Suchen
Suchabfrage:
erweiterte Suche

Login
Benutzername:
Passwort:
Remember me 
Passwort vergessen?

Schreibwerkstatt Lyrikwerkstatt Das DSFo.de DSFopedia Preisträger Poetry-Slam Arena!


Der Nebelmann


 
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Belletristische Prosa
 Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 18/06/2010 20:54    Titel: Der Nebelmann eBook Antworten mit Zitat

(eine etwas ältere Geschichte von mir, aber ich mag sie, daher stell ich sie hier ein.)


Der Nebelmann


Manchmal sprechen die Leute von ihm. Von dem Mann, der wie ein Geist im Hafen gelebt haben soll. Sie nennen ihn den Nebelmann.

Er sei nicht daran zerbrochen, weil ihm etwas genommen worden wäre, sagen sie, denn er hat nie etwas besessen, nur sein Leben und eine dreckige Hose und ein paar Träume, die ihm die Menschen und die Ratten nicht hätten wegnehmen können. Er schlief im Park unter der Brücke, und wenn es regnete hinter den Containern in einer leeren Blechhalle der Konservenfabrik.

Zu seinem Boot sei er durch einen glücklichen Zufall gekommen.
Bernadette, die anlehnungsbedürftig Händchen hielt, arbeitete stundenweise als Buchhalterin beim Hafenmeister im Erdgeschoss. Er sah sie das erste Mal an einem Augusttag, an dem die Segelboote besten Wind hatten. Er schlief gerade unter dem Löwen von Lindau auf vergammelten Zeitungen, als ihre Lippen ihn wachküssten.

Wispernd fragte sie: „Möchtest du ein Zuhause, wo du dich wohlfühlst?“

Bernadette nahm ihn bei der Hand und sie gingen auf dem Steg zu einem Segelboot. Das mittelgroße Schiff war irgendwann mal über den See gefahren, es musste lange her sein. Der Anstrich war abgebröckelt und der Mast ragte wie eine krumme Fahnenstange empor. Am Rumpf war verwittert „Nebelkrähe“ und die Jahreszahl „1952“ zu lesen.
Sie betraten das Boot und die alten Bretter stöhnten, als wären sie Fischgräten mit erbärmlichen Schmerzen, oder als hätten sie die Schwindsucht mit bösem Fieber. Bernadette fragte ihn nach Geld und Angehörigen. Er schüttelte den Kopf und sagte, dass er so etwas nie besessen habe, oder sich nicht erinnern könne, und dass sie einen süßen Mund habe und er sie gerne küssen würde. Bernadette fragte ihn nicht weiter und hielt ihm ihre schwulstigen Lippen entgegen, und dann küsste er sie, und dann noch einmal. Ihre Lippen waren weich und er saugte daran, als wäre er ein Fisch, der zu atmen versuchte, aber keine Lungen hatte und dessen Kiemen voller Sand steckten.
Sie führte ihn kichernd unter Deck. Die Kajüte war klein und dreckig, die Luft reizte seine Schleimhäute. Es stank nach Öl und das Bullauge war ein ödes Loch mit blinder Scheibe. Auf der Pritsche lag ein sauberer Laken und Bernadette war fett und nackt. Sie war das Obdach seiner Begierde.
Bernadette kam fast jeden Abend auf das Boot. Ihre kalten Hände und der Zigarettenatem waren die einzigen in diesem schwülen Sommer, die nicht schwitzten. Bevor die Sonne aufging, war sie wieder verschwunden, so wie der Dunst über dem trüben Wasser des Hafens. Tagsüber döste er vor sich hin. Die Boote in der Nachbarschaft fuhren morgens raus und die Freizeitkapitäne legten ihm gegenüber eine schmierige Freundlichkeit an Tag, die seinen Magen rebellieren ließ.
Auf den Booten, die in seiner unmittelbarer Nähe vertäut lagen, tummelten sich die Reichen, und ihre krebsroten Weiber kreischten mit den blassen Gören. Am liebsten mochte er den Fischer, der vor Tagesanbruch ablegte und nie vergaß, vorher noch über die Reling in den See zu pinkeln. Wochenlang ging er nicht von Bord, versteckte sich vor Lindau und seinen Gesichtern. Abweisend und fremd war ihm alles geworden. Die Möwen ruhten souverän auf dem Mast und zeichneten das Boot. Der Fischer blieb manchmal stehen und gab ihm etwas von seinem Fang ab. Sie sprachen kein Wort, es war nicht nötig. Die Kinder luden in abends zum Spielen ein und er fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben beachtet und willkommen.
Zu späterer Stunde brachte ihm Bernadette ihren dicken Körper und ließ sich nehmen, als wäre sie ein Trüffel, der zum letzten Mal seine Sporen verteilte. Er liebte sie bis in die frühen Morgenstunden und seine Samenstränge spuckten aus, was er vom Leben bisher bekommen hatte – ein paar Kohlehydrate und ein bisschen warmen Wind. Dann träumte er von toten Hunden, von schwarzen Pferden auf der Schlachtbank und er war glücklich dabei. Selbst Auswürfe des Lebens erschienen ihm in den alkoholgeschwängerten Fantastereien seiner Träume wunderschön.
Dieser Lindauer Sommer war sein Sommer.
Dann war der Sommer vorbei und der Hafenmeister sagte, dass er verschwinden solle. Er sah ihn erst dämlich an und überlegte, ob er den Meister in die See werfen solle, meinte dann aber, dass es ihm nichts ausmache, wegzugehen.
Am nächsten Morgen hing er am Mast und ein paar Leute blickten wohlwollend zu ihm hoch. Eine Silbermöwe ruhte auf seiner Schulter und spielte mit seinem Haar und einem seiner Augen. Bernadette saß wie ein trauriges Walross darunter und weinte. Der Fischer streichelte ihr Haar und schwieg wie damals, als der Nebelmann noch lebte und etwas später dann, da küsste er sie.

Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Ilona
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 437
Wohnort: irgendwo in Hessen


BeitragVerfasst am: 18/06/2010 21:02    Titel: Antworten mit Zitat

Hi,

Du verwendest sehr schöne Vergleiche, das gefällt mir gut. Lindau scheint abgefärbt zu haben, die Geschichte wirkt melancholisch aber nicht eiskalt. Selbst sein Tod hat etwas versöhnliches. Er hatte seinen Sommer und er ist nicht vergessen.

Ein Wort hat mich gestört: Souverän, im ZUsammenhang mit den Möwen. Es stört die Stimmung der Geschichte, vielleicht gibt es ein anderes?

Ich habe die Geschichte gern gelesen, Grüße

Ilona
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
DELA
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 47
Beiträge: 799


BeitragVerfasst am: 18/06/2010 21:06    Titel: ... Antworten mit Zitat

und ich mag die Geschichte auch sehr, lieber Sibi.

Darf ich dir Federn verleihen?

Super geschrieben.

Grüße von Heidi
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Skype Name
The Brain
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 52
Beiträge: 924
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 18/06/2010 21:12    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Sibirer,

sprachlich wahnsinnig schön! Inhaltlich auch ....

kleiner Fehler:

Zitat:
Auf der Pritsche lag ein sauberer Laken


das Laken .... ergo sauberes Laken


Nicht ganz schlüssig ist für mich der Beginn der "Liebesgeschichte"
als Frau kann ich es mir nur schwerlich vorstellen, das eine in bürgerlichem Umfeld lebende Frau einen Obdachlosen küsst ....

Warum er das Boot wieder verlassen muss ist auch nicht recht klar -

aber vielleicht bin ich heute auch einfach nur zu müde ....


... eine wirklich bezaubernde Geschichte - im Sinne des Wortes.

Liebe Grüße

The Brain


_________________
Die Kindheit endet nicht mit dem Erwachsenwerden.
Sie begleitet dich durch all deine Lebenstage.

***********

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

(Hermann Hesse)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Leene
Schreiber-Lehrling


Beiträge: 127


BeitragVerfasst am: 18/06/2010 22:17    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Sibirer,

die Geschichte ist wirklich wunderschön. Vielen Dank dafür.

Ich lerne gerade, welche Fehler man vermeiden sollte, und habe Deine Geschichte daher daraufhin nochmals durchgelesen. Mit Wow-Effekt. Die Figuren sind super entwickelt. Eine schöne und zarte Vorahnung gleich am Anfang des Textes ("Er sei nicht daran zerbrochen, weil..."). Der Konflikt ist da, und die Spannung auch. Schöne Metaphern, aber nicht zu viele.

Zwei Fragen hätte ich noch:

Du beginnst im Präsens und wechselst dann unmittelbar in die Vergangenheit. Das wirkt für mich, weil es hinterher nicht aufgegriffen wird, irgendwie unfertig?

Perspektivenwechsel: Wenn ich es richtig sehe, hast Du erst einen allwissenden Erzähler, dann "die Leute", dann "zoomst" Du (was ich sehr schön finde) auf das Pärchen ran, bis Du "im" Nebelmann bist. Schließlich endest Du wieder über den Schwenk zu "den Leuten" beim allwissenden Erzähler. So gesehen eine runde Sache, und ich fand es auch sehr gut, weil das den Spannungsbogen mit trägt. Nur - das ist quasi eine allgemeine Frage - sollte man die Perspektive so oft wechseln? Oder bestätigt nicht, wie hier, die Ausnahme die Regel?

Viele Grüße

Leene
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 06:24    Titel: eBook Antworten mit Zitat

Hallo zusammen

Ich bedanke mich für eure netten Worte.

liebe Ilona, ich find's sehr schade, dass dir "souverän" fehl am Platze scheint. Wenn man lange Zeit auf einem Segelschiff zu Hause war, in Landnähe immer die Möwen kamen, sich auf dem Mast niederließen, abfällig zu dir herunter sahen, weil du keinen Fisch gefangen hast, dann weiß man, was gemeint ist. Möwen sind Räuber und große Futterneider auf See, die dir die Pest an den Hals wünschen, außer du hast ein paar Fische mitgebracht und zollst ihnen Tribut. Aber viel bist du nicht wert in ihren Augen.

Oh, meine Lieblings-Heidelia, du möchtest wohl, dass ich ein Indianer oder ein Vogel bin, smile*.

hallo liebe Brain

oje, oje, der Sibirier hat's nicht so mit dem Bettzeug, natürlich hast du recht "das Laken", ein schlimmer Fehler.

Zitat:
als Frau kann ich es mir nur schwerlich vorstellen, das eine in bürgerlichem Umfeld lebende Frau einen Obdachlosen küsst

Bernadette ist abgrundtief hässlich, dieses "anlehnungsbedürftig Händchen hielt" am Anfang, ist ein Hinweis auf ihre Einsamkeit, sie ist es, die sich Liebe und Zuneigung sehnlichst wünscht, von wem aber? kann sie denn wählerisch sein?

Zitat:
Warum er das Boot wieder verlassen muss ist auch nicht recht klar -

Im Hafen sind doch einige Bonzen mit ihren Familien, die ihn scheinheilig grüßen, aber ein Landstreicher neben ihren schönen Jachten, das vertragen die wenigsten. War doch nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand über den Kerl aufgeregt hatte. "bezaubernd" oh, das ist aber ein schönes Lob, danke.

hallöchen Leene
Zitat:
die Geschichte ist wirklich wunderschön. Vielen Dank dafür.

oh, ich habe mich zu bedanken, nicht du, aber trotzdem ist das lieb von dir.
Zitat:

Du beginnst im Präsens und wechselst dann unmittelbar in die Vergangenheit. Das wirkt für mich, weil es hinterher nicht aufgegriffen wird, irgendwie unfertig?

Im Original ist der Anfang der Geschichte im Konjunktiv geschrieben, ich hab's hier anders gemacht, aber es funktioniert nicht so gut, wie ich sehe, schön, dass du es erkannt hast und es aussprichst. Ein gutes Auge hast du.
Zitat:

Perspektivenwechsel: Wenn ich es richtig sehe, hast Du erst einen allwissenden Erzähler, dann "die Leute", dann "zoomst" Du (was ich sehr schön finde) auf das Pärchen ran, bis Du "im" Nebelmann bist. Schließlich endest Du wieder über den Schwenk zu "den Leuten" beim allwissenden Erzähler. So gesehen eine runde Sache, und ich fand es auch sehr gut, weil das den Spannungsbogen mit trägt. Nur - das ist quasi eine allgemeine Frage - sollte man die Perspektive so oft wechseln? Oder bestätigt nicht, wie hier, die Ausnahme die Regel?

Weißt du, liebe Leene, ich schreibe rein nach meinem Gefühl und nicht nach dem, was Sitte ist. Ein häufiger Perspektivwechsel ist natürlich eine heikle Angelegenheit, die für Verwirrung sorgen könnte, aber wenn man an den Wechseln keine Zweifel lässt, sie sehr deutlich schreibt, dann ist es kein Hindenis und sorgt sogar für eine schöne Abwechslung im Text.

nochmals vielen Dank.

derSibirier grüßt
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Soraya
Geschlecht:weiblichWuchtbrumme

Alter: 31
Beiträge: 1610
Wohnort: Regensburg


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 09:10    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Sibirier,

das gefällt mir wirklich gut. Ich mag diese leise Melancholie, die sich durch den ganzen Text zieht, ganz besonders. Wahrscheinlich, weil ich selbst sowas partout nie hinkriege. wink

Ein paar Kleinigkeiten wurden ja schon angesprochen. Ich mag deinen Stil und dieses Bildhafte, und während des Lesens läuft wirklich ein Film vor meinem inneren Auge ab. Allerdings gibt es eine "Störungsmeldung", und zwar in Bezug auf Bernadette. Bis zu Bernadettes "schwulstigen Lieppen" war sie für mich nämlich wie eine Elfe - zart, nicht ganz greifbar, sanft, von fast ätherischer Schönheit ... Ich hab' automatisch ein Bild Richtung Cate Blanchett assoziiert. Dann kommen die schwulstigen Lippen und all das andere, was an Bernadette scheinbar nicht so gelungen ist ... Ich tue mich wahnsinnig schwer damit, von einem ersten Bild wieder abzurücken. Bis zum Schluss kann ich dir also nicht so ganz glauben, dass Bernadette nicht hübsch ist und jede neue Beschreibung in diese Richtung unterbricht den Film, den deine Geschichte ansonsten ablaufen lässt. Was ich schade finde. Für mich reicht dein Hinweis "die anlehnungsbedürftig Händchen hielt" nicht aus - von Anlehnungsbedürftigkeit und Anhänglichkeit auf ein nicht gerade ansprechendes Äußeres zu schließen, auf diese Idee würde ich tatsächlich nicht kommen. Für mich müsste also Bernadettes Hässlichkeit direkter schon zu Beginn angesprochen werden, um die Geschichte ganz rund und stimmig zu machen.

Ansonsten aber habe ich das aber sehr gerne gelesen - die Geschichte liegt, passend zum Titel, wie unter einem kleinen Nebelschleier. Fast gedämpft, dadurch aber irgendwie sogar noch intensiver. Gefällt!

LG

Soraya


_________________
I get an urge, like a pregnant elephant, to go away and give birth to a book. -Stephen Fry-

Man muss erst zum Leben aufstehen, bevor man sich niedersetzt zum Schreiben. -Henry David Thoreau-

Ich liebe Probber. -Soraya-
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
ELsa
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 937


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 09:32    Titel: Antworten mit Zitat

Viele Federn für Sibi, das ist einfach wunderbar erzählt!

Mich stören hier die POV-Wechsel garnicht, bei vielen Texten (vor allem meinen eigenen) schon. Diese Geschichte schwebt irgendwie zärtlich und zart dahin.

Eine Mäkelei hab ich aber, weil ichs nicht zusammenkrieg:
Zitat:
Auf den Booten, die in seiner unmittelbarer Nähe vertäut lagen, tummelten sich die Reichen, und ihre krebsroten Weiber kreischten mit den blassen Gören
. Wie das?

Sehr gern gelesen,
ELsa


_________________
--
schreiben ist atmen
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 09:36    Titel: eBook Antworten mit Zitat

oh Soraya, du hier? Das ist mir aber eine Ehre.

Meinst du nicht auch, dass, wenn Bernadette eine hübsche Elfe ist (Cate Blanchett kenne ich nicht, ich verfolge kein modernes Zeitgeschehen), es unglaubwürdig für den Leser scheint, wie es Brain schon anmerkte, also dass da irgendetwas sein muss, was das Mädchen zu seinem seltsamen Handeln treibt?
Wenn man dieses "anlehnungsbedürftige" Händchen halten, noch genauer betrachtet, dann spürt man doch ein ganz klein wenig die großen Enttäuschungen, die Bernadette in ihrem Leben bisher gemacht hatte, so versuche ich es jedenfalls zu übermitteln.
Weiters frage ich mich, was ist hässlich? Ich weiß schon lange nicht mehr, was das ist, Leben ist vergänglich, Gesichter werden alt, verformen sich, Körper dehnen sich, immer mehr komme ich in meinem Dasein darauf, dass es wichtiger ist, was hinter diesem Stück Haut und Knochengerüst verborgen liegt. Darf denn eine gute Elfe nicht hässlich sein, muss sie schön sein, sonst berührt man sie nicht, schön sein, damit sie gemocht wird? War es vielleicht nur ein Vorurteil deinerseits, oder ist es das immer noch? Fragen über Fragen, von mir an dich.

derSibirier grüßt
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 09:43    Titel: eBook Antworten mit Zitat

vielen dank, liebe Elsa:
Zitat:

Auf den Booten, die in seiner unmittelbarer Nähe vertäut lagen, tummelten sich die Reichen, und ihre krebsroten Weiber kreischten mit den blassen Gören
. Wie das?

Verwöhnte Fratzen vertreiben sich die Zeit nicht an Deck in der Sonne, sondern spielen im Schatten unter Deck mit ihren teuren Nintendos, die es ja wohl auch schon Anfang der 90er Jahre gab.

ganz liebe Grüße
derSibirier
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Ilona
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 437
Wohnort: irgendwo in Hessen


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 09:43    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Sibirier

Das Wort souverän hat mir einen Beigeschmack von: Politik,. Unternehmensfühhrung, Konfliktmanagement, eine Sache beherrrschen etc.

Hier schreibst Du eine melancholische Geschichte, da will das Wort nicht so recht passen. Mich stört der Klang, er reisst mich aus der Geschichte.

Grüße von

Ilona
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
ELsa
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 937


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 09:44    Titel: Antworten mit Zitat

derSibirier hat Folgendes geschrieben:
vielen dank, liebe Elsa:
Zitat:

Auf den Booten, die in seiner unmittelbarer Nähe vertäut lagen, tummelten sich die Reichen, und ihre krebsroten Weiber kreischten mit den blassen Gören
. Wie das?

Verwöhnte Fratzen vertreiben sich die Zeit nicht an Deck in der Sonne, sondern spielen im Schatten unter Deck mit ihren teuren Nintendos, die es ja wohl auch schon Anfang der 90er Jahre gab.

ganz liebe Grüße
derSibirier


Raffiniert Rolling Eyes
Kann man dann die Weiber AUF Deck mit ihnen kreischen hören?

Liebe bohrende Grüße
ELsa


_________________
--
schreiben ist atmen
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 10:02    Titel: eBook Antworten mit Zitat

hallo Ilona

genau, das ist es; sie beherrschen die Sache, die Lage auf Deck von ihrem Mast aus, das will ich ja sagen. Wie ein Parlament, das über dem einfachem Volke steht.

smile*, liebe Elsa, ja, das zusammen Kreischen funktioniert, die privaten Boote im Lindauer Hafen und auf dem Bodensee sind meist nicht länger, als ein paar Meter. Da ist man immer in Hör- und Gezetterweite.

derSibirier
grüßt
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Soraya
Geschlecht:weiblichWuchtbrumme

Alter: 31
Beiträge: 1610
Wohnort: Regensburg


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 10:07    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo mein Lieber,

jetzt wird's aber philosophisch. wink

derSibirier hat Folgendes geschrieben:
oh Soraya, du hier? Das ist mir aber eine Ehre.


Die Ehre liegt ganz meinerseits. wink

Zitat:
Meinst du nicht auch, dass, wenn Bernadette eine hübsche Elfe ist (Cate Blanchett kenne ich nicht, ich verfolge kein modernes Zeitgeschehen), es unglaubwürdig für den Leser scheint, wie es Brain schon anmerkte, also dass da irgendetwas sein muss, was das Mädchen zu seinem seltsamen Handeln treibt?


Logisch betrachtet sicher. Nur gehe ich an Geschichten nicht zwangsläufig mit Logik heran - bei einem Krimi wäre das natürlich etwas anderes, da hast du völlig Recht. Bei kurzen Texten dieser Art frage ich aber nicht nach dem "Wieso, weshalb, warum", sondern nehme hin. Und: Liebesbedürftig kann man auch ohne "Hässlichkeit" sein.

Zitat:
Wenn man dieses "anlehnungsbedürftige" Händchen halten, noch genauer betrachtet, dann spürt man doch ein ganz klein wenig die großen Enttäuschungen, die Bernadette in ihrem Leben bisher gemacht hatte, so versuche ich es jedenfalls zu übermitteln.


Natürlich, eben darauf will ich ja hinaus. Enttäuschungen, das "Sich-an-etwas-/jemanden-Klammern", das ist keine Frage von Schönheit oder Hässlichkeit. Ich persönlich denke da an Abertausende von wunderschönen Frauen, die der Magersucht verfallen - weil etwas anderes in ihrem Leben fehlt, weil sie Enttäuschungen / Zurückweisungen ertragen mussten - und glauben oder glauben wollen, es wäre die nicht vorhandene "Traumfigur". Dabei liegt das Problem anderswo.

Zitat:
Weiters frage ich mich, was ist hässlich? Ich weiß schon lange nicht mehr, was das ist, Leben ist vergänglich, Gesichter werden alt, verformen sich, Körper dehnen sich, immer mehr komme ich in meinem Dasein darauf, dass es wichtiger ist, was hinter diesem Stück Haut und Knochengerüst verborgen liegt. Darf denn eine gute Elfe nicht hässlich sein, muss sie schön sein, sonst berührt man sie nicht, schön sein, damit sie gemocht wird? War es vielleicht nur ein Vorurteil deinerseits, oder ist es das immer noch? Fragen über Fragen, von mir an dich.


Da lese ich einen leisen Vorwurf? Nein, keine Vorurteile, und, ganz ehrlich, noch nie gehabt. In Bernadettes Fall einfach nur ein zu später Bruch mit dem Bild, das in mir entstanden ist. (Das "hässlich" kam übrigens von dir! wink) Hätte ich von vornherein ein klareres Bild von Bernadette bekommen, dann hätte das einfach nur meinen Bezug zu ihr verbessert. Nicht weil ich sie lieber hübsch gehabt hätte, sondern weil dann erst gar kein falsches Bild entstanden wäre.

LG

Soraya


_________________
I get an urge, like a pregnant elephant, to go away and give birth to a book. -Stephen Fry-

Man muss erst zum Leben aufstehen, bevor man sich niedersetzt zum Schreiben. -Henry David Thoreau-

Ich liebe Probber. -Soraya-
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 10:15    Titel: eBook Antworten mit Zitat

Zitat:
Da lese ich einen leisen Vorwurf?
aber nur einen klitze kleinen und in Notwehr zu meiner Verteidigung, *smile. Irgendwie tut es mir schon leid, dass ich Bernadettes Bild in dir im Laufe der Geschichte verändere.
Eigentlich hast du recht, romantisch, verbindet man irgendwie immer mit harmonisch, und harmonisch mit hübsch, so einfach ist das. Siehst du, jetzt hab ich etwas wichtiges gelernt. Von dir.

lieben Dank
derSibirier
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
The Brain
Geschlecht:weiblichAutor

Alter: 52
Beiträge: 924
Wohnort: Over the rainbow


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 10:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, lieber Sibirer,

eine Geschichte wie diese lese ich erst einmal mit dem Herzen, dem Bauch
- und oft verliere ich dann gänzlich das Interesse den Kopf hinzuzuziehen, um mir nicht selbst die schönen Empfindungen zu zerstören ....


... da Soraya ebenfalls kleine Probleme mit der Figur der Bernadette zu haben scheint, fühle ich mich in meinem Eindruck bestätigt.
Du hast deine Bilder im Kopf - möchtest sie uns zeigen .... Natürlich kannst du es uns auch in einem Kommentar erläutern.
Eine Geschichte sollte aber doch nicht erklärt werden müssen?


Zitat:
Bernadette mochte Männer. Doch das war einseitig. Sie nahm was kam.


... das wäre so ein erklärender Einschub, um die Sache schlüssiger zu machen ....

und ebenso ...

Zitat:
Dann war der Sommer vorbei. Das Vorhersehbare geschah. Der Hafenmeister …..


Ich möchte dir nicht mit meinen Worten in deinem Text rumpfuschen, war jetzt nur mal ein Beispiel, um aufzuzeigen, was ich meine.


Zitat:
Weiter(s)hin frage ich mich, was ist hässlich? Ich weiß schon lange nicht mehr, was das ist, Leben ist vergänglich, Gesichter werden alt, verformen sich, Körper dehnen sich, immer mehr komme ich in meinem Dasein darauf, dass es wichtiger ist, was hinter diesem Stück Haut und Knochengerüst verborgen liegt.



... und das hast du wieder soooooo schön formuliert ....



Übrigens würde ich persönlich glaube ich auch mit achtzig noch keinen ungewaschenen, nach Alkohol riechenden Obdachlosen küssen ....
Hört sich jetzt nach üblen Vorurteilen an - liegt aber glaube ich eher an der gehörigen Portion Abneigung gegen Schmutz .... Vielleicht, nachdem ich ihn in die Badewanne gesteckt habe?

Embarassed

Liebe Grüße

The Brain


_________________
Die Kindheit endet nicht mit dem Erwachsenwerden.
Sie begleitet dich durch all deine Lebenstage.

***********

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

(Hermann Hesse)
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Ilona
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 437
Wohnort: irgendwo in Hessen


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 11:03    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe mir die Bernadette ganz anders vorgestellt. Buchhalterin, stundenweise im Hafen.... Für mich war sie eine graue Maus, deren romantische Vorstellungen ihr Leben nicht erfüllen konnte.

vermutlich verknüpft jeder seine eigenen Erfahrungen mit dem gelesenen.

Grüße

Ilona
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Liesette
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 38
Beiträge: 240
Wohnort: Dinklage


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 11:09    Titel: Antworten mit Zitat

The Brain hat Folgendes geschrieben:


Übrigens würde ich persönlich glaube ich auch mit achtzig noch keinen ungewaschenen, nach Alkohol riechenden Obdachlosen küssen ....
Hört sich jetzt nach üblen Vorurteilen an - liegt aber glaube ich eher an der gehörigen Portion Abneigung gegen Schmutz .... Vielleicht, nachdem ich ihn in die Badewanne gesteckt habe?

Embarassed

Liebe Grüße

The Brain


Das unterstreiche ich sofort!!! Nicht mal, wenn ich ihn durch die Versuchsküche der Henkel-Labore gescheucht hätte *schüttel*

Hallo DerSibirier,

die Geschichte ist sehr schön erzählt, melancholisch-schön. Ich war so vertieft, mir ist der Perspektivwechsel nicht mal aufgefallen...
Besonders gefällt mir der Schluß, das Bild mit der Möwe und weinenden "Walroß" hat etwas.

Lg,
Silke


_________________
"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann" Francis Picabia
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
derSibirier
Hobbyautor


Beiträge: 415


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 14:53    Titel: eBook Antworten mit Zitat

Hallo Brain

Es ist doch schön, wenn der Leser sich selbst ein bisschen was zusammendenken kann. Das sind für mich Freiräume, die man dem Leser geben darf. Immer alles klar nieder zu erklären, ist überaus gefährlich.

Zitat:
Vielleicht, nachdem ich ihn in die Badewanne gesteckt habe?
jetzt muß ich lächeln, pfui, schlimmes Mädchen, du willst ihm seinen Heldentum wegwaschen, *smile.

Zitat:
Für mich war sie eine graue Maus, deren romantische Vorstellungen ihr Leben nicht erfüllen konnte.
Da kommst du der Sache schon näher, liebe Ilona. Ich hab vor langer Zeit einmal einen Film von so einer rundlichen Buchhalterin mit dicker Hornbrille gesehen, die hab ich irgendwie vor Augen. Zierlich wie eine Maus war sie nicht, aber sehr, sehr grau. Und es ist, wie du es sagst, jeder hat ein bisschen seine eigenen Vorstellungen.

und hallo Liesette
freut mich, wenns einem Zugvogel auch gefällt, nachträglich noch ein Willkommensgruß an dich und alle, die mit dir kamen. Ich sehe das als eine sehr große Bereicherung für das Forum.

derSibirier
grüßt
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Bobbi
Geschlecht:männlichDichter und Denker


Beiträge: 1126


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 15:29    Titel: Antworten mit Zitat

Handwerklich leider nicht so wirklich prall …

Zitat:
Er sei nicht daran zerbrochen, weil ihm etwas genommen worden wäre, sagen sie, denn er hat nie etwas besessen, nur sein Leben und eine dreckige Hose und ein paar Träume, die ihm die Menschen und die Ratten nicht hätten wegnehmen können. Er schlief im Park unter der Brücke, und wenn es regnete hinter den Containern in einer leeren Blechhalle der Konservenfabrik.
Zu seinem Boot sei er durch einen glücklichen Zufall gekommen.



den Konjunktiv I nicht gehalten! - er „hat“ nicht. Er „habe“ usw. Der Zeitenwechsel wurde bereits erwähnt.


„Sagten sie“ wirft unterschwellig die Frage auf, wer „sie“ ist. „sagt man“, „heißt es“ oder „sagen die Leute“, hilft unerwünschte Nebengedanken zu unterdrücken.

Zitat:
Bernadette, die anlehnungsbedürftig Händchen hielt, arbeitete stundenweise als Buchhalterin beim Hafenmeister im Erdgeschoss. Er sah sie das erste Mal an einem Augusttag, an dem die Segelboote besten Wind hatten. Er schlief gerade unter dem Löwen von Lindau auf vergammelten Zeitungen, als ihre Lippen ihn wachküssten.


Mit wem hielt Bernadett wann Händchen? Unverständlich.

Zitat:
Wispernd fragte sie: „Möchtest du ein Zuhause, wo du dich wohlfühlst?“
Bernadette nahm ihn bei der Hand und sie gingen auf dem Steg zu einem Segelboot. Das mittelgroße Schiff war irgendwann mal über den See gefahren, es musste lange her sein. Der Anstrich war abgebröckelt und der Mast ragte wie eine krumme Fahnenstange empor. Am Rumpf war verwittert „Nebelkrähe“ und die Jahreszahl „1952“ zu lesen.


"wispernd fragte" ist doppelt gemottelt. Eines hätte gereicht.

"und sie gingen" liest sich bemüht lyrisch. Die Bessser wäre : …nahm ihn bei der Hand und führte …
Schiff oder Boot? Macht einen erheblichen Unterschied. Die präzisere Bezeichnung des Schiffes/ Bootes hätte den bemühten Teil der Beschreibung erspart.

Zitat:
Sie betraten das Boot und die alten Bretter stöhnten, als wären sie Fischgräten mit erbärmlichen Schmerzen, oder als hätten sie die Schwindsucht mit bösem Fieber. Bernadette fragte ihn nach Geld und Angehörigen. Er schüttelte den Kopf und sagte, dass er so etwas nie besessen habe, oder sich nicht erinnern könne, und dass sie einen süßen Mund habe und er sie gerne küssen würde.


Auch dieser Absatz ist schon sehr bemüht. Der Erzähler gerät in Schwierigkeiten. Der Konjunktiv I gibt im Wesentlichen Hörensagen wieder. Inhalte also, für deren Wahrheitsgehalt sich der Erzählende nicht verbürgt. Entsprechend wäre er vom "verbürgten" Teil der Erzählung zu trennen.

Die Vergleiche, Schwindsucht und Greten mit Schmerzen, sind nicht gerade gelungen und wollen nicht wirklich passen.

Zitat:
Bernadette fragte ihn nicht weiter und hielt ihm ihre schwulstigen Lippen entgegen, und dann küsste er sie, und dann noch einmal. Ihre Lippen waren weich und er saugte daran, als wäre er ein Fisch, der zu atmen versuchte, aber keine Lungen hatte und dessen Kiemen voller Sand steckten.


Eine extrem verworrene Beschreibung

Zitat:
Sie führte ihn kichernd unter Deck. Die Kajüte war klein und dreckig, die Luft reizte seine Schleimhäute. Es stank nach Öl und das Bullauge war ein ödes Loch mit blinder Scheibe. Auf der Pritsche lag ein sauberer Laken und Bernadette war fett und nackt. Sie war das Obdach seiner Begierde.
Bernadette kam fast jeden Abend auf das Boot. Ihre kalten Hände und der Zigarettenatem waren die einzigen in diesem schwülen Sommer, die nicht schwitzten.


Atem, der nicht schwitzt? Kann Atem schwitzen?

Zitat:
Bevor die Sonne aufging, war sie wieder verschwunden, so wie der Dunst über dem trüben Wasser des Hafens. Tagsüber döste er vor sich hin. Die Boote in der Nachbarschaft fuhren morgens raus und die Freizeitkapitäne legten ihm gegenüber eine schmierige Freundlichkeit an Tag, die seinen Magen rebellieren ließ.


Vom Einstieg bis hier wurde die Perspektive von ihr zu ihm gewechselt.

Zitat:
Auf den Booten, die in seiner unmittelbarer Nähe vertäut lagen, tummelten sich die Reichen, und ihre krebsroten Weiber kreischten mit den blassen Gören. Am liebsten mochte er den Fischer, der vor Tagesanbruch ablegte und nie vergaß, vorher noch über die Reling in den See zu pinkeln. Wochenlang ging er nicht von Bord, versteckte sich vor Lindau und seinen Gesichtern. Abweisend und fremd war ihm alles geworden. Die Möwen ruhten souverän auf dem Mast und zeichneten das Boot. Der Fischer blieb manchmal stehen und gab ihm etwas von seinem Fang ab.


"Der Fischer blieb manchmal stehen" -, seltsam unpassende Bezeichnung für ein Anlegemanöver (?)

Zitat:
Sie sprachen kein Wort, es war nicht nötig. Die Kinder luden in abends zum Spielen ein und er fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben beachtet und willkommen.
Zu späterer Stunde brachte ihm Bernadette ihren dicken Körper und ließ sich nehmen, als wäre sie ein Trüffel, der zum letzten Mal seine Sporen verteilte. Er liebte sie bis in die frühen Morgenstunden und seine Samenstränge spuckten aus, was er vom Leben bisher bekommen hatte – ein paar Kohlehydrate und ein bisschen warmen Wind. Dann träumte er von toten Hunden, von schwarzen Pferden auf der Schlachtbank und er war glücklich dabei. Selbst Auswürfe des Lebens erschienen ihm in den alkoholgeschwängerten Fantastereien seiner Träume wunderschön.
Dieser Lindauer Sommer war sein Sommer.


unkommentiert

Zitat:
Dann war der Sommer vorbei und der Hafenmeister sagte, dass er verschwinden solle. Er sah ihn erst dämlich an und überlegte, ob er den Meister in die See werfen solle, meinte dann aber, dass es ihm nichts ausmache, wegzugehen.


Ein neuerlicher Perspektivwechsel zum Hafenmeister. Die Fortführung, „er sah ihn erst …“, klärt nicht angemessen wer wen ansieht. Die Erzählung krankt vor allem an der erzählerischen Qualität. Ausdrucksweise, Gleichnisse, Perspektive und Standort sind nachbesserungsbedürftig.

Grüße
Bobbi


_________________
Wer Tippfehler findet, darf sie behalten.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Aknaib
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 51
Beiträge: 248
Wohnort: Dresden


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 15:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Sibirier,

während ich fleißig schrieb, war Bobbi schneller, trotzdem lasse ich alles wie ich es verfasst hatte.

"Nebelmann" -ein toller Titel, der mich lockte, zu lesen.

Allerdings hat mich der Zeitenwechsel gestört.
Anders wäre es gewesen, du schließt am Ende den Kreis indem du wieder auf die Leute zurück kommst die da sagen: ?

Du schreibst:
Zitat:
Ein häufiger Perspektivwechsel ist natürlich eine heikle Angelegenheit, die für Verwirrung sorgen könnte, aber wenn man an den Wechseln keine Zweifel lässt, sie sehr deutlich schreibt, dann ist es kein Hindenis und sorgt sogar für eine schöne Abwechslung im Text.

Weißt du, liebe Leene, ich schreibe rein nach meinem Gefühl und nicht nach dem, was Sitte ist.
Eine interessante Aussage unter Wikipedia findet sich folgende Definition zu Sitte:
Sitte ist der auf Tradition und Gewohnheit beruhende, durch moralische Werte, Regeln und Normen bedingte, in einer bestimmten sozialen Gruppe oder Gemeinschaft übliche und für den einzelnen dann als verbindlich geltende Wertekanon.

Ist ein Handwerk, zu dem ich das Schreiben zähle, eine Sitte der man nachgeht und sie durchbricht weil man anderer Meinung ist, meint man kann etwas auch ohne handwerkliches Können?

Sitte hin Sitte her.
… der Perspektivwechsel ist leider nicht frei von Zweifeln und damit deutlich; wie hier:
Zitat:
Bernadette, die anlehnungsbedürftig Händchen hielt, arbeitete stundenweise als Buchhalterin beim Hafenmeister im Erdgeschoss. Er sah sie das erste Mal an einem Augusttag, an dem die Segelboote besten Wind hatten. Er schlief gerade unter dem Löwen …
Der Übergang zu Bernadette, verbunden in dieser Form, ist zu abrupt. Da hilft auch keine Leerzeile.
Mit wem hielt sie Händchen?
Das erschließt sich mir nicht und reicht als Charakterskizze nicht, sie als anlehnungsbedürftig zu empfinden.

Anders als bei meinen Vorgängerinnen kann ich mir vorstellen –auch wenn ich das niemals persönlich tun würde- brrr, schüttel- dass Bernadette ihn küsst, wenn du ihr Bild präziser gestaltest.

Stelle sie obwohl sie eine Job hat und ein Dach über dem Kopf genauso als Außenseiterin dar wie den Nebelmann.
Das ist dir nicht gänzlich gelungen, trotzdem ich zu verstehen glaube was du meinst.
Dazu gehört auch dieser Satz:
Zitat:
Zu späterer Stunde brachte ihm Bernadette ihren dicken (fülligen) Körper und ließ sich nehmen, als wäre sie ein Trüffel, der zum letzten Mal seine Sporen verteilte.
Es ist nur eine Kleinigkeit doch das Wort „dick“ im Vergleich mit wohlschmeckenden Trüffeln wertest du für mich sofort den darüber stehenden Satz ab, der besagt, dass der Nebelmann sich wohl fühlt.
Zwischen diesen beiden Verlorenen ist eine symbiotische Beziehung entstanden, die für beide ein kleines Glück darstellt; auch da passt das negative „dick“ irgendwie nicht.

Zitat:
Er sei nicht daran zerbrochen, weil ihm etwas genommen worden wäre, sagen sie, denn er hat (nie) etwas (nichts) besessen, nur …


Zitat:
Zu seinem Boot sei er durch einen glücklichen Zufall gekommen.
Wie sich rausstellt ist es nicht sein sondern ein Boot.

Zitat:
Eine Silbermöwe ruhte auf seiner Schulter und spielte mit seinem Haar und einem seiner Augen.
Inhaltlich ein toller Satz, der jedoch in sich zu viele Wiederholungen enthält.
Vorschlag: Eine Silbermöwe ruhte auf der Schulter des Nebelmannes, spielte mit dessen Haar und seinem rechten Auge.

Zitat:
Der Fischer streichelte ihr Haar und schwieg wie damals, als der Nebelmann noch lebte und etwas später dann, da küsste er sie.
Das damals finde ich nicht so gut. Es klingt, als wäre der Tod des Nebelmannes länger her und nicht erst gestern gewesen.
Mir gefällt dieser Satz als stille Pointe richtig gut.
Doch wie gesagt, in der jetzigen Gesamtfassung der Geschichte fände ich einen Bezug –auch im Präsens geschrieben- zum Anfang runder.
Eventuell könntest du genau diesen Satz dazu nehmen: Die Leute sagen, damals hat der Fischer ihr Haar gestreichelt ...

Herzliche Grüße
Bianka
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Ilona
Geschlecht:weiblichHobbyautor


Beiträge: 437
Wohnort: irgendwo in Hessen


BeitragVerfasst am: 19/06/2010 16:02    Titel: Antworten mit Zitat

Einspruch

Mir gefällt der Schlussatz wie er ist. Die Trauer um den Nebelmann ist kurz, weil Bernadette anlehnungsbedürftig ist. Sie braucht irgend jemanden um sich anzulehnem, da tut es der Fischer wie der Nebelmann.

In dem Satz steckt die ganze Verlorenheit nicht geglückten Lebens. Es könnte auch ganz anders gewesen sein, jeder kann sich seine Gechischte denken.

Ein Mensch wie der Nebelmann wir mit dem letzten Atemzug zum Schemen, schliesslich hat ihn keiner wirklich gekannt. Für mich passt das.



Grüße

Ilona
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Deutsches Schriftstellerforum Foren-Übersicht -> Belletristische Prosa Alle Zeiten sind GMT - 11 Stunden
Gehe zu Seite 1, 2  Weiter
Seite 1 von 2



 
 Foren-Übersicht Gehe zu:  
Sie können keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Sie können auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Sie können Ihre Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Sie können Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie können an Umfragen in diesem Forum nicht teilnehmen.
In diesem Forum darfst Du keine Ereignisse posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum herunterladen


EmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlungEmpfehlung

von LightVersionXX

von Jarda

von lupus

von lupus

von EinUngebetenerGast

von Feuerpfote

von Brian Brazzil

von ChaosQueen

von Feuerpfote

von femme-fatale233

Impressum Marketing AGBs Links

Powered by phpBB © 2001, 2005 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de
Du hast noch keinen Account? Klicke hier um Dich jetzt kostenlos zu registrieren!