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Karl der Knecht


 

 
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wohe
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 66
Beiträge: 27
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 27.01.2016 16:30    Titel: Karl der Knecht eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,

ich habe hier den Anfang meiner neuen Geschichte (nicht ernst gemeinter "Krimi" ohne Verbrechen) eingestellt und bitte Euch, mir insbesondere mitzuteilen, ob die verwendeten Stilmittel akzeptabel sind.
- Lakonische, in Umgangssprache gehaltene Dialoge,
- Beschreibungen teils aus der Sicht des Prota, teils aus der Sicht eines Außenstehenden,
- Dialogeanteile, deren Sinn sich z.T. erst im Laufe des späteren Geschehens erklärt.

Vielen Dank im Voraus.
Gruß Wohe

„Piep, piep.“
Wohe runzelte die Stirn.
„Piep, piep.“
Er sah auf und fixierte sein Gegenüber. Drohend.
„Piep, piep.“
„Schröder“, sagte Wohe
„Ja?“ Piep, piep.
„Das nervt.“
„Was?“
„Das Piep, Piep.“
„Da kann ich nix für. Das ist das Handy.“
„Das weiß ich. Aber es nervt.“
Schröder nahm die Finger von der Tastatur und kratzte sich genüsslich am Hinterkopf.
„Tja, was soll ich denn machen? Das ist halt so. Wenn man auf die Tasten drückt, piept's“
Er widmete sich wieder dem Handy.
„Piep, piep.“
Auch, wenn es noch so spannend war, beziehungsweise ohne piep, piep gewesen wäre: Wohe legte sein Buch in die Schreibtischschublade, stand auf und schlürfte zum Kaffeeautomaten.
Kaffeekanne leer, Kaffeedose leer. Er tauschte die Latschen gegen Schuhe und marschierte in den Regen.

„Ah, der Herr Inspektor. Kalkuliere, Ihr Untertan spielt immer noch Tetris?“
„Inspektor gibt's kan. Nick Knatterton und Heinrich Mann.“
„Kottan. Schmeißen Sie ihn doch raus. Kaffee?“
„Geht nicht. Er ist Beamter. Ja.“
Seltsamerweise schmeckte der Kaffee sogar. Na gut, musste er auch, schließlich klagte Holgersen tagaus, tagein, wie teuer die neue Kaffeemaschine gewesen sei. Da würde einem der Kaffee notfalls schon aus Mitleid schmecken.
„Holgersen“, sagte Wohe, manchmal habe ich den Eindruck, mein Dienstgrad würde von meinen Mitarbeitern nicht genügend gewürdigt.“
„Watn? Plural? Haben Sie neue Leute dazubekommen? Wofür denn das?“
„Habe ich nicht. Hätte ich aber müssen.“
„Wer sagt das?“
„Schröder.“
„Oh.“
„Ja. Wegen Überlastung.“
Holger Holgersen war nicht nur der Inhaber des einzigen Schönebosteler Supermarktes mit angeschlossenem Imbiss, sondern neuerdings auch des einzigen Schönebosteler 24-Stunden-Verkaufs.
Glücklicherweise interessierte sich keine Gewerkschaft für den Schönebosteler Einzelhandel, da es ansonsten sicherlich Ärger wegen der Arbeitszeit des einzigen Angestellten gegeben hätte.
Andererseits: da dieser einzige Angestellte nur steuerlich existierte und in Realitas mit dem Inhaber identisch war, bewegte sich das Unternehmen wahrscheinlich in einer rechtlichen Grauzone.
Selbstausbeutung war schließlich nicht verboten - jedenfalls war Derartiges niemandem im Ort bekannt und was die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Verkäufers betrifft: außerhalb der normalen Öffnungszeiten war die 24-Stunden-Klingel bisher noch von keinem Kunden verwendet worden.
Jetzt stutzte Holgersen. „Wegen Überlastung?“
„Ja.“
Wohe schlürfte seinen Kaffee und observierte. Den Verkehr draußen vor dem Geschäft (eher mäßig, ab und zu mal ein Auto, kaum Fußgänger - wie auch, bei dem Regen und während der Mittagszeit) und die Auslagen im Laden, speziell die gar zu verlockenden Schokoladentafeln, wenngleich diese aktuell auch mangels weiterer Kunden kaum in Gefahr waren (wie auch, Regen und Zeit, hatten wir schon).
Andererseits: war nicht gerade die sogenannte stille Zeit die gefährlichste? Wäre er Verbrecher, er würde nur bei Regen und in der Mittagszeit einen Überfall starten. Keine Zeugen, kein Problem.
Eigentlich war das überhaupt die Idee!
Er verlegte seine Aufmerksamkeit von Straße und Schokolade auf seine Schädelinnenseite und spielte sein Leben als Gesetzloser durch.
Na gut, abenteuerlicher vielleicht als sein derzeitiger Job, aber ob Holgersens Tageskasse wirklich ergiebig genug war?
Abgesehen davon war das Beispiel von Bonny und Clyde auch nicht gerade leuchtend zu nennen. Und, wenn er ehrlich war: im Verhältnis zu seinem Beamtendasein war deren Einkommen doch eher als sporadisch zu bezeichnen.
Er seufzte. Also doch zurück wieder an die Pflicht.

„Oh, danke“, sagte Schröder. „Meine Frau sagt, ich sollte nicht so viel Süßigkeiten essen. Es bestünde die Gefahr, dass ich zu dick werde.“ Er biss verzückt in die mitgebrachte Vollmilch-Nuß.
Wohe auch, allerdings begnügte er sich mit einigen Stückchen.
„Eine weise Frau.“
„Stimmt. Aber hier geht es um Schokolade. Dafür esse ich heute Abend ein Pommes weniger.“
Er wühlte auf seinem Schreibtisch herum. „Hast du mein Handy gesehen?“
„Nee.“
Schröder tastete sich ab, besonders dort, wo sein Bauch den Einblick verwehrte.
Dann gab er auf und schloss gottergeben die Augen.
Wohe nahm sein Buch wieder auf.
Als der Feierabend nahte, hingen sie beide mit den Augen  auf dem Minutenzeiger.
„Das Ding geht nach“, sagte Schröder.
„Nee.“
„Dann halt nicht.“
Noch etwas später war die rettende 12 fast erreicht, als ein heulender Motor verkündete, dass Frau Fech die 36 PS ihres Käfers voll ausfuhr.
Ein anschließendes Quietschen zeugte von ungewohnt kräftig zupackenden Trommelbremsen und eine im Türrahmen erscheinende Gestalt vom Ziel der wilden Fahrt.
Auftritt Frau Fech:
„Eine Leiche“, verkündete sie stolz. Ein Mord.“
„Oh“, sagte Wohe
„Oh“, sagte Schröder.
„Ja wahrlich. Also: eine männliche Leiche, ca. 40 Jahre, braune Haare, Gummistiefel, Jeans und Jeanshemd, beide blau. Name gleich Karl. Lehnt am Ortseingangsschild, wenn Sie die Straße von Derrens her nehmen. Sieht zuerst aus, als ob er schläft, ist aber tot.
Todeszeitpunkt: schon ne Zeitlang her.
Besonderes Kennzeichen: Mistforke im Bauch. Buch in der Hand. Blut am Bauch und am Hals.
Tot, weil kein Puls am Hals messbar, Todeszeitpunkt, weil Körpertemperatur nicht mehr fühlbar und Mord, naja, die Mistforke halt.“
„Wou“, sagte Wohe „Wieso Karl?“
„So heißt er.“
„Und weiter?“
„Keine Ahnung. Karl halt. Der Knecht.“
„Karl der Knecht?“
„Genau der.“
„Mit nem Buch in der Hand?“
„Genau. Wobei: komisch eigentlich.“
„Sehr komisch.“
„Aber tot. Hier.“ Sie zeigte ihm ihren üblichen Baumwollhandschuh, dessen übliches Weiß allerdings zumindest an der Zeigefingerspitze von einem deutlichen dunklen Flecken verunziert wurde.
„Blut“, sagte sie. Und dann: „Nun machen Sie was.“
„Jawoll. Fahr hin.“ Wohe zeigte auf Schröder.
„Ich?“
„Wer denn sonst? Ich vielleicht? Ich bin Chef. Ich muss hier aufpassen.“
„Mord ist Chefsache.“
Wohe beugte sich vor und flüsterte: „Hier gibt's keinen Mord. Hier gibt's Frau Fech.“
„Das habe ich gehört“, maulte Frau Fech.
Ein rasselnder Schleppermotor und der anschließende Eintritt einer Güllewolke zeugte von der Ankunft des darin eingehüllten Bauern Jensen. Auch dieser meldete: „Am Ortseingangsschild von Derrens her liegt Karl der Knecht mit ner Mistforke im Bauch. Machen Se was.“
Weg war der Bauer. Die Güllewolke blieb.
Frau Fech ebenfalls.
„Dann fahrn wir mal“, sagte Wohe und schob unauffällig Schröders Handy in dessen Jackentasche.
Unter den kritischen Augen von Frau Fech verschloss die Mannschaft der Polizeiwache von Schönebostel ihr Domizil und bestieg ihren Einsatzwagen.
„Warum liegen hier Zementsäcke auf dem Rücksitz?“
„Sonderangebot im Bauhaus“, erklärte Schröder.
„Was ist das?“ Wohe zog mit dem Finger eine Linie ins Armaturenbrett.
„Zementstaub.“
„Habe ich dir schon mal erzählt, dass Dienstfahrzeuge für den Dienstgebrauch und nicht für die private Nutzung vorgesehen sind?“
„Ja.“
„Ach so?“
„Wo soll ich hier hin“, fragte Frau Fech mit Blick auf den belegten Rücksitz. „Ich bin Zeugin und werde gebraucht.“
„Von uns nicht.“ Schröder chauffierte gekonnt 2 Ecken weiter und hielt am Ortsschild Richtung Derrens.
Frau Fech und Käfer kamen hinterher.
„Wo ist er denn?“, wollte Wohe wissen.
„Weg“, sagte Frau Fech. „Na, das'jan Ding. Immerhin hat sie ihr Buch hier gelassen.“
„Welche sie?“
„Na, die Leiche. Karl der Knecht.“
Ein Bild des Friedens. Eine Straße zwischen wogenden Kornfeldern, eingerahmt von Ortseingangs- und Ausgangsschild. Ein Buch und sonst nichts. Ok, da war noch jede Menge Gras neben der Straße, aber jedenfalls gab es keine Leiche. Und so genau er auch suchte, zwar jede Menge Feuchtigkeit, aber kein erkennbares Blut. Und auch keine Mistforke.
Wohe holte ein Paar Gummihandschuhe aus dem Auto und hob das Buch auf.
Total nass, wegen des Regens. „Angewandte Psychologie“.
Ach du Scheiße. Und das bei Karl dem Knecht!
Frau Fech war sichtlich konsterniert. „Na, das'jan Ding.“ Sie fuhr von dannen.
Wohe und Schröder sahen sich an.
„Und nu?“
„Wo ist Karl der Knecht denn Knecht?“
Schröder überlegte: „Bei Janke. In Derrens.“
„Fahr mal hin. Ich frage bei der Feuerwehr und beim Doktor und im Krankenhaus und so nach.“
Wohe lehnte sich locker an das Ortseingangsschild, sozusagen als Ersatz für den abwesenden Karl und telefonierte. Ergebnis: nichts. kein Karl, kein Knecht, überhaupt war kein Lebender oder Toter transportiert oder eingeliefert oder gar behandelt worden.
Beim Doktor war keine Sprechstunde, da Mittwoch Nachmittag, im Krankenhaus berief man sich erst auf den Datenschutz, um die Auskunft zu verweigern und gestand dann doch ein, dass sozusagen himmlische Ruhe herrschte und die gleiche Information erhielt er auch bei der Feuerwehr.
Apropos himmlische Ruhe. Wohe marschierte zu Bahnke, dem einzigen Bestatter im Ort und glücklicherweise nur 2 Häuser weiter wohnend.
Auch nichts.
Dafür klingelte sein Handy.
„Ich stehe hier gerade neben Karl dem Knecht“, sagte Schröder. „Er meint, er lebe noch und sei heute auch noch nicht tot gewesen.“
„Und warum lag er dann bei uns am Ortsschild rum?“
„Lag er nicht. Sagt er jedenfalls. Er meint, er wäre die ganze Zeit am Ausmisten gewesen. Und das auch noch lebendig.“
„Schau dir mal seinen Hals an. Ob da Blut dran ist oder so.“
Kurze Pause. Dann: „Nee, nur Dreck. Und der ist gleichmäßig verteilt und ziemlich dick.
Ach so, und ein Buch vermisst er auch nicht. Er weiß noch nicht mal, was Psychologie eigentlich so genau ist. Nur dass er das braucht, wenn er seinen Führerschein wieder haben will. Und dass sie dann angewandt sein muss, leuchtet ihm allerdings doch ein.“
Wohe überlegte. Ihm auch. Psychologie! Eh Quatsch.
„Mach Feierabend“, sagte er.
„Jou. Soll ich nochmal nachhaken wegen dem Führerschein?“
„Was?“
„Na wenn er den wieder haben will, hat er ihn ja wohl nicht. Aber der fährt dauernd mitm Schlepper in der Gegend rum.“
„Mach Feierabend“, wiederholte Wohe. Schlafende Hunde wecken. Soweit kam das noch.
Er fuhr zu Holgersen. „Wo wohnt Frau Fech?“
Holgersen zeigte nach hinten ins Geschäft. „Derzeit hier. Hält mir die Kunden vom Kaufen ab.“
Wohe ging in Richtung des größten Lärms und zog Frau Fech aus einer Traube gesetzterer Damen hervor.
„Sind Sie sicher, dass der, den Sie da gesehen haben, Karl der Knecht war?“
„Selbstverständlich!“ Frau Fech war empört.
„Ich meine nur, wo der doch nicht hier, sondern in Derrens wohnt. Da kann man sich schon mal irren.“
„Kann man nicht“, sagte Frau Fech. „Jeder kennt Karl den Knecht. Weil jeder schonmal fast von dem platt gefahren wurde, wenn der drösig, wie der ist, mitm Schlepper durch die Landschaft zuckelt.“
„Das stimmt“, klang es aus der Damenrunde. „Jeder kennt Karl den Knecht.“
Nun ja, auch Wohe kannte ihn. Irgendwoher, irgendwie schonmal gesehen oder sonst was. Jedenfalls eine gewisse Berühmtheit in der Gegend.
„Jeder kennt ihn“, wurde aus der Damenrunde noch einmal bestätigt. „Schließlich ist er der Doofste im Kreis.“
„Aber Lotte“, sagte Frau Fech. „So was sagt man doch nicht.“
„Und warum nicht?“
Wohe verschwand schnellstmöglichst aus dem Laden und fuhr nach Haus. Er versank in seinem Sessel und wurde wieder Mensch. Fast jedenfalls, denn irgendwie plagte ihn sein Gewissen.
Er suchte im Telefonbuch und rief bei Bauer Jensen an.
„Ich weiß Bescheid“, sagte der. „Karl der Knecht ist wieder auferstanden. Da wird sich der Pfarrer aber wundern, bei der Konkurrenz.“
Über die theologischen Implikationen hatte Wohe noch gar nicht nachgedacht. „Sie sind aber sicher, dass er das auch war, da am Ortsschild.“
„Totsicher. Und er war auch sicher tot. Wegen dem Blut und der Mistforke im Bauch.“
„Wo war denn das Blut?“
„Aufm Bauch. Oder jedenfalls im Hemd überm Bauch. Jedenfalls war's da nass. Da, wo eben die Mistforke steckte. Also wird's wohl Blut gewesen sein. Ist es ja wohl meistens, was da aus einem rausfließt, wenn man was reinsteckt. Genauer habe ich mir den dann doch nicht angesehen. Mir reichen schon die Leichen im Fernsehen.“
Wohe reichte es auch. Er lehnte sich genussvoll zurück und schaltete den Fernseher an. Feierabend.

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Zeitenträumer
Geschlecht:männlichSchreiber-Lehrling

Alter: 40
Beiträge: 123



BeitragVerfasst am: 27.01.2016 17:48    Titel: Antworten mit Zitat

Moin,

Nur kurz: Umgangssprache zu schreiben ist schwer, dir aber überwiegend gut gelungen. Lob und Anerkennung.
Allgemein könntest du m.E. etwas kürzen, im Besonderen stört mich, dass im Grunde alle im gleichen Tonfall sprechen. Das macht es eintönig und ist unplausibel, zudem entstehen keine (unterschiedlichen) Charaktere.

Die Beschreibungen zwischendurch finde ich zwar nicht schlecht, aber irgendwie nicht richtig eingebunden. Ich blicke während des Dialogs auf die Szene, dann nimmt mich jemand beiseite, um mir etwas zu erklären, und dann geht die Szene weiter.

Auch bezüglich der Perspektive würde ich mich lieber entscheiden, aber das ist Geschmackssache.

Beste Grüße,

David
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Oktoberkatze
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 53
Beiträge: 324

Ei 1 Ei 9


BeitragVerfasst am: 27.01.2016 17:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo wohe,

vielen Dank für deinen Text. Ich finde ihn amüsant und flott geschrieben, lässt sich wirklich gut lesen und macht neugierig auf mehr.

wohe hat Folgendes geschrieben:
Holger Holgersen war nicht nur der Inhaber des einzigen Schönebosteler Supermarktes mit angeschlossenem Imbiss, sondern neuerdings auch des einzigen Schönebosteler 24-Stunden-Verkaufs.
Glücklicherweise interessierte sich keine Gewerkschaft für den Schönebosteler Einzelhandel, da es ansonsten sicherlich Ärger wegen der Arbeitszeit des einzigen Angestellten gegeben hätte.
Andererseits: da dieser einzige Angestellte nur steuerlich existierte und in Realitas mit dem Inhaber identisch war, bewegte sich das Unternehmen wahrscheinlich in einer rechtlichen Grauzone.
Selbstausbeutung war schließlich nicht verboten - jedenfalls war Derartiges niemandem im Ort bekannt und was die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Verkäufers betrifft: außerhalb der normalen Öffnungszeiten war die 24-Stunden-Klingel bisher noch von keinem Kunden verwendet worden.

Das einzige, was mir aufgefallen ist, sind die vielen Zeilenumbrüche im Text. Im Dialog ist das in Ordnung und auch ein Muss, in einer Szene wie oben stört es allerdings den Lesefluss. Da wäre dann Fließtext optimaler.
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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 29.01.2016 17:57    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo wohe,

also, ich fands echt witzig, kann mir diese Dorfbullen bildlich vorstellen (habe auch mal auf dem Land gewohnt). Umgangssprache fand ich auch gut gelungen. Nur den Anfang musste ich zweimal lesen, um reinzukommen, mir war zuerst nicht klar, wer da eigentlich mit wem redet und wieviele Personen tatsächlich da sind. Wurde im späteren Verlauf dann aber klar.

Der Meinung, dass die Charaktere zu gleich klingen, kann mich anschließen, das war wohl auch einer der Gründe dafür, dass ich anfangs schlecht auseinanderhalten konnte.

Die erklärenden Einschübe haben mich nicht gestört, auch wenn sie die Szene kurz unterbrechen.

Insgesamt unterhaltsam und gut zu lesen, gerne mehr davon! Mich interessiert jetzt echt, was da eigentlich vorgefallen ist.


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Graven
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BeitragVerfasst am: 29.01.2016 19:00    Titel: Re: Karl der Knecht Antworten mit Zitat

Hallo wohe,

Das gefällt mir. Witzig und locker. Würde ich weiter lesen Smile

Unten ein paar Anmerkungen
wohe hat Folgendes geschrieben:
Hallo

Seltsamerweise schmeckte der Kaffee sogar. Na gut, musste er auch, schließlich klagte Holgersen tagaus, tagein, wie teuer die neue Kaffeemaschine gewesen sei. Da würde einem der Kaffee notfalls schon aus Mitleid schmecken.[/color] Dieser Satz charakterisiert den Protagonisten und ist witzig.

[color=brown]Er verlegte seine Aufmerksamkeit von Straße und Schokolade auf seine Schädelinnenseite und
diesen Satz Bräuchte ich nicht. Zu starr, zu viele Substantive. Der nächste Satz sagt mir das gleiche, nur verständlich. spielte sein Leben als Gesetzloser durch.

Ein anschließendes Quietschen zeugte von ungewohnt kräftig zupackenden Trommelbremsen und eine im Türrahmen erscheinende Gestalt vom Ziel der wilden Fahrt.[/color]auch diesen Satz kann man eleganter formulieren


.
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Jack Burns
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Beiträge: 1554



BeitragVerfasst am: 30.01.2016 18:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,
die Stilmittel passen. Habe mich köstlich amüsiert. Trifft genau meinen Humor.
Allerdings könnte die hohe Frequenz an Absurditäten auf Dauer etwas anstrengend werden. Ich bräuchte Verschnaufpausen in denen etwas normales passiert.

Gruß
Jack


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wohe
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BeitragVerfasst am: 31.01.2016 09:19    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,

vielen Dank für Eure Anregungen.
Ich werde sie berücksichtigen und weiterschreiben. Das Ergebnis werde ich dann später in der Werkstatt der Kritik stellen.

Gruß Wohe
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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
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BeitragVerfasst am: 31.01.2016 14:49    Titel: Antworten mit Zitat

wohe hat Folgendes geschrieben:
und weiterschreiben. Das Ergebnis werde ich dann später in der Werkstatt der Kritik stellen.


 Daumen hoch Daumen hoch² Daumen hoch
Und ich freue mich schon echt darauf, das weiterlesen zu  können ! Buch


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Constantine
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Beiträge: 2686

Goldener Sturmschaden


BeitragVerfasst am: 31.01.2016 15:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,

wohe hat Folgendes geschrieben:
Das Ergebnis werde ich dann später in der Werkstatt der Kritik stellen.

wenn es sich um die Fortsetzung deiner Geschichte handelt, dann ist üblich, sie im gleichen Faden zu stellen, anstelle eines Neuen.
Hier der Link für die DSFo-Regeln, in deinem Falle wäre Nr. 3 zu beachten: http://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?t=44515


Um noch etwas Konstruktives auf deinen Text mitzuteilen:
Zitat:
„Piep, piep.“
Wohe runzelte die Stirn.
„Piep, piep.“
Er sah auf und fixierte sein Gegenüber. Drohend.
„Piep, piep.“
„Schröder“, sagte Wohe
„Ja?“ Piep, piep. <-- hier hast du es ohne Anführungszeichen.
„Das nervt.“
„Was?“
„Das Piep, Piep.“
„Da kann ich nix für. Das Ist das Handy.“ <-- Etwas viel "Das..." bei beiden. Mit leichten Änderungen würden Wohe und Schröder sich sprachlich unterscheiden und auch anders klingen.
„Das weiß ich. Aber es nervt.“
Schröder nahm die Finger von der Tastatur und kratzte sich genüsslich am Hinterkopf.
„Tja, was soll ich denn machen? Das Ist halt so. Wenn man auf die Tasten drückt, piept's“
Er widmete sich wieder dem Handy.
„Piep, piep.“
Auch, wenn es noch so spannend war, beziehungsweise ohne piep, <-- warum hier und bei den anderen Piep-Sequenzen das Komma? piep gewesen wäre: Wohe legte sein Buch in die Schreibtischschublade, stand auf und schlürfte <-- schlurfte "schlürfen" und "schlurfen" sind zwei verschiedene Tätigkeiten. An anderer Stelle weiter unten im Supermarkt hast du "schlürfte" richtig verwendet. zum Kaffeeautomaten.
Kaffeekanne leer, Kaffeedose leer. Er tauschte die Latschen gegen Schuhe und marschierte in den Regen.

Mich irritierte das Piep-Piep in Anführungszeichen. Das ist für mich dann als wörtliche Rede gekennzeichnet und ich dachte mir, jemand sagt immer 'piep piep'. Dabei ist es ein Handygeräusch. Die Anführungszeichen sind mMn an diesen Stellen falsch gesetzt.


LG,
Constantine
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wohe
Geschlecht:männlichSonntagsschreiber

Alter: 66
Beiträge: 27
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 01.02.2016 17:17    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Constantine,

danke für Deine Hinweise. Ich werde sie beachten (das mit dem Schlü(u)rfen war mir gar nicht aufgefallen).
Die Regel Nr 3 hatte ich verdrängt. Ich werde diese Geschichte also als Fortsetzung hier weiter behandeln.

MfG Wohe
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Mieke
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Beiträge: 22
Wohnort: Im Norden


BeitragVerfasst am: 09.02.2016 13:08    Titel: Karl Antworten mit Zitat

Hallo Wohe!

Mir gefällt dein Kommissar auf Anhieb gut, er wirkt interessant und witzig. Auf den großen Dialoganteil musste ich mich erst einmal einstellen, dann hat es mir sehr gut gefallen, weil der Text sehr lebendig wirkt. Tatsächlich würde ich auch den Tonfall der einzelnen Personen leicht ändern, so dass er individueller wird, aber ansonsten passt der umgangssprachliche Ton sehr gut. Die Geschichte liest sich locker und angenehm, ich wüßte gerne, wie es weiter geht!
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wohe
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Alter: 66
Beiträge: 27
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 13.02.2016 18:23    Titel: Fortsetzung Karl der Knecht pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,
ich bin mal wieder zum Schreiben gekommen und stelle Euch hier einen weiteren Teil von "Karl der Knecht" vor.
Ich habe mich bemüht, Eure Vorschläge zu berücksichtigen, wobei ich noch damit kämpfe, die Personen durch unterschiedliche Arten des Sprechens zu charakterisieren. Die Geschichte spielt im Norddeutschen, wo sie angeblich alle etwas mundfaul sind.
Hier geht's weiter:

... ...
Dienstag:

„Nein“, wiederholte Wohe, „es gibt keine Leiche. Keine Leiche, kein Blut, keine Kampfspuren, keine sonstigen Indizien, aber ein kerngesundes Opfer. Also kein Mord.“
Er legte den Telefonhörer auf, als Schröder hereinkam. „Du kommst spät.“
„Bauhaus.“
„Du glaubst nicht, was hier los ist. Die Direktion, ...“
„Oh!“
„... die Staatsanwaltschaft, sogar der Rundfunk hat schon angerufen.“
Er zeigte auf die Tageszeitung.
Aufmacher: Die verschwundene Leiche. Dazu ein Bild von Frau Fech mit in die Kamera gehaltenem fingerkuppenbesudelten, ansonsten aber weißen Baumwollhandschuh.
„Ich geh mal rüber“, sagte er. Ein guter Kaffee aus der neuen Maschine wär jetzt genau das Richtige.
Bei Holgersen war Rushhour. Gekauft wurden zwar anscheinend schon wieder nicht, aber dafür klappte die Kommunikation zwischen den Anwesenden um so besser.
Lärm.
Wohe hasste das.
Zumal aus der Mitte der Damentraube die Stimme von Frau Fech den Inhalt des Zeitungsartikels referierte.
Auch Holgersen schien etwas zu leiden. Er strich die mühsam über die Tonsur gezogene Alibi-Haarsträhne glatt und brachte Wohe ungefragt seinen Kaffee.
„Hitchcock.“
„Uäh. Einfacher geht's nicht? Immer Ärger mit Harry. Abgesehen davon geht's um Karl den Knecht und nicht um einen Harry.“
„Der ist jedenfalls auf Wanderschaft. Schon gehört?“
„Nee.“
„Frau Fech hat ihn vorhin auf der Straße nach Derrens gesehen. Marschierte mit ner geschulterten Mistforke herum.“
„So, so.“
„Doch, doch“, rief Frau Fech, die ihn jetzt entdeckt hatte und mit allen Damen im Gefolge auf ihn zukam.
„Ich hab noch angehalten und gefragt, ob er denn nicht eigentlich tot wäre, aber der hat mich nur groß angesehen, hat 'nee' gebrummelt und ist weitergegangen. Und das mit ner Mistforke.
Wenn ich nicht so ein aufgeklärter Mensch wäre, hätte ich mich richtig erschreckt. Schließlich kommen doch da immer diese Filme im Fernsehen mit den Zombies und so.“
„Also, was bei dem so im Kopf ist, das hat schon was von nem Zombie.“ Einwurf von Dame Lotte.
„Meine Damen, bitte“, beruhigte Wohe. „Keine Witze über Mitbürger, die vielleicht nicht gerade kleine Einsteins sind. Wegen Diskriminierung und so.
Und Karl der Knecht war auch gestern nicht tot“, wandte er sich an Frau Fech, „sondern hat gestern brav und fleißig gearbeitet.“
„Was?“
„Keine Ahnung, was. Was ein Knecht halt so arbeitet. Melken oder Sähen oder sonst was. Rurales halt.“
„Ru - was?“
„Bäuerliches.“
„Kaum. Schließlich habe ich ihn selbst gesehen. Und den Puls abgetastet. Und da war keiner. Also war er nicht nur dort, sondern auch noch tot.“
„Frau Fech!“
„Na ja. Vielleicht scheintot. Sowas soll's ja geben. Aber da, also dort, war er auf alle Fälle.“
Scheintot. Wie machte sich das in einem Vorgangsprotokoll. Wohe beschloss, diese Alternative besser nicht mit hineinzuschreiben.
„Wie auch immer.“ Er zahlte und floh ins Revier zurück.
Verdammter Papierkram.
Wohe blieb bei den Fakten:
Meldung, genauer zwei unabhängige Meldungen, dass der im Nachbardorf ansässige Karl ... (Nachnamen musste er noch eruieren) mit einer Mistgabel erstochen aufgefunden sei.
Nachforschungen ergaben, dass sich benannter Karl ... wohlbehalten bei seinem Arbeitgeber aufhielt. Opfer behauptet, nicht am Ort des Geschehens gewesen zu sein etc. etc.
Den Rest würde er am Nachmittag schreiben. Jetzt brauchte er erstmal Ruhe.
Er warf einen Blick auf Schröder. Der sah ihn böse an, legte ostentativ sein Handy auf den Schreibtisch und starrte ins Nirvana.
Wohe nahm sein Buch aus der Schublade und verzog sich ins Reich der Phantasie. Eine ganze Zeit lang hörte man nichts außer gelegentlichen Atemzügen, dem Umblättern von Buchseiten und Kaugeräuschen.
Kaugeräusche? Wohe sah auf.
„Was ist das?“
„Kekse.“ Schröder wickelte eine neue Schachtel aus der Plastikhülle und blickte gegen die Decke.
Wohe sah Schröder an, Schröder sah die Decke an.
Und kaute. Dann: „Mein Handy bleibt hier.“
„Aber kein Tetris.“
Schröder warf Wohe die Keksschachtel zu und versank wieder in sich selbst, Wohe ins Buch.
Beide rissen verstört die Augen auf, als das Geräusch eines gemarterten Käfermotors vor dem Haus verstummte und die Fahrerin ins Büro stürmte.
„Er ist wieder da.“
„Fein“, erwiderte Wohe.
„Im Ernst“, sagte Frau Fech. „Karl der Knecht. Diesmal aber lehnt er am Ortsausgangsschild. Und die Mistforke steckt diesmal nicht in seinem Bauch, sondern lehnt neben ihm ebenfalls am Ortsschild. Er jedenfalls ist tot. Und so, wie der aussieht, ist er diesmal noch toter, also nicht nur scheintot.“ Sie hielt den blütenweißen Baumwollhandschuh vor Wohes Gesicht.
„Da ist nix dran.“
„Eben. Der war wohl gestern schon so ausgeblutet, dass ihm der Marsch heute Früh den Rest gegeben hat. Vermute ich jedenfalls.“
Wohe und Schröder verschlossen das Revier und gingen zum Auto.
Frau Fech ebenfalls. „Hier liegen Ziegel auf dem Rücksitz“, klagte sie.
„Wegen dem Dach“, erklärte Schröder in Wohes Richtung.
Der Konvoi aus Polizeiwagen und Käfer hielt neben dem Ortsausgangsschild. Genau wie gestern. Das Ortsausgangsschild war ja sinnvollerweise auch auf der Höhe des Ortseingangsschildes. Nur gegenüber halt, auf der anderen Straßenseite.
Außerdem war noch anwesend: eine Mistforke, ans Schild gelehnt, jede Menge Gras, diesmal allerdings trocken und ein Blutfleck.
Eindeutig ein Blutfleck. Zog sich vom Schild bis auf die Straße, insofern gut erkennbar.
Keine Leiche. Weder Karl der Knecht, noch sonst wer.
Wohe zeigte auf Frau Fech: „Sie fahren nach Haus.“
Er zeigte auf Schröder: „Du fährst zu Janke, ich passe auf.“
„Worauf?“
Wohe sah sich um und griff sich die Mistforke.
Frau Fech grummelte irgendwas vor sich hin und fuhr davon.
Schröder ebenfalls.
Wohe sah ihm nach. Der Wagen hing verdammt in den Federn. Vermutlich war auch der Kofferraum noch voller Dachziegel. Und dann noch das Gewicht von Schröder.
Mann oh Mann. Dass der Wagen das überhaupt mitmachte, deutete auf gute deutsche Wertarbeit hin.
Er schulterte die Mistforke und ging zurück ins Revier.
Kaum hatte er das Buch aufgeschlagen, rief Schröder an.
„Lass mich raten“, sagte Wohe. „Karl der Knecht ist ok?“
„Richtig. Er steht hier neben mir. Inklusive Mistforke. Kein Blut, eher schmutzig, so wie gestern, also eigentlich wie immer.“
„Ich nehme an, er war die ganze Zeit am Arbeiten.“
„Stimmt. Er war am Ausmisten.“
Ausmisten schien eine sehr prinzipielle Tätigkeit in der Landwirtschaft zu sein.
„Komm zurück. Und Schröder!“
„Ja?“
„Lad die Ziegel aus. Und vor allem, lad nicht so viel ein, sonst bricht noch die Achse.“
Wohe schnüffelte. Dann nahm er die Mistforke und stellte sie vor die Tür.
Danach war endlich Ruhe.

Mittwoch:

Die Zeitung hatte einen neuen Aufmacher: „Schon wieder eine Leiche verschwunden“.
Wohe seufzte und spielte mit seiner Pistole herum. Ob das Verschwinden von Frau Fech wohl irgend jemandem auffallen würde?
Schröder traf ein.
„Was ist das?“ Wohe zeigte auf Schröders Jacke.
„Kalk.“
„Bauhaus?“
„Jou.“
Das Telefon klingelte und Wohe floh auf die Toilette.
Vergebens. Als er zurückkam, hielt ihm Schröder den Hörer hin. „Die Direktion.“
Wohe hörte eine Zeitlang zu. Dann erklärte er mit Nachdruck: „Es gab keine Leiche. Weder vorgestern noch gestern. Wie in meinem Bericht beschrieben.“
„Zu gestern habe ich gar keinen Bericht bekommen“, sagte Wohes Chef.
„Zu gestern habe ich auch keinen geschrieben. Keine Leiche, kein Mord, kein Fall, kein Bericht. Da erlaubt sich jemand einen Scherz mit uns. Da darf man gar nicht drauf eingehen, sonst bestärkt man den noch.“
„Das ist jetzt ein offizieller Vorgang. Wenn die Zeitung da schon drauf angebissen hat, können wir das nicht ignorieren. Also tun sie was. Schreiben Sie zum Beispiel erstmal einen Bericht zu dem Ereignis gestern.“
Wohe seufzte schon wieder.
Er schrieb: Bezugnehmend auf den Vorfall vom ... ... Wiederum wurde das vermeintliche Opfer wohlbehalten angetroffen und gab an, sich zur fraglichen Zeit (Bestätigt vom Zeugen Janke) in Derrens auf dem Hof des Zeugen Janke aufgehalten zu haben ... ...
Die am Ortsschild befindliche rötliche Flüssigkeit sowie die dortselbst aufgefundene Mistforke dienten augenscheinlich der Irreführung ...“
„Wo ist eigentlich die Mistforke?“
Der unerwartet angesprochene Schröder schreckte hoch.
„Welche?“
„Die von der Leiche. Von der nicht vorhandenen Leiche. Die am Ortsschild stand. Die habe ich draußen vor die Tür gestellt.“
„Keine Ahnung.“
Wohe ging hinaus. Er hatte richtig gesehen. Keine Mistforke.
Er korrigiert: „Die am Ortsschild befindliche rötliche Flüssigkeit diente augenscheinlich der Irreführung“.
Schluss. Er schickte den Schrieb zur Direktion und ging zu Holgersen.
„Ihr Harry ...“ Holgersen sah ihn erwartungsvoll an.
„Wat denn? Hitchcock hatten wir doch gestern erst.“
Holgersen schwieg.
Wohe überlegte: „Shirley MacLaine.“
Holgersen wandte sich grummelnd der Kaffeemaschine zu.
„Was gibt's denn Neues?“, wollte Wohe wissen.
„Ich weiß von nix. Sie wissen ja, wir Kaufleute sind immer die letzten, die irgendwas erfahren. Und außerdem sind wir sowieso eher in uns gekehrt und verschwiegen.“
Wohe prustete in seinen Kaffee: „Ach so?“ Man lernte nie aus.
„Sicher doch. Wer weiß zuerst, wenn sich die Aktienkurse ändern? Die Bankiers und die Arbeitslosen. Unsereiner geht da mangels Informationen gleich zu Beginn pleite. Und wer weiß zuerst, ob sich das Sortiment an grünen Paprika auszahlt? Unsereiner nicht. Unsereiner bestellt und bleibt dann drauf sitzen.“ Er zeigte auf eine ganze Lage leicht angerunzelter grüner Paprika.
„Arbeitslose?“
„Klar doch. Die haben eben die nötige Zeit, um dauernd die Börsenkurse verfolgen zu können und im Fernsehen die Kochshows zu gucken, wo dann plötzlich nur rote Paprika en vogue sind.“
Er schnappte sich die grünen und trug sie auf den Hof. Gleich wurden auch die kleinen Fliegen deutlich weniger.
„Traurige Sache so ein Schicksal als Arbeitender.“ Wohe sah solidarischerweise ebenfalls leidend aus, als der Kaufmann zurückkehrte. „Aber dennoch. Igendwas schnappen Sie doch bestimmt so auf. Wegen Karl dem Knecht zum Beispiel.“
Holgersen brauchte noch einige Zeit, um sich zu erholen. Es waren wohl mehr die Aktien als die Paprika.
„Man munkelt“, sagte er dann, „dass da irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht.“
„Zu der Einsicht bin ich allerdings auch schon gelangt.“
„Frau Fech sagt, Karl sei ein Untoter.“
„Oh Mann!“
„Aber die Meisten glauben, dass die Leiche gar nicht Karl der Knecht ist.“
„Jeder kennt den und Jensen hat den auch gesehen.“
„Ich weiß, aber was ist, wenn Karl der Knecht einen Zwillingsbruder hat und der jetzt tot hier rumliegt?“
„Warum sollte der hier rumliegen?“
„Keine Ahnung. Vielleicht eine Familientragödie. Eine Erbstreitigkeit oder so. Irgendwer stirbt, die Brüder erben und Karl der Knecht bringt seinen Bruder um, um alles für sich zu behalten. Immerhin deutet die Mistforke auf ihn hin. Ist schließlich sein Haupt-Arbeitsgerät.“
„Und wieso verschwindet er dann immer wieder?“
„Weiß nicht. Das müssen Sie rauskriegen.“
„Na danke.“ Wohe war bedient.
Er nippte an seinem Kaffeerest und besah sich das Treiben auf der Straße. Ab und zu mal ein Auto, kaum Passanten. Gut so. Wo keine Menschen, da kein Verbrechen, kein Vergehen, keine Ordnungswidrigkeit, nix. Eigentlich ein gesellschaftlicher Idealzustand.
Dann allerdings kam Schröder aus dem Revier herübergeeilt.
„Im Kreiskrankenhaus haben sie Karl den Knecht eingeliefert. Mitsamt Mistforke“, hyperventilierte er.
„Fahren wir.“
... ...

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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 14.02.2016 19:59    Titel: Antworten mit Zitat

Hi wohe,
danke für den neuen Teil, ich habe mich köstlich amüsiert! Schreib dieses Buch bloß weiter, es ist wirklich gut. Auch der saloppe Stil passt gut zu der Geschichte. Und über Schröder und besonders seine Bauhauseinkäufe könnte ich mich immer weglachen! Trifft genau meinen Humor.

Auch Wohe ist genial:
Zitat:
Ob das Verschwinden von Frau Fech wohl irgend jemandem auffallen würde?

 Laughing Hier musste ich tatsächlich laut lachen!

Die Geschichte ist abstrus, aber noch nicht zu abstrus, weil die Hauptcharaktere bodenständig bleiben. Gut hat mir die Vermutung mit dem möglichen Zwillingsbruder gefallen, dass sie jedenfalls erwähnt wurde, denn das war auch mein erster Gedanke in Bezug auf eine mögliche Erklärung.

Eine Sache hat mich allerdings gewundert: Warum untersuchen sie nicht erstmal die rötliche Flüssigkeit am Schild? Ob es sich tatsächlich um Blut handelt und wenn ja, ob es Menschen- oder Tierblut ist. Auch wenn deine Polizisten klar an einen Scherz glauben, sie sollten trotzdem sofort eine Probe davon ins Labor schicken, sonst wirkt es zu unglaubwürdig. (Kann ja noch immer bei der Post verloren gehen, wenn es die Geschichte sonst sprengen würde.) Den Di­let­tan­tis­mus , das Beweisstück Mistforke einfach draußen an die Wand zu lehnen und sich klauen zu lassen, nehme ich ihnen aber noch ab.

Richtig gut kommt übrigens das Norddeutsche rüber! Ich hab mich da gleich irgendwie zuhause gefühlt Wink


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Mieke
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BeitragVerfasst am: 15.02.2016 23:01    Titel: Antworten mit Zitat

„Ich hab noch angehalten und gefragt, ob er denn nicht eigentlich tot wäre"

Ich finde Deine Frau Fech herrlich (und den Kommissar sowieso). Und die anderen Personen auch, sie unterscheiden sich nun deutlicher. Die Dialoge und Deine Wortwahl gefallen mir sehr gut.
Es passt einfach - der Schröder mit den Kaugeräuschen und den Dachziegeln,
Holgersen mit seiner "Alibihaarsträhne" - viele kleine Details und Bemerkungen, die die Geschichte aber nicht überladen, sondern bereichern.
Wieder irritierte mich der große Dialoganteil etwas, aber wenn man sich eingelesen hat, ist es super.

Ich bin nur Vielleserin und Hobbyschreiberin, aber ohne schmeicheln zu wollen - ich würde das Buch direkt kaufen.

 Smile     Ach, und im Norden gibt es auch Plaudertaschen. Geh hier mal einkaufen, die Verkäuferinnen sind direkt Deine Freunde!
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Aneurysm
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BeitragVerfasst am: 22.02.2016 19:01    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Wohe,
Ich finde die Geschichte sehr interessant und werde sie auch weiterverfolgen, wenn du weitere Teile veröffentlichst. Die Dialoge sind größtenteils gut gelungen; das Norddeutsche kommt ziemlich gut rüber.
Allerdings habe ich auch ein paar Kritikpunkte:
Die Geschichte ist zwar interessant, aber richtige Spannung kommt bisher nicht auf. Das ist untypisch für einen Krimi, das kann gut oder schlecht sein. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.
Du schreibst oft in sehr kurzen, abgehackten Sätzen. Im Dialog ist das normal, aber der Dialoganteil ist erstens sehr groß und zweitens ist das auch im restlichen Text nicht anders.
In jedem Fall ein guter Einstieg, der Hoffnung auf mehr macht!
Liebe Grüße
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Malbec
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BeitragVerfasst am: 23.02.2016 11:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,
die im Eingangspost aufgeführten Ziele hast Du super umgesetzt. Die Figuren sind im zweiten Teil besser herausgearbeitet und unterscheiden sich deutlicher voneinander.  Zwei Anachronismen sind mir aufgefallen: Weiß wirklich niemand in Schröders Umfeld  dass man Tastentöne am Handy ausschalten kann? So etwas kann ich mir sehr schwer vorstellen.  Und: Gibt es tatsächlich noch Knechte, die auch so genannt werden?
Viele Grüße
Malbec
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wohe
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BeitragVerfasst am: 24.02.2016 09:16    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi Freunde,

danke für Eure Hinweise.
Die Blutprobenentnahme und Analyse habe ich eingebaut - stimmt, das fehlte wirklich.
Die Sache mit den Handy-Tastengeräusche hatte ich schon erledigt - sie werden von Schröders Frau deaktiviert.
Knechte gibt es wirklich noch. Die Bezeichnung ist heutzutage zwar unüblich, aber noch möglich.
Bis bald.

Gruß Wohe
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purpur
Dichter und Denker


Beiträge: 1023



BeitragVerfasst am: 29.02.2016 00:53    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe Very Happy

Herzlich willkommen, dein Text gefällt mir gut, würde gern mehr erfahren.

viele Grüß
PurpurP


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lunapinki
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BeitragVerfasst am: 02.03.2016 00:04    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Wohe,

ich freue mich auch auf die Forsetzung der spannenden Geschichte.

Die vielen Dialoge finde ich nicht störend. Meinen Lesefluß beeinträchtigen eher die wenigen langen Sätze. Die tanzen aus der Reihe.

Insgesamt ein Krimi zum Schmunzeln.
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wohe
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BeitragVerfasst am: 02.03.2016 19:06    Titel: 2. Fortsetzung Karl der Knecht pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hallo Freunde,

hier ist die neue Fortsetzung meiner Geschichte.
Ich führe hier 2 neue Charaktere ein. Wundert Euch nicht über Sannes für Kinder untypische Ausdrucksweise - die Erklärung dafür ergibt sich später.​

... ...
Im Krankenhaus bedurfte es datenschutzbedingt ihrer Ausweise und einiger Überredungskunst, bevor man ihnen den Weg zu Karl dem Knecht wies.
„Dem Schild 'Notaufnahme' nach. Dann immer dem Geruch nach. Die 3. Tür links. Das ist der Behandlungsraum, der schon an die neue Klimaanlage angeschlossen ist.“
„Wieso Klimaanlage?“
„Weil der von Ihnen Gesuchte wahrscheinlich Güllefacharbeiter ist oder sowas.“
„Gibt's den Job?“, fragte Schröder.
„Nee“, sagte Wohe. „Aber immerhin sind wir richtig. Das Stichwort ist Ausmisten.“
Wohe schnüffelte. Der Behandlungsraum war eindeutig der richtige. Ausgestattet mit jeder Menge angsteinflößender Geräte, wie z.B. haufenweise Spritzen, gebrauchten und neuen, zwei Computerbildschirmen und sogar einer an der Wand hängenden Säge. Augenscheinlich oft verwendet, da, wie Schröder mittels Daumenprobe feststellte, völlig stumpf. Wahrscheinlich vom vielen Amputieren.
In der Mitte des Raums stand ein Behandlungstisch. Aluminiumblitzend und benutzt.
Was fehlte, war Karl der Knecht. Ebenso die Mistforke.
„Oh nee.“
Sie gingen zurück zum Empfang.
„Keiner da.“
Die Empfangsschwester hob fragend die Augenbrauen.
„Das Zimmer ist leer“, sagte Wohe.
Die Schwester lief, um nachzusehen. Dann kam sie mit einem Arzt im Schlepptau zurück.
„Das ist ja ein Ding“, sagte dieser. „Dass der Patient überhaupt  noch aktionsfähig ist, hätte ich glatt ausgeschlossen.“
„Wieso?“, fragte Wohe. „Was hat er denn?“
„Da ich ihn ja noch nicht richtig untersuchen konnte, kann ich nur vermuten, aber der sah aus wie ein typischer Fall von möglicher cerebellärer Ataxie, wohl verursacht durch eine ausgeprägte Commotio cerebri infolge SHT als Folge eines wahrscheinlichen C2H5OH-Abusus oder gar Äthylismus.“
Schröder sah Wohe an, Wohe den Arzt: „Bitte?“
„Mir schien es wie eine Gehirnerschütterung, verursacht durch wahrscheinlich übermäßigen Alkoholgenuss.“
„Wieso wird das Gehirn durch Alkohol erschüttert? Auf Deutsch bitte.“
„Indem der Konsument sich, umgangssprachlich, wegen seinen Suffs auf die Schnauze legt. Leicht erkennbar an der gewaltigen Beule an der Stirn des Patienten. Jedenfalls wäre es erkennbar, wäre der Patient denn noch da. Und den Alkohol kann man erkennen durch einen Bluttest, den ich gern gemacht hätte ...“, er fuchtelte mit einer deutlich frustriert aussehenden, weil leeren Spritze herum, „... und durch einen sogenannten Atemtest, den jeder in seiner Nähe unfreiwillig gemacht hat.“
„Blastest.“ Schröder kannte das. Ließ er schließlich immer mal wieder gern machen.
„Nee. Schnüffeln einfach. Überdies sah das eine Auge des Patienten in eine deutlich andere Richtung als das andere. Ohne längere Bettruhe sollte der eigentlich gar nichts mehr machen können. Geschweige denn einfach so verschwinden.“
Der Arzt ging um Schröder herum und inspizierte ihn genauer.
„Sie haben Übergewicht.“
Schröder schwieg.
„Deutliches Übergewicht. Wissen Sie, was da alles durch verursacht wird?“
Schröder schob Wohe in Richtung Ausgang.
„Mach dir nichts draus“, tröstete Wohe. „Dem ist doch nur der Patient entflohen und jetzt sucht er nach einer Ersatzbefriedigung. Immerhin wissen wir jetzt, dass es sich wirklich um Karl den Knecht gehandelt hat.“
„Wieso?“
„Weil ich sonst keinen kenne, der gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen sieht. Wahrscheinlich kann er sich deshalb auch nie auf eine Straßenseite einigen.“
„Gut möglich. Warum haben wir ihn eigentlich noch nicht dafür zahlen lasen?“
Wohe wusste es auch nicht. Nächstenliebe? Mitleid mit der geknechteten Kreatur?
„Nächstes Mal.“
Schröder überlegte sichtlich. „Was verdient eigentlich so ein Knecht?“
„Keine Ahnung. Wieso?“
„Vielleicht hat er ja einfach kein Geld für eine Brille und fährt deshalb immer mal hier, mal dort. Und wenn er kein Geld für eine Brille hat, hat er doch auch keins für ein Strafmandat.“
Derartige Sensibilität hatte Wohe seinem Mitarbeiter gar nicht zugetraut. Er war richtiggehend gerührt.
„Deshalb lassen wir ihn ja auch in Frieden.“
So ganz sensibel war der Mitarbeiter dann aber doch nicht. „Ich ging immer davon aus, dass du ihn nicht anhältst, weil du keine Lust hast, dich mit der Anzeige zu beschäftigen.“
Wohe warf einen bedeutungsvollen und sehr langen Blick auf Schröders Leibesmitte und stieg ins Auto.
„Fahr nach Derrens, zu Janke.“
Schröder schwieg und fuhr.
„Karl ist im Bauhaus“, sagte der Bauer. „Holt ne neue Mistforke.“
„Warum?“
„Zum Ausmisten.“
Klar eigentlich. Dennoch fragte Wohe nach: „Haben Sie denn keine? Ich denke, Karl mistet sozusagen dauernd aus.“
„Klar haben wir. Oder hatten. Irgendwie verschwinden die dauernd. Und jetzt auch noch Karls Lieblingsforke.“
Dass man ein Lieblingsessen hatte oder Lieblingskinder oder so, da war Wohe ja schon einsichtig. Aber eine Lieblingsmistforke?
„Womit ist er gefahren?“, wollte er wissen.
„Mit dem Fendt.“
„Äh?“
„Dem roten Schlepper. Damit fährt er immer.“
Den kannte Wohe. Alle kannten ihn, da genau dieser es war, der stets alle vorhandenen Fahrspuren belegte. Allerdings mit deutlicher Tendenz zur linken.
Wohe erklärte die Sache mit Karls Verschwinden aus dem Krankenhaus.
„Dann wird er ja wohl bald wiederkommen“, freute sich Bauer Janke. „Es wird Zeit zum Ausmisten.“
Sie fuhren zurück.
„Der hat Nerven“, sagte Wohe. „Sorgen um Knecht und Schlepper macht er sich jedenfalls nicht allzuviel.“
„Karl der Knecht hat schon öfters eine auf den Schädel erhalten“, sagte Schröder. „Der kann das ab.“
„Wie?“
„Naja, er rennt halt immer mal wieder irgendwo gegen. Wenn ein Auge nach links und das andere nach rechts schaut, kriegt er natürlich nie mit, was in der Mitte vor ihm los ist.“
Wohe stieg vor Holgersens Laden aus. „Schau beim Bauhaus nach, ob der da rumrennt. Und wenn nicht, frag die Rettungsdienstleute, wo sie Karl aufgelesen haben. Und was da los war. Und wo der verdammte Schlepper steckt. Und was vor dem Urknall war und so weiter.“
Schröder, der ebenfalls schon halb aus dem Wagen war, stieg hungrig und lustlos blickend wieder ein.
Wohe erinnerte dieser Blick an seinen Magen und so orderte er zu seinem Kaffee auch den dazugehörigen Kuchen.
Er sah aus dem Fenster, beobachtete den Verkehr (wie üblich), die vorübergehenden Fußgänger (dito) und kaute seelentröstend vor sich hin.
Dann rutschte er von seinem Hocker und verschwand hinter dem nächsten Regal.
Nach einiger Zeit gab eine Kinderstimme Entwarnung. „Sie geht vorbei.“
„Hallo Sanne“, sagte Wohe und beobachtete erleichtert, wie Frau Fech entschwebte.
„Susanne“, sagte Susanne und setzte sich auf Wohes Hocker.
Wohe sah traurig zu, wie die verbliebene Hälfte seines Kuchens dem juvenilen Wachstum zugute kam.
„Warum bist du nicht in der Schule“, fragte er.
„Weil erstens Ferien sind und ich zweitens noch krank bin.“
Sanne zeigte auf ihren geschienten Fuß.
„Müsste das nicht langsam wieder in Ordnung sein?“
„Müsste. Ist aber nicht.“ Sie schob den restlichen Kuchen ihrem hinzugekommenen Vater hin.
„Ist doch“, sagte Bretschneider. „Sie ist nur zu faul zum Laufen und pflegt ihr Wehwehchen wegen des Mitleidfaktors.“
Sanne zog den Kuchen wieder aus seiner Reichweite.
„Naja“, relativierte er. „So ganz ok ist der Knöchel wohl tatsächlich noch nicht.“
Der Kuchen wanderte wieder.
„Schmeckt gut, nicht wahr?“, fragte Sanne.
„Stimmt. Bienenstich mit Pudding.“ Bretschneider leckte sich den Rest von den Lippen. Nur ein bisschen wenig.“
Beide sahen Wohe an.
„Kauft euch selber welchen.“ Wohe konnte durchaus rigoros sein.
„Karl der Knecht ...“, sagte Sanne.
Wohe reagierte nicht.
„... ist wieder verschwunden. Sein Schlepper steht vorm Bauhaus und er ist weg.“
Wohe ging Kuchen holen.
„Herr Holgersen und Frau Fech erzählen ziemlichen Blödsinn“, resümierte Sanne.
„Ich würde es begrüßen, wenn du deine Wortwahl überdenken würdest“, warf ihr besorgter Vater ein. „Blödsinn ist kein freundlicher Begriff.“
„Aber ein Euphemismus, wenn man bedenkt, was übrig bleibt, wenn man die Wiederholungen und den gar zu augenscheinlichen Unsinn abzieht.“
Wohe unterbrach die Diskussion, bevor sie in den üblichen Disput über das korrekte kindliche Verhalten überging: „Karl der Knecht.“
„Herr Holgersen sagt, dass Bauer Janke sagt, dass Karl der Knecht im Bauhaus sein soll. Da ist er aber nicht und es hat ihn dort auch niemand gesehen. Weder bei den Mistforken noch an der Kasse. Nur sein Schlepper steht da rum. Im Übrigen meint Herr Holgersen noch, der Tote sei gar nicht Karl der Knecht, sondern sein Zwillingsbruder und der sei Mistforkensammler oder so. Und Frau Fech sagt erstens, dass Karl vielleicht ein Untoter sei und außerdem, dass Sammler schonmal einen Mord begehen, wenn sie die Sammelleidenschaft packt und Mistforken auch nichts anderes wären als zu groß geratene Briefmarken“, erklärte Sanne. „Ist aber Quatsch, so wie die Dinger immer stinken.“
„Wer sagt das mit dem Bauhaus?“
„Wir. Wir waren da, um den Sachverhalt zu überprüfen“, sagte Sanne.
Ihr Vater kaute bestätigend: „Allerdings haben die Rettungssanitäter gesagt, dass sie Karl den Knecht auf der Straße von Derrens her aufgegriffen haben.“
„Man spricht nicht mit vollem Mund“, belehrte ihn seine Tochter.
„Das gilt auch für dich.“
„Ich darf das. Ich bin noch ein Kind und bezüglich der Umgangsformen noch in der Entwicklung begriffen. Überdies isst du mir den Kuchen weg, wenn ich eine Essenspause einlege.“
„Tu ich nicht.“
„Tust du doch.“
„Wann habe ich das jemals getan?“
„Eben gerade.“ Sie zeigte auf den Rest ihres Kuchens, der auf dem Weg in Bretschneiders Mund war.
Wohe holte Nachschub.
„Die Rettungssanitäter?“
 „Waren hier“, sagte Bretschneider. „Zum Kuchenessen.“
Warum verlegte Wohe sein Revier nicht einfach in Holgersens Laden? Das würde den Steuerzahler sicherlich viel Geld sparen. „Wo sind die jetzt?“
„Mussten weg. Nen Infarkt abholen oder so. Das wussten sie noch nicht so genau. Aber Karl den Knecht haben sie mitten auf der Straße gefunden. Bewusstlos auf dem Bauch liegend mit fest umklammerter Mistforke. Vielleicht hat die ja doch nen hohen Sammlerwert.“ Bretschneider kicherte vor sich hin.
„Komisch“, sagte Wohe.
„Nicht wahr?“, frage Sanne. „Da überlegt doch der Inspektor ...“
„Inspektor gibt's kan.“
„... was der Schlepper am Baumarkt macht, wenn sein Fahrer gleichzeitig 5 km entfernt herumläuft. Vielleicht gibt's ja doch einen Zwilling.“
„Oh, nee. Fang du nicht auch noch damit an.“
„Immerhin ist Karl der Knecht jetzt wenigstens nicht mehr tot. Das ist doch schonmal ein Fortschritt.“
„Stimmt“, fiel auch Wohe auf. „Erst tot, dann nochmal tot, dann bewusstlos und jetzt gut genug drauf, um wegzulaufen.
Nur: was sagt uns das? Normalerweise ist die Reihenfolge doch eher umgekehrt. Und zugleich kann er ja wohl nicht sein.“
„Kann er doch. Denk an Schrödingers Katze.“
Schrödinger. Im ganzen Ort gab es keinen Schrödinger. In Derrens vielleicht?
Anscheinend sah Sanne ihm seine Erkenntnisferne an: „Schrödinger war ein Physiker, der mit dem Gedankenspiel, dass seine Katze aus quantenmechanischer Sicht sowohl lebendig als tot sein kann, eine Quanteneigenschaft auf makroskopische Objekte übertrug. War nur ein Gedankenspiel. Klappt natürlich in Wirklichkeit nicht.“
Wohe beschoss, auf die Erläuterung des „natürlich“ zu verzichten. Vielleicht wusste Schröder ja, was dieser Schrödinger gemeint hatte. Bei der Namensähnlichkeit.
„Und vergiss nicht die These von Frau Fech“, warf Bretschneider ein.
„Welche?“
„Die mit den Zombies.“
„Haha.“
„Da lach mal nicht drüber. Immerhin haben die Leute jahrhundertelang irgendwelchen suspekten Leichen Holzpflöcke ins Herz gestoßen, damit sie auch wirklich tot sind.“
„Das war nicht wegen der Zombies, sondern wegen der Vampire.“
„Beide sind tot. Insofern sind Vampire wahrscheinlich eine Untermenge der Zombies.“
„Sind sie nicht“, sagte Sanne. „Beide sind tot, aber unterschiedliche Spezies. Vampire ernähren sich von Blut und Zombies gar nicht. Sie existieren einfach nur so in den verschiedensten Stadien der Verwesung.“
Diskussionen mit der Bretschneider-Sippe waren legendär. Die Exkursionen in entfernteste Themengalaxien waren so sicher wie das Amen in der Kirche.
Verwunderlich nur, dass Bretschneider die feinen Unterschiede zwischen Vampiren und Zombies nicht kannte.
Sanne erklärte: „Er guckt solche Filme immer nur ansatzweise, weil er sonst nicht richtig schlafen kann. Da bleiben ihm alle diese Feinheiten natürlich verborgen.“
„Und du siehst sie?“
„Klar. Warum nicht?“
„Klar doch. Mit 7. Warum eigentlich nicht.“
„Sie erzählt mal wieder Unsinn“, grinste Bretschneider etwas schief. „Ich schlafe immer vorzüglich und sehe mir sowas nur nicht an, weil es zu doof ist.“
„Und warum guckst du dann jedes Mal hinterher unter dein Bett? Nicht zufällig wegen der Zombies und Vampire?“
 „Quatsch. Wenn ich mal unters Bett schaue, dann, um irgendwas zu suchen oder so.“
„Ja. Zombies.“
Bretschneider zog den Kuchenrest in seine Richtung.
„Es war ein Scherz. Er hat keine Angst von Zombies.“
Der Kuchen kehrte zurück.
Wohe wusste: Bretschneider bestand aus 120kg hauptsächlicher Muskelmasse. Da würde jeder einigermaßen vernünftige Zombie wohl eher das Weite suchen.
Er floh endgültig.
„Die Rettungssanitäter sind unterwegs und Karl der Knecht war nicht im Bauhaus, aber sein Schlepper steht trotzdem da rum“, verkündete Schröder.
„Danke“, sagte Wohe. „Kennst du Schrödingers Katze?“
„Nee. Ich kenne nicht mal einen Schrödinger. Wo? Hier in Schönebostel?“
„Vergiss es. Weißt du, was eine Quanteneigenschaft ist?“
Schröder runzelte seine Stirn: „Sanne, stimmt's?“
„Ja.“
Wohe holte sein Buch vor und Schröder sein Handy.
„Die Tasten sind jetzt lautlos“, verkündete er stolz.
„Wie hast du das gemacht?“
„Meine Frau.“
„Eine kluge Frau.“
Endlich Ruhe.
... ...

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Aneurysm
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BeitragVerfasst am: 02.03.2016 20:45    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Wohe,
mir gefällt die Geschichte immer noch, auch wenn die Nicht-Anwesenheit von Karl, dem Knecht an vermeintlichen Tatorten und in Krankenhäusern mittlerweile ziemlich vorhersehbar ist. Die Dialoge sind authentisch, gut gelungen und bleiben auch interessant, wenn es um scheinbar alltägliche und uninteressante Dinge geht, wie es im Gespräch mit Susanne und ihrem Vater der Fall ist. Es fällt durchaus auf, das die Ausdrucksweise von Susanne gewollt ist. Hast du eigentlich vor, die ganze Geschichte hier zu veröffentlichen?
Liebe Grüße
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Oktoberkatze
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Beiträge: 324

Ei 1 Ei 9


BeitragVerfasst am: 30.03.2016 21:49    Titel: Re: 2. Fortsetzung Karl der Knecht Antworten mit Zitat

Hallo wohe,

das Chaos geht ja munter weiter bei dir Laughing

wohe hat Folgendes geschrieben:
„Wieso?“, fragte Wohe. „Was hat er denn?“
„Da ich ihn ja noch nicht richtig untersuchen konnte, kann ich nur vermuten, aber der sah aus wie ein typischer Fall von möglicher cerebellärer Ataxie, wohl verursacht durch eine ausgeprägte Commotio cerebri infolge SHT als Folge eines wahrscheinlichen C2H5OH-Abusus oder gar Äthylismus.“
Schröder sah Wohe an, Wohe den Arzt: „Bitte?“
„Mir schien es wie eine Gehirnerschütterung, verursacht durch wahrscheinlich übermäßigen Alkoholgenuss.“
„Wieso wird das Gehirn durch Alkohol erschüttert? Auf Deutsch bitte.“

Diese Stelle hat mir besonder gut gefallen Sich kaputt lachen

Zitat:
„Indem der Konsument sich, umgangssprachlich, wegen seinen Suffs auf die Schnauze legt.

Das müsste wohl wegen seines Suffs heißen Wink

Die Einführung von Sanne funktioniert für mich gut, bei ihrem Vater bin ich bis zuletzt nicht ganz sicher, in welchem Verhältnis er zu Wohe steht. Ist es sein Chef? Ich vermute es mal, aber ein klärender Hinweis wäre auch nicht schlecht. Dass die Tochter so in den Fall einbezogen wird, ist sicher nicht üblich, aber was ist in deinem Text schon üblich, passt daher also auch Daumen hoch

Zitat:
„Klar doch. Mit 7. Warum eigentlich nicht.“

Das Alter solltest du ausschreiben, ist bei Zahlen bis Zwölf so üblich. Bin schon gespannt auf die Erklärung, wieso Sanne in ihrem zarten Alter derart gebildet ist Laughing
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