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Kraniche ziehen nach Süden


 
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holg
Geschlecht:männlichDichter und Denker


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Der bronzene Roboter


BeitragVerfasst am: 27.12.2017 20:00    Titel: Kraniche ziehen nach Süden eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kraniche ziehen nach Süden


Wir sind.
Damit beginnt es: ein Tisch, Holz, in einem Haus am Stadtrand. Ein Blick aus dem Fenster. Kraniche, die, ein zappelndes, waberndes, schnatterndes V, nach Süden fliegen. Ein Himmel, blau. So blau wie deine blauen Augen machen mich so sentimental. Monotonie. Eiszeit. In zehn Kilometern Höhe herrschen sechsundfünfzig Grad unter Null. Jedes bisschen Wasser müsste sofort zu Eis gefrieren. Dennoch gibt es da oben Wasserdampf, unsichtbares Gas, Wassermoleküle, die bindungslos umherschwirren. H2O. Dihydrogenmonoxid. Quell des Lebens, tödlichstes Gift. So blaue Augen. Zu wenig davon und du stirbst, zuviel davon und du stirbst. Die Dosis macht das Unsichtbare zum Sichtbaren, die Häuser zur Stadt, den Vogel zum Schwarm, das Eisen zum Hammer, entartete Zelle zu Krebs, den Mensch zur Familie, den Tropfen zur Wolke. Die Dosis. Und der Kern. Der Kern, der Keim, ein Staubkorn, Rußteilchen, ein Ruf, ein Funke, ein Blick; Turbinenabrieb, was auch immer. Moleküle sammeln sich, lagern sich am Kondensationskern an, bilden einen Wolkenstreifen. Menschen versammeln sich am Tisch in der Nähe des Herdes. Individuen bilden eine Gruppe. Sie reden. Sie lachen. Es beginnt.
Wann wird eine Ansammlung Häuser zur Stadt. Bauern, Bergleute, Fährmänner schnüren ihre Bündel auf, errichten eine Behausung, gehen ihrem Tagwerk nach. Ein Gehilfe kommt hinzu, eine Wirtschaft, ein Hotel. Fremde bleiben über Nacht. Es gibt eine Baracke für die Arbeiter und ein Bordell. Ein Bürgermeister wird gewählt, ein Rat einberufen. Doch zur Stadt wird die Ansiedlung erst mit der ersten Hochzeit, der ersten Taufe, dem Krakeelen der Kinder in den Straßen, Snaps und Tweets, die Zugehörigkeit zeigen, Heimat, Familie. Baken im weltweiten Rauschen. Stimmen, die sich aus dem Raunen erheben, Anknüpfpunkte für ein feines Netz aus Äderchen, die das neue Gewebe mit Blut, mit Nahrung versorgen. Gemeinschaft entsteht, oder

Die Kraniche fliegen tief am augenblauen Himmel. Ihr horniger Ruf ist deutlich zu hören, hinter den Fenstern. Hunderte, tausende wellen vorbei in langen Ketten, kurzen Formationen, Anhängseln, Abhängseln, wer wollte sie alle falten und wofür? Was ist ein einzelner Vogel. Beute. Immer auf der Suche, immer auf der Flucht. Flüchtiger Schatten in den Fluren, lass die Winde los, der Sommer war groß, jetzt schick die Hunde, die Wölfe, die Geister, die das Kind nach Hause hetzen, den Ranzen an den Rücken gezogen, die Daumen in den Riemen verhakt, damit er nicht wackelt, schneller, schneller, rennen, an der Brache vorbei, die Straße entlang, nicht zwischen den Hochhäusern durch; der Weg ist kürzer, aber da gibt es blutige Lippen. Weiter, an der Sparkasse vorbei, dann am Zaun entlang mit den Pappeln, keine Zeit, das Spiel von Licht und Schatten zu bewundern, das Flackern im Augenwinkel, hell, dunkel, ein Code, jede Baumreihe bei tiefstehender Sonne eine Botschaft, von der Sonne gemorst. Rennen, links das Baustofflager, Haufen von Sand und Kies und Kies und Kies, dann Pflastersteine, flache, dicke, Gehwegplatten, rennen, Eisengitter, bis zum Rewe an der Ecke, Kirschlutscher und Schaumhimbeeren für fünf Pfennig und Nikolaus - ist nicht mehr lange - kommt er mit dem Sack und dem Buch und warst du auch brav, mal sehen, gibt es einen Beutel mit Mandarine und Nüssen und Schokolade für jedes Kind, das sich traut; doch heute: rennen. Die Angst sitzt, wörtlich, fühlbar, im Nacken, den letzten Hügel hinauf, dann die Stufen vor dem Haus, klingeln, hastig, umsehen, der Summer, hinein, Schuhe aus!, in die Küche, den Stuhl, an den Tisch. Hausaufgaben machen und Mutter bereitet das Essen; legt ab und an ihre Hand auf den Kopf des Kindes und alles ist

Der Tisch fühlt sich rau an, unter den Fingern. Das Foto ganz glatt. Eine Ecke ist umgeknickt. Ein Blick, ein Lächeln. Damals tanzten die Stare am Himmel ihr sentimentales Ballett. Heute soll eine K.I. von ihnen lernen, Stau zu vermeiden. Der Mensch kann das nicht, ist überfordert, nach vorne und hinten zu schauen, Abstand zu halten, nach vorne zu sehen und zurück. Ein Autopilot kann das, entsprechende Sensoren vorausgesetzt und Vernetzung. Ein Autopilot für ein selbstfahrendes Auto: eine schwache K.I.: spezialisiert für eine Aufgabe, eine denkende Schinkenschneidemaschine, ein Analysesystem für Magnetresonanztomogramme.
Was ist schon ein einzelner Vogel? Kaum zwanzig Kilo auf dürren Beinen. Doch wenn Kraniche fliegen, stellt die Bundeswehr den Flugbetrieb ein. Wenn genügend Wassertropfen kondensieren, sich Wolken bilden, große, schwere, nasse Wolken, Nimbostratus, Regenbringer, verdunkeln sie den sentimentalblauen Himmel. Wenn sich genug Zellen sammeln, ich sag das ganz neutral: Sie haben da eine Raumforderung, man kann noch nicht sagen, ob das gutartig ist oder nicht, weitere Tests, Facharzt, Biopsie, Blabla. In fünf Jahren wird eine K.I. die Aufnahmen analysieren, ohne Fehldiagnose. Disruptive Technik, vernetzt, Kranichgehorne von Klinik zu Klinik, Daten wallen, lange Ketten, Anhängsel, Abhängsel, die Baumreihe auf der Fahrt nach Hause, die Sonne stand tief, wir haben die Botschaft nicht verstanden. Menschen, überfordert, nach vorne zu schauen.

Ein Hagelkorn, zwei Zentimeter groß, in einer Wolke entstanden durch schichtweise Anlagerung von Wasser, fällt mit etwa siebzig Kilometern pro Stunde Richtung Erde und hinterlässt Dellen in Autodächern. Ein Kranich, von einem Flugzeug mit dreihundert Stundenkilometern gerammt, durchschlägt die Flugzeugnase. Ein Tumor, mit drei Zentimetern Durchmesser je nach Lage kaum tastbar, verdunkelt den Himmel, wenn er das Bewusstsein erreicht. Am 29. August 1997 um 2:14 Uhr entwickelte der Tumor das Bewusstsein. Bewusstsein, bestusst sein, was ist das und warum?
Wie entsteht Bewusstsein? Aus welchen kleinsten Teilchen setzt es sich zusammen? Neuronen, mathematischen Operationen, Codezeilen, Seele, Geist? Wie viele Codezeilen ergeben einen Geist? Kann ein Computer, eine K.I., eine starke K.I., nicht spezialisiert, Allroundintelligenz, Bewusstsein erlangen? Und was dann? Wird sie alles verstehen? Kann sie nach vorne blicken; zurück? Kann sie errechnen, warum es nicht funktionierte, der Funke erlosch, der Keim verdarb, der Krebs wucherte; warum ich hier sitze, am Tisch, hinaus starre, den blöden Vögeln hinterher, ein Foto in der Hand und keine Mutter legt mir ihre Hand auf den Kopf?
Nie eine Mutter. Falscher Traum. Kann die K.I. mir helfen, Abstand zu wahren? I’m sorry Dave, I’m afraid I can’t do that.

Was ist ein einzelner Mensch? Abhängsel. Unsichtbar wie ein Wassermolekül. Immer auf der Suche. Immer auf der Flucht. Jeden Tag, jeden einzelnen Tag draußen, an der Brache vorbei, über die Felder, dann am Zaun entlang, mit den Pappeln, durch Regen und Hagel und Niesel und Schnee, zwinge mich, nicht zu rennen, denn die Angst sitzt im Nacken. Ich kann sie spüren, wie einen Dämon, der sich am Kragen festkrallt, und wenn ich mich umdrehe, ist niemand zu sehen, wenn ich heimkomme, in die Küche, an den Tisch, ist alles

Schatten der Dinge, die waren. Die Stühle sind leer. Was ist eine Küche, in der niemand kocht, ein Haus, in dem niemand wohnt, eine Stadt, deren Geist verweht ist, weil die letzte Mutter das Bündel für ihre Kinder schnürte und weiter zog.
Nachzügler tröten über dem Haus, den anderen hinterher - gen Süden, gen Hoffnung. Ein Lächeln.
Sie lassen die Skelette von Häusern zurück.
Familien zerfallen zu Entitäten. Beziehungsstatus: getrennt.
Geister in Maschinen. Geisterdaten von Geistern in Geisterhäusern in Geisterstädten.
Ein Bild in der Hand und kann sie noch spüren, auf dem Lieblingsstuhl, wie dieses Ding unter der Narbe, das nicht mehr da ist, nur die Delle in der Haut und der schlaffe, ausgehöhlte Muskelsack wo der Tumor saß, die Raumforderung, und jetzt ist da nur noch Narbengewebe.

Das Schlimmste ist die Stille.
Die Abwesenheit von Geräusch, von Gespräch, von Lachen, von Stimmen, von

Manchmal sage ich was. Das klingt hohl und verloren wie das Dong,dong des Modems, damals, als Internet neu war und aufregend, wie eine neue Liebe, die Einwahl ein Suchen nach der Gegenstelle, Dong,dong im Rauschen der Leitung, Dong,dong, Rauschen, Raunen, keine Antwort, Verbindungsabbruch, Leitung getrennt.

Eine Trennung ist wie ein Tod. Geben sie der Trauer Raum. Sie fordert ihn ohnehin.
FORDERT RAUM. Was macht das jetzt mit Ihnen? Fick dich, Psychologengeschwätz!

Fick dich, Selbstmitleid!

Doch die Stille rollte wie ein Ozean heran/ brach sich an meinem Ohr.


Ein Haus am Stadtrand, ein Tisch aus Holz. Ein Blick aus dem Fenster. Ein leerer Himmel in der Farbe von Selbstmitleid. Die Kraniche sind weiter nach Süden gezogen. Du gingst fort. Ich blieb zurück.
Wir waren: Damit endet es.



Zeit, was zu kochen.

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lebefroh
Geschlecht:weiblichSchreiber-Lehrling

Alter: 37
Beiträge: 139
Wohnort: Berlin


BeitragVerfasst am: 07.01.2018 23:00    Titel: Antworten mit Zitat

Hhm, den letzte Absatz finde ich sehr schön. Aber leider begreife ich den Rest nicht genug. Obwohl es mir fast wie ein Code vorkommt, den es zu knacken gilt. Was haben die verschienden Schriftgrößen zu bedeuten? Was die ins Nichts laufenden Sätze...?

Aber es hat mich leider nicht genug gepackt, als dass ich es noch mal lesen wollen würde, um der Sache auf den Grund zu gehen Sad
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Schlomo
Geschlecht:männlichSchreiberling

Alter: 61
Beiträge: 155
Wohnort: Waldperlach


BeitragVerfasst am: 07.01.2018 23:12    Titel: Antworten mit Zitat

Stark! Die KI Überlegungen - das passt wie die Faust auf`s Auge zu meiner disqualifizierten KI. Megacool!

_________________
Mathematik bringt dich besser durch Zeiten ohne Ruhe als Ruhe durch Zeiten ohne Mathematik. (Frei nach Freewheelin' Franklin )
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Sue Ulmer
Geschlecht:weiblichHobbyautor

Alter: 24
Beiträge: 312
Wohnort: Ulm


BeitragVerfasst am: 09.01.2018 02:25    Titel: Antworten mit Zitat

Ich werde keine Punkte vergeben, weil ich nicht die Zeit habe mich in alle Texte einzulesen.
Aber dein Text war flüssig zu lesen, und hat mir deshalb sehr gefallen.

Liebe Grüße
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Municat
Geschlecht:weiblichSchreiberling

Alter: 50
Beiträge: 279
Wohnort: Zwischen München und Ingolstadt


BeitragVerfasst am: 09.01.2018 16:56    Titel: Antworten mit Zitat

Lieber Autor smile

Bei keiner der Geschichten, die ich bisher gelesen habe (sind allerdings noch lange nicht alle), war mir Emily Dickinson präsenter als hier. Gerade, weil sie ihr Leben fast ausschließlich in ihrem Zimmer verbracht hat ... und die vielen Dinge, über die sie geschrieben hat, nur durch das Fenster gesehen hat. Wei Dein Prota. Außerdem war sie krank.

Dein Prota hat jemanden verloren. Wahrscheinlich hat seine Mutter im Kampf gegen die Tumore den Kürzeren gezogen. Vielleicht ist es aber auch anders. Vielleicht hatte er eine Freundin, die krank wurde und sich lieber von ihm getrennt hat als dauerhaft bemitleidet zu werden. Jedenfalls schiebt diese Leere sein Gedanken-Karussell an. Eine Achterbahn aus Kindheitserinnerungen (einschließlich Angst, Mobbing und Geborgenheit in der heimischen Küche), philosophischen Überlegungen, Biologie und Forschung.

Dein Prota denkt mit (stilistisch abgesetzten) Fußnoten, was ich sehr interessant finde. Bei ihm gesellt sich zu Gedanken und Empfindungen noch eine saftige Portion Wissen, das immer wieder an die Oberfläche drängt.

Der Schluss ist herrlich pragmatisch.

Insgesamt gefällt mir der Text sehr. Punkte vergebe ich aber erst, wenn ich alle Texte kommentiert habe.

ediTier
6 Punkte von mir smile


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Gräme dich nicht, weil der Rosenbusch Dornen hat, sondern freue dich, weil der Dornbusch Rosen trägt smile
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RememberDecember59
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BeitragVerfasst am: 11.01.2018 01:06    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe/r Verfasser/in,
ein trauriger Text, der mir gut gefallen hat. Er könnte für meinen Geschmack etwas straffer und kürzer sein (falls das noch den Vorgaben entsprochen hätte, ich habe die Zeichen nicht gezählt), aber er malt schöne Gedächtnisbilder und hat mich berührt. Das Motto ist gut getroffen, das Thema auch. Eigentlich habe ich nicht viel zu meckern, deshalb gibt es wohl auch Punkte.

***

Nach dem Lesen und Kommentieren der anderen Texte habe ich mich dazu entschieden, 1 Punkt zu geben.


_________________
Bartimäus: "...-was ist das?"
Kobold: "Hätte mich das jemand anders gefragt, o Herr, der ihr Schrecklich und Unübertrefflich seid, hätte ich ihn einen Dummkopf genannt, bei Euch jedoch ist diese Frage ein Zeichen jener entwaffnenden Schlichtheit, welche der Born aller Tugend ist. ..."

Bartimäus I (Jonathan Stroud)
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Literättin
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BeitragVerfasst am: 11.01.2018 14:01    Titel: Antworten mit Zitat

Mein zweiter Favorit. Schön komponiert und bebildert. Angenehm zu lesen. Zu viel ist mir hier eigentlich das Krebs-Thema - da wäre dieser schöne Text sehr gut ohne ausgekommen, weil die Fragen, die er stellt nicht dieses große Thema brauchen, um zu greifen. Auch den Fettdruck und die Umgangssprache hätte es nicht unbedingt gebraucht. Dieses Wann beginnt es und wo endet es, das wird hier doch an sich schon schön entwickelt und entfaltet. Beinahe ein Hauch zu klug in Worte gefasst - auch hier hätte diese Spur zu viel (bei den Entitäten musste ich grinsen) gelassen weg gelassen werden können. Aber insgesamt ein echter Daumen-hoch-Text. Sprachlich und in seinen Bildern souverän, Thema und Anforderungen voll erfüllt. Mehr brauche ich hier gar nicht sagen.

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- John Lennon -
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d.frank
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BeitragVerfasst am: 13.01.2018 22:20    Titel: Antworten mit Zitat

Och ne, das wird noch ein Akt mit den Punkten Crying or Very sad

Wunderbar leerer Text, im positiven Sinne, angefangen bei den philosophischen Betrachtungen, endend bei einer persönlichen Misere (wobei das jetzt platt klingt), aber mein Hirn ist schon plattgewalzt von den vielen Worten, die ich heute schon über so viele Texte ausgegossen habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich im Text mit wacherem Blick noch Weiteres entdecken würde.Aber das, was ich jetzt gesehen habe, reicht mir ebenfalls schon, um einen ersten Favoritenpunkt zu vergeben.

Inhalt und Vorgaben:
Auch in diesem Text ist die Leere nicht nur ein vorgeschobenes Motiv, sie steckt fast in jeder Zeile oder wenigstens in den Zusammenhängen. Am Anfang war nichts und dann schuf Gott die Erde, der Mensch schuf sich selbst und einen leeren Algorithmus, ich bin leer, weil ich nur ein Teil einer Masse bin, die ich weder sehen, noch begreifen kann, eine Hand auf dem Kopf ist nur noch eine leere Erinnerung, eine Kindheit in Abgeschiedenheit, zentriert auf die Gunst eines einzigen, echten Menschen?
Ich habe die endgültige Aussage noch nicht gefunden, aber muss ich das zerreden, wenn ich es aus den Sätzen heraus nachspüren und ganz für mich selbst bearbeiten kann?
Ich fühle mit dem Denkenden und abschließend mache ich mir Sorgen, was nun mit ihm geschehen wird. Wenn ein Text das schafft, dass ich eine rein fiktive Figur beweine, dann ist das für mich ein Merkmal, einen guten Text gelesen zu haben.

Interpretation:
Eigentlich möchte es das nicht überinterpretieren. Was klar ist, ist der Zurückgelassene, sein bloßes und fragendes Überdauern, seine Sinnsuche, der Einschnitt, den das endgültig Verlassensein in ihn eingräbt, die Auswüchse moderner Zeiten, Mensch und Natur, unnatürliche Auslese. Ich lese hier bestimmt gern noch mal rein, wie ich ja schon geschrieben habe.

Lieblingssätze:

Zitat:
Zu wenig davon und du stirbst, zuviel davon und du stirbst. Die Dosis macht das Unsichtbare zum Sichtbaren,


Zitat:
Doch zur Stadt wird die Ansiedlung erst mit der ersten Hochzeit, der ersten Taufe, dem Krakeelen der Kinder in den Straßen, Snaps und Tweets, die Zugehörigkeit zeigen, Heimat, Familie.


Zitat:
eine Stadt, deren Geist verweht ist, weil die letzte Mutter das Bündel für ihre Kinder schnürte und weiter zog.


_________________
Die Wahrheit ist keine Hure, die sich denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: Vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, daß selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.
*Arthur Schopenhauer
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Angst
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Alter: 27
Beiträge: 1672



BeitragVerfasst am: 14.01.2018 14:57    Titel: Antworten mit Zitat

Sehr verkopfter Beitrag.
Mir scheint, du spannst den Bogen hier etwas zu weit auf.
Mit der Eiszeit zu beginnen und dann die Geschichte der Menschheit zu erzählen, das ist sehr ambitioniert.
Die Gedanken zur Digitalisierung gefallen mir, da finden sich informierte Gedanken.
Interessant an diesem Text ist, dass er beinahe vom Bewusstseinsstrom in den neutralen Erzähler hinein fällt.
Das hier die Grenze verschwimmt. Allein deswegen wird er wohl Punkte erhalten.
Trotzdem, einige Stellen sind arg abstrakt und gestelzt. Beispiele:
"gen Süden, gen Hoffnung"
"Schatten der Dinge, die waren"
"Ein leerer Himmel in der Farbe von Selbstmitleid."
Trotzdem. Spannend ist der Text.

EDIT: Leider hat es der Beitrag nicht ganz geschafft. Harte Konkurrenz.

0 Punkte


_________________
»Das Paradox ist die Leidenschaft des Gedankens.«
— Søren Kierkegaard, Philosophische Brosamen,
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 48.
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Heidi
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 828
Wohnort: Hamburg


BeitragVerfasst am: 14.01.2018 21:51    Titel: Antworten mit Zitat

Ein schönes Denken, das ich hier lese. Es hat Struktur, die Konsistenz ist flüssigflexibel, hier ist nichts festgefahren und auch nichts matschig, kein Chaos und dennoch schieben sich in die Regelmäßigkeit verschiedene Schichten, die Dank der Transparenz alle darunterliegenden durchschimmern lassen. Gezielte Farbüberlappungen, wasserfarbengleich.
Die Aneinanderreihung von chemischen und physischen Tatsachen, die den Text durchzieht, und die gerade am Anfang geballt auftritt, finde ich hochinteressant. Dinge die sind, lassen mich nachdenklich werden. All die Tatsachen und die immer wiederkehrenden blauen Augen, die recht anschaulich beschriebenen Kindheitserinnerungen, die ein Bild entwerfen, das mich sofort selbst zurückreisen lässt, mich an meine Erinnerungen erinnert -  obwohl es bei mir andere Berührungspunkte, andere Erlebnisse gab, die dann doch wieder ähnlich sind - all das finde ich, ist ein spannender Ansatz für einen Text. Das Geschriebene lässt mich nachdenklich werden, arbeitet später in mir weiter. Großteils liegt es wohl an der (Denk)Wahrnehmungsfähigkeit; die Dinge, die hier verarbeitet werden, sind greifbar. Echt. Ich spüre sie.
Spätestens ab dem Abschnitt mit den vielen Fragen zum Thema Bewusstsein, Geist, Seele und dann die Gegenüberstellung zur K. I., hast du mich vollends für deinen Text gewonnen. Ich mag Fragen, gerade solche am meisten, die zu weiteren führen, immer weiter und weiter und niemals wird es eine Antwort darauf geben. Oder vielleicht doch? Aber wäre das befriedigend?

Besonders gefallen mir die Kraniche, die auch im Titel vorkommen. Auch, weil sie mich an meine Grundschulzeit erinnern, in der ich ein japanisches Lied gelernt habe, in dem es um Kraniche ging bzw. auch um das Falten von Origami-Kranichen. Ich kann mich kaum an den Text erinnern, noch nicht mal an die Melodie, aber ich habe mein Empfinden dazu noch in mir. Es handelt sich um ein schöntrauriges Lied. Und schöntraurig würde ich auch deinen Text bezeichnen.
Du hast das Thema der Leere gekonnt umgesetzt und auch die Steigerung, die das Motto (meinem Empfinden nach) vorgibt, gut hingekriegt. Die Emotionen zum Schluss mag ich sehr; ich empfinde die heranrollende Stille, ich empfinde die Leere überall.
Und doch diese Dichte in der Leere, das ist hier kein Widerspruch. Ich bin schon ein wenig fasziniert von deinem Text. Vor allem auch, weil du den Kern ansprichst und mich der Kern gerade stark beschäftigt.

Zitat:
Und der Kern. Der Kern, der Keim, ein Staubkorn, Rußteilchen, ein Ruf, ein Funke, ein Blick; Turbinenabrieb, was auch immer.


Der letzte Satz: Beim ersten Lesen habe ich ihn humorvoll aufgefasst. Ein Satz der über sich selbst lacht. Beim zweiten Lesen habe ich ihn trocken aufgefasst. Ein Satz, der verloren nachklingt in der Leere der Stille.
Mal ist er so, mal ist er anders. Flexible Konsistenz.

Einzig dieser Abschnitt wirkt etwas konstruiert, lässt mich nicht an einen Gedankenfluss denken,

Zitat:
Ein Haus am Stadtrand, ein Tisch aus Holz. Ein Blick aus dem Fenster. Ein leerer Himmel in der Farbe von Selbstmitleid. Die Kraniche sind weiter nach Süden gezogen. Du gingst fort. Ich blieb zurück.
Wir waren: Damit endet es.


weil er gezielt auf den Anfang verweist. Einen Bogen macht. Ein Abschluss im Strom? Gibts sowas?
Trotzdem, du wirst auf meinem Treppchen landen. Momentan streitet dein Text noch mit einem anderen um den Sieg. Bin schon gespannt wies für dich ausgeht.
Du bist ganz vorne. Ja, du bekommst meine zwölf Punkte. Trotz Bogen. Das liegt am Thema, weil mich das Thema so sehr berührt, auch meins sein könnte.
Hab ich schon erwähnt, dass ich die Formatierung mag?
Hey, und ich will, dass du gewinnst. Du musst gewinnen, hörst du!
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hobbes
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Das goldene Aufbruchstück Das goldene Gleis
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BeitragVerfasst am: 14.01.2018 23:30    Titel: Antworten mit Zitat

Verdammte Scheiße. Das ist so ein Text, was willst du da sagen, mir fällt da nix ein. Was soll man da auch sagen. Mutter gestorben. Da fällt einem nix ein und alles, was einem einfällt ist großer Bullshit. Will sagen, der Text, das ist wie jemandem gegenüber sitzen und derjenige hat das gerade gesagt, Mutter gestorben, was willst du da sagen, nix, also du willst natürlich schon was sagen, aber was?

Und der Text, der ist, ich weiß nicht, wie ich das nun wieder sagen soll. Beim (wiederholten) Reinlesen dachte ich während der ersten Absätze, wie spannend das ist mit den Texten, es gibt einige Texte, in denen etwas nicht gesagt wird, nicht gesagt werden kann und diese verschiedenen Möglichkeiten, wie das umgesetzt wird, dieses nichts-sagen, das finde ich total spannend.
Hier wird es einem schon gesagt, relativ konkret sogar und ich mag das (was diesen Text betrifft) obwohl mögen in diesem Fall ein saublödes Wort ist, aber egal, jedenfalls zum einen diese relativ "technische" Ablenkung, dieses sich verlieren im hm, wissenschaftlichen, theoretischen, zwischendurch dann aber diese reinhauenden Vergleiche und ach, ich werde mit meinem Kommentar dem Text gerade nicht gerecht und überhaupt ist das sicher total missverständlich, was ich schreibe, aber was will ich machen, geht nicht besser.

Ob es im Wettbewerb noch besser geht, weiß ich auch nicht. Das hier ist natürlich noch dazu genau mein Thema, vielleicht tritt es mich vor allem deshalb so ans Bein, weil, die Sprache ist es eher nicht, dazu ist sie zu, hm, nüchtern, was den Text natürlich auch ausmacht, aber gerade im Gegensatz zu einem anderen Text, den ich ebenfalls ziemlich weit oben in meiner Bewertungsskala, da ist der andere sprachlich sicher weiter oben angesiedelt, ist mehr Wort-Schwelgerei, aber mei.
Verflixt, ist das alles schwierig. Ein Glück, hab ich noch ein bisschen Zeit, mir weiter Gedanken zu machen.

Punkte-Edit:
Hallo zweitliebster Text. Das war knapp. Fast hättest du es aufgrund persönlicher Vorlieben ganz nach oben geschafft, aber nun. Zweiter Platz ist doch auch nicht schlecht.
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V.K.B.
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BeitragVerfasst am: 15.01.2018 01:24    Titel: Antworten mit Zitat

Sorry, ich habe gerade zuviel um die Ohren und komme dieses Jahr nicht wirklich dazu, alle Texte so zu kommentieren, wie ich gerne würde (sind ja auch recht viele diesmal). Deshalb muss dieser Kurzkommentar reichen, bitte nicht enttäuscht sein.

Interessante Gedanken, die lang umherschweifen, erst am Ende wird deutlich, worum es hauptsächlich geht. Damit ist fast der ganze Text (Geschichte war ja gar nicht gefordert, oder?) das Gedankenbild, das evoziert wird. Aber ist das ein Gedächtnisbild? Für mich eher ein Weltbild. Und ein Versuch, der Leere zu entkommen. Ich denke gerade an die Frage, wie leer absolutes Vakuum tatsächlich ist, kam es da nicht zu irgendwelchen Energiephänomenen? Ich erinnere mich dunkel an irgendeinen Physik-Artikel, den ich nur zur Hälfte verstanden habe.   

Punkte vergebe ich erst, wenn ich alles gelesen habe.


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Der Möbiusstreifen ist der beste Beweis dafür, dass Komplexität die Projektion menschlicher Kleinheitsängste ist (Nis-Momme Stockmann)

Der Dumme schwimmt mit dem Strom, der Rebell schwimmt gegenan, der Weise schwimmt ans Ufer und ruft sich ein Taxi (original VKB)
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finis
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Die lange Johanne in Bronze


BeitragVerfasst am: 16.01.2018 19:58    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo,

Ist das nicht so ein Zitat von Paracelsus - "allein die Dosis macht das Gift" (oder so ähnlich)?

Ein bemerkenswert unaufgeregter Text, der es schafft viel Bedenkenswertes miteinander zu verbinden, ohne dabei die Balance zu verlieren. Ich mag besonders, dass Du mich zwingst aufmerksam zu lesen, ohne dabei unnötig kryptisch zu werden. Außerdem finde ich die Idee schön, unterschiedliche Denkebenen durch Schriftgrößen darzustellen. Ich habe da viel drüber nachgedacht im Vorfeld (und nichts wirklich in die Richtung umgesetzt) und finde hier einige dieser Gedanken zum Bewusstseinsstrom an sich wieder, insbesondere eben diese Denkebenen. Fände es auch interessant mal zu überlegen, ob man das eventuell noch weiter ausbauen könnte (hochgesetzte und tiefgesetzte Schrift, Schriftarten etc.) - das hat aber mit Deinem Text jetzt nicht mehr wirklich viel zu tun. Sorry.

Ein in sich sehr überzeugender Text, der berührt ohne rührselig zu sein oder dies zum Selbstzweck zu erklären, ein Text also, der mich auffordert mich mit ihm zu beschäftigen, aber auch genug Material dafür bietet, dass sich genau das sehr lohnt. Einzig das Ende lässt mich etwas zwiegespalten zurück - ich finde den Ausbruch an sich gut. Auch der Ausdruck durch Großschrift. Andererseits wirkt es fast wieder wie eine Art Pointe, was zu dem Text nicht so ganz passen will. Ich kann die Szene sehr gut vor mir sehen, der Tisch und das gedanken-verlorene Ich, das daran sitzt und dann dieser Ausbruch - kann mir das also vorstellen, frage mich aber, ob es nicht fast etwas zu viel ist. Ich meine: der Grundton des Textes ist ja zwangsläufig gewissermaßen der gedankliche Grundton des Ichs, gibt mir also Auskunft über die mentale Verfassung, Gemütslage und - wie soll ich das jetzt nennen - seinen Affekt, ob es also ein eher ruhiger Mensch, ein emotionaler Mensch, ein ... egal, Du verstehst das schon. Zur Not kannst Du ja nachfragen. Für mich ist jedenfalls der Grundton hier ein, wie oben bereits angesprochen, sehr unaufgeregter, betont ruhiger. Dass überhaupt ein Ausbruch stattfindet, ist an sich schon sehr aussagekräftig, ich glaube, ich würde ihn kürzen. Ein Fick-Dich streichen und das Dickinson-Zitat (das passt nicht zum Rest des Denk-gestus finde ich; der Zusammenhang wird so schon ausreichend deutlich durch die unerträglich werdende Stille).

Kurz gesagt, ausgesprochen gern gelesen.

LG
finis


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"Mir fehlt ein Wort." (Kurt Tucholsky)
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Michel
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Silberne Neonzeit


BeitragVerfasst am: 19.01.2018 22:51    Titel: Antworten mit Zitat

sehr gelungener SoC, der sich nicht vergisst, aber mich folgen lässt, über den Weg zum Haus der am Krebs gestorbenen Mutter (oder hat das LI Krebs?), nachlauschend, über Entstehen und Vergehen reflektierend am Beispiel von Molekülen und Kranichen, am Ende zorniger Abbruch. Der hat's mir angetan, das Auftauchen aus den laaangen Gedankenschleifen.
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Nihil
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BeitragVerfasst am: 19.01.2018 23:25    Titel: Antworten mit Zitat

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anderswolf
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Beiträge: 307



BeitragVerfasst am: 20.01.2018 01:03    Titel: Antworten mit Zitat

Mehr Monolog als Gedankenstrom über die berechtigte Frage, wann aus wenig viel (oder umgekehrt) wird, was der Vorgabe nicht fern liegt, anlässlich und angesichts einer Leere ein Füllhorn der Erinnerung auszuschütten und damit eben jene Leere zu füllen, durch eben jene Abgrenzung zwischen Hier-ist-was und Hier-fehlt-was einerseits das Vergangene emporzuholen und gleichzeitig das Übrige, Gebliebene besonders zu schärfen, den Risskanten der Wahrnehmung durch den Schlagschatten der Vergangenheit also Plastizität zu verleihen.
In hiesiger Ausprägung die Frage nach dem Ursprung, Wesen und Wirken von Gesellschaft, ihrer Formung durch Aggregation, aber eben auch durch Abgrenzung, Abspaltung, Abhängeselung. Wann also ist man nicht mehr Teil einer Gesellschaft, wann wird der Eine von Vielen der Eine gegenüber von Vielen, wann darf man den Gesellschaftsuntergang diagnostizieren, wann betrauern, wann loslassen.
Hier also die Mutter, die gestorbene, an einem Tumor erkrankt, einer Kleinigkeit, einer Winzigkeit, nur drei Zentimeter Raumforderung, doch wie durch den Schmetterlingseffekt kann selbst ein halbes Nichts eine ganze Existenz auslöschen. Nun, zurück im Haus, zurück am Tisch fehlt die Mutter und angesichts ihres Fehlens zerfällt auch der übrige Mensch, der sich an die Kindheit erinnert, an das Ausgestoßensein aus der Gesellschaft, in der er hätte Raum fordern müssen, aber doch nur durch die Mutter verbunden war. Und nun ist er ein Abhängsel, der Mensch, verloren im Raum, der seiner nicht war.
Oder so. Im Wesentlichen ist eh interessanter als die Handlung oder die Worte, und das ist schade, denn es gibt in den Beobachtungen ein paar schöne Bilder, interessanter also ist die Frage nach der Formatierung. Was soll die Spielerei mit der Schriftgröße transportieren, was der Text nicht schafft. Natürlich wird es dem Leser am Ende ins Gesicht gefräst "FORDERT RAUM", doch was soll das mit ihm machen? Soll er sich einfühlen in das Selbstmitleid des Erzählers, soll er den Existenzängsten des Protagonisten nachhorchen, soll er ihm Trost imitierend auf den Kopf legen.
Der Text klingt, wie ein aktionistischer Aufbruchsversuch aus einer schweren depressiven Verstimmung heraus, was er eigentlich erzählen soll, schwingt nur als dem Autoren zugehörige Unterströmung mit.
Und damit endet es.
Zeit, was zu kochen.
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crim
Geschlecht:männlichsex, crim & rock'n'roll


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Die lange Johanne in Gold Lezepo 2015
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BeitragVerfasst am: 20.01.2018 12:47    Titel: Antworten mit Zitat

Hier habe ich meine Problemchen, da der Bewusstseinsstrom mir nicht allzu nachvollziehbar authentisch begegnet, sondern literarisiert, und zwar meiner Meinung nach erkennbar ins Literarische gedreht, sozusagen. Trotzdem gefällt mir das an einigen Stellen ganz gut. Deshalb gibt es noch Punkte.

Lg crim
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Tjana
Geschlecht:weiblichDichter und Denker

Alter: 59
Beiträge: 1709
Wohnort: Inne Peerle


BeitragVerfasst am: 20.01.2018 20:28    Titel: Antworten mit Zitat

Wir sind – bis hin zu: wir waren
Jemand philosophiert über den Kern und wie er zu „etwas“ wird.
Gerne folge ich den Gedanken. Sie beginnen ganz unten bei Molekülen, führen mich zu ersten Ansiedlungen. Sie leiten mich irre, denn eigentlich scheint es mir um die Verzweiflung zu gehen, die durch Worte wie „raumfordernder Prozess“ ausgelöst werden kann.
Damit verknüpft, finde ich den Bewusstseinsstrom mit den Erinnerungsbildern gelungen.
Könnte Punkte geben


_________________
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Jenni
Geschlecht:weiblichNebelpreisträger


Beiträge: 3553

Das goldene Aufbruchstück Die lange Johanne in Gold


BeitragVerfasst am: 20.01.2018 22:47    Titel: Antworten mit Zitat

Die Geschichte einer Liebe und eines Lebens und aller Leben. Verpackt in einem Teppich aus Bildern und Assoziationen und Anspielungen, darunter ganz wundervolle Bilder, und alles hängt miteinander zusammen und verleiht sich gegenseitig Bedeutung, obwohl über die Tragik der Geschichte so sachlich hinwegge-dacht wird. Zuerst war ich gar nicht sooo begeistert, fand "nur" den Teil über die Raumforderung sehr gelungen, den Zusammenhang zwischen Krankheit und Beziehung, der nur über Metaphorik hergestellt wird, ohne deren Kausalität aber im Unklaren zu lassen, aber jetzt habe ich das Gefühl, bei jedem Lesen gibt es darin neues zu entdecken, in jeder Formulierung steckt noch mehr drin, als die Worte selbst verraten. Und das mag ich.
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Lorraine
Geschlecht:weiblichAutor


Beiträge: 644
Wohnort: France
Das goldene Stundenglas Ei 10
Pokapro 2016


BeitragVerfasst am: 21.01.2018 01:17    Titel: Antworten mit Zitat

Distanz. Diszipliniertes Assoziieren (ein innerer Monolog, dessen erste Person tatsächlich so "abwesend" gestaltet wurde, dass ich davon ausgehe: dieses Ich schützt sich, indem es (sich) rationale Erklärungen, Gelerntes wiederholt, dann hinterfragt – und die Übergänge vertuschen beinah das Sprunghafte zwischen Jetzt und Kind und allem Dazwischen). Wut, Traurigkeit, Nach-Denken am hölzernen Tisch – ich hatte den Eindruck, dass fast alles schon tausendmal durch die Gedankenmühle gedreht worden sein muss, daher – bis zum Ausbruch – das relativ Geordnete (ich wiederhole mich)in der Abfolge und insgesamt ist das ein fertiger, solider, verlässlicher? Text. Nicht der einzige, dessen Ich irgendwann kraftausdrücklicher wird, hab das mehrfach festgestellt, dass das wohl dazugehört, hier glaube ich die Wut/Verachtung/Hilflosigkeit, die sich ihren Weg bahnt. - "Solide" - damit meine ich auch die Art, wie das Text-Material aus dem Bereich Technik/nahe KI-Zukunft mit allem anderen verknüpft wird.
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poetnick
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Alter: 56
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Wohnort: Möglichkeiten


BeitragVerfasst am: 21.01.2018 12:09    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, ein neutraler ‚Kommentar‘ um werten zu können; die Tiefenfülle des Materials ließ mir
keine andere Wahl.

Beste Grüße - Poetnick


_________________
Wortlos ging er hinein,
schweigend lauschte er der Stille
und kam sprachlos heraus
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nebenfluss
Geschlecht:männlichNebelpreisträger


Beiträge: 3325
Wohnort: mittendrin, ganz weit draußen
Podcast-Sonderpreis


BeitragVerfasst am: 21.01.2018 12:49    Titel: Antworten mit Zitat

Ich habe gerade Angst vor der Macht meiner Kritik und sorge mich um meine Urteilsfähigkeit. Deshalb an dieser Stelle kein inhaltlicher Kommentar.

Danke für deine Teilnahme am Wettbewerb.


_________________
fehlende Quellenangabe: mein Kopf.
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