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Der Fall Leutermann


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
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BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Der Fall Leutermann eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Der Fall Leutermann

Die Nachmittagssonne scheint durch das hohe Fenster in ein dezent grün-hellbraun eingerichtetes Büro, in dem ein Mann fortgeschrittenen Alters, leger, aber stilvoll gekleidet am Schreibtisch  sitzt und in Unterlagen blättert.
Er beißt in einen Müsliriegel, kaut einige Augenblicke, hält dann inne und starrt ihn empört an, in dem Moment klingelt es an der Tür. Der Mann schiebt rasch den Müsliriegel in die Schreibtischschublade, ebenso einen Aschenbecher und die Papiere, sieht auf die Uhr, dann drückt er auf den Türöffner.
"Etwas zu früh, Frau Leutermann," sagt er zu der eintretenden, eleganten Mittdreißigerin. "Aber kein Problem, nehmen Sie Platz." Er weist auf einen der Stühle am kleinen Tisch am Fenster,
Er beobachtet die Frau, die sich mit anmutigen Bewegungen darauf niederlässt und dann die wohlgeformten Beine übereinanderschlägt,  ehe er den zweiten Suhl in einen 90-Grad-Winkel zu ihr zieht und sich ebenfalls setzt.
"Wie geht es Ihnen inzwischen?" fragt er, während er nach einem Notizbuch greift.
"Ja. Ich denke besser,"
Freundlich schaut er sie an.
"Sie denken,  Frau Leutermann?"
"Also gut, doch. Es geht mir besser."
"Das heißt? Sie haben keine Attacken mehr?"
"Jn ... doch, aber ... wie soll ich sagen ..."
Sie macht eine Pause, ihre Hand zuckt, ein Reflex, in die Tasche zu greifen, den sie sofort zügelt. Der Blick des Mannes folgt der Bewegung.
"Sie wollen jetzt rauchen, nicht wahr? Warum? Was brauchen Sie?
Sie seufzt und schaut durch ihn hindurch in Leere.
"Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Das Rauchen hilft mir auch - gegen das Nichts", antwortet sie schließlich, da er wartet.
"Sagen Sie es ruhig noch einmal. Sprechen Sie es aus."
"Das macht mir Angst, das...das .. Nichts. Wenn da nichts ist. Ich weiß nicht, wie anders ausdrücken. Keiner versteht das. Keiner versteht mich. Die anderen denken, bei der es ist doch alles in Ordnung. Familie, Beruf, attraktiv, gesund, keine Geldsorgen. Aber genau das ist es. Da ist ... nichts. Wo ich hinschaue, ist - nichts. Nur Kulissen, nur Fassade, als wäre es ein Film."
Er lehnt sich zurück und legt die Fingerspitzen aneinander und sagt: "Sie ahnen nicht, wie viele Menschen heutzutage unter diesem Problem leiden. Aber das ist nicht alles, nicht wahr, Frau Leutermann?"
"Es bedroht mich, die Stille, die Leere, wie eine Woge, die mich zu überwältigen droht, wenn ich nicht aufpasse, und ich muss immer etwas etwas tun, z.B. morgens beim Erwachen - sofort das Radio anstellen oder meinen Mann wecken oder ans Telefon gehen und irgendjemanden anrufen. Ich muss dann sofort in den Film hinein gehen, damit ich vergesse, dass es nur ein Film ist und dass ich gar nicht da bin. Wenn ich nichts tue, setzt es sich wie ein Alb auf meine Brust und will mich erdrücken, mir die Luft rauben. Ein Ungeheuer, das hinter allem lauert. Ich darf keine Sekunde aufhören mich abzulenken. Es ist wie Gehen auf einem Seil, eine Sekunde der Ablenkung, der Unkonzentriertheit kann den Absturz bedeuten."
Die Fingerspitzen des Therapeuten beginnen zu wippen und er sagt:
"Aber wir sind doch ein Stück weiter gekommen in den letzten Wochen, oder? Wir haben Ihre Kindheit betrachtet."
"Ja, früher habe ich immer gedacht, meine Kindheit sei genauso sorgenfrei und problemlos gewesen, wie meine Gegenwart - scheinbar. Es gab keine Scheidung, keine Krankheiten, schwere, keine Streitigkeiten, nennenswerte, keine Geldsorgen, keine Unglücksfälle.  Erst Sie haben mir gezeigt: es war Schein, alles nur Schein. Dahinter lauert das Monster. Schon damals. Wie jetzt das Nichts hinter allem lauert ..."
Sie hält inne, atmet schneller.
"Wir wissen jedoch inzwischen, dass es nicht nichts ist, was ihre Angst erzeugt, sondern dass dahinter etwas steckt" sagt der Mann. "Es gibt eine Ursache, sie sträuben sich dagegen sie zu sehen, das ist ein Schutzmechanismus ihrer Psyche. Aber ich helfe Ihnen, der Ursache ins Gesicht zu schauen, sie auszuhalten.
"Ja Herr Doktor."
"Köhler genügt.."
"Herr D ... Köhler. Seit ich weiß, dass es diese Geschichte in meiner Kindheit gab, geht es mir auch besser, seltsamerweise."
"Das ist nicht seltsam. Schon Freud bemerkte, dass die Heilung nur über die Erinnerung führt."
"Freud? Ein Kollege von Ihnen?"
"... so könnte man sagen. Sie haben sich schon ein Stück mehr Ihrer Erinnerung erobert. Wir werden uns dem Schritt für Schritt nähern. Sie haben sich daran erinnert, wie nachts die Schritte kamen, an ihrer Tür, aber nicht herein, sie gingen vorbei. Und dann war da die Stille. Die Stille, die Angst auslöst, nicht wahr? Die Angst vor den Schritten in der Stille."
Die Frau atmet wieder schneller.
"Es ist okay. Sie sind in Sicherheit, vergessen Sie das nicht. Nehmen Sie Ihre Medikamente noch regelmäßig?
Sie nickt und tastet wieder nach der Tasche.
"Und Sie haben sich gewappnet, wie ich Ihnen riet?"
"Ja Herr D... ich habe immer das Handy notrufbereit. Ich habe mir eine Schreckschusspistole besorgt und ein Abwehrspray," antwortet sie mit der Stimme eines braven Kindes.
"Es geht nicht um diese Utensilien, Sie werden sie nicht brauchen. Diese sind nur Symbole Ihres Gerüstetseins, des Gewappnetseins. Sie sind jetzt nicht mehr schwach und schutzlos, vergessen Sie das nicht,
"Ja .. aber dieses Nichts ... es kommt wie eine Welle, wie ein Nebel, der sich auf mich legen, mich ersticken will."
Mit etwas energischerem Tonfall antwortet er:
" Frau Leutermann, nicht das Nichts, nicht die Stille bedroht sie, es war dieses Erleben in ihrer Kindheit, der Mann, der jede Nacht durch die Wohnung schlich, ins Zimmer ihre Schwester."
"Warum hat es keiner damals bemerkt? Warum habe ich es nicht bemerkt, sie beschützt? Meine arme, kleine Schwester?"
"Es ist vorbei. Ihr Onkel ist tot. Autounfall, sagten Sie. Vielleicht war es unbewusst beabsichtigt von ihm, unbewusstes Schuldgefühl, er hat sich selbst gerichtet. Er war der Täter, es ist unnötig, dass sie  sich die Schuld geben. Fühlen Sie sich nicht besser mit diesem Wissen?"
"Ja ... schon ... aber ...Früher war es immer die Leere, die mich morgens als erstes angesprungen ist nach dem Aufwachen, die drohte mich zu ersticken. Jetzt ist es die Schuld, die wie ein Berg da steht und mich erdrücken will."
Sie greift in ihre Tasche, nicht nach Zigaretten, sondern nach Taschentüchern und tupft vorsichtig die Augen.
"Frau Leutermann, ich schlage Ihnen vor, dass wir uns in den kommenden Sitzungen damit befassen."
Sie vereinbaren einen Termin.

Nachdem Frau Leutermann gegangen ist, sitzt Dr. Köhler einige Minuten reglos am Schreibtisch, dann zieht er einen Prospekt aus der Schublade, blättert darin und tippt eine Nummer ins Telefon.
Die Stimme, die aus dem Lautsprecher tönt, ist männlich und wohlklingend.
"Maier-Lies, Therapeuten-Coach und Fortbildung, guten Tag."
Herr Köhler räuspert sich, ehe er beginnt
"Guten Tag Herr Maier-Lies. Köhler hier. Sie erinnern sich an mich? Ich berichtete Ihnen über den Fall Leutermann."
"Aber natürlich. Der Fall Leutermann. Wie geht es voran? Kommen Sie zurecht mit unserer Methode?"
"Ja schon. Die Klientin ist inzwischen von der Existenz eines Kindheitstrauma überzeugt."
"Na wunderbar. Gibt es andere Schwierigkeiten? Tut sie sich schwer mit den Erinnerungsdetails?"
"Aber nein, es ist so, wie Sie bei Ihren Forschungen und Studien herausfanden, dass Frau Leutermann sich tatsächlich an Einzelheiten dieser nicht existenten Erlebnisse erinnert, an Geräusche, Farben, Gerüche, Worte ihres Onkels, das Weinen ihrer kleinen Schwester."
"Sehr gut. Empfindet sie keine Entlastung durch die Erinnerung? Freud war der Ansicht, dass Wiedererleben der Schlüssel zur Heilung sei."
"Jaja, Freud", murmelt Herr Köhler. "Doch, sie sieht es als Entlastung, aber ... es gibt neue Probleme. Sie hat jetzt Schuldgefühle?"
"Wie das?"
"Sie denkt, sie hätte ihre Schwester schützen können und müssen. Sie fühlt schuldig, weil sie still gehalten, nichts unternommen hat."
"Ja, das ist doch großartig?"
"Wie bitte?"
"Da haben Sie einen Ansatz, an dem Sie weiterarbeiten können, ein greifbares Problem! Sie sind ausgebildeter Psychotherapeut, qualifiziert, solchen Problemen zu arbeiten.
Wir füllen mit unserer neuen Methode nur die Lücke, die in der Praxis der Psychotherapie  besteht, der Umgang mit den Nichtproblemen. Wir bieten lediglich eine Fortbildung an für die wachsende Zahl der Fälle von Patienten, bei denen gerade die Abwesenheit aller Traumata und Plessuren das Problem ist und Angstgefühle, Panikattacken erzeugt, subjektiv erlebt als Angst vor dem Nichts, vor der Leere.
Für diese stetig zunehmende Klientel wurde die Methode der Traumaimplantation entwickelt, mit großem Erfolg. Alle anderen Probleme, wie auch Schuldgefühle, sind nicht neu. Die können Sie mit Ihrem bewährtem Instrumentarium bewältigen. In diesem Sinne, weiter so, Herr Kollege!"

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