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Ausgelöscht


 
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Calvin Tower
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 34
Beiträge: 138



BeitragVerfasst am: 31.12.2017 11:46    Titel: Ausgelöscht eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Hallo Zusammen,

ich bin neu hier und noch grün hinter den Ohren, was das Schreiben angeht. (siehe Beitrag im Vorstellungsbereich)

Vor dem diesjährigen Oktober habe ich mir keine Gedanken über das Schreiben gemacht. Seit dem habe ich einen Plot ausgearbeitet und die ersten 23.000 Wörter des Romans geschrieben. Inhaltlich steht die Handlung, die Charakter haben ein Leben rund um die Geschichte und unterschiedliche Ansichten, was zu ständigen Konflikten führt. Einzelne Details werden beim Tippen entwickelt und in die Handlung eingebaut, wen sinnvoll.

Mit der Qualität der Texte bin ich jedoch nicht zufrieden und will daran arbeiten. Dazu braucht es einen Blick, der nicht rosarot eingetrübt ist.
Deshalb meine Bitte: zerpflückt den Text, tobt euch aus, gebt mir konstruktive Kritik.
Es wird wehtun, das ist mir klar, aber ohne wird es nicht besser werden und das ist mir wichtiger.

Der Roman gehört in die Kategorie Psychothriller und hat den Arbeitstitel »Ausgelöscht«, nachdem eine Freundin den Titel »Schuld ohne Sühne« nicht ansprechend fand. Anscheinend macht es in diesem Fall keinen Sinn das Thema des Buches auch als Titel zu verwenden. Smile

Wem die kryptische Zusammenfassung gefällt, darf gerne weiterlesen. Alle anderen haben sicherlich was Besseres zu tun, um ihre Zeit damit zu verschwenden.

In Scarborough wird ein toter Hund gefunden. In seinem Maul ein ausgebranntes Polaroid, über seinem Herzen eine weiße Lilie mit einem roten Fleck und um ihn herum Steinsymbole. Detective Inspector Pierce ist entschlossen alles zu tun, um einen zwei Jahre alten Vermisstenfall zu lösen und sich selbst zu retten ... auch wenn es bedeutet ungewohnte Freundschaften zu schließen.

Beste Grüße
Calvin


Hier nun das zweite Kapitel des Romans:

2. Kapitel – Mort bekommt einen Anruf

Kurz vor acht Uhr abends war das Revier wie ausgestorben. Nur vereinzelt saßen Mitarbeiter noch an ihren Arbeitsplätzen und starrten wie die lebenden Toten auf die Monitore.
Mort rieb sich die Augen. Wie hatte es nur soweit kommen können? Solange er denken konnte, wollte er Detective werden. Vor nicht einmal zwei Monaten schien der Traum in greifbare Nähe gerückt.

Nachdem die National High-Tech Crime Unit die Tore schließen musste, hieß es, dass jeder Polizist zumindest Grundfertigkeit im Umgang mit elektronischen Straftaten haben sollte. Ein verständlicher Wunsch, wenn man bedachte, wie verbreitet Computer waren, auch unter Verbrechern. In der Realität stieß dieses Ansinnen der Politik aber auf kaum Gegenliebe. Mort hatte das erkannt, ebenso den ungedeckten Bedarf und war freudig in die klaffende Lücke gesprungen. Ein Leben ohne Technik war für ihn unvorstellbar. Er war damit aufgewachsen, hatte Computer eigenhändig zusammengebaut und repariert. Das war genau sein Ding. Er hatte eine zukunftssichere Beschäftigung gefunden, die ihm sogar Spaß machte.

Es fehlte nur noch die Arbeit auf der Straße. Nicht etwa als Bobby. Nein, auf Uniformen stand er nicht. Er wollte die Kriminellen in zivil in den Gassen der Stadt jagen. Er wollte draußen sein. Da, wo die Musik spielte. Auge in Auge mit dem Verbrechen. Somit hatte er sich in das Trainee Detective Constable Programm eingeschrieben. Die Prüfungen waren ein Klacks. Danach kam der entscheidende Moment. Er wurde Detective Inspector Pierce zugeteilt. Zunächst fand er DI Pierce etwas schräg, aber er lernte viel von ihm. Alles lief nach Plan.

Dann ging es komplett in die Hose.

Nun saß er auf unbestimmte Zeit am Schreibtisch fest, war dem Spott und Hohn seiner Kollegen ausgesetzt und durfte den Handlanger für die wahren Detectives spielen, die aber keinen Bock auf Computer hatten. Dabei konnte er sich noch verdammt glücklich schätzen. Wäre Pierce nicht für ihn eingetreten, dann müsste er sich jetzt nach einer anderen Beschäftigung umsehen. Eins war so sicher wie das Amen in der Kirche: Er stand in Pierces‘ Schuld.

»Hey, Zombieboy. Du siehst aus, als hättest du dringend einen Kaffee nötig.«
Andy war einer der wenigen Kollegen, die ihn wegen der Geschichte nicht dauernd aufzogen und eine von zwei Person, die Mort hatte missionieren können. In einer von Tee dominierten Kultur stach er mit seiner Vorliebe für die dunkle Brühe nicht unbedingt positiv heraus. Er hatte heute bereits mehr als genug Kaffee getrunken. Auf seiner Zunge hat sich eine Patina gebildet, die einen schalen Geschmack nach Espresso und Keksen hinterließ. Aber alte Gewohnheiten sterben langsam. Er griff nach der Tasse und klaubte einen Keks aus der Packung Peanut-Cookies. »Kaffee klingt toll«, sagt er mit einem Grinsen.
»Ich verstehe nicht, wie du die ganze Zeit diesen Mist essen und trotzdem wie ein halbes Hemd aussehen kannst.«
»Ich treibe viel Sport ... mit deiner Mutter.«
»Echt, jetzt? Willst du es dir auch noch mit mir verscherzen?«
Er wusste, dass seine vorlaute Art maßgeblich für die aktuelle Lage verantwortlich war, trotzdem konnte er sie nicht abschalten. Es sprudelte schlichtweg aus ihm heraus, wie eine instinktive Reaktion.
»Tut mir leid. So was rutscht mir einfach raus.«
»Ist schon gut. Jetzt lass uns einen Kaffee trinken und Pläne füs Wochenende schmieden. Machst du was mit der süßen Reporterin? Wie heißt sie noch gleich? Nein, sag’s mir nicht. Ich komm selber drauf. Irgendwas mit D....« Andy hatte sich mitten im Satz umgedreht und lief zielstrebig Richtung Kaffeemaschine.
Mit einem Bissen verschlang Mort den Keks und nahm zwei weitere aus der Packung, bevor er Andy folgte. Er kam jedoch nicht weit, ehe sein Telefon klingelte.

Mort verharrte in der Bewegung, drehte sich um und ging auf die Zehnspitzen, um auf seinen Arbeitsplatz zuschauen. Mit 1,63 m war ihm diese Bewegung über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen. Die Welt war nicht für kleine Menschen gemacht. An seinem Telefon leuchtete in regelmäßigem Rhythmus ein rotes Lämpchen.
Kann nicht wichtig sein, dachte er, trotzdem lief er nicht weiter. Er rang mit seinem Pflichtgefühl. Er spielte wiedermal sein kindisches Spiel. Wenn es noch 7 mal klingelt, dann gehe ich ran. Er wartete und zählte mit. Zwei, Drei, Vier.
»Kommst du nun oder nicht?«, blaffte Andy.
Sechs, Sieben. Andy stieß einen Seufzer aus und schaut zu Andy. »Ich muss da ran gehen. Ich komm schnell nach.«
»Du kommst immer schnell.«
Mort warf Andy einen Blick zu. Andy grinste und hob die Hände in einer Geste, die sagen sollte: Wie du mir, so ich dir. Mort schüttelte den Kopf. Touché.

Bis er an seinem Arbeitsplatz war, hatte das Telefon aufgehört zu klingeln. Er ließ sich in den Stuhl fallen, biss ein Stück Keks ab und nutzte die Wahlwiederholung. Mit Kaffee schmeckten die Kekse eindeutig besser. Ein kurzer Anruf und ich kann mich mit einem Kaffee belohnen.
»John.«
»Hi, John. Mort hier. Du hast eben versucht, mich zu erreichen.«
»Schön, dass du dich auch mal bequemst ans Telefon zu gehen.«
»Ich hatte alle Hände voll zu tun.« Er legte die Hand auf die Sprechmuschel und flüsterte im Nachsatz »mit deiner Mutter.«
»Die Verbindung war grad schlecht. Ich habe das Ende nicht verstanden.«
»Nicht wichtig. Was gibt’s?« Mort bis ein Stück Keks ab.
»Wie auch immer. Du hattest mich ja gebeten anzurufen, wenn ich von einem toten Hund höre.«
»Ich hoffe, dieses Mal hast du mehr als nur einen überfahrenen Köter.«
»Nein, nein. Es ist genau das, wonach du suchst. Ein toter Hund, an einer abgelegenen Stelle, mit einem Polaroid im Maul.«
Bei dem letzten Zusatz schoß Adrenalin durch Morts Körper. Instinktiv richtete er sich auf, klemmte den Hörer zwischen Schulter und Kopf, griff nach der Maus und öffnete eine neue Notiz. »Wo wurde der Hund gefunden?«
»Außerhalb von Scarborough. Du folgst der Hay Lane, dann der Suffied Hill, an der Abzweigung zu Kirk Gate oder Storr Lane fährst du aber gerade aus. Da gibt es eine kleine Schotterpiste, die weiter in den Wald hineinführt. Der Kadaver liegt auf der rechten Seite.«
Mort tippte simultan das Gesagte ein.
»Danke, John. Du hast was gut bei mir.«
Damit legte er auf und starrte einen Moment gedankenverloren auf die Notiz.

Das war die Chance einen Teil seiner Schuld zu begleichen. Pierce hatte dauernd von dem ungelösten Vermisstenfall von vor zwei Jahren erzählt, bei dem nur der tote Hund gefunden wurde. Also hatte Mort seine Verbindung im Netz genutzt und seine Angel ausgeworfen. In der Hoffnung, den dicken Fisch zu fangen. John hatte vor einigen Wochen bereits angerufen. Es war aber eine Niete gewesen. Das aber klang nach einem Jackpot. Er musste Pierce informieren.

Mort wählte die Nummer von Pierce. Das Telefon klingelte und klingelte. Er wollte schon auflegen und es unter einer anderen Nummer versuchen, als das Klingeln verstummt. In die Stille sagte er: »Hi Robert, hier ist Mort.«
»Was gibt es?«
Das war typisch für Pierce, kein »Hallo«, kein »wie geht es dir«, keine Floskeln.
»Ich habe eine Info, die dich interessieren wird.« Mort wollte die Spannung steigern und wartete auf eine Rückfrage. Aber die Leitung blieb stumm. Er hielt es nicht mehr aus und fragte: »Bist du noch da, Robert?«
»Ja, bin ich. Spiel keine Spielchen mit mir, sondern sag, wieso du anrufst.«
»Nun, dieses Mal ist es echt. Ich versprech’s dir. Es gibt wieder einen toten Hund, aber dieses Mal mit einem Polaroid im Maul.
»Wo?«
»Im Wald hinter Scarborough. Kennst du die Abzweigung nach Kirk Gate und Storr Lane?«
»Ja.«
»Dort muss es wohl auch einen kleinen Weg geben, der geradeaus führt, wenn du von der Hay Lane kommst.«
»Ok, bin unterwegs.«
»Ich komm‘ dazu.«
»Nein, bleib wo du bist. Sorg dafür, dass die Spurensicherung so schnell wie möglich kommt.«
»Robert, das kann ich nicht.«
»Doch, du kannst und du wirst.«
»Aber dann muss ich zur Queen. Du weißt, wie sie auf mich reagiert ... seit der Sache.«
»Mort, tu es einfach.« Und damit war die Leitung tot.

Er saß mit dem Hörer in der Hand da und starrte in die Luft. Bilder sprudelten in ihm hoch wie CO2 Blasen in einer geschüttelten Cola. Queen, wie sie ihn nach dem Zwischenfall in ihr Büro rief. Wie sie ihn mit hochrotem Kopf zusammenstauchte. Mort schüttelte den Kopf und legte den Hörer auf.
Wie konnte Pierce ihm das antun? Pierce wusste doch, wie furchterregend die Queen sein konnte. Er musste sich beruhigen. Er brauchte einen Kaffee. Dringend. Was gab es besseres als einen Kaffee um runter zu kommen? Er nahm seine Tasse und lief schnurstracks zur Kaffeemaschine. Andy kam ihm entgegen und sagte etwas, das er aber nicht registrierte. Bei der Maschine angelangt, schenkte er sich eine Tasse voll ein und kippte sie einem Zug herunter.
Der Kaffee verbrannte ihm die Zunge und lief wie Säure seinen Hals hinab.
Er schenkte direkt nach und nahm einen zweiten Schluck.
»Lassen Sie auch den anderen etwas übrig, Constable Rainey.«
Bei der Stimme setzte sein Herz einen Schlag aus. Er verschluckte sich und kämpfte einen Hustenanfall herunter. Sein Hals brannte, seine Augen tränten.
Sie steht hinter mir.
Es hieß, jetzt oder nie. Er drehte sich langsam um und setzte mit geröteten Augen sein charmantestes Lächeln auf.
»Hallo, Chief Superintendent Queen.«



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“Books aren't written - they're rewritten. Including your own. It is one of the hardest things to accept, especially after the seventh rewrite hasn't quite done it.” - Michael Crichton
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kioto
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Alter: 66
Beiträge: 337
Wohnort: Rendsburg


BeitragVerfasst am: 31.12.2017 14:47    Titel: Re: Ausgelöscht Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Tower,

Dein Text lässt sich gut und leicht lesen und macht Lust aufs weiterlesen. Da ich gerne mal Krimis lese, habe ich mich schnell rein gefunden. Formale Fehler sind mir nicht aufgefallen, ein paar Anmerkungen zum Stil habe ich in den Text eingefügt. Nimm sie als Vorschläge.

Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:


Hier nun das zweite Kapitel des Romans:

2. Kapitel – Mort bekommt einen Anruf

Kurz vor acht Uhr abends war (Allerweltswort, besser wirkte? Es gibt hier im Forum Schreibratgeber mit Listen von Worten, die man vermeiden, ersetzen sollte) das Revier wie ausgestorben. Nur (Überflüssig?) vereinzelt saßen Mitarbeiter noch (Diti.?) an ihren Arbeitsplätzen und starrten wie die lebenden Toten auf die Monitore.
Mort rieb sich die Augen. Wie hatte es nur soweit kommen können? Solange er denken konnte, wollte er Detective werden. Vor nicht einmal zwei Monaten schien der Traum in greifbare Nähe gerückt. (Zu rücken?)

Nachdem die National High-Tech Crime Unit die Tore schließen musste, hieß es, dass (Dass Satze sind unschön - Gab die Führung die Parole aus,) jeder Polizist sollte zumindest Grundfertigkeit im Umgang mit elektronischen Straftaten haben (besser erwerben?) sollte. Ein verständlicher Wunsch, wenn man bedachte, wie verbreitet Computer waren, auch unter Verbrechern. In der Realität stieß dieses Ansinnen der Politik aber auf kaum (kaum auf oder auf wenig) Gegenliebe. Mort hatte das erkannt, ebenso den ungedeckten Bedarf (die Chance erkannt, die sich ihm bot) und war freudig in die klaffende Lücke gesprungen. Ein Leben ohne Technik war für ihn unvorstellbar. Er war damit aufgewachsen, hatte Computer eigenhändig zusammengebaut und repariert. Das war genau sein Ding. Er hatte eine zukunftssichere Beschäftigung gefunden, die ihm sogar Spaß machte.

Es fehlte nur noch die Arbeit auf der Straße. Nicht etwa als Bobby. Nein, auf Uniformen stand er nicht (Dienst in Uniform reizte ihn nicht -
 Umgangssprache eher in wörtlicher Rede
. Er wollte die Kriminellen in zivil in den Gassen der Stadt jagen. Er wollte draußen sein. Da, wo die Musik spielte. Auge in Auge mit dem Verbrechen. (Vielleich etwas zu pathetischSomit hatte er sich in das Trainee Detective Constable Programm eingeschrieben. Die Prüfungen waren ein Klacks (Umgangssprache). Danach kam der entscheidende Moment. Er wurde Detective Inspector Pierce zugeteilt. Zunächst fand er DI Pierce etwas schräg (Umgangssprache, ev. näher beschreiben, welche Macken ihm auffielen odre was er an dem DI ablehnte, aber er lernte viel von ihm. Alles lief nach Plan.

Dann ging es komplett in die Hose. (Umgangssprache? geht es aus Kapitel 1 hervor, was ihm mißlungen ist?)

Nun saß er auf unbestimmte Zeit am Schreibtisch fest, war dem Spott und Hohn seiner Kollegen ausgesetzt und durfte den Handlanger für die wahren Detectives spielen, die aber keinen Bock (Umgangssprache) auf Computer hatten. Dabei konnte er sich noch verdammt glücklich schätzen. Wäre Pierce nicht für ihn eingetreten, dann müsste er sich jetzt nach einer anderen Beschäftigung umsehen. Eins war so sicher wie das Amen in der Kirche: Er stand in Pierces‘ Schuld.

»Hey, Zombieboy. Du siehst aus, als hättest du dringend einen Kaffee nötig.«
Andy war einer der wenigen Kollegen, die ihn wegen der Geschichte nicht dauernd aufzogen und eine von zwei Person, die Mort hatte missionieren können. In einer von Tee dominierten Kultur stach er mit seiner Vorliebe für die dunkle Brühe nicht unbedingt positiv heraus. Er hatte heute bereits mehr als genug Kaffee getrunken. Auf seiner Zunge hat sich eine Patina gebildet, die einen schalen Geschmack nach Espresso und Keksen hinterließ. Aber alte Gewohnheiten sterben langsam. Er griff nach der Tasse und klaubte einen Keks aus der Packung Peanut-Cookies. »Kaffee klingt toll«, sagt er mit einem Grinsen.
»Ich verstehe nicht, wie du die ganze Zeit diesen Mist essen und trotzdem wie ein halbes Hemd aussehen kannst.«
»Ich treibe viel Sport ... mit deiner Mutter.« (Abgedroschen, ansonsten gefallen mir die Dialoge)
»Echt, jetzt? Willst du es dir auch noch mit mir verscherzen?«
Er wusste, dass seine vorlaute Art maßgeblich für die aktuelle Lage verantwortlich war, trotzdem konnte er sie nicht abschalten. Es sprudelte schlichtweg aus ihm heraus, wie eine instinktive Reaktion.
»Tut mir leid. So was rutscht mir einfach raus.«
»Ist schon gut. Jetzt lass uns einen Kaffee trinken und Pläne füs Wochenende schmieden. Machst du was mit der süßen Reporterin? Wie heißt sie noch gleich? Nein, sag’s mir nicht. Ich komm selber drauf. Irgendwas mit D....« Andy hatte sich mitten im Satz umgedreht und lief zielstrebig Richtung Kaffeemaschine.
Mit einem Bissen verschlang Mort den Keks und nahm zwei weitere aus der Packung, bevor er Andy folgte. Er kam jedoch nicht weit, ehe sein Telefon klingelte.
.........


Ich hoffe, die vielen Anmerkungen schocken nicht zu sehr, sind ja nur meine Eindrücke. Wenn das deine ersten Gehversuche sind, ist es schon sehr gut. Schreibe weiter!

Gruß Werner


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Stanislav Lem: Literatur versucht, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich zu beschreiben, man erfährt fast alles über fast nichts.
Phantastik beschreibt ungewöhnliche Dinge (leider m.M.) meist gewöhnlich, man erfährt fast nicht über fast alles.

Gruß, Werner am NO-Kanal
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Calvin Tower
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

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Beiträge: 138



BeitragVerfasst am: 01.01.2018 10:53    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Lieber Werner,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Sie ist für mich vollkommen nachvollziehbar und hilft mir ungemein weiter. Mir war nicht klar, wie häufig ich in die Umgangssprache zurückfalle. Smile

Die nächsten Tage bin ich im Urlaub und habe viel Zeit das Feedback einzuarbeiten. Sowohl in diesem konkreten Kapitel als auch in den restlichen.


Zum Inhaltlichen:
Der Leser erfährt erst im letzten Drittel, wieso Mort im Innendienst festsitzt. Bis dahin gibt es unterschiedliche Hinweise, aber keine Aufklärung. In der Geschichte spielt eine junge Reporterin (Dana) eine wichtige Rolle. Sie hatte sich an Mort ran geschmissen, ihn dann aber auf Distanz gehalten. Im letzten Drittel ergibt sich fast schon zufällig ein Date. Sie haben beide Hunger und Dana schlägt einen Schnellimbiss vor. Dort angekommen weigert, sich Mort rein zu gehen. Sie lässt ihn stehen und geht alleine rein. Mort beobachtet von außen wie sie mit dem Besitzer redet. Als sie raus kommt, grinst sie ihn an und sagte: »Also deine Mutter?«
Beide landen in einer Kneipe und er erzählt ihr die Geschichte seiner Mutter (Prostituierte) und wieso er diese schlechten Witze reißt. Bei dieser Gelegenheit erzählt er ihr auch, dass der Außendienst nichts für ihn ist. Er mag es im Innendienst, weiß aber nicht, wie er es Pierce sagen soll.

Der Leser weiß in dieser Situation mehr als Mort und daraus ergibt sich eine gewisse Ironie. Mort und Pierce könnten beide mit der Situation zufrieden sein, gestehen es sich aber nicht ein, weil sie den Erwartungen des anderen entsprechen wollen.
Pierce arbeitet lieber allein, sieht sich aber genötigt, Mort jedes Mal zu fragen, ob er mit will.
Mort ist zufrieden im Innendienst, muss sich dann aber irgendeinen fadenscheinigen Grund ausdenken, wieso er ja gerne mit käme, es aber nicht kann.

Eine typische Bromance. Smile

Beste Grüße
Calvin


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AchimS
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Wohnort: Bayreuth


BeitragVerfasst am: 02.01.2018 19:52    Titel: Re: Ausgelöscht Antworten mit Zitat

Hi,

ich hab aus zeitgründen nur einen Überflug gemacht. Erster Eindruck: liest sich schonmal gut. Ein paar Dinge, die mir auffielen, hat mein Vorposter ja schon genannt.

Eine Sache ist mir noch aufgefallen: die Dialoge - ziemliche Gähner, wenn Du mich fragst Smile

Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:
»Hi Robert, hier ist Mort.«
»Was gibt es?«
Das war typisch für Pierce, kein »Hallo«, kein »wie geht es dir«, keine Floskeln.
»Ich habe eine Info, die dich interessieren wird.« Mort wollte die Spannung steigern und wartete auf eine Rückfrage. Aber die Leitung blieb stumm. Er hielt es nicht mehr aus und fragte: »Bist du noch da, Robert?«
»Ja, bin ich. Spiel keine Spielchen mit mir, sondern sag, wieso du anrufst.«
»Nun, dieses Mal ist es echt. Ich versprech’s dir. Es gibt wieder einen toten Hund, aber dieses Mal mit einem Polaroid im Maul.
»Wo?«
»Im Wald hinter Scarborough. Kennst du die Abzweigung nach Kirk Gate und Storr Lane?«
»Ja.«
»Dort muss es wohl auch einen kleinen Weg geben, der geradeaus führt, wenn du von der Hay Lane kommst.«
»Ok, bin unterwegs.«
»Ich komm‘ dazu.«
»Nein, bleib wo du bist. Sorg dafür, dass die Spurensicherung so schnell wie möglich kommt.«
»Robert, das kann ich nicht.«
»Doch, du kannst und du wirst.«
»Aber dann muss ich zur Queen. Du weißt, wie sie auf mich reagiert ... seit der Sache.«
»Mort, tu es einfach.« Und damit war die Leitung tot.


Dialoge schreibt man (ich will nicht altklug klingen, bin selber ziemlich grün, aber soviel ich weiß, ist das schon so) nicht so, wie sie sich tatsächlich zutragen würden. Das ganze Bestätigen und hin- und herdiskutieren liest sich nicht gut.

Konkret könnte man z.B. die Abstimmung des Ortes (also wo es genau hingehen soll) aus der wörtlichen Rede rausnehmen und einen Zwischen- oder Endsatz wie "Er gab ihm noch eine Wegbeschreibung und verabschiedete sich..." einbauen.

Außerdem fehlen noch einige Begleitsätze. Da kommt man sonst zu leicht durcheinander, wer eigentlich was sagt und der ganze Dialog könnte dadurch noch an Farbe gewinnen.

Just my 2 cents!

Achim
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Calvin Tower
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 34
Beiträge: 138



BeitragVerfasst am: 05.01.2018 20:29    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Achim,

zunächst konnte ich mit deinem Hinweis nicht so viel anfangen, aber das lag an meinem fehlenden Verständnis.

Ich habe mich ein wenig in die Thematik eingelesen. Wow, was für ein riesiges Thema! Kannst du mir Literatur dazu empfehlen?

»Schau mir in die Augen, Kleines«: Die Kunst der Dialoggestaltung (Praxis Film) von Oliver Schütte finde ich äußerst interessant, auch wenn es Dialoge im Film behandelt. Hast du davon schon gehört?

Mir ist es im Moment wichtig die Geschichte runter zuschreiben, bevor ich in die unzähligen Korrekturschleifen gehe. In einer Schleife werde ich auf jeden Fall die Dialoge überarbeiten.

An einem Dialog habe ich versucht die Tipps umzusetzen. Wie gefällt dir folgendes?

»Was gibt’s, John?«, fragte Mort.
»Schön, dass der Herr sich auch mal bequemt ans Telefon zu gehen.«
»Ich hatte alle Hände voll zu tun«, sagte Mort, legte dann die Hand auf die Sprechmuschel und flüsterte im Nachsatz »mit deiner Mutter.«
»Das habe ich gehört. Der Preis ist so eben auf einen 18-jährigen Mortlach gestiegen«, dröhnte John's Bariton durch den Hörer.
»Nach der letzten Niete kannst du froh sein, wenn es ein Jack Daniels wird.«, erwiderte Mort.
»Er hat ein Polaroid im Maul«, sagte John siegessicher.
Adrenalin schoß durch Mort’s Körper. Instinktiv richtete er sich auf, klemmte den Hörer zwischen Schulter und Kopf, griff die Maus und öffnete eine neue Notiz: »Wo?«
»Haben wir einen Deal?«
»Deine Mutter dealt. Jetzt sag schon«, schoss es ungefiltert aus Mort’s Mund.
»Also doch ein 25-jähriger.«
»Ja, ja, ja. Was immer du willst.«
»Du bist so leicht zu reizen«, sagte John mit einem Lachen und gab die Wegbeschreibung durch.
Mort knallte den Hörer auf das Telefon.


Beste Grüße und vielen Dank für deinen Hinweis

Calvin


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AchimS
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Alter: 41
Beiträge: 51
Wohnort: Bayreuth


BeitragVerfasst am: 05.01.2018 22:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Calvin,

das ist ein bisschen so wie wenn sich ein Einäugiger mit einem Blinden unterhält Smile Will damit sagen, ein Experte bin ich ja auch nicht. Ich habe auch noch keine Literatur zum Thema Dialoge gelesen, weil ich meine eigenen Dialoge erstmal meinen Kritiklesern aussetzen möchte, um dann zu sehen, ob und wo ich nachbessern muss.

Zu Deiner Überarbeitung kann ich schonmal sagen: so gefällt es mir schon viel besser! Aus den Begleitsätzen geht mir noch zu wenig hervor, mit wem Mort da spricht, aber es wirkt schon viel lebendiger und der Handlung zuträglicher.

Ich hab einfach mal in grün ein paar Notizen reingemalt. Schau mal, ob es hilfreich für Dich ist.

Zitat:
»Was gibt’s, John?«, fragte Mort.
»Schön, dass der Herr sich auch mal bequemt ans Telefon zu gehen.«, sagte wer?
»Ich hatte alle Hände voll zu tun«, sagte Mort, legte dann die Hand auf die Sprechmuschel und flüsterte im Nachsatz »mit deiner Mutter.«
»Ich hatte alle Hände voll zu tun...«, sagte Mort. Er legte die Hand um die Sprechmuschel und sprach leise »...mit deiner Mutter!«
»Das habe ich gehört. Der Preis ist so eben auf einen 18-jährigen Mortlach gestiegen«, sagte John drohend.
»Nach der letzten Niete kannst du froh sein, wenn es ein Jack Daniels wird.«, erwiderte Mort.
»Er hat ein Polaroid im Maul«, sagte John siegessicher. , konterte John. Er war sicher, der Whisky würde ihm gehören.

Adrenalin schoß durch Mort’s Körper. Instinktiv richtete er sich auf, klemmte den Hörer zwischen Schulter und Kopf, griff die Maus und öffnete eine neue Notiz: ...


Ab diesem letzten Satz wird's für mich ein bisschen viel des guten. Noch eine Runde in diesem Spielchen zwischen Mort und John? Wäre mir zu langatmig. Was ist gemeint mit "Deine Mutter dealt"? Überhaupt verstehe ich den Mutter-Bezug nicht - auch oben.

Vielleicht ist in diesem Dialog zu viel drin und es wäre eine Idee, ihn auf das Aushandeln des Whisky-Preises für die Information zu reduzieren. Dabei könnte man schön das Spielchen zwischen Mort und John rausarbeiten, meinst Du nicht?

LG
Achim
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Weltenbastler
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BeitragVerfasst am: 05.01.2018 23:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Calvin,

Dein Text lässt sich leicht lesen, und am Stil kann man sicher arbeiten.
Ich würde AchimS gerne eine Frage stellen.

Warum sollte ein Autor mehr Begleitsätze ausschmücken? Ich persönlich sehe die Überarbeitung nicht als Verbesserung und finde auch nicht,
dass die Dialoge dadurch lebendiger wurden sondern aufgebläht wirken.

Beispiel:

Zitat:
»Was gibt’s, John?«, fragte Mort.


Vielleicht auch Geschmackssache, aber wer soll denn sonst fragen, wenn sich nur die beiden miteinander unterhalten?
Solche Dialoge hinterlassen bei mir immer den Eindruck, als würde der Autor für unaufmerksame Leser schreiben.
Warum erwartest Du als Leser eine Bestätigung, wenn offensichtlich ist, wer gerade das Wort hat?
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AchimS
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BeitragVerfasst am: 06.01.2018 16:13    Titel: Antworten mit Zitat

@Weltenbastler: ich kann auch nur meine Meinung sagen. Bei einem Dialog, der über 5-10 Wechsel geht, und komplett auf Begleitsätze verzichtet, verliere ich persönlich schnell den Überblick. Vielleicht gehöre ich damit ja zu einer Minderheit, aber erwähnt haben wollte ich es schon.

Das ganze ist so völlig losgelöst natürlich auch schwierig zu betrachten. Wie gut ein Dialog wirklich ist (im Sinne von Leser fesseln, Handlung weiterbringen etc.), zeigt sich ja erst im Gesamtkontext. Ich will damit nur sagen, dass es m.E. kein Pauschalrezept gibt, wie viele Begleitsätze mit welchem Inhalt nötig sind, sondern dass man immer testen muss, wie so ein Dialog im Kontext der restlichen Erzählung wirklich funktioniert.

LG
Achim
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kioto
Geschlecht:männlichHobbyautor

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Beiträge: 337
Wohnort: Rendsburg


BeitragVerfasst am: 06.01.2018 18:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo

@Weltenbastler schrieb:  
Zitat:
ich kann auch nur meine Meinung sagen. Bei einem Dialog, der über 5-10 Wechsel geht, und komplett auf Begleitsätze verzichtet, verliere ich persönlich schnell den Überblick. Vielleicht gehöre ich damit ja zu einer Minderheit, aber erwähnt haben wollte ich es schon.


Ich glaube, es kommt auch wesentlich auf den Inhalt des Dialoges an. Wenn man es schaft, die Persönlichkeit oder die aktuelle Meinung des jeweils Sprechenden in den Dialogen mit auszudrücken, kann auch ein längere Dialog ohne "Sagte X" funktionieren und irgenwie sollte dies auch das Ziel sein, denn sonst landet man leicht bei den Waltons "Papa sagte und dann sagte Mutter und Oma sagte...." (Waltons Fans bitte ich um Entschuldigung). Ist wahrscheinlich nicht ganz einfach und auch nicht immer möglich.

Gruß Werner


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Stanislav Lem: Literatur versucht, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich zu beschreiben, man erfährt fast alles über fast nichts.
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Gruß, Werner am NO-Kanal
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RememberDecember59
Geschlecht:weiblichAutor


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Wohnort: Franken


BeitragVerfasst am: 06.01.2018 18:28    Titel: Re: Ausgelöscht Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Tower,
ich lass auch mal meine Meinung da und hoffe, sie bringt dich weiter. smile Lässt sich für meinen Geschmack flüssig lesen und mich haben auch die Dialoge nicht gestört. Dass Mort gerne "Deine Mutter"-Witze macht, find ich ziemlich lustig. Laughing

Ich finde eher den Anfang nicht so gelungen. Diesen Abschnitt hier:


Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:


2. Kapitel – Mort bekommt einen Anruf

Kurz vor acht Uhr abends war das Revier wie ausgestorben. Nur vereinzelt saßen Mitarbeiter noch an ihren Arbeitsplätzen und starrten wie die lebenden Toten auf die Monitore.
Mort rieb sich die Augen. Wie hatte es nur soweit kommen können? Solange er denken konnte, wollte er Detective werden. Vor nicht einmal zwei Monaten schien der Traum in greifbare Nähe gerückt.

Nachdem die National High-Tech Crime Unit die Tore schließen musste, hieß es, dass jeder Polizist zumindest Grundfertigkeit im Umgang mit elektronischen Straftaten haben sollte. Ein verständlicher Wunsch, wenn man bedachte, wie verbreitet Computer waren, auch unter Verbrechern. In der Realität stieß dieses Ansinnen der Politik aber auf kaum Gegenliebe. Mort hatte das erkannt, ebenso den ungedeckten Bedarf und war freudig in die klaffende Lücke gesprungen. Ein Leben ohne Technik war für ihn unvorstellbar. Er war damit aufgewachsen, hatte Computer eigenhändig zusammengebaut und repariert. Das war genau sein Ding. Er hatte eine zukunftssichere Beschäftigung gefunden, die ihm sogar Spaß machte.

Es fehlte nur noch die Arbeit auf der Straße. Nicht etwa als Bobby. Nein, auf Uniformen stand er nicht. Er wollte die Kriminellen in zivil in den Gassen der Stadt jagen. Er wollte draußen sein. Da, wo die Musik spielte. Auge in Auge mit dem Verbrechen. Somit hatte er sich in das Trainee Detective Constable Programm eingeschrieben. Die Prüfungen waren ein Klacks. Danach kam der entscheidende Moment. Er wurde Detective Inspector Pierce zugeteilt. Zunächst fand er DI Pierce etwas schräg, aber er lernte viel von ihm. Alles lief nach Plan.

Dann ging es komplett in die Hose.

Nun saß er auf unbestimmte Zeit am Schreibtisch fest, war dem Spott und Hohn seiner Kollegen ausgesetzt und durfte den Handlanger für die wahren Detectives spielen, die aber keinen Bock auf Computer hatten. Dabei konnte er sich noch verdammt glücklich schätzen. Wäre Pierce nicht für ihn eingetreten, dann müsste er sich jetzt nach einer anderen Beschäftigung umsehen. Eins war so sicher wie das Amen in der Kirche: Er stand in Pierces‘ Schuld.


Die Vorgeschichte kommt mir irgendwie schnell abgehandelt vor, oder geht es darum auch schon im ersten Kapitel? Braucht man die Infos jetzt schon oder kann man Morts Werdegang auch nach und nach erläutern? Auf mich wirkt es so, als würdest du gerne klar machen wollen, dass Mort in Pierces Schuld steht, weil du das zum weiterschreiben brauchst. Aber dann lässt du doch die Info raus, weshalb genau das jetzt so ist (oder hab ich was überlesen?!) und was genau in die Hose gegangen ist. Dadurch wirkt das Ganze auf mich so ein bisschen unelegant oder nicht wirklich gut durchdacht.


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Kobold: "Hätte mich das jemand anders gefragt, o Herr, der ihr Schrecklich und Unübertrefflich seid, hätte ich ihn einen Dummkopf genannt, bei Euch jedoch ist diese Frage ein Zeichen jener entwaffnenden Schlichtheit, welche der Born aller Tugend ist. ..."

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Calvin Tower
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BeitragVerfasst am: 08.01.2018 16:11    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo RememberDecember59,

danke für deinen Gedankenanstoß. Ich hatte bisher nicht daran gedacht, die Infos aufzuteilen und im Verlauf der Geschichte zu streuen.

Kannst du mir noch sagen, ob ich folgende Ziele bei dir als Leserin erreicht habe?

1. Du weißt, dass Morts Expertise bei IT liegt.

2. Du weißt, dass Mort den Drang hat als »vollwertiger« Detective auf der Straße zu sein. (Im Laufe der Geschichte wird das hinterfragt und führt zu dem ein oder anderen Konflikt)

3. Du weiß, dass er das Gefühl hat in Pierces‘ Schuld zu stehen, seit dieser einen Situation. (Auch das wird später hinterfragt)

4. Du willst wissen, was eigentlich vorgefallen ist?
(Im Laufe der Geschichte gibt es einzelne Hinweise darauf und im letzten Drittel wird es dann aufgelöst)

Beste Grüße
Calvin


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RememberDecember59
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BeitragVerfasst am: 08.01.2018 16:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Tower,
jaja, die Ziele hast du schon erreicht - nur eben auf eine Art und Weise, die ich als ungeschickt und ein bisschen pump empfinde. Laughing Die Frage, die ich mir stelle ist eher, ob du all diese Ziele schon innerhalb von wenigen Absätzen erreichen musst, oder ob du dir dafür nicht ein paar Seiten mehr Zeit lassen könntest. Die Dialoge und die Handlung funktionieren ja erstmal auch ohne diese Infos.
Ist aber nur meine bescheidene Meinung dazu. smile


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Calvin Tower
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BeitragVerfasst am: 11.01.2018 11:43    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo RememberDecember59,

freut mich, dass meine Punkte beim Leser ankommen.

Deine Hinweise finde ich sinnvoll und bin seit Tagen am überlegen, wie ich das entzerre und welche Hintergrund-Infos ich wo einfließen lasse.

Es wird aber einige Zeit dauern, bis ich die Überarbeitungen fertig habe. Zunächst möchte ich die Geschichte in ihren groben Zügen runter schreiben. Dann werde ich korrigieren und anpassen.
Beste Grüße
Calvin


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Calvin Tower
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BeitragVerfasst am: 17.01.2018 07:55    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Zusammen,

mich interessiert euer Feedback zu einem Ausschnitt einer Szene.

Die Geschichte ist weiter voran geschritten. Ein Mädchen, Emily, wurde als Vermisst gemeldet. Die grobe äußerliche Beschreibung des Mädchens hat einen Verdacht beim Detective geweckt. Er ist im verlassenen Haus des Mädchens, um seinen Verdacht zu überprüfen.

Hilfreich wäre für mich ein Feedback zu folgenden Fragen:

- Kommt rüber, dass der Detective sich verbunden fühlt mit Rebecca?
- Wie findet ihr die Beschreibung der Träume? [Intention war es liebevoll klingen zu lassen]
- Ist der letzte Satz zu Klischee?
- Was haltet ihr von der Sprache?

- Wenn euch noch etwas auffällt, dann nur raus damit. Smile

Beste Grüße
Calvin


Hier nun der Auszug:

Als Nächstes suchte er etwas, das es in jedem Mädchenzimmer gab. Er fand es in der gegenüberliegenden Ecke des Raums, neben dem Stuhl, den Emily als Kleiderablage nutzte.

Der Schminktisch sah wie ein Erbstück aus. Die Farbe blätterte teilweise ab und die angeschlagenen Kanten zeugten von mehreren Umzügen. Auf der Ablage türmten sich verschiedene Tuben, Tiegel und Bürsten. Darüber hing ein ovaler Spiegel eingelassen in Holz mit Rosenverzierungen, an dem diverse Schnappschüsse klebten. Die Bilder bestätigten den Verdacht, der ihn ohne Umwege in das Haus dirigiert hatte und verstohlen wanderte seine Rechte zum Herzen.

Das Gesicht auf den Fotografien begleitete ihn seit Jahren durch die Nächte. Manchmal saß er mit ihr in einem Café in Florenz. Die Sonne brach sich in ihrem Ebenholzhaar, der Aperol färbte ihre hohen Wangen, ihre vollen Lippen umspielten eine Traube, bevor sie ein Stück abbiss und sich ein Lächeln, wie ein Fächer, um ihre Mandelaugen legte. In anderen Nächten schaute er auf sie hinab. Käfer flohen vor dem Schein seiner Taschenlampe, versteckten sich in ihrer Mundhöhle oder krochen in die Ohren. Ihre Wangen waren eingefallen, das Haar vertrocknet und die Lippen verschwunden zu Gunsten eines grauenhaften Grinsens. Aber die Augen lebten, folgten ihm, wenn er sich bewegte, fixierten seinen Blick, bis er es nicht mehr ertrug und sich zu ihr ins Grab legte und beide mit einer Decke aus Hundefell zudeckte.

Pierce wurde sich bewusst, dass er wieder den Gegenstand in der Hemdtasche betastete. Er zwang die Hand weg davon. Schloss die Lider und versuchte seinen Geist zu klären, indem er an nichts dachte, außer den Zahlen, die er bis zehn hoch zählte. Wenn sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund drückte, schob er ihn beiseite und fing von vorne an.

Die Zeit verstrich, während er immer wieder neu anfing. Bei Zehn öffnete er schließlich die Lider und betrachte die Bilder mit frischen Augen. Auf den zweiten Blick erkannte er die sichtbaren Unterschiede zwischen Emily und Rebecca, die über den Altersunterschied hinausgingen. Die Haarfarbe war ähnlich, jedoch fehlte der braune Glanz. Emily’s Augen hatten die Farbe von Bernstein und nicht von dunklem Honig. Aber vor allem stimmte der Mund nicht. Die Oberlippe verjüngte sich zu sehr zu den äußeren Rändern hin.

Schwestern, dachte er.

Er betrachtete die weiteren Fotos.
Viele Schnappschüsse zeigten Emily gemeinsam mit einem gleichaltrigen blonden Mädchen. Er nahm ein Foto mit, auf dem die Gesichter beider deutlich in ihren Details zu sehen waren.

Er hatte, weshalb er gekommen war, und verließ das Zimmer. Bevor er die Stufen hinabstieg, probierte er die Tür in der Falle, doch sie war abgeschlossen. Er griff über den Türrahmen, auf der Suche nach dem Schlüssel, den er nicht fand. Auf dem Weg zur Treppe stieß er die zweite, angelehnte Tür auf und sah sich im Badezimmer um. Außer einer angebrochenen Packung Kohletablette auf dem Rand des Waschbeckens erschien ihm nichts weiter auffällig.

Er stieg hinab ins Erdgeschoss, warf einen flüchtigen Blick ins Wohnzimmer, in dem sich nichts verändert hatte, und verließ das Haus auf dem gleichen Weg, über den er es betreten hatte.

In Gedanken vertieft, setzte er sich in den Wagen und begab sich auf den Weg zu Mort, ohne die Gestalt zu bemerken, die ihn aus den Schatten beobachtete.


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RememberDecember59
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BeitragVerfasst am: 18.01.2018 21:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Tower! Smile
Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:
- Kommt rüber, dass der Detective sich verbunden fühlt mit Rebecca?

Ja, ich finde, das wird deutlich. Es klingt, als wäre er in sie verliebt gewesen.
Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:

- Wie findet ihr die Beschreibung der Träume? [Intention war es liebevoll klingen zu lassen]

Hm, „liebevoll“ trifft es irgendwie weniger als „kitschig“. Laughing Ebenholzhaar, hohe Wangen, volle Lippen, Mandelaugen in der Farbe von dunklem Honig – das ist ja wirklich das volle Programm. Fehlt eigentlich nur noch Haut wie Samt und Elfenbeinteint.  Wink

Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:

- Ist der letzte Satz zu Klischee?
 

Die „Gestalt im Schatten“ ist natürlich nicht sehr originell. Ich würde es vielleicht anders formulieren, aber sonst finde ich’s schon in Ordnung.
Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:

- Was haltet ihr von der Sprache?


Die finde ich in Ordnung, wenn man vom bereits angesprochenen Kitsch absieht.
Was mir noch aufgefallen ist: Schminktische in Mädchenzimmern – ich glaube nicht, dass ich sowas tatsächlich schon mal außerhalb eines Films gesehen habe. Laughing  Aber ist nicht so wichtig. Was ich aber nicht verstanden habe ist, inwieweit er seinen Verdacht bestätigt sieht, als er die Fotos findet. Das Mädchen ist verschwunden, wieso denkt er, dass es sich um Emily handeln könnte?


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BeitragVerfasst am: 19.01.2018 08:10    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Morgen RememberDecember59,

also doch zu viel Süßholzgeraspel bei der Beschreibung von Rebecca. Smile Da muss ich mir etwas einfallen lassen.

Danke auch für den Hinweis mit dem Schminktisch. Ich muss den ersten Satz umformulieren. Die Ergänzungen, die ich mit der Zeit eingefügt habe, haben den Sinn verändert.
Im ersten Entwurf lautete der Satz noch:
Als Nächstes suchte er etwas, das es in jedem Mädchenzimmer gab. Er fand es am andere Ende des Raumes am Spiegel kleben. Schnappschüsse von lachenden Jugendlichen.
Durch die Überarbeitung klingt es jetzt so, als ob es in jedem Mädchenzimmer Schminktische gäbe. Eigentlich meinte ich aber Fotos von Freunden. Sich kaputt lachen

Zitat:
Was ich aber nicht verstanden habe ist, inwieweit er seinen Verdacht bestätigt sieht, als er die Fotos findet. Das Mädchen ist verschwunden, wieso denkt er, dass es sich um Emily handeln könnte?


Das wird in der vorhergehenden Szene erklärt, die ich hier ausgelassen habe, damit der Auszug nicht zu lang wird.
Pierce weiß bis dahin noch nicht, ob es überhaupt ein verschwundenes Mädchen gibt, geschweige denn, wie sie heißt oder aussieht. Dann wird tatsächlich ein Mädchen vermisst gemeldet (Emily) und die Beschreibung des Mädchens erinnert ihn an Rebecca. (Das Mädchen, das zwei Jahre zuvor verschwunden ist.) Er will überprüfen, ob die beiden sich tatsächlich ähnlich sehen und fährt zu Emily's Haus. Er hat den Einfall/Verdacht, dass der Entführer die Mädchen aufgrund ihres Aussehens aussucht und entführt.

Wird es damit verständlicher?

BG
Calvin


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RememberDecember59
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BeitragVerfasst am: 19.01.2018 15:52    Titel: Antworten mit Zitat

Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:

Durch die Überarbeitung klingt es jetzt so, als ob es in jedem Mädchenzimmer Schminktische gäbe. Eigentlich meinte ich aber Fotos von Freunden. Sich kaputt lachen


Ah ok, ich hab mich schon gewundert. Laughing

Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:

Pierce weiß bis dahin noch nicht, ob es überhaupt ein verschwundenes Mädchen gibt, geschweige denn, wie sie heißt oder aussieht. Dann wird tatsächlich ein Mädchen vermisst gemeldet (Emily) und die Beschreibung des Mädchens erinnert ihn an Rebecca. (Das Mädchen, das zwei Jahre zuvor verschwunden ist.) Er will überprüfen, ob die beiden sich tatsächlich ähnlich sehen und fährt zu Emily's Haus. Er hat den Einfall/Verdacht, dass der Entführer die Mädchen aufgrund ihres Aussehens aussucht und entführt.

Wird es damit verständlicher?


Ja, so wird es mir verständlicher. Ich hatte es irgendwie anders rausgelesen, aber wie du sagst: war ja nur ein kurzer Ausschnitt. smile


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BeitragVerfasst am: 07.02.2018 13:44    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Zusammen,

kurzes Update: Mit dem Projekt geht es insgesamt gut voran.

An einem Schlüsselabschnitt knabbere ich jedoch seit 2 Wochen. Überarbeitete, verwerfe, revidiere, verzweifle.

Längst habe ich das Gefühl für den Text verloren. Es wird Zeit ihn mit anderen Augen zu betrachten. Insgesamt betrifft es drei aufeinander folgende Kapitel, die ich nacheinander mit eurer Hilfe verbessern will.

 - Eine Verfolgungsjagd, der meiner Meinung nach die Spannung fehlt.
 - Eine Sequenz, in der es mir nicht gelingt, den Charakter emotional passend darzustellen.
 - Einen Showdown, mit wechselndem POV, bei dem kein Suspense aufkommt.

Aber vielleicht seht ihr das anders oder könnt mir sagen, wo ich nacharbeiten muss. Mit eurer Hilfe möchte ich die einzelnen Abschnitte verbessern.

Hier nun das erste Kapitel aus dem Dreiergespann - Die Verfolgungsjagd.
Persönlich finde ich es anstregend längere Texte im Forum zu lesen, kann aber verstehen, dass es Vorteile hat bei der Korrektur. Deshalb für alle die sich trauen eine pdf zu öffnen, anbei das Kapitel auch in besserer Formatierung.

Beste Grüße und hoffentlich zumindest ein bisschen Spaß beim Lesen.
Calvin


Kapitel - Der Halloween Abend (Die Verfolgungsjagd)


Der Tag war vorbei und Pierce hatte nichts in den Händen außer einer halb leeren Tüte mit Einkäufen. Die Schlange an der Kasse schritt im Gänsemarsch einen Meter vor.
Wie die Ermittlungen, dachte er, schlurfte mit und sah aus dem Fenster.

Auf den Straßen streiften verkleidete Menschen umher. Geister, Vampire und andere Monster aus Märchen und Film erschreckten oder umarmten sich gegenseitig und tranken miteinander. Halloween war längst nicht mehr nur ein Fest für Kinder.

Pierce hatte nichts für Verkleidungen übrig. Außerdem waren die wahren Monster ebenso wenig leicht auszumachen, wie sie sich unter Betten versteckten. Sie wandelten offen im Tageslicht, wohnten neben an und versteckten sich hinter einer Maske aus nachbarschaftlicher Freundlichkeit.

Ein weiterer Schritt mit der Schlange, ein weiterer Gedanke.

Mort hatte den Peilsender repariert und Pierce war die Fundorte der Hunde abgefahren, in der Hoffnung das Halsband mit Hilfe des Empfängers zu finden. Anschließend hatte er auch auf dem Feld, das Emma ihm genannte hatte, sein Glück versucht. Das Empfangsgerät war an allen drei Orten stumm geblieben. Er war sich nicht einmal sicher, ob es funktionierte und mit dem Sender gekoppelt war. Mort hatte ihm nichts Verlässliches über die Reichweite sagen können. Das Original, meinte er, habe einen Radius von 250 Metern. Das chinesische Imitat wurde mit den gleichen Angaben beworben, doch Mort zweifelte am Wahrheitsgehalt der Aussage.

Pierce war endlich am Förderband angelangt. Er beobachtete den Kassierer, wie er die Einkäufe des Vordermanns über den Scanner zog. Jeder Artikel wurde mit einem Piepsen quittiert und anschließend vom Kunden verstaut. Dann piepste es mehrmals hintereinander. Der Kassierer hielt inne. Obwohl keine weiteren Artikel gescannt wurden, piepste es weiter. Der Verkäufer sah sich verwundert um. Die Einkäufer wurden fahrig, beäugten die Kasse skeptisch und ahnten schlimmes für ihren Feierabend. Eine Handvoll scherte aus und pilgerte zu einer anderen Kasse, in der Hoffnung, eine nutzbringende Entscheidung getroffen zu haben.

Pierce spürte eine Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich um und sah einen Jugendlichen in einem roten Kostüm mit einem gelben Blitz auf der Brust. »Hey Mann, Sie piepsen«, sagte Flash zu ihm und zeigte auf sein Jackett.

Er griff in die Tasche und holte den Empfänger für den Peilsender hervor. Die Skala zeigte einen geringen Ausschlag an.

Piep. Einige Sekunden danach wieder. Piep. Wie ein EKG.

Ohne einen weiteren Gedanken ließ er die Einkäufe fallen und eilte aus dem Geschäft heraus. Draußen hob er den Empfänger in die Luft und schwenkte ihn hin und her, wie ein Ertrinkender eine Notsignalfackel schwenken würde. Das Signal kam von Westen.

Pierce spurtete zu seinem Wagen, riss die Tür auf und warf sich auf den Fahrersitz. Mit einem Dreh des Handgelenks feuerte er die Maschine an, legte den Rückwärtsgang ein, ließ die Kupplung kommen und gab Gas. Der Motor heulte auf. Es quietschte. Metall schabte auf Metall. Der Ford bewegte sich nicht.

Er fluchte. Der Rückwärtsgang zickte häufiger, weil er nicht richtig einrastete. Er kuppelte wieder aus, wackelte mit dem Schaltknüppel vor und zurück und riss ihn dann mit aller Kraft nach hinten. Mit einem Blick über die Schulter ließ er die Kupplung schnappen. Der Wagen sprang aus der Parklücke. Pierce kurbelte am Lenkrad, trat die Bremse und knüppelte den ersten Gang rein. Es quietsche wieder, doch dieses Mal roch er verbranntes Gummi, das er auf dem Asphalt zurückließ.

Der Schutzpatron der Autofahrer hielt seine schützende Hand über ihn. Die erste Ampel, auf die er zu raste, strahlte in einem optimistischen Grün.

Er trat das Gaspedal durch.

Die Zweite sprang auf Rot. Er blieb auf dem Gas. Bevor die anderen Verkehrsteilnehmer anfuhren, schoss er über die Kreuzung. Der Empfänger piepste hektischer. Als würde ein Kanarienvogel im Stollen ersticken.

Vor ihm schlichen zwei Wägen. Sie fuhren auf gleicher Höhe nebeneinander, einer kaum schneller als der andere.

Er boxte die Hupe, blendete auf und drückte sich zwischen den beiden durch. Sie quittierten seinen Fahrstil mit einer Huporgie.

Das Manöver hatte ihn vom Peilsender abgelenkt. Er lag in der Mittelkonsole und Pierce sah, dass der Ausschlag auf der Skala abfiel.

Der Entführer entfernt sich.

In Gedanken spielte er die Routen durch.

Der Entführer ahnte nichts von der Verfolgungsjagd. Er hielt sich somit an das vorgeschriebene Tempo. Pierce nicht. Er hatte ihn zügig ein- und dann überholt. War er auf einer Parallelstraße unterwegs? In dieselbe Richtung oder in die entgegengesetzte? Hatten sie sich an einer Kreuzung verpasst?

Pierce sah eine Lücke im Gegenverkehr, nahm das Lenkrad auf drei und sechs Uhr fest in die Hände und riss den Wagen herum. Die Fliehkräfte drückten ihn nach außen. Als er gegen die Fahrertür knallte, merkte er, dass er vergessen hatte sich anzuschnallen. Er kurbelte eifrig am Steuer, damit das Heck ihn nicht überholte. Kaum, dass er das Auto stabilisiert hatte, schaltete er in den zweiten Gang und ließ den Motor schnauben, wie einen verwundeter Stier in der Arena.

Der digitale Kanarienvogel in der Mittelkonsole zwitscherte wieder energischer.

Pierce gefiel die Melodie. Er klopfte im Takt auf das Lenkrad. Der Rhythmus beschleunigte sich. Er schwitzte am ganzen Körper. Sein Hemd klebte ihm am Rücken. Sein Deo versagte. Er roch es.
Wann hatte er sich zuletzt so lebendig gefühlt? Der verklärte Blick eines Junkies legte sich auf sein Gesicht.
»Sing für mich«, sagte er und sah auf den Empfänger.

Der Ausschlag auf der Skala ging zurück.

Er hob das Gerät an und schwenkte es wie eine Wünschelrute.
Der Entführer war anscheinend auf der Parallelstraße unterwegs und nach Westen abgebogen. Pierce bog bei der nächsten Möglichkeit rechts ab und trat auf das Gaspedal. Das Zwitschern feuerte ihn an.
 
Ich krieg dich.

Er jagte über Kreuzungen, wich mühelos Wägen aus, da er ihre Bewegungen zu ahnen schien und während er sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegte, schienen sie in Zeitlupentempo gefangen. Sein Blickfeld veränderte sich, in der Peripherie verschwammen die Gebäude, doch im Fokus sah er alles gestochen scharf, wie ein Adler.

So auch den Werwolf vor ihm auf der Fahrbahn. Eine Tinkerbell in einem zu kurzen Röckchen und Gandalf, versuchten dem sichtlich Beschwipsten auf die Beine zu helfen.
Pierce blieb auf dem Gaspedal. Mit der Rechten schlug er auf die Hupe und behielt sie dort.

Die Fee erschrak. Sie ließ die Hand des Werwolfs los und plumpste mit ihrem Hintern auf den Gehweg. Der Werwolf sackte zurück auf den Asphalt. Gandalf zeigte sich todesmutig und stellte sich zwischen den Wagen und den Betrunkenen.

Pierce trat die Bremse mit der gleichen Energie, mit der er dem Zauberer am liebsten in den Hintern getreten hätte. »Verpisst euch von der Straße«, schrie er durch das heruntergekurbelte Fenster.
»Halt dein Maul. Was glaubst du, wer du bist?«, entgegnete der Gandalf.

Pierce griff in sein Handschuhfach. Mit einem Plopp saugte sich das Blaulicht auf dem Dach des Wagens fest. Tinkerbell hatte den Werwolf in der Zwischenzeit von der Straße auf den Gehsteig gezogen. Gandalf trat demonstrativ langsam beiseite und zeigte ihm den Mittelfinger.

Der Kanarienvogel war tot.

Pierce versuchte ihn zu reanimierte, indem er abwechselnd Pedale trat und Gänge einlegte.

Er brauchte keinen Schutzpatron mehr. Mit Blaulicht war er sein eigener.

Die Gebäude zogen an ihm vorbei. Die Kreaturen der Nacht verschwommen zu Schemen, doch den Raubvogelblick bekam er genauso wenig zurück, wie das Zwitschern.
Seine Gedanken rasten. Zunächst war er Richtung Westen gefahren, dann nach Süden abgebogen. Dort hatte ihn der Werwolf gestoppt. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich dem Signal genähert. Es gab nur zwei mögliche Wege. Entweder in die Stadt rein oder aus ihr raus.

Bei den Überlegungen übersah er ein Motorrad auf der Straße. Er setzte zu einem Schlenker an, aber seine schweißnassen Hände rutschten ab. Er packte hektisch zu. Im letzten Moment riss er das Steuer um.

Nochmal gut gegangen.

Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass er sich irrte. Das Motorrad schlitterte über die Straße. Der Fahrer stieß sich davon ab und rutschte auf ein parkendes Auto zu.
Er löste sich von der Szenerie. Es zählte nur noch den Entführer einzuholen. Er entschied sich für die Route in die Stadt.

Nach zwei Blocks kamen die Zweifel. Nach vieren wendete er und griff zum Telefon.

Sobald Mort annahm, legte er los. »Der Peilsender hat reagiert. An der Ecke Ox- und Barrowcliff habe ich ihn verloren. Moment.«

Vor ihm missachtete ein Fahrer die Verkehrsordnung und scherte, ohne zu schauen, ein. Pierce drehte mit der freien Hand am Lenkrad, um eine Kollision zu vermeiden. Dann stellte er das Handy auf Lautsprecher und warf es auf den Beifahrersitz. »Ich bin auf der A171«, schrie er. »Er auch, denke ich. Ich hatte Hoffnung, dass er nach Hause fährt, und bin der Schnellstraße in die Stadt gefolgt. Aber ich habe kein Signal empfangen. Ich bin wieder in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Was gibt es außerhalb von Scarborough? Welche Abzweigungen?«

Pierce hörte durch das Telefon Tippgeräusche. »Ich denke nicht, dass er auf der A171 ist. Von Oxcliff macht es mehr Sinn über die Green Lane zu fahren. Er ist bestimmt auf einer kleineren Straße unterwegs. Entweder fährt er zur Hay Lane oder zur Low Road.«

Kehrt er zum Ort des Verbrechens zurück, fragte sich Pierce. Die Hay Lane führte zur Suffied Hill, wo sie den nicht identifizierten Corgi gefunden hatten.

»Ich tippe auf die Low Road, da er sich Richtung Süden bewegt«, widersprach Mort als hätte er seine Gedanken gelesen. »Hätte er zur Hay Lane gewollt, wäre er nicht von der Ox- auf die Barrowcliffgefahren, sondern auf die Scalby Avenue und dann weiter über Coldyhill und Hackness.«

Pierce verließ die Schnellstraße und folgte der Lady Edith’s Road zur Low Road. Die Lichter der Stadt verschwanden hinter ihm.

Er kann nicht weit sein.

Die Straße wandt sich durch die Landschaft und um den Wald, wie eine Würgeschlange um ihr Opfer.
Er vertraute auf sein Blaulicht. Vor jeder Biegung holte er auf der Gegenfahrbahn aus und jagte durch den Scheitelpunkt der Kurve wie ein Rallyefahrer.
Die Reifen quietschten und er schlitterte durch die Serpentinen. Er wurde im Fahrersitz hin und her geschleuderte. Seine Arme packten das Lenkrad wie zwei Schraubstöcke. Die Lungen pumpten wie bei einem Marathon. Ein saurer Geschmack breitete sich im Mund aus.

Die nächste Kurve überraschte ihn. Sie war enger als gedacht und die Hände reagierten langsamer als erwartet.
Er stieg in die Eisen. Das Heck überholte ihn. Das Auto verwandelte sich in ein Karussell. Zunächst gelang es ihm, sich an das Lenkrad zu klammern. Doch schließlich siegte die Fliehkraft über die Muskeln und warf ihn durch den Innenraum.

Wie ein Kalligraph schrieb der Wagen seine Initialen in einer schwungvollen Bewegung in den Asphalt. Schleifen gingen über in enge und weite Kreise und wurden verziert mit Schnörkeln. Es endete mit einem Punkt am Leitpfosten. Über der Straße hing ein dichter Nebel. Als hätte der Kalligraph mit einer glühenden Feder auf trockenem Pergament geschrieben.

Die Beifahrertür sprang auf und Pierce fiel heraus.

Vor seinen Augen drehte sich alles. Ein Hustenanfall überwältigte ihn. Er verschluckte sich, schmeckte Blut, wandte sich zur Seite und spuckte aus. Die Hände krampften, noch gefangen in der Position, mit der sie das Lenkrad umklammert hatten. Die linke Schulter fühlte sich an, als hätte er versucht, einen Banktresor damit aufzubrechen. Die Nackenmuskeln waren Stahlseile, die die Tower Bridge halten könnten.

Wie ein Greis rappelte er sich auf. Zuerst auf alle Vieren, dann ein Bein fest auf den Boden und mit letzter Kraft hochstemmen. Wankend erhob er sich. Ließ sein Haupt hängen. Über das Kinn rann Blut und tropfte auf das Hemd. Eine rote Rose breitete sich auf dem sonst blütenweißen Stoff aus.

Er streckte das Kreuz durch und hob den Kopf, bewegte ihn langsam nach links und rechts, um die Nackenmuskeln zu dehnen. Er kam nicht weit, sah aber, dass sein Jackett ebenfalls ruiniert war. Die Naht an der Schulter war gerissen. Auf dem Revers sah er den Klumpen Blut, den er ausgespuckt hatte.

Er betrachtete die Szenerie und seine Hand wandere zum Objekt in der Brusttasche.

Der Wagen lehnte am Pfosten. Die Warnblinker und das Blaulicht beleuchteten abwechselnd den Rauch in der Luft. Er konnte die Gummischrift auf dem Asphalt nur zu gut lesen. Deutlicher hätte man es nicht schreiben können.

Verloren.


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BeitragVerfasst am: 14.02.2018 11:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Calvin Tower,
jetzt sehe ich gerade, dass ich noch gar nichts zu deinem neuen Abschnitt geschrieben habe, obwohl ich den schon vor Tagen gelesen habe. Schön zu hören, dass es mit dem Projekt voran geht.

Was mir beim Lesen deiner Verfolgungsjagd aufgefallen ist:
Spannend fand ich sie eigentlich schon, und gut geschrieben. Ich mag deinen Stil recht gerne, ich finde ihn humorvoll und sehr eigen. Man könnte die Szene vielleicht ein bisschen straffen, inhaltlich meine ich. Etwas weniger Hin und Her, es passiert ja so einiges auf der Straße – manches könnte man weglassen (vor allem am Anfang: die Schleicher z.B., ab Gandalf und Co finde ich es interessanter). Manchmal hatte ich auch Probleme, mir die Verkehrslage und Fahrverhältnisse richtig vorzustellen.
Ich hoffe, das hilft dir ein bisschen weiter. smile


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BeitragVerfasst am: 19.02.2018 14:54    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo RememberDecember59,

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, den Text zu lesen!

Dank deines Feedbacks, gefällt mir der Text nun besser.
Vielleicht hast du mal Muse ihn dir nochmals durchzulesen und mir deinen Eindruck zu schildern.

Hat sich das Hin und Her gelegt? Ist die Orientierung besser?

Beste Grüße
Calvin


-------Die Verfolgungsjagd_RemDec_Version---------

Der Tag war vorbei und Pierce hatte nichts in den Händen außer einer halb leeren Tüte mit Einkäufen. Die Schlange an der Kasse schritt im Gänsemarsch einen Meter vor.
Wie die Ermittlungen, dachte er, schlurfte mit und sah aus dem Fenster.

Auf den Straßen streiften verkleidete Menschen umher. Geister, Vampire und andere Monster aus Märchen und Film erschreckten oder umarmten sich gegenseitig und tranken miteinander. Halloween war längst nicht mehr nur ein Fest für Kinder.
Pierce hatte seit seiner Kindheit nichts mehr übrig für Verkleidungen. Die wahren Monster erkannte man nicht am Äußeren und ebenso wenig versteckten sie sich unter Betten. Sie wandelten offen im Tageslicht, wohnten neben an und verbargen sich hinter einer Maske aus nachbarschaftlicher Freundlichkeit.

Ein weiterer Schritt mit der Schlange, ein weiterer Gedanke.

Mort hatte den Peilsender repariert und Pierce war die Fundorte der Hunde abgefahren, in der Hoffnung das Halsband mit Hilfe des Empfängers zu finden. Anschließend hatte er auch auf dem Feld, das Emma ihm genannte hatte, sein Glück versucht. Der Empfänger war an allen drei Orten stumm geblieben. Er war sich nicht einmal sicher, ob er funktionierte oder mit dem Sender gekoppelt war. Zur Reichweite hatte Mort ihm nicht Verlässliches sagen können. Das Original, meinte er, habe einen Empfangsradius von 250 Metern. Der chinesische Hersteller bewarb das Imitat mit den gleichen Angaben, doch Mort zweifelte am Wahrheitsgehalt der Aussage.

Pierce war endlich am Förderband angelangt und beobachtete, wie der Kassierer, die Einkäufe des Vordermanns über den Scanner zog. Jeder Artikel wurde mit einem Piepsen quittiert und anschließend vom Kunden zügig verstaut. Der routinierte Ablauf wurde unterbrochen, als die Kasse mehrmals hintereinander piepste. Der Kassierer sah sich verwundert um, denn obwohl er keine weiteren Artikel scannte, piepste es erneut. Die Einkäufer wurden fahrig, beäugten die Kasse skeptisch und ahnten Schlimmes für ihre Feierabendplanung. Eine Handvoll scherte aus und pilgerte zu einer anderen Schlange, in der Hoffnung, eine taktisch vorteilhafte Entscheidung getroffen zu haben.

Pierce spürte eine Hand auf seiner Schulter, drehte sich um und sah einen Jugendlichen in einem roten Kostüm mit einem gelben Blitz auf der Brust. »Hey Mann, Sie piepsen«, sagte Flash zu ihm und deutete auf sein Jackett. Er griff hinein und holte den Empfänger hervor. Die Skala zeigte einen geringen Ausschlag an. Piep, und einige Sekunden danach wieder, piep. Wie ein EKG.

Ohne einen weiteren Gedanken ließ er die Einkäufe fallen und rannte los. Vor dem Geschäft hob er den Empfänger in die Luft und schwenkte ihn, wie ein Ertrinkender eine Notsignalfackel. Das Signal kam von Westen.

Pierce spurtete zu seinem Wagen, riss die Tür auf und warf sich auf den Fahrersitz. Mit einem Dreh des Handgelenks feuerte er die Maschine an, legte den Rückwärtsgang ein, ließ die Kupplung kommen und gab Gas. Der Motor heulte auf. Es quietschte. Metall schabte auf Metall. Der Ford bewegte sich nicht.

»Nicht schon wieder«, fluchte er, kuppelte aus, wackelte mit dem Schaltknüppel vor und zurück und riss ihn dann mit aller Kraft nach hinten. Mit einem Blick über die Schulter ließ er die Kupplung schnappen. Der Wagen sprang aus der Parklücke. Pierce kurbelte am Lenkrad, trat die Bremse und knüppelte den ersten Gang rein.

Der Schutzpatron der Autofahrer hielt seine schützende Hand über ihn. Die erste Ampel, auf die er zu raste, strahlte in einem optimistischen Grün. Er trat das Gaspedal durch. Die Zweite sprang auf Rot. Er blieb auf dem Gas. Mit jedem Meter piepste der Empfänger hektischer, als ersticke ein Kanarienvogel im Stollen.

In Gedanken spielte er die möglichen Routen durch.

Die schnellste Art Scarborough zu durchqueren, waren die vier Schnellstraßen, die die Stadt durchzogen und am Bahnhof zusammenliefen. Pierce befand sich nördlich des Knotenpunktes und folgte dem Signal nach Westen zur A171, die in die Stadt hinein oder aus ihr hinaus führte. Der digitale Kanarienvogel würde es ihm bei Zeiten sagen.

Er raste auf die Kreuzung zur Crosslane zu, dem kürzesten Weg zur Schnellstraße, nahm das Lenkrad auf drei und sechs Uhr fest in die Hände und riss den Wagen herum. Kaum, dass er das Auto wieder stabilisiert hatte, schaltete er in den zweiten Gang und ließ den Motor schnauben, wie einen verwundeter Stier in der Arena.

Der Kanarienvogel zwitscherte sein monotones Lied, doch für ihn klang es wie der Sopran in einem Musical. Christine, die ihre höchste Note singt, ein E6, während das Phantom sie durch seine Katakomben gondelt.

Er klopfte im Takt auf das Lenkrad. Der Rhythmus beschleunigte sich. Er schwitzte am ganzen Körper. Sein Hemd klebte ihm am Rücken. Sein Deo versagte. Er roch es. Wann hatte er sich zuletzt so lebendig gefühlt? Der verklärte Blick eines Junkies legte sich auf sein Gesicht. »Sing für mich«, raunte er zum Empfänger.

Er fühlte sich wie ein Fisch im Wasser, alles war im Fluss. Mühelos wich er Wägen aus und jagte über Kreuzungen. Sein Blickfeld veränderte sich, in der Peripherie verschwammen die Gebäude, doch im Fokus sah er gestochen scharf, wie ein Raubvogel.

War der Entführer vor ihm? Konnte er ihn bereits sehen? Saß er in dem weißen Mitsubishi, der eine Wäsche nötig hatte? Oder in der Familienkutsche mit den Namen der Kinder auf dem Heck?

Der Kanarienvogel zwitscherte langsamer.

Zwei panische Gedanken, schnell wie Herztöne: Fuhr er in die falsche Richtung? War der Entführer auf einer Parallelstraße in die entgegengesetzte Richtung unterwegs? Er schwenkte den Empfänger wie eine Wünschelrute. Nein, das Signal kam konstant von Süden.

Bei der nächsten Möglichkeit bog er links ab, in eine enge Gasse, eingekeilt zwischen Wohnhäusern. Weit vorne sah er einen Werwolf auf der Fahrbahn liegen. Tinkerbell in einem zu kurzen Röckchen und ein weißer Gandalf, versuchten dem sichtlich Beschwipsten auf die Beine zu helfen.

Er blieb auf dem Gaspedal, schlug mit der Rechten auf die Hupe und behielt sie dort.

Die Fee erschrak, ließ die Hand des Werwolfs los, der zurück auf den Asphalt sackte, während sie mit ihrem Hintern auf den Gehweg plumpste, doch die typische Wolke aus Feenstaub blieb aus.
Keine echte Fee, dachte er und sah schwarz für seinen stummen Wunsch.

Gandalf zeigte sich todesmutig und stellte sich zwischen den Wagen und den Betrunkenen.

Pierce trat die Bremse mit der gleichen Energie, mit der er dem Zauberer am liebsten in den Hintern getreten hätte. »Verpisst euch von der Straße«, verlieh er seinem stummen Wunsch Worte.

»Du kannst nicht vorbei«, entgegnete der angetrunkene Gandalf voller Pathos.

Pierce griff in sein Handschuhfach. Mit einem Plopp saugte sich das Blaulicht auf dem Dach des Wagens fest und tauchte die drei Gestalten in blaues Licht. Tinkerbell hatte den Werwolf in der Zwischenzeit von der Straße auf den Gehsteig gezogen. Gandalf trat demonstrativ langsam beiseite und zeigte ihm den Mittelfinger.

Der Kanarienvogel war tot.

Pierce versuchte ihn zu reanimierte, indem er abwechselnd Pedale trat und Gänge einlegte. Er benötigte keinen Schutzpatron mehr. Mit Blaulicht war er sein eigener. Die Gebäude zogen an ihm vorbei. Die Kreaturen der Nacht verschwammen zu Schemen, doch den Raubvogelblick bekam er ebenso wenig zurück, wie das Zwitschern.

Die Gedanken rasten. Der Entführer konnte nicht weit sein. Die Route legte nahe, dass er in die Stadt fuhr. Bei den Überlegungen übersah Pierce ein Motorrad auf der Straße. Er setzte zu einem Schlenker an, aber seine schweißnassen Hände rutschten ab. Hektisch packte er zu und riss am Lenkrad.

Nochmal gut gegangen.


Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass er sich irrte. Das Motorrad schlitterte funkensprühend über die Straße. Der Fahrer stieß sich davon ab und rutschte auf ein parkendes Auto zu.

Er löste sich von der Szenerie, raste zur A171 und in die Stadt hinein, in der Hoffnung, dass die Chinesen auf der Verpackung des Peilsenders nicht logen. Mit einem Radius von 250 Metern bestand noch die Chance, den Entführer zu finden, solange er sich in der Nähe der Schnellstraße befand. Nach zwei Blocks kamen die Zweifel. Nach vier Weiteren übermannten sie ihn. Er wendete und griff zum Handy.

Sobald er Mort’s Stimme hörte, unterbrach er ihn: »Es funktioniert, aber ich verliere ihn. Ich bin auf der A171. Der Entführer auch, denke ich.« Er schrie gegen die Umgebungsgeräusche an, gab Mort die bisherige Strecke durch und endete mit zwei Fragen: »Was gibt es nördlich von Scarborough? Welche Abzweigungen?«

Die Leitung blieb stumm. Pierce holte Luft, um seine Fragen zu wiederholen, als Mort endlich sprach. »Ich denke nicht, dass er auf der A171. Die Route macht keinen Sinn. Ich glaube, er ist westlich der Schnellstraße unterwegs. Entweder zur Hay Lane oder zur Low Road. Moment, es lädt.«

Kehrt er zum Ort des Verbrechens zurück?, fragte sich Pierce. Die Hay Lane führte zur Suffied Hill, wo sie den nicht identifizierten Corgi gefunden hatten.

»Ich tippe auf die Low Road«, widersprach Mort seinen Gedanken. »Denn er hat sich konstant südwestlich bewegt.«

Pierce vertraute ihm, verließ bei der nächsten Möglichkeit die Schnellstraße und folgte der Lady Edith’s Road zur Low. Die Lichter der Stadt verschwanden hinter ihm. Die Straße wandt sich durch die Landschaft und um den Wald, wie eine Würgeschlange um ihr Opfer.

Er kann nicht weit sein. Ich krieg ihn noch.

Er vertraute auf sein Blaulicht. Vor jeder Biegung holte er auf der Gegenfahrbahn aus und jagte durch den Scheitelpunkt der Kurve wie ein Rallyefahrer. Die Reifen quietschten, als er durch die Serpentinen schlitterte. Er wurde im Fahrersitz hin und her geschleuderte. Er wünschte, er hätte sich angeschnallt. Seine Arme packten das Lenkrad wie zwei Schraubstöcke. Die Lungen pumpten wie nach einem Marathon. Ein saurer Geschmack breitete sich im Mund aus. Dann überraschte ihn eine Kurve. Sie war enger als gedacht und die Hände reagierten langsamer als erwartet.

Er stieg in die Eisen. Das Heck überholte ihn. Das Auto verwandelte sich in ein Karussell, in dem es ihm zunächst gelang, sich an das Lenkrad zu klammern, doch schließlich siegte die Fliehkraft über die Muskeln und warf ihn durch den Innenraum.

Schwungvoll wie ein Kalligraph schrieb der Wagen mit heißem Gummi in den Asphalt, enge Kreise weiteten sich, verwandelten sich in Schleifen und wurden mit Schnörkeln verziert, bevor das Ganze mit einem Punkt am Leitpfosten endete.

Die Beifahrertür sprang auf und Pierce fiel heraus.

Vor seinen Augen drehte sich alles. Ein Hustenanfall überwältigte ihn. Er verschluckte sich, schmeckte Blut, wandte sich zur Seite und spuckte aus. Die Hände krampften, noch gefangen in der Position, mit der sie das Lenkrad umklammert hatten. Die linke Schulter fühlte sich an, als hätte er versucht, einen Banktresor damit aufzubrechen. Die Nackenmuskeln waren Stahlseile, die die Tower Bridge halten könnten.
Wie ein Greis rappelte er sich auf. Zuerst auf alle Vieren, dann ein Bein fest auf den Boden und mit letzter Kraft hochstemmen. Wankend erhob er sich, ließ sein Haupt hängen, beobachtete wie Blut über sein Kinn rann und auf das Hemd tropfte.

Eine rote Rose breitete sich auf dem sonst blütenweißen Stoff aus.

Er legte die Hände auf die Lenden, streckte das Kreuz durch und hob den Kopf, drehte ihn langsam nach links und rechts, um die Nackenmuskeln zu dehnen. Weiter als ein paar Zentimeter kam er nicht, sah aber, dass sein Jackett ebenfalls ruiniert war. Die Naht an der Schulter war gerissen. Auf dem Revers sah er den Klumpen Blut, den er ausgespuckt hatte.

Er betrachtete die Szenerie.

Der Wagen lehnte am Pfosten. Die Warnblinker und das Blaulicht beleuchteten abwechselnd die Rauchwolken, die über der Straße hingen, wie ein Novembernebel. Auf einer Strecke von einhundert Metern zogen sich Gummispuren über den Asphalt. Er konnte die Zeichen deutlich lesen.

Verstohlen wanderte die Rechte zum Objekt in der Brusttasche. Es war noch da. Erst dann traute er sich, auszusprechen, was nicht klarer hätte sein können.

»Verloren.«


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RememberDecember59
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BeitragVerfasst am: 20.02.2018 19:27    Titel: Antworten mit Zitat

Calvin Tower hat Folgendes geschrieben:

-------Die Verfolgungsjagd_RemDec_Version---------


Ich fühle mich geehrt. Embarassed

Ja, mir gefällt die zweite Version deutlich besser. Übrigens nicht nur, weil ich mir die Straßenverhältnisse jetzt besser vorstellen kann, sondern auch, weil du die Begegnung mit Gandalf & Co. nochmal ein kleines Bisschen ausgeschmückt hast. Die Stelle ist wirklich witzig. Laughing

Was mir aber diesmal noch durch den Kopf ging: Ich kenne mich zu wenig aus, um abschätzen zu können, ob die Sache mit dem Signal so realistisch ist. Kann man denn wirklich durchs Schwenken des Empfängers so einfach die Richtung, aus der das Signal kommt, bestimmen? Dabei bewegt man ihn doch nur ein bisschen mehr als einen Meter hin und her, sind die Dinger so sensibel?


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Bartimäus: "...-was ist das?"
Kobold: "Hätte mich das jemand anders gefragt, o Herr, der ihr Schrecklich und Unübertrefflich seid, hätte ich ihn einen Dummkopf genannt, bei Euch jedoch ist diese Frage ein Zeichen jener entwaffnenden Schlichtheit, welche der Born aller Tugend ist. ..."

Bartimäus I (Jonathan Stroud)
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Calvin Tower
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Beiträge: 138



BeitragVerfasst am: 21.02.2018 11:27    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo RememberDecember59,

freut mich, dass es dir besser gefällt.

Der Peilsender funktioniert nicht so einfach bzw. präzise. Ich habe mich an dem Loc8tor Peilsender orientiert.
Je näher man kommt desto stärker wird das Signal – das Piepen wird schneller und es leuchten mehr LEDs.
Das ist ein wenig so wie das Kalt-oder-Heiß spielen im Kinderalter. Hat man erst einmal ein Signal empfangen, sollte man am besten einen großen Kreis laufen. So kann man leicht erkennen in welcher Richtung das Signal stärker wird.

Ich habe es vereinfacht, um das Tempo in der Szene zu halten und nicht zu viele Hin und Her zu haben. Vielleicht baue ich im Nachgang eine Szene ein, in der ihm erklärt wird, dass er den Peilsender falsch genutzt hat. Smile


Nach der gescheiterten Verfolgungsjagd folgt ein Kapitel, bei dem ich mir unsicher bin, ob die Niedergeschlagenheit gut rüber kommt.

Was meinst du / ihr?

Bg
Calvin

----Kapitel 22.5 - Der Weg zurück------


Er hörte Mort’s Stimme aus dem Wagen seinen Namen rufen. Wankend, wie ein Betrunkener, schlurfte er zum Auto.
Das Handy war ebenfalls durch den Innenraum geschleudert worden und unter den Fahrersitz gerutscht.
Er beugte sich durch die Beifahrertür, stützte sich auf dem Sitz ab und fischte es heraus. Das Display war gesprungen, doch der Ton funktionierte. Er hielt es ans Ohr.
Mort fluchte, schimpfte, rief nach ihm.

Was sollte er antworten?

»Robert, was ist passiert? Es klang wie ein Unfall. Geht es dir gut?«

Pierce schwieg.

»Rede mit mir, Mann.«

Was sollte er sagen? War nicht alles schon gesagt? Zeigten die letzten beiden Jahre und der Unfall nicht eindrücklich sein Versagen?

»Wo bist du? Brauchst du einen Krankenwagen?«

Er schwieg.

Mort deckte ihn mit weiteren Fragen ein.

Pierce registrierte sie, doch wenn er ansetzte, um etwas zu sagen, merkte er, wie banal es war. Unwillkürlich formte sich ein Bild in seinem Geist. Der Denker von Auguste Rodin. Er hatte die Plastik bei einem Urlaub in Paris gesehen. Ein Mann sitzt auf einem Stein, das Kinn auf eine Hand gestützt, vertieft in Gedanken, ohne sie jemals aussprechen zu können.

Mort plapperte weiter, wie die Touristen, die an der Statue vorbeigegangen waren. Alles belanglos und er verdammt zum Zuhören. Dann lösten sich die Lippen, ohne dass er es beabsichtig hatte und sprachen drei Worte, die er sich nie hatte eingestehen wollen. »Sie ist tot.«

Er wusste nicht, welches der Mädchen er meinte, doch der Geist war raus. Die Fassade bröckelte. Stückchen des Marmors rieselten herab, die Gelenke knackten und er tat einen ersten Schritt. Der Denker verließ seinen Stein. Der steife Panzer fiel ab, darunter zeigte sich rosig wunde Haut.

Mort plapperte über weitere Chancen, Hinweise und den Peilsender.

Pierce hatte genug der Belanglosigkeiten gehört und murmelte: »Adieu, mein Freund.«

Er wollte auflegen, aber das Display reagierte nicht. Es war gesprungen und nutzlos.

Wie ich.

Er holte aus und warf es mit aller Macht auf die Straße. Es zerbarst in seine Einzelteile.

Was nun?

Er fürchtete, wieder zu erstarren, wenn er zu lange regungslos blieb. Also ging er zum Wagen, kletterte über den Beifahrersitz hinter das Steuer und startete den Motor, der Gott sei dank ansprang.

Das Gaspedal klemmte. Er schaltete in den Leerlauf. Unter dem Pedal eingekeilt, lag der Empfänger. Mit einem Fuß schubste er ihn zur Seite und dann nach vorne, hob ihn auf und steckte ihn ein.

Er wendete das Auto und fuhr zurück Richtung Stadt. Geradezu gemütlichen schlich er durch die Dunkelheit. Er hatte es nicht eilig. Der Morgen würde früh genug kommen. Queen wird frohlocken, wenn er ihr gegenüber seinen Fehler eingestand. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen, als sie ihm den Fall nicht anvertrauen wollte. Er sah es nun ein.

Das Scheinwerferlicht leckte über die Straße und die Landschaft, deckte einen Fuchs auf, der, ein Kaninchen baumelnd im Maul, über die Straße huschte und im Gebüsch verschwand. Andere Tiere oder gar Autos kamen ihm nicht entgegen. Die Monotonie war ihm willkommen. Er gab sich seinen Gedanken hin, bis ein Schild das Licht reflektierte. Es zeigte nach links, in den Wald hinein. Scarborough Colliery.

Pierce hatte davon gehört, als er hergezogen war. Das Kohlebergwerk wurde von den Einheimischen nur »The Scar«, die Narbe, genannt. Die Stadt hatte im 19. Jahrhundert ein Stück des saftigen Kohleabbau-Kuchens ab haben wollen. Doch egal wie tief sie gruben, sie fanden nur Krümel, die sie anspornten, weiter zu hoffen und tiefer zu graben. Beträchtliche Mengen Geld flossen in das Projekt. Zu spät zogen die Verantwortlichen die Reißleine. Die Arbeiten wurden eingestellt und der Stollen geschlossen. Es hatte eine Narbe hinterlassen, in der Landschaft und der Gemeinde. Schlugen Politiker ambitionierte Großprojekte vor, verwiesen die Einwohner auch heute noch auf »The Scar« als Mahnmal.

Er wollte sie sehen.

Wie lange würde es dauern, bis sich seine Wunden schlossen? Und wie großflächig würden die Narben werden?

Ein zugewucherter Weg schlängelte sich durch den Wald. Der Wagen holperte durch Schlaglöcher und wurde nach links und rechts geworfen. Sträucher, die zwischen den Fahrspuren wuchsen, scheuerten gegen den Unterboden und erzeugten ein Geräusch, als würden sie sich gleich in den Innenraum hineinfressen und bei seinen Füßen fortfahren.

Er kam langsam voran und hatte Mühe den Wagen auf dem Weg zu halten, bis ihn ein Baum auf der Straße gänzlich stoppte. Er sah alt aus. Der letzte Sturm musste zu heftig für ihn gewesen sein.

The Scar würde warten müssen. Er warf einen Blick über die Schulter. Schmerz schoss durch seinen Nacken. Er biss die Zähne aufeinander und sog Luft ein. Die komplette Strecke rückwärts zu fahren war unmöglich. Stattdessen rangierte er vor und zurück, erduldete die Schmerzen, wann immer er sich umsah, und kurbelte energisch. Eine Sisyphusarbeit.

Sein Körper schmerzte, die Arme verloren ihre Kraft, doch er schaffte es das Auto stückchenweise zu wenden. Ein einziger unbedachter Moment reichte, um die harte Arbeit zunichte zumachen. Er verließ sich auf sein Gefühl, anstatt über die Schulter zu sehen, und prompt geschah es.

Der Wagen rutsche vom Weg herunter und setzte auf. Die Hinterräder bekamen keinen Grip mehr. Er hing fest.

»Fuck«, kann es aus ihm, als wäre er Mort.

Er stieg aus und ging um das Auto herum. Es war zu finster, um Details auszumachen. Aus dem Handschuhfach holte er eine Taschenlampe, in deren Schein er die Misere betrachtete. Die Hinterreifen hingen gut zehn Zentimeter über dem Boden.

Mit den Sträuchern und Hölzer, die herumlagen, würde er die ganz Nacht brauchen, um die Lücke zu schließen. Es musste eine bessere Lösung geben und er fand sie lose an dem umgekippten Baum hängen, der für alles verantwortlich war. Da war es doch nur fair, dass er sich an ihm bediente. Wenn er es geschickt anstellte, benötigte er nur zwei der größeren Äste. Er suchte sich einen heraus, der ihm adäquat erschien, aber nicht mehr zu stark mit dem Stamm verbunden war. Die Taschenlampe schob er zwischen die Zähne, um beide Hände frei zu haben.

Er packte zu und zog. Der Ast wehrte sich. Pierce stemmte ein Bein an den Baumstamm und riss kräftig. Der Ast löste sich und er flog nach hinten, bevor er auf den Boden knallte, stieß er jedoch mit dem Rücken gegen den Ast hinter ihm.

Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Sie Taschenlampe entglitt den Zähnen und segelte in den Wald hinein.
Wie zwei Erdbeben breiteten sich Schmerzen konzentrisch von seinem Hintern und dem Rücken aus, trafen auf Höhe des Brustkorbes aufeinander und entrissen ihm ein. »Verdammte Scheiße.«

Nachdem er sich aufgerappelt hatte, erkannt er das Glück im Unglück und konnte nicht anders als eine Zeile aus einem Albert King Song zu denken.

If it wasn’t for bad luck, I wouldn’t have any luck at all.

Bei seinem Sturz hatte er einen zweiten Ast abgebrochen. Damit würde er die Lücke schließen können. Es fehlte nur die Taschenlampe. Sie war glücklicherweise nicht ausgegangen, sondern wies ihm die Richtung wie ein Leuchtturm. Einem Eisbrecher gleich schnitt er durch das Gebüsch und befreite die Lampe aus einem Busch.
Auf dem Rückweg schwenkte er den Lichtkegel hin und her. Es dauerte einen Moment, bis ihm bewusst wurde, was er gesehen hatte. Er schwang das Licht zurück.
Der Baum hatte eine glatte Schnittfläche. Jemand hatte ihn gefällt.

Pierce führte den Lichtkegel den Stamm entlang, auf der Suche nach einer Markierung, die er nicht fand. Er schritt um den Baumstamm herum auf die andere Seite des Pfades und begutachtete die Rinde. Er drehte sich weg und folgte dem Weg ein Stück, leuchtete in den Wald, hielt Ausschau. Nirgends sah er die typischen schrägverlaufenden orangen Striche, die Förster auf die Stämme, der zu fällenden Exemplare, sprühten.

Wer hat den Baum gefällt?

Dann zwitscherte der Kanarienvogel in seiner Tasche.
Ein Puls. Ein Lebenszeichen.
Er rannte los.


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