Perspektive
Aus Der DSFo.de Leitfaden
Die Perspektive oder der Blinkwinkel gibt die Sichtweise des Erzählers wieder, und dieser kann ein Außenstehender oder eine der agierenden Romanfiguren sein.
Im Englischen heißt die Perspektive des Erzählers Point of View oder kurz POV.
Inhaltsverzeichnis |
Die Ich-Perspektive
Die Ich-Perspektive erscheint die natürlichste aller Perspektiven zu sein. Der Ich-Erzähler gibt wieder, was er sieht, fühlt oder denkt. Durch die unmittelbare Nähe zum Erzähler ist sie am besten geeignet, intime Gedanken darzustellen.
Zu beachten ist, nicht das Tempo der Geschichte durch zu viele interne Gedanken und Details zu verlangsamen.
Wichtig: Bei Verwendung der Ich-Perspektive ist darauf zu achten, dass der Ich-Erzähler nicht von Dingen erzählen kann, von denen er nichts weiß. Er kann auch nicht die Gedanken anderer Personen wissen, höchstens Vermutungen darüber anstellen. Außerdem sind Formulierungen wie Meine blauen Augen blitzten sie an strenggenommen grenzwertig, da der Ich-Erzähler seine eigenen Augen ja nicht sieht. Hier ist es besser, andere Ausdrücke zu verwenden, um nicht den Eindruck zu erwecken, der Ich-Erzähler beobachte sich selbst von außen.
Die Er/Sie-Perspektive
Die gebräuchlichste Perspektive ist die aus der Sicht einer männlichen oder weiblichen Figur. Die Er/Sie-Perpektive oder auch Perspektive der dritten Person erlaubt das Zoomen in einen Charakter und das Herauszoomen.
Intime dritte Person
In der Form der tiefen oder intimen Perspektive wird dieselbe Intimität wie in der ersten Person, der Ich-Perspektive, erreicht. Der Leser kann an allen Gedanken der erzählenden Figur teilnehmen.
Beispiel
- Es klopfte an der Tür.
- Er wunderte sich, wer ihn noch so spät am Abend besuchen wollte. Eigentlich wollte er schon gehen. "Herein, aber schnell."
- Verblüfft studierte er ihre elegante Erscheinung. Sie trug ihren Kopf hoch. Er lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und legte die Hände zusammen. Autorität war wichtig in seinem Beruf.
- "Was kann ich für sie tun?", fragte er, sanfter, als er wollte.
Filmische Perspektive
Die filmische Perspektive ist das glatte Gegenteil der intimen dritten Person. Hier werden Aktionen und Beschreibungen vom Erzähler berichtet, aber keinerlei Gedanken und Gefühle mitgeteilt. Die Kunst ist es, durch Aktionen und Beschreibungen die Gefühlswahrnehmungen zu ersetzen.
Beispiel
- Es klopfte an der Tür.
- "Herein, aber schnell", knurrte er.
- Die Türe schwang auf und eine Dame stolzierte, den Kopf hoch erhoben, auf ihn zu. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Hände zusammen.
- "Was kann ich für Sie tun?", fragte er.
Exoten: Du und wir
Selten wird die Du- und die Wir-Perspektive gebraucht. Die zweite Person scheint sich direkt an den Leser zu wenden. Für eine ganze Novelle erscheint das Aufrechterhalten dieser Perspektive mühsam - für Leser und Autor.
Beispiel: du
- Du schlenderst über den Marktplatz und siehst all die bunten Marktstände, riechst das Obst und das Gemüse, und hörst die Anpreisungen der Händler. Eine Frau in einer grauen Schürze blickt dich an. Sie hält dir einen sattgrünen Salatkopf entgegen. "Nein, danke", sagst du.
Die Wir-Perpektive ist aufgrund ihrer Seltenheit ein Exot. Sie nimmt den Leser mit, aber wie die Du-Perspektive blockiert der Wir-Blickwinkel die Identifikation mit dem Erzähler und damit die Tiefe der Leseerfahrung.
Beispiel: wir
- Wir schlendern über den Marktplatz und sehen all die bunten Marktstände, riechen das Obst und das Gemüse, und hören die Anpreisungen der Händler. Eine Frau in einer grauen Schürze blickt uns an. Sie hält uns einen sattgrünen Salatkopf entgegen. Wir schütteln den Kopf und wenden uns den Eiern zu.
Multiple Perspektiven
Viele Bücher haben Blickwinkel verschiedener Erzähler. Am berühmtesten ist die allwissende Erzählweise (auktoriale Erzählweise). Der Erzähler ist ein Außenstehender, der in alle Köpfe sehen kann. Diese im englischen Sprachraum omniscient, also allsehend genannte Perspektive erlaubt vielen Figuren eine Stimme, verhindert aber die Identifikation mit der Leitfigur, da das Einzoomen in den Charakter erschwert wird.
Die allwissende Perspektive hat immer noch ihre Berechtigung, vor allem in Geschichten, in denen sehr viele gleichberechigte Charaktere an verschiedenen Orten zusammenwirken.
Allwissender Erzähler
Beispiel
- Elsa, Jörg und Nina saßen zusammen in der Wohnküche. Es regnete schon den ganzen Tag. Bald würde Elsa gehen müssen. Nina konnte zuhause bleiben und ihren freien Tag geniessen.
- "Das Wetter wird wieder grässlich", sagte Elsa, da sie Regen hasste.
- "So schlimm ist das bisschen Regen nicht." Jörg mochte Regen zwar auch nicht, aber er konnte es nicht lassen, Elsa zu ärgern.
- Nina lachte, da sie wusste, dass Jörg Elsa nur necken wollte.
Der Leser bekommt vom Autoren die Gefühle, Gedanken und Motivationen verschiedener Personen erzählt. Diese im neunzehnten Jahrhundert vorherrschende Perspektive wird heute nur noch selten eingesetzt, da sie genaue Kenntnis des Einflusses der Perspektive auf das Tempo voraussetzt und außerdem dazu verführt, zu viel zu erzählen, anstatt zu zeigen.
Multiple Ich-Perspektive
Diese Sonderform lässt zwei oder mehrere Erzähler in der Ich-Form sprechen. Die Herausforderung für den Autoren besteht darin, die beiden Stimmen unterschiedlich zu gestalten, so dass eine eindeutige Zuordnung möglich ist. Der Perspektivenwechsel muss per Kapitel gemacht werden oder anders deutlich gekennzeichnet sein, sonst wird die Verwirrungsgefahr für den Leser zu groß.
Multiple Er/Sie-Perspektive
Die multiple Erzählweise in der dritten Person wird gerne gewählt, um den Plot zu bereichern oder um wichtige Szenen darzustellen, an denen die Leitfigur nicht anwesend ist.
Die Anzahl der Perspektiven sollte möglichst gering gewählt werden, da zu viele intime Perspektiven den Leser vom eigentlichen Plot ablenken können.
Zoomen und Perspektivwechsel
Wechsel von Blickwinkeln verschiedener Personen sind am einfachsten kapitelweise zu bewerkstelligen. Dies erlaubt vor allem bei tiefen Einblick gebenden Perspektiven das Umstellen von einer Figur auf die andere. Wenn der Autor schnellere Wechsel braucht, sollte er zumindest erst nach einem Szenenwechsel umblenden, um Verwirrung beim Leser zu vermeiden. Das Headhopping - das Hüpfen von einem Kopf zum anderen - ist normalerweise zu vermeiden und auch nicht mit der allwissenden Perspektive zu verwechseln.

