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Nichts und Niemand


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Nichts und Niemand eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Nichts und Niemand

Ein elektromagnetisches Kräuseln - die Druckwelle, die der abgesendeten Nachricht vorauslief - erreichte Renate Alsleben im ruhelosen Schlaf des Morgengrauens. Die Frauen in der Familie waren sämtlich seit Generationen verrückt, die Männer traf ebenso regelmäßig der Schlag, und so ahnte Renate Alsleben schon vor dem Erwachen nichts Gutes, als die Druckwelle das limbische System ihres Gehirns traf und dort kleinere Signalgewitter auslöste. Im Dunkel ihres Kopfes flackerte das Bild des Großvaters auf: schmal und jung in Wehrmachtsuniform, wie er am Fahrgestell eines Transportfliegers zappelnd, den wüstensandigen Boden unter den Füßen verlor.

Er sei Schuld gewesen, stöhnte die Großmutter unter Schmerzen, als sie sich per Telefonanruf von den Lebenden zu verabschieden anschickte, er sei Schuld gewesen, dass sie in ihrem Leben keine einzige Flugreise hätte unternehmen können. Wegen seines ewigen zu spät Seins bei allen Gelegenheiten und der daraus folgenden halsbrecherischen Aktionen. Nicht eine Flugreise in ihrem Leben. Wo alle Welt sich aufmachte, das ihre endlich in vollen Zügen zu genießen. Da hätte sie ihn noch so bitten können, er habe sich strikt geweigert. In diese Klagen hinein brockte sie die Geschichte von jenem letzten Flugzeug, das El Alamein in Richtung Spanien verlassen habe und an dem der Großvater mit bloßen Händen hing, die zerschossenen Füße nutzlos unter sich ins Leere tretend. Renate Alsleben kniff die Augen zusammen und zuckte mit dem Kinn ein Nein, die Finger so fest um den Telefonhörer geklammert wie um ein Flugzeugfahrgestell. Wie soll denn das?, fragte sie halbherzig: Über das Mittelmeer. Von Afrika aus, nickte die Großmutter am anderen Ende der Leitung. Und stöhnte auf und verfluchte die Ärzte, die das Unheil in ihr nicht rechtzeitig erkannt hätten, sonst hätte sie vielleicht noch ein paar Jahre, aber nun sei die Reihe eben an ihr und niemand pflege sie wie sie seinerzeit ihre Mutter, als jene das Zeitliche segnete. Doch sie, Renate, solle wenigstens auf das Kind achtgeben.
Das Kind, sagte Renate Alsleben. Und sah vorm inneren Auge die Urgroßmutter grau und hager, ganz in Schwarz, mit steifem Rücken auf dem Sofa sitzen, und sah die Großmutter mit den Augen rollen, als sie Renate und Berlinde erklärte, dass sie aufhören sollten, Grimassen zu schneiden, weil ihnen die Augäpfel beim Schielen womöglich schief in den Höhlen stecken blieben, das Kind aber - die Mutter -, war nicht im Bild; stattdessen der Großvater, der zentnerschwer im Sessel versank, den Klumpfuß und das verkürzte Bein hochgelegt, den weichen Mund bereit für Max und Moritz und für selbst gekochte Karamellbonbons, Branntwein und Braten und ihre Schwester Berlinde, die am Großvater empor kletterte und es sich an seinem gewaltigen Bauch hinter dem großen Märchenbuch warm und mollig einrichtete.

Renate und Berlinde waren größtenteils bei den Großeltern aufgewachsen. Das Kind hatte die Töchter zwischen seinen Abfahrten und Ankünften regelmäßig dort abgesetzt, wenn es sich aufmachte, die Welt zu erobern: Von Spitzbergen bis Kapstadt, von New York bis Yokohama. Und das Kind nutzte alles was flog, schwamm oder fuhr: die Boeing 747 wie die Concorde, die Queen Mary 2, den Orientexpress, den TGV wie den Shinkansen. Und das Kind trug den frohlockenden Glanz irrer Lebensgier in den Augen, der in dem Moment erlosch, wenn es Renate und Berlinde rechts und links an einer Hand aus dem Großelternhaus zog, nachhause, um für einen Moment mürrisch sauren Mutterpflichten nachzukommen. Letztlich sei im Leben nichts wirklich wichtig, bekamen Renate und Berlinde bei solchen Gelegenheiten zu hören, außer dieses eine: es nicht zu verpassen. Sie sollten sich nicht sorgen: nicht um Schulnoten oder den Abschluss, nicht um den Beruf und um die Männer schon gar nicht und die Kindheit sei einfach eine Etappe, die zu überstehen sei und am besten sei es, diese nicht allzu wichtig zu nehmen. Das Leben selbst aber ließe sich nicht auf später vertagen, wegen irgendwelcher vermeintlicher Nöte und Pflichten, schließlich habe man immer nur diesen einen Augenblick, der in der Vergangenheit verschwand, ehe man sich versah und den müsse man nutzen und auskosten so gut es ginge, und Renate und Berlinde sollten es sich später von nichts und niemandem nehmen lassen, es ihr nachzutun. Berlinde machte große Augen. Renate schlang die Füße um die Stuhlbeine. Und es konnte sein, dass beide sich am nächsten Morgen vor der Tür der Großeltern wiederfanden.

Während Berlinde Großvaters Schoß erklomm und sich von der Großmutter mollig füttern ließ, blieb Renate ein dürres, blasses Kind dem ständig schwindlig war und das von unguten Ahnungen heimgesucht wurde, die es stumm erduldend in sich barg. Und während Berlinde zu einer sanften, molligen Frau wurde, die den Kindern auf ihrem Schoß verrückte Geschichten von verrückten Abenteuern vorlas und ihnen beibrachte, viel Leben in wenig Zeit zu pressen, blieb Renate hager, blass und schwindlig und versuchte, ihre Füße der Erdanziehung gemäß auf den Boden zu bekommen, während unkontrollierbare Fliehkräfte an ihr zerrten.

Sie versuchte sich in Raumfahrttechnik, in Geologie und als Kinderkrankenschwester und stellte fest, dass das alles nicht half. Die Raumzeit krümmte sich nicht schützend um sie, sondern streckte sich zu einer glatten Ebene ins leere All, wo auch immer sie einen Schritt hin setzte. Die Tiefen der Erdkruste versperrten sich ihr wie gepanzerte Stahltresortore und die Kinder schrien, spuckten und traten nach ihr. Nacheinander schlug sie drei Männern die Ehe aus und versagte ihnen Söhne wie Töchter. Der verlöschende Glanz in den Augen der Mutter schoss ihr in den Kopf, kaum dass ein Mann mit wehem Blick vor ihr kniete und das künftige Familienglück beschwor. Nichts sei wichtig, hörte sie sich sagen, nichts sei wichtig, es sei denn - und dann drehte sich alles in ihrem Kopf und sie ahnte, dass es nicht gut gehen würde, wenn es ihr nicht gelänge, die rasende Erdrotation unter ihren Füßen zu stoppen. Die Männer verließen sie rechtzeitig, bevor der Schlag sie traf. Und Renate Alsleben warf schließlich von einer Mietwohnung aus im Niemandsland am Rande eines Ballungszentrums einen Bodenanker und begann, sich in den teuren Vororten stadteinwärts als ungelernte Gärtnerin zu verdingen, den Blick auf die Grasnarbe gerichtet, ins Unterholz der hohen Hecken, auf ihre Hände, die sich tiefer in den Boden zu graben versuchten, während sie Beetrosen pflanzte und Lavendel. Und außer den Wegen zwischen ihrer Mietwohnung, dem Supermarkt und den Gärten ihrer Auftraggeber, auf denen sie sich mit gesenktem Blick und mit ausgestreckter Hand an Hauswänden, Zäunen, Hecken entlangtastend, fortbewegte, legte sie keine weiteren Strecken zurück. Sie fuhr oder flog nicht in den Urlaub, sie besuchte keine anderen Orte. Sie sah kein Meer und keinen anderen Kontinent. Jahr um Jahr glitt sanft unter ihren Füßen hinweg. Und allmählich fasste sie ein wenig Vertrauen in die ihr vielleicht auf diese Art zugemessenen Tage.

Die Mutter verschwand unbemerkt irgendwo am Horizont und Berlinde und sie verloren sich aus den Augen. Allein die Großmutter meldete sich lange vor ihrem Hinsterben am Telefon, sie habe den Großvater mit blau angelaufenem Gesicht walgleich aufgedunsen im Pool treibend und mit einem Fuß in den Schläuchen der Filteranlage fest hängend, tot aufgefunden. Warum er ihr auch das noch hätte antun müssen, und was nun aus ihr werden solle: das große Haus, der große Garten und niemand, der sich um sie kümmere. Renate murmelte ein paar unverständliche Worte, legte still den Hörer auf und ging, um die gekieste Einfahrt zur Villa eines Auftraggebers vom Unkraut zu befreien.

Als der Wüstensand unter den strauchelnden Füßen des Großvaters verschwand, öffnete Renate Alsleben die Augen. Mit einem Mal war ihr klar, was sie in ihrem Leben tatsächlich versäumt hatte, doch was es war, verflüchtigte sich im aufblendenden Licht der Morgensonne, das ihre Netzhaut traf. Ergeben setzte sie sich auf, griff nach dem Mobiltelefon und schaltete es ein. Berlinde schrieb, die Mutter säße am Flughafen Sao Paulo in Polizeigewahrsam. Sie habe – mit Fäusten gegen die Tür des Cockpits hämmernd - den Piloten eines Airbus im Landeanflug dazu bringen wollen, die Maschine wieder durchzustarten, weil ihr eingefallen sei, sie habe Ägypten noch nicht gesehen und vielleicht bliebe ihr dazu nicht mehr allzu viel Zeit.

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