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Sommernachtstraum der anderen Art


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
Beiträge: 156



BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Sommernachtstraum der anderen Art eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

„Legt bei dem Spinner mal jemand ne neue CD ein?“


Laut ist es. Laut, stickig und heiß. Ich schmecke Salz auf der Zunge. Wie von Schinken in Salzteig, nur ohne Schinken und ohne Teig. Kein Essen. Ich bin hungrig. Aber ich bin nicht hier, um zu essen. Nicht heute. Heute ist Donnerstag. Donnerstag ist Session. Sie spielen schon. Fiddle, Banjo und Steel Guitar. Neues Salz, ein dicker Tropfen diesmal. Ich schwitze mehr als Mary neben mir. Warum, weiß ich nicht. Mary klatscht und springt, obwohl sie so blass ist. Zerbrechlich, durchsichtig fast. Ist das normal? Mary. Meine Feleena, wie in dem Song. Sie will tanzen. Aber ich nicht. Mir ist nicht nach tanzen. Dreh dich weg von mir, dreh dich endlich weg! Da vorne spielt die Musik. Sonst interessiert es dich doch auch einen Dreck, ob ich neben dir stehe. Na wunderbar, da kommt der Kerl mit dem Gitarrenkasten und mit dem unverschämten Grinsen. Der kann seine Finger nicht bei sich behalten. Hör auf, sie so anzustarren! Los, tanz mit ihm und lass mich in Ruhe. Ich will nicht.

Der Song ist aus. Sie haben aufgehört zu spielen. Gleich werden sie singen. El Paso, Feleena, natürlich, wie immer. Es geht schon los. Simon? Natürlich Simon! Wer auch sonst. Früher wollten sie mich hören. Jetzt wollen sie nur noch Simon. Simon mit dem Segelfliegerohren. Simon und Mary. Aber die zweite Stimme fehlt. Simon singt alleine. Das geht nicht! Merkt ihr das nicht? Ohne Mary ist ein Loch in dem Song. Ein Loch, das blutet. Es blutet den Song aus. Das Blut klebt an meinen Füßen. Schweiß auf der Zunge und Blut an den Füßen. Verdammt, ich muss hier raus, bevor ich an dem Blut ersticke oder im Schweiß ertrinke.

Der Ausgang, die Tür. Endlich. Sie quietscht furchtbar laut. Ich drücke sie zu und sperre den Lärm aus. Zumindest fast. Ein Schatten der Melodie quält immer noch meine Ohren. Ein Schatten mit einem grässlichen, blutenden Loch. Das Loch heißt Mary. Der soll aufhören! Der Schatten und Simon. Und der Gitarrenkasten-Mann. Weiter. Zum Meer. Als ob das Meer still wäre. Nein, ist es nicht, aber das Getöse von Wellen ist anders. Es schreit nicht, es singt nicht, es lacht nicht, lacht mich nicht aus, weil meine Freundin anderen Männern schöne Augen macht. Weil sie mit anderen Männern lieber singt als mit mir. Verdammt, dabei ist meine Stimme doch so schön. Schön kratzig sagt Mama. Mit Seele eben! Ja genau, mit Seele. Hört ihr das, ihr verdammten Schönlinge? Meine Stimme hat eine schöne Seele. Naja, vielleicht nicht schön, aber echt. Ehrlicher als die von Simon. Oder die von dem Gitarrenkoffer-Mann.

Das Meer ist laut, aber gleichmäßig wie die Stille. Es überrollt mich mit schreiender Ruhe. Welle für Welle. Der Sand knirscht, wenn er gegen die Felsen gedrückt wird. Wie brechende Knochen. Mary mag das Meer. Und ich mag Mary. Und das Meer. Lass mich in Ruhe! Nein, lasse ich nicht, kann ich nicht, will ich nicht, werde ich nicht. Wieder Salz im Mund, aber mehr als ein Tropfen. Ausspucken oder Klappe zu, so macht man das im Meer.

Das Boot mit dem Außenboarder. Da liegt es und wartet auf mich. So wie Mary auf mich warten sollte. Aber das tut sie nicht. Wie Feleena aus dem Song. Ich kann den Cowboy so gut verstehen. Der bittere Geschmack soll endlich weg. Ich weiß, wie der Motor angeht und wie man das Boot lenkt. Ist ja auch total einfach. Die Wellen unter mir und der Wind um die Nase, das tut gut. Sollen sie doch singen und tanzen ohne mich. Ich hab was Besseres vor, jawohl das hab ich. Auf die Seite ihr Fische und Möwen, jetzt komm ich! Ich will, dass sich das gut anfühlt. Richtig gut, nicht so bitter wie zu lang durchgezogener Tee. Schneller! Ich fühle es noch nicht! Mach Zucker in den Tee, damit er nicht mehr so bitter schmeckt.

Die Lichter vorne an der Bar werden immer kleiner, genau wie die Köpfe im Wasser zwischen den Felsen. Was machen die da überhaupt, die Köpfe? Was wollen die im Wasser? Und warum lachen alle und spritzen sich nass? Klar, die Nacht ist warm und die Luft in der Bar stickig, aber das ist doch kein Grund! Deshalb muss man doch nicht mitten in der Nacht schwimmen gehen, wenn der dünne Stoff an den Körpern klebt und durchsichtig wird. Pobacken und Brüste. Mary Brüste. Das war bestimmt Simons Idee. Oder die vom Gitarrenkoffer-Mann. Natürlich. Sie wollen ihren Körper sehen, sie alle. Aber das sollen sie nicht! Das ist mein Mädchen!

Schneller, das geht doch bestimmt noch schneller! Jetzt sehen sie mich. Endlich. Die Stille ist lauter als der Motor. Geht doch. Sie winken. Lachen sie noch? Nein, tun sie nicht mehr, jetzt schreien sie. Sie alle. Jetzt lacht keiner mehr über mich. Gut so. Da ist Mary. Direkt vor dem Felsen. Verflucht … der Felsen! Salzwasser spritzt überall hin, aber es schmeckt nicht mehr nach Salz. Nicht nur. Es schmeckt nach Benzin und nach Blut. Mein Blut. Marys Blut. Der Motor ist aus. Still.


„Ich hab doch bei der letzten Runde schon gesagt, du sollst bei dem Spinner eine neue CD einlegen! Damit hab ich nicht irgendwann gemeint, sondern sofort! Wofür wirst du eigentlich überhaupt bezahlt?“


Diese Oberschwester kreischt schon wieder wie eine Furie. Eine Furie mit Federn. Und einer langen, gespaltenen Zunge. Ob sie wohl Haare auf den Zähnen hat? Oder einen Damenbart? Bestimmt hat sie einen Damenbart. Einen Flaum über der Lippe und aufgeplatzte Adern überall im Gesicht. weil sie sich immer so aufregt. Der Pfleger soll sich nicht alles gefallen lassen. Los, sag ihr deine Meinung! Oh, er tut es diesmal wirklich. Guter Mann, weiter so.


„Als ob der was merken würde. Der liegt doch eh im Koma.“


„Vielleicht hört er was, vielleicht auch nicht. Aber du weißt genau, was seine Freundin gesagt hat. Er soll immer Musik hören. Sie glaubt eben, dass er davon irgendwann wieder aufwacht. Muss ich dich daran erinnern, wie viel sie uns in die Kaffeekasse gelegt hat, damit wir uns drum kümmern, dass das Gedudel nie aufhört? Und jetzt ist es schon seit ner Stunde ruhig in dem Zimmer.


Mary. Meine Mary. Sie war hier! Und sie kommt wieder. Und sie will, dass ich wieder aufwache. Wenn ich doch nur diesen verdammten Matsch aus meinem Kopf kriegen würde. Aber vielleicht muss ich ja gar nicht mit dem Kopf anfangen. Einen Arm bewegen, das wäre es. Damit ich sie halten und drücken kann. Meinen Arm spüren, das kann doch so schwer nicht sein. Oder wenigstens die Hand, oder einen mickrigen Finger. Komm schon beweg dich. Bewegt euch, ihr Finger. Krümmt euch. Ballt euch zur Faust. Warum gehorcht ihr mir nicht? Das kann doch so schwer nicht sein! Hallo? Was will der denn jetzt? Hab ich mich so in dem Pfleger getäuscht? Der soll bloß aufpassen, was er sagt.


„Ich versteh sowieso nicht, warum das Mädel den Kerl wieder haben will. Er hat sie mitten in der Nacht mit dem Boot angefahren. Ist geradeaus auf die zugerast und hat nicht mal versucht, auszuweichen. Sie hätte tot sein können. Trotzdem sitzt sie jeden Tag an seinem Bett und heult sich die Augen aus, weil er nicht aufwacht. Der Spinner hat das süße Ding doch gar nicht verdient.“


Pass auf Bürschchen! Pass auf, was du sagst. Du rührst meine Mary nicht an. Denk nicht mal dran! Ich muss das verhindern. Ich brauche einen Plan. Der Matsch muss aus meinem Kopf, egal wie. Mit den Augen fange ich an. Dann kann ich sie sehen und ihn beobachten. Und sie sieht, dass ich sie sehe und auf sie aufpasse. Und er sieht, dass ich ihn im Blick habe.


„Schwester?“

„Oberschwester, so viel Zeit muss sein.“

„Oberschwester, wir brauchen nen Doc. Das Mädel sollten wir auch anrufen. Der Spinner macht seine Augen auf.“

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