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Mein Einstand: Prolog eines unveröffentlichten Romans


 

 
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V.K.B.
Geschlecht:männlichNebelpreisträger

Alter: 46
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Wohnort: Diaspora
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 04.01.2016 02:55    Titel: Mein Einstand: Prolog eines unveröffentlichten Romans eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Hi,
als Sinn eines Einstands sehe ich, dass man etwas vorstellt, was man bereits früher geschrieben und (erstmal) abgeschlossen hat, um kurz seinen Schreibstil zu demonstrieren, um sich vorzustellen. Das ja Pflicht hier um in der Werkstatt mitmachen zu dürfen, wo es um aktuelle Projekte geht (so sehe ich das jedenfalls). Als Erstes möchte ich den Prolog meines einige Jahre nach dem Studiums geschriebenen dystopischen Romans "Ad Noctem" vorstellen, dieser ist noch in alter Rechtschreibung geschrieben, da ich mich lange geweigert habe, die neuen Regeln anzunehmen.

Viel Spaß beim Lesen!

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Prolog: Dies Ater

Es gibt eine Theorie, die besagt, daß die Genialität eines literarischen Werkes im ersten Satz zu finden sein muß. Schließlich stellt der erste Satz den ersten Kontakt zum Leser her, und sollte es dem Schreiber nicht gelingen, ein gewisses Interesse zu wecken, läuft die Geschichte Gefahr, in der Vergessenheit zu verschwinden, bevor sie überhaupt erfaßt wurde. Andere Stimmen halten dagegen, der letzte Satz sei entscheidend, schließlich beendet er die Geschichte und löscht damit eine ganze Welt aus, die von nun an im Status Quo eingefroren bleibt, die sich nicht weiter bewegt und nun langsam in die Dunkelheit driftet, sollte es der Geschichte nicht gelungen sein, Widerhaken irgendwo ins Gedächtnis des Lesers zu rammen, um sich zu verankern und bestehen zu lassen. Der letzte Satz einer Erzählung ist die letzte Gelegenheit, dies zu bewerkstelligen. Und er ist noch mehr als das, er ist das Todesurteil einer ganzen Welt, das in genau diesem Moment vollstreckt wird, so daß nur ein Gedanke übrigbleibt, der zu einer Erinnerung wird, dann zu einer vagen Erinnerung und schließlich verlischt, und damit eine Welt der Vergessenheit ausliefert. Schließlich hat die Welt in der Erzählung niemals wirklich existiert, sie war nur ein Konstrukt, das Autor und Leser gemeinsam erschufen, wie auch die Personen darin, wie real sie auch immer erscheinen mögen, nichts weiter als Tagträume sind, die ihrer Existenz beraubt werden, sobald der Traum endet und die Zeit weiterläuft. Wie aber entsteht eine solche Welt? Am Anfang ist das Wort, davor ein Gedanke, davor eine vage Vorstellung, erste Worte verbinden sich zum ersten Satz, die Bühne wird zum ersten Akt aufgebaut, und eine Welt beginnt zu existieren. Sie schiebt sich langsam ins Bewußtsein, Formen und Schatten nehmen Gestalt an, beginnen sich zu bewegen und zu agieren, langsam werden sie materieller, Dunst und Nebel verdichten sich und kristallisieren zu Materie, um am Ende einfach wieder zu verpuffen und in der Dunkelheit zu verschwinden.
Mit dem Leben eines Menschen verhält es sich genauso.

In dieser Erzählung ist der Dunst grün und der Nebel gelb, Partikel umschwirren einander, bilden Strudel, Kreisel und andere drehsymmetrische Formen, wie Farbreste eines in einem Wasserglas ausgespülten Pinsels. Die Temperaturen sind lebensfeindlich, die Geräuschkulisse ein unerträgliches Heulen, Pfeifen und Donnern, das dennoch von keinem Ohr wahrgenommen wird, denn nichts organisches kann dort draußen existieren. Eine neue Farbe kommt hinzu, der Farbton einer silberglänzenden Metallackierung, aufgetragen auf einer pfeilartigen Form, die sich mühsam durch das gelb-grüne Chaos der Elemente kämpft. Die Sichtweite beträgt nur wenige Meter, dennoch ist die Geschwindigkeit des Flugkörpers beachtlich, sie übersteigt nicht nur die Geschwindigkeit des Sturmes, sondern auch die seiner Geräuschkulisse, um ein vielfaches sogar. Zwei Streifen aus blauem Feuer folgen dem Flugkörper, ihr Licht und ihre Hitze durchdringen ihre Umgebung, dennoch werden sie nicht wahrgenommen, denn nichts ist da draußen, das sie visuell erfassen könnte. Auch der Sturm entzieht sich jeglicher Wahrnehmung, denn es gibt keine Fenster in dem Flugkörper, nicht einmal im Cockpit, es gibt lediglich die Radar- und Echolotabtastung der Umgebung, an deren zweidimensional dargestellter Form die beiden Piloten, ein Mann und eine Frau, sich orientieren müssen. Die meiste Zeit allerdings befinden sie sich woanders, der Bordcomputer hält den Flugkörper auf seiner geradlinigen Bahn und übernimmt eventuelle Ausweichmanöver, sollte es einmal nötig sein, denn so schnell und präzise muß eine Kurskorrektur durchgeführt werden, daß kein menschliches Wesen dazu in der Lage sein könnte, ganz egal, nach wieviel Jahrzehnten Training oder Berufserfahrung. Ihre Körper wirken leblos, entspannt liegen sie in den bequemen Kunststoffsitzen, zwei Schläuche versorgen sie mit Sauerstoff und ein zu einer Konsole führender Kabelstrang trägt ihr Bewußtsein fort zu einer schöneren, lebensfreundlicheren Umgebung, dennoch nur die Illusion einer toten Vergangenheit, Millionen Kilometer und Jahrhunderte vom Cockpit und der Gegenwart entfernt.
Sie sitzen sich gegenüber, jeder in einer Ecke der rot-blau karierten Wolldecke, in der Mitte steht ein geflochtener, brauner Bastkorb. Die Wiese erstreckt sich so weit das Auge reicht, nach allen Seiten hin fällt die Landschaft ab, im Süden die Begrenzung einer Bergkette, allerdings Kilometer entfernt, im Norden die See, ein blauer, leuchtender Ozean, das Wasser kristallklar. Hin und wieder schiebt sich eine dunkle Masse aus dem Wasser und sprüht eine Fontaine mehrere Meter in die Luft, begleitet von einem seltsamen Geräusch, das fast melodisch klingt, wie eine befremdliche Art von Musik. Ein Vogelschwarm zieht über die Wiese, bunte, surreale Farben tanzen vor einem strahlend blauen Himmel, es ist still genug, um jeden einzelnen der Flügelschläge zu hören. Der Mann greift in den Korb und zieht einen zylinderartigen Behälter hinaus, er schraubt langsam den Deckel ab und gießt sich einen weiteren Becher Kaffee ein.
„Möchten Sie auch noch einen?“

Die Frau schüttelte den Kopf, das Gesicht zu einem überheblichen Lächeln verzogen. Seit zwei Stunden schon mußte sie diesen Kitsch ertragen, und langsam erschien es ihr unerträglich. Hätte sie sich auf das Programm eingelassen, hätte vielleicht auch sie Gefallen an der Umgebung gefunden, doch zu fern und unerreichbar war dieses armselige Paradies, zu weit weg von der Realität und vor allem zu friedlich, als daß sie irgend etwas für sich hätte herausziehen können. Ihrem Kollegen schien das Picknick zu gefallen, und ein weiteres Mal verfluchte sie ihre Risikobereitschaft, als sie auf die Glasscheibe getreten war. Doch zu verlockend war dieser Raketenwerfer gewesen, nur wenige Meter von ihr entfernt, ein schneller gnadenloser Sieg vor Augen, doch als sie auf das riesige Fenster getreten war, das sich gerade am Boden des rotierenden Raumes befand, hatte ihr Kollege, der sich mit einer Hand an einem an der Decke stehenden Stuhl festhielt, einfach auf sie angelegt und abgedrückt. Obwohl er nur einen mickerigen Revolver hatte, war die Wirkung verheerend gewesen, trotz ihrer noch zu 95% gefüllten Energieleiste. Der Treffer hatte ihr gerade mal 12% geraubt, als sie den Raketenwerfer zu fassen bekam und in seine Richtung hielt. Doch sein zweiter Schuß hatte sie verfehlt und den Boden getroffen, ein Riß begann sich durch das Glaspanel zu ziehen und breitete sich spinnennetzartig aus, sie starrte auf den Boden und wollte sich mit einem Sprung retten, doch das Glas gab bereits nach, als sie sich abstoßen wollte. Mit Tausenden von Splittern und einem frustrierten Schrei stürzte sie in die Dunkelheit. Sudden Death, und das mußte gerade ihr passieren, aus dem Spiel geworfen wie eine blutige Anfängerin! Doch er hatte gewonnen, also wurde sein Programm geladen, deshalb saß sie jetzt auf diesem dämlichen, friedlichen Hügel und sah diesen kitschigen, wasserspuckenden Riesenfischen zu, anstatt hoch über der Großstadt zu schweben und sich mit ihrem Kollegen im Nahkampf zu messen.
Doch ihre Qual hatte ein Ende, noch bevor er den Becher geleert hatte. Die Bewegungen in der Umgebung hielten abrupt an, die Wolken am Himmel verschwanden und wichen einem einzigen Hellblauton. Eine darübergelegte weiße Schrift verkündete „Programm unterbrochen“. Dann war die den Piloten wohlbekannte, charismatische weibliche Stimme zu hören:
„Sehr verehrte Piloten, hier spricht ihr Bordcomputer. Wir werden in wenigen Minuten Neo-Vatikanstadt erreichen und Sie müssen den Landeanflug übernehmen. Bitte beenden Sie die Simulation und kehren Sie in ihre Körper zurück. Vielen Dank, daß Sie sich für ein Computersystem der Firma Microsoft entschieden haben!“

Jeanne wollte aufstehen, doch die schweren Ketten hielten sie fest.
„Du trägst also wieder Männerkleidung!“, herrschte der Bischof sie an, „Haben dir deine Stimmen das befohlen?“
Ein spöttisches Lächeln lag auf seinem Gesicht, und sie hatte Schwierigkeiten, ihren geliebten Ryan hinter der Fratze religiöser Heuchelei zu erkennen.
„Macht dir das eigentlich Spaß?“, fragte sie, etwas unsicher.
Couchons Selbstsicherheit fiel in sich zusammen.
„Nein, so geht das nicht“, verbesserte er sie, „jetzt kommt die Stelle, wo du sagen mußt, daß du nur aus Angst vor dem Feuer abgeschworen hast und dann...“
Sie schüttelte den Kopf, Tränen in den Augen.
„Laß uns diesen Unsinn beenden, Ryan! Daß Männer auch immer gleich übertreiben müssen! Du machst mir wirklich Angst, weißt du das?“
Ein Gefühl der Unsicherheit verirrte sich in Couchons Antlitz, ebenso wie der Anflug eines schlechten Gewissens.
„Ich spiele doch nur meine Rolle“, rechtfertigte Ryan sich.
„Aber du machst das verdammt gut! Du kommst mir vor, als wolltest du mich wirklich hinrichten lassen. So hab ich mir das nicht vorgestellt!“
Der Ausdruck des schlechten Gewissens verstärkte sich.
„Aber du wolltest doch Jeanne Dark spielen, das war deine Idee! Du hast das Programm ausgesucht!“
Sie zerrte an den Ketten.
Der englische Wachsoldat, der neben dem Bischof stand, starrte diesen verwundert an, doch Couchon griff ohne ein Wort zu sagen nach dessen Schlüsselbund und machte sich an den Ketten zu schaffen.
„Aber Mullah, Ihr könnt die Hexe doch nicht freilassen!“, protestierte der Wächter grunzend.
Couchon hob seine Maschinenpistole, zielte auf den Soldaten und drückte ab. Eine Geschoßsalve schlug durch die Rüstung, grüne Ersatzflüssigkeit spritzte auf den Boden, der Soldat wurde durch den Raum geschleudert, prallte gegen die Wand, blinkte dreimal auf und verschwand.
„Und ob ich kann!“, grinste der Bischof.
Er schloß die Ketten auf und half ihr auf die Beine.
„Tut mir wirklich leid, Janice, laß uns bitte nicht streiten, ja? Jeanne Dark war deine Idee...“
„Aber ich dachte an die Schlachten, an die Belagerungen, die Lightweaver-Duelle, nicht an Gefangenschaft und Martyrium! Du weißt, wie ich es hasse, eingesperrt zu sein. Ich brauche meine Freiheit!“
„Besonders in einem Flugzeug!“, fügte sie noch hinzu, jetzt mit schwankender Stimme und am ganzen Körper zitternd.
„Es gab im Hundertjährigen Krieg noch keine Lightweaver, man hat mit antiken Projektilwaffen geschossen“, belehrte Ryan seine Freundin und deutete auf die Uzi, nicht ohne den Hintergedanken, vom Thema abzulenken.
„Laß uns jetzt hinausgehen und all diese grünhäutigen, schweinsnasigen Monster abknallen“, forderte sie trotzig, „Ich will meine Rache dafür, was diese Engländer mir angetan haben!“
„Okay“, stimmte er zu, „wir gehen jetzt Hand in Hand nach unten und schlachten Engländer!“
Er legte ihr seinen Arm um den Hals.
„Was waren diese Engländer überhaupt für eine Spezies?“, fragte sie ihn, „Außerirdische Invasoren?“
Er überlegte kurz.
„Nein, ich glaube, es waren genetisch modifizierte Soldaten, man hat damals auf der Erde viel damit rumexperimentiert...“
„Schrecklich“, sagte sie, „was für Barbaren unsere Vorfahren doch waren!“
Sie lud die Waffe durch, die der Bischof ihr gereicht hatte.
Hand in Hand gingen sie durch die Straßen Rouens und entvölkerten die Stadt. Plötzlich hielt das Programm an, und nicht nur Jeanne hörte die Stimme vom Himmel, die diesmal allerdings keinem Heiligen gehörte:
„Sehr verehrte Fluggäste, hier spricht Adam Crowne, einer ihrer Piloten. Wir werden in wenigen Minuten in Neo-Vatikanstadt landen, um weiteren Treibstoff an Bord zu nehmen. Die Simulationsprogramme werden beendet und heruntergefahren, falls Sie ihren Spielstand speichern möchten, können Sie das jetzt noch tun. Während des halbstündigen Aufenthaltes können sie sich frei im Flugzeug bewegen oder sich sogar draußen die Beine vertreten. Wir raten Ihnen allerdings, aufgrund der harten Gesetze in Neo-Vatikanstadt den neutralen Boden nicht zu verlassen, anderenfalls kann die Fluggesellschaft nicht für ihre Sicherheit garantieren. Ihre Fixiergurte werden sich automatisch lösen, sobald wir gelandet sind und das Flugzeug zum Stillstand gekommen ist. Vielen Dank, daß sie sich für die Reise mit TransCol entschieden haben.“

Janice entschied sich, das alberne Massaker nicht weiterzuspielen, sie würde den Aufenthalt nutzen, um ein neues Simulatorprogramm für den Weiterflug zu kaufen, irgendeinen kitschigen Liebesroman, das brauchte sie jetzt. Irgendwas ohne Engländer, und vor allem ohne Gefängnisse. Sie beendete das Programm. Sekunden später tat es ihr leid, sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her und zerrte an den Gurten. Ryan sah sie mitleidig an, er hätte gerne einen Arm um sie gelegt, wie er es immer tat, wenn sie sich unwohl fühlte, doch auch er würde warten müssen, bis das Flugzeug gelandet war. Sein Blick alleine half nicht.
Janice Medea Hilmer, reiß dich zusammen!, dachte sie, das alles ist nur zu deiner Sicherheit!
Sie verfluchte ein weiteres mal den Tag, als diese verdammten Separatisten wohl scheinbar ein  Geschichtsbuch der alten Erde in die Hände bekommen hatten. Jedenfalls hatten sie gelernt, wie einfach man Passagierflugzeuge als Bomben mißbrauchen konnte, und das alles nur, weil sie glaubten, die Außenposten auf der Venus bräuchten eine eigene Regierung, die von der Zentralregierung auf dem Mars unabhängig war. Seitdem verstanden die Fluggesellschaften keinen Spaß mehr, und das Fliegen war noch unangenehmer geworden. Sie hatte es vorher schon gehaßt, als man „nur“ in diesem kleinen Transportmittel eingesperrt war, doch seitdem Arme, Beine und Körper vor dem Start fest mit Gurten an den Sitzen befestigt wurden, so daß den Passagieren kaum noch Bewegungsfreiheit blieb, war das Fliegen für sie unerträglich geworden. Aber es dachte wohl niemand an Klaustrophobie oder ähnliches, es war den Fluggesellschaften eben wichtiger, nicht weitere Maschinen an politische Fanatiker zu verlieren. Leider gab es keine Alternative, der Luftweg war die einzige Möglichkeit, von einer Kuppelstadt zu einer anderen zu gelangen, denn nur die speziell beschichteten Flugzeuge waren in der Lage, dem Inferno außerhalb der Energiekuppeln zu widerstehen. Ihr einziger Trost war, daß es die Simulatoren gab, daß ihr Bewußtsein kurz nach dem Start ihrem an einen Sitz geschnallten Körper entfliehen konnte, doch auch die beste und realistischste Simulation konnte oftmals nicht verhindern, daß sie sich irgendwann daran erinnerte, wo sie sich eigentlich befand. Vor einem Flug schloß sie sich oft im Bad ein und weinte oder mußte sich gar übergeben, doch es gab keine andere Möglichkeit, sie mußte da durch, keine Geschäftsfrau wäre auf der Venus etwas geworden, wenn sie nicht bereit war, von einer Stadt in eine andere zu fliegen. Dennoch gab es Dinge, an die man sich nie gewöhnte.

-----------------------------------------------------------------

Da der Roman relativ zeitlos ist, werde ich ihn mir später noch einmal vornehmen und vielleicht veröffentlichen, doch im Moment gibt es Projekte, die mir mehr am Herzen liegen und die ich in der Werkstatt besprechen möchte. Dies soll jetzt aber niemanden davon abhalten, mir Verbesserungsvorschläge mitzuteilen.

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Christof Lais Sperl
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Alter: 58
Beiträge: 426
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Der silberne Roboter


BeitragVerfasst am: 04.01.2016 08:53    Titel: schnelle Idee Antworten mit Zitat

Erst mal überflogen. Was mich störte: eine Geschichte erfassen? Und:
Widerhaken irgendwo ins Gedächtnis des Lesers Widerhaken zu rammen
wäre vielleicht schöner. Ungewönlich, die Arbeit mit dem Leseprozeß zu beginnen, aber schön.
LG, CLS


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Lais
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DieGunkel
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BeitragVerfasst am: 04.01.2016 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo V.K.B.,
ob nun angeblich der erste oder der letzte Satz ausschlaggebend für das Gelingen einen Geschichte Ausschlag gebend sein soll - nach dem ersten Abschnitt hast du mich abgehängt...
Außerdem ist es mit neu, dass man im Einstand etwas "Altes" einstellen soll, besonders wenn sich dein Schreibstil mittlerweile geändert hat.
Also her mit was Aktuellem.
Lg
Gunkel
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Leveret Pale
Geschlecht:männlichAutor

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Beiträge: 758
Wohnort: Jenseits der Berge des Wahnsinns


BeitragVerfasst am: 04.01.2016 16:26    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde den Text, vor allem am Anfang, genial, aber es ist zu viel auf einmal und ich hab gerade wenig Zeit, aber ich meld mich später wieder mit einer ausführlichen Kritik.
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V.K.B.
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Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
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BeitragVerfasst am: 04.01.2016 19:34    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

DieGunkel hat Folgendes geschrieben:

Außerdem ist es mit neu, dass man im Einstand etwas "Altes" einstellen soll, besonders wenn sich dein Schreibstil mittlerweile geändert hat.
Also her mit was Aktuellem.
Lg
Gunkel


Ich denke nicht, dass sich mein Schreibstil grundliegend geändert hat, ich passe ihn nur immer dem an, was ich schreibe. Und ich finde es nicht falsch, etwas Älteres zu nehmen, denn das heißt ja nicht, dass mir dieser Roman nicht heute noch etwas bedeuten würde. Ich denke sogar, er gehört zum Besten, was ich je geschrieben habe. Ich halte ihn nur aus rechtlichen Gründen leider für nicht veröffentlichbar, das ist alles.

Etwas Aktuelles kommt, keine Sorge, gleich nächste Woche! Ich wusste nicht, dass man nur ein Werk pro Woche einstellen kann, sonst hätte ich gleich mit dem Prolog meines aktuellen Romanzyklus' begonnen.

@CLS: Danke für die Hinweise. Jo, Widerhaken passt wirklich besser nach hinten, klingt flüssiger. Andererseits, am Anfang des Nebensatzes gibt es dem Wort mehr Bedeutung. Hmm, bin mir nicht sicher.

Zu Geschichte erfassen: gemeint ist mental erfassen, also wahrnehmen, als Geschichte erkennen und langsam im Kopf entstehen zu lassen. Entstehung von subjektiver Realität in der Wahrnehmung ist ein zentrales Thema des Romans, eine leichte kognitive Dissonanz ist hier gewollt.

@Leveret Pale: Freut mich, dass es dir gefallen hat! Aber "genial" würde ich mich nicht nennen, dann wäre ich nicht hier in meinem warmen Zimmer am PC sondern würde im eisigen Stockholm den Nobelpreis entgegennehmen Laughing
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Jack Burns
Geschlecht:männlichDichter und Denker

Alter: 49
Beiträge: 1554



BeitragVerfasst am: 05.01.2016 02:19    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo VKB

Die Betrachtung über das Schreiben fand ich nicht so ansprechend, bin schnell zur Story gehüpft.
Und die finde ich bisher richtig gut. Kreativ, spannend und ordentlich geschrieben. Ein Lektorat würde das Werk abrunden, falls an spätere Veröffentlichung gedacht wird. Einige Formulierungen könnten mehr Schwung vertragen, andere gefallen mir sehr gut.

Gruß
Jack


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Monster.
How should I feel?
Creatures lie here, looking through the windows.
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V.K.B.
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Beiträge: 2098
Wohnort: Diaspora
Das bronzene Niemandsland Die lange Johanne in Silber
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BeitragVerfasst am: 05.01.2016 05:51    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

Jack Burns hat Folgendes geschrieben:
Hallo VKB

Die Betrachtung über das Schreiben fand ich nicht so ansprechend, bin schnell zur Story gehüpft.
Und die finde ich bisher richtig gut
Gruß
Jack


Freut mich, dass die Story gefällt!

Aber der Anfang ist nicht nur einfach eine Betrachtung über das Schreiben (und das Lesen), der entscheidende Satz steht am Ende des ersten Absatzes.

Erklärung:
"Mit dem Leben eines Menschen verhält es sich genauso" ==> Die sich entwickelnde Geschichte (im Allgemeinen) ist eine Metapher für menschliche Existenz, die mit Bildern, Tönen und vagen Vorstellungen beginnt (bevor die richtige Intelligenz sich entwickelt), realer und klarer wird (Erwachsenwerden) und am Ende wieder im Nichts verpufft (Tod). Welche Widerhaken rammen unsere Geschichten (=Leben) in die Erinnerung des Lesers (=der Menschheitsgeschichte), was hinterlassen wir, wenn unsere Geschichte zuende erzählt ist (=wir gestorben sind). Was in unserem Leben war Realität, was war Tagtraum oder Einbildung? Was entscheidet über die Bedeutung unseres Lebens (=die Genialität eines Werkes), dass wir überhaupt auf der Welt waren (=der erste Satz) oder was wir am Ende unseres Lebens erreicht haben (=der letzte Satz)?

Die Betrachtung von Geschichten in der Einleitung stellt damit die zentralen Themen des Romans vor (in Chiffre-Form, die man womöglich erst beim zweiten Lesen des Romans versteht) und fungiert auch als Foreshadowing für die Handlung und das Ende.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass der Roman vor dem Prolog mit folgendem Zitat von Poe beginnt: Take this kiss upon the brow / And, in parting from you now, / Thus much let me avow- / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream; / Yet if hope has flown away / In a night, or in a day, / In a vision, or in none, / Is it therefore the less gone?
Gruß, VKB


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Imaginatio
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Beiträge: 66



BeitragVerfasst am: 05.01.2016 18:01    Titel: Antworten mit Zitat

Deine Idee finde ich richtig gut, aber die Umsetzung ist nicht so gut gelungen.
Die Metapher ist sehr undeutlich, aber genau hier bist Du auf das Verständnis und die Aufmerksamkeit der Leser angewiesen.
Du willst mit dem gewünschten Effekt aus Deinem Spoiler überraschen, und könntest damit auch bereits im Vorwort, mit viel Tiefgang überzeugen.
 
Leider gibt es aber gar keinen Bezug in der Metapher, der Leser ist mit der Erklärung, der angekündigten Theorie beschäftigt, aber nicht mit dem Leben.
Am Ende der Theorie, wird dann einfach der Satz "Mit dem Leben eines Menschen verhält es sich genauso" eingeschoben.
Da wolltest Du selbst wohl nochmal sicher gehen, reicht aber nicht aus, jetzt muss man erst recht grübeln, was die Theorie von zuvor überhaupt damit zutun haben soll.
 
Die Metapher scheitert deshalb, weil das Leben nicht veranschaulicht wurde, dadurch können Leser Deine Absichten auch schlecht im Text entschlüsseln.
Und wenn sie nicht sinnbildlich, mit übertragenen Ausdrücken aus dem Alltag vertraut sind, wird es schwierig, Dein Ziel mit einer solchen Metapher zu erreichen.
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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 05.01.2016 18:52    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Imaginatio: Mir ist klar, dass wohl kaum ein Leser diese zweite Bedeutungsebene beim ersten Lesen bemerkt, weil er, wie du richtig erkannt hast, keinen solchen Bezug herstellen kann. Wenn er den Roman aber gelesen hat, die ganze Story und das Ende kennt, und dann ein zweites Mal liest, wird diese zweite Ebene deutlich. Sie zieht sich durch den ganzen Roman, meist im Hintergrund verborgen, und der Leser kann vielleicht erahnen, dass es für einige Sequenzen (über die man beim ersten Mal etwas ratlos hinwegliest) eine zweite Bedeutungsebene geben könnte. Der Roman soll darauf ausgelegt sein, dass man beim zweiten Lesen vieles ganz anders versteht als beim ersten Mal.

Da ich hier nur den Prolog eingestellt habe, wollte ich nur darauf hinweisen, dass es diese verborgene zweite Ebene auch noch gibt, deshalb auch im Spoilerkasten, weil sich diese Ebene einem nur erschließt, wenn man die Geschichte und das Ende kennt.


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Muskat
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Beiträge: 341



BeitragVerfasst am: 06.01.2016 18:23    Titel: Dies Ater Antworten mit Zitat

Hallo VKB,

die Idee und dein Stil gefallen mir gut. Was mir nicht gefällt, ist das Vorwort.
Es klingt, als erkläre es mir das, was ich eh weiß. Das Leben ist eine Geschichte oder das Zusammenspiel vieler Geschichten. Ich finde, das braucht es nicht.

Die Geschichte aber gefällt mir, die läse ich gerne. Wie wäre es, wenn du sie so enden lässt, dass die zweite Ebene im Schluss erkennbar ist? Auf die Weise musst du auch nicht hoffen, dass die Geschichte von jedem ein zweites Mal gelesen werden muss.

Liebe Grüße

Muskat
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Eliane
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Beiträge: 702



BeitragVerfasst am: 06.01.2016 21:42    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo VKB,

so, jetzt finde ich endlich genug Ruhe, auch eine Rezension für Deinen Text zu schreiben.

Zuerst mal: Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich "drin" war. Das lag v.a. daran, dass Du oft sehr lange und verschachtelte Sätze machst, die mich dann aber, nachdem ich mich eingelesen hatte, nicht mehr gestört haben. Ab und zu täte ihne aber vielleicht trotzdem eine Trennung gut Wink

Den ersten Abschnitt finde ich anspruchsvoll, was bitte nicht negativ zu verstehen ist, aber man muss sich sehr konzentrieren, um mitzukommen. Rein optisch fände ich ihn einfacher zu lesen, wenn Du zwischen den Sätzen den einen oder anderen inhaltlich passenden Absatz einschieben würdest. Dass Du erst im letzten Satz auf die zweite Bedeutungsebene schwenkst, empfinde ich tatsächlich als Stärke - ich mag es, wenn der Autor einen erst mal auf eine Fährte führt und dann dem ganzen Gedankenfluss mit einem einzigen Satz eine andere Richtung gibt.

Was ich auf jeden Fall machen würde: Den ersten Abschnitt vom Rest des Textes abtrennen, d.h. auf eine eigene Seite stellen, evtl. sogar mit eigener Überschrift.

In der Erzählung selbst - die gut geschrieben ist und auch Appetit auf mehr macht (btw: Bist Du Physiker?) - ist mir aufgefallen, dass Du einen "Zeitsprung" hast: Die Szene im Cockpit ist im Präsens (den ersten Abschnitt fortführend), die mit den Passagieren im Imperfekt geschrieben. Ist das Absicht?

Etwas, von dem ich denke, dass es Absicht ist: Du hast an mehreren Punkten Differenzen zu unserer "wirklichen Welt" eingebaut, wie z.B. die genmanipulierten Engländer Laughing oder die wasserspuckenden Riesenfische (= Wale = Säugetiere). Was mir nicht ganz klar geworden ist: Auf wen bezieht sich dieses verzerrte Wissen? Alle in Deiner Welt? Nur die Passagiere? Bei denen ist es nämlich sehr viel stärker ausgeprägt als bei den Piloten, weswegen ich erst mal dachte, es handelt sich bei ihnen um nicht besonders gebildete Personen, was Du aber im letzten Satz ("Geschäftsfrau") im Prinzip widerlegst.

Viele Grüße,

Eliane
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nothingisreal
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Beiträge: 4371
Wohnort: unter einer Brücke


BeitragVerfasst am: 06.01.2016 21:53    Titel: Antworten mit Zitat

Leveret Pale hat Folgendes geschrieben:
Ich finde den Text, vor allem am Anfang, genial, aber es ist zu viel auf einmal und ich hab gerade wenig Zeit, aber ich meld mich später wieder mit einer ausführlichen Kritik.


Dem muss ich aus meiner Sicht widersprechen.

Mich als Leserin hast du verloren.
Als du mich über die Art und Weise, wie ein Roman beginnnen oder enden sollte, zu belehren versuchtest, rollte ich die Augen. Wenn ich so etwas lesen will, greife ich zu einem Schreibratgeber.
Ich hüpfte weiter zum nächsten Absatz, in der Hoffnung, dort etwas vorzufinden, was mich halten würde. Würde jedoch nicht fündig. Es erinnerte mich an etwas Pseudophilosophisches, das mich in der Regel nicht packt.
Ich hüpfte weiter und fand mich plötzlich in einer normalen Erzählung wieder, die im krassen Gegensatz zum Anfang stand. Das störte mich noch mehr, als konntest du dich nicht entscheiden, ob das hier Kunst oder eine Geschichte werden soll.

Das ist meine absolut persönliche Meinung. Das bedeutet daher nichts.  

LG NIR


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"Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten." - William Somerset Maugham
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V.K.B.
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Goldene Gabel


BeitragVerfasst am: 06.01.2016 23:41    Titel: pdf-Datei Antworten mit Zitat

@Muskat:
Zitat:
Die Geschichte aber gefällt mir, die läse ich gerne. Wie wäre es, wenn du sie so enden lässt, dass die zweite Ebene im Schluss erkennbar ist?


Ich denke, das habe ich versucht und man muss sie auch nicht ein zweites Mal lesen, sondern kann sich bestimmt noch an Passagen erinnern und sie dann anders sehen. Es ist nicht so, dass ein zweites Lesen zum Verständnis notwendig wäre. Es könnte der Geschichte nur zusätzliche Tiefe verleihen, wenn der Leser sie ein zweites Mal lesen möchte. Ob mir das gelungen ist, weiß ich selbst nicht so recht...

@Eliane: Danke für deinen Kommentar! Zu deinen Fragen:

Zitat:
Bist Du Physiker?

Höchstens an dem Fach interessiert, studiert habe ich es nicht.

Zitat:
Die Szene im Cockpit ist im Präsens (den ersten Abschnitt fortführend), die mit den Passagieren im Imperfekt geschrieben. Ist das Absicht?

Jupp! Der Zeitsprung ist auch schon bei den Piloten, sobald das Picknick beginnt. Ich wollte damit etwas ausdrücken wie "Okay, jetzt sind wir drin, die eigentliche Erzählung beginnt", nachdem der Aufbauteil in dem es hauptsächlich um die Entwicklung einer Geschichte geht abgeschlossen ist. Also vom Allgemeinen (Präsens) zum Speziellen (dieser Geschichte)

Zitat:
Du hast an mehreren Punkten Differenzen zu unserer "wirklichen Welt" eingebaut... Auf wen bezieht sich dieses verzerrte Wissen? Alle in Deiner Welt?

So ist es. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der die Menschheit mehr schlecht als recht im Sonnensystem verteilt lebt, nachdem die Erde schon vor Jahrhunderten bei einem Waffentest versehentlich zerstört wurde. Es gibt somit kein echtes Wissen über die Erde mehr und die historische Überlieferung ist sehr fragmentarisch. Nur einige Bücher und Spielfilme von der Erde sind in persönlichen Datenbanken von Kolonisten erhalten geblieben, aber mehr nicht. Und die Menschheit war nach der Katastrophe die nächsten Generationen lang eben mehr mit Überleben beschäftigt, statt sich um historische Überlieferung zu kümmern, die dann erst viel später anhand der Überreste zu rekonstruieren versucht wurde. Was dabei rausgekommen ist, sieht man an Jeanne d'Arc (der zu Dark verfälschte Name zeugt von ausschließlich mündlicher Überlieferung) und den "wasserspuckenden Riesenfischen", keiner dort weiß, was ein Wal war, sie haben höchstens mal einen in einem der wenigen erhaltenen Filme gesehen.

@nothingisreal:
Zitat:
Als du mich über die Art und Weise, wie ein Roman beginnnen oder enden sollte, zu belehren versuchtest, rollte ich die Augen. Wenn ich so etwas lesen will, greife ich zu einem Schreibratgeber.

Es war bestimmt nicht meine Absicht, jemanden über irgend etwas belehren zu wollen. Sorry, wenn das so rüberkam. Ich habe ja auch nur Meinungen rezitiert, die ich im Literaturwissenschaftsstudium zig mal gelesen habe ("es gibt eine Theorie, die besagt..." - "andere halten dagegen..."). Es ging auch eigentlich nicht ums Schreiben, sondern um die Entstehung einer Welt in der Vorstellung. Reality is the original Rorschach halt.

Zitat:
Ich hüpfte weiter und fand mich plötzlich in einer normalen Erzählung wieder, die im krassen Gegensatz zum Anfang stand

Das mag am Hüpfen liegen. Der Übergang ist nämlich eigentlich fließend, was ja auch Sinn der Sache sein sollte. Für mich war es ein literarisches Experiment, wenn du es als Pseudophilosophie abtust, ist es wohl eben nicht ganz gelungen. Aber so ist das mit Experimenten nun mal.

Zitat:
als konntest du dich nicht entscheiden, ob das hier Kunst oder eine Geschichte werden soll

Was spricht denn gegen beides zugleich?

Zitat:
Das ist meine absolut persönliche Meinung. Das bedeutet daher nichts.

Kein Problem! Du musst dich nicht rechtfertigen, wenn es dir nicht gefällt. Mir ist klar, dass ich nicht den Geschmack von jedem treffen kann. Einigen anderen scheint es gefallen zu haben, also kann es nicht komplett daneben sein. Die Welt wäre verdammt langweilig, wenn jeder den gleichen Geschmack hätte! Wie viele Bücher gäbe es dann? Zweihundert vielleicht? Eine Hölle!


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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 07.01.2016 01:10    Titel: Kapitel I pdf-Datei Antworten mit Zitat

Da ja manche gerne weiterlesen wollten, gebe ich euch hier die Gelegenheit: Kapitel I in voller Länge:

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Kapitel I: Eine Begegnung und eine Ungewissheit

[Abbildung: Rider-Waite Tarotkarte "Queen of Swords" (die erst ab 2022 frei benutzt werden darf, eines der rechtlichen Probleme, die ich ansprach, Anmerkung des Autors)]

Ein starker Ruck ging durch die Maschine, als sie den Energieschild der Kuppel durchdrang und der Widerstand des Sturmes plötzlich ausblieb. Wie jedesmal hatte Janice sich vorgenommen, nicht wieder zu schreien, wie jedesmal gelang es ihr auch dieses Mal wieder nicht. Ryans mitfühlender Blick und seine „Ganz ruhig Schatz, es ist alles in Ordnung“-Äußerung  trugen nur dazu bei, daß sie sich noch schlechter fühlte. Sie kniff die Augen zu und biß die Zähne zusammen, endlich spürte sie das Rütteln und Rumpeln, als die Räder auf den Boden aufsetzten. Jene erlösende Erschütterung, die verkündete, daß man jetzt nur noch langsam in Gedanken bis fünfzehn zählen mußte, bis diese verdammten Gurte sich endlich lösten. Sie atmete tief durch und begann zu zählen. Es gelang ihr, sich etwas zu entspannen und die unerträgliche Situation zu vergessen, plötzlich spürte sie Ryans Hand auf ihrer Schulter, und sie bemerkte, daß sie bereits bei 23 angelangt war. Sie erwiderte die Umarmung kurz, sprang dann aber abrupt auf und schüttelte Arme und Beine, froh, sich wieder frei bewegen zu können. Nur am Rande nahm sie abfällige Blicke, Gesten und Bemerkungen anderer Fluggäste wahr, und es war ihr völlig egal. Sie stürmte nach draußen.

Vor ihren Augen erhob sich die Kulisse der Stadt, ein riesiges Wirrwarr aus Glas und blankem Metall, das splitterartig in den Himmel ragte, an manchen Stellen nur etwa zehn Meter von der Kuppel und den gelegentlichen, schwächlich blauen Energieentladungen des Schildes entfernt. Wie eine Märchenlandschaft lag die Stadt vor ihr, der surreale, gigantische Palast einer Schneekönigin, oder in diesem Falle, eines eisigen Königs. Innozenz XXIII war sein Name, sein Antlitz grüßte die Besucher von vielen der an den Hochhäusern angebrachten Werbetafeln, sein kaltes, gnadenloses Lächeln gleichzeitig eine Warnung an all jene, die sich nicht so benehmen konnten oder wollten, wie es die steifen Regeln der hiesigen Gesellschaft vorschrieben. Etwa hundert Meter von ihrer momentanen Position entfernt lag die Linie, ein durchgezogener, dunkelroter Streifen auf dem Asphaltboden, der symbolisierte, daß man, sobald man die Linie überquerte, den neutralen Bereich verließ und in den Rechtsraum von Neva eindrang, wie Neo-Vatikanstadt kurz genannt wurde. Die Linie, die über Leben und Tod entscheiden konnte, wie die Broschüren der Fluggesellschaften immer wieder betonten, besonders, wenn man Drogen oder Waffen mit sich führte.

Janice hatte nichts von dem in ihrem Gepäck, noch nicht einmal Zigaretten, die selbst in Neo-Vatikanstadt völlig legal waren, außer Freitags jedenfalls. Eine eigentliche Grenze im herkömmlichen Sinne gab es nicht, keine Absperrungen oder Kontrollpunkte, jenseits der Linie begann sofort die Stadt mit ihren vielen Cafés, Restaurants, Hotels und Einkaufszentren.

Dennoch sah man stets mindestens eine Dreiergruppe der Inquisitionspolizei in ihren blutroten Kunststoffrüstungen, die Visiere der Vollhelme nur ein winziger Schlitz aus schwarzem Plexiglas, der keine Emotion nach außen dringen ließ, den Lightweaver für jeden klar sichtbar am Gürtel, vermutlich immer aufgeladen und schußbereit. Und da niemand außer diesen Stadtwachen hier eine Waffe tragen durfte, würde jeder Schuß tödlich sein, denn ohne den eigenen Lightweaver konnte man seinerseits keinen Schild errichten. Die Behörden der Stadt behaupteten allerdings, daß dies auch gar nicht nötig sei, das restriktive Sicherheitskonzept des Vatikans sorge dafür, daß man völlig sorglos zu jeder Tag- und Nachtzeit auch in die kleinste und dunkelste Nebenstraße gehen könne, ohne den prophylaktischen Schild aufzubauen, bevor man um die Ecke bog, wie es in vielen anderen Städten zum Standard gehörte.

Eigentlich gefiel Janice das Konzept, denn sie haßte Lightweaver, jedenfalls in der Realität. Dieses kleine Ding mit seinen zwei Funktionen, Schutz und Angriff, man konnte sowohl ein temporäres, stationäres Energiefeld errichten, als auch ein kugelblitzartiges Geschoß in Richtung seiner Gegner schleudern, das einen Energieschild neutralisierte oder organische Materie binnen Sekundenbruchteilen zu Asche verbrannte. Ein Lightweaver-Kampf war damit ein Wechselspiel von Feuern, Schilder errichten, gegnerische Schilder neutralisieren und in Bewegung bleiben. Ein solches Duell hatte stets etwas sportliches und etwas taktisches, anders als diese primitiven Metallwerfer, mit denen sich beispielsweise zu Jeanne d’Arcs Zeiten genetisch modifizierte Soldaten beharkt hatten (jedenfalls nach dem Geschichtsverständnis der Menschen von der Venus). Und einen weiteren Vorteil hatten diese Kämpfe, sie machten einfach Spaß, jedenfalls im Simulator. Dort war Janice ziemlich ungeschlagen, wenn sie sich in der Realität auch weigerte, eine solche Waffe in die Hand zu nehmen, schließlich war es etwas völlig anderes, ob man jemanden im sportlichen Wettkampf bezwang, oder ob man wirklich ein Menschenleben auf ein kleines Häufchen Asche reduzierte. Sie vermied es daher stets, sich in Slums oder anderen fraglichen Stadtteilen aufzuhalten, und ihre berufliche Stellung und ihr Einkommen ermöglichten es ihr auch, sich auf die Stadtteile beschränken zu können, die von den Behörden als sicher eingestuft worden waren.

Ryans Hand legte sich auf ihre Schulter.
„Wollen wir ins Flughafencafé? Ich lad dich ein.“
Sie überlegte kurz und ließ ihre Augen wandern. Ihr Blick entdeckte etwas, nur etwa 50 Meter hinter der roten Linie befand sich ein Geschäft für Simulatorprogramme, jedenfalls deutete eine riesige Werbetafel darauf hin.
„Gern“, sagte sie, „ich geh nur noch eben schnell da rüber und kauf ein neues Programm für den Weiterflug. Mein Bedarf an Jeanne Dark ist nämlich gedeckt!“
„Okay, aber beeil dich! Ich besorg uns schon mal einen Tisch.“
Ihre Wege trennten sich, Janice hatte ein seltsames Gefühl, als sie die Linie überschritt, aber es waren schließlich nur wenige Meter und sie hatte nichts Verfängliches dabei, was sollte also passieren?

Das Fachgeschäft befand sich im siebzehnten Stockwerk und war durch einen gläsernen Fahrstuhl erreichbar, der an der Außenwand des Gebäudes raketenartig nach oben schoß. Im Inneren sah der Laden aus wie all die Geschäfte, die sie aus anderen Städten kannte, nur die Auswahl war eine andere. Obwohl sie stundenlang hätte schauen können, mußte sie sich beeilen, Ryan wartete schließlich schon und in etwa 25 Minuten ging der Flug. So zwang sie sich, nur schnell an den Regalen vorüberzugehen und das erstbeste Programm auszuwählen, das interessant aussah. Nach ihrem kitschigen Liebesroman suchte sie allerdings vergeblich, dennoch hatte sie wenige Minuten später ein Programm in der Hand, das ihr um so spannender erschien. ‚Nightstalker’ war der Titel, der Klappentext besagte: ‚Versetze als seelenfressendes Monster eine Stadt in Angst und Schrecken und rotte die Menschheit aus! Gnadenlose Action, keine Kompromisse!  Schleiche durch die Dunkelheit, krabbel an der Decke, stoße hinab auf deine überraschten Gegner, finde und bekämpfe die drei mythologischen...’. Sie laß nicht weiter und warf einen Blick auf die Klassifizierung.

Verdammt, vier Sterne bei Rätseln, sie haßte so etwas, warum mußte es eigentlich immer Rätsel in Abenteuerprogrammen geben? Meist verschwendete man nur viel Zeit damit, auszuprobieren, in welcher Reihenfolge man jetzt welchen Hebel ziehen sollte, und dann paßte das Ganze meist noch nicht einmal wirklich in diese Welt, die meisten Rätsel waren nur um ihrer selbst Willen eingebaut und folgten zwar einer immanenten Logik, paßten aber nicht zum Rest, wenn man genauer darüber nachdachte und machten so nur alles kaputt.

Sie wollte das Programm gerade ins Regal zurückstellen, als ihr Blick auf eine andere Wertungskategorie fiel. Fünf Gewaltsterne! Die Maximalwertung. In anderen Städten gab es keine Spiele mit mehr als zwei Sternen in der Kategorie Gewaltdarstellung zu kaufen. Es war zwar nicht offiziell verboten, dennoch hatte die Branche sich geeinigt, keine Programme anzubieten, in denen eine unverfremdete, realistische Gewaltdarstellung vorkam, fürchtete man doch, daß es einige Irre geben könnte, die dann nicht mehr in der Lage wären, Programm und Wirklichkeit zu unterscheiden. In Neo-Vatikanstadt sah man dies allerdings anders, hier folgte das Angebot an Software der Regel ‚Gewalt gehört in den Simulator, nicht auf die Straße!’, die Leute sollten sich in virtuellen Welten austoben, um sich im alltäglichen Leben friedlich zu begegnen. Das Konzept schien auch aufzugehen, was aber auch daran gelegen haben mag, daß niemand so einfach in den Besitz einer Waffe gelangen konnte.

Aber dies war nicht die Zeit für moralische, medienkritische Überlegungen, sie würde es einfach ausprobieren, vielleicht könne gerade eine Gewaltorgie bisher unbekannten Ausmaßes sie von ihrer Flugangst ablenken, und dazu schien ihr jedes Mittel recht. Sie ging zur Kasse und bezahlte.


Ryan hatte einen Tisch gefunden, von dem er die Straße gut im Überblick hatte, das Flughafencafé lag direkt an der Grenze, aber eben gerade noch auf neutralem Boden. Er griff in seine Jackentasche, zog eine Packung Zigaretten hinaus und zündete sich eine an. Hastig rauchte er ein paar Züge, zog den bläulichen Rauch tief in seine Lunge, schloß die Augen und ließ das Nikotin wirken. Nach sechs Stunden Flugzeit tat eine Zigarette immer gut, aber Janice haßte es, wenn er in ihrer Gegenwart rauchte, also verzichtete er meist darauf. So kam es ihm gelegen, daß sie noch eine Besorgung machen wollte. Er sah aus dem Fenster, sah sie die Linie überqueren und in den Fahrstuhl steigen. Sah, wie die Türen sich langsam schlossen und der Lift dann raketenartig an der Gebäudewand emporschoß. Eine Kellnerin unterbrach seine auf die Außenwelt gerichtete Aufmerksamkeit.
„Darf ich Ihnen schon mal etwas bringen, oder warten sie noch auf jemanden?“
Er überlegte kurz.
„Ein Kaffee wäre nett...“, murmelte er dann.
„Ein Kaffee, kommt sofort!“
Er achtete nicht weiter auf die Bedienung und starrte wieder auf die Straße.
„Unglaublich, wie bescheuert manche Leute sind!“
Die Stimme hinter ihm hatte ihn erschreckt, er zuckte zusammen und drehte sich blitzschnell um. Ein Mann war an seinen Tisch herangetreten, vermutlich ein anderer Fluggast, der ebenfalls auf seinen Weiterflug wartete. Seinem Aussehen nach war auch er ein Geschäftsmann, niemand anders jedenfalls würde mit einem Anzug in ein Flugzeug steigen, schließlich war es auch schon mit legerer Straßenkleidung unbequem genug. Ryan sah ihn an.
„Reden Sie mit mir?“
Er nickte, wirkte aber leicht verunsichert.
„Oh, ich dachte, äh..., Sie sitzen hier ganz allein am Tisch, vielleicht möchten Sie sich mit jemandem unterhalten?“
„Ich eigentlich nicht“, antwortete Ryan etwas spöttisch, „aber Sie scheinbar, hab ich recht?“
„Äh...“
„Setzen Sie sich doch einfach!“
„Äh... Danke“
Er setzte sich. Etwa eine Minute schwiegen beide und sahen sich einfach nur an, vermieden allerdings direkten Augenkontakt. Schließlich durchbrach der Fremde die Stille.
„Ich störe Sie doch nicht etwa?“
Ryan winkte ab.
„Nein, nein, überhaupt nicht!“
Wieder Stille. Diesesmal durchbrach Ryan sie.
„Fliegen Sie auch weiter nach Alrakon?“
Der Fremde nickte.
„Und zum ersten Mal allein...“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.
Ryan sah ihn mitfühlend an.
„Wie kommt’s?“, wollte er wissen.
Das Gesicht des Fremden wirkte wie versteinert.
„Alrakon ist meine Heimat“, sagte er, „und ich kehre nach zwei Monaten endlich dorthin zurück. Allerdings ohne...“
Er machte eine kurze Pause und kniff die Augen zusammen.
„...meine geliebte Laura...“, vollendete er dann, stockend und mit schwankender Stimme.
„Oh, haben Sie sich gestritten?“
„Nein, schlimmer. Meine Frau ist... ermordet worden...“
Ryan fühlte sich schlecht, er kam sich ob seiner letzten Äußerung pietätlos vor. Er haßte solche Situationen, er haßte es, wenn irgend jemand ihm von irgend etwas Schrecklichem erzählte, das ihm zugestoßen war. Er wußte nie, wie er sich verhalten sollte, und irgendwie fühlte er sich immer schuldig, wahrscheinlich, weil es ihm selber gerade besser ging.
„Tut mir leid...“, versuchte er.

Wieder ein Moment Stille, bis auf das Stimmgemurmel von den anderen Tischen und dem leisen Klang einer alten Musikanlage, die das Café mit sanfter Musik beschallte.
„Konnten Sie ja nicht wissen...“, entschuldigte der Fremde sich, „Separatistenbombe. Der Anschlag auf das Ratsgebäude von Realeng, leider hatte sie gerade geschäftlich dort zu tun, nur etwa eine halbe Stunde.. und... nur eine halbe Stunde... am falschen Ort...“
Er stockte, Tränen bildeten sich in seinen Augen, aber er gab sich große Mühe, sie dort zu halten.
Ryan schwieg, er hatte ein flaues Gefühl und wußte einfach nicht, was er hätte antworten sollen. Eine innere Stimme ermahnte ihn, daß er versuchen müßte, den anderen zu trösten, doch dann überlege er, was er sagen könnte. Er, der selber in einer glücklichen Beziehung steckte und die Gegenwart als die Blüte seines Lebens bezeichnet hätte, was hätte er sagen können, um das Leid des Fremden zu mildern? Jede gefühlvolle, noch so sensible Äußerung, die er in Gedanken formulierte, kam ihm endlos zynisch vor, und er sah sich gezwungen, sie schnell wieder zu verwerfen. Er sah seinen Gesprächspartner einfach nur an, vermied es aber jetzt erst recht, zuzulassen, daß sich ihre Blicke trafen. Er fühlte sich scheußlich.
Der andere redete weiter.
„Naja, Laura und ich müssen das eben verstehen“, begann er, seine Stimme klang völlig bitter, „schließlich ist es ja wichtiger, daß wir endlich unsere Unabhängigkeit erlangen, und so was erreicht man eben nur, wenn man von Zivilisten frequentierte Regierungsgebäude zur Hauptgeschäftszeit in die Luft jagt. Diese Terroristen wissen ja schon, was gut für uns ist, und die Opfer und ihre Angehörigen müssen das eben auch einsehen, nicht wahr?“
Eine Träne lief seine rechte Wange hinunter, bahnte sich langsam ihren Weg nach unten, durch tiefe Hautfalten und Furchen eines Gesichts, das schon lange keinen Schlaf mehr erfahren hatte, zumindest keinen erholsamen.

Es dauerte einige Sekunden, bis Ryan die offensichtliche Ironie erkannte. Er wußte immer noch nicht, wie er sich verhalten sollte, und haßte sich dafür.
„Möchten Sie eine Zigarette?“, fragte er hilflos und hielt seinem Gegenüber die Schachtel entgegen.
„Vielen Dank!“
Der Fremde griff danach, seine Hände zitterten etwas, verkrampfte Finger zogen eine Zigarette aus der Schachtel und hielten sie unsicher. Ryan hielt seinem Gegenüber das Feuerzeug hin. Ein klickendes Geräusch war zu hören, als er den Knopf drückte, dann das leise Zischen der Flamme. Der kurze Lichtschein tauchte den Tisch und die beiden Männer in eine wärmere, freundlichere Atmosphäre, die aber gleich wieder verschwand und vom matten, kalten Neonlicht ersetzt wurde, als die Zigarette zu glühen begann und Ryan das Feuerzeug wieder in seiner Jackettasche verschwinden lies.
„Es tut mir leid“, begann der Fremde, nachdem er einen Zug geraucht hatte, „wenn ich Sie mit meinen Problemen belästige. Ich wollte eigentlich nicht... wissen Sie, ich...“
„Das muß Ihnen nicht leid tun...“, unterbrach Ryan, ohne über die Äußerung nachzudenken.
„Wissen Sie, ich versuche gerade, zur Normalität zurückzukehren. Ich habe mir gesagt, daß es so nicht weitergehen kann, ich muß weitermachen, verstehen Sie? Aber dennoch, es ist ein seltsames Gefühl, jeden Morgen aufzuwachen, im ersten Moment denkt man, es sei nur ein Traum gewesen, man hofft es jedenfalls, jeden Morgen aufs neue. Wenn ich schlafen kann, träume ich manchmal, manchmal sogar etwas schönes, und wenn ich dann aufwache, dann bin ich fröhlich, und ich blicke zu Laura hinüber, aber da ist niemand. Und dann ist es wieder in meinem Bewußtsein, daß ich allein bin, daß ich sie niemals wiedersehen werde, daß es für immer vorbei ist. Es ist diese surreale Zäsur, die sich dann wieder in mein Leben schlägt, wie beim ersten Mal, als ich die Explosion in den Nachrichten sah, als ich wußte, daß sie genau dorthin wollte, und ich hoffte, sie  wäre schon dort gewesen oder sei noch nicht angekommen, dennoch wußte ich es besser. Ich starrte auf den Bildschirm, und irgendwie hörte die Welt um mich herum auf zu existieren. Es gab nur noch das Feuer, die Trümmer, und alles, was mir vorher Kopfzerbrechen bereitet hatte, alle Ängste, alle Probleme, waren auf einmal so weit weg. Es war, als würde in diesem Moment die Welt stillstehen, als würde ich aus dem Leben gerissen werden, alles hörte auf, meine Gefühle, mein normales Denken, einfach alles. Es kam mir vor, als würde mein Körper irgendwie in sich selber zusammengepreßt, dann konnte ich wieder atmen, aber alles blieb surreal. Und es ist immer noch so, verstehen Sie? Irgendwie denke ich immer noch, daß es ein Traum sein muß, daß... daß die Zukunft doch noch so werden kann, wie Laura und ich uns gewünscht haben, daß wir irgendwann Kinder haben könnten, oder ein eigenes Apartment, aber dann kehrt es zurück, dieses Denken, dieses Wissen, diese Verneinung von allem...“

Ryan fühlte sich unbehaglicher. Er merkte, wie er der Denkweise des anderen folgen konnte, aber er wollte es nicht, wollte es auf keinen Fall. Sicher, so etwas passierte, aber es war jemandem anders passiert und nicht ihm, warum sollte er sich also damit belasten? Er wollte nicht darüber nachdenken. Am liebsten hätte er dem anderen gesagt, er solle einen Psychiater aufsuchen und ihn in Ruhe lassen, aber gleichzeitig haßte er sich für seinen Egoismus.
Mir geht es gut, dachte er sich, also kann ich ihm ruhig zuhören, es ist wie ein Simulatorprogramm, man läßt sich kurz darauf ein und dann ist es beendet und vorbei.
Es betraf schließlich nicht sein Leben, und wahrscheinlich würde er den anderen auch niemals wiedersehen.
„Reden Sie ruhig weiter...“, versuchte er seinen Gesprächspartner aufzumuntern.
Wieder einen Moment Stille.
„Nein“, sagte der Fremde dann, „ich habe schon genug gesagt, wahrscheinlich sogar zu viel. Ich merke doch, wie unangenehm Ihnen das ist...“
Ryan zuckte zusammen.
„Nein, nein“, korrigierte er schnell, „wirklich nicht! Wenn Sie mit jemandem reden möchten, bitte!“
„Reden wir über was anderes. Ich wollte schließlich versuchen, mich abzulenken. Aber als ich Sie vorhin ansprach, als ich diese Frau gesehen hatte, die mit uns im Flieger war, die neben Ihnen saß, da konnte ich nicht anders. Ich hab sie durch die Scheibe gesehen und gedacht, wie bescheuert manche Leute doch sind!“
Ryan sah ihn fragend an.
„Wissen Sie, ich dachte, sie ist so jung, und bestimmt hat sie irgendwo jemanden, der auf sie wartet. Und wahrscheinlich denkt sie gar nicht darüber nach, daß sie nicht nur sich selber gefährdet, sondern auch einem anderen oder gar mehreren großes Leid zufügen kann. So gedankenlos, so naiv...“

Ryan sah ihn an, als hätte sein Gesprächspartner den Verstand verloren.
„Was reden Sie da eigentlich?“
„Aber verstehen Sie denn nicht? Wenn jemand sein Leben so leichtsinnig aufs Spiel setzt, sollte er nicht nur an das Risiko für sich selber denken, sondern auch an die, die man zurückläßt. Ob es das wirklich wert ist. Was kann denn so wichtig sein?“
„Ich verstehe kein Wort! Wovon zum Teufel reden Sie? Sie hören sich ja an, als würde sie sich von einer Brücke stürzen wollen, aber sie ist doch nur eben über die Straße einkaufen gegangen. Was soll daran so gefährlich sein?“
„Aber lesen Sie denn keine Broschüren der Fluggesellschaft? Das ist Neva da draußen, das ist nicht einfach irgendeine Stadt, wo man einfach so einkaufen gehen kann!“
Ryan sah ihn zweifelnd an.
„Übertreiben Sie nicht ein wenig? Ich meine, okay, nach Ihrem Verlust ist das nur verständlich, aber Neva ist auch nur eine Stadt wie jede andere. Sie haben zwar krassere Gesetze als die meisten anderen und verfolgen eine strikte Law-and-Order Politik, aber das ist kein Grund, dort nicht eben schnell etwas einkaufen zu gehen, oder?“
„Law and Order halte ich für eine Untertreibung. In meinen Augen ist Neva ein faschistischer, fundamentalistischer Polizeistaat...“
Ryan sah verärgert aus.
„Also kommen Sie!“, unterbrach er, „nur weil die Schmuggler hinrichten, sind das doch noch keine Faschisten! Die wollen halt keinen Ärger, die wollen keine Waffen oder Drogen in ihrer Stadt, das finde ich verständlich. Und wenn man das weiß, kann man sich darauf einlassen und gibt seinen Lightweaver eben an der Aufbewahrungsstelle ab. Außerdem trägt Janice nie eine Waffe mit sich rum, und von Drogen hält sie auch nichts, was soll ihr also...“
„Tut mir wirklich leid!“, unterbrach ihn der Fremde, „ich war gedankenlos. Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen, ich wußte nicht, daß Sie zusammengehören. Sind Sie verheiratet?“
„Nein“, antwortete Ryan, „noch nicht. Aber die Hochzeit ist für nächstes Jahr geplant, wir leben seit drei Jahren zusammen und...“
Er wurde wieder unterbrochen.
„Dann wünsche ich Ihnen alles Gute, und vor allem viel Glück. Ihre zukünftige Frau kann es brauchen...“

Ryan merkte, dass er wütend wurde. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Erst heulte er sich ungefragt bei ihm aus, und jetzt das! Er sah auf seine Uhr, dann wieder auf die Straße. Janice müßte langsam zurückkommen und er fing an, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Er wandte sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
„Hören Sie mir mal gut zu“, begann er mit unfreundlicher Stimme, „es macht mir nichts aus, wenn Sie mich mit Ihren Problemen nerven, aber das hier geht ja wohl zu weit! Nur weil Sie gerade jemanden verloren haben, ist das noch lange kein Grund, zu versuchen, Ihren Mitreisenden wegen jedem Mist möglichst viel Angst zu machen, ja?“
Zu hart, dachte er dann, Scheiße, das war zu hart.
Sein Gesprächspartner verzog das Gesicht.
„Nein, entschuldigen Sie!“, korrigierte Ryan sich schnell, „ich hab’s wirklich nicht so gemeint, ehrlich! Es ist nur so, Janice wollte schnell wiederkommen und sie ist jetzt schon seit über zehn Minuten weg und ich fang an, mir Sorgen zu machen, und was Sie da von sich geben kann einem in so einer Situation richtig Angst einjagen, wissen Sie das?“
„Ich möchte Sie nicht unnötig beunruhigen“, sagte der Fremde mit ausdrucksloser Stimme, „aber leider ist Ihre Angst absolut gerechtfertigt!“

Ryan sah ein weiteres Mal auf seine Armbanduhr, in zehn Minuten mußten sie ins Flugzeug zurück, und noch immer gab es keine Spur von Janice unten auf der Straße. Er wurde unruhig, nein, mehr als das, er fühlte sich in seinem Inneren richtig panisch.
Nein, dachte er, es ist alles in ordnung sie steht irgendwo an der kasse es gibt eine schlange eine richtig lange schlange und sie muß anstehen oder sie kann sich wieder mal nicht entscheiden sie rennt von einem regal zum anderen und kann sich mal wieder nicht zwischen liebesgeschichte oder action entscheiden und sie denkt nicht daß ich mir sorgen mache sie weiß ja nicht daß dieser typ mir gegenübersitzt und mir gerade eine scheiß-angst einjagt also hör nicht auf ihn es ist alles in ordnung es wird alles gut laß ihn ruhig reden laß ihn doch reden nein jetzt reicht’s endgültig was bildet der sich ein nur weil es ihm schlecht geht will der doch daß es anderen genauso schlecht geht deshalb erzählt er diesen unsinn nur deshalb will er...

Er faßte seine Gedanken in Worte.
„Jetzt behalten Sie Ihre dämlichen Vorurteile endlich für sich! Wer sind Sie überhaupt, ein Experte für Neo-Vatikanstadt? Nein, Sie haben nur mal irgendwas in irgendeiner Zeitung gelesen und sich daran festgebissen, weil es Ihnen irgendwie gegen den Strich ging! Aber lassen Sie mich damit in Ruhe, ich will dieses unqualifizierte Halbwissen nicht mehr hören, Sorgen machen kann ich mir auch gut ohne Sie! Haben Sie verstanden?“
Beweinen Sie lieber wieder Ihre Frau, aber übertragen das bitte nicht auf andere, klar?, fügte er in Gedanken hinzu, konnte sich aber gerade noch beherrschen, es nicht laut auszusprechen.
„Sie haben ein völlig falsches Bild von mir“, antwortete sein Gesprächspartner, „aber tut mir leid, ich hätte mich vorstellen sollen. Ich bin Joey Ramirez und Dozent für Interurbane Kultur an der Universität von Realeng, und damit bin ich ein Experte für andere Städte, auch für Neva, obwohl ich zugeben muß, selber nie dort gewesen zu sein. Aber ich würde es mir zweimal überlegen, die rote Linie zu überschreiten, selbst wenn jemand einen Lightweaver auf mich richten würde. Wissen Sie, die Bewohner von Neva sind christliche Fundamentalisten, und Ungläubige sind dort nicht gerne gesehen. Vieles, was in dieser Stadt gang und gäbe ist, ist für Außenstehende schlichtweg unverständlich. Ich möchte Ihnen nur ein Beispiel nennen: Verhütung ist dort verboten, bei Todesstrafe sogar. Und eine Kuppelstadt bietet nun mal nur begrenzten Platz für die Bevölkerung, und ohne Geburtenkontrolle droht ständig Überbevölkerung. Und jetzt raten Sie mal, wie man in Neva dieses Problem gelöst hat?“

„Man erschießt alle Leute im biblischen Alter von 33 Jahren?“, riet Ryan, ohne es sonderlich ernst zu meinen.
„Nicht ganz“, antwortete Ramirez, „aber so ähnlich. Man hat für alle möglichen Vergehen die Todesstrafe eingeführt, es gibt fast täglich Hinrichtungen, schon für kleine Ordnungswidrigkeiten kann man auf dem Scheiterhaufen enden! Mit dem Erreichen des 20. Lebensjahres ist man voll strafmündig, und wenn die Inquisition gerade ihre Quote zu erfüllen hat, reicht ein kleiner Fehler, und das war’s!“
Ryan dachte kurz nach.
„Erzählen Sie mir doch nichts!“, sagte er dann, „wie leben doch nicht mehr im Mittelalter!“
„Diese Leute schon!“
„Aber was ist mit Besuchern von woanders?“, wollte Ryan wissen, „die tragen doch nicht zur Überbevölkerung bei!“
Ramirez schüttelte den Kopf.
„Das zwar nicht, aber die werden erst recht belangt, um ein Exempel zu statuieren. Außenstehende gelten pauschal als Ungläubige und Ketzer, und um den Einwohnern zu vermitteln, daß sie etwas besseres sind - und darauf beruht das Selbstverständnis dieser Leute - kann man bei Fremden keinerlei Gnade zeigen. Was glauben Sie wohl, weshalb selbst große, mächtige Fluggesellschaften wie TransCol sagen, sie können nicht für die Sicherheit von jemandem garantieren, der den neutralen Boden verläßt?“

Ryan wußte nicht, was er darüber denken sollte. Übertrieb der andere nur, oder war es wirklich so extrem? Er war Dozent an der Uni von Realeng, und diese Universität hatte den Ruf, politisch äußerst links zu sein. Solche Leute hatten natürlich Vorurteile gegen Law and Order Systeme, aber konnte vielleicht doch etwas an den Behauptungen dran sein?
Ryan wollte gerade ein weiteres mal auf seine Uhr sehen, als die Lautsprecherdurchsage begann. Er zuckte zusammen.
„Sehr geehrte Fluggäste! Der Weiterflug nach Alrakon wird in wenigen Minuten starten. Bitte beenden Sie ihren Aufenthalt auf dem Flughafengelände und begeben sich umgehend an Bord zurück. Vielen Dank, daß Sie sich für die Reise mit TransCol entschieden haben!“
Ryan wurde richtig unruhig.
Janice, wo zum teufel bleibst du nun mach endlich wir verpassen den flieger verdammt was...

Ramirez unterbrach seine Gedanken, er hatte in seine Tasche gegriffen und hielt ihm einen Boden Papier hin.
„Ich glaube, wir können dieses Spiel jetzt beenden.“, sagte er.
Ryan sah ihn verwundert an und faltete den Zettel auseinander. Es war ein Fragebogen.
„Was zur Hölle...“, begann er.
„Entschuldigen Sie“, rechtfertigte Ramirez sich, „ich habe ihnen nicht ganz die Wahrheit gesagt. Ich bin nicht Dozent für Interurbane Kultur, ich bin Psychologe und führe eine Testreihe durch. Es geht um emotionalen Streß, und wie schnell Menschen sich von einem völlig Fremden unter emotionalen Druck setzten lassen. Würden Sie bitte eben schnell den Bogen ausfüllen?“
Er hielt ihm einen Kugelschreiber entgegen. Ryan konnte es nicht fassen.
„Was soll das heißen, war das alles... ihre Frau... was Sie über diese Stadt erzählt haben... war das alles...“
„Ja, es war alles frei erfunden“, unterbrach Ramirez ihn, „es diente nur dazu, Sie emotionalem Streß auszusetzen...“
„Aber... Sie haben doch geweint, als sie von Ihrer Frau...“
Der Psychologe verzog das Gesicht zu einem Lächeln.
„Oh, hat Sie das beeindruckt? Ich habe lange geübt, aber ich bin auch ein guter Schauspieler, immer gewesen. Aber keine Sorge, ich war niemals verheiratet, und was ich Ihnen über die Hinrichtungen erzählt habe, war auch maßlos übertrieben und...“
„Sie Schwein!“, schnauzte Ryan ihn so laut an, daß die Leute an den Nebentischen sich umdrehten, „Sie grünhäutiges engländisches Schwein! Hat Ihre verdammte Uni eigentlich keine Ethik-Kommission?“
„Es gibt eine Frage dazu, auf dem Bogen: Finden Sie eine solche Testreihe moralisch vertretbar? Ganz unten links, Sie können...“
Ryan knüllte den Bogen zusammen und ließ ihn auf den Boden fallen.
„Wissen Sie was, Sie Arschloch? Nein! Meine Antwort darauf ist Nein! Und jetzt lassen Sie mich bloß in Ruhe, bevor ich...“

Dann kam ihm ein Gedanke, und er beruhigte sich, fühlte sich sogar erleichtert. Er unterbrach seine Drohung.
„Warten Sie, wenn das ein Test war, dann steht unten sicherlich einer Ihrer Assistenten und hat Janice aufgehalten, damit Sie hier in Ruhe Ihre Späßchen mit mir treiben können, richtig? Ich brauch mir also keine Sorgen mehr zu machen, ja?“
Ramirez schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er, „ich arbeite allein, tut mir leid.“
Ryan sah entsetzt auf die Uhr, dann wieder auf die Straße. Noch immer keine Spur von Janice, und der Flug ging in wenigen Minuten. Der Psychologe bemerkte seine erneut aufkommende Unruhe.
„Machen Sie sich keine Sorgen!“, versuchte er Ryan zu beruhigen, „Ihre Freundin sitzt bestimmt schon wieder im Flieger. Wahrscheinlich hat Sie beim Einkaufen an der Kasse warten müssen, und dann ist sie gleich ins Flugzeug, weil sie erkannt hat, daß die Zeit nicht mehr reicht, noch etwas im Café zu bestellen, meinen Sie nicht?“
„Aber ich hätte sie sehen müssen! Wir sitzen doch direkt am Fenster!“
„Sie haben sich die ganze Zeit mit mir unterhalten, und ich hab Sie ja nun wirklich abgelenkt. Sie haben mich angesehen, nicht die Straße, also kommen Sie, gehen wir zum Flugzeug, sie ist sicher schon dort.“

Es half nicht wirklich, Ryan hielt es für ziemlich unwahrscheinlich, daß Janice freiwillig ein Flugzeug betreten würde, wenn er nicht ihre Hand hielt. Aber es war möglich. Und die Zeit drängte. Ganz beiläufig bemerkte Ryan, daß er nicht einen Schluck von seinem Kaffee getrunken hatte. Er legte trotzdem eine Fünf-Dollar-Note daneben und verließ das Café. Ramirez folgte ihm.

Als sie das Flugzeug erreichten, waren die meisten anderen Passagiere schon eingestiegen und hatten sich auf ihre Plätze begeben. Auch Ramirez drängelte an Ryan vorbei und ging eilig zu seinem Sitz. Erwartungsvoll blickte Ryan sich in der Kabine um, doch seine Befürchtung wurde bestätigt: Der Platz neben seinem war leer. Er stieg wieder aus und suchte hastig mit seinen Augen das Flughafengelände ab. Es gab noch immer keine Spur von ihr.

Ryan eilte zur Line und fragte einige Leute, die dort standen, doch niemand konnte oder wollte sich erinnern, Janice gesehen zu haben. Dann kam die Lautsprecherdurchsage:
„Sehr geehrte Fluggäste, die Passagiere Janice M. Hilmer und Ryan Lahorrey werden gebeten, sich umgehend an Bord der TransCol Maschine nach Alrakon einzufinden. Der Flug wird in drei Minuten starten, und sollten Sie sich bis dahin nicht an Bord befinden, wird der Weiterflug ohne Sie erfolgen und Ihre Flugtickets werden verfallen. Bitte kehren Sie umgehend zur Maschine zurück. Vielen Dank, daß Sie sich für die Reise mit TransCol entschieden haben!“
Ryan wurde panisch.
Verdammt, Janice, tu mir das nicht an, beeil dich, wir verpassen unseren flieger wir müssen noch mal bezahlen und unser gepäck verdammt jetzt mach endlich wo bist du verdammt jetzt...
Hastig suchten seine Augen die Straße ab, aber auch das übersichtliche Flughafengelände hinter ihm. Der Flieger stand nur etwa 100 Meter hinter ihm auf dem Rollfeld, die Türen waren noch geöffnet, wenigstens eine auf jeder Seite. Dennoch war bereits das charakteristische Fauchen der Triebwerke zu hören, die vorgeheizt wurden. Er rannte zum Flugzeug zurück.

Eine Flugbegleiterin, er schätzte sie auf Mitte Dreißig, erwartete ihn oben auf der Gangway, ihr aufgesetztes, von einem neonroten Lippenstift unterstütztes Lächeln verärgerte ihn, er wußte allerdings selber nicht, warum.
„Mister Lahorrey, schön, daß Sie es noch rechtzeitig geschafft haben! Bitte begeben Sie sich schnell auf Ihren Platz und legen Sie ihren Gurt an, wir wollen starten!“
„Aber meine Frau ist noch nicht zurück!“, erwiderte Ryan und bemerkte beiläufig, daß er schon wieder so tat, als wären sie bereits verheiratet. Er tat das oft, hatte aber noch nie über den Grund dafür nachgedacht.
„Wir können leider nicht länger warten! Entscheiden Sie sich jetzt, ob Sie einsteigen oder hierbleiben wollen!“, antwortete das aufgesetzte Lächeln, und traf dabei eine Tonart, die eher vermittelte, man wolle ihm ein Ticket zur Glücksseeligkeit verkaufen oder gar schenken, statt damit zu drohen, Flugtickets im Wert von mehreren tausend Dollar verfallen zu lassen.
„Aber ich kann sie doch nicht hier zurücklassen...“
Das Lächeln lächelte immer noch.
„Alle Passagiere wissen, daß das nur ein kurzer Zwischenstop ist. Wer nicht rechtzeitig wieder da ist, hat eben Pech gehabt. Wir starten! Steigen Sie ein!“
Ryan mußte nicht lange überlegen, er schüttelte den Kopf.
„Nein, wenn sie nicht mitkommt, bleibe ich auch hier!“
„Ihre Entscheidung. Ich muß Sie nur darauf hinweisen, daß Ihre Tickets verfallen und Sie keinen Anspruch auf eine Rückvergütung in irgendeiner Form haben, auch gerichtlich nicht.“
Ja, und vielen Dank daß sie sich für die Reise mit TransCol entschieden haben, halt bloß das Maul du aufgeblasene blöde...
Er sprach den Gedanken nicht aus, es hatte keinen Zweck. Er drehte sich um und verließ die Gangway, die hinter ihm zusammensank und im Boden verschwand. Dann schloß sich auch die Bodenluke und die Stelle, wo eben noch die Treppe gewesen war, war jetzt nicht mehr vom Betonboden zu unterscheiden. Warnlichter um ihn herum begannen wild zu blinken, um ihm zu signalisieren, daß er sich in der Gefahrenzone der Triebwerke befand und daß TransCol nicht für seine Sicherheit garantieren könne und seine Angehörigen keine Schadensersatzforderungen anmelden könnten, sollte er sich entschließen, dort zu verweilen, während die Maschine startete. Er ließ es nicht darauf ankommen und verließ mit schnellen Schritten den Gefahrenbereich.

Das laute Aufheulen der Triebwerke und ein hellblauer Lichtschein hinter ihm zeugten davon, daß TransCol wirklich nicht auf verspätete Passagiere wartete. Aber das war ihm im Moment völlig egal, seine Gedanken waren nur bei Janice. Irgend etwas mußte ihr zugestoßen sein, sonst wäre sie längst wieder hier gewesen.
Was ist wenn dieser spinner vorhin recht hatte wenn man sie wirklich wegen irgend etwas auf einen plasmascheiterhaufen bringt wenn nein das ist paranoider blödsinn janice würde nie irgend etwas tun wofür aber wenn doch oder wenn sie zu unrecht nein sie ist bestimmt nur einfach umgekippt ihre flugangst sie wollte auf keinen fall in das flugzeug zurück und sie hat einfach panik gekriegt und ihr kreislauf hat versagt sie hat aus irgend einem fenster das flugzeug gesehen und ist einfach umgekippt und irgend jemand hat einen krankenwagen gerufen und sie ist auf dem weg in ein krankenhaus und...

Eine Hand legte sich von hinten auf seine Schulter, im ersten Moment hoffte er, es würde Janice’ Hand sein, doch er merkte ziemlich schnell, daß dem nicht so war. Er drehte sich ruckartig um. Es war Ramirez.

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Tomhome
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BeitragVerfasst am: 08.01.2016 09:15    Titel: Antworten mit Zitat

Der erste und der letzte Satz sind die unwichtigsten in einem Buch. Der Weg ist das Ziel. Das liegt auch daran, dass eine Geschichte eigentlich keinen Anfang und kein Ende haben kann weil es vorher und nachher auch schon Leben oder chemische und physikalische Prozesse gab gibt.
Vergiss einfach was ich geschrieben hab´ bin einfach kein Kritiker.


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Imaginatio
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BeitragVerfasst am: 09.01.2016 13:38    Titel: Antworten mit Zitat

V.K.B. hat Folgendes geschrieben:
@Imaginatio: Mir ist klar, dass wohl kaum ein Leser diese zweite Bedeutungsebene beim ersten Lesen bemerkt, weil er, wie du richtig erkannt hast, keinen solchen Bezug herstellen kann. Wenn er den Roman aber gelesen hat, die ganze Story und das Ende kennt, und dann ein zweites Mal liest, wird diese zweite Ebene deutlich.


Die Frage ist, ob es überhaupt so weit kommt.

Durch den Prolog entsteht immer der erste Eindruck, und der kann auch mal missverstanden werden.
Zum Beispiel das der Autor erstmal erzählen möchte, weshalb sein Buch etwas besonderes ist und sich scheinbar von anderen abhebt.
Das mag nicht Deine Absicht sein, kommt aber in einigen Büchern immer wieder vor.

Wenn man den ersten Absatz falsch interpretiert, wirkt er dadurch nicht mehr so interessant und man ist unter Umständen schon gelangweilt,
bevor es überhaupt losgeht. Ich komme also nicht unbedingt in den Genuss , dass Buch komplett zu lesen.

Lassen sich aber bereits im Prolog, Deine Tiefgründigen Absichten grob erkennen, regt es deutlich mehr die Neugier an.

Was Du sinngemäß mit dem Spoiler ausdrücken willst, würde sich ja auf sehr interessante Weise bereits im Prolog einbauen lassen.
Der Satz nach der Metapher, "Mit dem Leben eines Menschen verhält es sich genauso", wirkt viel zu einfach dahin gesagt,
als wäre die Metapher selbstverständlich. Das ist sie aber nicht, wäre sie das, könntest Du auch auf den Satz verzichten,
weil er klar aus der Metapher hervorgeht. Ob man das Buch bereits gelesen hat oder nicht, spielt dabei doch keine Rolle.
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Tomhome
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BeitragVerfasst am: 11.01.2016 16:09    Titel: Antworten mit Zitat

So jetzt hab ich es mal gelesen. War ganz spannend bis zu der Wendung mit dem Fragebogen. Dadurch das die Story mit den Hardcorechristen zerstört wurde muss jetzt natürlich etwas viel besseres nachkommen. Sonst kann es schnell langweilig werden.
Vieleicht ist dieser Ramirez ein Spion  eine Art Big Brother. Na ja mann kann noch nicht wissen  in welche Richtung es geht. Zumindest muss ich für meinen Teil weiterlesen weil ich wissen will was mit Janice passiert. Bei den Unterhaltungsspielen muss auch noch was passieren. Vieleicht das sie aus so einem Programm durch einen Fehler oder absichtlichen Programmierfehler nicht mehr in die reale Welt zurück kommen. Sonst kann man es auch weglassen.


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