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Kraniche ziehen nach Süden


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

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BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Kraniche ziehen nach Süden eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Kraniche ziehen nach Süden


Wir sind.
Damit beginnt es: ein Tisch, Holz, in einem Haus am Stadtrand. Ein Blick aus dem Fenster. Kraniche, die, ein zappelndes, waberndes, schnatterndes V, nach Süden fliegen. Ein Himmel, blau. So blau wie deine blauen Augen machen mich so sentimental. Monotonie. Eiszeit. In zehn Kilometern Höhe herrschen sechsundfünfzig Grad unter Null. Jedes bisschen Wasser müsste sofort zu Eis gefrieren. Dennoch gibt es da oben Wasserdampf, unsichtbares Gas, Wassermoleküle, die bindungslos umherschwirren. H2O. Dihydrogenmonoxid. Quell des Lebens, tödlichstes Gift. So blaue Augen. Zu wenig davon und du stirbst, zuviel davon und du stirbst. Die Dosis macht das Unsichtbare zum Sichtbaren, die Häuser zur Stadt, den Vogel zum Schwarm, das Eisen zum Hammer, entartete Zelle zu Krebs, den Mensch zur Familie, den Tropfen zur Wolke. Die Dosis. Und der Kern. Der Kern, der Keim, ein Staubkorn, Rußteilchen, ein Ruf, ein Funke, ein Blick; Turbinenabrieb, was auch immer. Moleküle sammeln sich, lagern sich am Kondensationskern an, bilden einen Wolkenstreifen. Menschen versammeln sich am Tisch in der Nähe des Herdes. Individuen bilden eine Gruppe. Sie reden. Sie lachen. Es beginnt.
Wann wird eine Ansammlung Häuser zur Stadt. Bauern, Bergleute, Fährmänner schnüren ihre Bündel auf, errichten eine Behausung, gehen ihrem Tagwerk nach. Ein Gehilfe kommt hinzu, eine Wirtschaft, ein Hotel. Fremde bleiben über Nacht. Es gibt eine Baracke für die Arbeiter und ein Bordell. Ein Bürgermeister wird gewählt, ein Rat einberufen. Doch zur Stadt wird die Ansiedlung erst mit der ersten Hochzeit, der ersten Taufe, dem Krakeelen der Kinder in den Straßen, Snaps und Tweets, die Zugehörigkeit zeigen, Heimat, Familie. Baken im weltweiten Rauschen. Stimmen, die sich aus dem Raunen erheben, Anknüpfpunkte für ein feines Netz aus Äderchen, die das neue Gewebe mit Blut, mit Nahrung versorgen. Gemeinschaft entsteht, oder

Die Kraniche fliegen tief am augenblauen Himmel. Ihr horniger Ruf ist deutlich zu hören, hinter den Fenstern. Hunderte, tausende wellen vorbei in langen Ketten, kurzen Formationen, Anhängseln, Abhängseln, wer wollte sie alle falten und wofür? Was ist ein einzelner Vogel. Beute. Immer auf der Suche, immer auf der Flucht. Flüchtiger Schatten in den Fluren, lass die Winde los, der Sommer war groß, jetzt schick die Hunde, die Wölfe, die Geister, die das Kind nach Hause hetzen, den Ranzen an den Rücken gezogen, die Daumen in den Riemen verhakt, damit er nicht wackelt, schneller, schneller, rennen, an der Brache vorbei, die Straße entlang, nicht zwischen den Hochhäusern durch; der Weg ist kürzer, aber da gibt es blutige Lippen. Weiter, an der Sparkasse vorbei, dann am Zaun entlang mit den Pappeln, keine Zeit, das Spiel von Licht und Schatten zu bewundern, das Flackern im Augenwinkel, hell, dunkel, ein Code, jede Baumreihe bei tiefstehender Sonne eine Botschaft, von der Sonne gemorst. Rennen, links das Baustofflager, Haufen von Sand und Kies und Kies und Kies, dann Pflastersteine, flache, dicke, Gehwegplatten, rennen, Eisengitter, bis zum Rewe an der Ecke, Kirschlutscher und Schaumhimbeeren für fünf Pfennig und Nikolaus - ist nicht mehr lange - kommt er mit dem Sack und dem Buch und warst du auch brav, mal sehen, gibt es einen Beutel mit Mandarine und Nüssen und Schokolade für jedes Kind, das sich traut; doch heute: rennen. Die Angst sitzt, wörtlich, fühlbar, im Nacken, den letzten Hügel hinauf, dann die Stufen vor dem Haus, klingeln, hastig, umsehen, der Summer, hinein, Schuhe aus!, in die Küche, den Stuhl, an den Tisch. Hausaufgaben machen und Mutter bereitet das Essen; legt ab und an ihre Hand auf den Kopf des Kindes und alles ist

Der Tisch fühlt sich rau an, unter den Fingern. Das Foto ganz glatt. Eine Ecke ist umgeknickt. Ein Blick, ein Lächeln. Damals tanzten die Stare am Himmel ihr sentimentales Ballett. Heute soll eine K.I. von ihnen lernen, Stau zu vermeiden. Der Mensch kann das nicht, ist überfordert, nach vorne und hinten zu schauen, Abstand zu halten, nach vorne zu sehen und zurück. Ein Autopilot kann das, entsprechende Sensoren vorausgesetzt und Vernetzung. Ein Autopilot für ein selbstfahrendes Auto: eine schwache K.I.: spezialisiert für eine Aufgabe, eine denkende Schinkenschneidemaschine, ein Analysesystem für Magnetresonanztomogramme.
Was ist schon ein einzelner Vogel? Kaum zwanzig Kilo auf dürren Beinen. Doch wenn Kraniche fliegen, stellt die Bundeswehr den Flugbetrieb ein. Wenn genügend Wassertropfen kondensieren, sich Wolken bilden, große, schwere, nasse Wolken, Nimbostratus, Regenbringer, verdunkeln sie den sentimentalblauen Himmel. Wenn sich genug Zellen sammeln, ich sag das ganz neutral: Sie haben da eine Raumforderung, man kann noch nicht sagen, ob das gutartig ist oder nicht, weitere Tests, Facharzt, Biopsie, Blabla. In fünf Jahren wird eine K.I. die Aufnahmen analysieren, ohne Fehldiagnose. Disruptive Technik, vernetzt, Kranichgehorne von Klinik zu Klinik, Daten wallen, lange Ketten, Anhängsel, Abhängsel, die Baumreihe auf der Fahrt nach Hause, die Sonne stand tief, wir haben die Botschaft nicht verstanden. Menschen, überfordert, nach vorne zu schauen.

Ein Hagelkorn, zwei Zentimeter groß, in einer Wolke entstanden durch schichtweise Anlagerung von Wasser, fällt mit etwa siebzig Kilometern pro Stunde Richtung Erde und hinterlässt Dellen in Autodächern. Ein Kranich, von einem Flugzeug mit dreihundert Stundenkilometern gerammt, durchschlägt die Flugzeugnase. Ein Tumor, mit drei Zentimetern Durchmesser je nach Lage kaum tastbar, verdunkelt den Himmel, wenn er das Bewusstsein erreicht. Am 29. August 1997 um 2:14 Uhr entwickelte der Tumor das Bewusstsein. Bewusstsein, bestusst sein, was ist das und warum?
Wie entsteht Bewusstsein? Aus welchen kleinsten Teilchen setzt es sich zusammen? Neuronen, mathematischen Operationen, Codezeilen, Seele, Geist? Wie viele Codezeilen ergeben einen Geist? Kann ein Computer, eine K.I., eine starke K.I., nicht spezialisiert, Allroundintelligenz, Bewusstsein erlangen? Und was dann? Wird sie alles verstehen? Kann sie nach vorne blicken; zurück? Kann sie errechnen, warum es nicht funktionierte, der Funke erlosch, der Keim verdarb, der Krebs wucherte; warum ich hier sitze, am Tisch, hinaus starre, den blöden Vögeln hinterher, ein Foto in der Hand und keine Mutter legt mir ihre Hand auf den Kopf?
Nie eine Mutter. Falscher Traum. Kann die K.I. mir helfen, Abstand zu wahren? I’m sorry Dave, I’m afraid I can’t do that.

Was ist ein einzelner Mensch? Abhängsel. Unsichtbar wie ein Wassermolekül. Immer auf der Suche. Immer auf der Flucht. Jeden Tag, jeden einzelnen Tag draußen, an der Brache vorbei, über die Felder, dann am Zaun entlang, mit den Pappeln, durch Regen und Hagel und Niesel und Schnee, zwinge mich, nicht zu rennen, denn die Angst sitzt im Nacken. Ich kann sie spüren, wie einen Dämon, der sich am Kragen festkrallt, und wenn ich mich umdrehe, ist niemand zu sehen, wenn ich heimkomme, in die Küche, an den Tisch, ist alles

Schatten der Dinge, die waren. Die Stühle sind leer. Was ist eine Küche, in der niemand kocht, ein Haus, in dem niemand wohnt, eine Stadt, deren Geist verweht ist, weil die letzte Mutter das Bündel für ihre Kinder schnürte und weiter zog.
Nachzügler tröten über dem Haus, den anderen hinterher - gen Süden, gen Hoffnung. Ein Lächeln.
Sie lassen die Skelette von Häusern zurück.
Familien zerfallen zu Entitäten. Beziehungsstatus: getrennt.
Geister in Maschinen. Geisterdaten von Geistern in Geisterhäusern in Geisterstädten.
Ein Bild in der Hand und kann sie noch spüren, auf dem Lieblingsstuhl, wie dieses Ding unter der Narbe, das nicht mehr da ist, nur die Delle in der Haut und der schlaffe, ausgehöhlte Muskelsack wo der Tumor saß, die Raumforderung, und jetzt ist da nur noch Narbengewebe.

Das Schlimmste ist die Stille.
Die Abwesenheit von Geräusch, von Gespräch, von Lachen, von Stimmen, von

Manchmal sage ich was. Das klingt hohl und verloren wie das Dong,dong des Modems, damals, als Internet neu war und aufregend, wie eine neue Liebe, die Einwahl ein Suchen nach der Gegenstelle, Dong,dong im Rauschen der Leitung, Dong,dong, Rauschen, Raunen, keine Antwort, Verbindungsabbruch, Leitung getrennt.

Eine Trennung ist wie ein Tod. Geben sie der Trauer Raum. Sie fordert ihn ohnehin.
FORDERT RAUM. Was macht das jetzt mit Ihnen? Fick dich, Psychologengeschwätz!

Fick dich, Selbstmitleid!

Doch die Stille rollte wie ein Ozean heran/ brach sich an meinem Ohr.


Ein Haus am Stadtrand, ein Tisch aus Holz. Ein Blick aus dem Fenster. Ein leerer Himmel in der Farbe von Selbstmitleid. Die Kraniche sind weiter nach Süden gezogen. Du gingst fort. Ich blieb zurück.
Wir waren: Damit endet es.



Zeit, was zu kochen.

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