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Knospenfreude


 

 
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Guy Incognito
Schreiberling

Alter: 63
Beiträge: 156



BeitragVerfasst am: 27/12/2017 19:00    Titel: Knospenfreude eBook pdf-Datei Antworten mit Zitat

Knospenfreude

Oh, all meine Lieben. Mein Junge Sascha mit Jana. Meine Enkeltöchter Ania und Jojo. Ihre kleine Hand ist kühler als meine. Saschas Augen sind feucht. Warum auch nicht?
„Reich mir doch bitte das Wasserglas.“ Erstaunlich, wie schwach meine Stimme klingt, aber wie rasch ich den Becher bekomme. Mein Lieblingsglas. Aus Portugal. Oh, das Gefühl, wie es kühl und feucht die Dürre aus meiner Kehle spült.
Meine Tochter Elke ist immer so zurückhaltend, fast hätt ich sie wieder vergessen.
Oh, meine fünf Lieben. Um mich herum versammelt, die Sechste schenkt mir ihr letztes Lächeln aus einem Foto heraus.
„Wie fühlst du dich, Papa?“ Elkes Stimme klingt so erstickt.
„Ich fühl mich großartig.“ Krächzen tu ich, wie ein waschechter Greis. Dann rücke ich meinen Hintern auf dem weichen Bett zurecht und schließe die Augen. Jojo drückt meine Hand.

Halleluja! Was für ein Licht. Was für ein Gefühl. Was für eine Wärme. Es gibt keinen Raum, keine Stofflichkeit, keinen Grund. Nur strahlende Luft und die Idee von Zeit.
Und mich.
Wen? Bin ich das Zentrum? Bin ich alles? Bin ich das Licht? Da ist etwas, irgendwo schwebt mein Selbst. Gerade so, dass ich es durch den schillernden Dunst nicht erkennen kann. Ein Gedanke nur, so fein und zerbrechlich … wie ich.
Nein, um Gottes Willen, was ist es? Wer bin ich? Ich muss doch … irgendwie … Als stünde es mir auf die Stirn geschrieben und ich könnts nicht sehen.
Halt. Bitte was? Stirn? Woher kommt nur dieser absurde Gedanke? Und dieses Bild … Als würde sich etwas im Dunste spiegeln. Rund vielleicht? Nein, es ist schon wieder weg. Komisch.
Hm. Vielleicht nicht so wichtig. Nur ein albernes Hirngespinst. Hirn? Hm.
Irgendwas ist da, ich komm drauf zurück.
Ganz schön abgeschweift. Dabei ist es hier doch ganz wunderbar. Mmmmm.
Wohlgefühl.
Wonne.
Wärme.
Mmmmm.
Hm. Zündet irgendwie nicht. Dieses hartnäckige „da ist doch was“. Wie ein Juckreiz, den man nicht findet. Dieses Etwas hinter dem Licht. Da ist nicht nur Leere. Da ist etwas. Etwas. Hm.
Grrrng. Ich erkenn einfach nichts. Schemen vielleicht, bild ich mir wohl ein. Quatsch. Und Geräusche. Oder? Psst.

Ja, irgendein Schreien. Ein Jammern. Och, die Arme, die da wimmert und kämpft!
Wer ist das? Ich kenn die doch. Also gibt es noch mehr Wesen. Wenn da wer schreien kann, und ich bin das nicht.
Da! Ist da nicht noch ein zweites Stimmlein?
Waaäääaaahhhh– stopp!
Stille. Mmmmm.

Hm. Jetzt hör ich gar nichts mehr. Schade.

Gott, ist das leise! Es poltert förmlich, so still ist es. Oder? Da klingt etwas. Fröhlich. ^^ Ein glucksendes Lachen, wie niedlich. Es hallt in mir wider und wächst heran zu einem Knabengelächter. Den kenn ich doch, der da lacht? Ja, ganz sicher! Wie komme ich drauf? Egal!
Und dort! Der Nebel lichtet sich, das Gleißen wird schwächer … grün. So viel grün, und blau. Es duftet frisch und saftig – nach Gras! Ja, das ist es, worauf der Bube da rennt: Gras, eine Wiese. Woher kenn ich den Burschen?
Fffffhhhhww– weiß! Alles weg. Hm. Wie hängt das mit dem Schreien zusammen? Egal, die Schau geht weiter …
Plätschern. Ein Wasserfall? Nein, Applaus! Händeklatschen. Ein Kind auf einer Bühne, nass bis auf die Knochen von Schweiß. Ein Fetzen Papier mit einem kindischen Gedicht in den Händen. Hm.

Daran erinnere ich mich! Das war aufregend. An einer Schule … irgendwie. Jetzt verblasst die Erinnerung. Wie Wasser, das man in hohlen Händen hält. Was ist Schule genau? …
Und wieder rauscht die Stille in meinen Ohren wie ein Ozean.
Rschh …
Rschhh …
Rschhhh …
Moment mal! Es sind Wellen, die da rauschen. Möwen kreischen ab und zu, aber keine anderen Menschen. Nur zwei emporragende, sandige Füße sind da, hinter denen Wellen den Strand emporkriechen und sich spielerisch wieder zurückfallen lassen.
Das ist es: Menschen! Ich bin ein Mensch mit einem Körper. Körper? Der hat zum Beispiel eine Stirn … Wie konnt ich das nur vergessen? Und Zehen. Meine Zehen? Und meine Augen, die sinnend über den mageren Körper hinweg darauf schauen?
Ja, das ist es! Und in der siebten Klasse der Lyrikwettbewerb, und später noch mehr. Bis ich irgendwann eine Geschichte schrieb und schließlich das gedruckte Buch in Händen hielt. Ich. Hm.

Klasse. Jetzt weiß ich schon ein bisschen mehr. Aber was mache ich hier? Und wo ist „hier“? Und überhaupt, was soll diese ganze Geheimnistuerei? Ein Blödsinn ist das!
Oder? Macht irgendwie auch Spaß … Was wohl als Nächstes kommt?
Ein Gesicht. Mann, was für ein Mädel! Warum spreche ich sie nicht an? Frag sie, ob sie nicht auch findet, dass ich zu ihr passe? Feigling.
Und dann kommt ein Bild nach dem andern.
Streit mit dickköpfigen Lehrern.
Ein Fahrradunfall, der meinem Bein fast das Leben gekostet hätte.
Anschmachten aus der Ferne, erbärmlich auf eine Krücke gestützt.
Ich hocke zuhause am Schreibtisch und schreibe Geschichten und Gedichte, draußen scheint die Sonne.
Meine Mutter scheucht mich hinaus und ich humple eine Runde um den Block.
Ich bin im Krankenhaus und sehe das erste Mal einen Toten.
Tod. Der Dunst wird trübe und ich starre zerstreut auf vage Formen. Tod. Das ist die Antwort. Worauf? Keinen Schimmer, aber es ist diejenige welche, einzigste Antwort! Kein Zweifel.
Hhhh. Die Flauheit – Fläue ^^ – verdunstet, sowie sich der Nebel lichtet.
Uiuiui! Na endlich! Sie ist direkt vor mir und schließt die Augen. Uiuiui, ist das aufregend! Es wird dunkel. Was passiert jetzt?
Mmmmm. Wärme. Sie strömt von den Lippen aus durch meinen ganzen Körper! Oder kann man das Körper nennen, was hier als Ich im Nirgendwo wabert? Egal.
Ich öffne die Augen wieder und sie strahlt mich an.
Und sie strahlt noch durch den Dunst, der aufzieht …
Wie nennt man, was ich sehe? Die ganzen Bilder im farblosen Schleier, die flirrenden Gefühle und Geräusche … Gedanken sind es wohl. Ich denke also bin ich. Guter Spruch! Muss ich mir merken.
Wow! Ein Hund, das ist ja spitze. Ich bin sechzehn Jahre alt geworden und mein neuer Hund ist der Inbegriff von Hundlichkeit. Ich freu mich so.
Doch etwas trübt die Erinnerung (genau, so nennt sich das!). Der Bube ist ahnungslos, aber wo ich den Hund so sehe … Da stimmt was nicht.
Einen Monat später stirbt er. Überfahren. Dann: die schrecklichsten Wochen meines Lebens.

Grau. Trostlos. Regenwolken in Kopf und Herz, trotz Sommerferien. Nie wieder einen Hund! Schnüff.

Endlich wieder Schule! Endlich wieder Sina! Sonnenstrahlen durchbrechen die düsteren Wolken.
Mmmmm. Ja. So lässts sich aushalten. In ihren Armen.

Eine Party bei Sina, ihr Geburtstag. Fremde Menschenmassen drängen sich um einen Tisch mit Cola und Bier, gehetzte Musik, diffuses Licht, stickige Luft. Nicht mit mir!
Am nächsten Tag schimpft sie mit mir. Das ist es mir wert. In der Nacht vertragen wir uns wieder.

Nebel zieht auf. Ruhige Jahre. Prüfungen. Studium. Trennung. Neue Liebschaften. Nichts Besonderes. Nur einmal sehe ich eine Erinnerung länger als einen Augenblick:
Ich, wie ich an einem Joint ziehe. Alkohol intus. Chillige Party unter Kumpels. Ich kotze.

Nebel lichtet sich. Meine Autotür knallt hinter mir zu. Ich stehe im unromantischsten Gebäude des erforschten Universums. Es stinkt, es ist grau, es ist laut. Und dort drüben steht die Frau meines Lebens. Telefoniert. Ihr erregend selbstbestimmtes Geplauder hallt im Parkhaus wider.

„Ich bin schwanger.“ Oh, diese Wonne! Nur über dieses Gefühl würde ich ein ganzes Buch schreiben. Knospenfreude.

Schreie. Och, die Arme, die da wimmert und kämpft! Arme Klara. Sterile Wände, beißend saubere Luft. Klara gebiert Elke, unser erstes Kind. Mmmmm.

Waldgrüne Weiten. Elke ist zwölf, sie angelt mit mir an einem schwedischen See. Der Duft von Köttbullar weht vom Blockhaus herüber. Klara ruft uns. Ihr kugelrunder Bauch wölbt sich in der Abendsonne.

Sascha wird geboren.

Ich gehe in Rente.

Wir bekommen Enkel.

Klara stirbt.

Ja, und ich sterbe. Natürlich.
Den letzten Teil meines Lebens beobachte ich ganz nüchtern. Ich erinnere mich an alles. Und ich bin hier, weil ich tot bin. Hier endet meine Reise. Meine Vergangenheit liegt vor mir wie das Drehbuch eines Films. Abgeschlossen. Mit Ecken und Kanten, aber rund wie der Erdball. Jede Entscheidung, die ich je getroffen habe, liegt als Kissen unter mir und trägt dazu bei, dass ich vollkommen zufrieden bin.
Zufrieden. In Frieden.
Ende.

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