betrachtet relativ wenig Verbindung mit meinem Leben. Das meine ich Nachhinein zu wissen. Um ein wenig präziser zu werden, geht es um Mädchen, das damals an dieselbe Schule ging wie ich und mit dem ich lediglich durch Zufall, was bereits schon mehr als zehn Jahre zurückliegt, in einer seltsamen Situation keine zwei Worte wechselte. Um mich nicht weiter zu versündigen, kann ich den folgenden Verlauf nach dieser Begegnung ebenfalls nur im Dunklen belassen. Was mich nun wahnsinnig quält und was ich erst, leider viel zu spät, in seinem ganzen Umfang erfassen konnte, ist, dass dieses Mädchen wenige Jahre später, als ich es zum ersten Mal getroffen hatte, Selbstmord beging. Sie war noch nicht einmal strafmündig, so viel kann ich zum Alter sagen. Wie sie es tat, will ich, um keine Beispiele zu geben, nicht erwähnen, und ich kämpfe gerade mit mir, doch diese eine Zeile zu schreiben: man möchte sich beim Gedanken daran nur die Haare entwurzeln. Ich war damals gerade mal ein Jahr älter als sie. Und um einerseits ehrlich mir gegenüber und andererseits euch gegenüber ehrlich zu sein, empfand ich dafür damals keine großen Gefühle. Umso mehr wundere ich mich über meine heutige Situation.
Nun, als nämlich letztes Jahr ein ganz bestimmter Tag anrückte, erinnerte ich mich an alles zurück. Ich blieb lange wach, schlafen konnte ich nämlich nicht. Die Emotionalität nagte an der Seele herum und ich ging im meinem Zimmer hin und her. Schließlich schwang ich mich vor den PC, öffnete ein Word-Dokument und begann wieder einmal, ein paar Zeilen zu verfassen. Dann legte ich mich schlafen. Die folgenden Tage schrieb ich entgegen meiner bisherigen, lächerlichen Ausdauer einiges von der Seele herunter, bald fügte ich einiges hinzu, ich dachte an eine Geschichte. Freilich kam dabei zunächst ein gehöriges Wirrwarr zusammen. Bücherlesen, das bringe ich gerade so fertig, um wenigstens die Hälfte zu begreifen, aber eines zu schreiben: das kann wahrlich keine Freude für ein Publikum sein. Was ich schrieb, war ein kühnes Unterfangen. Ich versuchte, mich, so gut es ging, in die Gefühlswelt dieses Mädchens einzulassen. Die paar dutzend Seiten, die ich hatte, waren vielmehr kontemplativ. Überall hängen innere Monologe, als dass sich meine Hauptfigur mit der Realität in lebhaften Bildern und Dialogen auseinandersetzt. Dennoch versuchte ich, auch solche Stellen einzubauen. Was dabei in den letzten Monaten herauskam, sind nun knapp zweihundert Seiten geworden. Teils stand ich am Rande des Wahnsinns. Unterwegs schossen mir minütlich Gedanken und Ideen durch den ansonst vor dem PC leeren Kopf, dass ich eine regelrechte Zettelwirtschaft von Notizen anlegte. Ich las Bücher nur noch so, um mir damit meinem eigenen Text in Sachen Schreibstil Inspirationen zu geben. Manchmal schrieb ich viel, manchmal graute es mir, den Text nur zu öffnen. Es ging mir beim Schreiben nicht darum, ein Leben vom allerersten Tag bis zum Ende abzuzeichnen. Ich hielt mich auch nicht immer an die Realität, ganz einfach aus dem Grund, dass mir dazu die nötigen Informationen fehlten. Es gab nämlich nur wenige Zeitungsartikel damals, aber es gab sie. Sie hielten nur die eine Essenz fest, die ich zu beschreiben versuchte: Misshandlung. Ein sehr breites Wort, doch es reichte, das das Mädchen damals beschloss, sich das Leben zu nehmen. Doch es dreht sich nicht alles allein darum. Das Mädchen meines Textes blieb nicht lange allein, ich gab ihm einen Jungen hinzu. Die Liebe ward ein Teil meines Textes geworden, eine Sache, von der ich nicht viel weiß und doch nehme ich sie öfter in den Mund, als ich es dürfte. Schlimm lass ich es ihm ergehen, am Ende geht es um eine Konfrontation zwischen verzweifelter Liebe und Wahnsinn. Für Jugendliche eigentlich viel zu erwachsen. Und ich meine nicht, mich selbst darin gesehen zu haben. Ich würde es mir nicht im geringsten wünschen, denn sein Los, das ich ihm vorgab, war bitter und am Ende bleibt es offen, ob er die Kurve noch kriegt, selbst einige Jahre danach. Ansonsten wagte ich den Versuch, mit meinem Geschreibe ein Elternhaus in einem sogenannten sozialen Brennpunkt zu beschreiben, dass es zusammenbrachte, ein so junges Leben zu beenden. Auch sicher keine leichte Sache.
Und hier offenbart sich schließlich nach all meinem Gefassel des Pudels Kern. Ich will an dieser Stelle gar nicht sagen, dass ich an eine Veröffentlichung denke. Erstens wäre das dem Mädchen gegenüber nicht zu verantworten, das Niveau allein viel zu niedrig, um es irgendeinen, der auch nur den geringsten Anspruch an ein Buch stellt, vorzulegen. Aber zweitens, wie gefährlich ist es, im Nachhinein darüber zu schreiben? Ich will konkreter werden: im Buch ließ ich die Elternteile so agieren, dass sie, um es gelinde auszudrücken, nicht besonders intelligent dastehen. Übrigens, die Eltern dieses Mädchens selbst kannte ich nicht! Sie zwingen in der Handlung die Tochter zu diesem und jenem, schimpfen, drohen, haben schlimme Gewohnheiten und nicht selten gehts um körperliche Gewalt. Das wäre die eine Sache. Die Konstruktion des Suizids in dem Text ist nun ganz den Tatsachen entsprechend. Und ich muss es sagen, ich ließ alle moralischen Vorbehalte in mir fahren, und schrieb auf, wie ich mir es vorstellte. Den Ablauf kann man sich nur ausdenken, aber der Rahmen war fest. Eines Tages machte ich mich also an diese Szene heran. Nach dem letzten Wort dieser Szene fühlte ich mich derartig schlecht, als hätte ich jemanden selbst in einen elendig langen Kampf umgebracht. Man kann sich das vielleicht irgendwie vorstellen. Die Zeilen jedenfalls mit den Buchstaben verschwammen mir regelracht am Monitor. Das wäre die zweite Sache.
So wäre die erste Sache, die ich erwähnte, aus meiner Perspektive fiktiv. Freilich kann es aber so gewesen sein, schlimmer, weniger schlimm, als ich es, wenn ich jetzt Jahre danach blöd vorm PC sitze, überhaupt ahne. Die zweite Sache, der Suizid, liegt aber so nahe an der Realität, dass es nicht von der Hand gewiesen werden kann. Ein jeder der, der nun davon liest und es damals mitbekommen hatte, weiß im Handumdrehen, um wem es geht. Obwohl alle Namen verfremdet, korrespondieren Geschichte und Tatsachen teilweise eng miteinander. Ich konnte persönlich nichts anderes wählen, es musste so geschrieben werden, wie es war. Die Dramatik der Ereignisse, das Drumherum, auch das Danach, ich kann leider nicht genauer werden, ich wollte sie nicht verborgen lassen.
Ich glaube nun, ein solcher Text, ich sage dauernd absichtlich nicht Buch, darf nicht veröffentlicht werden. Es brächte nicht nur mir selbst mörderische Schwierigkeiten ein, sondern ich kann es den Eltern selbst nicht antun. Wenigstens hier fühle ich den Anstand, der mir bei den Schilderungen in meinem Text so oft gefehlt hatte.

Ich beabsichtige nicht, jemandem meinen Text aufzuschwatzen. Das war, nein, es ist noch meine erste, größere Schreiberfahrung. Und es ist ein Bruch. Ein Bruch mit dem Unsinn, den ich bisher fabrizierte. Soziale Isolation, eine herbeigeführte, das sind oft Themen, die mich interessierten. Menschen, die sich absichtlich absentieren, keinen guten Draht zum sozialem Umfeld spannen können, sondern sich höchstens verhäkeln und schließlich im Netz ihrer Unbeholfenheit zappeln und sich dabei gänzlich blamieren. Angst ist sicherlich auch eine Sache. Angst vor Menschen, Worte, ja allein Blicke. Morbidität ist sicherlich schließlich auch ein passender Begriff für meine Schreibinteressen. Warum? Nun, ich würde mich gar als Abgrund bezeichnen. Was nun meine Absicht ist, das weiß ich nicht genau. Wann werde ich mich überhaupt überwinden können, ein paar Worte loszulassen? Im Hinterkopf habe ich das Ziel, mich knallhart zu bereichern. An euren Talenten teilzuhaben, mir einen Hauch davon anzueignen. Aber andererseits tat es auch einmal gut, sich hier loszuschreiben, ich hoffe, das wird man mir nicht zur Last legen. Im Grunde hoffe ich auch, dass es mir bei euch vielleicht ein wenig hilft, die rechte Beziehung zu meinem unzulänglichen Geschreibe zu finden. Gib's auf, du siehst ja selbst ein, das wird nichts. Oder: mach weiter, was kann sein. Ich kann's ja leider niemandem sagen, man würde mich schief anschauen, was ginge mich denn die Sache überhaupt an. Und vielleicht ist es nicht nur dumm, sondern auch wahnsinnig dreist, überheblich, anmaßend, dass sich einer wie ich quasi als Advokat berufen fühlt und eine Geschichte von einem Menschen niedergeschrieben hat, die eigentlich nur von der Person selbst erzählt werden darf: dem Mädchen. Aber sie kann nicht mehr reden, und ansonsten tut's auch keiner. Und mir tut's auch verdammt weh, dass ihr Echo niemand weitertragen wird, sondern sie für immer vergessen bleibt. Das quält mich nahezu. Einige möchten mir an dieser Stelle vielleicht sogar vorwerfen, ich mache das nur, um mir zu gefallen. Ich selbst würde es nicht behaupten. Aber ich bin mir sowohl über mich selbst, als auch über die Geschichte selbst sehr unsicher. Vielleicht sollte ich nicht mehr daran arbeiten, was meint ihr?

Am Ende will ich mich bei denjenigen aufrichtig bedanken, die sich durch den mühsamen Text quälten und denen nicht nach den ersten Zeilen der Geduldsfaden
riss.
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Kiara
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 40
Beiträge: 808
Wohnort: bayerisch-Schwaben


BeitragVerfasst am: 02.05.2019 18:48    Titel: Antworten mit Zitat

Muss es nicht raus?

Du hast in einem Vorstellungspost bereits fast 1800 Wörter geschrieben.

Daher: Muss es nicht einfach aus dir raus?
Kannst du denn anders, als es nicht aufzuschreiben?


PS: Willkommen smile
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