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Mein Friseur, der Samurai


 
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poetnick
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BeitragVerfasst am: 08.08.2016 16:33    Titel: Mein Friseur, der Samurai eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

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Hier mein Prosa-Einstand mit frisch geschnittenem Haar...



Mein Friseur, der Samurai

Meditationen im Drehgestühl

Einem Meister seines Faches unterläuft nur sehr selten ein Fehler - wenn es  doch einmal so sein sollte, wird er Ausdrucks aufrichtiger Zerknirschung, ein sofortiges Schuldeingeständnis, Genugtuung und Regress anbieten.
Ein Samurai hingegen kann keinen Fehler begehen, er verändert die Situation, die Geburt eines potentiellen Missgriffs wird zum Höhepunkt einer Entwicklung, zum Fanal unerwarteter Wendung.
Falscher Schnittansatz? Nein, schöpferische Inkaufnahme von Veränderung!

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „Ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen einen Fluchtpunkt bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Stupsen und Korrekturknuffen, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist wohlmöglich nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unzerstörbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Coiffeursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Luft im Salon. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke flehend einen freien Korridor um des Samurais Augenblick zu fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Auf meiner Stirnhaut perlen kleine Schweisstropfen zur Oberfläche empor, an denen bald gefallene Haarspitzen haften.  
Ist es meine Paranoia, Privatlogik - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte, sie verändert.

Der Zahlpreis schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.
Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.
Das Eintrittsgeld für die veränderte Welt dankend entrichtet; raus - auf die Strasse – alles wieder klar.



 [/b]



_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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Matthias Jecker
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 340



BeitragVerfasst am: 08.08.2016 16:40    Titel: Antworten mit Zitat

wunderbar.
wer sich nach erholung von sci fi und fantasy sehnte, wird hier vom samurai und seinem adepten erlöst.
ich für mein teil würde neben den interpretatorischen sätzen weit mehr beschreibende vertragen. aber dann würde es vielleicht doch zu lang.
jedenfalls freue ich mich darauf, wenn du zum zahnarzt gehst.
lg mj
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llll
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 125



BeitragVerfasst am: 09.08.2016 00:30    Titel: Antworten mit Zitat

"sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?"
JA, hier und jetzt in diesem Text  JA
= wirklich  wunderbar  :-))

Vielleicht wäre aber der zweite Abschnitt
- dieses "demütige" (!) Betreten immer dann wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet.... ( ! ) -
als Beginn des Textes besser und wäre dann der erste Abschnitt evtl. später so einzubauen :

Zitat : >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

MEIN FRISEUR, DER SAMURAI

Meditationen im Drehgestühl ( = sehr schöne Anspielung aufs sakrale Chorgestühl !)

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben , nämlich (?) die Gewissheit : „Ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai mit Scherenschwert (?), bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes !
Denn ein Samurai kann keinen Fehler begehen : er verändert die Situation, die Geburt eines potentiellen Missgriffs wird zum Höhepunkt einer Entwicklung, zum Fanal unerwarteter Wendung.
Falscher Schnittansatz? Nein, schöpferische Improvisation (?) von Veränderung!
......
"Die Handgreiflichkeiten (!) zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie (!) haben etwas Läuterndes."
.......
"Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist wohlmöglich nicht der Grund weshalb ich hier bin. Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick des zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren ( ? ) Schere, direkt über meinem Scheitelchakra."

"Im Zwielicht von (?) Zwiespälten werden sie geboren."

" ist befreit von der Annahme eines Schicksals, weil er jede Situation selbst herbeiführt (!?)"

"....folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand ( ! )"


Zitate-Ende  <<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

= ein paar besondere (!) Lieblingssätze z.T. mit grünen (?)-Zweifeln bzw. Vorschlägen.


Der Abschnitt VON "Der Zahlpreis ( oder "Der zu zahlende Preis) schließlich,... BIS "Schließlich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann. Er möchte mich nicht beschämen." sollte dringend vor den allerletzten Satz verschoben werden, finde ich (!?!)

- ganz am Ende, auf der Straße, sei "alles wieder klar":
Das nehm ich Dir nach derartiger "Weltveränderung" nicht ganz ab !
Das klingt nach so vielen hinreißend genialen Formulierungen betont banal und soll vermutlich hart und absichtlich
solche schockieren, die allzu gerne noch weiter und weiter lesen würden wie z.B. llll  :-))
RIESIGES BRAVO !!!
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Sikander
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 30
Beiträge: 108
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BeitragVerfasst am: 09.08.2016 17:13    Titel: Antworten mit Zitat

Muss mich da llll und Matthias Jecker anschließen. Klasse Text. Ich wünschte, ich könnte mehr beitragen.

Naja, vielleicht dass
Zitat:
Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke flehend einen freien Korridor um des Samurais Augenblick zu fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.

ein ziemliches Monster von einem Satz ist. Vielleicht ist das besser:
Zitat:
Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke flehend einen freien Korridor. Sie fliehen des Samurais Augenblick und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
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Matthias Jecker
Geschlecht:männlichHobbyautor


Beiträge: 340



BeitragVerfasst am: 09.08.2016 17:39    Titel: Antworten mit Zitat

Wenn schon denn schon:
Entweder zweimal Akkusativ bei fliehen oder im zweiten Teilsatz "entgehen" mit Dativ.
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Sikander
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 30
Beiträge: 108
Wohnort: Halle (Saale)


BeitragVerfasst am: 09.08.2016 20:54    Titel: Antworten mit Zitat

Matthias Jecker hat Folgendes geschrieben:
Wenn schon denn schon:
Entweder zweimal Akkusativ bei fliehen oder im zweiten Teilsatz "entgehen" mit Dativ.

Richtig, entschuldige, ich bin heute nicht ganz auf der Höhe.
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poetnick
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 57
Beiträge: 510
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BeitragVerfasst am: 10.08.2016 10:14    Titel: Mein Friseur, der Samurai pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo geschätzte Mitstreiter im Zwielicht des Salons,

die positive Aufnahme des Textes freut mich und hat mich, was diesen anbelangt, aus einigen Zwiespälten gezogen. Wenn man eine Weile an einer Gechichte formt und sich von ihr treiben lässt, verliert sich (bei mir zumindest), die Trennschärfe der Einschätzung und es hilft schlussendlich nur noch der Druck auf die Enter-Taste.

@ Matthias Jecker;

Vielen Dank, dass Du Deine Empfindungen zum 'Samurai' mitgeteilt hast. Allein der Lacher zu diesem Satz: Zitat Matthias -  jedenfalls freue ich mich darauf, wenn du zum zahnarzt gehst. - war es wert. Der späteren Anmerkung zu Sikanders Vorschlag konnte ich bisher nicht folgen, da sich mir Dativ und Akkusativ allgemein nicht mehr erschliessen und speziell nicht in diesem Zusammenhang. Ich komme später darauf zurück.
LG - Poetnick


@ llll:

von Deinen Vorschlägen ist einiges dabei was ich dankend in den Text einfügen werde. Ganz klar die 'unbeirrbare' statt der 'unzerstörbaren' Schere. Sie befreit die Geschichte aus dem Obi-Wan Kenobi-Modus und ich denke das tut ihr gut. Zumal es hier um innere Monologe, um Ideen und Gegenwärtigkeit des Geistigen geht, ist unbe-irr-bar treffender.

'schöpferische Improvisation', Deine Idee hat mich an der bisherigen 'Inkaufnahme' zweifeln lassen, doch suche ich noch nach einem anderen Begriff, der das intuitive Geschehenlassen im Moment ausdrückt -Improvisation ist ein Solcher, doch irgendwie ist mir der Begriff zu aktiv besetzt, mal sehen.

Der Zahlpreis schliesslich... habe ich umgestellt, es folgt wohl mehr dem natürlichen Erzählfluss.

Vielen Dank! Deine Zustimmung hat mich sehr beschwingt.



@ Sikander: auch Dir herzlichen Dank fürs Reinschauen ins Spiegelkabinett. Die länge des angesprochenen Satzes ist sicher sehr fordernd.

Habe es mal so umgesetzt: Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen des Samurais Augenblick fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.

Weiter unten habe ich nochmal den geänderten Text eingestellt.

Liebe Grüsse an Alle - Poetnick, schnipp, schnipp...



Hier also die frisch frisierte Version:

Mein Friseur, der Samurai

Meditationen im Drehgestühl

Einem Meister seines Faches unterläuft nur sehr selten ein Fehler - wenn es  doch einmal so sein sollte, wird er Ausdrucks aufrichtiger Zerknirschung, ein sofortiges Schuldeingeständnis, Genugtuung und Regress anbieten.
Ein Samurai hingegen kann keinen Fehler begehen, er verändert die Situation, die Geburt eines potentiellen Missgriffs wird zum Höhepunkt einer Entwicklung, zum Fanal unerwarteter Wendung.
Falscher Schnittansatz? Nein, schöpferische Inkaufnahme von Veränderung!

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen einen Fluchtpunkt bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Stupsen und Korrekturknuffen, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.

Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist wohlmöglich nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Coiffeursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Luft im Salon. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen des Samurais Augenblick fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Auf meiner Stirnhaut perlen kleine Schweisstropfen zur Oberfläche empor, an denen bald gefallene Haarspitzen haften.  

Ist es meine Paranoia, Privatlogik - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte, sie verändert.

Der Zahlpreis schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.
Der Zahlpreis schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

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llll
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BeitragVerfasst am: 10.08.2016 10:38    Titel: Antworten mit Zitat

Vorsicht :
In der 2. Fassung sind die Zeilen beginnend mit "Der Zahlpreis..."
nun versehentlich 2 mal abgedruckt !
( "Zahlpreis" ist kein optimales Wort, finde ich immernoch... )

Und wie wäre "Intuition" anstatt Improvisation ?
llll
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Matthias Jecker
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BeitragVerfasst am: 10.08.2016 10:42    Titel: Antworten mit Zitat

Ich mache unten vier Beispiele, wie der Satz, in dem du die Fälle regelwidrig gesetzt hast, mit korrekter Grammatik lauten könnte. Ich weiß, dass viele Schriftsteller Grammatik für eine Erfindung von klugscheißerischen Oberlehrern halten. Also take it or leave it.
LG MJ

Sie müssen des Samurais Augenblick fliehen und die vermuteten Urteilsschnitte seiner Erkenntnisse.

Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und vor den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.

Sie müssen des Samurais Augenblick fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse entkommen (entgehen, entfliehen).

Sie müssen des Samurais Augenblick fliehen und den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse zu entkommen (entgehen, entfliehen) versuchen.
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poetnick
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BeitragVerfasst am: 10.08.2016 11:54    Titel: Hallo, pdf-Datei Antworten mit Zitat

@ llll;

japp, wollte es korrigieren, doch da schlug  - von der Balustrade herab - ein Fairness-Ninja zu Shocked
Statt Zahlpreis könnte auch der gute alte Obolus an die Stelle treten, werde ich, sobald Ninja durch Samurai vertrieben, einfügen.  Danke Dir!



@ Matthias Jecker;

danke für die kleine Hinführung zur Grammatik. Ich empfinde das nicht als klug - oder sonstwie scheisserisch, sonst könnte man ja um jedes Regelwerk eine Latrine errichten... Wink
Wenn ich es jetzt richtig verstehe, wäre der zweite Satz in unserem Zusammenhang nun stimmig?

Gruss - Poetnick


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Matthias Jecker
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BeitragVerfasst am: 10.08.2016 18:31    Titel: Antworten mit Zitat

Du verstehst mich richtig, wenn du meine vier Beispiele als passend anschaust und eines davon übernimmst oder selber nach diesem Muster was bastelst.
Du verstehst mich ebenso richtig, wenn du deinen Originalsatz genau so stehen lässt. (Ich muss bei diesem Spiel nicht gewinnen.)  

Gute Nacht
MJ
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poetnick
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BeitragVerfasst am: 10.08.2016 20:26    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Dann haben wir ja eine ganze Menge Möglichkeiten. Ich kann es grammatisch nicht definieren, konnte Deinen Hinweis weiter oben daher nicht einordnen. So ist es wohl nun in Ordnung - eine Win-Win-Situation, sogar.

Schlaf gut - Poetnick


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poetnick
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BeitragVerfasst am: 11.08.2016 11:47    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Guten Morgen, (gerade noch erlaubt)

hier jetzt die mit Euren Anmerkungen und Ideen abgeänderte Version.
Danke dafür auch im Namen des Samurai, der nun mit einer kaum wahrnehmbaren Verbeugung in den Hintergrund tritt. Wink

@ Matthias Jecker, konnte auch die Grammatik nochmal sichten - gestern war es zu spät und ich tappte im Zwielicht. Der betreffende Satz ist nun in einer dem Thema angemessenen, ordentlichen Fasson (Fassung) - Danke.

Mit besten Grüssen - Poetnick




Mein Friseur, der Samurai
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Einem Meister seines Faches unterläuft nur sehr selten ein Fehler - wenn es  doch einmal so sein sollte, wird er Ausdrucks aufrichtiger Zerknirschung, ein sofortiges Schuldeingeständnis, Genugtuung und Regress anbieten.
Ein Samurai hingegen kann keinen Fehler begehen, er verändert die Situation, die Geburt eines potentiellen Missgriffs wird zum Höhepunkt einer Entwicklung, zum Fanal unerwarteter Wendung.
Falscher Schnittansatz? Nein, schöpferisches Veranlassen von Veränderung!

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen einen Fluchtpunkt bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Stupsen und Korrekturknuffen, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist wohlmöglich nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Coiffeursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.
Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Luft im Salon. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und vor den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
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Ist es meine Paranoia, Privatlogik - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

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Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte, sie verändert.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

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Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
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Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 11.08.2016 22:08    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo poetnick,
danke für deinen Einstand.

Ich fand deinen Text durchaus amüsant, stellenweise aber zu lang. Sehr viele Gedanken, die zwar an sich ganz interessant sind, im Bezug auf die Geschichte aber ins Leere laufen. Einige Kürzungen, die den Text mehr auf seine eigentliche Essenz verdichten, würden ihm meiner Meinung nach guttun.

Trotzdem gerne gelesen


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poetnick
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BeitragVerfasst am: 13.08.2016 15:50    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo V.K.B. ,

vielleicht wäre es möglich den Text zu straffen und mehr auf eine Richtung zu fokussieren.
Doch da es sich hier um einen Zustand, der aus Trance und Zerstreutheit des All-Tags hin zu einer eher meditativen Betrachtung mäandert, würde dies der geschilderten Erfahrung die Steigbügel verwehren.
So ist mein Eindruck.
Mir würde dazu mittlerweile die jetzt ausgewrungene Feder auch den Dienst versagen.
Deine Rückmeldung werde ich dennoch im Ohr behalten, weisst sie doch auf eine Option hin, die ich nicht einfach nur beseite schieben möchte.
Ich danke Dir für Deinen Kommentar und für die Zeit die Du dafür verwendet hast.

Beste Grüsse - Poetnick


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Bunt Speck
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BeitragVerfasst am: 14.08.2016 18:55    Titel: Antworten mit Zitat

Hey Poetnick,

Grandioser Titel und ein mich sehr ansprechender Stil. Danke, das Lesen hat Spaß gemacht. Und ich freue mich auf meinen nächsten Firsör-Besuch ... btw übermorgen ...

Gruß,
Bunt


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nothingisreal
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BeitragVerfasst am: 14.08.2016 21:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo poetnik,

du hast einen wunderbaren, leichten Sprachstil, man möchte mehr lesen. Leider - ich für meinen Teil - nicht diesen Text. Ich mochte den Titel, er hat mich sofort neugierig gemacht. Dann kam der Text und ich dachte mir nur: Komm zum Punkt. Ich dachte, im dritten Absatz kommt endlich was, na ja, vielleicht im vierten, fünften ... sechsten? Den siebten überflog ich nur noch, genauso wie die paar nachfolgenden und las nur noch das Ende. Und auch da schien nichts passiert zu sein. Finde ich schade.
Vielleicht bin ich einfach nicht deine Zielgruppe, ich brauche Action. Aber schreiben kannst du definitiv.

LG NIR


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"Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten." - William Somerset Maugham
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purpur
Dichter und Denker


Beiträge: 1023



BeitragVerfasst am: 15.08.2016 06:32    Titel: Antworten mit Zitat

Guten Morgen Very Happy lieber Poetnick,

hab herzlichen Dank für deinen wunderbaren Text! Er hat mich
heut Morgen, zwar bruchstückhaft, aber in media res, zurück
in die Kindheit versetzt. Das verschließbare "'Chorgestühl''ganz
vor Augen, hätte ich ohne fremde Hilfe nicht erklimmen können.
Mein Samurai war rothaarig und weiblich:-)
Der Zauber im Kugelglas, 360 ° Spiegelwelt, der mich
schwindlig werden ließ, ist mir nie aus dem Sinn gegangen:-)
auch nicht der betörende Duft vom fein versprühten Haarlack.
Sehr gern gelesen!
Ein sonnigschönes
MariäHimmelfahrtsfest
 Kommt noch was?
LPpGPia


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.fallen,aufstehen.
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nolimetangere
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Bran
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BeitragVerfasst am: 17.08.2016 09:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Poetnick,

mir schien die Versuchung zunächst groß, den vermuteten Urteilsschnitten meiner Erkenntnisse über diesen Text zu fliehen. Zu geerdet auch mein Geist, der unter peripherer Kurzhaarfrisur darbend weit ausschlagende Luftwurzeln nur noch als verblassende Erinnerung pflegt...

Aber mal im Ernst, beim ersten Ranrauschen winkte ich auch erstmal ungeduldig abwehrend mit der Hand. Is' nix für mich. Ja aber warum eigentlich nicht? Also nochmal gelesen und dann nochmal...
Auf die Weise entschleunigt habe ich dann irgendwann festgestellt: Der Autor will nirgendwo hin, der IST da einfach. Sagt er ja eigentlich auch:

beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Ganz wunderbar. Und so wahr. Wie oft trete ich vor meine Neuköllner Haustür und wünschte, die Welt würde etwas mehr Vertrautes für mich belassen.

Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann. 
Er möchte mich nicht beschämen.


Auch ganz großartig (Warte ja noch darauf, dass sich meine Lieblingskassiererin bei Aldi auch solche Allüren zulegt). Könnte jetzt noch einiges mehr aufführen, was mir gefallen hat, ist mir aber zu viel Arbeit. Kürzer ist es, noch ein paar Haare zu spalten:

das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen einen Fluchtpunkt bildet

Ganz gleich wie oft ich das lese, bekomme ich keine anderes Bild in den Kopf, als das eines schielenden Friseurs.

Auf meiner Stirnhaut perlen kleine Schweisstropfen zur Oberfläche empor,

Kohlensäure kann in einem Glas an die Oberfläche perlen, aber Schweiss wird von der Haut ausgeschieden, von Drüsen hochgequetscht. Ist jetzt nicht so poetisch, aber da muss der Schweiss erstmal durch, bevor er auf der Stirn nach Herzenslust perlen darf.

Das sollte dann auch meine Anregung sein: Wenn man aus dem Sprachspieltrieb wieder raus ist, gucken, ob man wirklich alle Bilder braucht. Zwischendurch mal ein paar Sätze einfacher gehalten, könnte der Dynamik des Textes vielleicht zum Vorteil gereichen.

Gruß
Bran
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Die Drahthexe
Geschlecht:weiblichSonntagsschreiber


Beiträge: 19



BeitragVerfasst am: 17.08.2016 18:59    Titel: Antworten mit Zitat

Moin Poetnick,
beim Titel habe ich mir etwas angenehm Haarsträubendes in der Tradition von Kishon oder Loriot erhofft und wurde nicht enttäuscht. Ich bin gerne und voll Neugier durch Deine Satzgerüste geturnt! Die jüngste Version gefällt mir, da etwas weniger Akrobatik fordernd, sogar noch besser. Am Ausdruck "Privatlogik" bleibe ich jedesmal hängen, aber das ist wohl mein, no pun intended, Privatproblem.
Nur eines, eine einzige Sache, geht natürlich gar nicht: das Werk eines wahren Samurai mit einer simplen französischen Floskel wie 'fait accompli' zu krönen! Wink
Da hätte ich mir etwas Japanisches, zumindest ein dahingeknurrtes 'Banzai!' gewünscht.
Ansonsten: domo arigatou, sehr gerne gelesen, ein völlig neuer Blickwinkel auf die Hand-Werker, die da so unerkannt unter uns wandeln!
 Very Happy


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"The light works. The gravity works. Anything else we have to take our chances with." (Douglas Adams)
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poetnick
Geschlecht:männlichAutor

Alter: 57
Beiträge: 510
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 21.08.2016 15:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Miteinander,

hier ist einiges an Post zum Samurai aufgelaufen und so möchte ich, nach einwöchiger Abwesenheit in den Bergen, (vollkommen Offline, versteht sich), nun gerne darauf eingehen.


@ NIR:

ja, da gäbe es sicher Handlungsstränge, die eher im Sinne einer 'Action' verlaufen könnten. Das uns vertraute Bild eines Samurai liefert sicher einige Möglichkeiten aufregender 'Frisuren' am Text; zumal ihn sein Handwerkszeug ohne weiteres befähigt, tiefere Einschnitte vorzunehmen. Shocked
Gut, in dem Fall, daß es nicht soweit gekommen ist.
So blieb es bei einem innermonologisch (welch ein Wort, was für ein Land...),  vertontem Kammerspiel.
Daß Du es trotzdem gelesen und kommentiert hast, freut mich und danke ich Dir.

LG - Poetnick





@ Bunt: wie war Dein Friseurtermin - gab es Anzeichen einer 'Samuraiisierung' des Meisters? (in den Medien ist das Phänomen noch nicht angekommen Laughing )
Freut mich, daß Dir der Text gefiel und danke für's Lesen und Deine Rückmeldung.

LG - Poetnick


@Purpur:

Liebe Pia,

mir sind durch Deine Beschreibungen einige Begebenheiten aus den (Friseur) Salons meines Lockenlebens in den Sinn gekommen.
So war es in meiner Kindheit, daß ich bei einem sehr wortkargen Meister vorsass, der an meinem Nackenhaar mit einem meckernden Bakelitungetüm herum rasierte.
Mich schüttelte es vor Lachen unter der schmalen Schürze. Der Meister jedenfalls wollte so gar nicht darin einstimmen. Vielleicht nahm damals die Geschichte schon ihren Lauf?  Laughing

Danke für Deine aufmunternde Rückmeldung.

LG - Poetnick


@ Bran: genau, da geht es nochmal an die Textarbeit.
Es ist verrückt, die Geschichte mit dem Fluchtpunkt hat mich immer wieder zweifeln lassen. Dein Hinweis macht es nun auf witzige Weise offenbar: da laufen zwei Linien zusammen. Nicht nur das er vielleicht schielt, der Samurai - nein, es besteht die Gefahr, daß am Ende ein Zyklop durch den Spiegel linst. Shocked

Hm, der Sekretionsdruck der Schweissdrüsen...ich denke darüber nach. Einerseits perlt es wirklich, andererseits ein zeitverzögerter Vorgang im Vergleich zum Lift der die Kohlensäure befördert.
Werde Änderungen vornehmen. Man muss die Dinge zu Ende denken.
Danke für Deinen scherenscharfen Blick und dafür, dass Du den Text trotz anfänglichem Fremdeln dennoch gelesen hast.

LG - Poetnick


@ Drahthexe:

nun, wenn er doch überhaupt gesprochen hätte...ein solcher Hochruf (habe ich natürlich im Hier und Netz nachgelesen) entsprach einfach nicht seiner Affektlage. Originell ist es auf jeden Fall, doch ist das 'Fait Accompli' eine Feststellung des noch taumelnden Kunden, oder 'Patienten' des Samurai. Ich verstehe die humorige Aufwertung, die damit einhergeht. Sie erscheint mir aber etwas zu keck.
Die Privatlogik werde ich beiseite lassen, denn sie ist wohl nicht genügend selbsterklärend (wie kann das Privatlogik auch sein? Wink ). Ein Begriff, der im Zusammenhang mit schizophrenem Erleben und Deuten von Wirklichkeit steht.
Vielen Dank auch Dir, Drahthexe, für die freundliche Annahme der kleinen Geschichte und der Arbeit am Text.

LG - Poetnick


PS: kann mir irgendjemand die Zitat-Funktion offenbaren? Ich finde einfach die Knöpfe nicht...


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Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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poetnick
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Alter: 57
Beiträge: 510
Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 21.08.2016 19:14    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Habe hier nochmal versioniert und die obengenannten Hinweise von Euch hoffentlich jetzt zu einer Dauerwelle gestylt. Vielen Dank!


Mein Friseur, der Samurai

Meditationen im Drehgestühl

Einem Meister seines Faches unterläuft nur sehr selten ein Fehler - wenn es  doch einmal so sein sollte, wird er Ausdrucks aufrichtiger Zerknirschung, ein sofortiges Schuldeingeständnis, Genugtuung und Regress anbieten.
Ein Samurai hingegen kann keinen Fehler begehen, er verändert die Situation, die Geburt eines potentiellen Missgriffs wird zum Höhepunkt einer Entwicklung, zum Fanal unerwarteter Wendung.
Falscher Schnittansatz? Nein, schöpferisches Veranlassen von Veränderung!

Der Salon, den ich immer dann demütig betrete, wenn meine Haartracht das Ungeformte meines Inneren allzu deutlich abbildet, verfügt über ein Interieur ausserhalb jeder Stilrichtung. Nicht wirklich alt, schon gar nicht modern; beheimatet in einer seltsamen Etappe, einer Zwischenwelt von bald schon Fremdem und fast noch Vertrautem, eigens für mich belassen, um mir einen Rahmen, meiner Vorstellungskraft einen Halt zu geben; die Gewissheit: „ich bin hier beim Friseur“!

Er, der Samurai, bräuchte solche Staffage am allerwenigsten, könnte er mich doch ohne den Einsatz von Lampen, Spiegeln und Drehstuhl, einfach auf einem Holzbock drapieren; er würde das gleiche Ergebnis herausarbeiten - es gäbe kein anderes!

Der Mann selbst ist von mittlerer Statur, mit eisengrauer Kurzhaarfrisur, die keinerlei Bezug zu den Möglichkeiten seiner ausgeübten Kunst zulässt. Der braune Teint seiner Haut, das gleichförmige Gesicht, welches erst in der Tiefe der dunklen Augen Fluchtpunkte bildet; er also, mit seinem ganzen Nichtinventar an herausragenden Attributen, bietet - wie sein Salon - eine unersättliche Leinwand für meine zerstreuten, schnittreifen Seelenbilder, die mich, gespiegelt im Drehgestühl, nun anblitzen.

Die Handgreiflichkeiten zur Ausrichtung meines Hauptes im Halbdunkel der Zeremonie haben etwas Läuterndes.
Unter den grob dosierten Stupsen und Korrekturknuffen, zentriert sich mein Bewusstsein aus einer Tranceblase heraus -  ins Jetzt.
Meine Haare schneiden zu lassen ist natürlich der Grund weshalb ich her kam, doch es ist wohlmöglich nicht der Grund weshalb ich hier bin.
Er bemerkt meine Unsicherheit im zeitverlorenen Augenblick zirpenden Schwebeflugs seiner unbeirrbaren Schere, direkt über meinem Scheitelchakra.

Hier, in den Randgebieten der Wahrnehmung, den Fasern schwindenden Zweifelns und flüchtiger Gewissheit, im nicht mehr So und noch nicht Anders, entstehen neue Welten.
Im Zwielicht und Zwiespälten werden sie geboren; wäre alles eindeutig gäbe es keinen Grund für ihre Entstehung. Kein Zufall auch, dass dies in einem Coiffeursalon geschieht; sind denn nicht Haare eigentliche Luftwurzeln des Geistes?

Seine Schere touchiert mein Haar nun scheinbar überhaupt nicht, es fällt aufgrund der Trennschärfe intuitiver Lenkung.
Ein solches Haar gerät in mein linkes Auge, nicht sein Fehler – fehlende Hingabe meinerseits; ich bitte um Entschuldigung.
Hingabe ist eine solchermaßen zweifelsfreie Haltung, daß sie mir, wenn ich es wieder einmal  recht wäge, schwer fallen muss.

Kein Satz, nicht ein Wort durchschneidet die schwüle Stille der Salonluft. Ich spüre wie meine Beklommenheit den Zeitfluss gerinnen lässt.
Und im tonlosen Vakuum der gespiegelten Prozedur suchen meine Blicke nun flehend einen freien Korridor. Sie müssen vor des Samurais Augenblick fliehen und vor den vermuteten Urteilsschnitten seiner Erkenntnisse.
Fallende Haarspitzen haften bald an Schweissperlen auf meiner Stirn, verklebend zu einem grotesken Beleg überspannter Sinne.
Ist es meine Paranoia  - oder Einflussbereich, Gravität einer anderen Welt in der Aura des Zwielichts? Ich sinke tiefer in den Stuhl und  in - Ambivalenzen.

Japanische Zierfische in einem Glas: die meisten schwimmen in ihrer Kugel, doch wenige schwimmen die Kugel, machen aus ihrer Begrenzung ein Universum.

Seine, des Samurais Würde, ist vollkommen unabhängig von jedem Umstand, nicht aus Annahme eines Schicksals, sondern weil er die Situation selbst je herbeiführt und - wie ich schon sagte, sie verändert.

Über meine Frisur, das Resultat seines Wirkens, verbietet es sich nun natürlich, nach alldem, was hier stattgefunden hat, zu sprechen. Fait accompli!

Einem kurzen Spiegelschwenk im Halbkreis um meinen Hinterkopf folgt die Befreiung aus dem schwarzen Initiationsgewand, ohne mein Einverständnis abzuwarten.

Der Obolus schließlich, den ich erleichtert erbringe, ist lediglich Symbol.
Ein Betrag, etwa so wie man bei günstiger Gelegenheit ein wertvolles Objekt für eine Münze erwerben kann.

Ob ich ein Trinkgeld gebe, oder nicht, ändert nichts an seinen Gepflogenheiten, geschweige daß es die Temperatur unserer Beziehung erhöhen könnte. Schliesslich verlangt er das Geld lediglich weil ich nichts anderes bieten kann.
Er möchte mich nicht beschämen.

Das Eintrittsgeld für die veränderte Welt dankend entrichtet; raus - auf die Strasse – alles wieder klar.


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