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Kiki


 
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Klemens_Fitte
Geschlecht:männlichSpreu

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Beiträge: 2046
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BeitragVerfasst am: 27.03.2016 16:36    Titel: Antworten mit Zitat

Sue Ulmer hat Folgendes geschrieben:
Naja... dass Mariya auftaucht, wenn man sich denkt... nein, Mariya, tauche du jetzt bitte nicht auf... dass sie genau das tut, von dem man denkt, tue alles aber das nicht... und so etwas ähnliches lässt sich ebenso gut über die meisten anderen Personen (oder sind es Figuren) sagen.


Ich könnte jetzt das beliebte Modell bemühen, meine Figuren besäßen ein Eigenleben: sie tun, was sie wollen und tun nicht, was sie nicht wollen. Ich habe aber den Verdacht, dass ihre Entscheidungen auf dem Wunsch basieren, keine Individualität zu entwickeln und sich lieber im Klischee einzurichten. Weil es bequemer und dem Leben näher ist.

Sue Ulmer hat Folgendes geschrieben:
Die Präsens-Abschnitte lese ich nach wie vor am Schluss. Sie erinnern mich an lästige Fliegen, die gegen meine Scheiben surren, wenn ich gerade damit beschäftigt bin zu denken.


Manchmal stören lästige Fliegen beim Denken, manchmal halten sie einen aber auch davon ab, einzudösen; das sind die zwei Seiten der Fliegenklatsche.

Sue Ulmer hat Folgendes geschrieben:
Im Übrigen wäre ich vielleicht wahrscheinlich die Erste, die noch ein paar Geschichten über Pelle zu erzählen hätte. Er habe seine kleine Schwester drei Jahre lang in einer Mülltonne aufbewahrt, um sie das Philosophieren zu lehren... und das würde ich so lange und so ausgiebig tun, bis ich genug Menschen getroffen hätte, die bereitwillig über mich Geschichten erzählen.


Das glaube ich dir auf Anhieb. Und es erklärt, warum die Geschichten über Pelle erzählt werden.

Sue Ulmer hat Folgendes geschrieben:
Zitat:
Es war in genau dieser Nacht, dass Kiki Jemine nicht mehr als Jemine erkannte; wie sie neben ihm lag, das Gesicht zu ihm gewendet, im Halbdunkel: es schien nicht ihr Gesicht zu sein.
Kiki wusste nicht, was er vergessen hatte – vielleicht, sagte er sich, sich selbst.
So einfach ist es aber nicht im Leben; dass man nur sich selbst vergessen muss, um andere nicht mehr zu erkennen.


Das war die Stelle mit der größten Bindungskraft beim ersten Lesen.


Freut mich.

Sue Ulmer hat Folgendes geschrieben:
Zitat:
Die doppelte Verneinung stört mich jetzt auch. Inhaltlich ist es aber schon so gewollt, der Witz kommt ja dann im nächsten Absatz. Ich versuch's mal so:
Zitat:

Er ließ sich auf die Couch fallen und war sicher, nie wieder etwas tun zu können.
Was er tat: er drehte den Kopf zu Jemine, die neben ihm kniete und mit der Hand durch seine Haare fuhr, und sie schien besorgt.


Eine sinnvolle Verbesserung, denke ich. Vor allem gerät man nicht in Versuchung, den eigentlichen Witz zu überlesen, weil man sich an der doppelten Verneinung festbeißt (und sich fragt, was du damit eigentlich bezwecken willst)


Dann werde ich das entsprechend ändern. Vielen Dank.


_________________
100% Fitte

»Es ist illusionär, Schreiben als etwas anderes zu sehen als den Versuch zur extremen Individualisierung.« (Karl Heinz Bohrer)
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Klemens_Fitte
Geschlecht:männlichSpreu

Alter: 37
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BeitragVerfasst am: 28.03.2016 08:46    Titel: Antworten mit Zitat

Auf der Tanzfläche schien es bereits die ersten Toten zu geben. Es war nicht mehr zwischen einzelnen Menschen zu unterscheiden, alles eine Masse, die kurz vor der Explosion stand.
Ekstatisch zuckende Leiber. Schweißperlen, salzige Zungen, nackte Arme und Beine, in den Ecken Menschen kurz vor der Kopulation.
Erik wankte in einen Flur, der zum Notausgang führte, ein Sofa, die Tür zu den Toiletten. Er lehnte sich an die Wand und atmete tief durch. So schlimm hatte er das ›Nil‹ nicht in Erinnerung.
Im Halbdunkel stand Pelle, den kannte Erik noch gar nicht.
Hinter Eriks geschlossenen Lidern drehte sich alles, dennoch lachte er auf, innerlich, er legte den Kopf in den Nacken, sein ganzer Körper erbebte in diesem stillen Lachen und plötzlich war da die Frau, die sich an seine Hüften presste. Die Luft vibrierte, etwas, das Tanz war, ein Vor und Zurück und Hin und Her.
Seine Hosen wurden ihm eng.
Er spürte ihre Zunge an seinem Hals, nahm grüne Augen wahr, die ihn kurz fixierten, er presste sein Gesicht an ihren Nacken, ein Geruch nach Schweiß und Haut und Musik. Eriks Hände versuchten, den Körper dieser Frau zu fassen, der sich ihnen nicht entzog.
Hinten in der Ecke stand Pelle, den kannte Erik noch gar nicht.

Als hätte jemand eine Kerze gelöscht: so war die Nacht, in die Erik stolperte. Das ›Nil‹ lag weit zurück hinter einer Brücke, er konnte nicht sagen, wie er es geschafft hatte, diese Distanz zu überwinden.
Ein ungewohnter Wind fegte durch die Häuserschluchten, an Mauern entlang, die sich ihm von links und rechts in den Weg schoben – er lief in Rechtecken. Der blasse Mond, nur ab und an auszumachen, hatte sich von ihm abgewandt.
Noch immer lachte Erik; es interessierte ihn nicht, wie und wann – und ob – er nach Hause kommen würde. Notfalls würde er laufen – dieser Gedanke drängte sich ihm immer mehr auf, je weiter er sich in der Stadt verlor. Er fühlte sich nicht betrunken, sondern berauscht. Und wenn er die Augen schloss, blitzten ihm immer noch grüne Blicke entgegen.

Mia schien sich keine Sorgen um ihn gemacht zu haben. Vielleicht hatte sie auch gar nicht mitbekommen, dass er sich erst am frühen Morgen neben ihr ins Bett hatte fallen lassen.
»Hast du dich gestern mit Dimitri getroffen?«, fragte sie über die Kante eines Magazins.
»Hm-hm«, log Erik.
Er betrachtete seine Frau auf jene eigentümliche, nicht uninteressierte Art, in der man Fremdes betrachtet. Das tat er des Öfteren in letzter Zeit; und es ließ sich nicht leugnen, dass eine Spur Bewunderung in diesem Betrachten lag, ein Staunen über etwas Neues, Unbekanntes. Unberührbar – so hatte sie immer auf ihn gewirkt, es hatte ihn vielleicht am meisten fasziniert an ihr. Neuerdings erschreckte es ihn.
Ihre großen, wachen Augen, die in einem seltsam spannungsvollen Kontrast standen zu ihren schmalen, fast verbittert wirkenden Lippen. Dahinter wie versteckt ihre weißen, fast bläulichen Zähne. ›Engelszähne‹ hatte er sie einmal genannt, er konnte nicht mehr sagen, wann.
Alt fühlte er sich in ihrer Gegenwart.
Er ging in die Küche, nahm sich ein Glas, füllte Eiswürfel hinein. Ging an die Bar und suchte den Whisky. Nicht zu sagen, wo Mia ihn abgestellt hatte – und ob es Mia gewesen war oder er selbst.
Auf dem Rückweg lief er durch einen Sonnenstreifen. Es war noch nicht spät. Im Grunde, dachte er sich, hatte er bislang kaum etwas mit Magnus Imbsweiler zu tun gehabt. Sie arbeiteten auf derselben Etage, erinnerte er sich. Er bezweifelte, dass sie vor der Einladung zu Imbsweilers Geburtstagsfeier schon einmal ein Wort gewechselt hatten.
Mia hatte ein Geschenk ausgesucht und ihm nicht verraten wollen, was es war. Und sie hatte ihm einen Anzug aufs Bett gelegt.

Imbsweiler hatte keine Freundin und verbrachte nicht viel Zeit in seiner Wohnung. Mit diesem Fazit erhob sich Erik von der Couch und ging in Richtung Küche. Mia war vor einigen Minuten mit einem Glas Champagner in der Hand verschwunden; sie war schon deutlich angetrunkener als er.
In der Küche stand Magnus Imbsweiler und unterhielt sich mit Menschen, die Erik noch nie zuvor gesehen hatte. Seinen Gruß erwiderte Erik nur zögernd. Eine Party, bei der alle ihre Hintern gegen die Küchenzeile drückten und hofften, die Zeitspanne schadlos zu überbrücken, bis man – ohne unhöflich zu wirken – gehen konnte.
Erik trat zurück auf den Flur; er beschloss, so zu tun, als würde er sich die Wohnung ansehen.
Im Flur kam ihm Mia entgegen, und der Mann, den sie hinter sich herzog, war Dimitri.
»Sieh mal, Schatz«, lachte sie, »ist das nicht ein Zufall?«
»Komisch, nicht wahr?«, bestätigte Dimitri.
Erik murmelte eine Antwort, dann legte er Dimitri – wie einem alten Freund – die Hand auf die Schulter und schob sich zwischen ihn und Mia.
»Ich habe vor ein paar Tagen schon …«, begann Dimitri, als sie sich im Wohnzimmer fanden.
»Nicht«, zischte Erik, dann fügte er hinzu: »Hier können wir nicht reden.«

Erik führte die Finger über die Oberfläche des Pfefferstreuers. Dimitri schwieg. Der Kellner räumte die Teller ab. Der Pfefferstreuer, befand Erik, fühlte sich an, wie sich Pfefferstreuer eben anfühlen.
»Ich denke nicht, dass du meine Hilfe brauchst«, sagte Erik, als der Kellner den Tisch verlassen hatte. »Ich denke nicht, dass du jemals jemandes Hilfe gebraucht hast.«
»Vielleicht nicht.« Dimitri grinste. »Aber wir könnten doch wenigstens so tun? Ich meine, nur der alten Zeiten wegen.«
»Du weißt, wie ich über die alten Zeiten denke.«
Dimitri lehnte sich zurück, zündete sich eine Zigarette an. »Natürlich. Die Nummer mit dem anständigen Leben hast du mir damals oft genug erzählt.«
»Und?«, erwiderte Erik genervt.
»Ich glaube sie dir nicht, das ist alles.«
»Es geht nicht nur um mich.« Mehr wusste Erik nicht mehr zu sagen.
»Ah, Mia – eine reizende Frau, wirklich.« Dimitri blies den Rauch seiner Zigarette Richtung Decke.
Äußerlich blieb Erik ruhig. »Wie viel?«, fragte er irgendwann.
Dimitri lachte. »Fünfhunderttausend.«

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 29.03.2016 06:25    Titel: Antworten mit Zitat

Erik war jemand, der anderen nur ungern etwas schuldete. Er wusste nicht, was er Dimitri schuldete. Einen ausreichend großen Gefallen; Dimitri konnte so etwas genau taxieren. Je länger Erik nachdachte, desto richtiger schien es ihm: Dimitri kannte er. Menschen, die für Banken oder Firmen arbeiteten und an ihn adressierte Briefe verschickten, kannte er nicht.
Von den Briefen hatte Mia nie etwas erfahren. Von dem Gefallen, den er Dimitri schuldete, würde sie auch nichts erfahren.
Erik saß in seinem Büro – größer als manch anderes Büro in diesem Gebäude; ein brauner Schreibtisch, der teurer wirkte als er war, zwei Bilder, Kunstdrucke, Blick auf die Baustelle am Neuen Bahnhof, ein Vorzimmer mit Sekretärin – und drehte einen Bleistift zwischen den Fingern. Was nicht zu leugnen war: er hatte, und das wurde ihm erst jetzt klar, die ganze Zeit auf Dimitri gewartet.
Der alten Zeiten wegen.
Vielleicht hatte Dimitri Ähnliches gespürt; hatte vielleicht – sie kannten sich schon lange – über unsichtbare Antennen Signale empfangen, Notiz genommen von Eriks Sehnsucht und seinem Frust, seiner Eifersucht und der plötzlichen Enge seines Lebens.
Am Morgen hatte ihm seine Sekretärin einen mehrfach gefalteten Zettel in die Hand gedrückt, mit den Worten: »Eine gewisse Nastassja hat das gestern für Sie abgegeben.«
»Ich kenne keine Nastassja«, hatte Erik erwidert.
»Sie meinte, Sie hätten sie im ›Nil‹ getroffen.«

Erik sah auf die Uhr, zum wiederholten Mal. Er fühlte sich wie vor seinem ersten Date. Vielleicht war es das auch. Er hatte ein Hotelzimmer reserviert und Mia etwas von einem Geschäftstermin erzählt.
Der Blick auf die Flaniermeile nicht uninteressant: Zahllose Geschäfte, Mode oder Souvenirs, die Art von Dingen, die zu kaufen man sich für gewöhnlich zu schade war. Erstaunlich wenige Menschen für einen so schönen Sommerabend. Ein tadellos blauer Himmel und ein gänzlich unbestimmbarer Geruch, leicht genug für die träge Abendluft.
»Eine Mischung aus Minze und Sonnencreme.« Nastassja stand mit einem Mal neben ihm. Erik sah fragend zu ihr auf, erinnerte sich dann eines Lächelns.
»Der Geruch, der heute in der Luft liegt«, fuhr sie fort. »Eine Mischung aus Minze und Sonnencreme.« Sie legte ihre Handtasche – neu – auf den Tisch und setzte sich neben Erik. »Ich hoffe, es war nicht allzu schwierig, eine Entschuldigung für deine Frau zu finden.«
Erik schüttelte leicht den Kopf. Es war – so schien es ihm – müßig, Nastassja zu fragen, was sie noch über ihn wusste. Oder woher sie wusste, was sie wusste.
»Schräg gegenüber oder am Ende der Straße?«
Erik wusste keine Antwort.
»In welchem Hotel hast du ein Zimmer reserviert?«
»Am Ende der Straße.«

»Wundert es dich nicht, wie viel ich über dich weiß?«, fragte Nastassja.
»Ich wundere mich schon lange nicht mehr über Frauen«, erwiderte Erik und reichte ihr den Aschenbecher.
»Dann kennst du sie gut.«
»Wen?«
»Die Frauen.« Sie lachte.
Erik lachte nicht, sondern stand auf, blickte kurz wie benommen – er war zu schnell aufgestanden – im Raum umher und ging dann ins Badezimmer. Noch konnte er in den Spiegel sehen.

»Du weißt, dass ich am liebsten allein arbeite«, brummte Erik.
Dimitri schien amüsiert. »Und du weißt«, entgegnete er, »dass ich die ganze Sache angeleiert habe; und die ist mir zu wichtig, um irgendein Risiko einzugehen.«
Das Wort ›Risiko‹ ließ Erik aufhorchen. Die Art und Weise, in der Dimitri es aussprach, gefiel ihm nicht. Halbe-halbe, so hatten sie es immer gehalten.
»Außerdem«, fuhr Dimitri fort, »ist das nicht irgendein Typ, sondern jemand, in den ich vollstes Vertrauen habe.«
Erik glaubte nicht, dass Dimitri irgendjemandem vertraute.
»Und einer, dem die Zukunft gehört.« Mit diesen Worten suchte Dimitri nach seinen Zigaretten.
»Mit anderen Worten: völlig unerfahren.«
»Wenn du so willst. Sagen wir lieber: Sein jugendlicher Tatendrang und deine Erfahrung, das ist die perfekte Mischung.«
»Klischee«, konstatierte Erik.
Dimitri lachte. »Glaub mir, du wirst Kiki lieben. Und wenn nicht … das sollte doch der Unternehmung nicht im Weg stehen; für so professionell halte ich dich schon.« Er gab die Suche nach seinen Zigaretten auf und ging zum Bücherregal – hunderte Bücher; nichts Besonderes, Franzosen, Russen, die meisten wahrscheinlich mehrmals gelesen, oberflächlich – griff nach einem Buch, zog einen Zettel zwischen den Seiten hervor und reichte ihn Erik. Der besah ihn sich genau.
Es war dunkel in Dimitris Wohnung; die Fenster geöffnet und die Jalousien geschlossen, dunkelgrauer Teppich, an einzelnen Stellen von heruntergefallenen Zigaretten angesengt, die Kaffeeflecke kaum sichtbar. Zwei Aschenbecher auf dem Glastisch. Eine Couch, ein Sessel. Kein Fernseher, ein altes Radio.
Im Flur wurde die Wohnungstür geöffnet.
Erik starrte weiterhin auf den Zettel, konnte ihm keine wirkliche Information entnehmen. »Ich hoffe, du hast etwas Schönes gefunden«, hörte er Dimitri sagen, dann: »Oh, ihr kennt euch ja noch gar nicht: das ist Erik, ich denke, ich muss dir schon einmal von ihm erzählt haben.«
Erik sah auf; dann – dieses ›dann‹ bezeichnet eine Zeitspanne, die ihm später Kopfzerbrechen bereitete – erhob er sich von der Couch und griff instinktiv nach der ihm entgegengestreckten Hand.
»In Wirklichkeit hat mir Dimitri schon oft von Ihnen erzählt«, sagte Nastassja.
Erik wusste nicht zu sagen, was man in seinem Gesicht lesen konnte. Dimitri kehrte mit drei Gläsern und einer Flasche Wein aus der Küche zurück.
»Lasst uns anstoßen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte Erik ein wenig zu schnell. Auf Dimitris Blick hin ergänzte er: »Wein ist ein Teufelszeug.«

Erik sah auf den trüben Nachmittag hinaus. Trotz der Klimaanlage war die drückende Schwüle bis ins Hotelzimmer zu spüren.
»Was hätte ich dir sagen sollen?«
Erik antwortete nicht, er wusste nichts zu antworten. Wahrscheinlich erwartete Nastassja auch gar keine Antwort von ihm. Sie gehörte Dimitri.
Normalerweise entstanden solche Gedanken nicht in ihm; wäre es ihm bewusst gewesen, hätte er sich vielleicht dafür geschämt. Aber dafür war kein Platz in diesem Moment und in diesem Raum.

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 30.03.2016 07:11    Titel: Antworten mit Zitat

_______


Kiki warf die Zigarette – lediglich angeraucht – auf die Gleise, dachte einen Moment lang an nichts. Dann dachte er an Jemine und wie sie am Morgen gesagt hatte, es sei sein Leben, damit könne er tun, was er wolle. Kiki hatte geantwortet: ja, vielleicht sei dem so.
Natürlich hatte sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden gegeben.
»Ja, vielleicht«, hatte sie ihn imitiert. »Vielleicht musst du auch erst Dimitri fragen, ob es wirklich dein Leben ist.« Es hatte resigniert geklungen, aber das war nur die optimistische Variante.
Es war noch früh am Morgen, trotzdem lag bereits die Hitze des Tages über der Stadt. Viel Betrieb war nicht, die meisten Bahnen nur zur Hälfte gefüllt; es war Mittwoch.
Für einen Moment sah Kiki sich in einer der Bahnen sitzen, sah, wie sich die Türen schlossen und die S-Bahn den Bahnhof verließ, das Gleisbett verließ, die Stadt und sein Blickfeld verließ und Kiki nicht mehr war; irgendwo am Horizont neben Stadtschloss und Bankenviertel verschwunden. In die untergehende Sonne gefahren und auf der anderen Seite wieder herausgekommen.
Kiki lachte – es hätte aber auch ein Husten sein können.

Dimitris Wohnung – Kiki betrat sie zum ersten Mal – lag ebenso unauffällig wie zweckmäßig in einer ruhigen Wohnsiedlung im Südosten. Keine teuren Bars, ohnehin fast kein Nachtleben, von einer Eckkneipe mit blinden Fenstern abgesehen, dafür mehrere Lebensmittelgeschäfte, ein Tabakladen, ein Friseur, eine Reinigung, ein Park mit einem oder zwei – es waren zwei – Kinderspielplätzen, eine Videothek mit zehntausend Erotikfilmen auf einhundert Quadratmetern.
Hatte man den Gebäudekomplex erreicht, ging man in den zweiten – wenn man aus Richtung des Bahnhofs kam – Hinterhof links, durch eine Tür, die etwas zu niedrig war, um eine Eingangstür zu sein, einen Gang mit Kinderwägen und Kinderspielzeug – Sandeimer, eine Schaufel – entlang, links in eine Art Keller; schließlich eine Treppe hinauf.
Zweiter Stock.
Die Wohnung selbst: spartanisch, aber durchaus nicht ohne Augenmaß, eingerichtet. An den Wänden Fotografien, nichtssagend, schwarzweiß, zwei volle Bücherregale – Kiki hatte schon lang kein Buch mehr in der Hand gehabt – eine Wanduhr ohne Ziffernblatt. Eine schwarze Couch, ein Fernsehsessel, kein Fernseher.
Auf der Couch ein Mann – Kiki tat sich immer schwer, das Alter von Menschen einzuschätzen, er mochte Ende vierzig sein – in einem, für Kikis Begriffe, teuren Anzug.
Kiki mochte ihn nicht und blickte im Zimmer umher; die markante Nase, das kantige Kinn, die fast schon zerfurcht zu nennenden Lippen, die zusammengekniffenen blaugrauen Augen fielen ihm nicht auf.
Dimitri trat hinter Kiki ins Zimmer.
»Darf ich vorstellen«, sagte er im Vorbeigehen, »Kiki – Erik Drehmer. Erik – Kiki, einfach nur Kiki.«
Kiki murmelte etwas, das sich wie »G’n Tag« anhörte, und setzte sich neben den Couchtisch auf den Teppichboden.

»Halten sich so zäh wie du«, sagte Jemine und versuchte zu lachen. Mit dem Handrücken wischte sie Blütenstaub von der Tischdecke.
Kiki sah sie an. Es formten sich keine Worte in ihm.
Von Dimitri und Drehmer hatte er ihr nichts erzählt, nichts von Dimitris Plan und dem Geld und dem Holländer. Nichts vom Hintereingang der ›Scheune‹ in einer Woche und nichts vom Bahnhof in zwei Wochen.
Jemine zwang eine widerspenstige Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr. Sie sah übermüdet aus – es war vielleicht das Wetter.
Kiki fand, dass sie umwerfend aussah.
Eine aufgehende Sonne brach durchs Fenster, Kiki konnte nicht sagen, was es zu bedeuten hatte.

Den letzten Anstieg von der Bushaltestelle musste Kiki zu Fuß bewältigen. Währenddessen bestätigte er sein Vorurteil, in einer grauenhaften Gegend zu sein: Weiße Einfamilienhäuser – genau das, was er von diesem Drehmer erwartet hatte. Hätten uns ja auch an einem neutralen Ort treffen können, dachte er sich, oder will er mir seine Briefmarkensammlung zeigen?
Überwiegend rot die Blumenbeete – die Hängenden Gärten von Babylon; Kiki wusste nicht, woher er diesen Ausdruck kannte, was er bezeichnete oder warum er ihm in den Sinn kam – ein Briefkasten, der in drei Fächer unterteilt war: Zeitungen, Post, Werbung.
Kein Namensschild zu finden. Aber die Hausnummer stimmte.
Kiki stieg die breite Treppe zur Tür hinauf, sah noch einmal nach links und rechts – die Bürgersteige waren leer, der Bus längst hinter der nächsten Biegung verschwunden – und verewigte dann seinen Fingerabdruck auf dem grauschwarzen Klingelknopf.
Kurzes Warten. Vogelstimmen.
Eine Frau – Anfang dreißig? – in einem schwarzgrauen Morgenmantel öffnete.
»Ich bin mit Erik verabredet«, war das Einzige, das Kiki einfiel.
Ein schwer zu deutendes Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht. »Natürlich sind Sie das«, sagte sie und trat einen Schritt zur Seite. »Es scheint ein Hobby meines Mannes zu sein, Leute während seiner Abwesenheit hierher einzuladen.«
Kiki wusste nicht, ob er eintreten sollte. »Erik … Ihr Mann ist also nicht da?«, fragte er endlich.
Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung. »Gott weiß, wo er ist. Das macht er in letzter Zeit des Öfteren; geht ohne ein Wort, um irgendwann zurückzukommen.«
Kiki war sich des Untertons bewusst. Er fragte sich, ob sie über Erik und Dimitri Bescheid wusste, und kam, im Wohnzimmer angekommen, zu dem Schluss: nein.
»Was wollten Sie denn mit meinem Mann besprechen?«, fragte sie aus der Küche.
Da Kiki keine Antwort einfiel, tat er so, als hätte er sie nicht gehört.
»Verstehe«, sagte sie, als sie mit zwei Gläsern aus der Küche kam und Kiki eins davon reichte. Dabei fiel ihm ein silberner Ring an ihrer linken Hand auf.
»Ein schöner Ehering«, sagte er mehr zu sich als zu ihr.
Sie lachte. »Meinen Ehering trage ich nicht, wenn Erik nicht da ist.«
Mit einem Mal standen sie sich nahe – es trennte sie eine halbe Armlänge Luft. Kiki blickte in Augen, die ihm seltsam vertraut schienen.
»Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?«, fragte er.
»Hm«, meinte sie nur. »Wo denn?«
Aber Kiki wusste es nicht zu sagen. Ihm wurde schwindlig, als er darüber nachzudenken versuchte. Sein Kopf wollte ihm zerspringen.
Sie setzten sich.

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 31.03.2016 00:08    Titel: Antworten mit Zitat

Erik war nicht nach Hause gekommen, was Kiki der Frage überließ, ob er nicht alles geträumt hatte.
Der Wetterbericht hatte Hitzegewitter gemeldet, aber am Himmel war nichts zu sehen; ein entferntes Leuchten am Horizont vielleicht. Einzig ungewöhnlich war, dass die Luft nach Blumen und Gräsern statt nach Autos roch.
Hier war Kiki schon lange nicht mehr gewesen. Menschen saßen noch in Cafés mit nichtssagendem grünbraunem Dekor. Goldrand. Hupende Autos quälten sich durch die Seitengassen, die Straßenbeleuchtung war dezent, die Reklametafeln auch.
Darüber verlor sich die S-Bahn.
Kiki warf seine Zigarette in eine Pfütze, die von der letzten Nacht übriggeblieben war. Das Spiegelbild der Kunstgalerie zitterte.

Erik sah anscheinend keinen Anlass, sich zu entschuldigen.
»Ich hoffe, du hast nicht allzu lange auf mich gewartet«, sagte er.
»Deine Frau hat mich ohnehin nicht ins Haus gelassen«, log Kiki. Die Antwort schien Erik zufriedenzustellen.
Sie saßen zwischen Flipperautomaten – wo gab es denn heutzutage noch Flipperautomaten? – und Billardtischen – einer in der rechten Ecke, einer in der linken, beide nicht benutzt – in einer Kneipe, an die Kiki sich nur dunkel erinnern konnte; Erik hätte er sie nicht zugetraut, er schien aber öfter hier zu sein. Der Barkeeper hatte ihm zugenickt.
Erik sah lange und tief in sein Bierglas. Es wirkte, als würde er gleich etwas ungemein Wichtiges sagen; etwas, das auszusprechen ihn seine ganze Konzentration kosten würde.
Kiki grinste in sich hinein. Und Erik erhob sich langsam von seinem Platz und ging zu den Toiletten.
Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte Kiki nach. Er hatte Mühe damit, die Ereignisse der letzten Tage in Reihe zu bringen, die ständigen Ortswechsel – die, wie es ihm vorkam, ständigen beliebigen Ortswechsel – brachten ihn durcheinander, brachten die Chronologie seiner Erinnerungen durcheinander. Die Vergangenheit eines Menschen, hatte sich Kiki einmal gedacht, gehört ihm nicht, hat ihm nie gehört.

Nachts machte sich der Wind bemerkbar.
Erik zog sein Jackett aus und warf es über eine der Mülltonnen. Von irgendwo kam Musik, fast unhörbar leise.
Dort hinten war Dimitri vor einer halben Stunde verschwunden, nachdem er ihnen – nochmals – gesagt hatte, er würde sich auf sie verlassen. Kiki hatte er auf die Schulter geklopft, wie er es schon unzählige Male getan hatte. Und dennoch.
Kiki drehte sich auf dem Absatz um, sah erneut an den Häusern nach oben, die die Gasse bildeten. Fenster ohne Fensterscheiben. Vielleicht hatte man hier einmal gewohnt; Kiki kannte sich hier nicht aus, es war der Bezirk des Holländers.
Erik nahm sein Jackett von der Mülltonne und drehte sich zu Kiki. Aus dem Bündel nahm er eine Handfeuerwaffe und hielt sie Kiki hin.
Kiki sagte nichts und rührte sich nicht. Man sah ihm nicht einmal an, dass gerade seine Welt zusammenbrach. Irgendwo saß Jemine, vielleicht wartete sie auf ihn.
»Nur für alle Fälle«, sagte Erik mit einem seltsam milden Lächeln. Kiki hörte ihn nicht, sah nur das Lächeln, das er für seltsam grotesk befand.
»Hm«, meinte Kiki.
»Du wirst sie nicht brauchen.«
»Dann behalte sie.«
Als Erik bemerkte, dass es Kiki ernst war, lachte er, trug sein Bündel zurück zu den Mülltonnen und zündete sich eine Zigarette an.
Am Ende der Gasse leuchtete ein Scheinwerferpaar auf. Kiki und Erik gingen ihm entgegen; Kiki einen halben Schritt zurück. Erik vergewisserte sich nochmals seines Bündels und öffnete dann die Fahrertür. Kiki versuchte, einen wahrnehmbaren Ausdruck in seine Haltung zu legen, als er sich schräg hinter Erik aufstellte. Auf dem Beifahrersitz lag ein Regungsloser.
Es bedeutete lediglich, dass Dimitris Plan aufging.
Erik wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer. Kiki hörte nicht zu, er wusste ohnehin, worum es ging. Es ging um den Koffer, den Erik entgegennahm.
Das Auto fuhr rückwärts aus der Gasse. Erik grinste Kiki an. »Ich hab’s dir doch gesagt«, meinte er. Kiki nickte, er fühlte sich grauenvoll und konnte nicht sagen, warum.
Es hätte anfangen müssen zu regnen. Stattdessen stand Pelle neben ihnen.
»Hätte nicht gedacht, dass Dimitri euch das Ganze überlässt«, sagte er. Er meinte mehr, als er sagte. Erik hatte den Koffer und sein Bündel in der Armbeuge.
Über Pelle gab es viele Geschichten; manche von ihnen mochten älter sein als er, und dennoch zog sich sein Name durch sie hindurch, tauchte an Stellen auf, an denen man ihn nicht erwartete. Es war nicht zu sagen, ob sich Pelle durch seine Taten oder diese Geschichten einen Namen gemacht hatte.
Was gesagt werden kann: vor manchen Dingen schützen uns nicht einmal unsere Namen.

Kiki sah nach draußen.
Das Licht hatte er gelöscht, sein Flimmern hatte ihm in den Augen gebrannt. Draußen war nicht viel zu erkennen – die Lichter der Straßenlaternen hingen regungslos in der Luft, umschwirrt von nervösen Motten.
Jemine war nicht nach Hause gekommen. Es hatte ihn nicht überrascht; am Morgen hatte sie gesagt, sie würde eine Freundin besuchen.
Kiki fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht, um die Nase herum kitzelte es, es kam vielleicht von den Motten im Licht. Was ihn am meisten quälte – er wusste nicht, dass ihn eigentlich nichts quälte – war weniger das, was geschehen war, sondern vielmehr die Folgerichtigkeit, mit der es geschehen war. Kiki dachte nie über sein Leben nach.
Bücher auf der Couch, ein bewegtes Bild, leise Stimmen oder Musik. Geschirr auf dem Tisch, unbenutzt und lächerlich. Leere Flaschen auf dem Boden, ein unhörbar leises Geräusch hin und her schwappender Flüssigkeit; Wellenschlagen.
Er zog sich vom Fenster zurück in die Dunkelheit. Schatten, hatte sich Kiki einmal gedacht, werden nicht von den Dingen geworfen, sondern aus ihnen herausgesaugt.

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 01.04.2016 08:20    Titel: Antworten mit Zitat

»Mir war klar, dass Erik sich wieder in seltsame Geschäfte verwickelt hat«, sagte Mia. Es war – so schien es – alles, was sie zu sagen wusste, und Kiki bereute, es ihr erzählt zu haben; auf die Art, in der man bereut, kein Gewissen zu haben.
»Und wie lange ist er schon dabei?«, fragte Mia knapp an Kikis Ohr vorbei.
Kiki zögerte. »Er und Dimitri scheinen sich schon lange zu kennen.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Allerdings hat keiner der anderen jemals etwas von einem Herrn Drehmer gehört.«
»Drehmer?« Mia hob ihren Kopf.
»Das ist doch Eriks Nachname«, sagte Kiki.
»Eriks Nachname … und meiner« – sie sagte es mit einem unbestimmbaren Unterton – »ist Albert. Wenn jemand dir etwas anderes erzählt hat, hat dieser Jemand gelogen.«
Kiki wusste nichts damit anzufangen.
Er nahm den Blick von der Zimmerdecke und befand: ein unbestimmbarer Unterton für einen unbestimmbaren Ort. Die Wände weiß; das einzige Bild im Zimmer am Kopfende des Bettes, ein eigenartiges Gemälde: eine Frau, die auf einem Stier ritt. Kiki hatte gelacht, als er es gesehen hatte, aber das Lachen war eher eine Abwehrreaktion gewesen.
»Um wie viel geht es?«, fragte Mia.
Kiki musste einen Augenblick überlegen, was sie damit wohl meinte. Dann sagte er: »Keine Ahnung. Ein paar Hunderttausend.«
»Und wie viel davon bekommst du?«
»So viel, wie Dimitri für richtig hält«, antwortete Kiki ohne zu überlegen.
»Also nicht ein paar Hunderttausend?«
Kiki lachte. »Nein, wahrscheinlich nicht.« Im selben Moment wusste er, dass es ihr ernst war.
»Mit ein paar Hunderttausend könnten wir abhauen.«
»Mit ein paar Hunderttausend könnte jeder abhauen.«
»Warst du schon einmal in Spanien?«
Kiki erwiderte nichts mehr.

Von Dimitri hatte Kiki nichts mehr gehört, abgesehen von dem wenigen, das ihm Drehmer erzählte; Kiki nannte ihn weiterhin Drehmer, weil er nichts anderes hatte, an das er sich halten konnte.
Anscheinend war Dimitri untergetaucht. Auch im ›Nil‹ wusste man von nichts. Manche sagten, sie hätten Dimitri gesehen: in der U-Bahn, auf dem Weg zum Flughafen vielleicht, ganz kurz nur, im Vorbeifahren, auf einem der Schiffe, die sich den Fluss entlangquälten. Es gab auch schon die Ersten, die leugneten, jemals einen Dimitri gekannt zu haben.
Kiki gab auf derlei Geschichten nicht viel. Wenn Dimitri es für nötig hielt, würde er sich schon wieder melden. Und wenn nicht, wenn er sich tatsächlich abgesetzt hatte, dann war es Kiki auch egal – in Wahrheit: es war ihm egal.
Mia redete weiterhin vom Geld, wenn sie sich sahen.
Man konnte sagen: das Geld war unwichtig für Kiki, es war eher ein seltsamer Tatendrang, der sich seiner bemächtigt hatte. Auch Jemine hatte es überrascht; er und Jemine sahen sich nicht mehr so häufig. Sie wohnten noch zusammen. Sie schliefen auch noch miteinander.

»Natürlich darfst du nicht auffallen«, wiederholte Drehmer und griff nach seinem Bier. »Und du musst darauf achten, dass dir niemand zum Bahnhof folgt.«
Kiki sparte sich das Nicken. Er sah auf den Koffer. Die Kombination hatte Drehmer ihm nicht verraten wollen; der andere kenne sie, hatte er gesagt.
Sie saßen im ›Roter Oktober‹ – dabei hatte Kiki sich geschworen, nie wieder hierher zu kommen, als er das erste Mal mit Magnus hier gewesen war. Normalerweise hielt er sich an solche Schwüre; inzwischen war es aber schon spät – Kiki wusste selbst nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hatte.
Wie selbstverständlich wechselte Drehmer das Thema, fragte: »Hast du eigentlich jemanden, mit dem du teilen kannst?«
Kiki war zu überrascht, um sich eine Lüge auszudenken. Er schüttelte den Kopf.
»Ist eine schöne Sache«, fuhr Drehmer fort.
Kiki konnte nicht sagen, ob ihm die Situation unangenehm oder unheimlich war.
»Ich weiß nicht, was ich machen würde, sollte ich herausfinden, dass sie mich betrügt. Ihr könnte ich wahrscheinlich verzeihen. Aber wer auch immer …«
Kiki sah Drehmer an und dachte an Pelle.
»Mach doch nicht so ein Gesicht«, sagte Drehmer, als sei er aus einem Tagtraum aufgewacht. »Morgen um diese Zeit haben wir es geschafft.«
Er lachte und klopfte Kiki auf die Schulter. Kiki lachte nicht.

_______


Erik ließ die Waffe im Handschuhfach zurück und mühte sich die Treppe zur Haustür nach oben.
In der Glasscheibe der Haustür erschien Pelles Gesicht, bekam Risse, zersprang wie Eis, auf das man einen unvorsichtigen Schritt setzt. Im Hausflur herrschte Dunkelheit. Es musste gegen Morgen sein; eine Stunde hatte die Fahrt von der ›Scheune‹ hierher gedauert und unterwegs hatte Erik noch den Koffer an einem sicheren Ort unterbringen müssen.
Noch einmal prüfte er den Anrufbeantworter: keine neue Nachricht. Er hatte befürchtet, Pelle könnte im Lauf des Tages noch einmal angerufen haben, nachdem er die erste Nachricht – Pelle wisse etwas über ihn, das Dimitri nicht gefallen würde – gelöscht hatte.
An der Garderobe fehlte Mias Mantel. Erik war zu müde, um sich zu wundern.
Der Lichtschalter änderte nichts an der Stille im Haus. Erik trat ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen: eine leere Flasche Rotwein und zwei Gläser. Erik kümmerte es nicht, und diese Tatsache hätte er gern geleugnet.
Stattdessen nahm er ein Buch aus dem Bücherregal – eine Tierschützerin und ein Fotograf kämpfen gegen Elfenbeinschmuggler; einer von Eriks Lieblingsromanen – warf es auf die Couch und stellte sich hinter den Fernsehsessel, die Unterarme auf der Rückenlehne.

Mia legte ihr Buch beiseite und löschte die Lampe auf ihrem Nachttisch.
Sie schien sofort eingeschlafen zu sein.
Wahrscheinlich hatte sie keinen Grund, nachts schlaflos im Bett zu liegen, dachte Erik. Außerdem dachte er an Nastassja und daran, dass er diesen Satz nie geglaubt hatte: die Zeit zerstört alles. Er glaubte ihn immer noch nicht.
Das Fenster war geschlossen, also hörte man keine Grillen – aber dieser Ort gehörte ohnehin nicht mehr zu Erik, und in der Nähe von Hotelzimmern gab es keine Grillen.
Die Nacht: geräuschlos, hier oben dunkler als unten in der Stadt. Neumond, klarer Himmel. Ein sonniger Tag würde folgen, so hatte es in der Wettervorhersage geheißen, und anders in diesen Tagen waren nur die Wettervorhersagen.

Es war nicht das Hotel am Ende der Straße, sondern das gegenüber; absurd auch der Gedanke, sie hätten sich im selben Hotel über den Weg laufen können.
Erik richtete sich im Autositz auf und nahm einen Schluck Kaffee aus einem Pappbecher; die Frau am Kiosk hatte seltsam abwesend gewirkt, fast hätte Erik sie drauf angesprochen. Erik hasste Kaffee aus Pappbechern.

Fortsetzung folgt

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 02.04.2016 05:58    Titel: Antworten mit Zitat

Es ist folgende Bemerkung vonnöten:
Während sich das Leben einiger Menschen in dieser Stadt dramatisch veränderte, veränderte sich in der Stadt im Großen und Ganzen nichts; die Stadt war bekannt dafür, sich ständig zu verändern: der Neue Bahnhof wurde umgebaut, man brauchte einen repräsentativen Hauptbahnhof.
Die Besitzer der Bars würden sich später über diesen Sommer beklagen, nicht zu erklärende Umsatzeinbußen feststellen; erst kürzlich war ein Buch erschienen, das sich auf dreihundert Seiten mit dem Nachtleben und den Bars der Stadt beschäftigte. Auf diesem Gebiet war die Literatur nicht mehr zu überblicken – manch einer überlegte sich, selbst ein solches Buch zu schreiben, blieb dann aber bei Lyriksammlungen.
Alles in allem war dieser Sommer ein ungewöhnlich heißer Sommer, aber keiner, an den man sich noch lang erinnern sollte.

Natürlich hatte er schon zuvor mit dem Gedanken gespielt, Kiki ins offene Messer laufen zu lassen; es wäre töricht, das zu leugnen, wie es auch töricht gewesen wäre, derlei Überlegungen nicht anzustellen.
Dennoch kam ihm diese Rechtfertigung gelegen. Andere hätten es einen Wink des Schicksals genannt, aber weder kannte Erik diese Redewendung noch hatte er sich je darum bemüht, den Begriff des Schicksals mit Inhalt zu füllen.
Mia war nicht zu Hause gewesen, als er von den Resten seiner Arbeit gekommen war. Den Zettel am Kühlschrank hatte er ignoriert – es stand darauf, sie sei eine Freundin besuchen – und stattdessen den Stimmen gelauscht, die von draußen in die Küche drangen; die Vögel wurden noch einmal munter, bevor die Nacht anbrach.
Erik fischte ein Glas aus der Spülmaschine.
Kiki, da war er sicher, hatte keinen Verdacht geschöpft vorhin, im ›Roter Oktober‹, als Erik ihm den falschen Koffer gegeben und ihm zum Abschied auf die Schulter geklopft hatte.
Als er in den Flur trat, schenkte er dem Garderobenspiegel ausnahmsweise keine Beachtung.
»Sie kommt wohl spät.« Es war Dimitri.
Erik war zu überrascht, um etwas zu erwidern, während Dimitri sich aus dem Schatten der Treppe löste. Er sah übermüdet aus, das Gesicht unrasiert, die Wangen eingefallen – aber seltsam sorgenfrei, schoss es Erik durch den Kopf.
Dimitri lächelte beinah freundlich. »Weißt du, Erik«, begann er, und tatsächlich wirkte es, als trage er eine lange vorbereitete Rede vor, »obwohl ich viel erlebt habe, mehr als die meisten, war ich noch nie ein guter Geschichtenerzähler. Nicht dass es mir an Arroganz, an Überzeugungskraft mangeln würde – aber es braucht sicher mehr, um ein guter Geschichtenerzähler zu sein; Geduld vielleicht oder Zeit. Ich hatte stets von beidem zu wenig. Und trotzdem möchte ich dir eine Geschichte erzählen. Ich war damals« – er machte eine Pause, als müsste er überlegen – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, und ich war das, was man ein ängstliches Kind nennt. Ich kann nicht mehr sagen, worin diese Angst ihren Ursprung hatte – wer kennt schon den Bauplan seines Charakters? – ich weiß aber genau, wann ich sie verloren habe: Ich war« – wieder hielt er inne – »vielleicht vier oder fünf Jahre alt, als ich eines Abends fürchterliche Bauchschmerzen bekam. Ich verließ mein Bett, ging ins Wohnzimmer, in dem meine Eltern saßen, und fragte meine Mutter unter Tränen, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde. Weißt du, was sie erwidert hat?«
Erik erwiderte nichts.
»Sie hat mich ausgelacht«, sagte Dimitri im Grundton bitterer Folgerichtigkeit. »Dieser Mensch, dem ich vertraute, von dem ich abhängig war, an den ich mich in meiner Verzweiflung, meiner kindlichen Todesangst wendete – lachte mich aus. Und weißt du, was das Gute daran war?«
Erik erwiderte nichts.
»Das Gute daran war« – Dimitri stand nun direkt vor Erik, der den Hintern an die Kommode drückte – »dass ich seitdem keine Angst mehr habe. Und weiß, ob jemand zu mir steht oder nicht.«
Dimitri trat einen Schritt zurück, drehte sich von Erik weg; er schien ein unhörbares Lachen zu lachen.
»Du hast schon einmal versucht, mich zu betrügen – erinnerst du dich noch?«, fragte er endlich.
Erik erwiderte nichts.
»Natürlich erinnerst du dich noch. Vielleicht glaubst du deshalb, mir noch etwas schuldig zu sein; nun, wenn dem so ist« – Dimitri zögerte erneut – »dann schuldest du mir eine Antwort auf meine Frage: Seit wann? Bevor ich sie dir vorgestellt habe oder danach? Nastassja wollte mir nicht antworten.«
Jahrelang musste die gusseiserne Figur auf der Kommode gestanden haben, unbeachtet, von gelegentlichem Abstauben abgesehen, jetzt lag sie wie selbstverständlich in Eriks Hand. Dimitri fiel und nahm nicht mehr wahr: den Aufprall seines Kopfes auf das Treppengeländer, den dumpfen, vom Teppich verschluckten Ton, mit dem sein Körper auf den Boden schlug.

Wo Nastassja war, wusste keiner zu sagen.
Manche, die Erik gefragt hatte, hatten ihm erwidert, sie sei gemeinsam mit Dimitri untergetaucht; Dimitri schien keiner zu vermissen. Im Allgemeinen glaubte man auch nicht daran, dass sie Dimitri verlassen haben könnte. Frieder, der Soldat, der vor kurzem seine Frau verlassen hatte und seitdem in einer billigen Absteige seine Tage verbrachte – die billige Absteige, in der er sich mit seiner Geliebten getroffen hatte; die Geliebte, die ihn verlassen hatte, als sie von der Trennung Wind bekam – hatte Erik erzählt, Nastassja sei nach Südamerika; oder Spanien.
In den letzten Tagen waren die paar Hunderttausend immer mehr wert geworden. Nicht dass er zuvor eine Wahl gehabt hätte. Diese Stadt, dachte Erik irgendwann, verändert die Menschen.

Vor ihm öffnete sich der Bahnhofsplatz – vereinzelt Schatten von Häusern und Wolken – und über dem Bahnhofsplatz öffnete sich der Himmel, und beide wirkten nicht sonderlich interessiert an dem, was an diesem Tag passieren sollte. Man vernahm das Rattern der Züge.
Ein Bahnhof sollte nicht mehr sein als der Anblick, den man aus einem Zugfenster von ihm hat – das hatte Dimitri einmal gesagt.
Statt darüber nachzudenken, sah Erik die Straße hinunter, die noch für einige Zeit dem Verlauf der Bahntrasse folgte, vorbei an Kneipen und Restaurants, indischen, chinesischen, italienischen, vorbei am Neuen Bahnhof, bis sie sich von den Schienen löste, das Opernhaus passierte, die alte Kapelle, und endlich im Park mündete.
Noch einmal atmete Erik tief durch; keiner konnte sagen, welche Gedanken ihm in diesem Moment durch den Kopf gingen, und deshalb soll hiervon nicht die Rede sein.

Letzte Fortsetzung folgt

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Nihil
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BeitragVerfasst am: 02.04.2016 11:42    Titel: Antworten mit Zitat

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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 02.04.2016 15:27    Titel: Antworten mit Zitat

Oh, hier wird ja noch mitgelesen. Schön! smile
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Ithanea
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BeitragVerfasst am: 02.04.2016 16:42    Titel: Antworten mit Zitat

Ich les auch noch. Komm dann wieder, wenn der letzte Teil da ist.
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Sue Ulmer
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BeitragVerfasst am: 03.04.2016 11:20    Titel: Antworten mit Zitat

Was macht man so kurz vor dem Ende?
Schreibt man den Beitrag, den man theoretisch vor vier Tagen hätte schreiben können, oder wartet man, bis die letzte Fortsetzung gefolgt ist, und man vielleicht etwas mehr zu sagen  hat?
Es sei dem Verfasser vorzuwerfen, dass er einen schweigenden Leser mit einem abwesenden Leser verwechselt, oder so etwas ähnliches.
Um der Manifestation solcher fehlerhaften Überlegungen vorzubeugen, soll gesagt sein (!), dass ich in den letzten zwei Wochen jeden Tag einmal ins Forum geschaut habe (was ich für gewöhnlich nicht mache) und zwar ausschließlich, um zu lesen, was eventuell zu diesem Text hinzugekommen ist.

In der Tat weiß ich nicht viel mehr anzufügen, als meine Vorredner, obgleich ich viel gelesen  haben und das meiste inzwischen mehrfach.
 Buch

Es sollte gesagt sein, dass dieser Text zum Nachdenken und zum Überdenken einlädt, weil er (wie Ithanea irgendwo vermerkte) viel sagt, durch die Dinge, die er ausspart. Deswegen ist es auch ein Text, der zum Schweigen einlädt, zu einem tiefen und gründlichen Schweigen.
Aber nichtsdestotrotz ist eine Dynamik da, die zum Weiterlesen zwingt. (Vorausgesetzt der Leser bringt das dazu notwendige Gehirn mit -so etwas darf man nicht voraussetzen).
Nun, da Er weiß, wir hirnreichen Kreaturen lesen, hülle ich mich wieder in Schweigen.
Möge Er sprechen.
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Ithanea
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BeitragVerfasst am: 03.04.2016 13:43    Titel: Antworten mit Zitat

Ist das jetzt ein Hinhaltetest oder was? Evil or Very Mad
Man sehe sich mal die Veröffentlichungsuhrzeiten der anderen Teile und die heutige an. Schmoll
Hab ich schon erwähnt, dass Bedürfnisaufschub und Frustrationstoleranz bei mir gering ausgeprägt sind?
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Sue Ulmer
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BeitragVerfasst am: 03.04.2016 14:03    Titel: Antworten mit Zitat

Wir könnten auch so lange über die Farbe eines Kikis philosophieren,  bis Inkognito sich genötigt fühlt, unseren Mist mit seinem sinnvollen Textabschnitt zu beenden
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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 03.04.2016 15:47    Titel: Antworten mit Zitat

_______


Manchmal geschehen Dinge zur selben Zeit, aber dann wissen sie nicht voneinander; wie sollten sie voneinander wissen, wenn alles unwiederholbar ist. Zu verschiedenen Zeiten kann es ein und denselben Mund geben, aber dann wissen sie nicht voneinander und keiner würde von ihnen sagen können, dass sie sich gleichen. Erst, wenn sie zu sprechen beginnen, schleicht sich der Verdacht in unsere Köpfe, schon einmal gehört zu haben, was sie erzählen; und was sie erzählen, leugnen wir, um nicht an unserem Verstand zweifeln zu müssen. Es kann aber keiner dieses Gesicht leugnen, von dem man sagt, es sei einem ebenso fremd wie vertraut – ähnlich einer Fotografie, die man noch nicht entwickelt hat.

Kiki strich gedankenverloren über das Schwarz des Koffers. Es waren ungewöhnlich viele Leute am Bahnhof unterwegs und er hatte sich bereits mehrmals gefragt, weshalb Drehmer ausgerechnet diesen Ort für die Übergabe ausgesucht hatte. Die Bahnhofsmission hatte man geschlossen, es hatte die Obdachlosen nicht vertreiben können.
Das Geld war ihm egal – er hatte es Drehmer verschwiegen – man kann also nicht behaupten, dass ihm der Koffer mit jedem Schritt schwerer wurde. Über ihm öffnete sich die Glaskuppel der Bahnhofshalle, es sah beinah elegant aus. Kiki hatte noch nie einen Sinn für Eleganz gehabt. Im hinteren Teil des Bahnhofs lagen die Schließfächer im Schatten.
Kiki war selbst erstaunt darüber, wie unbeeindruckt er um die Ecke bog. Der Andere war bereits da, in seiner Hand den Koffer mit dem Geld. Nichts von all dem wirkte auf Kiki, als würde er es selbst erleben; er betrachtete es skeptisch, wie man ein Trompe-l'œil betrachtet. Möglicherweise verspürte er aus diesem Grund keine Angst, möglicherweise lag es an den Geburtstagskerzen, die er am Morgen für Jemine gekauft hatte; er hatte das Geld in seinem Geldbeutel gezählt und es würde für ein Geschenk reichen – Kiki konnte nicht sagen, weshalb er daran dachte, als der Andere den ihm hingereichten Koffer öffnete, einen Augenblick ungläubig hineinstarrte und etwas rief, das wie aus weiter Ferne zu Kiki drang. Der Koffer fiel zu Boden, sein Inhalt – alte Stoffreste, weiß, rot, blau, grün – verteilte sich auf dem Boden und Kiki fand die Mündung einer Waffe auf sich gerichtet.

Wir können Kiki in diesem Moment nicht so sehen wie bislang. Er selbst, könnte er später sagen, war nicht anwesend; es ließe sich vielleicht widerlegen, wäre der Bahnhof bereits mit Überwachungskameras ausgestattet. Wir könnten ihn dann sehen, wie er einer Person gegenübersteht – zwischen ihnen die Stoffreste, der Koffer – die eine Waffe auf ihn richtet. Und da wir nicht hören können, was gesprochen wird, nicht einmal erkennen können, ob etwas gesprochen wird, könnten wir die völlige Reglosigkeit der Beteiligten für einen Fehler in der Wiedergabe halten. Und möglicherweise kämen wir zu dem Schluss, es müsse etwas im Ausdruck Kikis gewesen sein, etwas in seinem Blick, das den Anderen dazu bewogen habe, die Waffe zu senken, den eigenen Koffer wieder an sich zu nehmen und sich zum Gehen zu wenden; und es würde uns nicht einmal wundern, dass er genau in dem Moment, in dem Kiki aus seiner Starre erwacht, zu Boden fällt.
Halbwegs fachkundige Zeugen könnten die Waffe, die Mia in der Hand hält, als Revolver identifizieren; die Zyniker unter ihnen könnten sie niedlich nennen, die Art von Schusswaffe, die man seiner Frau zum Schutz vor Einbrechern schenkt. Tatsächlich hatte Mia sie am Morgen aus der Nachttischschublade genommen.
Jetzt nahm sie den Koffer mit dem Geld an sich. Es wunderte Kiki nicht einmal.
»Eins wollte ich dich noch fragen«, sagte er, als Mia, den Koffer in der einen, den Revolver in der anderen Hand, rückwärts in Richtung der Bahnhofshalle ging.
»Und das wäre?«
»Warum?«
Sie schien kurz nachdenken zu müssen, als wäre ihr etwas entfallen, das sie für genau diesen Moment vorbereitet hatte. Dann sagte sie: »Was kümmert es dich, wen ich liebe.«

Jemine hatte ihn nicht eintreten hören. Sie saß im dunklen Wohnzimmer, das Licht des Fernsehers fiel auf ihr Gesicht.
Kiki nahm das Geschenk – was für ein Geschenk, soll hier nicht gesagt werden – und trat in den Türrahmen. Jemine drehte sich zu ihm. »Was willst …«, begann sie; dann bemerkte sie den Ausdruck in seinem Gesicht und sprang auf.
»Du siehst ja fürchterlich aus, was …« Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und Kiki ließ es geschehen; dann legte er ihr den Zeigefinger auf den Mund. Ein Schatten fiel von ihm ab.
»Weißt du«, sagte er, »ich wollte schon immer mal nach Spanien.«

Ende

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Ithanea
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BeitragVerfasst am: 05.04.2016 22:16    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, was habe ich da nun gelesen. Also eigentlich kam diese Frage für mich nicht überraschend, sondern zeichnete sich irgendwo im ersten Drittel ab, als ich deine blaue Anmerkung verstanden hab. Es gab schon vorher paar Sachen, glaube ich, die auf drauf gepfiffene Chronologie und Abfolgeungereimtheiten hindeuteten, aber das kriegte man ja nicht zusammen. Also, wenn man wissen wollte, was man nun gelesen hat, müsste man nochmal alles am Stück lesen, was ich dann auch mal mache, die nächsten Tage. Aber so "abgefahren" finde ich das jetzt nicht, sondern ... konsequent? Und es bestünde auch die Möglichkeit, dass sich alles noch in die richtige Reihenfloge bringen ließe (wobei ichs cooler besser fände, wenn nicht), aber dazu müsst ichs nochmal lesen.
Ich mag: Dimitri, Kiki, die Frauen (Nastassja, Jemine, Mia, Mariya), die Orte, die Goldrahmen, Kikis Denken und viele einzelne Stellen.
Ich mag nicht: Den draufschauenden Erzähler. Ich wär viel lieber die ganze Zeit in Kikis - oder wenns sein muss in einer neutralen - Perspektive, aber dieser Besserwisser, der alles, was Kiki versteht oder meint, kapiert zu haben, relativiert, geht mir auf die Nerven. Aber gut, wir reden hier ja nicht über Änderung solcher textausmachender Bestandteile, von daher wär nur die Frage, ob das auf die Nerven gehen akzeptiert oder sogar gewünscht ist oder nicht. (Ach und Erik, den mag ich auch nicht, aber das ist völlig okay).

Achja, jetzt hab ich gar nicht gesagt, was ich insgesamt vom Text halte, aber ich schätze das ist klar: Ist sehr mein Ding, die Sprache, die Leute, die Themen.
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BeitragVerfasst am: 06.04.2016 09:35    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, die Sache mit dem Verständnis … ich denke nicht, dass man diesen Text verstehen kann, im Sinne von: auflösen. Vielleicht kommt irgendjemand mit einer Theorie um die Ecke, was die Korrektur der Chronologie betrifft, aber bis dahin behaupte ich: eine "richtige Reihenfolge" kann es hier nicht geben.
Und das bringt mich zu einem Punkt, den mir eine sehr kluge Leserin mitgegeben hat: dieser Text sei der verzweifelte Versuch, Wirklichkeit zu fassen. Und zu einem Satz, den ich vor langer Zeit gehört habe und der mir immer noch nachhängt: Das Ernüchternde an der Wirklichkeit ist, dass sie so wirklich ist.
Die Qualität dieser wirklichen Wirklichkeit besteht darin, so wirklich zu sein, dass jeder Versuch ihrer Beschreibung scheitern muss; weil sie dann sofort wie Sand durch die Finger rinnt oder in Puzzleteile zerfällt, die kein Ganzes mehr ergeben.

In diesem Text habe ich natürlich das Problem: Wer ist eigentlich derjenige, der versucht, Wirklichkeit zu fassen? Kiki? Eher nicht. Ich sehe Kiki immer einen oder zwei Schritte neben einer Welt stehen, die nicht synchron mit ihm ist. Erik ist zu langweilig, um dem Leser etwas Sinnvolles mitteilen zu können.

Also brauche ich den Erzähler, der zwar klug tut, aber in seinem Versuch, eine kohärente Geschichte zu erzählen, scheitert. Klar soll das irgendwann nerven – weil es ja immer ein Vorenthalten der Bedürfnisbefriedigung des Lesers ist – aber ein Zuviel ist ein Zuviel. Ich möchte da schon eine gewisse Balance halten. Vielleicht ist es die Wir-Ansprache, die nervt, vielleicht sind es zu viele Einschübe, wenn wir uns eigentlich in Kikis Perspektive befinden … mal schauen.

Vielen Dank jedenfalls für die Rückmeldung, ich kann damit sehr viel anfangen.


_________________
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Klemens_Fitte
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BeitragVerfasst am: 06.04.2016 21:56    Titel: Antworten mit Zitat

Ach so: Ist das mit dem Inko eigentlich überflüssig, weil eh schon jeder weiß, wer sich dahinter verbirgt, oder kann ich noch auf das ein oder andere unvoreingenommene Feedback hoffen?
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Nihil
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BeitragVerfasst am: 06.04.2016 23:02    Titel: Antworten mit Zitat

Also von mir kommt noch was. Ob meine Vermutung richtig liegt, steht natürlich auf nem anderen Blatt. (Ich habe erst heute mittag zu Ende gelesen.)
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Nihil
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BeitragVerfasst am: 07.04.2016 17:26    Titel: Antworten mit Zitat

So, nun würde ich gerne eine kurze Rückmeldung zum gesamten Text geben. Ich habe ihn mir ausgedruckt und alles angestrichen, was ich gut, schön oder unverständlich fand. Da es aber sehr unübersichtlich werden würde, wenn ich jetzt jede einzelne Stelle zitierte, bleibe ich allgemein und sage erst was zu den Details und dann zur Geschichte selbst.

Teilweise findest du ganz wunderbare Beschreibungen für die Dinge, sehr originelle und solche „mit Geschmack“, die mir in wenigen Worten alles sagen, was ich wissen muss. Äußerst gelungen finde ich hier die Beschreibungen des Kneipenlebens, beispielhaft diese Passage über die stehende Luft: „Ventilatoren mochten ihre Bewegung, eine Strömung vorgaukeln – in Wahrheit rührten sie lediglich eine zähe Masse aus flimmerndem Licht, Qualm und Musik.“ Das finde ich großartig und meiner Meinung ist der Text auch an solchen Stellen am stärksten, bei denen dieses „Szeneleben“ beschrieben wird. Diese Art des Wiedergebens, die Vertrautes in anderen Zusammenhängen widergibt eine Sache ganz konkret beschreibt, dürfte gern noch viel häufiger im

Wenn mir Passagen weniger gut gefallen haben, lag das meistens an dem Ton des Erzählers, der ja auch schon angesprochen wurde. Aber nicht ausschließlich an dem Ton. Wenn ich etwa lese: „Und die Getränkekarte ließ ihm die Wahl zwischen vier oder fünf – es waren fünf – Biersorten.“, dann frage ich mich, worin hier jetzt der Mehrwert bestehen soll. Auch wenn das eine Kleinigkeit ist, stört mich, dass diese Information doppelt belegt ist, weil sich mir der Grund dafür nicht erschließt. Fast klingt es, als würde den Erzähler aus dem Off noch ein weiterer Erzähler verbessern, als würde er einem Praktikanten über die Schulter schauen. Das kann ich der Erzählung aber nicht als Qualität oder Eigenheit zuschreiben, sondern bleibt für mich ein Fehler. (Der Anfang und das Ende der Handlung sind da ja auch so eine Sache, dazu später.) Ganz allgemein würde ich mir auch konkretere Beschreibungen wünschen. Hier: „Die Luft roch, wie Frühlingsnächte eben riechen“ erfahre ich nichts, außer dass der Autor/Erzähler sich einer üblichen Atmosphäredarstellung zu entziehen versucht. Das ist mir aber zu gemacht. „Bäume mit unbestimmbaren Blüten“  ist auch so ein Fall. Für wen unbestimmbar? Hier wird es als objektive Wahrheit dargestellt und das ist ja schlicht falsch.

Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass der Erzähler ein literarisches Feuerwerk entzünden will, das dann aber ohne Spektakel verpufft. Das sind für mich fast ausnahmslos die „Präsens“-Stellen, die schon aus anderen Gründen kritisiert wurden. Mich stören sie nicht, weil sie etwa den Lesefluss behinderten oder Ähnliches. „Manchmal dreht sich die Erde langsamer, als wir zu fühlen meinen. Man muss uns mit der Nase drauf stoßen, damit wir es wahrnehmen, wenn die Zeit sich überschlägt. Ansonsten glauben wir lediglich zu träumen oder an ein Déjà-vu, wir erfinden Gründe, die nicht existieren; weil unser Denken Falltüren hat. Wir meinen, wir seien mit uns selbst identisch, aber das macht noch keine Aussage über uns.“ Die Erde, die sich langsamer dreht als wahrgenommen, finde ich schön. (Aber die Zeit überschlägt sich doch nicht, wenn sie langsamer wird, oder?) Nur verstehe ich nicht, was diese nicht für jeden zugängliche Wahrnehmung mit den Falltüren unseres Denkens zu tun hat. Oder warum unser Einklang mit uns selbst nichts über uns aussagt. Ich kann hier keine logische Verknüpfung erkennen und das frustriert mich. Zurück bleibt dann der Gedanke, der sich unweigerlich aufdrängt, ohne es böse zu meinen, dass etwas großartiger erscheinen soll, als es eigentlich ist.

Das gilt leider auch für die Handlung, bzw. die Erzählweise, was ich nun wirklich schade finde, weil mir die Charaktere eigentlich ganz gut gefallen. Sie sind alle Klischees, da hilft es ihnen auch nicht, wenn sie das selbst so wahrnehmen, es schadet ihnen meiner Meinung nach eher. Klischees stören mich aber meistens nicht. Auch ist es mir eigentlich egal, was ich inhaltlich lese (Gangster-Plots sind nicht so meins normalerweise), denn wenn der Stil stimmt, lese ich auch schon mal einen Western. Doch wenn eine eigentlich sehr simple Handlung durch ungenaue Chronologie bzw. willkürlich eingesetzte Bewusstseinsveränderungen und durch „Korrektur“ des vorher Erzählten sich künstlich aufbauscht, steige ich aus. Mein Urteil wäre anders, wenn ich einen Hinweis im Text erhalten würde, warum der Text erzählt wird, wie er erzählt wird.

Die Auslassungen sind mir zu extrem, weil es sich so oft nicht um „sprechende Lücken“, sondern um fehlende Informationen handelt. Warum darf ich nichts über die eigentliche Arbeit erfahren, wie Kiki sich an die Leute heranschleicht und ihnen die Taschen leerräumt? Oder über den Coup am Anfang/Ende, der doch so zentral ist? Ich fühle mich wirklich wie bei der Show eines Magiers zeitweise, dessen Tricks ich zwar bestaunen, aber an den ich jedoch nie zu nah rangehen soll. Ganz anders und sehr stark ist dann wieder eine Stelle wie diese: „Kiki warf die leere Flasche ins Halbdunkel. Mariya versuchte ihn zu küssen.“ Und Schluss. Ein perfekter Cut, der so viel Spannung erzeugt. Von dieser Qualität ist das andere „unerzählte Erzählte“ jedoch nicht, in meinen Augen.

Ja, da habe ich jetzt viel geredet und viel kritisiert, was natürlich aber immer vor dem Hintergrund gesehen werden muss, dass der Text nicht nur im Abgleich vieler anderer Forentexte, sondern generell einen anderen anderen Blick und viel Schönes mitbringt. Aber ich habe fast das Gefühl, dass die Geschichte Angst davor hatte, zu simpel zu werden und sich in eine Struktur geflüchtet hat, die nicht nötig gewesen wäre.
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Sue Ulmer
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BeitragVerfasst am: 07.04.2016 19:28    Titel: Antworten mit Zitat

Eigentlich wollte ich mich ja ein bisschen vor einer Textdiskussion im Faden hier drücken, zumal Textdiskussionen oder Textbearbeitungen mit mehreren Menschen extrem anstrengend sind. Aber ich komme auch nicht so wirklich weg davon.

Ich sehe Schwächen -teilweise an ähnlichen Punkten wie die Vorredner, aber ich deute sie anders.
Ich würde sagen, nicht die Sicht des Erzählers ist das Problem, sondern eher die fehlende Perspektive Kikis gegen Ende des Textes.
Der Erzähler selbst ist genial, weil menschlich oder deutsch. Vielleicht einfach deutsch. Ich versuche einmal, das an der Stelle zu erläutern, die auch Nihil schon aufgegriffen hat.
Und die Getränkekarte ließ ihm die Wahl zwischen vier oder fünf – es waren fünf – Biersorten.
Was passiert hier eigentlich? Es ist unerheblich ob vier oder fünf. Aber es sind wohl entweder vier oder fünf. Der Erzähler sieht es, der Erzähler hat das Recht uns zu sagen, wie viele es sind. Nur: Wenn der Erzähler uns einfach nur sagt, es seien fünf Biersorten, dann könnten wir übersehen, dass er es war, der uns dies gesagt hat. Wir könnten die Wichtigkeit des Erzählers übersehen und uns einfach die Anzahl der Biersorten merken (wozu auch immer). Deswegen die Möglichkeit einer anderen Zahl. Der Erzähler könnte auch behaupten, es wären fünf obwohl es vier sind -nur um sich daran zu erfreuen, dass er die Wahrheit weiß, die uns Lesern dann entgeht. Albern? Ja. Unnötig? Ja. Pedantisch? Auch. Menschlich? Auf jedem Fall!
Und das ist der Reiz des Erzählers, seine Kontrollsucht -anders lässt es sich nicht nennen, die er selbst da noch krampfhaft befriedigt, wo ihm die mögliche Handlung längst entglitten ist:

Zitat:
Manchmal geschehen Dinge zur selben Zeit, aber dann wissen sie nicht voneinander; wie sollten sie voneinander wissen, wenn alles unwiederholbar ist. Zu verschiedenen Zeiten kann es ein und denselben Mund geben, aber dann wissen sie nicht voneinander und keiner würde von ihnen sagen können, dass sie sich gleichen. Erst, wenn sie zu sprechen beginnen, schleicht sich der Verdacht in unsere Köpfe, schon einmal gehört zu haben, was sie erzählen; und was sie erzählen, leugnen wir, um nicht an unserem Verstand zweifeln zu müssen. Es kann aber keiner dieses Gesicht leugnen, von dem man sagt, es sei einem ebenso fremd wie vertraut – ähnlich einer Fotografie, die man noch nicht entwickelt hat.


Hier kommt der eigentliche Kollaps dieser Geschichte bei uns Lesern an. Und es scheint lachhaft, und unglaublich, dass wir Leser begreifen, was der Erzähler sich nicht eingestehen will: Man kann das Widersinnige nicht erklären, und das Unaussprechliche nicht beschreiben.
Mir ist schon wirklich nicht mehr, vielleicht noch nie ein Text untergekommen, der so viel Menschenkenntnis voraussetzt, ohne dabei weise zu sein. Trotz oder vielleicht eher wegen seiner Klischees.

Ich glaube persönlich nicht, dass der Text uns vorenthalten will, was wirklich geschehen ist: Während Kikis Arbeit, oder besonders was die Anfangsszene betrifft. Auch ist es auf keinen Fall so, dass der Plot dem Verfasser zu simpel war und er ihn unnötig aufgebauscht hätte.
 Vielmehr denke ich, dass diese Dinge, die so unbeleuchtet bleiben nicht wirklich passiert sind. Sie sollten passiert sein, um diese Handlung zu erlauben, aber sie sind eben nicht passiert, nicht im Verfasser, also können sie nicht erzählt werden.

Also ist der Text gescheitert, weil er Angst vor seiner Geschichte hat? Sicher nicht, aber der Text selbst ist eine gescheiterte Geschichte. Das ist meines Erachtens sein größter Reiz. Und sein wunder Punkt ist -so glaube ich -dass er seine gescheiterte Geschichte als Schwäche empfindet, anstatt stolz darauf zu sein oder zufrieden damit.
Ich glaube, er braucht nicht mehr Erklärungen, nicht mehr Chronologie, und nicht mehr Handlung oder Struktur.
Er bräuchte etwas anderes. Eine Figur vielleicht, eine, die sich in den letzten Morgenstunden an Kikis Frühstückstisch setzt, ihn auslacht und gleichermaßen den Leser, und uns alle fragt (uns Lesende, Kiki, Jemine, Mariya, ...) wie in Gottes Namen wir so lange glauben konnten, es sei eine Geschichte.
Das ist jetzt etwas überspitzt dargestellt. Aber ich glaube tatsächlich, irgendwie so etwas ist das fehlende Element. Der Text hat Humor. Er müsste eigentlich den Witz haben, sich über seine gescheiterte Geschichte lustig zu machen.
Mia schafft es am ehesten noch, diese Lücke zu füllen. Würde sie, ihr wesentlichster Satz, herausgeschnitten werden, so wäre das, soweit ich es beurteilen kann, eine Art Kollateralschaden.

Würden wir uns um einen Abglanz der Realität bemühen, so müssten unsere Geschichten ständig scheitern. Es müsste diesen Kollaps des Sinnvollen viel häufiger geben. Nur sind wir alle derselben Kontrollsucht verfallen, die auch den nervtötenden Erzähler beherrscht, und darum schreiben die meisten von uns kontrollierte und kontrollierende Geschichte, und die gescheiterten Handlungen sparen wir aus.

Soviel von mir, für den Moment zumindest.
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nebenfluss
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BeitragVerfasst am: 07.04.2016 20:34    Titel: Antworten mit Zitat

MosesBob wird mich steinigen, wenn er davon Wind bekommt, aber ich muss gerade mal sagen, dass ich das gerne noch kommentiere, wenn ich Zeit und Muse dafür finde. Unabhängig davon, ob das Inko aufgelöst wird oder nicht.
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Nihil
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BeitragVerfasst am: 07.04.2016 20:48    Titel: Antworten mit Zitat

Jetzt lese ich gerade, dass Inko schon einiges geschrieben hatte, was ich kritisiere. Bevor ich darauf weiter eingehe (und auf Sue), würde ich lieber erst eine Antwort abwarten. Ich wollte aber sagen, dass ich diesen Inko-Kommentar vor dem Verfassen meiner Kritik nicht gelesen habe, was auch immer dir das nützt.
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