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o.T

 

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Antiquariat -> Zehntausend 12/2017
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fabian
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 136



BeitragVerfasst am: 27.12.2017 20:00    Titel: o.T eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

An der Kücheninsel

Mitten auf der Theke der Kücheninsel liegt zwischen ihnen ein aufgeschlagenes Buch, die rechte Seite verdeckt von einem leeren Blatt Papier.
Es ist ein kleines Buch, die sichtbare linke Seite knapp handgroß, darauf ein paar Zeilen, in Blöcken geordnet, rechts und darunter viel freier Raum.
Der Papierbogen, der die rechte Seite  des Buches verdeckt: ein mattes, gelblich getöntes Schreibpapier, am unteren Blattrand und in der oberen rechten Ecke mit ornamentalem Rankwerk bedruckt.
Der Block, dem der Bogen entnommen wurde, liegt daneben.
«Du benutzt mein Papier?», fragt sie mit einem Lächeln. «Wolltest du etwas schreiben?»
«Nein», antwortet er. Er sieht sie nicht an, hält den Kaffeebecher mit beiden Händen, blickt geradeaus, durch die geöffnete Tür auf die Terrasse, in den Garten. Seine Unterarme liegen locker auf der Platte, bilden auf der Naturholzbohle ein gleichschenkliges Dreieck mit dem Becher an der Spitze.
Draußen im Garten bellt der Hund. Eine Kinderstimme ruft: «Ili.» Und dann noch einmal: «Ili:»
Ein Handy klingelt.
«Willst du nicht rangehen?», fragt sie nach dem dritten Klingeln.
Er schiebt den Becher mit den Fingerspitzen ein wenig hin und her, sein Rücken strafft sich, dann dreht er den Kopf, sieht sie an.
«Nein», sagt er.
Sie steht auf, geht zur Anrichte, die Blockabsätze ihrer Schuhe knallen auf den harten Küchenboden.
Er sieht ihr zu, wie sie sich einen Kaffee einschenkt, pustet, dann vorsichtig die Lippen an den Rand der Tasse legt und die Temperatur prüft. Sie trinkt einen Schluck, dann setzt sie die Tasse wieder ab, wendet sich um und lehnt sich mit dem Rücken an die Arbeitsplatte.
«Anton ist heute nicht gekommen.», sagt sie. «Anna meint, er will hier nicht mehr arbeiten. Das ist schlecht. Wer weiß, wie lange Anna dann noch bleibt. Du hast doch nicht gestritten, oder?»
«Nein», antwortet er nach einem kurzen Schweigen, «alles gut, alles wie immer, ich frage sie nachher.»
Sie greift noch einmal nach der Tasse neben sich, trinkt aus und schiebt sie dann zum Geschirrspüler.
«Lass Anna heute mal arbeiten.», sagt sie noch im Vorbeigehen, «sie ist ein bisschen durcheinander, glaube ich.»
Auf dem Weg nach draußen streift sie die Kostümjacke über. Von der Terrasse  aus ruft sie nach den Kindern.
Der Abschied ist kurz und beiläufig. Auf das herein gerufene «Tschüss» und «Bis heute Abend, Papa» antwortet er nicht, nur der Hund bellt noch einmal kurz, ehe er in die Küche getrabt kommt und ausgiebig trinkt.
Im Obergeschoss hört er die Klospülung.


Warum nicht?

«Aber sicher,» meint sie, «ich kann es alleine machen. Wird Ihnen das denn gefallen, wenn Anton nicht dabei ist, wenn sie nur mich anschauen?»
«Es wird schon gut sein. Auch wenn wir beide alleine sind, beachte mich einfach nicht, mach es so wie sonst auch. Naja, nicht ganz. Anton ist nicht mehr da, nach ihm kannst du dich also nicht richten. Tu einfach so, als wärst du eben ganz alleine mit dir. Als wäre ich gar nicht da. Mach, wonach dir ist. Ich werde still sein. Es wird mir schon gefallen.»
Sie wirft ihm einen Blick zu, aber er hat sich schon abgewandt und das Bad verlassen. Jetzt geht er in Richtung Gästezimmer, ohne sie weiter zu beachten. In der rechten Hand hält er ein kleines Buch.
Da streift sie die Gummihandschuhe ab, tritt ans Waschbecken und wäscht sich die Hände. Sie blickt in den Spiegel, zieht das Haarband ab, greift sich mit beiden Händen in die Locken, schüttelt sie und hebt sie an, bis sie ihr wieder in roten Wellen über die Schultern fallen.
Dann geht sie hinüber zum Gästezimmer.


Die schaumgeborene Venus

Er sitzt mit dem Rücken zum Pfeiler zwischen den zum Garten hin geöffneten Fenstern, dort, wo er immer sitzt, wenn die beiden den Raum betreten haben.
Es ist still geworden, mit geschlossenen Augen sitzt er da, lauscht auf das Rascheln der Kleidung, das gedämpfte Poltern der Schuhe, die Schritte ihrer nackter Sohlen zwischen Bett und Stuhl, einmal, zweimal. Dann Geräusche, die eine Matratze macht, wenn sich ein Körper auf ihr bewegt, sich eine Stellung sucht um Ruhe zu finden.
Er hält die Augen weiter geschlossen, kreuzt die Füße zwischen den Stuhlbeinen, lehnt sich zurück.
Sie liegt auf dem Bett, nackt, auf dem Rücken, nur den Kopf hat sie angehoben, die linke Hand auf dem Bauch, der rechte Arm ausgestreckt neben dem Körper. Sie beobachtet ihn einen Moment, wie er so da sitzt, halb verdeckt von ihren Brüsten und dem etwas angewinkelten rechten Knie: mit geschlossenen Augen und hängenden Schultern, etwas zusammengesackt, in der rechten Hand das Buch, die Linke hält sich fest am rechten Unterarm.
Sie lässt den Kopf in den Nacken sinken, sieht den Stuck an der Decke, vom diffusen Licht zart modelliertes Volumen, atmet tief durch und schließt dann ebenfalls die Augen.
Er hört diesen Seufzer, aber auch diesmal schaut er nicht hin.
Er lauscht. Sie atmet leise, dann tiefer, manchmal stößt sie so etwas wie ein Summen aus. Er selbst ist jetzt ganz und gar still geworden, lauscht, ohne sich zu bewegen, fast ohne Atem diesen Geräuschen nach.


Da draußen singen ungehört die Vögel

Vor dem Haus klappt eine Autotür, die Schritte auf den Gehwegplatten neben dem Haus sind noch leise, aber bereits auf der Terrasse unter den Fenstern übertönen sie das Weiße Rauschen des Gartens, überschreiten in der Küche trommelnd eine Grenze. Ein Schlüsselbund klirrt spitz auf dem Fliesenboden, dann entfernen sich die  Schritte wieder, ihr Klang wird weicher, ebbt ab, geht unter. Einen Moment lang herrscht wieder die vielstimmige Stille des Gartens, dann schlägt von Ferne noch ein letztes Mal die Autotür, satt und dumpf.  
«Es ist gut, Anna, ich danke dir. Bitte geh jetzt.» Er sagt es, ohne die Augen zu öffnen.


Der Abschied

In der Küche nimmt sie sich einen Kaffee, sie hält den Becher mit beiden Händen.
«Sie sollten so nicht weitermachen.», sagt sie. «Das ist eine Sackgasse.»
«Ja,» sagt er, «ich weiß. Grüß Anton von mir. Will er sich einen neuen Job suchen?»
«Ich glaube, ja. Er ist sehr konsequent, wenn er sich einmal entschlossen hat. Er mag keine halben Sachen mehr.»
«Grüß ihn von mir.», sagt er. «Ich wünsche ihm viel Glück. Wirst du auch kündigen?»
«Ich überlege noch. Jedenfalls noch nicht gleich.», antwortet sie. «Ich mach oben jetzt mal weiter.»


Der Garten

Er hat das Buch aus der Hand gelegt und ist in den Garten gegangen. Es ist jetzt bald Mittag, der Wind ist eingeschlafen. Der Hund liegt im Schatten neben dem Plantschbecken auf der Seite. Als der Mensch vorbeigeht, rührt er sich nicht, nur ein Auge öffnet sich, schaut, ohne zu blinzeln.
Er geht weiter, biegt um einen großen Rhododendron, in der Sandkuhle dahinter liegen Eimer und Schaufeln der Kinder, an der Hecke steckt der Plastiktrecker mit den Vorderrädern zwischen den Stämmen fest.
Der Boden steigt an, am Ende des Gartens steht die alte Eiche, dahinter trennt ein Streifen niedriger Kiefern das Grundstück von der alten Sandgrube.
Im unteren Bereich des Baumes sind Trittleisten an den Stamm genagelt. Er prüft vorsichtig, ob sie sein Gewicht noch tragen. Der Raum zwischen den folgenden Ästen ist eng, er findet den Weg zur Plattform nicht gleich.


Das Baumhaus

Es ist eng im Baumhaus. Den Eingang verschließt eine Zeltbahn, bemalt mit einem verblichenen Totenkopf, die hat er abgerissen, als er sich durch die Öffnung gezwängt hat. Jetzt hockt er da mit angewinkelten Beinen, die Knie unter dem Kinn. Der Kopf stößt gegen die Decke, als er zum Fenster kriecht. Das Dach ist schräg. Zum Fenster hin wird der Raum noch niedriger. An der Seitenwand hängt ein Bambusstab, über die ganze Länge umwickelt mit einer zarten schwarzen Schnur, die kurz vor ihrem Ende durch einen Korkschwimmer mit Federkiel geführt ist und dann an einem kleinen Bleigewicht und einem Angelhaken endet.
Er tastet über die Fensterläden, es braucht Zeit, bis er die Riegel findet. Dann stößt er die Fensterläden auf.
Er legt den Kopf schief, um hinaussehen zu können. Von hier aus kann er über die Kiefern hinweg ins Tal blicken, unten am Boden der Grube in einem Trichter aus weißem Sand ein Sumpfloch, am gegenüberliegenden Hang ein paar abgestürzte Baumreste, darüber die scharfgerissene Abbruchkante und dahinter steht wie eine dunkle Wand der Wald.
Er nimmt ein paar Dinge in die Hand, dreht sie zwischen den Finger. Ein Schwert aus Ästen, die Parrierstange quer über dem griffigen Ende mit kreuzgewickeltem Bindfaden befestigt, ein kurzer Weidenstab, mit dem gleichen Bindfaden irgendwann zum Bogen gespannt. Unter der Spannung hat sich das Holz verformt, jetzt ist es krumm, die Sehne ist erschlafft.
Er stöbert in den Ecken, öffnet einen brüchigen Schuhkarton, kramt zwischen kleinen geschnitzten Aststückchen, als er den Deckel wieder schließen will, zerfällt ihm der Karton unter den Händen.
Schließlich sitzt er still, starrt hinaus, das Kinn auf den Knien.

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Municat
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BeitragVerfasst am: 08.01.2018 17:38    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Autor smile

Ich sehe ein wohlhabendes Ehepaar, dessen Beziehung auf einer emotionslosen, sachlichen Ebene funktioniert. Während die Frau tagsüber wohl regelmäßig außer Haus ist, bleibt der Mann auf dem Grundstück. Scheinbar regelmäßig bittet er seine Hausangestellten, sich auf dem Bett zu räkeln, während er im Raum ist, aber lediglich zuhört (was er wohl haarklein dokumentiert) ... nicht hinsieht. Der Aufhänger für die Szene ist die Tatsache, dass einer der beiden Hausangestellten gekündigt hat (passt genau zur Aufgabenstellung). Jetzt kann der Ehemann nur noch dem Zimmermädchen auf dem Bett zuhören. Das scheint jedoch seine Leere nicht zu füllen. Deshalb sucht er wohl Trost in Kindheitserinnerungen, die er in dem alten Baumhaus findet.

Du hast den neutralen Erzähler gewählt, was natürlich sehr gut zu Deiner Szene passt. Beim ersten Lesen hatte ich noch den EIndruck, dass Du diese Perspektive an einigen Stellen verrlässt. Als ich jedoch nach Beispielen suchen wollte, habe ich festgestellt, dass ein neutraler Beobachter mehr sehen und hören kann, als ich zuerst dachte. Passt also.

Mir persönlich fehlt in Deinem Text eine Entwicklung, eine Auflösung, eine wie auch immer geartete Spannungkurve. Allerdings entspricht auch das genau den Wettbewerbsbedingungen. Hier muss ein Text nicht fesseln.

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alle Texte kommentiert habe.


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Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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lebefroh
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 38
Beiträge: 349
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 08.01.2018 21:22    Titel: Antworten mit Zitat

Der Text hat mich neugierig gemacht, ich fand ihn spannend, wollte weiterlesen. Aber dann wurde ich enttäuscht, denn ich erwartete Antworten, die nicht kamen.
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RememberDecember59
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 505
Wohnort: Franken


BeitragVerfasst am: 09.01.2018 19:19    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe/r Verfasser/in,
leider gehört der Text für mich zu den weniger guten hier im Wettbewerb. Die Bedeutung erschließt sich mir nicht, obwohl der Text klar formuliert ist. Ein paar offene Fragen am Ende können manchmal auch gut sein, aber hier bin einfach nur verwirrt und begreife nicht, was du mir gerade erzählen wolltest. Sprachlich könnte man meiner Meinung nach auch noch ein bisschen polieren, das stört mich aber weniger als der Inhalt. Ich finde auch das Thema nicht, wo sind die Gedächtnisbilder und wo die Leere, die sie auslösen? Das Motto dagegen ist erkennbar, aber wie gesagt: Insgesamt bin ich leider nicht überzeugt.

***

Nach dem Lesen und Kommentieren der anderen Texte habe ich mich dazu entschieden, keine Punkte zu geben.


_________________
Bartimäus: "...-was ist das?"
Kobold: "Hätte mich das jemand anders gefragt, o Herr, der ihr Schrecklich und Unübertrefflich seid, hätte ich ihn einen Dummkopf genannt, bei Euch jedoch ist diese Frage ein Zeichen jener entwaffnenden Schlichtheit, welche der Born aller Tugend ist. ..."

Bartimäus I (Jonathan Stroud)
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d.frank
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 40
Beiträge: 911
Wohnort: berlin


BeitragVerfasst am: 10.01.2018 00:19    Titel: Antworten mit Zitat

Mein bisheriger Favorit bei den neutralen Erzählern. Ich habe jetzt gezielt mal danach gesucht und hier finde ich in gekonnter Weise, was ich mir darunter vorstelle.  Diese latente Leere wiegt hier tatsächlich umso schwerer, weil sie nur zwischen den Zeilen schwingt. Es gibt Sätze, die hätten den neutralen Erzähler nicht besser darstellen können (so man ihn  denn als Stimme sehen kann) und wenn man den Text interpretieren will, so muss man schon schürfen und sich dabei vorsehen, nicht zu viel von sich selbst preiszugeben. So laufe ich mit meinem Kommentar also ein bisschen auf einer Lage Eiern, aber ich denke, hoffe, wie auch bei anderen, in meinen Augen, sehr guten Texten, dass ich die Essenz schon erspürt habe, sie liegt eigentlich offensichtlich im eben Ungesagten.

Gesamteindruck und Vorgaben:
Ich glaube, ich lasse diesen Teil ab jetzt weg, weil ich auch hier ja schon fast alles weiter oben gesagt habe.  Für mich wurde hier das Konzept des neutralen Erzählers am Eindrucksvollsten umgesetzt! Es gibt richtige Perlen, die man als Beispiele in einem Kurs anführen könnte,  und trotzdem leiden  weder Inhalt und noch Gefühl darunter.  Auch die Leere ist so gellend, dass sie fast wehtut.  Dieser Mann, der kaum spricht und die Augen verschließen möchte, der Tresen zwischen den Eheleuten,  die Konsistenz der Gedanken, die auf einem weißen Blatt Papier deutlich wird, leere Worte.
Das Gedicht um die Stille, finde ich in eben dieser wieder, der Stille im Zimmer, der der Mann hier nachhorcht, als könnte sie ihm etwas sagen, das er nicht schon wissen sollte.

Interpretation:
Jetzt wird es heikel.  Die Mauer zwischen dem Elternpaar ist nur zu offensichtlich, aber was ist das mit den Bediensteten?  War ihr Tätigsein im Gästezimmer einst eine Ersatzbefriedigung?
Welcher Art Beruf geht der Mann nach, ist es das, was ich denke? Toleriert die Frau seinen Hang zum Zuschauen, weil er einst Inspiration war, mit der der Mann der Familie das Auskommen sicherte? Weiß sie überhaupt davon? Will sie überhaupt davon wissen? Oder hat am Ende erst er das Zerbrechen angestoßen?  Fragen, die im Text eher offen bleiben. Aber muss das schlecht sein? Ich finde es nicht schlecht, weil sie mich anregen, mich weiter damit zu beschäftigen und weil der Rest dafür umso deutlicher ist.

Lieblingssätze:
Zitat:
Sie steht auf, geht zur Anrichte, die Blockabsätze ihrer Schuhe knallen auf den harten Küchenboden.

Zitat:
die Schritte ihrer nackter Sohlen zwischen Bett und Stuhl, einmal, zweimal. Dann Geräusche, die eine Matratze macht, wenn sich ein Körper auf ihr bewegt, sich eine Stellung sucht um Ruhe zu finden.

Zitat:
aber bereits auf der Terrasse unter den Fenstern übertönen sie das Weiße Rauschen des Gartens, überschreiten in der Küche trommelnd eine Grenze.

Zitat:
mit dem gleichen Bindfaden irgendwann zum Bogen gespannt. Unter der Spannung hat sich das Holz verformt, jetzt ist es krumm, die Sehne ist erschlafft.


Mankos?
Vielleicht, wenn man es ganz genau nimmt, dann ufern die Beschreibungen mitunter aus, an einigen wenigen Stellen wirkten sie ein ganz kleines Bisschen wie Füllmaterial, aber das nur am Rande.

Fazit: Ich ziehe meinen Hut vor diesem Text und freue mich, dass ich ihn lesen durfte.


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Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 10.01.2018 11:54    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde keine Gedächtnisbilder. Die Leere ja (im aufgeschlagenen Buch und im fehlenden Anton), aber ich finde keine Gedächtnisbilder.

Dieser Text entwickelt in meinem Kopf seltsamer Weise etwas wie die ersten Szenen eines Tatorts: ein offenbar besserverdienendes Paar, recht schweigsam und irgendwie bezugslos zueinander. Dieses seltsam bedeutungsschwanger gezeigte Buch, der Block, die leeren Stellen, sein Nein auf die Frage, ob er etwas schreibe.

Und dann die seltsame Unterhaltung über Anton und Anna. Die noch seltsameren "Arbeitsverhältnisse" zu den beiden, die völlig ungeklärt bleiben und ohne jeden Hinweis, was der Zweck dieser Verbindung ist, die ohne Anton auch nicht zu funktionieren scheint.

Zuletzt der Ausflug ins Baumhaus, der auch ohne Gedächtnisbilder bleibt.

Dieses Tatorthafte ist, es was mich stört. Ein Tatort kommt so schlecht ohne irgendeine Aufklärung und sei es noch die minimal angedeutetste aus. Und wenn schon Tatort, dann doch kultig, oder?

Ich weiß, das klingt jetzt nicht nach einem qualifizierten Kommentar, aber irgend etwas macht diesen Text für mich nicht zu einem Text, der funktioniert. Mir bleibt das geheimnisvoll unterkühlte zu offen. Und aus diesem Grund mag ich dann schlichtweg die akribischen Schilderungen all dieser einzelnen Gegenstände und Landschaften nicht mehr, weil sie mir auch nichts weiter in die Hand geben als: aha ein Hund, aha ein Bogen und ein Wald wie eine Wand.

Sprachlich ist das rund. Erzähltechnisch auch. Das Handwerk sitzt hier und ich habe auch nicht wie bei anderen Texten, Mühe, dem Geschehen zu folgen. Nur bleibt mir hier eine Geschichte verborgen, mit der ich mich gar nicht abmühen will, dahinter zu kommen, weil so offensichtlich ist, dass da keine Chance besteht. In diesem Sinne fehlen diesem Tatort 85 Minuten Film.

Es sei denn - und das ist gut möglich - ich habe hier ein gigantisches Brett vorm Kopf.


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when I cannot sing my heart
I can only speak my mind
- John Lennon -

Christ wird nicht derjenige, der meint, dass "es Gott gibt", sondern derjenige, der begonnen hat zu glauben, dass Gott die Liebe ist.
- Tomás Halík -

Im günstigsten Fall führt literarisches Schreiben und lesen zu Erkenntnis.
- Marlene Streeruwitz - (Danke Rübenach für diesen Tipp.)
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holg
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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 10.01.2018 16:55    Titel: Antworten mit Zitat

Einer der neutral-perspektivischen Texte. Und das ist wirklich gut gemacht. Beinahe dokumentarisch folgt er dem Protagonisten durch den Tag. Erklärt nicht, interpretiert nicht. Und ist damit genau so „schwierig“ wie der ein oder andere SoC-Text.
Denn was da geschieht ist einerseits gut dargestellt und beschrieben, andererseits völlig rätselhaft. Hausangestellte posieren nackt im Gästezimmer, damit der Hausherr mit geschlossenen Augen lauscht? Und Anton hat keine Lust mehr darauf und kündigt, woraufhin sein Fehlen die Erinnerung an des Protagonisten Kindheit auslöst? Ohne die Vorgaben zu kennen, wäre ich auf so eine Verknüpfung nicht gekommen. Zu lange ist es vom einen zum anderen. Zu stark drängt sich die Leere aus den Zeilen. Zu konstruiert und abseitig erscheint mir die Geschichte.

Die Stille und die Leere jedoch sind spürbar, überdeutlich. Und das gefällt mir sehr gut.

1 Punkt.


_________________
Froh zu sein bedarf es wenig.
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hobbes
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Beiträge: 3170

Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
Ei 4 Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 13.01.2018 00:22    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe keinen Plan, um was es geht. Ich hätte ein paar Ideen, würde aber auf keine davon wetten wollen.
Das Gute aber ist: Es ist mir egal. Also nicht egal wie: interessiert mich einen Dreck, egal wie: dass ich keinen Plan habe, tut dem Text und mir eher gut, als dass es dafür Abzüge gibt.

Ich weiß noch nicht mal, ob ich es überhaupt wissen will. Es gibt ja so Texte, da wartet man nur auf die Auflösung, um endlich "Aaaaaah - so ist das also" sagen zu können. Hier befürchte ich eher, es könnte sogar in die Hose gehen, wenn mir jemand sagt, um was es ganz konkret geht.

Der Anfang aber, den finde ich ein wenig zäh. Eventuell ist das alles furchtbar wichtig und ich verstehe die Wichtigkeit bloß nicht, weil ich ja nicht so recht weiß, was mir die Geschichte eigentlich erzählen will, aber muss das tatsächlich sein, diese unfassbar detailgetreue Buch-Blatt-Beschreibung beispielsweise?

Was ich nun mit dem Text machen bzw. wie ich den einordnen soll, weiß ich auch nicht so recht. Vielleicht ist es tatsächlich nur ein Blender? Dann stehe ich am Ende da mit meinem Gefühl und meinem Kopfschütteln.

Und auch hier wieder: der Titel. Wie unfassbar passend. Also für das Gefühl, das der Text bzw. der Prota bei mir erzeugt. Bzw. wie der Titel zum Text passt und das ganze gleich noch ein Stück runder macht.

Tja. Muss ich wohl abermals lesen.

Punkte-Edit: 7
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Angst
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Alter: 29
Beiträge: 1679



BeitragVerfasst am: 14.01.2018 20:11    Titel: Antworten mit Zitat

Dieser Beitrag ist ein nettes Beispiel für entschleunigtes Erzählen.
„Im Obergeschoss hört er die Klospülung.“ Mit Sätzen wie diesem gelingt es dir, ein echtes Szenario zu beschwören.
Die literarische Kamera ist hier oft im Close-up unterwegs, fängt kleine Gesten genau ein.
Das gefällt mir, hinterlässt auf die ganze Länge der Geschichte aber eine Leere.
Grundsätzlich ist das ja im Sinne des Wettbewerbs, und unaufgeregte Geschichten vermögen mich durchaus zu fesseln.
Ganz gut gelingt das im Abschnitt „Die schaumgeborene Venus“, der etwas vage Erotisches hat.
Der Text im Gesamten hinterlässt mich etwas unbefriedigt.
Er ist offen, vielleicht zu offen und ruhig.
Wenn ich in mich horche und mich frage, ob mich das berührt, dann muss ich mit „Nein“ antworten.
Aber ist das schlimm? Darüber werde ich noch nachdenken müssen.
Spannend ist das allemal.

2 Punkte.


_________________
»Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens.«
— Søren Kierkegaard, Philosophische Brosamen,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 48.
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3852

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 14.01.2018 20:47    Titel: Antworten mit Zitat

Ein Mann schaut gerne seiner Putzfrau und - dem Gärtner? beim Sex im Gästezimmer zu, vielleicht poetischer auch dabei, wie sie einfach nur dort zusammenliegen, weiß man ja nicht, da hält sich der nicht vorhandene Erzähler vornehm bedeckt. Jetzt fehlt jedenfalls Anton, der männliche Part, und deshalb hört er der Frau zu und stellt sich das Bild nur vor. Das Thema des Gedankenbildes somit sehr geschickt umgesetzt in der neutralen Perspektive, ohne sich mit der indirekten Variante des Dialogs oder einer Unterbrechung der Perspektive behelfen zu müssen. Leer ist zugleich auch das Dasein des Mannes, der offenbar den Tag allein zuhause mit keinerlei produktiver Beschäftigung verbringt. Irgendwann gab es mal bessere Zeiten, das soll mir wohl das klein gewordene Baumhaus sagen.
Ich finde den Text technisch ganz gut gemacht, und von der Atmosphäre her, da ist so eine unterschwellige Wehmut zu spüren in all der Leere. Die Geschichte selbst sagt mir nur nicht viel. Sie ist in gewisser Weise zuende erzählt, nachdem sie zu Ende erzählt ist. Und lebt für mich nicht weiter.
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V.K.B.
Geschlecht:männlichDichter und Denker

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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 15.01.2018 00:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Inko,

Perspektive eingehalten, liest sich aber sehr emotionslos und nüchtern, fast wie ein Bericht
Stille als Motto schwer einzuschätzen, das Gedächtnisbild wird aber nicht gezeigt, auch wenn klar ist, das eins da sein wird, als er auf dem Stuhl Anna zusieht und Anton fehlt.
Inhaltlich schwimme ich. Er sieht den beiden Leuten im Bett zu, Anton kommt nicht mehr und er sieht nur noch der Frau zu. Offenbar ist es der Job der beiden, sich zusehen zu lassen? Aber er sieht nicht mehr hin. Und was ist mit der Frau bei der Kücheninsel am Anfang? Die kommt gar nicht mehr dazu? Ich kann nur mutmaßen:

War das mal eine Passion eines Paars, einem anderen Paar im Bett zuzusehen und dafür zu bezahlen, dann ist etwas passiert (Kind gestorben vielleicht, Symbol der zerfallende Karton im Baumhaus) und alles hat an Bedeutung verloren und läuft nur noch pro Forma weiter? Als festgefahrene Sackgasse? Klarer krieg ich das auch nach viermaligem Lesen nicht, und wahrscheinlich bin ich komplett auf dem Holzweg? Die Auflösung würde mich echt interessieren.

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alles gelesen habe.


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Heidi
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

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Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 15.01.2018 14:13    Titel: Antworten mit Zitat

Gratulation. Dein Text ist der bisher einzige mit neutralem Erzähler, der mir zusagt. Du baust da schon eine recht nüchterne Atmosphäre auf, in der sich eine aufbäumende Stille hervortut. Das schmerzt beinahe beim Lesen, erinnert entfernt an gewisse Stimmung(en) in Filmen von Haneke. Insgesamt schaffst du es, ein sprechendes Setting zu entwerfen, Figuren reinzustellen, es wirkt nichts aufgesetzt und (so wie bei anderen n. E.-Texten oftmals empfunden) zielt der Text nicht auf Effekt ab. Ich bekomme das Bedürfnis, diese Szenen als Film sehen zu wollen.
Inhaltlich ist es so, dass für mich viel offen bleibt, im Grunde mag ich Offenheit, also, wenn Fragen aufgeworfen werden, die mich nicht mehr loslassen, mich über den Text hinaus beschäftigen. Nun ist es aber so, dass die Fragen, die aufkommen, eher mit dem Inhalt an sich zu tun haben, ich kann den Zusammenhang der Szenen nicht ganz greifen, die Figuren nicht immer zuordnen und auch keine Leere entdecken kann, teilweise bringe ich die Figuren sogar durcheinander, frage mich ob "er" im Baumhaus, derselbe "er" ist wie in der Küchenszene und "er" im Zimmer zum Garten.
Ich muss mal gucken, ob du Punkte abkriegt. Allein für die Atmosphäre und die ausgefeilten Szenen hättest du welche verdient. Ich merke aber auch, dass von den Bewusstseinsstrom-Texten dann aber doch eine größere Anziehungskraft ausgeht. Sie können mich mehr fesseln, als die nüchterne Kühle der Kamera. Das hat natürlich mit Geschmack zu tun, den ein Autor schlecht beeinflussen kann.

Nun dachte ich erst, du kriegst eventuell gar keine Punkte ab, aber meine Meinung hat sich inzwischen verschoben, weil dein Text einer ist, an den ich in den letzten Tagen immer mal wieder denken musste. Ich hatte Bilder davon im Kopf und auch wenn ich sie nicht zuordnen kann, haben sie in mir gearbeitet. Die Stimmung des Textes hat mich nicht losgelassen. Deshalb bekommst du sogar satte sechs Punkte von mir.
Das ist ein guter Text. Mach einen Film draus - den schaue ich mir gerne an.
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Schlomo
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BeitragVerfasst am: 17.01.2018 00:12    Titel: Antworten mit Zitat

Lässt mich etwas ratlos zurück, obwohl mir einiges vertraut vorkommt.

_________________
#no13
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finis
Autor


Beiträge: 633
Wohnort: zurück
Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 18.01.2018 21:56    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Das ist für mich die gelungenste Umsetzung des neutralen Erzählers, die ich hier gelesen habe. Da fehlt nämlich etwas. Und genau das ist die Krux daran, denke ich - die Distanz spürbar zu machen, als Kontrast zu der unmittelbaren Nähe so eines Bewusstseinsstromes.
Dir gelingt es hier, einzelne Bilder von außen zu zeigen, sodass sich die Geschichte dem Leser selbst eröffnet, er sie Stück für Stück erschließen kann. Die Struktur erinnert dabei tatsächlich etwas an ein Drehbuch, sortiert nach einzelnen Orten, Szenen und Bildern. Trotzdem widerstehst Du (erfreulicherweise) der Versuchung einen reinen Dialogtext daraus zu machen.
Deine Sprache ist subtil, aber nicht kryptisch.

Das Geschehen mag oberflächlich betrachtet recht simpel sein, unterschwellig schwingt aber einiges mit. Gefangenschaft, Zerrissenheit, ... um ein paar Schlagworte zu nennen. Eine Art Nostalgie, und Resignation. Familie, soziale Strukturen. Kurz, ein Text, der viele Facetten aufnimmt, anspricht, sie mir aber nicht aufzwingt.

Ausgesprochen gern gelesen.
LG
finis


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"Mir fehlt ein Wort." (Kurt Tucholsky)
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Michel
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Das goldene Niemandsland Der silberne Spiegel - Prosa
Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 19.01.2018 22:43    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr genau beobachtet (gleichschenkliges Dreieck usw.), Alltagsbegegnungen, die unklar bleiben, sie fährt mit den Kindern weg, er wartet in einem Raum, in dem eine Frau sich auf die Matratze legt (Modell? Nee.), geht zum Baumhaus. Das mäandert mir zu sehr dahin, man sieht sozusagen noch die Fäden der Marionetten, die Form scheint noch durch den Inhalt. Off Topic? Ohne Thema?
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anderswolf
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Wohnort: Bad Nauheim


BeitragVerfasst am: 20.01.2018 00:53    Titel: Antworten mit Zitat

Diesmal mal wieder ein neutraler Erzähler, da denkt man, der macht es einem leichter als die ganzen ermüdenden Gedankenströme. Denkste, hieraus werd ich nicht recht schlau, versuche dauernd rauszufinden, was da eigentlich los ist. Denke seit dem dritten Lesen an geschiedene Leute, Menschen, die sich verlassen haben, und die Leere ist, was bleibt, und die auch keine seltsame Sexpraktik (oder ASMR) wieder füllen kann. Zuletzt bleibt die Flucht ins Baumhaus, wo Kindheit war und doch nicht mehr ist, und da setzt dann das Erinnerungsbild ein. Überhaupt ist das Baumhaus die schönste, tragischste, traurigste Stelle, mit dem letzten Satz, wenn die Stille einsetzt, fließen auch fast die Tränen.
Seltsam ist das und umso verwunderlicher all das, was zuvor geschieht. Und das ist irgendwie ein Problem, denn man wünscht sich mehr Resonanz aus der Leere, die da offensichtlich ist, irgendwas, was weniger verstört, als wenigstens einen Aha-Moment beschert, ein "ich habe etwas verstanden". Doch da ist nichts, nur die Leere, die so greifbar ist, die Erkenntnis also, dass mit dem Wegbrechen der Familie irgendwie nichts mehr Sinn ergibt im Leben des Protagonisten mit dem kleinen Buch, dessen Inhalt irgendwie wichtig scheint und irgendwie komplett wurscht. Wünschen würde ich mir, dass (und das kann der neutrale Erzähler ja auch zu einem gewissen Grad), dass da ein bisschen mehr editiert worden wäre, um ein paar Hinweise mehr auf das Vorher, das Nachher, das Anna-und-Anton-beim-Sex-Zuhören (ja, eine Erinnerung angesichts der Nicht-Sicht) zu bekommen, eine Andeutung darauf, was das alles soll. So bleibe ich als Leser unbefriedigt zurück, bekomme zwar die wunderschöne Stelle im Baumhaus, aber vorher so viel Frust (der vielleicht beabsichtigt ist, aber irgendwie nicht so recht ins Bild zu passen scheint). Unnötig verkompliziert, was auch ohne das ASMR-Pärchen eine schwierige, traurige, vereinsamende Situation wäre.

Vielleicht Punkte aufgrund des Baumhauses. Mal schauen, was noch kommt.  
Ja, Punkte.
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crim
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BeitragVerfasst am: 20.01.2018 11:21    Titel: Antworten mit Zitat

So präzise kommt mir das vor, und distanziert bis zum geht nicht mehr, dabei auf seltsame Weise intim. Das ist für mich die beste Umsetzung des neutralen Erzählers im Wettbewerb.

Lg crim
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Tjana
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BeitragVerfasst am: 20.01.2018 19:56    Titel: Antworten mit Zitat

Sieben Sequenzen, in jeder ist die Leere zu spüren. Aber ist „ein“ Text? Ich erkenne die Verbindung der Figuren nicht.
Ein zaghaftes Gedächtnisbild finde ich nur im letzten Abschnitt Das Baumhaus.
Nun warte ich gespannt auf die anderen Kommentare, die mir hoffentlich zeigen, was ich alles übersehen habe  Embarassed


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d.frank
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BeitragVerfasst am: 21.01.2018 02:52    Titel: Antworten mit Zitat

Ich weiß nicht, ob es gerecht ist, aber ich habe mir vorgenommen, dem neutralen Erzähler bei der Entscheidung für meinen persönlichen zweiten Platz den Vorzug zu geben, weil ich ihn gerne lese, weil ich ihn für eine schreibtechnische Herausforderung halte und weil er im Wettbewerb klar unterlegen war.
Und bei den neutralen Erzählern ist diese Geschichte hier nun Mal mein Favorit, weil ich ihn hier am Besten umgesetzt sehe, weil sie die Leere einfängt, ohne ihr direkt eine Stimme zu geben und weil ich immer noch nicht ganz dahinter gestiegen bin, was der Text mir eigentlich genau sagen will, wiederum aber irgendwie sicher bin, dass es etwas Handfestes ist.
Ich bin gespannt, wie sich der Autor noch dazu äußern wird.


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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 21.01.2018 12:54    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe gerade Angst vor der Macht meiner Kritik und sorge mich um meine Urteilsfähigkeit. Deshalb an dieser Stelle kein inhaltlicher Kommentar.

Danke für deine Teilnahme am Wettbewerb.


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fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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Eredor
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Traumtagebuch
BeitragVerfasst am: 21.01.2018 13:44    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Er hört diesen Seufzer, aber auch diesmal schaut er nicht hin.
[...]
der Wind ist eingeschlafen


Das sind für mich zwei Beispiele für einen wertenden - also, keinen neutralen - Erzähler. Was aber überhaupt nicht mein Hauptkritikpunkt ist, weil ich in deine Geschichte nicht hereinkomme. Es sind zu viele Blockaden, angefangen die kurzen Abschnitte, die an sich eine gute Idee sind, aber emotional/inhaltlich zu weit auseinander für mich, wo doch bereits eine Verfremdung durch die Erzählperspektive erzeugt wird. So fällt es mir extrem schwer, reinzukommen - ich könnte es, wenn ich wollte, aber warum sollte ich wollen? Ein Text muss mich neugierig machen, sonst gebe ich mir keine Mühe für ihn, da bin ich egoistisch. Und daher bleibe ich auch außen vor, leider - nichts für ungut.


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"vielleicht ist der mensch das was man in den/ ersten sekunden in ihm sieht/ die umwege könnte man sich sparen/ auch bei sich selbst"
- Lütfiye Güzel
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