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Sinkflug


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
Beiträge: 156



BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Sinkflug eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Sinkflug

    Radikale Akzeptanz wenn nichts mehr geht bis zur Erschöpfung die Brandenburgischen Konzerten in stoischer Improvisationswut vor und zurück in meinen Gummihandschuhen löst die Beschichtung Krümel reiben im Schweiß Melodien in meinem Kopf seit Tagen ein Cembalo oder Wochen habe ich niemandem mehr gesprochen zucke zusammen seit dieser Sendung über den leeren Kokon wenn ein Mensch vereinzelt und dieses sich einspinnen und wenn dann plötzlich Musik es ist unsinnig Handschuhe zu tragen ein Zucken der Impuls sie mir von den Händen zu reißen es wird Tage oder Wochen dauern bis sie wieder verstummt könnte ich Enno anrufen oder mich ergeben radikal ergeben

    war es heute Nacht da ich das Mädchen dort sitzen sah hinten im Garten im schattigen Streifen zwischen den hohen Tannen und der Rückseite der Garage darin eingelassen die schwere Metalltür immer einen Spalt offen das Mädchen wie sie auf der Schaukel hockt vornübergebeugt den Boden unter ihren blauen Schnallenschuhen mustert die Kuhle ausgetreten von schleifenden Kinderfüßen und die Mutter zieht oben den Putzeimer über die Fensterbänke ein schabendes Geräusch Schneeschieber auf Steinplatten wirft dunkle Blicke in den Schatten dorthin wo das Kind vornüber

    dabei wollte ich die Abtei besuchen meine schöne Abtei die mir antrug als kleine Geistliche ernste Schritte in den Gassen hoch zur Kirche erst seit Kurzem weiß ich vom Labyrinth im Innern des Felsens und dem Kreuzgang unter offenem Himmel draußen im Meer das kommt und geht umschließt und frei gibt sehne mich mit aller Kraft kein anderer Weg der mir bleibt außer dem Fliegen in der Nacht silberfädiges Cembalo Schwirren im Kopf wie lange es diesmal dauern wird … immerhin …

    have you seen the little piggies crawling in the dirt könnte ich Enno anrufen um das Schweigen zu beenden meine Haut zieht sich zusammen er malte sich den Schlamm aus in seiner letzten E-Mail lustvoll malte er ihn sich aus warm und fest und knöcheltief aus dem heraus er mich in seinen Armen bewahren wollte Halt zu verlieren mich bewahren die nur mit den Fußspitzen den Schlick berührte seinen Halt zu verlieren wo schon die Luft auf meiner Haut schmerzt mein starrer Blick auf die Mail Kopfhaut gespannt wie das Schweigen an meinen Trommelfellen die nicht zu schwingen brauchen um das Hörzentrum flackern zu lassen wie unter Wetterleuchten Ennos Arme feucht und sandig sein Zugriff von hinten ich sehe ihn von hinten meinen Körper umschlingen

    bleib draußen von oben herab bleib draußen bis ich die Teppiche gesaugt den Staub aus dem Haus die Fenster fertig den Eimer geleert and for all the little piggies life is getting worse

    heute Nacht soll es sein fliege ich um die Turmspitze von Saint Michel ich muss es nur beschließen und die Möwen kreischen dazu und ich sehe den Kreuzgang nehme das leuchtend grüne Viereck ins Visier in all dem hell glänzenden Schiefergrau mache mich fertig zur Landung ich sinke und sinke dem Gras entgegen trage Schuhe mit festen Ledersohlen die auf den Steinplatten Sandkörner knirschen lassen werden meine Schritte unter dem Bogengang nachhallen lassen werden meine kleinen ernsten Kinderschritte oder meine leichten fliegenden die ich endlich allein und ich kann meinen Geist leeren wie nie mehr im Leben denn mein Hirn ist noch gefaltetes Leinen im Schrank so still als ich dieses eine Mal dort durch die Gassen schreite und mir ausmale ich sei endlich ohne sie dort wieder hin nur einmal wieder dorthin

    fühle hinterrücks fühle wie über Schulterblättern und Wirbelsäule die Haut zuckt das Fell eines Pferdes das nervös mit dem Kopf schlägt und schnaubt die Haut die von der Leere schmerzt wie die Luft in meinen Gehörgängen unter der Stille zu dröhnenden Tornados wird und unter der Haut vor jeder Berührung das Zucken feine elektrische Peitschenhiebe ein Jucken oder Kitzeln wenn es die anderen Kinder sind ihr Lachen wir malten uns Rätselbilder vor den Zugriffen malten wir Rätselbilder und hielten ganz still dass es nicht aufhören möge weiche Fingerkuppen auf Kleiderstoff gedämpfte Berührungen nie fassten wir uns am Strand an ohne Kleidung auf der Haut

    platzt mitten hinein unter Wasser der viel zu große Junge sein Schatten ich erkenne den Griff seiner knochigen Hände sie ziehen mich tiefer weiß dass er es ist noch Jahre später weiß ich es die Schrecksekunde als ich den Zeitungsausschnitt vor mir auf dem Schreibtisch sehe den Ortsnamen seine Initialen die Namen toter Nachbarsfrauen bin ich seiner todernsten Gier begegnet

    Enno steckt mit den Füßen im Schlamm greift nach mir mit feuchten Händen und weint vor Angst mich zu verlieren die ich den Kopf in den Wolken die Möwen rufen nach mir dabei hat er Angst vor dem Meer der Weite und ich vor seinem Drängen heute Nacht soll es sein und ich lande sanft der Sand knirscht unter meinen Schuhsohlen meine Schritte hallen nach unter dem Bogengang und vielleicht fliege ich durch die dicken Mauern hindurch in die Tiefen der schmalen Gänge der Labyrinthe das Cembalo spinnt feine Stahlwollfäden um meine Hörnerven ich habe versucht wieder und wieder versucht es ihm zu sagen er nimmt mich nicht ernst und beschwört konturlose Bilder die er in seinen feuchten Händen formt und ich suche zu entfliehen am Tag lahm durch sein Entsetzen seinen Schrecken seine ausgestreckten Arme während er einzusinken droht kann ich nicht atmen bekomme keine Luft bettschwer liege ich abends in meiner Paralyse überrollt von Lärm aus dem Nichts mit einem Knall zerreißen Schichten von Luft in meinem Kopf ich versuche mich auf die Möwen zu konzentrieren Schreie und Gelächter kreisender Möwen um die Turmspitze der Abteikirche auf dem Felsenberg vor der Küste und bewege die Arme im Wind der weich unter meinen Händen flattert zeichne Achten neben mir in die Luft stehe senkrecht im Sinkflug

    kannst reinkommen das Fenster schlägt zu das Kind schreckt hoch aus der Vorbeuge dem Vor und Zurück Vor und Zurück der blauen Schuhspitzen über der Erdmulde trägt eine Gänsehaut im Genick unter den Schatten der hohen Tannen der Rückwand der Garage aus dem Spalt der Eisentür dringt ein Geruch von Benzin

    lass es uns wenigstens versuchen ich bleibe ihm die Antwort schuldig everywhere there's lots of piggies living piggy lives und er verstummt

    wenn ich die Augen schließe sehe ich den Abteifelsen das Dorf die Gassen die schmalen Treppen den Anstieg in schimmerndem Silbergrau ein dämmriges Ladengeschäft wir wollten uns umsehen das Bild lässt sich nicht fangen ich wollte allein sein nicht das Kind dieser Frau dieses Mannes dieses unter dunklen Blicken geduckten Mannes abgewiesen weggestoßen die Arme ausgestreckt ich muss mich konzentrieren betrachte den Eimer auf der Fensterbank meine Hände in Gummihandschuhen Schaumperlen sinken daran herunter schwitze im warmen Wasser durch Schaumschlieren auf dem Fensterglas sehe im Himmel helle Sonnenrisse an den Wolkensäumen ich bin wach lass es uns doch bitte versuchen heute Nacht ernste Schritte im Kreuzgang

    das Kind rutscht von der Schaukel sieht zu Boden sieht hinauf zu den Fensterscheiben in denen ist nichts zu sehen und kein Gesicht dahinter es macht kleine steife Schritte über den Rasen über die Terrasse betritt den dunklen Raum den Wohnzimmerteppich sinkt in seinen blauen Schuhen knöcheltief


_________________________________________
Anm.: Die Liedzeilen entstammen dem Song Piggies der Beatles, komponiert und geschrieben 1968 von George Harrison

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