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Schnee


 

 
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cindysherman
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 41
Beiträge: 114
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 03.03.2016 16:07    Titel: Schnee eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Morgens früh im Zug nach Leipzig. Wie leise es ist.
Die Stadt lebt schon, U Bahnen, S Bahnen, Straßen, alles voll mit ruhigen Pendlern.
Jeder lässt dem anderen seine Privatsphäre, schaut respektvoll weg, alle sind müde, verletzliche Larven mit schlaffen Gesichtern. Man tut sich nicht mit scharfen Blicken weh, man hält Abstand und sich am Kaffee fest, der einen in den geschäftigen Tag katapultieren soll.

Weil es so eine unglaublich zivilisierte und solidarische Schweigsamkeit ist, habe ich das Gefühl, wir sind schon im Betrieb angekommen. Ich steige in den Fahrstuhl zu einer Frau und murmle: „guten Morgen“. Sie schaut verdutzt. Sie ist sich nicht sicher: habe ich die Spielregeln gebrochen, oder sie?
Aneinander vorbeigehend besteht keine Grußpflicht, wir sind insgesamt zu viele. Aber im geschlossenen Raum finde ich es doch vernünftig, sich kollegial zu zeigen. Schließlich arbeiten wir alle für den gleichen großen Konzern. Deutschland.

Auch im IC alles ruhig, kein Geschnatter. Alle reisen allein. Für Telefonate ist es zu früh, für Familien auch. Vor dem Fenster ist es weiß bestäubt, es hat geschneit in der Nacht.

Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein junger Geschäftsmann, gegelt, dezent gebräunt und tippt in seinen kühlen blauen Screen. Ich kann ihn mir nicht anders als im Finanzwesen vorstellen.

Auf meiner Seite vom Gang leiste ich meinen Beitrag im Poesiewesen und schreibe per Hand auf einem abgegriffenen Karoblock. Es sieht vermutlich weniger wichtig aus, aber ich bin von solch oberflächlichen Betrachtungen nicht getäuscht.

Wie durch Sternenstaub fliegt die Kapsel des IC´s durch die Flocken.

Die zarte Schicht aus Weiß draußen lässt all die kantigen Formen der Gebrauchsarchitektur besonders hässlich hervorstechen.
Die symmetrischen Kuben, Klötze und Bögen wirken grob und lieblos. Erst außerhalb der Stadt macht der Schnee Sinn. Felder, Bäume und drei Rehe –eines mit beachtlichem Gehörn- sind vom Schnee veredelt. Alles, was vor hundert Jahren gebaut wurde, auch.

Ein weißes Straßenband windet sich zwischen düsteren Bäumen. Trauer und Sehnsucht in einem.
Orange schimmernde Weiden säumen einen tiefschwarzen Bach. Was für ein Glück.

Ich stelle mir vor, mein Blick ist wie der Schnee, der sich weich und gleichmäßig auf alles legt. Auf die gegelte Frisur, auf den Dellcomputer, die Excel Formulare, und schließlich auch auf die klickenden Tastengeräusche. Der Schall wird gedämpft, die Formengewalt eingehüllt und dadurch besser sichtbar.

In Funktionalhausen ist Schnee allerdings im Weg, er wird geräumt und es geht weiter. Ins Auto, Ins Büro. Die Kinder wissen damit umzugehen: sie wälzen sich darin, rollen ihn, werfen ihn, stellen ihn als Abbild auf. Die Form bleibt immer in Bewegung, wird niemals symmetrisch und hart.
Die Vergänglichkeit des Schnees ruft zur ständigen Erneuerung auf. Und das ist mein Beitrag. Formen zu bilden und sie mir in den Händen zerrinnen zu lassen. Das auszuhalten.

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weltensegler
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling


Beiträge: 89
Wohnort: Nürnberg


BeitragVerfasst am: 04.03.2016 16:33    Titel: Antworten mit Zitat

Ja! Hallo cindysherman,

ich war sofort mit dabei. "verletzliche Larven mit schlaffen Gesichtern" tut weh und berührt und erzeugt in mir gleichzeitig Abscheu und Mitgefühl.

Deine Schilderungen sind für mich so fein und edel und traurig beobachtet. Es ist schön durch den Text zu gleiten, weil mich die Form so anspricht. Es ist schwer auszuhalten, dass es genauso ist, wie du es eingefangen hast.

Und dann das Finale: "das auszuhalten" - genau!  

Vielen Dank
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 49
Beiträge: 1554



BeitragVerfasst am: 04.03.2016 21:52    Titel: Antworten mit Zitat

Cindysherman,
das ist wieder ein feiner Text von Dir.
Die sprachlichen Bilder sind aussagekräftig und reißen mich in die Szene.

Der zweite Absatz hat mich kurzzeitig raus geworfen. Auf einmal bin ich in einem Fahrstuhl. Der Übergang kommt mir zu holprig.

Obwohl mir der Stil sehr gefällt, würde ich noch ein wenig reduzieren.

"Ich stelle mir vor, mein Blick ist wie der Schnee [...]"
Ich stelle mir vor, könnte gelöscht werden.

der Absatz, "die zarte Schicht aus Weiß [...]"  will mir den Gegensatz zwischen reinen Natur und der hässlichen Zivilisation etwas zu sehr aufdrücken. Unter anderem durch Redundanz und Adjektiv-Sturm.

Ist trotzdem ein gutes Stück. Bin schon wieder weg.

Gruß
Jack[/s]


_________________
Monster.
How should I feel?
Creatures lie here, looking through the windows.
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cindysherman
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 41
Beiträge: 114
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 06.03.2016 22:56    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Danke, liebe weltensegler, lieber Jack!

Ich hatte ziemliche Zweifel ob sich dieser Mix aus Nationalgefühl -was ja total kompliziert, krude und unbequem ist- mit der Naturbetrachtung vereinbaren läßt -und dann noch dieser Lobgesang auf die eigene Tätigkweit darin..! Also vermutlich würde ich so was nicht ein zweites Mal schreiben. Aber in dem Moment war das alles beisammen.

Und stimmt: dass es plötzlich ein Fahrstuhl ist, eben noch ein Zug, ist mir  auch eingefallen als änderbar...

Danke für den Zuspruch. Er kommt dort an, wo ich immer Zweifel ob´s weitergeht. Ein entscheidender Punkt!

cindy
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simplify
Geschlecht:weiblichAbc-Schütze


Beiträge: 7



BeitragVerfasst am: 13.03.2016 23:08    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe deinen Text sehr gern und gespannt gelesen. Ich muss gestehen, dass ich nicht gleich von Anfang an im Bann war. Zuerst war ich skeptisch, dann unsicher, und hier wurde ich interessiert:
Zitat:
Man tut sich nicht mit scharfen Blicken weh, man hält Abstand und sich am Kaffee fest, der einen in den geschäftigen Tag katapultieren soll.

Danach war ich gespannt. Deine Beschreibungen sind einfühlsam und nachdenklich und an den richtigen Stellen pointiert.

Dieser Satz hat mich ein bisschen gestört:
Zitat:
Es sieht vermutlich weniger wichtig aus, aber ich bin von solch oberflächlichen Betrachtungen nicht getäuscht.

Und zwar, weil der Erzähler (oder die Erzählerin) selbst im ersten Teil des Satzes den Wert seines Tuns einschränkt, um dann im zweiten Teil zu sagen, dass er die Einschränkung nicht (vollständig) akzeptiert. Es ist vielleicht nicht logisch falsch, aber es scheint für mich eine Unsicherheit auf Seiten des Erzählers auszudrücken, was den Wert seiner Tätigkeit angeht. Das dünkt mich schade, wo die dargebotenen Betrachtungen und Eindrücke so treffend und malerisch geschildert sind, dass für mich kein Zweifel am Wert seines abgegriffenen Karoblockes ist.

Lieber Gruss
Sify
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schrei.ben.
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 100



BeitragVerfasst am: 14.03.2016 08:54    Titel: Antworten mit Zitat

Gefällt mir richtig gut!!
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bibo50
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 58
Beiträge: 86
Wohnort: NRW


BeitragVerfasst am: 14.03.2016 10:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hey cindysherman,

ich bin beeindruckt, wie du Dinge in Worte fasst. Einfach nur toll!
Kompliment!

Einen sonnigen Tag wünscht
Birgit


_________________
hija de sueños
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Muskat
Hobbyautor


Beiträge: 340



BeitragVerfasst am: 14.03.2016 20:48    Titel: Schnee Antworten mit Zitat

Hallo Cindyshermann,

ein ruhig erzählter Text.
Ein paar Vorschläge habe ich dennoch, vielleicht kannst du etwas davon gebrauchen.


Zitat:
Morgens früh im Zug nach Leipzig. Wie leise es ist.
Die Stadt lebt schon, U Bahnen, S Bahnen, Straßen, alles voll mit ruhigen Pendlern.


Morgens und früh gefällt mir nicht zusammen, vielleicht kannst du das „früh“ in den zweiten Satz einbinden?

Morgens im Zug nach Leipzig. Wie leise es zu der frühen Stunde ist.

Dann: das Leise und das Leben widerspricht sich etwas.
Wäre es eine Option, die Stadt erwachen zu lassen?


Zitat:
Man tut sich nicht mit scharfen Blicken weh, man hält Abstand und sich am Kaffee fest, der einen in den geschäftigen Tag katapultieren soll.


Ginge es auch ohne „man“?

Scharfe Blicke schmerzten nur, jeder hält Abstand, trinkt Kaffee, versucht sich in den Tag zu katapultieren. („einen“ ist nicht schön)

Das mit dem Fahrstuhl sollte wirklich gestrichen werden.

Also mit dem nächsten Absatz weiter:

Zitat:
... Ich kann ihn mir nicht anders als im Finanzwesen vorstellen.


Hier könntest du einen kleinen Konflikt einbauen, das verschönte das Ende der Geschichte:

Und zwar: Die Prota könnte sich fragen, was ihre Aufgabe sei hier auf der Welt (nicht Deutschland!).

Dann fährst du fort, indem die Prota Block und Stift zückt und schreibt.

So in etwa:


... Ich kann ihn mir nicht anders als im Finanzwesen vorstellen.
Alle arbeiten, alle für den gleichen Konzern, die Welt. Was leiste ich dazu?
Ich zücke einen abgegriffenen Karoblock und schreibe per Hand meine Betrachtungen auf.
(Die bitte nicht bewerten!)

Weiter also:

Zitat:
Ich kann ihn mir nicht anders als im Finanzwesen vorstellen.
... usw. Dann:

Zitat:
Die zarte Schicht aus Weiß draußen lässt all die kantigen Formen der Gebrauchsarchitektur besonders hässlich hervorstechen.
Die symmetrischen Kuben, Klötze und Bögen wirken grob und lieblos. Erst außerhalb der Stadt macht der Schnee Sinn. Felder, Bäume und drei Rehe –eines mit beachtlichem Gehörn- sind vom Schnee veredelt. Alles, was vor hundert Jahren gebaut wurde, auch.


Im zarten Weiß stechen die kantigen ... (draußen weglassen. Ist klar, dass dort der Schnee liegt)

...

Zitat:
Ich stelle mir vor, mein Blick ist wie der Schnee, der sich weich und gleichmäßig auf alles legt



Mein Blick legt sich wie Schnee ...


So und nun passt der Schluss zu der Frage von oben! Die Prota hat etwas erkannt!


Zitat:
Die Vergänglichkeit des Schnees ruft zur ständigen Erneuerung auf. Und das ist mein Beitrag. Formen zu bilden und sie mir in den Händen zerrinnen zu lassen. Das auszuhalten.


Vielleicht kannst du die Nomina im Schluss etwas reduzieren?

Der Schnee schmilzt, vergeht und ruft dazu auf, alles zu erneuern.

Oder Ähnliches.

Ich hoffe, du kannst von meinen Vorschlägen etwas gebrauchen.

Liebe Grüße

Muskat
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cindysherman
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 41
Beiträge: 114
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 15.03.2016 22:18    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Liebe/r Muskat!

Danke für die Vorschläge! Ja, ein paar davon kann ich gebrauchen, die gefallen mir.

Manche sind vielleicht sprachlich eine Verbesserung, würden mir so aber nie über die Lippen kommen, das läßt mich zögern. Aber im Großen und Ganzen kann ich was damit anfangen und danke Dir!

cindy
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