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The clock ticks life away


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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Beiträge: 166



BeitragVerfasst am: 01.01.2019 19:00    Titel: The clock ticks life away eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kati betrachtet die Uhr an der Wand, 11:58 Uhr zeigt sie an, gerade überquert der Sekundenzeiger die Zwölf, zack, 11:59 Uhr, noch eine letzte Minute Schule, eine letzte Minute Erdkunde. Berger erzählt von Erdzeitaltern, seit 11:21 Uhr ist er im Jura angekommen, nur noch ungefähr 195 Millionen Jahre vom Jetzt entfernt, wie doch die Zeit vergeht, für Berger vergeht sie zu schnell. Ach, schon so spät, wird er sagen, wenn der Zeiger erneut die Zwölf passiert, wenn es klingelt, wenn alle aufspringen, nach Hause wollen. Moment, wird Berger sagen, die Hausaufgaben. Aber da sie sind längst aus dem Raum, seine Schüler.

Kati würde sie am liebsten anhalten, die Zeit. Zumindest eine Minute lang, alles und alle einfrieren, wie früher beim Stopp-Essen, nur sie nicht, sie wird von ihrem Platz aufstehen, an Mara, Jule und Sophie vorbeigehen, vor Julius' Tisch stehen bleiben, ihm in die Augen sehen, und er, er wird sie dann auch endlich ansehen müssen.
Aber er ist ja gar nicht da, heute nicht, gestern nicht, wann eigentlich überhaupt mal. Außerdem sieht er sowieso nur sich selbst. Zuhören müsste er, aber was soll sie ihm schon sagen, sie findet ja doch keine Worte, nicht mehr seit 00:35 Uhr.

Vielleicht wäre es sowieso klüger, die Zeit voranzudrehen, dorthin, wo alles wieder gut ist, aber wenn man älter ist als – sagen wir mal: zehn, wird nichts mehr gut. Der eine Mist löst den anderen ab und manchmal, da fällt man voll rein, ins Dreckloch.

11:59:28 Uhr, Kati seufzt, was ihr einen Seitenblick von Basti einbringt. Basti packt ein Duplo aus, es knistert, Berger stört sich nicht daran, Berger stört sich an gar nichts; Basti beißt die eine Hälfte des Duplos ab, hält ihr die andere hin, aber Kati schüttelt den Kopf und da ist es wieder, das Aufflackern in seinem Blick, Was soll das Kati, was ist los mit dir, rede mit mir, aber sie kann nicht, es geht nicht, nicht mehr. Er klebt ihr den Duplo-Sticker auf den Tisch, Joshua Kimmich, ist denn schon wieder Fußball-WM.
Ciao Kati, wird Basti nachher sagen und einen Moment innehalten, Sehen wir uns bei Beppi, wird er fragen, noch hat er nicht aufgegeben, noch ist er einfach nur verwirrt, aber bald wird sich Ärger einschleichen in seine Stimme, weil sie einfach nicht mit ihm redet, die Kati, was soll das denn, sie können doch über alles reden. Denkt er. Hat sie auch mal gedacht.

Die Zeit zurückdrehen, denkt sie jetzt und sieht erneut auf die Uhr, 11:59:45 Uhr, die Uhren gehen langsamer, seither.

Komm schon Kati, sagt der Basti, auf ein paar Pfeile.
Ein paar Pfeile bei Beppi, wie immer. Seit zwei Jahren bringt sie ihre eigenen Pfeile mit und jetzt wäre sie endlich gut genug für ihr erstes richtiges Turnier, aber jetzt geht es nicht mehr, sie kann nicht mehr zu Beppi gehen, kann überhaupt keine Pfeile mehr werfen. In Filmen ist alles ganz einfach, du klebst das Bild, sein Bild, auf die Dartscheibe, dann wirfst du die Pfeile, mitten ins Gesicht, und alles ist gut oder zumindest besser; aber Kati wüsste nicht, ob sie am Ende nicht doch nur auf ihr eigenes Bild werfen würde, so einfach ist es nämlich nicht, nicht im echten Leben.

So einfach war es auch nicht an diesem Abend, als sie auf seinem Bett lag. Wie ist sie da überhaupt hingekommen, das war nicht geplant, aber jetzt liegt sie da, nackt, und er über ihr und er sieht sie gar nicht. Die Kati sieht ihn auch nicht mehr, will ihn nicht mehr sehen, sieht nur noch die Uhr, eine Cars-Uhr, wie so ein Elfjähriger, dabei ist er neunzehn und zuerst dachte sie, ist ja süß, neunzehn Jahre und eine Cars-Uhr. Bei 00:31 dachte sie das noch, ist ja süß und natürlich will ich, bei 00:34 war sie sich nicht mehr sicher, und Nein, dachte sie, 00:35 Uhr, Nein, ich will nicht, aber da war es auch schon vorbei und zu spät, wie schnell doch die Zeit vergeht, aber seither nicht mehr.

Ist doch nichts passiert, das machen doch alle, das wollen doch alle.
Wollen die dann auch die Zeit zurückdrehen, auf 23:00 Uhr vielleicht, 23:00 Uhr und das Wissen, der mit der Cars-Uhr, der ist nicht süß, überhaupt nicht, was machst du bei dem, spinnst du jetzt.
Aber sie hat das alles ja längst gewusst, schon vor 23:00 Uhr. Nur, alles Wissen hilft nichts, am Ende ist sie dann doch eine von denen geworden, über die sie mit Basti beim Pfeile werfen Witze gemacht hat.

11:59:59 Uhr und tick, es klingelt, So spät schon?, fragt Berger und zückt seine Uhr. Ciao Kati, sagt Basti und sieht sie an, wartet noch immer auf die Antwort, die sie ihm nicht geben kann. Die Hausaufgaben, sagt Berger, aber niemand hört mehr zu, es klingelt und klingelt und als es ausgeklingelt hat, ist es 12:00:15 Uhr und niemand ist mehr da, nur Kati, Ich-hab-da-noch-eine-Frage-Herr-Berger-Mara, Berger selbst und das Angelusläuten der Marienkirche.

*

Und drüben, vor Beppis Kneipe, karrt Hannes leere Bierfässer heran und wuchtet sie auf den Wagen, während Beppi an der Tür lehnt, die Straße hinauf- und wieder hinunterschaut.
Hannes lässt die Karre stehen und stellt sich neben Beppi; er kramt nach seinen Zigaretten, wie immer bietet er Beppi eine an, wie immer winkt Beppi ab. Beppi, der genau wie die Kneipe hinter ihm nach altem Rauch stinkt und das, wo seit Jahren keiner mehr darin geraucht hat, Beppi schon gar nicht, er hat in seinem ganzen Leben noch keine Zigarette geraucht.
Wie sieht es mit dem Turnier aus, fragt Hannes. Hast du einen für mich, auf den ich wetten kann?
Hm, sagt Beppi. Da gäbe es schon eine.
Eine?, fragt Hannes.
Aber sie wird nicht kommen, sagt Beppi.
Ja dann, sagt Hannes und schnippt Asche zur Seite.

*

Und im Cafe Carolus sitzt die Regina mit ihrer Freundin Marga. Marga fragt nach der Kati, was die so mache, ob sie immer noch mit dem Huber-Burschen in dieser gammeligen Kneipe herumhinge und fände da nicht demnächst ein Dartturnier statt?
Die Regina pustet auf ihren Cappuccino. Ich wünschte, es wäre so, denkt sie und schüttelt den Kopf über diesen Gedanken, darüber, dass sie jahrelang wünschte, die Kati würde eben nicht mit dem Huber-Burschen in der gammeligen Kneipe herumhängen und Pfeile an die Wand werfen.
Man muss aufpassen, was man sich wünscht, sagt sie leise.
Wie bitte?, fragt Marga und Regina tut so, als wäre sie mit den Gedanken woanders gewesen, war sie ja auch, schnell fragt sie nach dem neuen Hund und schon ist die Kati vergessen, jedenfalls für die Marga.

*

Und in der Lebertstraße, im Besprechungsraum Zwei sitzt der Andreas neben der Maria und vor einer Tasse Kaffee und dem Quartalsbericht.
Besser als je zuvor, sagt Maria und lächelt. Wir stehen besser da als je zuvor. Und Andreas nickt und lächelt zurück, aber denken tut er an Kati. Was ist denn mit ihr, hat er Regina gestern Abend gefragt, Regina hat nur mit den Schultern gezuckt und dann musste er plötzlich an Julius denken, den Sohn vom Chef, er wusste gar nicht, warum. Wie der neulich bei Frau Huber am Schreibtisch stand und wie er, Andreas, ihm sofort eine reinhauen wollte, einfach so, aber besonders, als der Julius von der Party erzählte. Frau Huber fragte nach den Mädchen und dieser schmierige Rotzlöffel grinst einfach nur. Viel zu lange stand er, Andreas, am Drucker und starrte ihn an, so lange, bis ihn Frau Huber mit einem, Herr Landmann, Wollen Sie auch einen Keks, aus der Erstarrung holte. Nein, danke, sagte er und ging.
Andreas?, fragt die Maria jetzt, Was meinst du dazu?
Und er sieht sie an und weißt nicht, wovon sie redet, aber egal, die Maria lächelt und fragt, ob sie heute Abend darauf anstoßen wollen und vielleicht wird er dieses Mal mitgehen, denn wenn einen die Maria so anlächelt, wenn sie noch dazu das rote Kleid trägt, dann kann man so manches vergessen, vielleicht sogar die eigene Tochter, zumindest eine Zeitlang.

*

Und an der Bechtelstraße läuft der Peter mit dem Kambrium. Der Peter ist der Hundesitter vom Berger, der Kambrium ist der Hund vom Berger, der neue, denn der Berger ist auch der Mann von der Marga. Und gerade als der Peter beim Beppi und dem Hannes vorbei gelaufen ist, den Kambrium musste er ziehen, der schnuppert so gern an fremden Beinen und noch lieber hätte er an die Sackkarre gepinkelt, gerade als ihn der Peter endlich vorbeigezogen hat, fährt der Julius mit seinem Cabrio an Hannes' Laster vorbei, lässt den Motor so laut aufheulen, dass der Kambrium das Bellen anfängt und partout nicht mehr aufhört, er bellt und bellt mitten ins Angelusläuten hinein, man versteht sein eigenes Wort kaum mehr.

So einer wie der kommt immer davon, sagt der Hannes und tritt seine Zigarette aus. Und der Beppi nickt und der Peter ist kurz davor, dem Kambrium den Hals umzudrehen, die Regina denkt an die Zeit zurück, als ihre größte Sorge war, die Kati könne vom Klettergerüst fallen, in der Lebertstraße hat Andreas der Maria noch immer keine Antwort gegeben, und die Kati, ja, die Kati.





Titelzeile entnommen aus In the End, Linkin Park

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