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Mein Friseur, der Samurai


 
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misterdoogalooga
Geschlecht:männlichSchreiberassi

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Beiträge: 32
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BeitragVerfasst am: 25.08.2016 08:26    Titel: Antworten mit Zitat

Allein der Titel ist schon köstlich Wink
Ich muss gestehen, dass ich den Text zweimal lesen musste, weil er sich nicht einfach so nebenbei konsumieren lässt – man muss da schon eintauchen in diese philosophischen Zeilen.

Dann aber ist’s wunderbar – etwa: „Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unzerstörbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra“… hat was Wink


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Die Bestätigung, dass ich ein Mensch bin, ist bei der ersten Anmeldung schief gegangen!!!!
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poetnick
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 57
Beiträge: 510
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 26.08.2016 08:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo misterdoogalooga,

dem Verfasser eines Textes geht es ja häufig wie den japanischen Zierfischen im Glas: du schaust einfach nicht von aussen drauf.
Es sei denn, vor dem Glas steht ein Betrachter und lugt hinein. Dann kann es sein, daß Futter hineingeworfen wird, jemand an die Scheibe klopft, oder das ganze Wasser ausgewechselt wird. Wie auch immer, man schwimmt nicht mehr nur im Eigenen.
Es freut mich, dass Du eine Weile den wenig wahrnehmbaren Schwimmbewegungen zugeschaut und ans Glas geklopft hast. Vielen Dank!

LG - Poetnick


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Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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Constantine
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 2763

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 16.09.2016 14:06    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo poetnick,

mir gefällt deine Idee, deinen Protagonisten im Salon über sein Sein und über das Friseurhandwerk samurai-like philosophieren zu lassen. Teilweise mag ich die ironische Sprache, an manchen Stellen ist es mir dann zu viel des Guten, da habe ich den Eindruck, der Verfasser wollte krampfhaft hochgestochen und tiefschürfend klingen, aber erreichen tut es mich an diesen Stellen leider nicht.
Ich habe deine verschiedenen Versionen gelesen, deine Aktuelle nehme ich als Grundlage für einige Anmerkungen:

poetnick hat Folgendes geschrieben:

Mein Friseur, der Samurai

Meditationen im Drehgestühl <-- hierauf könntest du mMn verzichten. Für mich liest es sich wie die Untertitel von Sat1 & Co-Fernsehproduktionen - ein Titel genügt nicht, es wird noch ein erklärender Zweittitel dazugeschoben, bloß um vielleicht sicherzugehen, dass der Text als solches verstanden wird. Ich finde, das hat dein Text nicht nötig.

Einem Meister seines Faches unterläuft nur sehr selten ein Fehler - wenn es  doch einmal so sein sollte, wird er Ausdrucks aufrichtiger Zerknirschung, ein sofortiges Schuldeingeständnis, Genugtuung und Regress anbieten.
Ein Samurai hingegen kann keinen Fehler begehen, er verändert die Situation, die Geburt eines potentiellen Missgriffs wird zum Höhepunkt einer Entwicklung, zum Fanal unerwarteter Wendung.
Falscher Schnittansatz? Nein, schöpferisches Veranlassen von Veränderung!
<-- diesen Vorababschnitt würde ich rausnehmen. Du lieferst mir damit keinen Mehrwert, auch keine richtige Einleitung in den Text, sondern gibst mir als Leser zwar die Sichtweise deines Protagonisten, was ein Meister seines Fachs macht und was einen Samurai ausmacht, aber für mich passt es nicht zu deiner anschließend beginnenden Meditation im Friseursalon, lässt mich beim Meister seines Fachs bereits die Meinung deines Protagonisten verneinen und mMn erklärst du mir bereits zu viel, warum dein Protagonist seinen Friseur als Samurai ansieht und worin dies besteht. Ich würde diesen Abschnitt weglassen und direkt mit dem Salon beginnen.

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt <-- weiter unten meint dein Protagonist, dass für ihn in den Randgebieten der Wahrnehmung neue Welten entstehen. Dahingehend würde ich diesen hier erwähnten Zwischenweltbegriff streichen, da dies eigentlich in diesem Satz deutlich genug wird und nicht noch mit dem Begriff "Zwischenwelt" erklärt werden braucht. von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai <-- warum nochmal im Text erwähnen, was der Titel bereits sagt? Würde ich weglassen. , bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen Fluchtpunkte bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten <-- dieser Ausdruck mag mir nicht passend erscheinen zur Tätigkeit. Wie wäre es eher mit: Handgriffe? zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Stupsen und Korrekturknuffen <-- diese Ausdrücke finde ich zu umgangssprachlich dafür, wie dein Protagonist im Gesamt-Text fabuliert. , zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist wohlmöglich nicht der Grund weshalb ich hier bin. <-- diesen Satz würde ich umformulieren, vor allem den Begriff "wohlmöglich" würde ich streichen. Dein Protagonist scheint für mich sehr genau zu wissen, was ihn im Friseursalon erwartet und dahingehend passt es für mich nicht, dass er daraus so ein Geheimnis macht, was ihn zum Friseurbesuch motiviert hat.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Coiffeursalon <-- hat es einen Grund, warum du hier Coiffeur verwendest? Es ist klar, dass dein Protagonist sich in einem Friseursalon befindet. Dies wurde weiter oben erwähnt, der Titel deutet an, dass der Text in einem handeln könnte. Wozu hier für mich zu hochgestochen dieser Begriff verwendet wird, ist mir unklar, außer, der Vermutung, der Verfasser stachelt sich immer weiter hoch mit sprachlichen Virtuositäten, hier mit einer Fremdwort-Begrifflichkeit, und droht dabei seinen Text aus den Augen zu verlieren. geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht <-- Wurde dies nicht mit dem zirpenden Schwebeflug der Schere bereits etwas weiter oben beschrieben? Wozu hier die erneute umformulierte Beschreibung? , es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Salonluft. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im tonlosen <-- ich würde "tonlosen" streichen". In einem Vakuum ist es tonlos. Das ist für mich eine Nicht-Info, die du weglassen kannst.  Außerdem hast du mit der "Stille" bereits die Tonlosigkeit vorher erwähnt, so brauchst du nicht erneut darauf hinweisen, dass dein Protagonist nichts hört. Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und vor den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Fallende Haarspitzen haften bald an Schweissperlen auf meiner Stirn, verklebend zu einem grotesken Beleg überspannter Sinne.
Ist es meine Paranoia  - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte, sie verändert.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.

Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Das Eintrittsgeld für die veränderte Welt dankend entrichtet; raus - auf die Strasse – alles wieder klar. <-- ich denke, hier kannst du kürzer werden. Mir ist das zu viel Text im Vergleich zum Gesamttext, der sich mit der Bezahlung und ihrer Symbolkraft bzw. Erklärung abgibt.


Soweit meine Anmerkungen zu deiner mir doch insgesamt gut gefallenen Grundidee. Vielleicht ist etwas Hilfreiches dabei für dich.

Gerne gelesen.

LG,
Constantine
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poetnick
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BeitragVerfasst am: 18.09.2016 13:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Constantine,

vielen Dank, dass Du nochmal auf meine Einstandsgeschichte zurückgekommen bist. Ich sehe Du hast einige Überlegungen zu Wirkung und Gestalt des Textes aufgewendet.
Und ich muss sagen, es sind nicht nur einige bedenkens - und verwendeswerte Elemente dabei, nein - auch der Grundzug, die Gestalt und damit die Wirkung des Textes nach aussen noch einmal zu straffen,  (und letztlich zu verdichten),  trifft eben den Aspekt der Wirk-sam-keit sehr gut. Für mich eine grundlegende Frage von Orientierung.

So habe ich das Stück nach einigen Deiner Vorschläge überarbeitet. Ist mir nicht durchgehend leicht gefallen, bsp. einen ganzen Absatz wegzulassen, doch möchte ich es  versuchen, um vor allem auch die Wirkung auf mich selbst zu erkunden.
Jene Vorschläge, die ich nicht übernehmen mochte, habe ich im Anschluss hervorgehoben und begründet – es ist die kleinere Anzahl:



Mein Friseur, der Samurai

 
Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen Fluchtpunkte bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter diesen grob dosierten Korrekturgriffen, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist  nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Friseursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die Stille der Salonluft. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und vor den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Fallende Haarspitzen haften bald an Schweissperlen auf meiner Stirn, verklebend zu einem grotesken Beleg überspannter Sinne.
Ist es meine Paranoia  - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte, sie verändert.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.

Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.


Zitat Constantine: Er, der Samurai <-- warum nochmal im Text erwähnen, was der Titel bereits sagt? Würde ich weglassen
Hier denke ich wäre die Verständnisbrücke zwischen Titel und Text ein wenig zu dünn - Einsturzgefahr.

Zitat Constantine: Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes
Die 'Handgreiflichkeiten' passen zum Einen gut zum Handwerk, zum Anderen sind die Gepflogenheiten der Friseure hier tatsächlich sehr unterschiedlich. Wichtig ist mir jedoch die ironische Übersteigerung des Geschehens, um es von seiner sonst nur neurotischen Erlebensweise  wegzuführen. Es gibt eine Distanz zwischen Prota und Prozedur - Gott sein Dank! Very Happy

Zitat Constantine: <-- hat es einen Grund, warum du hier Coiffeur verwendest? Es ist klar, dass dein Protagonist sich in einem Friseursalon befindet. Dies wurde weiter oben erwähnt, der Titel deutet an, dass der Text in einem handeln könnte. Wozu hier für mich zu hochgestochen dieser Begriff verwendet wird, ist mir unklar, außer, der Vermutung, der Verfasser stachelt sich immer weiter hoch mit sprachlichen Virtuositäten, hier mit einer Fremdwort-Begrifflichkeit, und droht dabei seinen Text aus den Augen zu verlieren.
Ganz recht, der Grund für diese Variante liegt im schweizer Wortschatzbereich, der den Coiffeur wesentlich häufiger verwendet als den Friseur, geschweige denn als den 'Frisör'. Es gab eine Anfertigung für schweizer Lesegewohnheiten, die hatte sich hier -bisher unbemerkt!- eingeschlichen.

Das waren denn jetzt drei Punkte, von denen ich zwei nicht verwendet habe, oder - im anderen Fall, nach langer Zeit feststellen musste, das noch ein blinder Fleck existiert.

Diese Version kann ich jetzt mal auf mich wirken lassen, eine Ahnung möglicher Vorzüge habe ich schon bekommen, doch wie heisst es: in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten Wink

Vielen Dank noch einmal für die von Dir aufgewendete Zeit und Mühe. Für mich gibt es wieder einige sehr wertvolle Hinweise für die Arbeit an neuen Texten.

Liebe Grüsse - Poetnick


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Constantine
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Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 19.09.2016 20:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo poetnick,

ich finde, deine aktuelle Überarbeitung hat insgesamt dazugewonnen.
Freut mich, dass dir manche meiner Anmerkungen bedenkens- und verwendenswert waren.  

Auf zwei Punkte möchte ich erklärend eingehen, um meine Vorschläge zu verdeutlichen
:

1.)
poetnick hat Folgendes geschrieben:

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte,  sie verändert.

Meine hier vorgeschlagene Streichung beruht auf den Fall, dass du dich für das Streichen des Anfangsabschnitts mit den Definitionen des Meisters seines Fachs und des Samurai entschieden hättest. Du hast dich für das Streichen entschieden, um die Wirkung auf deinen Text zu sehen, somit ergibt die Äußerung "wie ich schon sagte" hier keinen Sinn, da für mich ein direkter Bezug des "wie ich schon sagte" mit den Definitionen des Meisters und des Samurais des ursprünglichen Anfangs besteht.


2.)
poetnick hat Folgendes geschrieben:

Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich Schließlich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Das Eintrittsgeld für die veränderte Welt dankend entrichtet; raus - auf die Strasse – alles wieder klar. <-- ich denke, hier kannst du kürzer werden. Mir ist das zu viel Text im Vergleich zum Gesamttext, der sich mit der Bezahlung und ihrer Symbolkraft bzw. Erklärung abgibt.

Meine hier vorgeschlagene Kürzung bezog sich nicht nur auf den letzten Satz, sondern auf die letzten drei Abschnitte, in denen es um die Bezahlung geht, da es mir im Gesamt-Text-Vergleich etwas zu prominent, zu dick aufgetragen, ist.
Deine aktuelle Änderung, die Streichung des letzten Satzes, ist insgesamt sinnvoll, da das Erwähnen des dankbaren und Gedanken klärenden Verlassens des Friseursalons nicht relevant ist und die Dankbarkeit und der Gedanken klärende Effekt des Friseurbesuchs bereits vorher spürbar ist.
Der Abschluss-Satz "Er möchte mich nicht beschämen." gefällt.
Worauf ich, neben der vorgeschlagenen Kürzung der Endabschnitte, noch dein Augenmerk lenken möchte ist die wiederholte Verwendung der Begriffe Geld und lediglich in einem kurzen Abstand zueinander. Stilistisch passt es mMn nicht zum Gesamt-Text. Dein Protagonist klingt im Text sehr sprach-/stilsicher und zum Ende hin scheint ihm die Luft auszugehen. Auf diese Wortwiederholungen könntest du verzichten und deinen Text dahingehend feinschleifen.


LG,
Constantine
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poetnick
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BeitragVerfasst am: 20.09.2016 19:23    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Constantine,

zeitweise dachte ich, wenn nun noch weiter gestrafft wird, bleibt am Ende ein Gedicht…
Doch stelle ich fest, daß der Text trotz erheblicher Einkürzung (Entschlackung?) keinen ‚Hunger‘ leidet.
Bin nochmal Deinen Vorschlägen nachgegangen, habe gedoppeltes vereinfacht und Weitschweifigkeiten zurückgebunden.

Es ist eine schwierige Disziplin, eine Geschichte auf ihr Wesentliches zu reduzieren, ohne zu ‚rationalisieren‘.
Für mich sind Deine Hinweise eine bleibende Erinnerung daran Seitentriebe und Scheinblüten beizeiten zu entfernen - wenn ich sie denn entdecke…
Dir möchte ich danken für diese ausdauernde Begleitung und Inspiration zur Stilentwicklung!

Liebe Grüsse - Poetnick




Mein Friseur, der Samurai

 

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung.
Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen,
meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren;
er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt.
 Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht,
welches erst in der Tiefe der dunklen Augen Fluchtpunkte bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon -
eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Zurechtweisungen, dieses Stossens und Drückens, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist  nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung.
Kein Zufall auch, dass dies in einem Friseursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Salonluft. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Fallende Haarspitzen haften bald an Schweissperlen auf meiner Stirn, verklebend zu einem grotesken Beleg überspannter Sinne.
Ist es meine Paranoia  - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - sie verändert.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.

Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Schliesslich verlangt er das Geld einzig weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Raus - auf die Strasse – alles wieder klar.


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schweigend lauschte er der Stille
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Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 21.09.2016 16:05    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo poetnick,

Ich gebe dir recht, dass bei allem, was die Kommentatoren als überarbeitens-/kürzenswert ansehen, du als Autor überlegen und dich entscheiden kannst, ob, und wenn ja, in welcher Form, "entschlackt" wird.
Ich freue mich, wenn dir meine Vorschläge sinnvoll erschienen. Erlaube mir dir noch etwas zu zeigen, wobei es hier nicht darum geht, auf einen Fehler hinzuweisen. Es ist kein Fehler, eher Geschmackssache oder eine Frage des Stils.

In deinem Original heißt es in den Endabschnitten:
poetnick hat Folgendes geschrieben:
Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Das Eintrittsgeld für die veränderte Welt dankend entrichtet; raus - auf die Strasse – alles wieder klar.


in deiner aktuellen Version:
poetnick hat Folgendes geschrieben:
Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Schliesslich Schließlich verlangt er das Geld einzigKomma weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Raus - auf die Strasse Straße alles wieder klar.


Zunächst geht es mir hier stilistisch um die wortwiederholende Verwendung des Begriffs schließlich. In deinen beiden Versionen tritt die Wortwiederholung auf (und aufgrund deiner Überarbeitung sind die beiden Begriffe in der aktuellen Version sich näher gekommen) und wäre auch, wie zuvor die Wortwiederholung des "lediglich", zu überdenken, ob du da nicht ein "schließlich" einsparen könntest.


Abgesehen von stilistischen Aspekten als weiteren Feinschliff deines Textes, möchte ich als finale Erbse noch auf die Basics des Schreibhandwerks hinweisen: Rechtschreibung und Interpunktion. Dahingehend würde ich deinen Text abklopfen. Unter anderem bietet das Texteingabefenster des DSFo eine Korrekturhilfe namens Gerold! (oben rechts des Eingabefensters gelegen) an, die beim Draufklicken eine Rechtschreibprüfung startet.
Als Beispiel den zitierten, aktuellen Abschnitt verwendend:
poetnick hat Folgendes geschrieben:
Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Schliesslich Schließlich verlangt er das Geld einzigKomma weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Raus - auf die Strasse Straße alles wieder klar.

Die unterschiedliche Schreibweise von "schliesslich" und "schließlich" und die "Strasse"-Schreibweise (jeweils die Korrekturen in grün markiert).
Ein fehlendes Komma.
Im letzten Satz des Textes der Einschub "auf die Straße" zwischen einem Bindestrich (orange markiert) und einem Gedankenstrich (cyan markiert). Hierbei wäre zu klären, wann Bindestriche, wann Gedankenstriche verwendet werden und inwiefern der letzte Satz des Textes in dieser Form funktioniert bzw. gemeint ist?


LG,
Constantine
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BeitragVerfasst am: 21.09.2016 19:29    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Constantine,

na klar, durch das Weglassen von Abschnitten nähern sich einst entfernte Elemente einander an. Habe dafür eine Änderung vorgenommen. Ebenso für die von Dir bemerkten Varianten der Schreibweise bei gleichen Wörtern. Diesen Gerold werde ich mir sofort anschauen, das ist natürlich ein klasse Tool.
Wieder möchte ich Dir für die Begleitung durch den Salon des Samurai danken!

Liebe Grüsse - Poetnick


 
 

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Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen Fluchtpunkte bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Zurechtweisungen, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist  nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Friseursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Salonluft. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Fallende Haarspitzen haften bald an Schweissperlen auf meiner Stirn, verklebend zu einem grotesken Beleg überspannter Sinne.
Ist es meine Paranoia  - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - sie verändert.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.

Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Vermutlich verlangt er das Geld einzig, weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Raus auf die Straße – alles wieder klar.


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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