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Panta Rhei


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Panta Rhei eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Als er, Paul und dessen Hund im Vorbeigehen die junge schwarze Katze bemerkten, die tot im vernachlässigten Vorgärtchen eines seit Jahren leerstehenden Doppelhauses auf einem ebenso obsoleten  umgedrehten Wahlplakat lag -  und das schon seit Weihnachten, wie er später erfuhr, und sich dann wunderte, dass sie immer noch vollständig war; und sich erinnerte, dass er davor einen Ziegenbock dort hatte grasen sehen, der niemandem gehörte -,  schnüffelte der Hund kurz an ihr, um danach ausgelassen im kleinen Park am Fluss herumzutollen und mit Paul zu spielen. Das nahm er im Weitergehen noch von der Brücke aus wahr.

Die junge Frau, die im Ort Yoga Kurse anbietet, hatte ihm erzählt, dass der Ziegenbock einmal durch die sich automatisch öffnende Tür in den Sparladen eingedrungen war. Jetzt war er nirgends zu sehen. Als sie an der toten Katze vorbeigingen, wurden dort Baguettes aus dem Ofen geholt, wie immer in letzter Zeit zu kross gebacken.

Zwei junge Männer standen am Kaffeeautomat und warteten, bis ihre Lattes in die Pappbecher gelaufen waren. Selbst hier gab es schon lange diese Automaten. Der eine der Männer würde am Abend seinen 21.Geburtstag feiern. Aufgrund eines aggressiv aufgelegten Gastes im Lokal würden sie zuhause weiter feiern müssen, wo am nächsten Morgen Flaschen und Bierdosen überall herumliegen sollten. Davon wussten sie noch nichts.  

An der Kasse war wenig los. Sozialhilfe und Pensionen würden erst am nächsten Tag ausbezahlt werden. Die Frau an der Kasse und eine ältere Kundin tauschten üblichen Smalltalk aus, während diese die wenigen von ihr gekauften Waren einpackte. Währenddessen fuhren seine Nachbarn von zu Hause weg, in Gedanken bei einer im Sterben liegenden Frau, deren Familie sich zum letzten Mal um sie versammelt hatte. Woher sie das wussten, bleibt ein Rätsel. Möglicherweise gehörte sie zur weitläufigen Verwandtschaft.

Wie in diesem Dorf standen auch in der Kreisstadt Läden leer, während in den Einkaufszentren am Rand Menschen nach Schnäppchen im Schlussverkauf Ausschau hielten. Parkplätze voller als sonst. Es waren Schulferien und viele berufstätige Eltern hatten noch Urlaub. Als der Hund an der toten Katze schnupperte, packte eine Frau ihr Kind in einen Einkaufswagen bei Lidl, bezahlte ein Mann ein Paar Schuhe für seine Tochter im Laden nebenan. Ein anderer ging im Gartenmarkt aufs Klo. Dieses war versteckt und weniger bekannt als das im großen Supermarkt, vor dem eine kleine Schlange anstand. In jedem Fall handelte es sich um eine einzige Toilette. In der Apotheke gab eine überaus gesund wirkende Verkäuferin Tabletten an eine Kundin aus, die deren Arzt ihr verschrieben hatte. Bei ihm im Wartezimmer saßen nun andere, deren Konsultation bevorstand. Die Sprechstundenhilfe war in Gedanken bei ihrer Mutter. Womöglich wurde sie in dieser Minute im Krankenhaus in der Großstadt in den Operationssaal geschoben. Viele Patienten warteten dort noch darauf, andere sahen bereits ihrer Entlassung entgegen.

Doch täuschte sich die Sprechstundenhilfe. Der Chirurg hatte schon damit begonnen, ihrer Mutter die Brust zu entfernen. Vor dem Krankenhaus standen Patienten herum, um eine zu rauchen, obwohl das nirgends auf dem Krankenhausgelände erlaubt war. Drinnen im öffentlichen Bereich sass eine kürzlich obdachlos gewordene Frau mit ihren beiden Kindern, den Tag im Warmen zu verbringen, bis sie am Abend wieder eine Notunterkunft für die Nacht zugeteilt bekommen würde, wenn sie Glück hatte, und schneuzte sich, um nicht zu weinen. Die Kinder waren noch zu klein, als dass sie ein Trauma aus dieser Situation entwickeln würden.

In einem Bürogebäude jener Stadt warf ein Verwaltungsangestellter endlich einen Blick auf  den Antrag der Frau auf längerfristige Unterkunft. Und war ratlos, weil der Bedarf dafür groß, Kapazitäten gering waren. Woanders begann eine freischaffende Journalistin, daheim ihren nächsten Beitrag für die wöchentliche Heim und Design Beilage der Tageszeitung zu schreiben. Diesmal ging es darum, wie man sich am besten von unnützem Zeug, das sich zuhause angesammelt hat, trennt.  Ihr Kollege fasste die aktuellsten Infos zu bevorstehenden Auktionen von Antiquitäten zusammen. In der Anzeigenabteilung der Zeitung war jemand dabei, die saisonal spärlichen  Angebote der Immobilienmakler am Computer für den Druck fertig zu machen. Im Ministerium für Wohnen und Soziales begann eine weitere Konferenz. Pressemitteilungen sollten danach keine neuen Perspektiven zur Lösung der Wohnungskrise enthalten.

Aber Nasa erhielt erste Bilder von Ultima Thule, diesem uralten kleinen Ding mit der Form einer Erdnuss oder eines Schneemanns am Rand unseres Solarsystems, von dem er erst vorgestern in den Medien erfahren hatte. Unvorstellbar weit entfernt und unvorstellbar alt. Was ist dagegen eine Minute, eine Stunde, ein Tag? Er hatte Schneemänner als Kind allerdings immer mit drei Kugeln gebaut. Dieser soll sich seit seiner Entstehung kaum verändert haben, hieß es. Fast niemanden von den bisher Erwähnten interessierte der Brocken im Moment. Doch die am Projekt beteiligten Wissenschaftler klopften sich gegenseitig auf die Schultern, als die Fotos auf der Erde ankamen.

Ihm, der über die Brücke ging, mussten ein paar Autos ausweichen. Ihr Ziel war ihm unbekannt. Autos erschienen immer so fahrerlos. Sitzt ein Mann am Steuer, eine Frau? Ein junger Mensch, ein alter?  Es waren wahrnehmbar nur Autos, die sich an ihm vorbei bewegten. Aber es ist gut, davon ausgehen zu können, dass sie Fahrer haben, ging es ihm durch den Kopf. Bestrebungen, selbstfahrende Autos auf den Markt zu bringen, sind doch Unsinn. Wo Autos eigentlich abgeschafft werden sollten. Wenn es wenigstens um selbstfahrende Busse ginge. Aber auch da würde ich lieber einem Menschen am Steuer vertrauen als einem Computerprogramm. Kann heute nicht mal mehr jemand ein neueres Auto reparieren ohne Computer. Was geschähe nach einem globalen Internet Shutdown?  Darüber könnte man nicht mal mehr auf dem Laptop oder Smartphone lesen. Medien, Banken, Behörden, Politiker, wir alle, sind aufs Internet angewiesen. Wie käme ich an mein Geld, und machte Geld dann noch Sinn, oder wieder mehr, also Münzen und Scheine? Gäbe es davon genug? Bestimmt braucht es auch Computer, sie zu drucken, oder zu münzen. Wie käme ich ran? Wer könnte noch Autos reparieren? Oder unbemannte Raumsonden ins All schicken, damit sie Fotos machen und auf die Erde senden? Dass die ohne Fahrer auskommen, ist ja in Ordnung. Wen sollten die schon im Weltall überfahren? Aber warum interessiert man sich ausgerechnet für dieses kleine Ding? Es soll dort ja noch viele andere geben.

Gedanken fliessen schneller, als sie auszusprechen, niederzuschreiben, oder sie zu überprüfen, dauert. Seine unterbrach ein Wagen, der neben ihm anhielt.

Den seine Fahrerin neben ihm anhielt. Sie fragte nach dem Weg zu Hanna Klein. Sicher hatte sie ein Navi, aber das nützte ihr hier nichts. Er konnte ihr auch nicht helfen, weil er niemanden mit dem Namen Hanna Klein kannte, und nicht wusste, wo ihr Haus hier in der Gegend stand.

Als die Fahrerin neben ihm anhielt, holte Hanna gerade einen Kuchen aus dem Ofen. In Erwartung ihres Besuches hatte sie gebacken, wie sonst für Veranstaltungen im Dorf.  Manchmal, wenn sie ausrechnete, wie lange sie schon hier lebte, erschrak sie. Nun wusste sie nicht, ob Julia die Fahrerin Kuchen mochte, ob sie lieber Tee oder Kaffee trank. Vielleicht war sie eine von denen, die neuerdings diesen übermässigen Gesundheitsfimmel hatten, wenn es darum ging, etwas zu sich zu nehmen? Es war lange her, dass sie sich getroffen hatten. Zum Geburtstag und zu Weihnachten manchmal kurz telefoniert, das war der ganze Kontakt. Da hatte ihre Tochter beim letzten Mal ihren Besuch angekündigt. Was mochte der Grund sein?  

Das Telefon:

- Verflixt, keiner kann mir sagen, wie ich dich finde.

- Sie nennen mich Anna die Bäckerin hier. Wo bist du?

- Ich stehe mit dem Auto vor dem Laden im Ort, nach der Brücke.

- In welcher Richtung?

Die Wegbeschreibung dauerte länger, und wir wissen nicht, wie schnell Julia hingefunden hat, nicht die Antworten auf  Hannas Fragen, noch, wie der Besuch verlief.

Hingegen wissen wir, dass kurz vor dem Anruf ein Bauer in der Nähe ein Kalb aus einer Kuh zog. Und dass es sich herausstellen würde, dass es gesund war, das Euter fand, und die Kuh es willkommen hiess.

Und er war ein Stück weiter auf seinem Heimweg gekommen, vorbei an dem Wagen der Fremden, der gleich hinter der Brücke vor dem kleinen Laden geparkt war, und hatte keine Ahnung von Kuh oder Kalb. Und dann überquerte eine Katze vor ihm die Strasse. Nicht mehr seine, die er hier auch manchmal getroffen hatte. Sie war gestorben, daheim, vor einiger Zeit.

Ob diese hier die Tote auf der anderen Seite des Flusses gesehen hatte? Ging sie überhaupt über die Brücke?

Und der Fluss.

Er war alldieweil schwarz wie die Katze dort drüben, und voll Wasser und floss gedankenlos in seinem Bett dahin, und es kümmerten ihn nicht die Felsen oder die Fische in ihm, noch seine Ufer, sein Name, sein Wasserstand oder die Geräusche, die er hervorbrachte. Er hatte, wie Ultima Thule, kein Ziel und kein Zeitgefühl, denn er kannte sich nicht.

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