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UNSTET


 

 
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FranzFink
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 72
Beiträge: 10
Wohnort: Salzburg


BeitragVerfasst am: 13.04.2019 17:12    Titel: UNSTET eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Leute Confused

Nach langer Zeit habe ich meinen nie fertiggestellten Entwicklungsroman wieder aus der Versenkung gezogen. Mein Problem war immer der Einstieg in die Geschichte. Ich habe verschiedenste Varianten probiert … Na ja, es war meistens unbefriedigend, jetzt aber glaube ich, das Richtige gefunden zu haben und stelle das 1. Kapitel in das Forum mit der Bitte an euch, einen Blick darauf zu werfen. Feedback und Kritik würde mich freuen.

Der Arbeitstitel meines Romans: „UNSTET”.

Die Geschichte beginnt in der Jetztzeit und geht im weiteren Verlauf zurück ins vorige Jahrhundert. Der Ich-Erzähler beschreibt eine ungewöhnliche Karriere. Er schafft es vom obdachlosen Penner und Säufer in der Gosse, trotz Knast und einem jahrelangen Leben auf der Straße bis zum heute gefeierten Handwerksmeister und Unternehmer. Am letzten Tag in seiner Firma, dem Tag seiner Pensionierung, will er reinen Tisch machen …

So beginnt der Roman:

UNSTET

1
 
„Mach das nicht, Franz.”
„Warum nicht? Es ist die Wahrheit.”
„Weil der heutige Abend festlich sein soll, das weißt du so gut wie ich.
Deine Rede wühlt auf, ich glaube nicht, dass die Leute es verstehen würden. Nicht heute.”
 
***
 
Es war klar, dass er kommen würde, dieser Tag: der letzte Tag in der Firma. Obwohl ich gut vorbereitet bin, habe ich weiche Knie. Es war mein Entschluss, mit Jahresende in Pension zu gehen. Für mich ist die Franz-Fink-Keramik-GmbH ab heute Geschichte. Natürlich weiß ich, dass es emotional werden wird. Wie ein Mantra habe ich den Satz vor mir hergetragen: Du hast es verdient in den Ruhestand zu gehen, du bist Fünfundsechzig, es ist ein normaler Vorgang. Trotzdem macht sich ein wehmütiges Gefühl breit. Wie das Bild eines Ahornbaums, dem der Herbstwind sein letztes Blatt aus der Krone bläst.
Ich gehe in den Ruhestand, das heißt aber noch lange nicht, dass ich nichts mehr tun werde. Ich werde nicht in ein tiefes Loch fallen. Das werde ich nicht zulassen. Ich habe vorgesorgt.
 
Robert Walde ist mein Berater und Freund seit vielen Jahren. Er rät mir ab, die geplante Ansprache zu halten. Das ist meine Sache, denke ich und bin verärgert. Andererseits bin ich um Ausgleich bemüht, antworte weniger scharf, als mir zumute ist: „Das sehe ich anders, du unterschätzt die jungen Leute.”
„Nein Franz, das tue ich ganz bestimmt nicht. Ich kenne sie gut genug und weiß, dass sie sich auf die Feier freuen. Sie schätzen dich, als ihren Meister. Sie haben sich was ausgedacht, sie wollen Spaß haben.”
„Den sollen sie haben - nach dem offiziellen Teil. Du hast Musiker engagiert oder habe ich etwas übersehen?"
Robert verzieht das Gesicht. „Du lenkst ab, Franz.”
„Hör zu, ich will keinem den Spaß verderben. Ich will mit meiner Rede Mut machen. Es geht um eine Botschaft. Die Botschaft heißt: Gib niemals auf!”
„Ich will deinen hehren Gedanken gar nicht klein reden, Franz, glaub mir, es ist nicht der richtige Moment. Du zerstörst ein Bild von dir in den Köpfen derer, die zu dir aufschauen.”
„Mir geht es nicht darum, etwas zu zerstören, im Gegenteil. Ich will zeigen, was möglich ist, wenn Menschen, selbst in tiefsten Krisen, an sich und ihre Stärke glauben. Verdammt noch mal, lass mich die Leute ein wenig aufrütteln. Das Thema hat auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Immerhin ist diese Firma trotz der, wie du es nennst –nicht herzeigbaren Biografie ihres Gründers –zum führenden Betrieb in der Region geworden. Und das soll man nicht erzählen dürfen?”
„Mein Gott, Franz, sei nicht so stur. Es kommen sogar Leute aus der Landesregierung.”
„Weil du sie eingeladen hast.”
„Ich habe eine viel bessere Idee, wie du den Leuten auf elegante Art sagen könntest, was dir wichtig ist.”
„Und die wäre?”
Jetzt grinst er.
„Schreib ein Buch”, Franz, „ein Buch über deine Geschichte. Über alles, vor allem über die dunkle Zeit vor deinem Aufstieg; berichte von den Jahren der Würdelosigkeit, von der Zeit der Ausgrenzung, als keiner von all den feinen Leuten, die heute unsere Gäste sind, auch nur einen Groschen auf einen Mann wie dich gesetzt hätte. Wenn du den Mut hast, darüber berichten zu wollen, dann mache es ordentlich und schreibe es auf.”
Ich hole tief Luft und überlege, ob ich seinen Vorschlag mit einem Machtwort abtun soll. Ich hadere, komme aber zum Schluss, dass Robert wieder einmal recht haben könnte; er hat ein Gespür für das Richtige. Nicht nur deswegen ist er mein Freund, wir kennen uns seit meinen wilden Jahren. Also sage ich: „Vielleicht hast du recht. Und: Ich gebe zu, die Idee mit dem Buch gefällt mir.” Das flaue Gefühl im Magen ist weg. Robert klopft mir auf die Schulter und fragt:
„War’s schwer?”
Ich weiß, was er meint, dennoch frage ich: „Was?”
„Die Eitelkeit zu besiegen.”
Er macht einen Schritt zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um meinem Ellbogen auszuweichen. „Nur nicht übermütig werden, mein Freund. Ich kann die Rede immer noch halten.”
Robert ignoriert es: „Ich helfe dir natürlich gerne beim Schreiben deines Buches.”
„Du kommst dir wohl unersetzlich vor?”
„Gewissermaßen schon, Franz. Schließlich sind wir Komplizen. Wir hängen zusammen, ob du willst oder nicht.”
Ich habe eine Bemerkung auf der Zunge, unterdrücke sie, weil in dem Moment die Küchenbrigade des Restaurants mit Unmengen feinster Finger-Food-Snacks vorbei defiliert.
„Komm Franz, wir müssen uns um die Gäste kümmern, die Begrüßung kann ich dir allerdings nicht abnehmen, das ist dein Job, du bist der Boss.”
Am Weg vom Besprechungsraum zum Foyer treffen wir das neue Führungsduo. Beide haben sich bei uns vom Lehrling zum Meister hochgearbeitet. Sie werden ab heute die Firma in meinem Sinne weiterführen. Jedenfalls haben sie das versprochen.
Die Belegschaft ist vollzählig angetreten. Im Foyer stehen weiß drapierte Stehtische mit Kerzen und Weihnachtssternen drauf. Das Mädchen aus der Buchhaltung und Tochter einer unserer Fliesenleger jongliert die Tabletts mit den Begrüßungs-Cocktails. Ich bin froh, dass Robert es sich nicht nehmen ließ, die Organisation der Feier zu übernehmen.
„Wie viele Gäste erwarten wir eigentlich”, frage ich ihn.
„An die Hundert – wenn alle in Begleitung kommen, dementsprechend mehr. Jedenfalls haben wir genügend Gedecke auflegen lassen.”
„Hundert?”, entschlüpft es mir, „ich meine, so viele hatten wir noch nie. Wer und was kommt da auf mich zu?”
„Man übergibt nicht alle Tage seine Firma, oder?”
„Stimmt. Tut mir leid, es sollte nicht knausrig klingen.”
Robert lacht und sagt: „Kein Problem, sind alles nette Leute. Du kennst sie aus fünfundzwanzig Jahren solider Zusammenarbeit. Willst du die Einladungsliste einsehen?”
Ich winke ab. Er rechnet mir vor: „Zweiundfünfzig Mitarbeiter, zwanzig Stammkunden, Architekten und Vertreter von Bauträgern, der Direktor unserer Hausbank, zwei Politiker und der eine oder andere Überraschungsgast. Wenn alle ihre Partner mitnehmen, ist die Hütte voll. Dir zu Ehren, es ist dein Fest, Franz!”
 
Ich bin kein Smalltalker, das konnte ich noch nie, nicht mit fünfunddreißig und schon gar nicht mit fünfundsechzig. Heute kann ich mich nicht drücken, ich bin der Gastgeber. Es ist so, wie Robert sagte: lauter bekannte Gesichter. Die Leute unterhalten sich prächtig, sie kennen sich alle – bis auf eine Frau, die ich aus dem Augenwinkel betrachte. Eine vornehme ältere Dame. Sie trägt einen schwarzen Hut mit breiter, geschwungener Krempe. Sie hebt ihren Blick und kommt auf mich zu. Besuch der alten Dame, denke ich und kann gerade ein Grinsen unterdrücken. Ich kenne sie nicht. Rechtsanwalt Ortgruber steht neben uns und wendet sich an die Dame: „Da bist du ja”, sagt er, legt eine Hand auf meinen Arm und mit der anderen zeichnet er theatralisch eine Geste in die Luft. „Darf ich vorstellen: Franz Fink, seit heute Ehrenpräsident von Fink-Keramik – meine Mutter: Adele Ortgruber”, und zu mir gewandt: „Sie ließ es sich nicht nehmen, dich persönlich kennenzulernen.”
Adele Ortgruber sah mich an und lächelte.
„Ich freue mich, dass Sie kommen konnten”, höre ich mich sagen. Ich mag diese Floskeln nicht, denke ich.
„Gern, ich war neugierig, wie Sie in natura sind. Ich kenne sie nur vom Telefonieren.”
Es ist eine angenehme warme Stimme, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Sympathische Frau, denke ich, ganz anders als ihr Sohn, der Jurist, der auch mein Scheidungsanwalt war. Wir reden über das Geschäft, die fast überwundene Finanzkrise und wie schade es sei, dass ich gerade jetzt den Betrieb verlasse, wo doch diese Zeit des Aufbruchs geradezu ideal wäre für einen Pionier wie mich.
„Oh, danke, Sie schmeicheln mir, gnädige Frau. Aber nun muss ich weiter … die Kollegen warten”, sage ich zu den beiden. Am Nachbartisch albern zwei Bauleiter und fragen mich, wann es endlich mit dem Buffet so weit sei.
„Ein bisschen business-talk müsst ihr noch über euch ergehen lassen, dann gibt’s was zu futtern. Viel Spaß allerseits!”
Der Saal ist rappelvoll. An der Stirnseite hat eine Country-Band Aufstellung genommen. Robert Walde checkt mittels Fingerklopfen ob das Mikrofon funktioniert und begrüßt nun offiziell - im Namen der Franz-Fink-GmbH - noch einmal die Gäste. Danach präsentiert er ein Video, das den Erfolgsweg der Firma in den vergangenen 25 Jahren zeigt.
Höflicher Applaus.
Meine Nachfolger spielen in ihrem Auftritt eine Szene auf einer Baustelle nach. Es soll eine Anspielung auf den Umgang zwischen Architekten und Handwerkern sein. Ein amateurhafter Versuch, aber den Leuten gefällt es.
Ich bin der letzte Redner. Als ich in meiner Jacke herumnestle und die gefaltete Rede suche, sehe ich, wie mich Roberts flehender Blick fixiert – als wolle er sagen – bitte nicht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Auf meinem Zettel stehen ja auch die üblichen Standardsätze. Ich halte mich kurz, teile heute keine Seitenhiebe an die Politik aus. Ich verwende die Sprache der Handwerker, bewusst im Dialekt und ehre meine langjährigen Mitarbeiter. Robert hebt zufrieden den Daumen. Neben ihm steht Rosa, unsere Reinigungsfrau, sie ist mit ihrem Enkel da, Leo ist Lehrling bei uns. Sie sorgt auch bei mir Zuhause für Ordnung und kümmert sich um meinen Dackel Charlie. Jetzt lächelt sie mir zu, sie geht auch in den Ruhestand.
Ich schaue ins Publikum und wundere mich, dass sich die Reihen lichten, es sind ein Drittel weniger Leute da. Mir wird heiß im Kopf – ist meine Rede so schlecht? Ich bin noch gar nicht fertig, denke ich, kürze aber meine Abschiedsrede ab, komme rasch zum Schluss und bedanke mich für die Zusammenarbeit und Aufmerksamkeit.
Gerade in dem Moment, als ich das Buffet für eröffnet erklären will, bricht ein Trommelgewitter mit Tusch über mich herein. Ich erschrecke, möchte dem Schlagzeuger meine Meinung sagen, mein Lachen ist gequält, als Robert mir das Mikrofon aus der Hand nimmt und sagt: „Franz, gönne dir eine Pause und genieße dein Abschiedsgeschenk, deine Mitarbeiter haben es für dich vorbereitet.”
Jetzt wird mir klar, warum die Leute verschwunden sind. Sie haben sich hinter mir versammelt und in Position gestellt. Die Band beginnt zu spielen. Fast die komplette Belegschaft swingt und rockt, als hätten sie nie etwas Anderes getan. Robert plärrt mir ins Ohr: „Sie haben tagelang mit der Band geprobt für diesen Auftritt!”
Viele meiner Lieblingssongs wurden in einem Medley vereint und mit Franz-Fink-Texten aufgemöbelt. Die Melodien sind mir bekannt, der Text ist neu – Farewell and Goodbye – haben sie es genannt. Die Überraschung ist perfekt, ich habe Gänsehaut und spüre wie mir Tränen in die Augen steigen.
Tosender Applaus.
Ich bringe kein Wort heraus. Nur: „Danke“

Ich möchte eine Zigarette rauchen, ein paar Minuten allein sein und gehe vor die Tür. Ich schaue dem Rauch meiner Zigarette nach, der sich im Abendhimmel über Sankt Peter verliert. Zufrieden mit mir selbst, kehre ich in den Festsaal zurück. Das Buffet ist eröffnet.
Mir ist nicht nach Essen zumute. Unzählige Menschen klopfen mir auf die Schulter. Rechtsanwalt Ortgrubers Mutter Adele winkt mir zu. Ich gehe hin, sie fragt, ob ich mich zu ihr setzen möchte. „Mein Sohn treibt sich sonstwo herum”, beschwert sie sich.
„Gern, Frau Ortgruber”, sage ich, froh, dass ich einen ruhigen Platz gefunden habe. Sie schaut mich verschmitzt an und sagt: „Nennen Sie mich einfach Anna – so wie früher.”
Was meint sie mit: So wie früher?
Ich frage: „Wie meinen Sie das? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern …”
„Hören Sie zu Franz – ich darf doch Franz sagen?”
„Aber ja. Nur – bitte helfen Sie mir auf die Sprünge.”
„Sie liegen richtig, wenn Sie meinen, dass wir uns nicht kennen – und doch nicht – wir haben oft miteinander telefoniert. Es ist lange her, ich schätze dreißig Jahre. Warten Sie …”, sagt sie und kramt in ihrer Handtasche. Ich verstehe nichts. Nur die Stimme, die kommt mir bekannt vor.
Sie zieht ein Bündel mit Briefen aus der Tasche, legt sie auf den Tisch, ich stutze. Das ist meine Handschrift. Ich denke nach, aber ich komme nicht darauf, was das für Briefe sind. Was will die Frau von mir? Sie senkt ihre Augen, seufzt tief und schaut mich an: „Vielleicht mache ich jetzt alles falsch, bitte verzeihen Sie mir die Indiskretion, ich kann nicht anders, ich bin so stolz auf Sie, Franz.”
Ein Wort konnte ich auf dem Briefbogen lesen: Telefonseelsorge. Plötzlich konnte ich den Namen Anna zuordnen. „Mein Gott, Sie sind die Anna von der Telefonseelsorge, mit der ich manchmal stundenlang telefoniert habe?”
„Ja, Franz, ich bin diese Unbekannte mit dem Decknamen Anna. Und diese Briefe hier, die haben Sie uns aus Dankbarkeit geschrieben. Ich gebe sie Ihnen zurück, wenn Sie wollen. Sie hingen jahrelang an der schwarzen Tafel im Pausenraum der Telefonseelsorge. Sie waren unser ganzer Stolz, Franz, wir nannten Sie insgeheim unser Paradepferd, weil es so verdammt selten vorkommt, dass ein hoffnungslos Verlorener, den Weg zurück findet.”
 
***
 
Später, als ich auf dem Heimweg zu meinem Schlössl mit dem alten Pick-up über den Feldweg holpere, kommen die Gedanken des Tages zurück. Ein Buch schreiben – wie das klingt. Mir fällt die Bemerkung von Robert ein, von wegen Eitelkeit und so. Ich frage mich, ob ich das kann und werde unsicher. Klingt es nicht erbärmlich selbstverliebt, ohne Schamgefühl über sein eigenes Leben zu schreiben?
„Na, wenn schon”, sage ich und spreche mir selbst Mut zu. Ich entschließe mich, alles aufzuschreiben. Es sollen keine geschönten Memorieren werden, sondern ein Roman.
Ich fange wieder einmal von vorne an, wie schon oft in meinem Leben. Und wo genau ist vorne? Im Rückblick ist es eher hinten, denke ich und stelle fest, dass ich Hilfe brauchen werde. Hat mir nicht Robert ein Angebot wegen des Schreibens gemacht?
 
Gleich bin ich da, ich sehe es schon. Mein Schlössl. Baujahr 1906, Jugendstil. Die ortsübliche Bezeichnung Schlössl ist übertrieben, es ist nicht viel größer als ein normales Haus. Ich bleibe bei Schlössl, denn für ein Schloss ist es zu klein, und für eine Villa zu wenig vornehm. Das Haus ist ein Schmuckstück, ich habe es erst im Sommer erworben. Es steht unter Denkmalschutz und ist, genau genommen, ein Sanierungsfall. Einer, den ich entschlossen anpacke. Aufbauen – Bewahren – Instandhalten, das sind meine Metiers.
 
***
 
Wochen sind vergangen. Da sitzen wir nun, ich und Charly, mein Rauhaardackel. Vieles im Haus ist noch provisorisch, aber das stört uns nicht. Mit der großen Renovierung, vor allem im Außenbereich, werde ich im Frühjahr beginnen. Meistens halten wir uns ohnehin im holzgetäfelten Erkerzimmer oder in der Bibliothek auf. Die Bücherregale reichen bis zur Decke und strahlen ein besonderes Flair aus. Genau das, von dem ich mein Leben lang geträumt habe. Störend ist nur die leere Stuckrosette in der Deckenmitte der Bibliothek, hier fehlt noch die richtige Beleuchtung. Zum Interieur passend, soll es ein Kristallluster sein. Ich habe dieses sündteure Stück und zwei Clubsessel, die gut zu dem einsam herumstehenden Schachtischchen passen, bestellt. Bis zum Besuch von Robert Walde im neuen Jahr sollte alles parat sein. Dann werde ich ihm die ersten Texte meines Werkes vorlesen. Schreiben muss ich sie halt noch. Ich bin schon neugierig auf sein Gesicht, wenn er meine Geschichten zu hören und lesen bekommt. Geschichten, von denen er keine Ahnung hat, denn ich beginne mit meinen frühesten Erinnerungen. Alles Glück und Übel prägt die Kindheit, habe ich irgendwo gelesen.

Ich genieße den Geruch vom Kirschholz im Erkerzimmer. Ein besonderes Odeur entsteht, wenn sich der Duft von Büchern mit dem des gebeizten Eichenparkettes der Bibliothek vermischt. Im Jugendstil-Kachelofen knistert es. Ich sitze im ledernen Ohrensessel vor dem Schreibtisch und schaue Charly zu, wie er sich dreimal auf seinem Platz herum dreht, bis er sich niederlegt, seine Schnauze zwischen meine Füße in den Filzpantoffeln steckt und einen tiefen Seufzer ausstößt. Er spürt, dass ich zufrieden bin.
In der stillen Auflösung des Tages ziehe ich aus der Schreibtischlade das alte Namensschild mit der Gravur Fink & Sohn heraus, das ich seinerzeit von der schweren Eichentür der Villa Hammerherr, dem ehemaligen Sitz der Firma meines Vaters, abmontiert habe. Mit den Fingern streiche ich über den Schriftzug am Schild, lege es zur Seite, nehme einen Zettel zur Hand und beginne zu schreiben.
 
 
~~~~~



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Ralphie
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BeitragVerfasst am: 13.04.2019 17:21    Titel: Antworten mit Zitat

Das liest sich schon gut. Smile
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Minerva
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Beiträge: 191



BeitragVerfasst am: 13.04.2019 19:18    Titel: Antworten mit Zitat

Also nur mal ein kurzer und subjektiver Eindruck:
Den Einstieg als Dialog finde ich gut, der macht es interessant

Was mich etwas stört sind die vielen Personen, die da kurz mit oder ohne Namen vorgestellt werden oder einfach so auftauchen.
Das Mädchen aus der Buchaltung, die gleichzeitig Tochter des Fliesenlegers ist, die Reinigungsfrau Rosa, ihr Enkel, der Anwalt und seine Mutter usw.
Die verwirren mich etwas, weil ich nicht unterscheiden kann, wer wichtig ist, da auch Beziehungsverhältnisse erwähnt werden.

So, dann hätte ich noch: "Unmengen feinster Finger-Food-Snacks vorbei defiliert."
Hab ich noch nie gehört das Wort, es irritiert mich.

Stehtische mit Kerzen und Weihnachtssternen drauf.

Dann noch der Herr Robert Walden, der klingt an manchen Stellen im Sprechen unnatürlich:
"Ich will deinen hehren Gedanken gar nicht klein reden"
und:
"Über alles, vor allem über die dunkle Zeit vor deinem Aufstieg; berichte von den Jahren der Würdelosigkeit, von der Zeit der Ausgrenzung, als keiner von all den feinen Leuten, die heute unsere Gäste sind, auch nur einen Groschen auf einen Mann wie dich gesetzt hätte.”
--> dieser Satz klingt wirklich nicht so richtig "echt" gesprochen und zweitens würde ich raten, herauszunehmen, wovon seine Geschichte handelt, also nur das Buch andeuten. Dadurch werde ich als Leser neugierig.

Dann:  Rechtsanwalt Ortgruber steht neben uns und wendet sich an die Dame:
- bitte einen Absatz davor setzen und die zweite Sache ist so ein bisschen mein Eindruck: Huch da steht er plötzlich, weil er für die Szene gebraucht wird *plopp* Laughing

Noch etwas:
„Gern, ich war neugierig, wie Sie in natura sind. Ich kenne sie nur vom Telefonieren.”
Wenn ich das recht verstanden habe, bezieht sich die Dame bei ihrer Aussage ausschließlich auf die Telefonseelsorge-Zeit, d.h. sie spricht ihn mit einer Selbstverständlichkeit auf etwas "Heikles" an. Das nehme ich ihr nicht so richtig ab und beim Lesen nahm ich an, sie haben wegen etwas Betrieblichen mal telefoniert. Außerdem wundert er sich gar nicht darüber, dass sie das sagt.

Nächstes:
Ja, Franz, ich bin diese Unbekannte mit dem Decknamen Anna. Und diese Briefe hier, die haben Sie uns aus Dankbarkeit geschrieben. Ich gebe sie Ihnen zurück, wenn Sie wollen. Sie hingen jahrelang an der schwarzen Tafel im Pausenraum der Telefonseelsorge. Sie waren unser ganzer Stolz, Franz, wir nannten Sie insgeheim unser Paradepferd, weil es so verdammt selten vorkommt, dass ein hoffnungslos Verlorener, den Weg zurück findet.
Das rot Markierte klingt für menschliche Rede auch wieder zu gekünstelt.

Zudem: soweit ich mich mit Telefonseelsorge auskenne, ist sie anonym, d.h. es ist fraglich ob es in Ordnung wäre, ihn im Pausenraum auszuhängen.
Des Weiteren ist es nicht so wie bei anderen sozialen Einrichtungen - mit gewissen Zielen für ihr Klientel - , sondern basiert auf einfachem Zuhören. Das ist der Job, den die machen.
Du könntest es vielleicht abändern, indem du dir eine andere Art sozialen, karitativen Einrichtung ausdenkst oder recherchierst, bei denen telefonisches Beratung getätigt wird (der Grundsatz der Anonymität bleibt aber gewahrt zumindest solang, bis der Herr Protagonist von selber an die Einrichtung geschrieben hat und sich quasi öffentlich stellt).
Ob und wie das alles wirklich ist, ist nur eine Sache des Recherchierens.

Ok und noch das letzte: der Teil unten zwischen den Sternchen könnte ganz weg und verkürzt vor/während dem "Wochen sind vergangen"-Teil eingebaut werden.

Irgendwie stört es an der Stelle und ich glaube Franz überlegt sich das wirklich erst nach ein paar Wochen. Er macht so den Eindruck. Er hat ja auch eine Rede, die er dann doch nicht hält. Knickt ein bisschen ein. Ich denke, der braucht länger.
Oder der Zwischenteil bleibt drin und der Franz tut die Buchsache als absurde Idee ab.

Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen.

EDIT: mir ist noch etwas eingefallen: Also ich denke, ich verstehe, was du mit den Personen und Namen erreichen willst: es soll zeigen, dass er ein guter Chef ist und nicht abgehoben, sogar die Putzfrau beim Vornamen kennt und dass auch Verwandte der Angestellten gern bei der Firma arbeiten. Ok, vielleicht lassen sich diese Leute eher in einem kurzen Abschnitt zusammen abhandeln, als so verstreut. Den Rechtsanwalt dagegen finde ich interessanter, weiß aber nicht welche Funktion er hat, und man könnte man ihn eher einführen.


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FranzFink
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BeitragVerfasst am: 14.04.2019 10:46    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Ralphie,
ich nehme deinen Kommentar als Motivation an. Das „schon” in deinem Satz spornt mich an. Danke!


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Rodge
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BeitragVerfasst am: 14.04.2019 11:33    Titel: Antworten mit Zitat

Hmmm, so ganz kapiere ich das nicht. Ich vermute, du beginnst die Geschichte mit dem Ende und erzählst den Rest in Rückblenden. Nimm es mir nicht krumm, aber ich hasse Rückblenden, u.a. weil sie dir komplett die Spannung nehmen. Warum mitfiebern, ob ein Penner es schafft oder nicht, wenn schon klar ist, wo er mit 65 steht.

Also mein Vorschlag wäre, einfach damit anzufangen, wo du sonst mit der Rückblende anfangen würdest.

Grüße
Rodge
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FranzFink
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Alter: 72
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BeitragVerfasst am: 14.04.2019 12:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Minerva,

danke für dein ausführliches Feedback. Und ja, damit kann ich ganz bestimmt etwas anfangen.
Mit deinem letzten Satz bringst du meine Intention auf den Punkt. Im Subtext soll genau das herauskommen, was dir aufgefallen ist. Ich dachte, ich verwende diese Figuren, um den Franz Fink zu charakterisieren. Ich denke jetzt darüber nach, wie ich das besser gestalten kann. Ich versuche zu streichen bzw. bündeln, aber ganz weglassen will ich sie nicht, denn ich brauche sie noch.
Mein Plot sieht vor, dass nach dieser Einführung der Hauptstrang, die Lebensreise des kleinen Franz beginnt. Dann, nach den ersten Kapiteln, greift der Nebenstrang ins Geschehen ein. In diesem zweiten (Neben)Strang kommen die Personen aus dem ersten Kapitel wieder vor.  Die Reinigungsfrau nur am Rande, aber sie ist da, hält dem Franz das Haus sauber, ihr Sohn ebenso, er hilft bei der Renovierung des Hauses mit.
Die wichtigste Figur in diesem Strang ist aber Robert Walde, mit ihm diskutiert Franz Dinge aus dem Buch, das Franz mittlerweile begonnen hat zu schreiben. Diese Szenen spielen sich vorwiegend in der Bibliothek im Schlössl des Franz Fink ab. Ich benutze als Autor diese Stellen des Textes, um ein paar Dinge zu erklären oder geradezurücken, die der Ich-Erzähler aus seiner kindlichen, aber auch perspektivischer Sicht, nicht glaubwürdig sagen kann … usw. Sie sprechen über den Verlauf des Buches. Robert Walde ist zwar sein Freund, hilft wo er kann, aber von Literatur versteht er nicht viel. Er ist ein zu zielgerichteter, logisch denkender Realist.
Jetzt kommt die Mutter des Anwalts ins Spiel. Franz kann sie überreden ihm zu helfen. Ihre psychologische Ausbildung hilft Franz, aufgetretene Barrieren abzubauen. Franz hat zunehmend Probleme, seine Vorvergangenheit, die geprägt ist von Alkohol, Gewalt, Krankheit, Sucht und Suizid, niederzuschreiben.

So viel zum besseren Verständnis der Figuren.
Je öfter ich deine Einschätzung durchlese, umso klarer wir mir, dass die angeführten Hinweise auf seine dunkle Zeit, zu viel sind. Das werde ich ändern müssen. Die Szene mit der Telefonseelsorge (die sich im Übrigen genau so abgespielt hat), kommt ohnehin im Hauptstrang zur Sprache.
Na ja, ich seh schon, es gibt viel zu tun.

Nochmals vielen Dank für deine Mühe und Zeit.

Grüße aus Salzburg
Ferdinand


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FranzFink
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BeitragVerfasst am: 14.04.2019 12:45    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Rodge
Danke für den Vorschlag.
Aber nein, es werden keine Rückblenden. Es fängt im zweiten Kapitel mit dem Ich-Erzähler als Sechsjähriger an und wird in einem noch nicht festgelegten Takt mit Einschüben des alten, jetzt geläuterten „Penners” unterbrochen bzw. Erläutert in Dialogen.

Ich meine, ob ein Penner es schafft oder nicht, kann durchaus interessant sein. Aber nur, wenn der Spoiler wegfällt, das sehe ich ein. Ich arbeite daran.

Die Beweggründe, dieses Buch zu schreiben, sind vielfältig. In erster Linie geht es mir darum, nicht nur den Werdegang eines Alkoholikers zu erzählen, sondern auch die Begleitumstände zu beschreiben, die seinen Weg in die Hölle und zurück beschreiben ohne den moralischen Finger zu heben. Ehrlich und schonungslos. Vielleicht kann sie auch Fragen beantworten, die man sich im Alltag nicht zu stellen traut.

Grüße
Ferdinand


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Minerva
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Beiträge: 191



BeitragVerfasst am: 16.04.2019 08:50    Titel: Antworten mit Zitat

Es gibt durchaus Geschichten, bei denen man am Anfang schon weiß, wie sie ausgehen. Das interessante ist dann eben der Weg dorthin: Wie schafft die Figur es? Was ist alles passiert, welche Widerstände gab es?

Auch wenn ich vom Genre, vom Vorwissen, her weiß, dass es ein Happy End gibt, fieber ich trotzdem mit. Muss dann halt gut gemacht sein.

Das mit der Telefonseelsorge im allgemeinen kann in der Vergangenheit natürlich auch anders abgelaufen sein, ich beziehe mich nur auf aktuelle Informationen, die mir bekannt sind.

Die Szene, wo die Frau das erwähnt, da wundert mich nur, warum der Franz nicht stutzig wird. Ok, die Stimme hört er und kommt ihn bekannt vor und sie sagt, sie kenne ihn vom Telefon, aber er wundert sich nicht darüber, theoretisch würde das Gehirn doch anfangen, sich Fragen zu stellen (Was habe ich mit der Mutter von dem zu tun?????).

Übrigens halte ich nach den Informationen im Text den Franz für einen Junggesellen, geschieden oder verwitwet, und kinderlos. Nur so am Rande. Es könnte natürlich auch anders sein und das wird eine Überraschung im Laufe der Geschichte.


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Herr M
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BeitragVerfasst am: 19.04.2019 21:52    Titel: Antworten mit Zitat

Für mich ist das viel zu viel Dialog. Wenn es ein Theaterstück wäre, dann o.k. aber als Roman ist es sehr verwirrend und zu wenig erzählerisch.
Außerdem frage ich mich, warum ich diesen Text lesen sollte. Er packt mich nicht, er macht nicht neugierig und als sozialkritischer Einstieg ist er zu langweilig. Dennoch gibt es Potenzial in dem Text. Das "Wollen" ist spürbar.
Herzlichst
Herr M
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