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Out of the Dark


 

 
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rsonnberg
Sonntagsschreiber

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Beiträge: 17
Wohnort: Schwerin


BeitragVerfasst am: 23.09.2016 21:23    Titel: Out of the Dark eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Neue Version »

Das Tier in meinen Träumen war schwarz wie das Herz eines Kredithais, einhundertdreiundfünfzig Pferde stark, sauschnell und hieß „Super Blackbird“.

Wir schrieben Januar, draußen waren minus sechs Grad und bei Tempo zweihundertneunzig saß Gevatter Tod jede Nacht hinter mir auf der Maschine.

Ich sah das nicht so eng, denn der Sensenmann lauerte auch im Sommer an jeder Straßenecke auf Biker und ich war immer unter seinem Radar geblieben. Außerdem war ich ein Adrenalinjunkie und liebte es, wenn er mir jede Nacht auf der Heimfahrt seinen kalten Atem in den Nacken blies.

Bis zu dieser einen Nacht.

Es war kurz vor halb drei morgens, die Mädels hatten Feierabend gemacht, ich wuchtete unter den schmetternden Gitarrenriffs von AC/DC und „Highway to hell“ die Ölmaschine nach vorn und begutachtete die Kollateralschäden, die nach elf Stunden Völkerwanderung im Bowlingcenter unvermeidlich waren. Es war ein Automatismus, der immer ablief, wenn der letzte Gast gegangen war und er ließ Raum in meinen Kopf für viel zu viele Gedanken. Sie würden noch stundenlang weiterbohren und dafür sorgen, dass ich nicht gleich nach dem Ende der Spätschicht ins Bett gehen konnte. Selbst dann würden sie mich noch eine Weile wach halten. Wie immer. Scheißnächte.

Deep Purple begleiteten mich nach hinten in den Technikbereich, Ian Gillan kreischte mir „Fools“ in die Ohren, ich wechselte die Lappen und zählte die Pins in den Maschinen. Die vierzehn zickigen alten Damen wollten gepflegt werden und verlangten jede Menge Aufmerksamkeit. Die mit dem elektrischen Shark hatten dreiundzwanzig Pins, die mit dem Mechanischen vierundzwanzig. Bekamen sie nicht, was sie wollten, kratzten, bissen und spuckten sie am nächsten Tag. Die Narben auf meinen Unterarmen erzählen einen ganzen Roman davon.

Ian Gillan machte Pause für das, was „Fools“ so überirdisch klingen lässt - diesen einen, immer wiederholten Akkord des Synthesizers und es war, als riefen mich die Narren aus einer anderen Welt, immer wieder und immer lauter. Die Gasbetonwände der Halle vibrierten und mir rannen Schauer über den Rücken. Dann fluteten die ersten Takte von „Swanheart“ und die göttliche Stimme Tarja Turunens das Bowlingcenter. Die Jungs von „Nightwish“ waren dämlich gewesen. Wie hatten sie diese Frau nur gehen lassen können?

Ich war schon in der Umkleide und  meine Gedanken waren nur noch zusammenhanglose Fetzen. Hose, Stiefel, Nierengurt, Jacke - das, was andere als Qual und Zeitverschwendung empfanden, war für mich wie das Vorwärmen zu dem Rennen meines Lebens. Minus sechs Grad und Raureif auf der Straße. Na und? Der Countdown tickte.
Ich schaltete die Beleuchtung und die Musikanlage aus und warf noch einen Blick in die riesige, jetzt dunkle Halle. Bei Nacht hatte sie etwas Gespenstisches, das Baumaterial glich Temperaturunterschiede aus, und die Geräusche, die es dabei von sich gab, hätten eine gute Tonkulisse für jeden Horrorfilm abgegeben.

Da begann es schon. Erst knackte es mehrmals in der Decke, dann hörte es sich an, als würde jemand auf nackten Füßen durch die Halle tapsen. Das war nichts für schwache Nerven, aber ich kannte das und rief in die Dunkelheit: „Das Bier ist in der Kühlzelle und macht nicht so viel Krach bei eurer Party!“ Wenn es Geister gab, sollten sie wenigstens ihren Spaß haben.

Ich grinste und schüttelte den Kopf über meinen kindischen Anfall. Oder war es das berühmte Pfeifen im dunklen Wald gewesen? Egal, nach mir die Sintflut. Ich drehte mich zur Tür.

Warmer Atem traf mich wie ein Hammer in den Nacken, ich zuckte zusammen, stieß mir den Ellenbogen an einem Schrank und mein Helm polterte zu Boden. Nach einigen hektischen Atemzügen beruhigte ich mich wieder und drehte mich langsam um.

Natürlich war niemand hinter mir. Ein Kribbeln rann mir über den Rücken und mein Herz hämmerte. Die Belüftung hatte ich bereits vor einer halben Stunde ausgeschaltet. Was hatte die Luft bewegt in der leeren Halle? Ich klaubte meinen Helm vom Boden und rieb mir den schmerzenden Arm. Ein typischer Fall von zu viel Stress und zu wenig Schlaf, es wurde Zeit, dass ich verschwand.

Das Traumtier lauerte neben der Treppe auf mich. Tief in den Laternenschatten geduckt, versteckte es seine mächtigen Muskeln unter einer unscheinbaren, samtschwarzen Verkleidung. Sinnlos, denn wer wenn nicht ich wusste, was sie leisten konnten. Eine Schlüsseldrehung erweckte den Dämon zum Leben und mit einem satten Blubbern zerrte er an seinen Fesseln. Ein winziges Zucken in meiner rechten Hand hätte genügt, seine unbändige Kraft freizugeben und aus dem Brummen des Untiers ein jubilierendes Kreischen zu machen.

Doch ich war schon immer ein Adrenalinjunkie gewesen, der gern den Moment der Erfüllung seiner Sucht hinausgezögert hatte, und so zündete ich mir noch eine Zigarette an. Ein paar hastige Züge und wenn sie vorbei waren ...

Drei Rechtskurven, dann würde ich auf der Umgehungsstraße sein, nach drei Sekunden bei Tempo einhundert, neun Sekunden später bei zweihundert und hätte dann noch knapp einen Kilometer, um auf zweihundertneunzig zu kommen. Die Welt würde auf einen dunklen Tunnel zusammenschrumpfen, in dem nur noch das Tier unter mir und ich, bis zur Halskrause zugedröhnt mit Adrenalin, existierten. Ich würde Falco in meinem Kopf mit seinem „Out of the Dark“ hören und wenn er bei seinem letzten „muss ich denn sterben, um zu leben“ angekommen war, würde ich endlich schlafen können.

Es war Zeit. Ich holte tief Luft, schnipste die Zigarette weg, schloss den Helm und stieg auf. Der erste Gang zierte sich, als er dann doch einrastete, klang es wie ein Lachen. Für einen Moment glaubte ich, einen dunklen Schatten zu sehen, der sich hinter mir auf die Maschine schwang und den gleichen warmen Atem in meinem Nacken zu spüren wie in der Halle. Verdammte Müdigkeit!

Ich ließ die Kupplung springen, das Traumtier riss das Vorderrad hoch und raste los mit mir. Jetzt war keine Zeit mehr für Angst. Jetzt war Zeit für Träume.

*

„Alles in Ordnung?“, fragte Lena.

Trotz der Dunkelheit im Schlafzimmer wusste ich, dass sie die Augen leicht geöffnet hatte. Sie schlief nie sehr fest, wenn ich Spätschicht hatte und mit der Maschine unterwegs war.

Ich dachte an den Schatten, der sich am Bowlingcenter hinter mir auf die Maschine geschwungen hatte. Trotzdem antwortete ich: „Aber natürlich!“ und legte mich zu ihr. Irgendwie  kam ich immer gut nach Hause. Wohin sonst? Hier war mein Herz.

Lena kuschelte sich im Halbschlaf an mich, ihr warmer Atem liebkoste meine Haut und sie murmelte: „Ich habe eben geträumt, dass wir zusammen auf der Maschine unterwegs sind.“

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Oktoberkatze
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Alter: 54
Beiträge: 323

Ei 1 Ei 9


BeitragVerfasst am: 24.09.2016 12:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo rsonnberg,

herzlich willkommen im Forum. Du schreibst temporeich und zeichnest eindringliche Bilder. Dein Text hat mir gut gefallen, nur das Ende fand ich etwas enttäuschend. Klar, es ist eine unerwartete Wendung, aber irgendwie nimmt es die ganze Stimmung aus dem ersten Teil raus und kippt den Text eher unvorteilhaft. Ich würd den letzten Teil daher wohl streichen.


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Heldin_der_Nacht
Geschlecht:weiblichSchreiberassi


Beiträge: 30



BeitragVerfasst am: 24.09.2016 19:37    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Abend rsonnberg,

mir gefällt das Ende auch ehrlich gesagt nicht besonders gut. Den Rest deiner Geschichte mag ich wohl - Allerdings würde ich mir überlegen, das ganze noch mal aus der Sicht eines personalen Erzählers zu schreiben, ich glaube die Geschichte käme dann viel besser rüber. Aber das kann auch nur meine persönliche Meinung sein, ich finde den Ich-Erzähler einfach furchtbar... Smile Aber da kannst du ja nichts für.
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Fion
Geschlecht:weiblichSchreiberassi

Alter: 55
Beiträge: 35



BeitragVerfasst am: 25.09.2016 11:32    Titel: Antworten mit Zitat

Moin rsonnberg

Ah, eine Heavy-Metal-Biker-Story. Rolling Eyes
Trotzdem ...rann an den Speck, denn der Sensenmann scheint mit von der Partie.
Oh schade, er bekam doch keine Rolle in deinem Stück. (Also nicht wirklich.)
 hmm
Gut, der rsonnberg schreibt ja auch keine Phantasie mit Feenstaub. Er steht mit beiden Beinen im richtigen Leben.
Genau so sein Prota: Bis spät Arbeiten, Laden fertig machen, Licht aus, der harte Kerl muss die Schatten und Geräusche ertragen, ködert sich aber damit, dass er die Honda fahren darf. Aber ...eben im Winter. Brrrr
Aber ...da war doch die Stimmung, das Gruselige.
Ja, und die darf da auch bleiben, denn, wir alle kennen doch solche Momente. (Ich mache dann überall das Licht an.) Das ist ein gemeinsamer Nenner.
Also ist die Geschichte gut und Cool
Aber noch cooler wird es, wenn du nicht ganz soooo viele Redewendungen verwendest. (Ja komm, ich schreibe es: Plattitüden/Phrasen)
Gib ihm seine eigene Sprache.
Die Musik-Stücke (im Besonderen) würde ich eher zurücknehmen. (Für die Leser, die überhaupt nicht wissen, wie der Song klingt.) Reicht nicht auch schon Metal? Ich merke gerade, das Vorgeschlagene geht vielleicht doch etwas zu weit und hilft dir auch nicht. Ich lasse es trotzdem stehen. (Gedankengang)
Was du aber echt ändern solltest:

[quote]... Tief in den Laternenschatten geduckt, versteckte es seine mächtigen Muskeln unter einer unscheinbaren, samtschwarzen Verkleidung. Sinnlos, denn wer wenn nicht ich wusste, was sie leisten konnten.

...geduckt - versteckt - unscheinbar: So ein Mopped darf ruhig selbstbewusst daherkommen
Und, es gibt keinen Laternenschatten, weder im Wort noch im Sinn.
Ich versuche es mal:
Weit von der (Straßen)Laterne entfernt, wartet verheißungsvoll die samtschwarze Maschine in den tiefen Schatten auf mich.

Und ...wenn man die komplette Kluft (bis auf den Helm) schon angezogen
hat ... spürt man keinen Lufthauch im Nacken. (Also hoffentlich nicht, sonst neu kaufen!)

Und ... bitte, über zweihundert km/s im Winter? Och nöööö....
Auch wenn ich gar nicht das Macho-Ding thematisiert habe, und vielleicht es auch nur in der Textstelle seine Vorstellung sein soll,
dann glaube ich es ihm nicht mal, dass er sich so etwas vorstellt.


Aber jetzt Schluss mit dem Kritteln!
Danke, dass ich an deiner Story arbeiten durfte.
Lieben Gruß
Fion
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rsonnberg
Sonntagsschreiber

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BeitragVerfasst am: 25.09.2016 12:48    Titel: Schön! pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, dass Ihr Euch Zeit genommen habt für mich.

Ich mag Kritik nicht, wie jeder andere Mensch auch nicht. Doch so, wie Ihr sie verpackt habt, schmecke ich sie in dem ganzen Honig drum herum fast gar nicht Wink
Zumal Ihr Finger auf Wunden gelegt habt, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren. Also tatsächlich ran auf die Tasten, Input habt ihr mir genug gegeben und das war auch meine Hoffnung - weiterkommen.

Noch einmal Danke dafür.

Im Einzelnen:
@Oktoberkatze: Das mit dem Ende sehe ich auch so - es wirkt trivial. Allerdings halte ich Streichen nicht für den Weg. Eher das Gegenteil, denn es geht ja nicht um den Macho, sondern um die Beziehung des Machos zu seiner Frau. Ich denke, Lena muss bereits am Anfang des Textes wenigstens einmal auftauchen, vielleicht in seinen Gedanken.
Der Schluss muss ausgebaut werden, so daß er Sinn ergibt und sich vor allem auch so liest.

@Heldin_der Nacht
Die Ich-Perspektive hat in der Tat ihre Tücken, ist allerdings naturgemäß einfacher zu schreiben. Übrigens war die Geschichte in der ersten Version in der Gegenwart, was ihr so richtig Drive verliehen hatte. Jedoch schien mir das zu - hm - kindisch?
Die Erzählung in die Personale zu transformieren, sehe ich als eine gute Übung an. Ich habe nur ein wenig Angst davor, dass ihr dann Einiges verloren geht. Aber das ist dann halt Arbeit, es zu lernen. Dafür bin ich hier. Guter Tipp.

@Fion
Du hast dir sehr viel Arbeit gemacht und mir damit ja schon fast die Hälfte abgenommen *lach*. Ich bin tatsächlich seit 41 Jahren Biker und fahre auch jetzt noch die genannte Honda Super Blackbird. Tatsächlich jede Nacht von und zur Arbeit und bis 240 km/h war ich auch schon bei minus 6 Grad - für eine Sekunde, dann habe ich es sein lassen, weil es einfach nur idiotisch ist. Da hast du Recht.

Zu den einzelnen Details, die du genannt hast, will ich mich nicht mit dir streiten. Der Grund ist ein einfacher - du hast als Leser geschrieben und es ist völlig wurscht, ob ich Recht habe oder nicht, denn ich habe es nicht so dargestellt, dass du es als richtig und glaubwürdig ansiehst. Ein Autor, der seine Geschichte erklären muss, hat etwas falsch gemacht. Immer.
Also auch hier Arbeit.
Aber so macht sie Spaß ...

Rainer


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Fion
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Beiträge: 35



BeitragVerfasst am: 26.09.2016 08:09    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Rainer

Oh... (meine Stimmung) = Betrübt.
Ach, ich will mich doch nicht mit dir streiten, dir nicht zu nahe treten.
Wer bin ich denn schon?

Ich freu mich auf die Überarbeitung.

...Als ich meine erste Story in ein Forum gestellt habe...
und ich ne Antwort bekam, (und die war wirklich gut gemacht)
Pamm! Wie ein Schlag in den Magen. Paralysis von Gehirn und Hände.
Weil in dem Text immer sehr viel von einem selbst steht.
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Municat
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BeitragVerfasst am: 27.09.2016 16:50    Titel: Antworten mit Zitat

Die Titel müssen unbedingt in der Geschichte bleiben, finde ich! Ich höre jeden einzelnen davon ... und ich bin bei Dir: sie hätten sie nie gehen lassen dürfen. Selbst wenn der Leser nicht weiß, wie sich die einzelnen Songs anhören, gibt es genügend Hinweise darauf, um welche Musikrichtung es sich handelt. Einfach nur "er hörte metal" wäre viel zu plump und würde nicht in die Geschichte passsen, finde ich.

Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen, die Du noch verbessern könntest:

Zitat:
Ich war schon in der Umkleide und meine Gedanken waren nur noch zusammenhanglose Fetzen
zweimal "war" in einem Satz ... das kriegst Du noch weg.

Zitat:
Was hatte die Luft bewegt in der leeren Halle?
hier würde ich in der Zeit bleiben, obwohl Deine Version streng genommen die sachlich richtige ist. Also: Was bewegte die Luft in der leeren Halle?

Zitat:
Eine Schlüsseldrehung erweckte den Dämon zum Leben
Hier würde ich schreiben: Der Zündschlüssel erweckte ... (ist aber Geschmacksache)

Zitat:
Doch ich war schon immer ein Adrenalinjunkie gewesen, der gern den Moment der Erfüllung seiner Sucht hinausgezögert hatte, und so zündete ich mir noch eine Zigarette an. Ein paar hastige Züge und wenn sie vorbei waren ...
Hier ist das Problem mit der Zeit wieder. Und für meinen Geschmack müsste die Verzögerung mit der Zigarette nicht wirklich sein. Aber auch das ist Geschmacksache.

Dass der Schluss ausbaufähig ist, hast Du ja selbst schon erkannt.

Gefällt mir, die Geschichte smile


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rsonnberg
Sonntagsschreiber

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BeitragVerfasst am: 28.09.2016 18:37    Titel: Herr, gib mir Zeit!! pdf-Datei Antworten mit Zitat

Da die Geschichte leider autobiographisch ist, fehlt mir einfach die Zeit, die ich gerne hätte. Deshalb hat die Überarbeitung so lange gedauert. Noch einmal ganz herzlichen Dank für Eure Hilfe.
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Schutzengel: Out of the dark

Alte Biker sind entweder tot oder harte Hunde. Eine halbe Sekunde Unaufmerksamkeit auf der Maschine genügt und der Kopf ist ab. Die noch leben, haben ihn immer rechtzeitig genug eingezogen, wenn der Mann mit der Sense ausgeholt hat.
Hartwig griff nach seinem Helm. Er war immer unter dem Toderadar geblieben. Zwar hatte er bei den drei Unfällen in den vierzig Jahren seines Bikerlebens seine Maschinen geschrottet, aber er hatte überlebt.

In Gedanken saß er bereits auf der Maschine. Das Tier seiner Träume war eine Super Blackbird, schwarz wie das Herz eines Kredithais, sauschnell und das Leben war erst schön, wenn ihm der Sensenmann bei einem Ritt auf dem Bike seinen eisigen Atem in den Nacken blies. Es existierte nichts in der Welt, das sich damit vergleichen ließ. Außer vielleicht die Nächte, in denen Maja ihn fliegen ließ, hemmungslos, gnadenlos, voll mit Endorphinen, schweißüberströmt und schreiend vor Glück.

Jetzt schrie sie auch. „Du bringst dich um!“

Sie atmete heftig und ihre braunen Augen funkelten vor Wut.

Er senkte den Blick auf den Küchentisch und sie setzte, etwas ruhiger, fort: „Denkst du, ich sehe nicht, dass du beide Hände brauchst, um die Kaffeetasse zu halten, weil sie so zittern? Du kannst nicht jeden Tag vierzehn Stunden arbeiten, nur um uns über Wasser zu halten und dann noch mit der Maschine fahren. Wir haben Winter! Das ist kein Geld der Welt wert!“

Wenigstens heute am Sonntag hatte er gehofft, dieser Diskussion entkommen zu können. Alle Antworten dazu hatte er bereits gegeben. Sie konnten sich keine zwei Autos und eine Maschine leisten und lieber hätte er sich den Arm abgehackt, als das Bike zu verkaufen. Nicht, dass Maja das nicht verstand. Was sie schreien ließ, war nur ihre ohnmächtige Angst. Die Angst um ihn.

Müde stand er auf und ging zur Tür, ohne ihr eine Antwort zu geben. Er hatte keine mehr für sie.

Zusammen mit dem ersten Aufheulen des Motors kam der Adrenalinschwall und er spülte alle Sorgen, die Erschöpfung und selbst die Erinnerung an Majas zornfunkelnde Augen aus seinem Kopf, als hätte nichts davon je existiert.

Fünfzehn Stunden und dreihundert Gäste später löschte Hartwig bis auf einige wenige Lampen das Licht im Bowlingcenter. Die große Digitaluhr über dem Eingang schaltete um auf den neuen Tag und zeigte das Datum des elften Januar 2016.
Die Mädels machten Feierabend. Er schloss alle Türen ab und drehte die Anlage auf. Das hatte er früher nie getan, hatte die Stille nach dem Trubel in der riesigen Halle genossen, doch seit einigen Wochen kam es ihm immer häufiger vor, als sei er nicht allein hier, auch wenn das unmöglich war.

Unter den harten Gitarrenriffs von AC/DC wuchtete er die Ölmaschine nach vorn. Das Aufräumen ließ Raum in seinem Kopf für viel zu viele Gedanken; Erinnerungen an die Gäste von heute, für die er nichts weiter gewesen war als ein Hanswurst, der zu springen hatte, wenn sie mit dem Finger schnippten. Sie würden noch stundenlang weiterbohren in ihm und dafür sorgen, dass er nicht gleich nach dem Ende der Spätschicht ins Bett gehen konnte. Selbst dann würde es ihn noch eine Weile wach halten. Wie immer. Scheißnächte, trotz Maja.

Deep Purple und „Fools“ ließen ihn grimmig die Lippen verziehen. Acht Minuten und sechsundzwanzig Sekunden - vielleicht schaffte er es heute, alle Lappen bis zum letzten Akkord an den Maschinen zu wechseln und die Pins zu zählen. Die vierzehn zickigen Damen hier hinten wollten gepflegt werden und verlangten jede Menge Aufmerksamkeit. Wie Maja. Doch die hinterließ nur ab und zu ein paar Kratzer auf seinem Rücken, wenn sie mit ihm abhob. Die Zicken hier im Maschinenraum waren brutaler, sie kratzten, bissen und spuckten, wenn sie nicht die Pflege bekamen, die sie brauchten. Die tiefen Narben auf seinen Unterarmen erzählten einen ganzen Horrorroman davon.

Ian Gillan verstummte für das, was „Fools“ so klingen ließ, als sei es Musik aus einer anderen, dunkleren Welt, diesen einen immer wiederholten Akkord des Synthesizers. Immer wieder, immer lauter; der Ruf der Narren ließ die Gasbetonwände der Halle vibrieren und jagte ihm Angstschauer über den Rücken.

Er rannte fast in die Umkleide, den Kopf voller Gedankenfetzen. Tarja Turunens göttliche Stimme und „Swanheart“ fluteten die menschenleere Halle. Die Jungs von „Nightwish“ waren dämlich gewesen. Wie hatten sie diese Frau nur gehen lassen können? Morgen musste er wieder auf Knien die schwarzen Streifen auf dem Anlauf beseitigen. Ein Kinderball fehlte. Hose, Stiefel, der Nierengurt - Maja hatte ihn gestern geflickt. Er löschte das Licht, zögerte einen Moment, dann regelte er die Anlage herunter und Stille hielt Einzug.

Er drehte sich zur Tür, streckte die Hand nach der Klinke aus, da ließ ihn ein Geräusch mitten in der Bewegung verharren. Etwas knackte mehrmals in der Decke, dann tappten Füße schmatzend durch das Öl auf den Bahnen. Nackte Füße.

Hartwig rief in die Dunkelheit: „Das Bier ist in der Kühlzelle und macht nicht so viel Krach bei eurer Party!“

Das Baumaterial glich Temperaturunterschiede aus, und die Geräusche, die es dabei von sich gab, hätten eine gute Tonkulisse für jeden Horrorfilm abgegeben. Wenn es Geister gab, sollten sie wenigstens ihren Spaß haben. Er grinste mit verkniffenen Lippen und schüttelte den Kopf über seinen kindischen Anfall. Oder war es das berühmte Pfeifen im dunklen Wald gewesen? Etwas ganz tief in ihm sagte ihm wieder, dass er hier nicht allein war. Nie gewesen war. Jemand war hier, neben ihm, er fühlte es.

Der Jackenärmel stellte sich auch quer. Seine Hand verfing sich im Innenfutter und er fluchte leise, da traf ihn ein warmer Hauch in den Nacken. Er zuckte zusammen, stieß sich den Ellenbogen an einem Schrank und ließ den Helm zu Boden poltern.

Ein Kribbeln rann ihm über den Rücken und sein Herz hämmerte. Nach einigen hektischen Atemzügen beruhigte er sich wieder und drehte sich um, doch niemand stand hinter ihm.

Er klaubte seinen Helm vom Boden, rieb sich den schmerzenden Arm und schloss die Tür ab. Vielleicht hatte Maja doch recht und er tanzte gerade auf einer Linie, die er besser nicht übertrat. Irgendetwas in ihm sendete Signale und er war eigentlich alt genug, sie zu verstehen. Aber hatte er denn eine Wahl?

Schulterzuckend stieg er die Treppe hinab. Es waren nur der verdammte Stress und die Müdigkeit, die ihn weiße Mäuse sehen ließen. Nichts davon war real. Er war ein alter Biker und harter Hund! Doch was hatte die Luft bewegt in der leeren Halle?

Das Tier seiner Träume lauerte neben der Treppe. Die schwellenden Muskeln unter einer unscheinbaren, samtschwarzen Vollverkleidung versteckt, kauerte es im Schatten und wartete auf ihn. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn einmal herum und ein sattes Brummen zerriss die Stille der Nacht. Der Dämon war erwacht. Hartwig wusste, dass ein winziges Zucken in seiner rechten Hand genügen würde, seine unbändige Kraft freizugeben und aus dem Brummen des Untiers ein jubilierendes Kreischen zu machen. Doch Hartwig hatte keine Angst. Nicht vor ihm.

Er war schon immer ein Adrenalinjunkie gewesen, der den Moment der Erfüllung seiner Sucht hinausgezögert hatte, und so zündete er sich noch eine Zigarette an. Drei Rechtskurven, dann könnte er auf der Umgehungsstraße sein, nach drei Sekunden bei Tempo einhundert, neun Sekunden später bei zweihundert und hätte dann noch knapp einen Kilometer, um auf zweihundertneunzig zu kommen. Die Welt würde auf einen dunklen Tunnel zusammenschrumpfen, in dem nur noch das Tier unter ihm und er selbst, bis zur Halskrause zugedröhnt mit Adrenalin, existierten. Er würde Falco in seinem Kopf mit seinem „Out of the Dark“ hören und wenn das tote Genie bei seinem letzten „muss ich denn sterben, um zu leben“ angekommen war, würde Hartwig endlich schlafen können. Der Stress wäre vorbei, der Mahlstrom der niemals endenden Gedanken in seinem Kopf würde versiegen und er würde frei sein. Für immer. Einmal noch fliegen ...

Er holte tief Luft, schnipste die Zigarette weg, schloss den Helm und stieg auf. Der erste Gang zierte sich, als er dann doch einrastete, klang es wie ein böses Lachen. Ein dunkler Schatten schwang sich hinter Hartwig auf die Maschine und blies ihm den gleichen warmen Atem in den Nacken, den er auch in der Halle gespürt hatte.

Hartwig ließ die Kupplung springen und raste los.

Eine halbe Stunde später kam er zu Hause an. Er hatte länger gebraucht als sonst, irgendetwas hatte verhindert, dass er schneller als einhundert gefahren war.

„Alles gut?“, flüsterte Maja im Dunkeln. Sie schlief nie sehr fest, wenn er Spätschicht hatte und mit der Maschine unterwegs war.

„Aber natürlich!“, antwortete er und legte sich zu ihr. Er kam immer gut nach Hause. Wohin sonst? Hier war sein Herz.

Sie kuschelte sich im Halbschlaf an ihn, ihr warmer Atem liebkoste seine Haut und sie murmelte: „Ich habe wieder geträumt von dir.“

Er dachte an den Schatten, der sich am Bowlingcenter hinter ihm auf die Maschine geschwungen hatte, dessen warmen Atem er die ganze Fahrt über gespürt hatte, wie auch zuvor im Bowlingcenter und warum er das Gefühl gehabt hatte, nicht allein gewesen zu sein. Er wusste jetzt, wer es gewesen war.


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Municat
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BeitragVerfasst am: 29.09.2016 11:13    Titel: Antworten mit Zitat

und noch mal hallo smile

Beide Versionen haben ihre Stärken, finde ich. An der Überarbeitung gefällt mir, dass das Ende mehr Gewicht hat und (was damit natürlich zusammenhängt), dass Maja schon vorher erwähnt wird. Der Fokus wandert jetrzt von der Maschine zu dem Schutzengel und zu der Beziehung zwischen den beiden. Du hast ja in einem früheren post geschrieben, dass es Dir genau darauf ankommt, also von dieser Seite her alles richtig gemacht smile

Trotzdem hat mich die uirsprüngliche Version von der ersten Zeile an in den Bann gezogen, was ich bei der Überarbeitung ein wenig vermisse. Das kann allerdings auch daran liegen, dass die Geschichte nu nicht mehr neu für mich ist.

Zitat:
Acht Minuten und sechsundzwanzig Sekunden - vielleicht schaffte er es heute, alle Lappen bis zum letzten Akkord an den Maschinen zu wechseln und die Pins zu zählen.
Den Satzaufbau würde ich ein bisschen drehen: Acht Minuten und sechsundzwanzig Sekunden - vielleicht schaffte er es heute, bis zum letzten Akkord alle Lappen an den Maschinen zu wechseln und die Pins zu zählen.

Die Geschichte war gut und ist gut ... sie hat jetzt mehr Tiefe und einen neuen Fokus.


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rsonnberg
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BeitragVerfasst am: 07.10.2016 17:47    Titel: Eine Woche hat sie abgehangen pdf-Datei Antworten mit Zitat

und nun ist sie reif. Municat, das mit dem "von der ersten Zeile in den Bann gezogen" und das es in der zweiten Version nicht mehr da ist, hat mich geärgert. Ärger hat immer produktive Auswirkungen bei mir. Herzlichen Dank dafür.
Nun hat sie sogar das okay meiner Frau bekommen (sie ist meine schärfste Kritikerin), und das ist für mich das Zeichen, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Ich kann endlich weiterwandern zur Nächsten Wink


Schutzengel: Out of the Dark

lte Biker sind entweder harte Hunde oder tot. Es gibt nichts dazwischen. Hartwig hatte in den letzten fünfzig Jahren immer rechtzeitig genug seinen Kopf eingezogen, wenn der Sensenmann nach Beute Ausschau gehalten hatte. Drei Unfälle hatte er überlebt, seine Maschinen nicht.

In Gedanken saß er bereits wieder auf dem Tier seiner Träume. Seine Super Blackbird, war schwarz wie das Herz eines Kredithais, sauschnell und das Leben wurde erst schön, wenn ihm der Schwarze Mann bei einem Ritt auf dem Bike seinen eisigen Atem in den Nacken blies. Nichts Vergleichbares existierte in der Welt, außer vielleicht die Nächte, in denen Maja ihn fliegen ließ und sein Universum bis zum Rand mit Lust und dem Duft ihrer schweißüberströmten Samthaut füllte.

Sie stellte einen Halbliterpott mit Kaffee vor ihn auf den Küchentisch. Verführerisch stieg ihm der Geruch der schwarzen Brühe in die Nase. Mit einer Hand langte er nach dem Pott und hob ihn an. Einen Sekundenbruchteil später griff er auch mit der zweiten Hand zu.

Maja verzog die Lippen. „So eine Kaffeetasse kann ganz schön schwer sein für einen Zweizentnermann wie dich, was?“

Die Uhr an der Küchenwand zeigte halb elf. Um diese Zeit war noch nicht viel in ihm wach. Er schlürfte den Kaffee in sich hinein und blickte Maja über den Rand der Edelstahltasse an. Halbvoll stellte er sie so vorsichtig, als wäre sie höchstzerbrechlich, wieder auf den Küchentisch, warf ihr einen bedauernden Blick zu und schob sie mit einer endgültigen Bewegung zur Seite. „Ich muss los!“

Majas Augen wurden schmal. „Denkst du, ich sehe nicht, dass du beide Hände brauchst, um die Kaffeetasse zu halten, weil du so müde bist? Und dann willst du noch mit der Maschine fahren? Wir haben Winter!“

„Du brauchst das Auto heute.“

„Ich kann auch zu Hause bleiben!“

„Nein!“

Alle Antworten dazu hatte er ihr bereits gegeben und nicht nur einmal. Sie konnten sich keine zwei Autos und die Super Blackbird leisten, von irgendetwas mussten sie auch noch leben und lieber hätte er sich den Arm abgehackt, als auf die Maschine zu verzichten. Aber Maja sollte auch nichts aufgeben müssen und ihre Freiheit haben.

Er griff nach seinem Integralhelm, drehte sich zur Tür und ging, wortlos und ohne Abschiedskuss. Zusammen mit dem ersten Aufheulen des Motors kam der Adrenalinschwall und er spülte alle Sorgen, die Müdigkeit und selbst die Erinnerung an die schönsten braunen Augen dieser Erde aus seinem Kopf, als würde nichts davon existieren.
Lange saß Maja noch am Küchentisch. „Fahr nicht so schnell!“ hatte sie ihm hinterhergerufen, doch er hatte es nicht mehr gehört. Schließlich riss sie sich zusammen, wischte sich die Nässe aus den Augenwinkeln, und begann, die Küche aufzuräumen.

Dreizehn Stunden später kam für Hartwig die Angst. Die große Digitaluhr über dem Eingang hatte schon vor einer ganzen Weile auf den neuen Tag umgeschaltet und zeigte das Datum des zehnten Januar 2016. Die Mädels hatten Feierabend gemacht, er hatte penibel überprüft, ob alle Türen abgeschlossen waren und dann die Einnahmen des Tages gezählt.

Mehr als dreihundert Gäste hatten ihren Spaß gehabt und ihm dabei jedes Quäntchen Kraft aus den Knochen gesaugt, wie auch schon in den Tagen und Wochen davor. Die Arbeitsbelastung im Bowlingcenter war saisonabhängig. Im Sommer herrschte oft gähnende Leere in der großen Halle, im Winter brannte die Hütte, der Dauerlärm war kaum auszuhalten und das Personal schob Stunden ohne Ende.

Niemals hätte er zugegeben, dass sein Körper längst über die Grenze hinaus war, an der Schmerz noch irgendeine Bedeutung hatte. Er funktionierte nur noch, mehr nicht. Doch er war ein harter Hund, ein Biker, er fürchtete weder Tod noch Teufel und niemals hätte Hartwig jemandem erzählt, dass es die Ruhe nach dem stundenlangen Lärm in der riesigen Halle war, die ihn innerlich zittern ließ. Denn diese Stille war trügerisch. Das Baumaterial glich Temperaturunterschiede aus und erzeugte dabei Töne, die ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagten.
Er überprüfte noch einmal die Eingangstür, zögerte unmerklich, löschte dann das Licht im Bowlingcenter bis auf die Lampen über den mittleren Bahnen und tat etwas, was er nie zuvor um diese Zeit gemacht hatte: er drehte die Anlage voll auf.

Die plötzliche Wucht der Gitarrenriffs von AC/DC überdeckte jedes andere Geräusch. Er rollte die Ölmaschine an die Bahnen und dachte an die Gäste von heute. Für Einige war er nichts weiter gewesen als ein Hanswurst und gesprungen, wenn sie mit dem Finger geschnippt hatten. Stundenlang würde die Erinnerung an die Demütigung in ihm weiterbohren und dafür sorgen, dass er nicht gleich nach dem Ende der Spätschicht ins Bett gehen konnte. Selbst dann würde ihn die Wut noch eine Weile wach halten. Wie immer. Scheißnächte, trotz Maja.

Die ersten Takte von „Fools“ begleiteten ihn in den Maschinenraum. Grimmig verzog er die Lippen. Acht Minuten und sechsundzwanzig Sekunden - vielleicht schaffte er es heute, alle Lappen an den Maschinen zu wechseln und die Pins zu zählen, bis Deep Purple mit ihren „Narren“ durch waren. Die vierzehn übermannsgroßen Zicken aus Stahl und Plastik hier hinten wollten gepflegt werden. Wenn Maja mit ihm abhob, hinterließ sie nur ein paar Kratzer auf seinem Rücken, die Tussis hier im Maschinenraum hingegen waren brutal. Sie kratzten, bissen und spuckten, wenn er ihnen nicht gab, was sie wollten. Da verstanden sie keinen Spaß.

Maja schon. Sie liebte es, mit ihm auf dem Bike unterwegs zu sein. Selten genug, dass sie die Zeit dafür fanden. Manchmal, wenn sie an einer Ampelkreuzung warten mussten, lüftete sie ihr Helmvisier und blies ihm ihren warmen Atem in den Nacken. Genau in den Spalt zwischen Helmrand und Jackenkragen. Dann lachte sie, wie nur sie es konnte...

Ian Gillan verstummte für das, was aus „Fools“ Musik aus einer anderen, einer dunkleren Welt machte; diesen einen immer wiederholten Akkord des Synthesizers. Immer wieder, immer lauter.

Der letzte Lappen verfing sich in einem Treibriemen, Hartwig fluchte flüsternd: „Halt still, du blöde Kuh!“, doch die Maschine tanzte weiter auf ihrem Fundament im Takt der Musik. Oder schien es ihm nur so?

Tarja Turunens göttliche Stimme flutete die Halle und er rannte fast in die Umkleide, den Kopf voller wirrer Gedanken. Die Jungs von „Nightwish“ waren dämlich gewesen, wie hatten sie diese Frau nur gehen lassen können? Morgen musste er wieder auf Knien die schwarzen Streifen auf dem Anlauf beseitigen. Ein Kinderball fehlte, wahrscheinlich lag er unter einer Bahn. Hose, Stiefel - wo war der Nierengurt? Maja hatte ihn gestern geflickt und auch noch eine wärmende Watteschicht eingearbeitet, ohne dass er es ihr gesagt hatte.

Eilig griff er nach der Jacke und löschte das Licht im Personalraum. Am Counter zögerte er einen Moment. Dann hielt er die Luft an und schaltete die Anlage und das letzte Licht aus.

Die riesige Halle versank in Dunkelheit und Stille. Doch nur für einen Moment, dann  knackte etwas in der Decke und Füße tappten schmatzend durch das Öl auf den Bahnen. Nackte Füße.

Hartwig begann zu zittern. Jemand war hier, er wusste es.

Ein warmer Hauch traf ihn den Nacken. Er zuckte zusammen, stieß sich den Ellenbogen an einem Schrank und ließ den Helm zu Boden poltern. Mit hämmerndem Herz klaubte er ihn hastig vom Boden, rieb sich den schmerzenden Arm und hetzte zur Tür.

Er knallte sie von außen zu, lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen und tastete mit zitternden Händen nach dem Schlüssel in seiner Jackentasche; jeden Moment darauf gefasst, dass eine gigantische Kraft die Stahltür aus dem Rahmen reißen und ihn unter sich begraben würde.

Doch nichts geschah und nach einigen, ihm endlos erscheinenden Sekunden stieg er die Treppe hinab. Er ließ sich auf die letzte Stufe sinken, atmete tief die eisige Nachtluft ein, versuchte, sich zu beruhigen und fragte sich dann, was die Luft bewegt haben mochte in der leeren Halle. Die Belüftung hatte er vorhin ausgeschaltet und hier, unter dem nächtlichen Sternenhimmel, war ihm sein Angstanfall selbst peinlich.

Es waren nur seine überreizten Nerven, der verdammte Stress und die Müdigkeit gewesen, die ihn hatten glauben lassen, jemand würde hinter ihm stehen und ihm in den Nacken atmen. Nichts davon war real. Vielleicht hatte Maja doch Recht und er tanzte gerade auf einer Linie, die er besser nicht übertrat. Irgendetwas in ihm sendete Signale und er war eigentlich erfahren genug, sie zu verstehen. Aber hatte er denn eine Wahl?

Todmüde stemmte er sich von der Treppenstufe hoch. Das Tier seiner Träume lauerte ein paar Schritte weiter. Die schwellenden Muskeln unter einer unscheinbaren, samtschwarzen Vollverkleidung versteckt, kauerte es im Schatten und wartete auf ihn. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn einmal herum und ein sattes Brummen zerriss die Stille der Nacht. Der Dämon war erwacht. Ein winziges Zucken in Hartwigs rechter Hand würde genügen, die unbändige Kraft des Vierzylinders freizugeben und aus dem Brummen des Untiers ein jubilierendes Kreischen zu machen. Doch Hartwig hatte keine Angst. Nicht vor ihm.

Drei Rechtskurven, dann könnte er auf der Umgehungsstraße sein, nach drei Sekunden bei Tempo einhundert, neun Sekunden später bei zweihundert und kurz darauf wäre der Drehzahlmesser im roten Bereich. Die Welt würde auf einen dunklen Tunnel zusammenschrumpfen, in dem nur noch dieses Tier unter ihm und er selbst, bis zur Halskrause zugedröhnt mit Adrenalin, existierten. Er würde Falco in seinem Kopf mit seinem „Out of the Dark“ hören und wenn das tote Genie bei seinem letzten „muss ich denn sterben, um zu leben“ angekommen war, würde er endlich schlafen können. Der Stress wäre vorbei, der Mahlstrom der niemals endenden Gedanken in seinem Kopf würde versiegen und er würde frei sein. Für immer.

Einmal noch fliegen...

Er holte tief Luft, schloss den Helm und stieg auf. Der erste Gang zierte sich, als er dann doch einrastete, klang es wie ein böses Lachen. Ein Schatten schwang sich hinter Hartwig auf die Maschine und blies ihm den gleichen warmen Atem in den Nacken, den er auch in der Halle gespürt hatte. Hartwig erschauerte, ließ die Kupplung springen und raste los.
Trotz der eisigen Nacht war die Straße trocken. Nach zwei Ampeln, deren Farbe ihn nicht interessiert hatte und drei Rechtskurven bog er auf die Umgehungsstraße ein. Mit einem wölfischen Grinsen riss er den Gasgriff auf; der Hinterreifen brannte einen schwarzen Streifen auf den Asphalt und der aufkreischende Motor katapultierte mit brachialer Gewalt das Vorderrad in die Luft. Hartwig kämpfte, um den Dämon im Griff zu behalten und genau so hatte er es gewollt. Der Scheinwerfer der Super Blackbird fetzte einen Tunnel aus Licht aus der Dunkelheit und es war für ihn die Startbahn zu seinem letzten Flug.

Er wollte in den nächsten Gang schalten, doch plötzlich färbte sich der Tunnel vor ihm blutrot und der Schatten in seinem Rücken verbrannte ihm mit seinem Atem den Nacken. Hartwig ging mit allem, was er hatte, in die Eisen, mitten auf der Umgehungsstraße. Er schaffte es gerade noch, den Seitenständer aus und das Visier hochzuklappen, dann erbrach er sich, noch immer auf dem Bike sitzend.

Minutenlang kotzte er sich die Seele aus dem Leib, immer wieder, und wenn er glaubte, es sei endlich vorbei, kam die nächste Welle, bis er schließlich vor Entkräftung von der Maschine fiel.

Es dauerte Minuten, bis er sich stöhnend wieder aufrichtete. Mit zitternden Händen tastete er nach einer Zigarette, nahm einen Zug und ließ sie mit einem inbrünstig gemurmelten „Scheiße“ wieder fallen. Sie hatte gallebitter geschmeckt. Was war er doch für ein harter Hund - ausgeknockt von einem Schatten. Einfach so.

Eine halbe Stunde später kam er zu Hause an. Er reinigte noch notdürftig die Maschine im Mondlicht, duschte danach und legte sich dann leise zu Maja.

„Alles gut?“, fragte sie. Sie schlief nie sehr fest, wenn er Spätschicht hatte und mit der Maschine unterwegs war.

„Aber natürlich!“, brummte er und drehte sich sofort zur Seite. Er konnte Maja jetzt nicht küssen, noch immer hatte er den Geschmack von Galle im Mund und es war schon schlimm genug, dass sie am Morgen die vollgekotzten Klamotten sehen würde.

Sie wartete noch, bis seine Atemzüge lang und tief wurden. Dann stand sie leise auf, ging ins Badezimmer und wusch seine Sachen mit ihren Händen, damit der Gestank sich nicht in der Wohnung festsetzte. Schließlich nahm sie noch die Schlüssel für sein Bike und versteckte sie so, dass Hartwig sie nicht finden konnte. Morgen würde sie ihn zur Arbeit fahren und auch wieder abholen.

Danach legte sie sich still wieder zu ihm, stützte den Kopf in die Hand und blickte ihn nachdenklich an. Er würde nie Gedichte für sie schreiben und ein fremder Mann, der sie zu lange ansah, hatte gute Aussichten, sehr schnell im Krankenhaus zu landen, wenn Hartwig das mitbekam. Doch seine Lippen waren auch die zärtlichsten, die sie je geküsst hatten und wenn er seine Arme um sie schlang, wusste sie, dass ihr nichts Böses in dieser Welt etwas anhaben konnte. Weil er es niemals zulassen würde.

Sie seufzte leise, schlang die Arme um ihn und wie jede Nacht strich ihr warmer Atem dabei gleich einem gehauchten Kuss über seinen Nacken.

Hartwig dachte an den Schatten, der sich am Bowlingcenter hinter ihm auf die Maschine geschwungen hatte. Er schluckte. Und niemals würde er zugeben, dass das, was da plötzlich aus seinem linken Augenwinkel rann, eine Träne war. Schließlich war er ein harter Hund.


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