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Ein Leben nur. Nur ein Leben.


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
Beiträge: 156



BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Ein Leben nur. Nur ein Leben. eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Ein Leben nur. Nur ein Leben.

Nein.
Doch.

Dieser scheiß Wald. Und jetzt auch noch -
Mit meinem -, mit dem -, mit einem -, einem Kind, einem - Baby. Echt jetzt. Was zur Hölle. Mache ich hier.
Ich mache den Motor aus.
Aus.
Still, stiller, dieser Wald.
Moment. Da fehlt was, aber was, ich weiß es nicht, noch nicht, aber da ist – da stimmt was nicht. Vieles. Stimmt hier nicht.
Der Kleine sieht mich an, ich spüre es. Warum schläft das scheiß Kind nicht? Was macht das scheiß Kind überhaupt hier? Und ich, was mache ich hier?
Ich mache die Augen zu. Stiller als still. Ich höre nichts. Nur den Lärm in meinem Kopf.
Moment. Der Brunnen, das ist es, was fehlt, das Geräusch von Wasser, das auf Wasser trifft.
Augen wieder auf, tatsächlich. Der Brunnen ist tot, da läuft nichts mehr, kein Wasser, nichts. Gibt es nicht, kann nicht sein. Gibt es aber doch. In diesem scheiß Wald gibt es alles, kann alles sein; alles, was du dir nicht vorstellen kannst. Willst.
Aber jetzt: Die Quelle des Bösen – versiegt. Und alles wird gut.
Ja klar. Vor der Apotheke kotzen die Pferde.

Ich könnte auch kotzen.
Nützt aber nichts. Nichts nützt. Nur Nutztiere. Nützen. Schwein schlachten, essen, überleben. Du lebst, die Sau ist tot. Vorher schreit sie, hinterher schreit sie. Hört bloß keiner. Nur ich, ich höre es, weil ich weiß, wie das ist, wenn man tot ist und trotzdem schreit. Wenn du schreist und sie hören es, lebst du noch. Ein bisschen. Eine Minute, eine Stunde, einen Tag, immer weiter.  
Ist gar nicht so leicht, sterben.

Leben auch nicht.

Ich hätte gern geschrien. So richtig. Laut.
Habe ich aber nicht.
Hätte nichts genützt, wusste ich gleich und der Kleine, der weiß es auch, der schreit nicht. Alle Kinder schreien, er nicht, ich habe ihn noch nie schreien hören. Nicht, dass ich allzu oft in seiner Nähe wäre. So lange gibt es ihn auch noch gar nicht. Es hätte ihn überhaupt nie geben sollen. Den Kleinen, diesen scheiß Wald, nichts davon hätte es je geben sollen. Ponyhof, Wunschkonzert.
In den letzten drei Stunden hat er nichts gegessen, nichts getrunken. Nicht geschlafen. Schreit nicht, schläft nicht. Vielleicht ist er tot. Eine Sau macht auch nicht gleich die Augen zu, wenn sie stirbt.

Er blinzelt, atmet. Lebt noch.
Aber schreit immer noch nicht, schweigt mich an. Dieses scheiß Kind und diese scheiß Stille, überall Stille, nur in mir nicht. In mir schreit die Stille wie ein Schwein das gleich abgestochen wird.

Ich werde ihn hier lassen. Hier findet ihn keiner, hier nicht. Mich hat auch keiner gefunden.
Dich hat keiner gesucht, sagt der Kleine. Der natürlich nicht spricht, nicht sprechen kann, noch nicht, aber wir brauchen keine Worte, um uns zu verstehen. Der Alte hat keine gebraucht, ich brauche keine und der Kleine ist einer von uns. Ein Jäger. Sein Blick lauert, wartet darauf, dass ich zusammenbreche. Na los, komm, sagt sein Blick, erzähl mir, wie es war.

Wie es war.

Einen Scheiß werde ich.

Immer noch den Geschmack von schwarzer Erde auf der Zunge. Schwarze Erde auf der Haut, schwarze Erde überall. Die Hölle ist schwarz, das hier ist die Hölle.
Hölle, ja klar.

Still war es. Nur das Schmatzen der Erde, die Erde frisst dich auf, verschlingt dich. Kotzt dich wieder aus, später, viel später. Als er die Falltür öffnet, lacht. Lebst du noch?
Haha. Lustig.
Nein, du lebst nicht mehr.

Wie es war, so war es, so ist es immer noch. Du wirst es ihm schon noch zeigen, dem Kleinen. Das Wasser ist weg, aber den Keller, den gibt es noch. Wie könnte es den Keller nicht mehr geben. Den Keller in der Erde, feucht, schwarz, schmatzend. Die Hölle, es war die Hölle. Leerer Spruch. Überall leere Sprüche. Die Zeit heilt alle Wunden.

Aussteigen. Zum Brunnen gehen, am Wasserlauf rütteln, nichts. Im Trog schwarze Schlieren. Das reicht nicht. Reicht nicht aus, ein Baby zu ertränken, jetzt nicht mehr, wie es war, so war es, du bist untergetaucht, in diesem scheiß Trog, alles schwarz, alles, zweihunderteinundzwanzig, zweihundertzweiundzwanzig, zweihundertdreiundzwanzig, Wasser trifft Wasser, sonst Stille, nur dein Herz, es hört einfach nicht auf zu schlagen, zweihunderteinunddreißig, zweihundertzweiunddreißig, so schnell stirbst du nicht.
Ein Lied. Wie kommst du jetzt auf ein Lied, weißt du auch nicht. Singen beruhigt, sagen sie. Leere Sprüche. Trotzdem
Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald. Es war so finster -
Ein scheiß Märchen, echt jetzt. Die sollen sich mal nicht so anstellen, die beiden. Waren immerhin zu zweit. Und am Ende alles gut, scheiß drauf, am Ende wird nie alles gut. Lebten glücklich und all der Rotz, wer lebt schon glücklich.

Eines Tages, und wenn auch nur aus Trotz.

Ja klar. Und hier, in diesem scheiß Wald machen sie dann einen Streichelzoo auf. Schau, die Tierchen, so süß.
Die wissen doch, was hier los war, die riechen es. Einem Tier machst du nichts vor. Abfackeln, neu aufbauen, rosa anstreichen, Premiumfutter, du kriegst es nicht raus, glücklich wird hier keiner mehr, nicht mal eine scheiß Schmeißfliege wird hier glücklich.

Du kannst dich glücklich schätzen, hat er gesagt. Und dir alles gezeigt, was du wissen musst. Wie man überlebt. Ein Schwein schlachtet, die rote Arbeit tut.
Die rote Arbeit. So heißt das, Jägersprache. Romantisch wie ein scheiß Reh im Mondlicht. Aber dann - Upsi!, ist es aus mit der Romantik, Knallpäng!, tief ins Leben. Tot. Bestenfalls. Wenn nicht, noch größere Scheiße. Muss der Hund her, Nachsuche, so ein kleines bisschen hast du nämlich doch getroffen, natürlich hast du getroffen. Und halbtot kannst du das Reh nicht herumlaufen lassen, das quält sich doch, das arme Reh, und es soll doch nicht leiden, wirklich nicht. Jägerehre, Waidgerechtigkeit.
Ja klar.

Das hat er dir beigebracht, du kannst dich glücklich schätzen.

Was du hier machst, weißt du nicht.

die Tür zum Keller
auf | zu
und da ist
da ist

niemand
niemand da

nur der Keller, ach was, Keller, das Loch – davor hattest du Angst, echt jetzt?
Du hast vor nichts Angst.
Springst hinein, so klein ist das nur? Das scheiß Loch geht dir gerade mal bis zur Hüfte, über dir schließt keiner mehr die Tür zu. Ist ja auch keiner mehr da. Nur du und

draußen im Auto der Kleine

Wenn du jetzt schreist, wenn ich jetzt schreie
keiner hört uns, hier nicht. Lebendig begraben, schwarze Erde, du musst dich entscheiden, du hast dich entschieden, du hast dich entschieden?, schon lange, lange schon, er entscheidet für dich, immer noch, aber jetzt
nur du und der Kleine
Er lacht dich aus, als du den Motor startest, hast wohl doch ein bisschen Angst, sagt er, nein, sagst du, ja, doch, egal, weg von hier, für immer, dieses Mal für immer, du glaubst daran, ganz fest glaubst du daran, du musst daran glauben, sonst,

ist doch nur ein Leben, ein scheiß Leben nur.
beende es, jetzt
drehst du um?
Nein.
Doch.
Nein.

es ist vorbei, aus und

Dir klebt schwarze Erde an den Schuhen, sagt sie, als du den Kleinen zurückbringst. Ja, sagst du, ich komme aus der Hölle. Sie lacht nicht, du lachst nicht, keiner lacht mehr, das ist nämlich nicht lustig. War es noch nie.

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