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Erzählanalyse zu Kafkas "Brücke"


 

 
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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 47



BeitragVerfasst am: 06.03.2018 16:22    Titel: Erzählanalyse zu Kafkas "Brücke" eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Salvete

Hier ein schwieriger  Kafkatext. Dann eine Erzählanalyse, welche vor allem auf die Standortreise und die gleitende Perspektive/Fokalisierung eingeht.
Das ist - bei allem germanistischem Geplänkel (?) - nützlich  für das eigene Schreiben, nämlich dafür, Fokalisierungen/Perspektiven aufzuhellen und sich verfügbar zu machen.

Vielleicht mag jemand das Deutungsspiel  aufnehmen und weiterführen?




Die Brücke

(1)
Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten.

(2)
In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. - So lag ich und wartete; ich mußte warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

(3)
Einmal gegen Abend war es - war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, - meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.

(4)
Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen.

(5)
Dann aber - gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal - sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend.
Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

Kritische Ausgabe:
Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

(6)
Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.

Erzählanalyse

1. Die Erzählinstanz und die Sprechsituation

Im jedem Erzähltext arbeitet, installiert vom realen Autor, „spürbar“ eine Orientierungsinstanz ( ein Erzähltechniker, eine Erzählinstanz, ein Erzähler), mit dem wir beim Betreten des „Kommunikationsraumes“ Text Kontakt aufnehmen. Unsere Alltagsrealität blendet sich aus. Unsere Wahrnehmung konzentriert sich auf das textinterne Szenario,
die „Realität im Text“. So enthält denn der Text einen meist recht ausgeprägten Ereignisraum, das "Ereignisfeld". Auf dieses Ereignisfeld konzentriert sich unsere Wahrnehmung.
"Darüber" öffnet sich der Präsentationsraum, der Raum, in dem der Erzähler uns die Ereignisse und auch sich selbst (ein wenig) präsentiert. Die "Lobby" sozusagen. In erzähltheoretischer Terminologie das "Was" (Ereignisse) und das "Wie" (Präsentation) der Erzählung (Martinez und Co).

Im vorliegenden Fall findet sich ein Ich-Erzähler (Stanzel, Nünning, Schmid), Genettes „homo/autodiegetische Erzählinstanz“. Der Gebrauch des Imperfektes signalisiert die Vergangenheit der Ereigniskette und installiert einen Gegenwartspunkt, von dem aus rückschauend erzählt wird.

Das Besondere:

a) Die Erzählinstanz unseres Textes - ein "Ich" -bezeichnet sich als „Brücke“. Nun ist eine Brücke ein Gegenstand, ein Bauwerk, etwas Unbelebtes und kann nicht sprechen oder fühlen oder..

b) Offensichtlich ist die sprechende Brücke im Ereignisfeld zerstört worden. Damit ist ihr Sprechen nach der Zerstörung eine zweite Abweichung von den Erzählstandards. Ein toter Ich-Erzähler ist sehr selten, aber es gibt ihn in der Literatur und im Film.

Beim Primärlesen konstruiert der aufmerksame Leser wohl ein paar Lösungsmöglichkeiten für die Abweichungen und Paradoxien. Zum einen lässt sich die „Brücke“ als Metapher verstehen. Zum andren als Element eines Traumes, sei es Wachtraum, sei es „realer Traum“. Und wenn man bildhaftes Geschehen, Übertragungen einer Figur in Bildwelten als traumartig und traumlogisch klassifiziert, dann ist die Brückenmetapher eine Konstituente von Traumlogik und deren eigenen Gesetzen. Übrigens hochpoetische Gesetze der Verdichtung, Verbildlichung und Verschiebung/Metaphorik.

Ein Aufwachender kann – ohne das explizit machen zu müssen – von einem vergangenen Traum erzählen. Eine Person, die sich metaphorisch als Brücke versteht, kann auch nach dem Brückeneinsturz als Person noch reden. Und eine Brückenperson kann unter bestimmten Umständen (das „Diesseits“ verlassen habend) aus dem „Jenseits“ reden. Speziell diese Brücke mit ihren Fußspitzen „diesseits“ und ihren Händen „jenseits“.

Somit ist die Sprechsituation eher als „Metalepse“ zu verstehen, kaum als Analepse, als Nachholen eines Ereignisses, das vor den berichteten Ereignissen liegt, also hier als Analepse in die Vorgeschichte der Brücke eintauchen müsste, aber das nicht tut.

Aber auch das Kriterium für Metalepse, also logische Inkonsistenz,  insofern ein toter (?) Icherzähler hier tut, was nur ein lebendiger Erzähler kann, dieses Kriterium ist ja eben nur bedingt anwendbar. Und ähnlich verzwickt ist steht es um den

Epistomologischen Spielraum der Erzählinstanz

Der typische Er-Erzähler verfügt - anders als der Ich-Erzähler - über einen weiten Erkenntnisraum.
Er kann - wenn er will - jederzeit den Ort im Ereignisfeld wechseln,
er kann Zeitreisen unternehmen,
er hat den Zugriff zur Psyche aller Figuren, er kann sie öffnen oder verschlossen halten.

Das Durchstreifen des Erkenntnisraumes ist kameratechnisch begründet:
Die Erzählinstanz vermag auktorial - also in der Überschau - zu arbeiten (Genettes Null-Fokalisierung),
sie kann an das Ereignisfeld heran"zoomen" und szenisch erzählen (Genettes externe Fokalisierung),
sie kann noch näher „herangehen" und das Bewusstsein der Akteure psychographisch (röntgenartig) „durchleuchten“ (Genette interne Fokalisierung), so dass wir deren Wahrnehmungen (Perzeption) und die begleitenden Gedanken und Gefühle unmittelbar und zeitdeckend wahrzunehmen glauben.

Eine solche Standortreise ist dem Ich-Erzähler in beschränktem Maße möglich.
Der Ich-Erzähler hat ja als erzählendes Ich den Überblick zu dem, was er seinerzeit als Akteur im Ereignisfeld erlebt hat.
Der Ich-Erzähler kennt zwar auch Psychisches, aber eben nur das eigene, nicht das der andren Akteure im Ereignisfeld. Somit hat prinzipiell weniger Wissen als der Er-Erzähler.

So beansprucht der Er-Erzähler gegenüber dem Ich-Erzähler eine höhere Autorität. Er führt den Rezipienten oft ein wenig „gängelnd" durch das Ereignisfeld.

Anderseits hat ja unser Ich-Erzähler, der Kafkas, offensichtlich eine metaphorisch-spirituelle Existenz im Moment des Erzählens. Somit ist der Orientierungsinstanz wegen der Erzähldistanz durchaus ein gewisser Überblick möglich. Die Bemerkung zu den „Karten“ und dem „Nichteingezeichnet-Sein“ ist so als auktoriale/Null-Fokalisierung ohne weiteres einem homodiegetischen Erzählprofil zuzuschreiben.

2. Fokalisierungen

Mir scheint nun wichtig, dass ein und dieselbe Instanz im Text mit allen drei Fokalisierungen arbeitet. Sie präsentiert auktorial (Überschau, wenn auch begrenzt), szenisch (Mitsicht) und personal-psychographisch (Innensicht).

Dabei ist es sicher nicht so, dass eine der drei Fokaliserungen die anderen zwei ausblendet. Vielmehr geht es um Anteile. Oder akustisch ausgedrückt: Wir verfügen über mehrere Tonspuren im Text. Manchmal dominiert die eine, dann die andere, dann wieder eine andere. Eine gewisse Simultanität aber hört nie auf (Wolf Schmid).

Jeder der ersten zwei Absätze beginnt mit einer eher auktorialen Kameraeinstellung der Erzählinstanz:

„Ich war steif“ hat einen dominanten narrativen Fokus; telling, insofern eine durative Bildeinstellung gebraucht wird, eine raffende Sehweise. Übersicht.

Im zweiten Absatz findet sich noch der auktoriale Gestus „Einmal gegen Abend war es“, aber nun wird ja aus dem durativen Modus augeblendet. Es kommt zu dem Ereignis „Mannesschritt“. Mitsicht, bis interne Fokalisierung, Innensicht samt personengebundener Außenweltwahrnehmung: „Zu mir, zu mir“.

Der dritte Absatz, gleichzeitig die zweite Episode des plots, enthält Absturz und Endzustand der Brücke, die nun „zerrissen war“ und „aufgespießt“. Szenisch, weniger Übersicht. Darin dann sehr stark ausgeprägt, trotz Rückschau und „spirtueller“ Sprechsituation der Hinweis auf psychographischen Fokus: „wahrscheinlich wild umherblickend – wir nehmen die aktuell begrenzte Wahrnehmung wahr: die menschliche Brücke hat offensichtlich dem „Tourist“ den Rücken zugekehrt. Und kann aufgrund ihres Sehfeldes nur Vermutungen anstellen.

Der dominante figurale/personale Modus, Genettes interne Fokalisation, scheint mir bei aller Ambiguität und allen Überlappungen doch eiso zubeschreiben sein:

Zitat:
Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.

Das muss kein neuer Sprecher sein: Vermutlich/Vielleicht geht es um die innere Stimme des „Brückenakteurs“. Vielleicht die internalisierte Norm, die dem Brückenich von Autoritäten aufgetragen wurde und die nun laut wird, vielleicht aber auch ein hoher Eigenanteil. Sicher keine erlebte Rede. Eher „innerer Monolog“, aber eben im Rahmen einer eventuellen Fremdprogrammierung durch andere Instanzen, die wir im Text nicht explizit vorfinden.

Damit zu

Zitat:
Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?
Kritische Ausgabe:
Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?


Einstieg mit dem Präteritum, wohl erlebte Gedankenrede/erlebte Rede, wenn auch nicht in Standardform. Wir können diese Frage im Ereignisfeld einordnen und – sie ist immer noch nicht beantwortet – in der Sprechsituation. Die nachfolgenden Kurzfragen verzichten auf das finite Verb. Das fehlende Tempussignal verortet die Ausdrücke wieder, primär in dem Ereignisfeld, aber eben auch in der Sprechergegenwart.

Hoch rätselhaft diese Kombination

 
Zitat:
Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um!
 


Eindeutig Ich-Perspektive im ersten Teil, dann kein Signal für Ich-Perspektive im zweiten Teil.
Kann auf eine außenstehende Instanz hinweisen, auf einen heterodiegetischen Erzähler. Plausibler scheint mir aber: Das erzählende und erlebende Ich, kann sich bis zu einem bestimmten Grad selber zusehen. Insofern ist die scheinbar deskriptive Fremdperspektive nicht unbedingt Fremdperspektive. Vielmehr zum einen eine „schizophrene“ Beobachtung des Außersichseins, eine Art höheres Bewusstsein, eine Art „Out-of-Brückebody-erfahrung“.

Andererseits der kompetente Kommentar eines reflektierenden Ichs über „sein“ Brückenverhalten und dessen Unerhörtheit.

3. "Rock" und andere Details

Ganz knapp noch ein paar Details, die mich  beschäftigen: Der „Rock“ kann Hinweis sein auf männliches und weibliches Signalement: „Uniformrock“ und „Waffenrock“ der Männer, „an den Rockschößen der Mutter hängen“. Im österreichisch-böhmischen Sprachraum wird „Rock“ und nicht „Jacke“ gebraucht. Ein Grenzbegriff in Geschlechterzuordnungen.

Spannend ist das Rollenbild, welches das Brücke-Ich aufbaut: Es gibt da den aktiv zerstörenden „Berggott“ und den eher ohnmächtigen, aber auch sich vielleicht nach passiver Verwundung und Zerstörung „sehnenden“ Sturztyp.

Schließlich sei noch kurz anskizziert, wer da als Widersacher oder Erlöser den Spielraum betritt:

Kritische Ausgabe:
Zitat:
Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?


Was bedeutet hier "Versucher"?



ww

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Bananenfischin
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BeitragVerfasst am: 06.03.2018 23:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi Wamser,

in den Bereich "Allgemeines rund um die Schriftstellerei" passt dieser Thread nicht; allerdings ist es in diesem Fall auch nicht so leicht zu sagen, wo er am besten hingehört, zumal du User zum Mitdeuten aufforderst. Letztlich habe ich ihn hierher verschoben.

Liebe Grüße
Bananenfischin


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Piratin
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BeitragVerfasst am: 07.03.2018 13:14    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi Wamser,

interessant - sehr interessant.

Für mich war bisher die Brücke immer eine Metapher, bei der es keine Rolle spielt, ob sich dabei Traumwelt und Gedankenwelt mischt, weshalb die Perspektive für mich die Ich-Perspektive mit dem Spiel der Distanz - wie sie in einem Traum möglich ist - mischt. Unter diesem Aspekt ist es auch nicht ungewöhnlich, wenn in der Nachschau vom eigenen Tod - als Brücke - berichtet wird.
In meinen Augen einer der "persönlichsten /direktesten" Texte von Kafka.

Auch der Abschnitt "Zu mir, zu mir. …" sehe ich in diesem Zusammenhang als Selbstaufforderung des Träumers oder Denkers, der sich in diesem Moment als Brücke erlebt.

Der Abschnitt "Und ich drehte mich um, um ihn zu sehen.- Brücke dreht sich um!" empfinde ich als eine der elementarsten Stellen und tatsächlich als Innenansicht, was ich gerne begründe: Eine Brücke als festes Bauwerk kann sich nicht umdrehen, ohne sich zu zerstören, weshalb es direkt danach auch dazu kommt. Der Ich-Erzähler zeigt auf, dass wenn er sich - seine Persönlichkeit - dreht, bedeutet es seine Vernichtung. Betrachte ich den Text als Ganzes und ich komme zu meiner anfänglichen Einordnung als persönlichsten und direktesten Text Kafkas zurück, interpretiere ich den Text als Darstellung seiner sexuellen Zerrissenheit, einem Versuch, sich gegen seine (möglicherweise vorhandenen) homosexuellen Neigungen zu wehren, was ihm allerdings nicht gelingt. Unter diesem Aspekt sehe ich auch die Wortwahl des "Versuchers".
Ich könnte hier noch viel mehr ins Detail gehen, möchte aber gerne erst andere Meinungen lesen und würde mich freuen, wenn es hier im Faden zu einem regen Austausch darüber kommt.
In diesem Sinne: Danke Willi Wamser für diesen Faden,
viele Grüße
Piratin


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Nina
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BeitragVerfasst am: 08.03.2018 20:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo zusammen,

auch von mir ein Danke an Willi fürs Besprechen dieses überaus interessanten Kafka-Textes. Auch für mich hat dieser Text nichts mit einem Traum zu tun.

Kafka ist ein Meister in der Übersetzung realer Geschehen in kurze, prägnante Bilder und Texte. Ich verstehe den Ich-Erzähler als einen "Kafka-Stellvertreter", der etwas erlitten hat und erleidet.

Der Ich-Erzähler als Brücke, als jemand, den andere brauchen um von einer, auf die andere Seite zu kommen. Sicher von einer auf die andere Seite. Die Brücke als starke Kraft zwischen zwei verschiedenen Orten, Ufern, Perspektiven und Plätzen.
Die Brücke als Mittel, als Weg. Eigentlich ist ja Jesus der Weg, so heißt es, hier ist der Ich-Erzähler der Weg und führt von einer auf die andere Seite. Die Brücke bietet Halt, man kann von einer auf die andere Seite kommen, ohne nasse Füße zu bekommen, es ist ein kurzer Weg, ein direkter Weg.

Der Ich-Erzähler ist steif und kalt und unter ihm der Abgrund. Er ist die Brücke, er krallt sich fest, verbindet, versucht es. Es kostet ihn Kraft, er ist schon ganz steif geworden, in dieser Position und Lage zu sein. Es ist ihm kalt geworden, dort zu sein, ja, sein zu müssen. Er hat sich "irgendwie festgebissen", wie er sagt.
Die Art, wie er beschreibt dort, in dieser Not-Lage zu hängen, zeigt, dass es nicht geplant war, nicht seine eigentliche Absicht ist, er ist in diese Situation hinein geraten. Die Situation hat es erfordert, er hängt dort, steif und kalt, sein Rock hängt zu den Seiten, er flattert und unter ihm das rasende Wasser (... das rasende Wasser, ist das nicht ein beeindruckendes Bild?! Ich bin begeistert). Das rasende Wasser, es peitscht unter ihm, ihm ist kalt, er hängt über dem Abgrund, festgekrallt. Und unter ihm der Abgrund ... und der eisige Forellenbach.

Dem Ich-Erzähler, der unfreiwilligen Brücke ist klar, dass er ausharren muss (... also wartete ich, ich musste warten). Seine Situation, er scheint nicht genau zu wissen, wie lang er schon Brücke ist, vermutet aber wohl (s)einen Ausweg aus dieser Position/Situation: Die Brücke muss einstürzen.

Doch es gibt einen Zwischenfall. Ein Mann nähert sich der Brücke. Er will "zu mir, zu mir" ... das kann dafür stehen, dass die Brücke das denkt/annimmt, es kann aber auch ein Rufen sein. "Komm her ... zu mir, zu mir ...". Der Anvertraute ... wer mag das sein? Wer über eine Brücke geht, vertraut darauf, auf die andere Seite zu kommen. Im übertragenen Sinne wird der Brücke ein Mensch anvertraut, der die Brücke betritt.
Mir bereitet die Stelle mit dem Berggott Schwierigkeiten. Noch spricht sie nicht zu mir.

Der unsichere Schritt, der zugeschrieben wird, der ist in der Realität, beim wirklichen Überqueren der Brücke nicht da. Im Gegenteil: Besagter Anvertrauter ist forsch und grob und kommt mit einer Eisenspitze, durchwühlt den Ich-Erzähler und springt auf seinen Leib, dass es schmerzt. Es verwirrt ihn, die Brücke, es holt ihn zugleich aus der Starre heraus. Die Irritation ist es, die ihn sich bewegen, die ihn zurückblicken lässt. Doch dieses ist sein Ende, einerseits ist es eine Befreiung, denn der Brücke ist schon kalt, sie ist schon ganz steif und starr in dieser Haltung, in dieser Position und Lage, doch die Bewegung aus dieser Rolle (als Brücke) bedeutet seinen (befürchteten) Einsturz.

Wer ist es, der die Brücke zum Einsturz bringt/brachte? Wer besitzt so viel Kraft und Macht? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Die Brücke bewegt sich, durch so viel Grobheit und Gewalt von Außen.
Der Versucher, ist m.E. bibelbezogen der Teufel. Der Teufel ist der Angekündigte, der "die Menschen prüfen wird". In der Offenbarung heißt es:
Offenbarung 2,10
"Fürchte nichts von dem, was du erleiden wirst! Siehe, der Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet, und ihr werdet Drangsal haben zehn Tage lang. Sei getreu bis in den Tod, so werde ich dir die Krone des Lebens geben”
Das heißt also, dass es der Brücke nicht gelungen ist. Der Versucher, wer auch immer dieses hier in der Geschichte war, hat die Brücke zum Einsturz gebracht. Das Gefängnis war ja schon die Brücke. Die Krone des Lebens aber wartet nicht auf die Brücke, da sie dem Versucher nicht widerstehen konnte. Meine Interpretation: Das heißt, es wartet nach der Vernichtung kein Frieden und Seelenheil auf die Brücke.

Das fatale ist, dass die Brücke nicht glücklich ist, Brücke zu sein. Doch sie ist Brücke, weil ... das wird nicht klar aus diesem Text. Die Brücke will nicht Brücke sein, doch weiß sie, dass nicht-Brücke bedeutet, in den Abgrund zu stürzen, einzustürzen, vernichtet zu werden. Und so liest sich auch der letzte Abschnitt, als die Brücke, in der Bewegung noch, um heraus zu finden, wer oder was ihn da forderte? Doch die Bewegung gibt keine Antwort, sie bringt lediglich Zerstörung, Vernichtung.

Insgesamt ist die Brücke in großer Not, so oder so.
Spannender Text. Natürlich. Ist ja von Kafka. love

LG
Nina
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Piratin
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BeitragVerfasst am: 13.03.2018 15:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Nina,

so unterschiedlich kann man einen Text sehen Wink Das Gefühl, dass der Ich-Erzähler gebraucht wird in seiner Bestimmung als Brücke, habe ich überhaupt nicht gesehen. Seit Tagen denke ich nun darüber nach, denn die Ausgangssituation bestimmt die Deutungsrichtung des Textes. Da er tausend Abende bereits als Brücke verbracht hat, diese auf keiner Karte verzeichnet ist, denke ich, dass man diese Brücke an dieser Stelle nicht wirklich braucht. Wiederum sehe ich die von Dir erwähnte starke Kraft zwischen zwei Orten, Ufern, Perspektiven und Plätzen.
Vielleicht lässt er die ganze Zeit zuvor nicht los, weil dies den sofortigen Absturz in die Tiefe nach sich gezogen hätte. Eine Frage treibt mich damit jetzt um: Was für eine Erwartung hat der Ich-Erzähler an sich selbst als Brücke? Wie lange hatte er vor, durchzuhalten und wozu und für wen?
Ach - Kafka Buch


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Gast







BeitragVerfasst am: 18.03.2018 11:34    Titel: Antworten mit Zitat

Vielen Dank fürs Einstellen und die professionelle Erzählanalyse, ich habe davon keine Ahnung. Aber: Kafka war für mich eine der  Brücke zum Erwachsenwerden.

@alle:
Was ist eigentlich aus dem Springer geworden? Ist es möglich, dass Ich-Erzähler,  Brücke und Springer eins sind?

Herzliche Grüße
dulce
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Gast







BeitragVerfasst am: 27.03.2018 19:54    Titel: Antworten mit Zitat

Schade, dass hier keiner weiterforschen mag.

Herzliche Grüße
dulce
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Mardii
Stiefmütterle

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Beiträge: 1841



BeitragVerfasst am: 28.03.2018 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Willi, hallo ihr,

interessanter Faden, interessantes Thema. Habe die verschiedenen Interpretationen gelesen und mich gefreut wie verschiedene Sichtweisen es zu dem Text gibt. Meine eigene deckt sich zum Teil mit dem Gesagten, aber ich möchte noch ein paar Anmerkungen hinzufügen.

Der Text bietet eine Deutung, die ich so bisher noch nicht gefunden habe: Ein Mann (Kafka?) geht zu einer Schlucht und legt sich als Brücke darüber. Das würde eine Personifikation bedeuten. Die Bechreibung der Brücke in dem Text ist sehr personifiziert. Jemand krallt seine Füße in die Böschung, beißt sich darin fest. Rockschöße flattern im Wind. Jemand nähert sich, die "Brücke" kann ihn nicht identifizieren, weil sie anders herum liegt. Sie müsste sich umdrehen, um ihn oder es zu sehen.

Piratin hat Folgendes geschrieben:
Auch der Abschnitt "Zu mir, zu mir. …" sehe ich in diesem Zusammenhang als Selbstaufforderung des Träumers oder Denkers, der sich in diesem Moment als Brücke erlebt.


Ja, ich sehe es als eine Aufforderung aus dem Text heraus an eine imaginäre Person, an einen erhofften Leser.


Nina hat Folgendes geschrieben:
Der Ich-Erzähler als Brücke, als jemand, den andere brauchen um von einer, auf die andere Seite zu kommen. Sicher von einer auf die andere Seite. Die Brücke als starke Kraft zwischen zwei verschiedenen Orten, Ufern, Perspektiven und Plätzen.


Das interpretiere ich als die Personifizierung, als den Wunsch des Autors eine andere Rolle im Leben einnehmen zu könne. Vielleicht ist es ein unbewusster Wunsch, der Kafka dazu gebracht hat, den Text so zu schreiben.
Das würde ich sagen, dass es sich hier um ein Bild handelt, das so festgefügt ist, dass der Autor nicht daraus hervortritt.


Zitat:
Was ist eigentlich aus dem Springer geworden? Ist es möglich, dass Ich-Erzähler, Brücke und Springer eins sind?


Das wäre eine mögliche Interpretation.

LG Mardi


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Ridickully
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Gast







BeitragVerfasst am: 09.04.2018 20:43    Titel: Antworten mit Zitat

Möglich, ja vielleicht, danke Mardi!

(5)
Dann aber - gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal - sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend.
Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

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Willi Wamser hat Folgendes geschrieben:
Was bedeutet hier "Versucher"?


Willst du uns nicht deine Idee dazu erzählen, ww?

Herzliche Grüße!
dulce
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Mann wie ein Turm
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BeitragVerfasst am: 17.11.2018 00:58    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, der Kafka.
Schöne Überlegungen, die Ihr da anstellt. Aber sich um die Sache mit dem Berggott herum zu mogeln, scheint mir irgendwie falsch. Ein Berggott ist doch nichts anderes als ein Gott des Berges, das heißt, dass er die Landschaft hier, wo ein Fluss zu überbrücken ist beherrscht. Und dieser Berggott reagiert auf das Wanken des über ihn schreitenden Wanderers, indem er ihn ins Land schleudert. Wenn eine Brücke aber schleudert, dann doch hinab. Gerade so, wie es doch am Ende geschieht. Zwar ist vom Wanderer nicht mehr die Rede, aber wenn die Brücke stürzt, dann doch auch der Wanderer. Im übrigen ist diese Brücke ja eben nichts Sicheres. Denn obwohl sie sich ermahnt, sich zurechtzumachen, um den Wanderer sicher hinübergehen zu lassen, ist sie doch lediglich ein Balken ohne Geländer.
Wenn es dann zuerst heißt, eine Brücke könne erst dann aufhören Brücke zu sein, wenn sie einstürzt, und sie zum Schluss dann tatsächlich einstürzt, muss man im Blick behalten, ob es nicht genau das ist, was die Brücke eigentlich will: Nicht mehr dort liegen zu müssen. Dann erklärt sich auch in der Aufzählung der Versucher anders: Der Wanderer erscheint dann als jemand, der die Todessehnsucht der Brücke, herausfordert.
Im Ganzen sehe ich auf ganz anschaulicher Ebene die Geschichte als die einer einfachen Brücke, die einstürzt, weil ein unsicherer Wanderer hinüber geht, erzählt aus der Perspektive der Brücke. Und erst von solchem Verständnis her erlaubt sich eine metaphorische Interpretation meiner Ansicht nach.
Im Übrigen halte ich die Betrachtungen zu epistemologischen Spielräumen und Erzählinstanzen an diesem Text für wenig hilfreich.
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Willi Wamser
Schreiberassi


Beiträge: 47



BeitragVerfasst am: 16.12.2018 19:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Salute, Mann wie ein Turm!

Der Hinweis auf die Relevanz der Berg- und Brückenmetaphorik leuchtet mir sehr ein.
Dazu (siehe 2) erst einige Details, konzentriert auf den ersten Absatz.
Dann Weiterführendes unter (3).

(1) Text

Kafka: Die Brücke

(1)
Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten.

(2)
In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. - So lag ich und wartete; ich mußte warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

(3)
Einmal gegen Abend war es - war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, - meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.

(4)
Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen.

(5)
Dann aber - gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal - sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend.
Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

Kritische Ausgabe:
Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

(6)
Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.


(2) Der erste Absatz: Feinstruktur

Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich.

Bereits der erste Satz, ein dreiteilige Langsatz,  hat es in sich: drei kurze Sätze, ohne Bindewort nebeneinandergestellt. Zweimal ein Prädikatsnomen , einmal ein Adverbiale ("über einem Abgrund"). Dreimal das Pronomen ich, zweimal in Erststellung, dann in Endstellung. „Steifheit und Kälte“ als Attribute eines Ichs deuten auf eine Selbstwahrnehmung hin, sensomotorisch eine Rückmeldung über die Temperatur, das Wärmeempfinden und die Reduzierung jeder Bewegung.  Der zweite Satz wirkt wieder befremdlich. Ein Ich, das sich als Brücke bezeichnet. Sollte das Ich eine Person sein, so ist nur schwer an eine echte Brücke zu denken. Ein Gegenstand ist eben keine Person. So liegt nahe, dass Brücke hier aus dem Architekturbereich in den menschlichen Bereich übertragen wurde. Eine Metapher.

Auch damit hört das erste Verstehen nicht auf.  Das Präterium „war“ kann mit dem Hilfsverb einfach bezeichnen, dass eine Brückenexistenz dem Ich zugeordnet ist. Es ist zusätzlich möglich, dass die Brückenexistenz vergangen und vorbei ist.  Die Brücke war einmal, sie ist nicht mehr.

Das Präteritum des letzten Satz „lag ich“ changiert eher in einen Zustand, der noch nicht aufgehört haben muss.  Allerdings deutet sich im syntaktisch markierten, vor dem letzten Ich positionierten Abgrund an, was bei einer Brücke eine Rolle spielen kann. Sie ist normalerweise ein Bauwerk, das zwei geographische Punkte miteinander „künstlich“ verbindet und ein natürliches Hindernis der Bewegung von Menschen, ihre Geschäfte, ihrer Erkundungen zu überwinden hilft. Aber hier vielleicht, aufgrund der irgendwie porösen Situation, kann die menschliche Brücke ihre Funktion nur mit äußerster Anstrengung erfüllen: Gleich der nächste Satz nämlich signalisiert wieder das Amalgam von Bauwerk und menschlichem Körper. Eingebohrte Hände, Fußspitzen wohl auch eingebohrt. Bröckelnder Lehm, also kein fester Halt. Der Abgrund droht, die Brückenfunktion ist durch Einsturz trotz aller Anspannung gefährdet.

Die menschliche Gestalt, die da in Brückenformat liegt, dürfte trotz der „Rockschöße“ eher ein Mann sein. Das DWDS teilt mit, es handle sich bei „Rockschößen“ um das untere Stück am Rücken bestimmter Herrenjacken, das durch einen Schlitz in zwei Teile geteilt ist. Allerdings ist auch eine Redensart nicht ganz fern, die einem Menschen Unselbständigkeit attestiert, der noch immer an den Rockschößen seiner Mutter hängt. Immerhin scheint es sich bei dem Ich um ein männliches Exemplar zu handeln. Einmal, weil die Redensart von den Rockschößen der Mutter hier nicht bekräftigt wird. Dann weil die Formel der Selbstermächtigung „wie ein Berggott“ schleudre den Brückennutzer, falls er schwankt, an Land, eher als Selbstermannung zu lesen ist.



Bilder zu diesem Kurztext sind vorhanden. Die Künstler sind der wohl berechtigten Auffassung: dass die menschliche Brücke nicht mit dem Rücken nach unten und mit dem Gesicht nach oben gelagert ist. Sie könnte dann wohl ohne weiteres den Besucher sehen und erkennen. Aber der Besucher mit seinem Stock samt Eisenspitze bleibt ungesehen. Die Fragenkaskade stellt einen Vermutungskatalog auf: Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?
Kritische Ausgabe:
Wer war es? Ein Kind? Ein Turner? Ein Waghalsiger? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?

Demgemäß ist das folgende Video problematisch: Der Brückennutzer wird sichtbar. Und damit ist der Text aus seiner stimulierenden Ungewissheit herausgerissen und kollabiert in der youtube-Sequenz.

https://www.youtube.com/watch?v=FROh3Tvkw1U

(3) Rollenmodelle und der biografische Hintergrund: Unzulässige Verengung?

Damit kurz zu einer These von meinem Vorredner, der hier einen wütenden, situationsmächtigen Berggott ansetzt. Eine Instanz, die den Benutzer und sich selbst vernichten will (?):
Diese seltsame Brücke ermahnt sich ja, in einem besonderen Fall wie ein Berggott zu reagieren. Fragt sich halt sehr, ob sie sich berggottähnlich verhält.
Auch wird sie ja nicht unbedingt von einem in Wanken geratenen Wanderer betreten, vielmehr zeigt sich der mit seinen aggressiven Eingriffen recht dominant und so gar nicht als jemand, der einer Berggottbrücke unterlegen wäre. Der Einsturz der Brücke scheint auch den Absturz des Wanderes zu bedingen. Und dass er nicht mehr erwähnt wird, muss nicht ausschließen, dass er abgestürzt ist. Andererseits ist die Vernichtung der Brücke so dominant in den Fokus gerückt, dass man stutzig wirkt. Und der Typ, welcher die Brücke betritt und auch erkundet und auch ein wenig maltätiert, könnte ja auch ein "Vernichter" sein, so die Antwortversuche des Brückenichs.

Mir scheint, dass hier eine Art Tagtraum mit metaphorischen Texturen vorliegt und dass man ihn durchaus in einer angespannten Lebenssituation, in der man sich nur mit Mühe und Krallen vor dem Absturz bewahren kann, lokalisieren kann. Also die Zieldomäne: eine angespannte, kaum "überbrückbare" Lebensituation. Die Quelldomäne: eine Landschaft mit Abgrund, darüber die "labile" Brücke.
Im konkreten Fall:  Der Text wurde 1916/17 in einem kleinen Häuschen auf der Prager Burg geschrieben, das Schwester Otla ihrem Bruder jenseits von Familie und Büro als Schreibwerkstatt  zur Verfügung stellte, in einer Zeit, als die Verlobung Kafkas mit Felice Bauer immer wieder bedrohliche und bedrohte Züge annahm.
Kafka mag in unserem Text  durchaus die wahnsinnige Spannung zwischen Bürojuristerei und nächtlichem Schreiben abbilden.  Die dann noch zusätzlich durch die Anforderung, als Mann und Ehemann agieren zu können und jedenfalls zu sollen (Vaternorm), einen zusätzlichen tödlich-vernichtenden Spin erhält. Dass dieser Spin samt Selbstvernichtungswunsch oder Selbstvernichtungsvoraussahnung durchaus vorhergesehen, wenn auch nicht unbedingt sehr erwünscht ist, passt zu diesem Bild.

Immerhin scheint ja nach diesem Absturz aus der Spannungssituation das Brückenich noch sprechen/schreiben zu können. Die Schriftstellerexistenz ist nicht kaputt ... Im Gegenteil: Sie vermag im Schreiben die sprechende und stürzende und eingestürzte Brücke zu kreieren.
Andererseits, und  gar nicht so sehr anders: Der Leser, der diese Bilder wahrnimmt, wird wohl aus dem eigenen Erfahrungsbereich und dem dunklen Vorbewusstsein solche Konzepte und Lebenslandschaften in sich aufgeweckt finden? Kafkas Welt ist bei aller Unzugänglichkeit/Hermetik offen?


(still lächelnder Kafka)

greetse
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BeitragVerfasst am: 18.12.2018 09:21    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen,

das nenne ich einen interessanten Faden!
Alle geäußerten Ansätze sind in sich schlüssig.

Die Schwierigkeit des Textes liegt großenteils in seiner Ich-Form und dem gewählten Präteritum als Erzählzeit (wie bereits erwähnt).

Was wäre aber, wenn es sich bei der Brücke nicht um Kafka selbst, sondern um die Metapher für eine Frauengestalt handelte?  Nämlich um Felice Bauer?

https://www.kafka-prag.de/franz-kafka/kafka-und-die-frauen/felice-bauer/franz-kafka-und-felice-bauer.html
 
Kafka schildert seine Verlobte als kalt und wenig erotisch (in Felsen verwurzelt, Starre), die von ihrer Gefühlswelt abgeschnitten lebt (Wasser).  
Der Hauptbestandteil ihrer Beziehung war ein intensiver Briefwechsel. Zu einer körperlichen Beziehung ist es wohl nie gekommen.
Ein (männliches?) Herumstochern auf der Brücke bringt in dieser Hinsicht nichts.
Erst der aggressive Akt des Springens auf den Brückenleib schafft Erleichterung - und Tod (der Beziehung?).

Es gibt im Text zahlreiche Symbole, die für diese Deutung sprechen.

Zitat:

Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.


Mir ist natürlich bekannt, dass sich biographische Interpretationen in Fachkreisen keiner großen Beliebtheit erfreuen. Und das zu Recht.
Trotzdem ...  "Verwandlung" war ein großes Thema bei Kafka. Und ich traue ihm ohne weiteres zu, dass ihm hier eine kühne Parabel aus Sicht einer Frau gelungen ist.

m.


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Willi Wamser
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BeitragVerfasst am: 18.12.2018 13:24    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Salute in die Runde, Salute, menetekel.

Die Genderproblematik bei der Analyse des Textes ist evident. Die "Rockschöße" und ihre Semantik wurden bereits erwähnt.

Eher für ein metaphotisches Selbstporträt als wacklige Brücke spricht Kafkas Brief an Felice Bauer von 1913

Zitat:
Nun bedenke, Felice, welche Veränderung durch eine Ehe mit ums vorginge, was jeder verlieren und jeder gewinnen würde. Ich würde meine meistens schreckliche Einsamkeit verlieren und Dich gewinnen, die ich über allen Menschen liebe. Du aber würdest Dein bisheriges Leben verlieren, in dein Du fast gänzlich zufrieden warst. Du würdest Berlin verlieren, das Bureau, das Dich freut, die Freundinnen, die kleinen Vergnügungen, die Aussicht, einen gesunden, lustigen, guten Mann zu heiraten, schöne, gesunde Kinder zu bekommen, nach denen Du Dich, wenn Du es nur überlegst, geradezu sehnst. Anstelle dieses gar nicht abzuschätzenden Verlustes würdest Du einen kranken, schwachen, ungeselligen, schweigsamen, traurigen, steifen, fast hoffnungslosen Menschen gewinnen, dessen vielleicht einzige Tugend darin besteht, dass er Dich liebt. Statt dass Du Dich für wirkliche Kinder opfern würdest, was Deiner Natur als der eines gesunden Mädchens entsprechen würde, müßtest Du Dich für diesen Menschen opfern, der kindlich, aber im schlimmsten Sinne kindlich ist und der vielleicht im günstigsten Fall buchstabenweise die menschliche Sprache von Dir lernen würde. Und in jeder Kleinigkeit würdest Du verlieren, in jeder.

https://www.kafka-prag.de/franz-kafka/kafka-und-die-frauen/felice-bauer/franz-kafka-und-felice-bauer.html


Ein weiteres Argument: Die Brücke-Kurzprosa wurde wohl 1917 geschrieben. Das für Kafka fatale Verhörszenario im Hotel Askanischer Hof 1914 (Gretel Bloch) ist da schon länger vorbei, aber immerhin.
Im Jahr 1917 weiß Kafka von seiner Tuberkulose-Erkrankung (und beendet die Beziehung); Brief an Felice Bauer 30. September 1917:

Zitat:
Daß zwei in mir kämpfen, weißt Du. Daß der bessere der zwei Dir gehört, daran zweifle ich gerade in den letzten Tagen am wenigsten. Über den Verlauf des Kampfes bist Du ja durch 5 Jahre durch Wort und Schweigen und durch ihre Mischungen unterrichtet worden, meistens zu Deiner Qual. Fragst Du mich, ob es immer wahrhaftig war, kann ich nur sagen, daß ich keinem Menschen gegenüber bewußte Lügen so stark zurückgehalten habe oder um noch genauer zu sein, stärker zurückgehalten habe als gegenüber Dir. Verschleierungen gab es manche, Lügen sehr wenig, vorausgesetzt daß es überhaupt „sehr wenig“ Lügen geben kann. Ich bin ein lügnerischer Mensch, ich kann das Gleichgewicht nicht anders halten, mein Kahn ist sehr brüchig. Wenn ich mich auf mein Endziel hin prüfe, so ergibt sich, daß ich nicht eigentlich danach strebe ein guter Mensch zu werden und einem höchsten Gericht zu entsprechen sondern, sehr gegensätzlich, die ganze Menschen- und Tiergemeinschaft zu überblicken, ihre grundlegenden Vorlieben, Wünsche, sittlichen Ideale zu erkennen, sie auf einfache Vorschriften zurückzuführen und mich in dieser Richtung möglichst bald dahin zu entwickeln, daß ich durchaus allen wohlgefällig würde, undzwar (hier kommt der Sprung) so wohlgefällig, daß ich, ohne die allgemeine Liebe zu verlieren, schließlich, als der einzige Sünder der nicht gebraten wird, die mir innewohnenden Gemeinheiten, offen, vor aller Augen ausführen dürfte. Zusammengefaßt, kommt es mir also nur auf das Menschengericht an und dieses will ich überdies betrügen, allerdings ohne Betrug. Wende dies auf unsern Fall an, der kein beliebiger ist, vielmehr mein eigentlich representativer Fall. Du bist mein Menschengericht. Diese zwei, die in mir kämpfen oder richtiger, aus deren Kampf ich bis auf einen kleinen gemarterten Rest bestehe, sind ein Guter und ein Böser; zeitweilig wechseln sie diese Masken, das verwirrt den verwirrten Kampf noch mehr; schließlich aber konnte ich, bei Rückschlägen bis in die allerletzte Zeit doch glauben, daß es zu dem Unwahrscheinlichsten (das Wahrscheinlichste wäre: ewiger Kampf) das dem letzten Gefühl doch immer als etwas Strahlendes erschien, kommen werde und ich, kläglich, elend geworden durch die Jahre, endlich Dich haben darf. Plötzlich zeigt sich daß der Blutverlust zu stark war. Das Blut, das der Gute (jetzt heißt er uns Guter) vergießt um Dich zu gewinnen, nützt dem Bösen. Dort wo der Böse, wahrscheinlich oder vielleicht, aus eigener Kraft nichts entscheidend Neues mehr zu seiner Verteidigung gefunden hätte, wird ihm dieses Neue vom Guten geboten. Ich halte nämlich diese Krankheit im Geheimen gar nicht für eine Tuberkulose, oder wenigstens zunächst nicht für eine Tuberkulose, sondern für meinen allgemeinen Bankrott. Ich glaubte es ginge noch weiter und es ging nicht. – Das Blut stammt nicht aus der Lunge, sondern aus dem oder aus einem entscheidenden Stich eines Kämpfers. Dieser eine hat nun an der Tuberkulose eine Hilfe, so riesengroß etwa, wie ein Kind an den Rockfalten der Mutter. Was will der andere noch? Ist der Kampf nicht glänzend zuende gefochten? Es ist eine Tuberkulose und das ist der Schluß.

Kafka, Franz: Briefe an Felice Bauer und andere Korrespondenzen aus der Verlobungszeit. Frankfurt: Fischer 2016, S. 495f.


Schließlich noch der  an Felice Bauer, 30. März 1913

Zitat:
Ich fange noch immer nicht an, ich bin zu unruhig, ich liebe Dich zu sehr. Ich wäre Dir unentbehrlich geworden sagst Du? Gebe es Gott, schreit es aus mir und ich soll diesen Schrei mit der Hand ersticken? Mein ganzer heutiger Schlaf war in den verschiedensten Beziehungen von dem Gedanken daran erfüllt, daß ich heute keinen Brief bekomme. Er kam auch nicht und ich spürte es früher in der Kehle, ehe ich die Worte des Dienstmädchens verstand. Dispensieren soll ich Dich vom Briefe schreiben? Liebste, das wäre wenig. Aber von mir Dich befreien, das wäre eine gute Leistung. Aber ich kann ja eben nicht einmal auf die Briefe verzichten. Ich bin von dem Bedürfnis nach Nachrichten von Dir ganz durchsetzt. Zu den nebensächlichsten Lebensäußerungen bekomme ich nur durch Deine Briefe Fähigkeit. Um den kleinen Finger richtig zu rühren, brauche ich Deinen Brief. Und wie soll ich nur auf Nachrichten verzichten, da ich höre, daß Dir nicht gut ist, daß Du noch immer hustest, daß Du Dich kaput fühlst. Wenn es nur so wäre, wie zur Zeit, da alles in mir gelöst war und ich richtig schreiben konnte! Da fühlte ich mich Dir beim Briefschreiben näher als sonst, heute wollte ich, wenn mir das möglich wäre, den Schreibtisch gar nicht verlassen, um keinen Augenblick dieses Beisammenseins zu verlieren. Manchmal in der Verzweiflung, wenn nichts anderes übrig bleibt, tröste ich mich noch mit solchen unbegründeten Hoffnungen. Wenn ich z.B. im Bureau auch mit der zweiten Post keinen Brief bekommen habe und nun gar nicht weiß, was anfangen und die Entschlußkraft auch zum geringsten Diktieren fehlt und die gesamte Unfallversicherung, so provisorisch sie in meinem Kopfe steckte, nun gänzlich sich aus mir entfernt und jeder kleine Aushilfsbeamte mehr weiß und besser auf seinem Platze ist als ich, dann sage ich mir manchmal: Sei nicht traurig, Du wirst ihr Nachmittag desto länger schreiben und desto länger Dich ihr ganz verbunden fühlen. Es liegt ja nur in Deiner Hand.“ Nun ist das aber leider völlig falsch. Wenn ich Dir nicht schreibe, bin ich Dir viel näher, wenn ich auf der Gasse gehe, und überall und unaufhörlich mich etwas an Dich erinnert, wenn ich allein oder unter Leuten Deinen Brief an das Gesicht drücke und den Geruch einatme, der auch der Geruch Deines Halses ist, – dann halte ich Dich fester im Herzen als jemals. Ach Gott, es ist ja noch ärger und es ist die Hand meines Unglücks, die sich bis in die Tiefen durchtastet: Am Telephon des Askanischen Hofes war ich Dir näher, fühlte die Seligkeit einer Verbindung mehr, als vorher auf dem Baumstamm im Grunewald.

Liebste! Liebste! Liebste! Wie versinkt demgegenüber der Name Franz!


Ein fast schon zu aufschlussreicher Brief über die Scheu Kafkas vor körperlicher Nähe. Inwieweit hier dann - sit  venia -die Attraktivität oder erotische Offenheit von F.B. mit hineinspielt, ist die Frage. Aber wohl von geringerer Bedeutung.

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BeitragVerfasst am: 18.12.2018 18:05    Titel: Antworten mit Zitat

Du überzeugst mich nicht vollständig (siehe auch Liska, Vivian), die eine vergleichbare (?) Deutung liefert.

Aber kehren wir zu dem zurück, was geschrieben steht:
Es gibt zwei Unwägbarkeiten, die durch eine Brücke im Oben und einem eisigen Abgrund im Unten verbunden sind.
Ein männlicher Wanderer betritt die Brücke und versucht sie, zunächst unsicher, zu überqueren. Die Brücke aber wünscht stete Festigkeit und Mut.

Zitat:
Wer war er (der Wanderer)? Ein Kind? Ein Traum, Ein Wegelagerer?


Was spricht eigentlich dagegen, jeweils eine Unwägbarkeit Kafka selbst und die andere seiner zwiefach Anverlobten zuzuordnen? Ähnlich dem Verlauf der Königskindermär können sie nicht zueinanderfinden.

Die Brücke wird vom Erzähler mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet (klammernd, festbeißend, schwankend), trägt also Kafkas Züge, aber auch die der  wenig entscheidungsfreudigen Felice.

Zitat:
So lag ich und wartete ; ich musste warten. Ohne einzustürzen, kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.


Gruß
m.


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BeitragVerfasst am: 18.12.2018 18:58    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Salute, die Analyse von  Ruth Gross ist spannend. Ja. (Das Kafkabuch von Jahraus u.a. gibt den knappen Hinweis.) Hier eine Schlüsselstelle aus ihrem Aufsatz. Hat ziemlich viele Widerworte ausgelöst.



Der Deutungsspielraum des Kafkatextes  - immens.

Nochmal Ruth Gross:

Zitat:
The bridge that speaks is the bridge that has fallen. lt has fallen under the weight of meaning, fallen at its very first inscription, fallen away from a logic that always makes its "point," and that some, today, call logo­ centric or phallocentric. The narrator, this rare "female" voice, starts out from her fallen position; she has fallen before she can tell us of her fatal in­ scription.


Die Facetten in Kafkas Bio - (viel zu) viele.

Beste Grüße
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BeitragVerfasst am: 19.12.2018 17:29    Titel: Antworten mit Zitat

https://www.dsfo.de/out.php?url=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DFROh3Tvkw1U

Ich finde den Clip großArtig.
Die Brücke und der Wanderer sind äußerlich (fast) identisch, und auch der Rabe schmiegt sich ins Geschehen, ein angedeuteter Denkprozess, eine Fantasie als einzig wirklich Lebendiges in einer Welt der "Angestorbenen" (von Pnin geklaut Cool ) . ---

Wer fertigt eigentlich die Bilder im Faden? Du?

Falls ja: Daumen hoch smile extra

Gruß
m.


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