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Als ich noch schwimmen war


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 64
Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: Als ich noch schwimmen war eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Als ich noch schwimmen war

Grundschule? Ich war ein geläutertes Kind. Damals bin ich jeden Sommer hier gewesen. Freundschaften hielten einen Nachmittag, und wenn man sich nicht verständigen konnte, hat man mit Händen und Füßen geredet.
Gymnasium? Selbstverständlich. Die Ersten wurden aussortiert. Als wir noch klein waren, besaß mein Vater einen gelben Sportwagen. Gesungen haben wir. An einen Kanon erinnere ich mich besonders gut, habe den Text aber vergessen. Endlos lange Stunden in gelben Klassenzimmern. Lernte Englisch. Ein Mädchen? Gewiss. Irgendwann später. Einen Jungen hat Karin aber später auch noch bekommen. Heiße Tage voller Sonne. Der Rasen war schon arg zertreten. Wir sind barfuß gerannt, atemlos keuchend, von dem ständigen Hin und Her. Selten nur – ich habe versucht, mich an eine derartige Gelegenheit zu erinnern – war ich derjenige gewesen, den die anderen verfolgt hatten. Passiert ist nie etwas. Sicherlich hätte ich mich daran erinnert.
Abitur. Bundeswehr. Marschieren, Saufen und Langeweile. Der Russe stand am kalten Zaun. Aber keiner wollte Krieg. Hab den Waffenschein trotzdem gemacht. Der Russe war ja nie weg. Freundschaften hielten ein Semester lang, und wenn man sich nicht verständigen konnte, versuchte man es mit Schulenglisch. Die Amerikaner? Großartiges Volk. Ich bin müde gewesen. War ich aber schon immer. Zugänge und Treppen verlegt man nicht so leicht. Das ist kostspielig. Menschen mögen es nicht, neue Wege lernen zu müssen.
Hinter dem Zaun? Arme Socken. Kannte niemanden. Hat mich aber, wenn ich ehrlich bin, auch nie richtig interessiert. Wer Jacobs Kaffee trinkt, hat mein Vater immer gesagt, siegt. Ich weiß auch nicht, ob die vernünftige Schwimmbäder gehabt haben – dann hätten sie ihre Köpfe vielleicht oben gelassen.
Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Architektur. Für Politik habe ich mich nie interessiert. Erste Jobs. Die Toilette befand sich schon lange nicht mehr ein halbes Stockwerk unter uns und aus den Hähnen floss warmes Wasser. Erste Projekte erfolgreich abgeschlossen. Einfamilienhäuser. Klara blieb selbstverständlich zu Hause. Erasmus heißt mein Junge. Vorher Stefanie und Marie. Zwillinge. Ich bin spät geborene Waage. Mein jüngster Enkel heißt Narziss. Drei Jahre alt. Können Sie sich das vorstellen?
Protest?
So alt bin ich wirklich nicht. Das war zwanzig Jahre vor meiner Zeit. Radikale Spinner. In der Architektur herrscht Ordnung. Gibt ja heute noch Baulücken. Fand Speers Ideen anregend. Monumental. Beide Töchter haben Klavierunterricht bekommen. Bestes Internat im Schwarzwald. Das mochte ich. Bin in eine Partei eingetreten. Stil war mir immer egal. Hauptsache groß. Klärwerke, Industriekomplexe, Wohnsiedlungen, Einkaufscenter, Shopping Malls. Habe mein Schulenglisch durch vernünftiges Businessenglisch ersetzt. Wir lebten zehn Jahre im Ausland. Südafrika, USA, Argentinien. Hat mir später nur Vorteile gebracht, auch den Kindern. Der Kaffee kam aus einer Braun, die einen Designpreis gewonnen hatte. Bekanntschaften hielten ein Projekt lang. Es ging aufwärts. Nach der Rückkehr eine Krise. Ehefrau weg. Hat die Kinder mitgenommen. Hab mir dann aber einen Ruck gegeben. Erfolg. Eigenes Büro, eigene Angestellte. Noch mehr Großprojekte. Ägypten, USA, Indonesien. Die Kaffeemaschine ist einem Vollautomaten gewichen. Mit Milchschaum. Können Sie sich das vorstellen? Bin aber jeden Sommer hier gewesen. Das war ich meinem Vater schuldig. Alleine. Die Stadt als Bauherrin wollte in den neunziger Jahren abreißen lassen, bin aber froh, dass man sich dagegen entschieden hat. Die vorgesetzten bunten Aluminiumbleche vermitteln eine Leichtigkeit, die den alten Beton kaum noch erahnen lassen. Ja ja, Geld gespart haben die auch. Entwurf, Präsentation, Vertrag, Auszeichnungen, noch mehr Preise. Jahrelang ging das so. Dann unverhofftes Glück. Habe an der Warenterminbörse spekuliert. Weizen. Hätte mich bereits mit vierzig Jahren zur Ruhe setzen können. Freundschaften hielten eine Finanzierung lang. Aber auch Rückschläge. Herzinfarkt. Seitdem bin ich oft so erschöpft, dass ich mich seit Jahren nur noch in den Schatten lege. Ins Wasser muss ich nicht mehr. Es langt, hier einfach zu liegen und in den Himmel zu schauen.
Aber die Verantwortung. Ich musste weitermachen. Der Kaffee wurde mir mittlerweile von Assistenten gebracht.
Die Kinder haben sich prächtig entwickelt, soweit ich weiß. Sozial engagiert, alle drei. Anfang zwanzig schon in einer Partei. Freundschaften hielten eine Einkommensklasse lang – ganz, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Ich hatte es geschafft. Ich konnte meine Toiletten dahin bauen, wohin ich wollte, wann ich wollte und so viele ich wollte. Mit meiner zweiten Ehe hatte ich mehr Glück. Klara ist fast genau so groß wie ich, das hatte mich immer irritiert. Karin ist anschmiegsamer und bringt mir den Kaffee. Kinder wollte sie Gott sei Dank keine mehr. Ich hatte ja auch alles. Trotzdem hatte ich Schwierigkeiten mit der Finanzierung meiner Villa. Können Sie sich das vorstellen?
Mein Vater? Ist gestorben, als ich auf einer Baustelle in Zürich war. War auch Architekt. Meine Mutter? Ich kümmere mich! Ich habe ein Mausoleum errichten lassen, ganz in seinem Sinne, und den Vertrag für die Pflege habe ich erst letztes Jahr verlängern lassen.
Selbstverständlich habe ich einen Swimmingpool. Ich habe gelesen, dass das Bad geschlossen wird. Es ist genau so alt wie ich. Können Sie sich das vorstellen? Ich habe sogar auf Badeschuhe verzichtet, ich will meine Sinneseindrücke nicht ausschalten, all die kleinen Kiesel spüren, die im Waschbeton ruhen. Halt gebend, wenn sie trocken sind, aber glatt und schlüpfrig, wenn man mit nassen Füßen rennt – und ich bin viel gerannt, in diesen alten, heißen Tagen. Aber wie ich ja bereits gesagt habe. Nie ist etwas passiert. Genau wie früher überziehen Kondensstreifen den fahlblauen Himmel. Die zielgerichteten Streifen versprachen mir als Kind etwas. Sie deuteten eine Wahrheit an, die viel fantastischer zu sein schien, als ich es mir je hätte ausmalen können. Das Versprechen, das alles gut wird, wenn man immer nur geradeaus geht. Klar erkennbar in den Himmel geschrieben. Sicher. Nach einer gewissen Zeit verblassen sie, aber was zurückbleibt, ist der reine blaue Himmel. Ist aber wie mit dem Gras. Obwohl es längst andere Füße sind, bilden sie selbst heute die gleichen Pfade. Die Ziele haben sich ja nicht geändert. Der Matsch beginnt hinter den Waschbetonplatten, wo die Wege der Schwimmbadbegrenzung aufhören und die Menschen auf die Wiese strömen. Vernarbt und fleckig, wie ein zu groß gewähltes Laken, das zu hastig aufgezogen wurde. Ich weiß. Heute gibt es Spannbettlaken, da ist die Oberfläche schön glatt aber glauben sie mir, ich bin Architekt. Die Verwerfungen stecken unter den Rändern der Matratze.
Sie haben gut geraten. Es war tatsächlich mein Vater, der dieses Schwimmbad entworfen hat. Ich hätte es größer gebaut. Aber das ist ohnehin obsolet, obwohl die Besucherzahlen wieder steigen sollen. Zu wenig Publikum.
Sicher. Es hat Veränderungen gegeben. Die einstige Wasserrutsche ist einer mehr als siebzig Meter langen, gewundenen Röhre gewichen, in der man – falls man der Konstruktion vertraut – gut behütet in das Schwimmbecken geleitet wird. Es wird sie überraschen, aber selbst heute landen die Besucher an exakt der gleichen Stelle wie früher.
Nein. Jetzt nicht. Ich bin nur auf den Sprungturm geklettert, um den Ausblick zu genießen. Die Bäume müssen ungewöhnlich stark gewachsen sein – ich kann nicht einmal mehr bis zur Straße schauen.
Wie damals, als ich noch schwimmen war.

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